Tennenbode
Es war kurz vor acht am Morgen des ersten Septembers und die nächtliche Kälte lag noch über der Stadt. Der hellblaue Himmel über uns versprach einen schönen Tag. Ich gähnte unterdrückt. Seit meinem Geburtstag schlief ich schlecht und die letzte Nacht war besonders schlimm gewesen. Der Morgen war schon angebrochen, als mir meine Grübeleien endlich Ruhe ließen und der Nachtwind mir eine schöne Erinnerung von meiner Familie schenkte. Insgesamt hatte ich kaum zwei Stunden geschlafen und sah dementsprechend müde aus. Selbst meine Haare hatte ich nur lustlos zu einem Zopf zusammengerafft. Fröstelnd saß ich mit meinem gepackten Koffer auf dem großen Parkplatz, der direkt am Massiv lag und wartete zusammen mit Liana auf die Dinge, die vor uns lagen. Wir waren die Ersten, doch lange mussten wir nicht warten.
Eine Limousine fuhr vor und ich stieß Liana an, die ebenso wie ich in eine warme Jacke gehüllt auf ihrem Koffer vor sich hindöste.
„Shirley ist ein Magier, das hätte ich nicht gedacht“, stellte ich mit hochgezogenen Augenbrauen fest.
„Na, hier wird ihr das Augenklimpern und das Geld ihrer Eltern hoffentlich nichts mehr nutzen. Meine Mutter hat gesagt, dass in Tennenbode Leistung zählt und Professor Espendorm ist bestimmt nicht so empfänglich für ihre Reize, wie es Herr Hauptmann gewesen war.“ Tatsächlich entstieg der Limousine Shirley Madden in einem kurzen lila Mantel, die Tür vom Chauffeur aufgehalten.
„Gibt’s hier eine kostenlose Vorstellung oder was glotzt ihr so?“, fuhr sie uns missmutig an, während sie darauf wartete, dass der Chauffeur ihr Gepäck auslud.
„Ich wünsche dir auch einen wunderschönen Guten Morgen.“ Ich überging ihren Kommentar. „Wir freuen uns nur so unglaublich, dass du hier bist“, setzte ich lächelnd hinzu. Shirley gab einen unverständlichen Laut von sich und nahm auf einem ihrer pinken Koffer Platz, während der Chauffeur höflich grüßte und vom Platz fuhr. Eigentlich sah sie ziemlich verloren aus ganz ohne ihre Hühnerschar.
Auf den Parkplatz bog ein rosa VW Scirocco ein. Als er nicht weit von uns parkte, staunte ich nicht schlecht, als ich am Steuer einen Jungen erkannte. Als er ausstieg, war mir der Zusammenhang schlagartig klar. Jede seiner weich fließenden Bewegungen sprach ganz deutlich aus, dass er andere Interessen hatte als der Durchschnittsjunge aus Schönefelde. Er trug eng geschnittene Jeans und dazu eine helle Lederjacke, deren Kragen er zum Schutz gegen die Kühle des Morgens hochgeschlagen hatte. Darunter blitzte ein Hemd mit Leopardendruck hervor. Bevor er zum Kofferraum ging, um sein Gepäck auszuladen, setzte er sich eine übergroße Sonnenbrille auf. Sein dunkles Haar war gefranst geschnitten und mit reichlich Gel in Form gebracht. Ich stieß Liana an und grinste. Auch sie hatte gebannt zugeschaut. Mit zwei Koffern und einem Rucksack bepackt, alles farblich in beigem Leder aufeinander abgestimmt, kam er direkt auf uns zu. Er stellte sein Gepäck neben unseres und schob die Sonnenbrille in seine Haare hinauf.
„Guten Morgen, Lorenz Silver mein Name.“ Seine Stimme war weich und angenehm. Er war mir sofort sympathisch.
„Hi, ich bin Selma und das ist Liana, freut mich.“
„Süße, du hast tolle Haare. Was dir fehlt ist ein ordentlicher Schnitt und etwas mehr Pflege. Sorry, ich kann nicht aus meiner Haut, ich bin Friseur“, legte er los. Ich grinste ihn an. Lorenz Silver und seine offene, herzensgute Art waren genau das Richtige, um mich von meinen trüben Gedanken abzulenken.
„Was macht ein Friseur in Tennenbode?“, fragte Liana interessiert.
„Man sollte sich im Leben nicht allzu zeitig festlegen, honey, ich habe viele Talente und weißt du, was erst losgeht, wenn ich meine Talente kombiniere und wie viele Magier entscheiden sich schon für eine Laufbahn als Friseur. Gib zu, du warst bisher auch nur bei einem nichtmagischen Friseur.“ Ich nickte und stellte fest, dass ich mir über diese Dinge bisher noch gar keine Gedanken gemacht hatte. „Ich plane da eine ganz neue Geschäftsidee“, fuhr Lorenz begeistert fort. „Wenn ich die Elemente beherrsche, kann ich Haare noch schneller stylen als bisher. Waschen, Föhnen in Sekundenschnelle, als Herr der Elemente ist das kein Problem, na und außerdem wollte ich meinem Herrn Vater einen Gefallen tun und noch etwas Ordentliches lernen. Mit meiner Lehre als Friseur war er nämlich nicht wirklich glücklich. Er hat wahrscheinlich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass aus mir noch einmal ein normaler Mann wird“, seufzte er theatralisch. Ich schaute Lorenz Silver an. Sein androgynes Aussehen, seine Art zu reden und zu gestikulieren, sprachen ein deutliches Zeugnis dafür, dass die Hoffnung von Lorenz Vater definitiv vergebens war.
„Wer ist denn dieses fashion victim da drüben?“, fragte er mit einem Kopfnicken zu Shirley, die gerade ihre Beine mit den hohen Absatzstiefeln elegant übereinander schlug.
„Das ist Shirley Madden, selbst ernannte Modekönigin der Schönefelder High Society.“ Ich kicherte vergnügt.
„Sie hat wohl den Absatz nicht gelesen, dass das Gepäck auf maximal zwei Koffer und einen Rucksack zu reduzieren ist.“ Lorenz runzelte missmutig die Stirn. „Ich gebe zu, dass war für mich eine radikale Herausforderung und fünf meiner schönsten Outfits musste ich zu Hause im Schrank lassen, aber besser das, als alles allein den Berg bis nach oben zu schleppen“, fügte er kopfschüttelnd hinzu, während er mit den Fingern, den perfekten Sitz seiner Sonnenbrille kontrollierte. Ich genoss seinen Redeschwall. Er lenkte mich völlig von meinen Problemen ab.
„Wie bitte?“ Liana schnappte neben mir nach Luft. „Wir müssen alles alleine bis nach oben schleppen?“
„Na, da bin ich aber froh, dass ich alles in einen Koffer gequetscht habe“, fügte ich hinzu. Ehrlich gesagt, hatte ich gar nicht so viele Kleidungsstücke, um damit mehrere Koffer zu füllen. Die Hälfte des Koffers nahmen allein schon die zwei dicken Wälzer über die magische Gesellschaft ein, die ich eingepackt hatte.
„Süße, mir ist es ein Rätsel, wie du es geschafft hast mit nur einem Koffer auszukommen, mit deinen Haaren, da kann man doch so viel kombinieren. Na, vielleicht leih ich dir mal was aus. Ich hab da ein moosgrünes Hängerchen, das ist der absolute Brüller zu deinen Haaren“, schwärmte Lorenz laut, während er meine Haare wieder fachmännisch begutachtete.
„Hängerchen? Klingt toll!“, antwortete ich zögernd. Hupend fuhr ein Linienbus auf den Parkplatz und wendete, bevor er hielt. Unter lautem Gemurmel und Gelächter stieg eine ganze Gruppe von Studenten aus und drängelte sich vor dem Gepäckfach des Busses. Mittlerweile waren auch die restlichen Schönefelder Studenten eingetroffen, die ich noch aus der Schule kannte. Trotz des ganzen Trubels, der jetzt ausbrach, konnte ich doch das mir wohlbekannte Geräusch eines kleinen, schwarzen Sportwagens heraushören, der am anderen Ende des Parkplatzes hielt. Mein Herz raste vor Aufregung und ich vermied es hinüber zu starren. Adam hatte sein Wort gehalten, ich hatte ihn seit meinem Geburtstag nicht mehr gesehen. Selbst am nächtlichen Himmel hatte ich ihn nicht mehr entdeckt, obwohl ich jede Nacht nach ihm gesucht hatte. Sein Entschluss sich von mir fernzuhalten, schien festzustehen, aber ab heute würde alles anders werden, denn ab heute würden wir uns jeden Tag sehen.
Torin, der mit seinen blonden Haaren einen totalen Gegensatz zu Adams dunkler Erscheinung bildete, saß am Steuer des Porsches und wartete, während ich aus den Augenwinkeln beobachtete, wie Adam ausstieg und seinen Koffer aus dem Kofferraum nahm. Das schmerzhaft süße Beben in meinem Bauch meldete sich sofort. Ich schluckte und versuchte ruhig weiter zu atmen und mich davon abzuhalten, über den Parkplatz zu rennen und Adam in die Arme zu fallen. Als er über den Platz schritt, fuhr Torin mit laut aufbrüllendem Motor und quietschenden Reifen davon. Ich bemühte mich, der Unterhaltung von Liana und Lorenz zu folgen, die gerade über Haarverlängerungen sprachen, aber mein Blick hing an Adams breiten Schultern. Das fiel glücklicherweise nicht auf, weil ihn alle Mädchen anstarrten. Ich wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn er mich sah. Vor allem wusste ich nicht, ob ich es schaffen würde, die Fassung zu wahren und so zu tun, als ob wir uns kaum kannten. In mir brannte alles, vor Wut, Verzweiflung, vor Sehnsucht und Liebe. Doch Adam machte es mir leicht. Er blickte geradeaus und schien weder mich noch irgendein anderes Mädchen wahrzunehmen. Mit eleganten und kraftvollen Bewegungen schritt er zu der wartenden Gruppe hinüber. Das dunkelhaarige Mädchen neben mir, dessen eigentlich recht hübsches Gesicht von einer langen Nase verunziert wurde, tuschelte soeben ihren drei Freundinnen etwas ins Ohr. Obwohl ich es nicht hören wollte, wusste ich nun, dass sie soeben beschlossen hatte, dass der attraktive Unbekannte ihre neueste Errungenschaft werden sollte. Mein Magen fühlte sich plötzlich wie ein Eisklumpen an.
„Alles klar, Süße? Du siehst aus, als hättest du grad ein Gespenst gesehen.“ Lorenz Stimme riss mich aus meinem trübsinnigen Starren.
„Ja, Ja, geht schon, ich bin nur ein bisschen aufgeregt“, versuchte ich schnell zu sagen. Lorenz musterte mich mit dem wissenden Blick eines Menschenkenners und nickte nur, während er versuchte aus meinem Gesichtsausdruck schlau zu werden. Ich riss mich zu einem Lächeln auf, doch innerlich stöhnte ich gequält. Dieser Tag würde unendlich lang werden.
Ich wurde erlöst, weil es um uns herum schlagartig ruhig wurde. Ich sah Professor Espendorm vor uns stehen, die aus einem mir bis dahin verborgen gebliebenem Tor herausgetreten war. Sie war eine große, elegante Frau Ende fünfzig. Genau wie Adams Mutter trug sie ihre grau melierten Haare zu einer komplizierten Frisur hochgesteckt. Sie war keine wirkliche Schönheit, dafür waren ihre Gesichtszüge zu grob, aber ihre Augen strahlten weise und freundlich. Das verhaltene Schlagen der Kirchenglocken erinnerte mich daran, dass es acht Uhr war. Ein paar Tauben flogen gurrend von einem Felsvorsprung auf, während sich das Grüppchen von etwa fünfzig Studenten um Professor Espendorm sammelte.
„Guten Morgen, liebe Erstsemester.“ Ihre Stimme erreichte mit ihrem tiefen Klang auch den letzten Zuhörer, sie musste nicht laut sprechen. „Es ist mir eine besondere Freude, sie in Schönefelde begrüßen zu können. Darf ich sie bitten, mir zu folgen.“
Alle setzten sich tuschelnd in Bewegung und folgten Professor Espendorm, die wieder in dem dunklen Tor verschwunden war. Ich hielt mich dicht an Liana und Lorenz und mit unseren Koffern beladen, verschwanden wir im Massiv. Wir liefen durch einen Tunnel, der sich bald zu einer steinernen Plattform öffnete. Das Tennenboder Massiv war hohl und an dem Raunen um mich herum merkte ich, dass ich nicht die einzige zu sein schien, für die das eine Neuigkeit war.
Am Rande des Felsens führte eine breite Treppe nach oben und nach unten, die gelegentlich von einer Plattform unterbrochen war, wie die, auf der wir gerade standen. Ich sah nach oben und weit über mir konnte ich den Himmel erkennen, der immer noch hellblau schimmerte. Kichernd drängten sich alle auf der engen Plattform, die genauso wie die Treppe von einem geschwungenen Geländer eingefasst war. Ich lehnte mich daran und sah in das endlose Dunkel hinab, in dem die Treppe verschwand. Professor Espendorm stellte sich einige Stufen über uns.
„In einer Stunde erwarte ich sie alle im Ostsaal zum Frühstück. Bitte seien sie pünktlich!“ Mitten im Stöhnen, dass aus der Menge drang, die sich angesichts der vor ihr liegenden Schinderei beschwerte, spannte Professor Espendorm ihre grauen Flügel auf und hob elegant ab. In formschönen Kreisen flog sie hinauf, dem Sonnenlicht entgegen und ließ uns mit unserem Gepäck auf der Plattform stehen. Ich stöhnte, packte meinen Koffer fester und setzte mich mit den anderen in Bewegung.
„Na los!“, rief ich Lina zu, die immer noch wie angewurzelt an derselben Stelle stand. „Ich habe noch nichts gefrühstückt außer einem Kaffee.“ Sie nickte und stapfte los, während uns ein munterer Lorenz unterhielt.
Die Gruppe zog sich immer weiter auseinander. Die Sportler oder die mit dem leichteren Gepäck kamen schneller voran, während andere zurückfielen. Adam lief plötzlich an uns vorbei und grüßte mich höflich. So wie man jemanden grüßte, den man flüchtig kannte. Mein Herz riss schmerzhaft in meiner Brust und ich starrte ihm entgeistert nach. Es gab keine Hoffnung, warum machte ich mir etwas vor?
„Was für ein Schnuckelchen, den würd ich auch nehmen“, kommentierte Lorenz Adams Anblick von hinten.
Ich war erst sprachlos und prustete dann ungehalten los. „Lorenz, du bist Klasse. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich vermute, dass du bei Adam keine Chancen haben wirst.“
„Das sagst du nur, weil du ihn haben willst“, murrte Lorenz, während er kurz anhielt, um zu verschnaufen. Ich sah betreten nach unten, um seinem prüfenden Blick auszuweichen und erblickte Shirley.
„Ist das nicht eure Schönheitsqueen da unten?“, fragte Lorenz, der meinem Blick gefolgt war. Sie war erst auf der Hälfte der Strecke und von oben konnte man gut sehen, dass sie sich bereits unterwegs von ein paar pinken Gepäckstücken getrennt hatte. Trotzdem trug sie in jeder Hand noch einen schweren Koffer und auf dem Rücken eine riesige Umhängetasche.
„Sollen wir ihr helfen?“, fragte ich.
„Beim Koffer tragen oder in modischen Fragen?“, unkte Lorenz. Ich verdrehte die Augen, setzte meinen Koffer ab und lief die Treppe wieder hinab.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich, als ich bei Shirley angelangt war. Sie war verschwitzt und schnaufte. Ihr sorgsam gestyltes Haar war durcheinander gekommen. Sie sah mich überrascht an und ich spürte, wie sie prüfte, ob sie dem Ernst meiner Frage trauen konnte. Schließlich nickte sie. Plötzlich standen Lorenz und Liana hinter mir und gemeinsam halfen wir, Shirleys Gepäck nach oben zu befördern.
Wir waren die Letzten, die an der oberen Plattform ankamen und an die Oberfläche stiegen, direkt hinein in einen riesigen, parkähnlichen Innenhof, der von einem gigantischen Gebäude umgeben war. Ich drehte mich staunend einmal im Kreis, um das Ausmaß zu begreifen. Soweit ich erkennen konnte, gab es fünf hohe Türme, die durch Gebäude miteinander verbunden waren. Eines davon hatte ein riesiges Eingangstor und war größer als die anderen. Es schien das Hauptgebäude zu sein. Das ungewöhnlichste an diesem Gebäude war jedoch seine Form und Farbe. Es schien hier keine rechten Winkel zu geben und keine geraden Flächen. Balkone und Erker schmiegten sich wie Schwalbennester an runde Wände. Es gab riesige gebogene Fenster, manchmal wie Bullaugen, dann wieder wie lange Seifenblasen. Das helle Sonnenlicht wurde von den zitronengelben Mauern zurückgeworfen.
„Das ist Tennenbode?“ Beeindruckt starrte ich noch immer das surrealistische Bühnenbild an, das mich umgab.
„Extrem schick!“ Lorenz war begeistert.
„Naja, mir ist es etwas zu abgedreht“, meinte Liana. „Das war Konstantin Kronworth.“
„Wer?“, fragte ich.
„Hast du heute Morgen den „Korona Chronikle“ nicht gelesen?“, fragte Liana vorwurfsvoll. Ich schüttelte den Kopf. Heute Morgen war ich viel zu müde gewesen, um Buchstaben entziffern zu können.
„Konstantin Kronworth ist der angesagteste Künstler der Vereinten Magischen Union und Tennenbode ist schon seit Jahren eines seiner berühmtesten Kunstobjekte. Er verändert regelmäßig die Farben und auch die Formen der Fassade. Die letzten Wochen bestand Tennenbode praktisch nur aus regenbogenfarben Quadraten.“
„Der Mann ist ein Genie, ein Gott, ein wahrer Künstler.“ Lorenz drehte sich um seine eigene Achse.
Mein Magen knurrte hörbar und Kunst hin oder her, es wurde Zeit fürs Frühstück. Wir folgten den anderen zum Hauptgebäude und traten durch das riesige steinerne Portal, das aus ineinander gewundenen Drachen bestand, in deren Mäulern eine Art Pinguin steckte, vermutlich Wingtäubel. In der imposanten Eingangshalle, die wir nun betraten und die die Maße einer Bahnhofshalle hatte, sah alles normal aus. Offensichtlich durfte Konstantin Kronworth nur die Außenfassade gestalten. Groß, hell und luftig wölbte sich der Raum nach oben. Das einzig seltsame war die schiere Unmenge an nummerierten Türen, die die Wände säumten. Ich fragte mich, wohin man mit ihnen reisen konnte, während ich meine Koffer neben den bunten Haufen Gepäck stellte. Der pinke Koffer, den ich für Shirley getragen hatte, hatte Blasen in meiner Hand hinterlassen.
„Hast du Ziegelsteine mitgebracht?“, fragte ich scherzhaft in Shirleys Richtung, während ich meine Hand ausschüttelte, um den Blutfluss wieder in Gang zu bringen. Als keine Antwort kam, wandte ich mich um und sah sie zusammengesunken auf ihrem Koffer sitzen. Ihr Gesicht hatte sie mit den Händen bedeckt.
„Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?“, fragte Liana besorgt und hockte sich neben Shirley auf den steinernen Fußboden.
„Sie hat sich bestimmt überanstrengt bei der Schufterei. Das ist ja auch echt eine Zumutung bis hier hoch zu Fuß zu gehen. Warte mal, Schätzchen, ich hab eine Flasche Wasser dabei. Trink einen Schluck und dann geht’s dir Rucki Zucki wieder gut.“ Lorenz nahm aus seinem Rucksack eine Flasche und reichte sie Shirley. Doch sie reagierte nicht und als ich näher kam, sah ich Tränen zwischen ihren Fingern hervorquellen.
„Kann ich dir helfen?“, fragte ich. Shirley nahm langsam die Hände von ihrem Gesicht. Die Tränen hatten ihr Make-up aufgelöst, das sich nun in bunten Flecken über ihr Gesicht verteilte. Wut blitzte aus ihren schwarz umrandeten Augen.
„Ich muss doch nicht jedem mein Seelenleben vor die Füße kotzen, dafür bezahlen mir meine Eltern schließlich einen Therapeuten“, zischte sie.
„Hey, ich wollte dir nur helfen“, konterte ich. „Aber gut, wenn du keine Hilfe brauchst, gehe ich. Ein Dankeschön für die Schufterei wäre aber das Mindeste. Ohne uns würdest du immer noch da unten stehen.“
„Ja, stimmt“, schluchzte Shirley wütend. „Hier nimm! Willst du hundert Euro oder zweihundert?“ Unter einem weiteren Schluchzer schmiss sie mir ein paar Scheine vor die Füße.
„Ich glaube, du bist total durchgeknallt“, flüsterte ich entsetzt. „Sammle dein Geld wieder ein. Ich will es nicht.“ Ich drehte mich um und folgte Liana und Lorenz, die schon vorgegangen waren, bis mich wieder mein hinterlistiges Mitleid packte. Auch wenn Shirley total neben der Spur war, konnte ich sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Ich ging wieder zurück und sah sie streng an.
„Steh auf, wir haben noch dreieinhalb Minuten, um pünktlich zum Frühstück zu erscheinen und wegen dir habe ich keine Lust, mir schon am ersten Tag Ärger einzuhandeln. Also, heb jetzt deinen Designer-Arsch und komm mit!“, schrie ich sie entschlossen an und zog sie hoch. Zu meinem Erstaunen wehrte sie sich nicht, sondern folgte mir protestlos. An der Türschwelle der breiten Holztüren hielt ich inne und reichte Shirley ein Taschentuch.
„Wisch besser dein Gesicht ab, so kannst du nicht unter Leute gehen“, ordnete ich an. Shirley folgte widerspruchslos meinen Anweisungen und entfernte die gröbsten Spuren ihres verwischten Make-ups. Ich stieß die Tür auf und betrat den Ostsaal. Sofort spürte ich die neugierigen Blicke, die uns folgten, während ich mit Shirley im Schlepptau zu den nächstgelegenen freien Stühlen hastete, die an einem runden Tisch standen.
„Wunderbar!“, tönte Professor Espendorms Stimme durch den Raum. „Shirley Madden und Selma Caspari haben den Aufstieg auch endlich geschafft. Da wir jetzt endlich komplett sind, können wir beginnen.“
Super, ich hatte mir schon am ersten Tag den Ruf erworben, unpünktlich zu sein. Wenn mir jetzt noch einer „Rotfuchs“ nachrief, würde ich mich glatt wieder wie in der Schule fühlen.
„Die magische Ausbildung wird ihnen viel abverlangen. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnung und Fleiß sind die Tugenden, die sie sicher durch das Studium bringen werden. In Tennenbode legen wir viel Wert auf die körperliche Leistungsfähigkeit und die gesunde Ernährung unserer Studenten, denn wie schon die Magier der ersten Stunde wussten: Mens sana in corpore sano – in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist. Tägliches Training und ein ausgewogener Speiseplan werden deshalb zur Grundlage ihres Alltags hier in Tennenbode gehören.“ Ihre Worte wurden von missmutigem Gemurmel begleitet. Ich schüttelte ebenfalls verwundert den Kopf. Ich wollte hier studieren und keine Militärakademie besuchen. „Es wird für einige sicherlich eine Umstellung, aber sie werden sich schnell an ihren neuen Tagesablauf gewöhnen“, kommentierte Professor Espendorm den verhaltenen Protest gelassen. „Die magische Kraft hat ihre Grundlage in der Kraft des Geistes und der Konzentrationsfähigkeit, die jeder Einzelne aufbringt. Wenn sie selber nicht im Gleichgewicht sind, wird es ihnen schwer fallen, alle Übungen zu absolvieren und gute Ergebnisse zu erreichen. Für die meisten von ihnen ist der Eintritt in die magische Welt etwas völlig Neues und deswegen nehmen wir uns für die Erstsemester extra einen Monat Zeit, um sie mit den wichtigsten Grundlagen für ihr weiteres Studium vertraut zu machen. Ganz besonders freue ich mich, dass wieder ein Student der Familie Torrel bei uns ist.“ Professor Espendorm lächelte wohlwollend zu Adam hinüber, dem die Aufmerksamkeit sichtlich unangenehm war. Er nickte kurz Professor Espendorm zu, während sich alle nach ihm umdrehten.
Besonders die Augen der Mädchen hingen etliche Sekunde länger an Adam, als es die Höflichkeit des Augenblickes erlaubt hätte. „Nach unserem gemeinsamen Frühstück werden sie ihre Unterkünfte beziehen und sich mit der Festungsanlage vertraut machen. Die Festung Tennenbode hat eine jahrtausende alte Tradition. Viele große Magier haben hier ihre Ausbildung absolviert und ihre Spuren hinterlassen. Seien sie neugierig, seien sie wissbegierig! Aus der Geschichte von Tennenbode können sie viel lernen. Nun halte ich sie nicht länger von ihrem Frühstück ab und wünsche Guten Appetit.“ Damit klatschte sie drei Mal in ihre Hände und die seitlichen Flügeltüren öffneten sich. Hinein kamen etwa zehn muskelbepackte Hünen, aus deren dichten, blauschwarzen Haaren jeweils ein Paar elfenbeinfarbene Hörner herausragten. Trotz ihrer Größe und der Massigkeit ihrer Körper trugen sie mit spielerischer Eleganz schwere Platten, von denen sie auf jeden der Tische eine stellten.
„Oh mein Gott, ein Faun“, flüsterte ein blasses Mädchen mit mausgrauen, kurzen Haaren aufgeregt neben mir. „Es gibt sie wirklich. Oma hat mir erzählt, dass sie hier in Tennenbode arbeiten, aber ich konnte es nicht glauben. Irre!“, teilte sie ihrer Sitznachbarin mit, einem ebenso unscheinbaren Mädchen. Ich lehnte mich zu ihr hinüber und erkannte, dass sich die Mädchen nicht nur ähnlich sahen, sondern sich zum Verwechseln glichen.
„Hallo, ich bin Selma Caspari. Was hast du gerade gesagt? Was sind das für Wesen?“
„Hi, ich bin Dulcia Donna und das ist meine Schwester Cecilia“, sagte das mausgraue Mädchen und zeigte auf ihre Sitznachbarin. „Das sind Faun, sie leben normalerweise in Wäldern, da fühlen sie sich eigentlich am wohlsten“, raunte sie mir zu.
„Woher weißt du das?“, fragte ich erstaunt.
„Naja, eigentlich dürfte ich das alles noch nicht wissen, aber unsere Großmutter ist schon ziemlich alt und die Sache mit dem Eid nimmt sie nicht mehr so genau. Letztes Weihnachten hat sie mir das hier zugesteckt.“ Dulcia griff in ihre Umhängetasche und holte ein abgegriffenes, kleines Buch heraus. Ich wünschte meine Großmutter hatte das Thema so locker gesehen wie die von Dulcia.
„Das ist das Lexikon der magischen Begriffe. Daraus haben wir das Meiste gelernt, nicht wahr, Cecilia? Weißt du schon von den Drachen?“, fragte sie mit weit aufgerissen Augen.
„Von denen hab ich schon gehört. Die sollen wohl ganz nett sein“, sagte ich und griff gedankenverloren nach einem grünen Apfel. Gerade, als ich hineinbeißen wollte, bewegte sich das Ding in meiner Hand und versuchte, sich windend aus meinem Griff zu befreien. Mit einem erschrockenen Laut ließ ich die Frucht auf den Tisch fallen, wo sie reglos liegenblieb. Der Tumult an den Nachbartischen ließ vermuten, dass ich nicht die Einzige war, die sich erschrocken hatten, als ihr Frühstück flüchten wollte. Dulcia lachte fröhlich, als sie meine Miene sah.
„Das sind Quitschen. Früchte mit Fluchtmechanismus in der Schale. Du musst sie nur am Stengel hochnehmen, dann kräftig zupacken und schnell aufbrechen.“ Ich sah ihr zu, wie sie mit geschickten Händen die sich wehrende Frucht überwältigte und in der Mitte mit einem lauten Schmatzen aufbrach.
„So und jetzt kannst du sie ganz bequem auslöffeln.“ Dulcia griff mit einer Hand nach einem Löffel und mit der anderen schlug sie in ihrem Lexikon nach. „Quitschen sind eine echte Notfallnahrung. Das gelbe Fruchtfleisch ist sehr sättigend, nahrhaft, vitamin- und eiweißreich. Die schwarzen Samen sind besonders wertvoll, sie enthalten ein hochwertiges Öl. Ein Magier kann sich bei Bedarf bis zu drei Monate ausschließlich von Quitschen ernähren, ohne nennenswerte Leistungseinbußen befürchten zu müssen. Der Baum wächst in tropischen Gefilden und kann ganzjährig Früchte tragen.“ Dulcia zitierte mit Begeisterung aus ihrem Lexikon, das sie vor sich aufgestellt hatte. Ich wagte einen weiteren Angriff auf das widerspenstige Obst und tatsächlich gelang es mir diesmal, meine Quitsche zu öffnen.
Nach der vierten honigsüßen Frucht lehnte ich mich mit einem angenehmen Völlegefühl zurück und beobachtete Professor Espendorm, die schweigend das Schauspiel der kichernden und ihren Quitschen hinter herjagenden Studenten betrachtete und sich innerlich Notizen zu machen schien. Schließlich klatschte sie erneut in die Hände und eine winzige, rundliche Dame trat zu ihr, deren glattes, schwarzes Haar in der Morgensonne rötlich schimmerte.
„Unsere Haushälterin Madame Villourie ist die gute Seele von Tennenbode und wird ihnen alle Räume zeigen und alle für sie wichtigen Dinge erläutern. Wir sehen uns um zwölf Uhr zum Mittagessen in der Südhalle wieder.“ Mit diesen Worten nahm Professor Espendorm wieder Platz und alle Blicke richteten sich auf die kleine Madame Villourie.
„Guten Morgen, willkommen auf Tennenbode. Bitte folgen sie mir!“, piepste sie und trippelte los. Während alle aufstanden und den Raum verließen, sah ich mich möglichst unauffällig nach Adam um. Er wollte sich dem Rundgang offenbar nicht anschließen, sondern war zu Professor Espendorm gegangen, die ihn lächelnd begrüßte. Ich warf ihm einen langen Blick zu, doch er sah nicht zu mir hinüber. Ein seltsames Gefühl von Zerrissenheit überkam mich. Ich wandte mich schnell ab, bevor meine Füße mich zu Adam trugen, obwohl sie es nicht durften.
Für ihre Größe war Madame Villourie erstaunlich schnell und wir hatten Mühe ihr zu folgen, als sie uns durch die wichtigsten Räume führte. Ich versuchte, mir so viel wie möglich von dem zu merken, was sie darüber erzählte, wo es Mittagessen, den Nachmittagstee und das Abendessen gab. Als Nächstes betraten wir einen Vorlesungsraum. Er wirkte leer und unbewohnt. Spinnweben hingen an den Fenstern wie graue Gardinen und eine Staubschicht lag auf den Lehnen der hölzernen Stühle.
„Die Vorlesungssäle werden schon seit langem nicht mehr genutzt. Sie sind für die Studenten in Tennenbode ein Ort der Erinnerung geworden.“ Eine kalte Stille senkte sich über unser Grüppchen. Betreten sah ich Liana und Lorenz an, die ebenso wie ich die Stühle musterten. „Jeder Stuhl wird für eines der Mädchen freigehalten, die entführt wurden. Auf jedem Stuhl steht ein Name, der uns an die erinnert, die heute nicht bei uns sein können.“ Madame Villourie schritt durch den Vorlesungsaal und wir folgten ihr schweigend. Unter dem dichten Staub konnte ich Namen erkennen. Jolanda Müller, Karina Loppen, Francis Henning, es ging endlos weiter. Ich konnte sie nicht mehr lesen. Tränen traten mir in die Augen, als ich begriff, welche Schicksale hinter jedem Namen steckten. „Wo einst Vorlesungen stattfanden, sind heute 1437 Stühle für Erinnerungen belegt. Das soll sie ermahnen, sich der Gefahr, in der wir leben, ständig bewusst zu sein. Ihr Name soll nicht auch noch hier stehen.“ Schweigend verließen wir den Vorlesungssaal und Madame Villourie führte uns in den nächsten, solange, bis wir alle leeren Plätze besichtigt hatten. Mein Herz war nur noch ein eisiger Klumpen und ich fühlte mich wie auf einem Friedhof. Endlich kamen wir wieder in der Eingangshalle an und ich atmete auf.
„Da die Vorlesungsräume nicht mehr genutzt werden, finden die Vorlesungen an anderer Stelle statt.“ Madame Villourie zeigte mit einer ausladenden Geste auf die umliegenden Türen. Jetzt ergab es einen Sinn. Wir reisten für die Vorlesungen einfach an andere Orte. „Mit ihren Stundenplänen erhalten sie am 1. Oktober auch ein Verzeichnis der Räume, die sie benutzen dürfen. Halten sie dazu bitte immer ihre Ausweise bereit, nur mit diesen können sie durch die Türen reisen.“ Madame Villourie ging weiter zu einer Treppe, die in die oberen Etagen führte. „Bitte folgen sie mir zu den Unterkünften!“ Der Tross setzte sich in Bewegung. Mir schmerzten schon die Oberschenkel von den vielen Treppen, die wir zurückgelegt hatten, als Madame Villourie endlich stehenblieb.
„Die Unterkünfte unserer Studenten liegen in den fünf Türmen“, schallte ihre Stimme hoch über unsere Köpfe hinweg. „Sie haben ihre Zimmer in diesem Turm, der nächste Jahrgang im nebenliegenden Turm und so weiter. Jeder Turm reicht zehn Etagen nach oben und in jeder Etage wohnen fünf Studenten. Hier im Erdgeschoss befindet sich ein Gemeinschaftsraum, in dem sie sich treffen können.“ Damit öffnete sie eine weite Flügeltür und wir traten in einen großen, gemütlichen Raum ein, der rundherum mit Fenstern verglast war, die viel Licht aus allen Himmelsrichtungen hereinließen und den Blick über das Land freigaben. Außerhalb der Mauern von Tennenbode war die Burganlage von Bäumen umgeben, bis das riesige Massiv steil abfiel. Der Blick nach unten war bestimmt berauschend. „Ihr Gepäck wurde schon von den Faun nach oben gebracht“, sagte Madame Villourie und trat zwischen die bunten Sofas und Sessel, die den Charme eines hippen Clubs verströmten und neben denen unser Gepäck fehl am Platz wirkte. „Die Nachtruhe beginnt zehn Uhr abends, dann hat jeder in seinem Zimmer zu sein.“ Ärgerliches Murren folgte ihren Worten.
„Um zehn geht der Abend doch erst los“, rief ein großer Junge mit braunem Haar, den ich noch aus der Schule kannte und der, soweit ich mich erinnern konnte, Thomas Kekule hieß.
„Glauben sie mir, sie werden dankbar sein, wenn sie sich um zehn Uhr ins Bett legen dürfen“, lächelte Madame Villourie vielversprechend. „Nicht vergessen, pünktlich zwölf Uhr gibt es Mittagessen in der Südhalle“, rief sie uns über die Schulter zu, während sie mit trippelnden Schritten durch die Flügeltür verschwand. Ich schielte auf die große Wanduhr. Wir hatten kaum noch eine Stunde Zeit und dieses Mal wollte ich nicht zu spät kommen.
Ich fand Liana in dem Getümmel, schnappte mir meinen Koffer und stieg mit ihr und Lorenz, der uns schnell folgte bis in die letzte Etage hinauf. Ich wollte das Zimmer mit dem besten Blick. Als ich die Tür zur Etage öffnete und durch einen schmalen Gang in ein großes, helles Zimmer trat, staunte ich. Es war gemütlich eingerichtet, drei Sessel und ein breites Sofa waren vor einem offenen Kamin gruppiert. Von dem riesigen runden Raum gingen sechs Türen ab.
„Oh, sieh mal, wie schön die Zimmer sind. Hier schlafe ich“, hörte ich Lianas Stimme begeistert aus einem der Zimmer.
„Das ist meins!“, tönte Lorenz Stimme von nebenan.
Ich trat ebenfalls in eines der Zimmer und sah mich um. Ich hatte schon mit Etagenbetten in zugigen Gemeinschaftsunterkünften gerechnet, aber ich hatte mein eigenes Zimmer und es war ebenso gemütlich wie das Studierzimmer eingerichtet, das wir gemeinsam benutzen würden. Auf dem steinernen Boden lag dicker, dunkler Teppich und es war behaglich warm im Raum. Ich stellte meinen Koffer neben einem riesigen Schrank ab und ließ mich zufrieden auf das große Bett fallen.
„Hast du das Bad gesehen?“, hörte ich Lorenz Stimme von nebenan.
„Schön groß“, antwortete Liana begeistert.
„Das ist doch nicht groß, honey, das geht grad so. Ich brauche übrigens jeden Morgen mindestens eine Stunde, bis ich fertig bin“, sagte Lorenz todernst.
„Da musst du halt zeitig aufstehen“, hallte Lianas Stimme durch die offene Tür. Ich schloss einen Moment lang die Augen und döste vor mich hin, während Liana und Lorenz die jedem zustehende Dauer der morgendlichen Badbenutzung ausdiskutierten. Ich musste kurz eingedöst sein, denn Lianas Rufen weckte mich unsanft. Missmutig befreite ich mich aus den Fesseln meines Traumes. Er hätte mich nie küssen dürfen! Wie konnte er mir das antun? Mich in das Paradies eintreten zu lassen, um mir gleich danach die Tür wieder vor der Nase zuzuschlagen. Mühsam erhob ich mich und trat in das große Studierzimmer.
„Da bist du ja endlich, Selma. Alles in Ordnung bei dir, du hast ja ganz rote Wangen. Wirst du krank?“, fragte mich Liana besorgt, während sie mich hinter sich herzog.
„Nein, Nein, alles in Ordnung. Ich bin nur kurz eingedöst“, beschwichtigte ich sie.
„Ach so, komm mal und sieh dir das an.“ Sie öffnete eine Tür, die nur angelehnt war und da saß Shirley in ihrem kurzen lila Mantel auf dem Bett. Die Absatzschuhe hatte sie ausgezogen und in eine Ecke geworfen. Sie hatte nur einen ihrer vielen Koffer bis in die zehnte Etage geschleppt. Jetzt saß sie versunken auf ihrem Bett und massierte sich ihre Füße.
„Alles klar?“, fragte ich vorsichtig.
„Ja“, antwortete Shirley, ohne aufzusehen.
„Hast du schon gesehen, wer in das letzte freie Zimmer gezogen ist?“, flüsterte Lorenz aufgeregt hinter mir.
„Nein, aber so wie du aussiehst, muss es ein Popstar sein“, erwiderte ich.
„Genauso ist es.“ Lorenz riss die Augen auf. „Es ist Adam Torrel, der Held der Schwarzen Garde, das ist eigentlich fast noch besser als ein Popstar.“ Während Lorenz begeistert die Arme in die Luft warf, wich mir die Farbe aus dem Gesicht. Nein, das durfte nicht sein. Wollte er mich quälen?
„Freust du dich gar nicht?“, fragte Lorenz.
„Ist mir egal“, murmelte ich schwach. Ich würde es nicht ertragen, mit Adam zusammenzuwohnen. Wie sollte das funktionieren, ohne dass mein Herz mehrmals am Tag zerbrochen wurde wie eine Haselnuss unter einem Elefantenfuß?
„Jetzt tu nicht so desinteressiert. Ich habe schon gemerkt, dass du ihn magst, da hab ich einen Blick dafür, Süße. Vielleicht ist es aber noch nicht zu spät und ich kann das Herz des dunklen Recken für mich gewinnen. Ich geh mich gleich mal vorstellen.“ Mit diesen Worten steuerte Lorenz zielstrebig auf das Zimmer neben meinem zu. Bevor ich ihn aufhalten konnte, klopfte er schon gegen die Tür. Es war tatsächlich Adam, der öffnete und trotzdem ich wusste, dass es eine unendliche Qual werden würde, ihn ständig in meiner Nähe zu haben, ohne wirklich bei ihm sein zu dürfen, freute ich mich auf eine unerklärliche Weise. Ich biss die Zähne zusammen, um nicht sehnsuchtsvoll zu seufzen, wie es Lorenz gerade tat. Adam musterte ihn von oben bis unten. Der durchdringende Blick aus seinen Augen bremste sogar Lorenz kurz aus. Er verhaspelte sich, bevor er lossprudelte.
„Hallo, ich bin Lorenz Silver. Es ist mir eine große Freude, dass wir die nächsten Jahre zusammenwohnen.“ Adam sah aus, als ob er nicht so recht wüsste, ob er Lorenz ernst nehmen sollte und auch die Ankündigung Jahre mit ihm verbringen zu dürfen, lockte kein Lächeln auf seine Lippen.
„Ich bin Adam Torrel“, erwiderte er kurz.
„Du bist der Torrel-Junge“, quietschte Lorenz. Er konnte sich nicht mehr beherrschen. „Oh, mein Gott, Ich hab ja schon so viel von eurer Familie gehört und du bist das jüngste Mitglied der schwarzen Garde, das es je gab. Es ist irre, dass ich mit dir zusammen wohnen darf. Deine Fähigkeiten sollen unglaublich sein. Das habe ich gelesen in dieser Zeitung, wie hieß sie noch mal? Ach so, die „Welt der Schwarzen Garde“. Wenn ich das meiner Familie erzähle.“ Bei Lorenz begeisterten Worten verfinsterte sich Adams Miene zusehends.
„Ja, meine Fähigkeiten sind unglaublich und wenn du mich noch einmal vollplapperst wie ein Groupie einen Popstar werde ich sie an dir ausprobieren.“ Mit diesen Worten knallte Adam Lorenz die Tür vor der Nase wieder zu. Der ließ sich jedoch nicht von dieser Abfuhr beirren und kam freudig strahlend auf Liana und mich zu.
„Unglaublich diese Jungs aus der Torrel-Familie, sie sind so wild, so feurig und leidenschaftlich. Leider sind sie etwas ungehobelt im Umgang, aber du solltest die einmal kämpfen sehen. Da wird einem warm ums Herz.“
„Noch wärmer geht doch gar nicht“, witzelte Liana.
„Sehr lustig.“ Lorenz zog sich beleidigt ins Bad zurück.
„Sag mal, hast du eigentlich eine Steckdose in deinem Zimmer, Selma. Ich find keine bei mir und mein Handy braucht dringend Strom.“ Liana sah sich suchend um, aber auch im Studierzimmer fand ich keine Steckdose und als ich genau hinsah auch keine Lampe. Das reichlich durch das große Fenster hereinscheinende Tageslicht erhellte den Raum so sehr, dass mir das Fehlen eines elektrischen Lichtes noch nicht aufgefallen war.
„Es gibt keine Steckdosen und keine Lampen, wie sollen wir dann abends arbeiten oder lesen?“, fragte ich Liana erstaunt. Sie zuckte hilflos mit den Schultern, als durch die Tür ein markerschütternder Schrei ertönte. Ich rannte los und fand Lorenz. Er stand im Badezimmer und wankte völlig panisch mit einem Fön in der Hand durch den Raum. Adam stand schon neben ihm und versuchte ihn zu beruhigen.
„Was ist denn los?“, fragte er verunsichert, während ich die Situation sofort begriff.
„Ich weiß es ist hart, Lorenz, aber es gibt keine Steckdosen“, sagte ich schmunzelnd.
„Oh!“, meinte Adam, verstand und verschwand aus dem Bad, ohne mir einen Blick zuzuwerfen. Der Stich in mein Herz traf mich unvermittelt und ließ mich sofort zusammenzucken.
„Wie soll ich nur die Zeit überstehen, bis ich die Elemente ausreichend beherrsche, um sie zum Frisieren einzusetzen?“, fragte Lorenz aufgelöst.
„Da hilft nur Üben, Lorenz“, meinte Liana achselzuckend und verließ ebenfalls das Bad. Lorenz Sorgen machten mir kein Kopfzerbrechen, denn wie sollte ich nur die Zeit überstehen, bis mir Adams Ablehnung nicht mehr das Herz brach?
Am Abend lag ich in meinem Bett und wartete auf den Schlaf, der nicht kommen wollte. Weit entfernt im Tal hörte ich durch das offene Fenster die Kirchenglocken von Schönefelde. Es war bereits Mitternacht und ich wartete so wie immer auf den Nachtwind, damit er mich in den Schlaf begleitete. Seufzend zog ich die Decke über meinen Kopf, als mich ein Geräusch aufhorchen ließ. Da war jemand. Meine Zimmertür wurde leise geschlossen. Ich riss mir die Decke vom Kopf und starrte ins Dunkle. Eine Gestalt näherte sich mir und Adrenalin schoss mir ins Blut. Bevor ich schreien konnte, lag eine warme Hand auf meinem Mund.
„Ich bin es“, flüsterte Adam und die Kerze auf meinem Nachttisch glomm auf. Jetzt sah ich ihn, ein Lächeln spielte um seine Lippen.
„Was machst du hier?“, flüsterte ich aufgeregt, als er seine Hand wieder sinken ließ.
„Soll ich wieder gehen?“
„Nein, bleib!“ Mein Herz jubilierte, als er nickte. Seine Hand berührte vorsichtig meinen Arm, ganz zart lagen seine Finger auf meiner Haut.
„Ich hab es nicht mehr ausgehalten, so nah bei dir zu sein und doch so tun zu müssen, als ob wir uns kaum kennen. Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du wunderschöne Augen hast. Dieses Grün erinnert mich immer an den Atlantik, wenn er wild gegen die Felsen brandet“, flüsterte er und sah mich an. Ich bebte.
„Nein, noch nicht, aber es hört sich schön an“, murmelte ich verwirrt.
„Ich wollte nicht neben dir wohnen, Selma. Ich bin nur zu spät gekommen, es war das letzte Zimmer, das frei war. Nein, das ist falsch. Ich sollte nicht neben dir wohnen, das trifft es wohl eher, denn es macht alles nur noch viel komplizierter, viel schwerer zu ertragen. Aber ich werde ohnehin nicht ständig hier sein. Ich habe heute mit Professor Espendorm gesprochen und ich werde oft mit der Schwarzen Garde unterwegs sein.“
„Gut“, stammelte ich. „Das macht es leichter.“ Ich wagte nicht, mehr zu sagen aus Angst, ihn wie beim letzten Mal in die Flucht zu schlagen.
„Andererseits ist es ganz gut, dass ich hier wohne. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du hier oben mit anderen Jungs zusammen lebst, obwohl es mich eigentlich nichts angeht.“ Adam lächelte und mein Herz begann zu rasen. Ich warf alle Bedenken über Bord und beschloss, den Augenblick mit allen Sinnen zu genießen, selbst auf die Gefahr hin, dass mich die Erinnerung daran wieder wochenlang quälen würde. Ich sah in seine Augen, dunkel und verführerisch zog mich der Ozean hinab. Ich spürte seine Hand noch immer auf meinem Arm brennen und näherte mich seinem Gesicht ein wenig, bis Adams Atem schwerer wurde. Er wich nicht zurück, aber er zögerte einen Moment. Doch dann zog er mich an sich und seine Lippen berührten meine. Ich vergaß alles um mich herum, es gab nur noch ihn und mich in diesem Universum und diese irrsinnige Energie, die uns verband. Adams Kuss war dieses Mal nicht sanft. Mit einer fast schon verzweifelten Sehnsucht drückte er mich an sich und ich spürte ihn überall. Seine Hand lag auf meinem Rücken und ich klammerte mich fest an ihn.
„Selma“, keuchte er. Seine Hände umschlossen meine Hüften. Eine heiße Welle durchlief meinen Körper. Es war so intensiv, dass es mir unwirklich vorkam. Ich fühlte seine Erregung und wollte ihn überall spüren. Verdammtes Loch, sollte es mich ruhig verschlingen, das hier war es wert.
„Selma“, seufzte Adam erneut. Sein Atem wurde ruhiger und sein Kuss sanfter. Er löste sich von mir und streichelte meine Wange. Er hatte sich wieder im Griff, was man von mir nicht behaupten konnte. Ich schloss die Augen und atmete mehrmals ein und aus, während ich krampfhaft an eine kalte Dusche dachte.
„Erzähl mir von dir!“, bat ich schließlich. „Ich weiß noch so wenig über dich.“
Adam sah mich verwirrt an. „Wir sind zusammen zur Schule gegangen und danach haben wir uns oft getroffen. Eigentlich jeden Tag, erinnerst du dich wirklich nicht?“
„Nein, kaum“, stotterte ich verwirrt. „Ich glaube, ich habe ein ziemlich schlechtes Gedächtnis“, murmelte ich, denn ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern. Wenn man mit jemanden jeden Tag verbrachte, dann musste das doch Spuren in meiner Erinnerung hinterlassen haben. Warum sonst hätten wir uns jeden Tag treffen sollen, wenn wir nicht gut miteinander befreundet gewesen wären? Nachdenklich sah ich Adam an und versuchte mich so stark wie möglich zu konzentrieren, um die Erinnerung an unsere angebliche Vergangenheit heraufzubeschwören. Doch da war nichts, nur Leere.
„Vielleicht hat jemand nachgeholfen?“ Adam sah mich ernst an.
„Wie meinst du das?“ Ich setzte mich erschrocken auf, doch seine Hand hielt ich weiter fest umschlossen.
„Du weißt, dass man Erinnerungen verändern oder auch löschen kann?“, fragte Adam. Ich nickte. „Die Schwarze Garde macht das gelegentlich. Sie dringt in den Geist eines anderen ein und löscht seine Erinnerung.“
„Willst du damit etwa sagen, dass jemand mein Gedächtnis manipuliert hat?“ Ich sah Adam entsetzt an.
„Das ist die einzige Erklärung. Jemand hat dein Gedächtnis manipuliert oder erinnerst du dich daran, dass die Morlems dich angegriffen haben?“
„Ja, diesen Sommer. Natürlich erinnere ich mich.“
„Das meine ich nicht!“ Er sprach langsam, um mir Zeit zum Begreifen zu geben, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, schon einmal auf die Morlems getroffen zu sein.
„Der Angriff auf dich in diesem Sommer war nicht der Erste. Die Morlems haben es offenbar ganz besonders auf dich abgesehen“, sagte Adam. Mir wurde schlagartig kalt. Warum auf mich? Das ergab alles keinen Sinn.
„Ich kann mich aber nicht erinnern, an nichts. Nicht an dich, nicht an die Morlems. Nur an schöne Dinge, an langweilige Dinge erinnere ich mich.“
Jemand hatte mir etwas sehr wichtiges genommen. Auf die Erinnerung an die Morlems konnte ich gut und gerne verzichten. Die Erinnerungen an Adam waren es, die ich wiederhaben wollte. Wenn sie auch noch so unwichtig waren, für mich waren sie ein Schatz.
„Wie bekomme ich meine Erinnerungen zurück?“, fragte ich entschlossen.
„Ich werde Ramon fragen, wie man da wieder rankommt.“
Ich erinnerte mich an die Kraft von Ramons Versuch, den Angriff der Morlems vor mir zu verbergen. Bis dahin hatte es sicher immer funktioniert, meine Erinnerungen zu löschen. Bis zu diesem Sommer, in dem alles anders wurde, in dem ich endlich stark genug war, mich dagegen zu wehren.
„Dass jemand meine Erinnerungen an die Angriffe löscht, verstehe ich ja noch, dafür gibt es ja sogar ein Gesetz. Aber warum löscht jemand meine Erinnerungen an dich?“ Ich sah Adam an und erstarrte. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert.
„Vielleicht bin ich nicht der Einzige, der weiß, dass eine Liebe zwischen uns, nur ins Verderben führen wird.“ Das warme Lächeln war von seinen Lippen verschwunden und der kühlen Maske gewichen, die ich schon kannte. Mein Blut schien zu stocken und die Grabeskälte kroch wieder in mein Herz. Der zarte Moment war vorbei. Adam ließ meine Hand los und stand auf, bevor ich ihn bitten konnte, bei mir zu bleiben und die Löcher in meinen Erinnerungen zu füllen.
„Schlaf gut, Selma!“, flüsterte er und verschwand so leise, wie er gekommen war.