Willkommen an Bord
Meine Mutter war begeistert, als ich ihr die Idee mit dem Schiff erzählte. Sie selbst war mit achtzehn aus einem Städtchen mit fünfzigtausend Einwohnern nach Berlin gezogen. In ihrer Studentenzeit war sie viel unterwegs gewesen und nun freute sie sich, dass ich mich jetzt auch mal ins Ausland wagte.
Mein Englisch war damals gerade mal akzeptabel und mein Französisch reichte höchstens aus, um einen Milchkaffee zu bestellen. Noch reizvoller als die Idee, in andere Länder zu kommen, fand ich es, auf einem Schiff zu arbeiten. Ich kannte Passagierschiffe nur aus dem Fernsehen. Die Achtziger-Jahre-Serie »Das Traumschiff« hatte es mir angetan, als ich fünf oder sechs war. Ich sah die Serie auf der Couch mit meinen Eltern. Meine Vorstellung von einer heilen Welt hatte ziemlich viel mit diesen weißen Luxuslinern zu tun, die über die Weltmeere fahren.
Natürlich war mir klar, dass das richtig Arbeit wird. Aber irgendeine für den Selbstbetrug zuständige Hirnregion sagte mir, dass ich dauernd in schicker Garderobe übers Deck flanieren und einen Sundowner nach dem nächsten trinken würde. Die fürs Finanzielle zuständige Hirnregion meldete sich auch: Im Royal verdiente ich neunhundert Euro netto, auf so einem Schiff sollten es tausenddreihundert Euro sein. Dass ich dafür auch erheblich länger würde arbeiten müssen, verdrängte ich lieber.
Meine neue Chefin, sie hatte das Schiff gechartert und führte die Firma mit ihrem Mann, hat mich im Vorstellungsgespräch keinesfalls betrogen: Sie sagte mir, wann ich Pause haben würde – zweieinhalb Stunden am Nachmittag –, und den Rest konnte ich mir selber denken. Der Rest war Arbeit. Gearbeitet wurde an sieben Tagen in der Woche.
Und so kam es, dass ich auf der Morgentau anheuerte, einem deutschen Flusskreuzer, auf dem gerade mal vierundzwanzig zumeist wohlhabende Gäste Platz fanden. Die erste Route sollte nach Paris gehen. Paris!
Eine »Allround-Stewardess« hatten sie gesucht, so stand es in der Stellenanzeige im Internet. Das hörte sich besser an als »Mädchen für alles«. Waren Stewardessen nicht diese engelsgleichen Wesen, für die ich im Royal die Zimmer machte? Vielleicht stand mir ja doch ein Karriereschritt bevor? Konnte es nicht sein, dass es einfach nur ein ganz, ganz toller Job sein würde? Ich war zu allerhand Optimismus bereit.
Meine Mutter fuhr mich in ihrem roten Fiat 500 zum Bahnhof Zoo und verabschiedete mich so herzlich, dass ich am liebsten gesagt hätte: »Ach, Mama, ich bleibe hier.« Aber sie war so stolz auf mich, und dieses Gefühl gönnte ich ihr.
Die Morgentau versprach »höchsten Luxus auf kleinstem Raum«, so nannte die Chefin ihr Konzept. Auf dem Hauptdeck befanden sich Bar, Restaurant, Küche und ein Außenbereich mit Pool und Terrasse für den Cocktail am Abend, darüber lag das Oberdeck mit sechs Kajüten und ganz oben war das Sonnendeck. Wände und Mobiliar waren im gleichen Farbton gehalten, Nussholz massiv. In den Ecken standen goldene Lampen und mit leuchtenden Stoffen bespannte Clubsessel, hinter der Bar glänzten Gläser, und das Tischtuch auf dem Buffet war so weiß, dass es schwer fiel, es mit Rühreikrümeln und Kaffeeflecken in Verbindung zu bringen. Auf das Sonnendeck mit vierundzwanzig Liegestühlen gelangte man über eine Wendeltreppe. Hier sah es tatsächlich ein bisschen so aus wie bei Sascha Hehn, dem Chefsteward meiner Kindheit.
Die übrigen sechs Kajüten lagen unter Deck und waren wie die oberen nach europäischen Häfen benannt. Es gab außerdem eine für die Chefs, eine für den Koch und seinen Gehilfen, und eine für Eva, die zweite Allround-Stewardess, und mich. Unser Zimmer war nicht nach einem Hafen benannt, es hieß »Personal I«.
Als mir Helga, die Chefin, unsere Kajüte zeigte, in der ich die kommenden acht Monate gemeinsam mit Eva schlafen würde, musste ich lachen.
Als die Morgentau vor einem Jahr in Berlin anlegte, stattete ich ihr mit meinem Freund einen Besuch ab. Ich wollte sie ihm zeigen, in einer Mischung aus Masochismus und Stolz: Schau her, hier habe ich es so lange ausgehalten. Er war tief beeindruckt von der Koje, die sich damals mein Bett nannte. »Du veräppelst mich«, wiederholte er immer wieder, weil er es entweder nicht glauben wollte oder es tatsächlich nicht glauben konnte, dass wir es auf so kleinem Raum zu zweit aushielten.
Waren es acht Quadratmeter? Oder doch neun? In jedem Fall war es wenig Platz für zwei Frauen, die auf eine gepflegte Garderobe Wert legten – und Wert legen sollten. In dem Raum, dessen peinliche Sauberkeit mir sofort angenehm auffiel, stand ein Etagenbett aus massivem Holz, und weil auf dem unteren Bett ein paar Lockenwickler lagen, warf ich einen skeptischen Blick auf die obere Etage. Im Reckturnen war ich nie sonderlich gut gewesen.
Zwischen Bett und Tür war ein Einbauschrank, der an Land nicht mal für eine Person gereicht hätte, außer für einen Soldaten in der Kaserne vielleicht. Ich verstand sofort, warum meine neue Mitbewohnerin die Trittleiter des Etagenbetts als Kleiderstange nutzte. Den Rest, den wir so brauchten, Schminktaschen, Schuhe und Glätteisen, verteilten wir auf dem Boden. Ins Bad passte all das nämlich nicht mehr. Um dorthin zu gelangen, mussten wir unsere Schritte jedenfalls sehr gezielt setzen. Nie wurde meine Motorik besser geschult als in dieser Kajüte. Ich hätte danach sicher auch als Seiltänzerin auftreten können, bin mir aber nicht sicher, ob Seiltänzerinnen besser bezahlt sind als Hotelfrauen.
Gleich neben unserem Zimmer waren die Service-Räume. Hier stapelten sich Handtücher und Laken. Dort stand auch ein mir bislang unbekanntes Gerät, eine ziemlich große Wäschemangel, die ich erst mal mit großen Augen ansah. Ich kenn dich zwar nicht, sagte ich zur Mangel, aber wir beide werden sicher noch viel Spaß haben.
Ich kam an einem Samstag an, als bereits alle Gäste ausgecheckt hatten. Die neuen würden erst Sonntag zusteigen. Noch am ersten Abend machte mir meine neue Kollegin Eva, sie kam aus Bulgarien, ziemlich unmissverständlich klar, dass ich mich besser nicht auf eine Dauerparty einstellen sollte. Eva war groß, dunkelhaarig und fünf Jahre älter als ich. Sie war schon die dritte Saison auf dem Boot, und während wir zu zweit unsere Begrüßungspizza aßen, wollte sie keine Zeit verlieren, mich über das Leben an Bord aufzuklären.
In ihrem Briefing kam ziemlich oft der Name Helga vor. Helga macht dies, Helga macht jenes, Helga ist ganz furchtbar, vor Helga muss man sich hüten. Ihre Pizza Margherita wurde kalt, aber das kümmerte sie nicht. Helga. Im Vorstellungsgespräch war sie mir weder sympathisch noch unsympathisch gewesen, eine Frau um die fünfzig, mit kurzem, drahtigem Haar und einer Haut, die aussah, als habe sie schon die sieben Weltmeere bereist, mehrfach, auf dem Sonnendeck, gebräunt und faltig. Joachim, ihren Mann und Schiffskapitän, würde ich erst morgen kennenlernen, aber ich hatte bisher nicht das Gefühl, in der Höhle eines grausamen Löwen gelandet zu sein.
Die Route führte die Morgentau kreuz und quer durch Europa, über Flüsse, Kanäle und Seen. Die Gäste blieben meist eine Woche. Ich war erleichtert, dass die meisten von ihnen deutsch sprachen, denn ich traute meinen Fremdsprachenkenntnissen wirklich nicht über den Weg.
Beim Einschiffen, so hieß das, wenn neue Passagiere kamen, hatte ich tatsächlich das Gefühl, mich selbst in einer Fernsehserie zu sehen: Wir standen an der Reling, winkten den Ankommenden zu und strahlten sie an. »Willkommen an Bord, Frau Bredemeyer, Herr Bredemeyer, hier geht es lang.«
Da kam viel Grau über die Brücke, manchmal etwas lilastichig, in jedem Fall äußerst gut gepflegt. An einem Sonntag im September stach ich also mit vierundzwanzig gut betuchten deutschen Rentnern in See und nahm Kurs auf Paris.
Es gab zwei Schichten auf der Morgentau: die Früh-und die Spätschicht. Eva und ich wechselten uns ab. Hatte sie Frühschicht, konnte ich eine Stunde länger schlafen und musste dafür abends länger arbeiten und umgekehrt. Ich begann mit der Frühschicht. Ich stand um halb sechs auf und bemühte mich, Eva nicht durch ungewolltes Anstoßen der im Zimmer herumliegenden Gegenstände zu wecken. Ich stieg in die kleine Dusche, drehte das heiße Wasser auf und schloss die Augen.
Als mich der eiskalte Strahl aus dem Duschkopf traf, konnte ich einen Schrei der Überraschung nicht unterdrücken. Mit einem Satz war ich wieder draußen aus der Dusche, nicht ohne mir dabei den Kopf zu stoßen, und hörte Eva im Zimmer lachen. »Warmes Wasser gibt’s erst, wenn der Generator läuft!« Sie kicherte immer noch. Der Generator? »Der Generator?« »Ja, die Strommaschine. Macht Joachim erst um sieben an.« War das zu fassen? Ich verzichtete an diesem Morgen auf eine Dusche und schwor mir, zum Abendduscher zu werden. So wie die Männer im Royal.
Meine erste Aufgabe: Brötchen holen. Wir lagen in einer Kleinstadt am Rhein. Tags zuvor waren wir von Köln aus gestartet und ich hatte beim Ablegen dem Dom nachgeschaut. Wo war hier ein Bäcker? Als ich mir das Klapprad vom Sonnendeck holte und über die Reling hievte, hatte ich keinen blassen Schimmer, wohin ich fahren sollte. Um diese Zeit war noch niemand unterwegs, und es waren auch keine anderen Boote in der Nähe. Ich hatte Anfängerglück: Schon nach ein paar hundert Metern sah ich am Marktplatz ein leuchtendes Bäckereischaufenster. Es war ein sehr friedvoller Moment, es roch nach Wochenende, nach gemütlichem Zusammensitzen mit Freundinnen oder meiner Mutter. Ich kaufte dreißig helle und dreißig dunkle Brötchen, dreißig Hörnchen und vier Baguette. Es war gar nicht so einfach, die Tüten auf dem Klapprad in zwei Satteltaschen wieder zum Boot zu bringen. Ich war sehr stolz, dass ich nichts verlor.
Als ich zurückkam, wartete auf dem Schiff schon Joachim auf den ersten Kaffee. Er war ein gemütlicher Typ, groß und breit gebaut. Er half mir mit dem Rad und schaute dabei zu, wie ich die Kaffeemaschine bediente. Er nahm dankbar die erste Tasse, nicht ohne genau einen halben Teelöffel Zucker zu verlangen. Mit der Tasse in der Hand verzog er sich in Richtung Büro. Das sollte unser Morgenritual werden. Bald war ich eine Meisterin darin, ihm die exakte Menge Zucker in den Kaffee zu kippen.
Jetzt trank auch ich eine halbe Tasse Kaffee – ich wusste ja nicht, dass das bis zur Nachmittagspause die einzige Gelegenheit sein würde. Ich bereitete das Buffet vor und fühlte mich ein bisschen wie damals im Central: Brot schneiden, Eier braten, die Platten anrichten. Mich wunderte, dass der Koch sich nicht blicken ließ. Wenigstens erschien nach einer Weile sein Assistent und ging mir zur Hand.
Während die Gäste noch mit den Brötchen krümelten, setzte sich die Morgentau in Bewegung. Ein leichtes Schwanken machte sich bemerkbar und kurz überlegte ich, wie es wohl sein würde, einen Teller heiße Suppe rauszubringen, wenn draußen schlechtes Wetter war.
Gegen elf tauchte der Koch Hendrik auf, um die Salate für das Mittagsbuffet vorzubereiten. »Mach Platz, ich muss arbeiten«, raunzte er mich zur Begrüßung an, als seien wir alte Kollegen, die sich seit Jahren nicht ausstehen können. Sein Ton wurde nie viel freundlicher. Nach dem Frühstück deckte ich die Tische für das Mittagessen und versuchte, die Servietten in eine präsentable Form zu falten. Eva war derweil unter Deck damit beschäftigt, die Zimmer zu säubern und die Wäsche in der Mangel plattzuwalzen.
Um Punkt zwei Uhr, als die Gäste mit dem Essen fertig waren und sich draußen auf dem Deck verteilten, fiel ich ins Bett. Ich schlief, als sei es tiefe Nacht. Als ich um kurz nach vier aufwachte, dauerte es ein paar Sekunden, bis ich wusste, wo ich war und warum. Um halb fünf ging es weiter. Ich fühlte mich noch müder als vor dem Nachmittagsschlaf.
Auf der Morgentau habe ich mehr Kuchengabeln, Buttermesser und Saucenlöffel poliert als jemals zuvor, drehte sich doch der Tag der Gäste im Rhythmus der Nahrungsaufnahme. Ab dem Mittagessen tranken sich die ersten dem Aperitif entgegen, die anderen gingen nahtlos zum Kuchen über und bestellten sich um fünf noch »etwas Kleines« aufs Sonnendeck, bevor sie dann gegen halb sieben schon fix und fertig fein gemacht auf das Abendessen warteten, das nie weniger als vier, manchmal fünf oder sogar sechs Gänge hatte. Es schien mir, als äßen sie in einem fort. Es war wie eine nicht enden wollende Familienfeier mit lauter Onkel und Tanten.
Einmal verschwand Eva hinter der Bar, und ich fragte mich, was sie da zu schaffen hatte. Sie kam mit einem gefüllten Colaglas zurück. Es dauerte eine Weile, bis ich feststellte, dass es Rotwein war. Ich merkte mir den Trick.
Gegen zehn Uhr am Abend, als nur noch ein Paar im Restaurant am letzten Glas Wein nippte, schnappten Eva und ich uns auch einen Teller. »Mensch, du bist so geizig«, schimpfte sie mit Hendrik, der uns verschlagen angrinste. »Der kocht extra nur so viel, wie die Gäste brauchen, und wir kriegen nichts ab.«
Hendrik war der wahrscheinlich hässlichste Mensch, den ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Er hatte Augen wie ein erstickender Fisch, und es sah aus, als habe er einen Buckel, dabei hielt er sich nur schlecht. Ein Jahr zuvor hatte er erfolglos versucht, sich Eva zu nähern, und seither rächte er sich an allen Frauen an Bord. Es wäre schön gewesen und für alle eine Erleichterung, dachte ich, wenn sich mal eine seiner erbarmte. Aber hier auf dem Schiff war in dieser Hinsicht nichts zu erwarten, und so war klar, dass sich seine Laune wohl nicht bessern würde.
Eva kratzte in einem riesigen Suppentopf herum und verteilte die Reste geschwisterlich auf unsere Teller.
»Da müsst ihr halt eher kommen, ihr Bauerntrampel«, sagte Hendrik. Eva ignorierte ihn, und ich tat es ihr nach. Halbkalte Kürbissuppenreste mit einem Stück Baguette im Stehen in der winzigen Schiffsküche. Es hat klasse geschmeckt.
Es wurde elf Uhr, bis Eva und ich uns nun beide mit einem Glas Wein aufs Sonnendeck verzogen. Unter uns plätscherte der Fluss. Kein Gast würde jetzt noch hier heraufkommen, Helga und Joachim waren schon im Bett und Hendrik hätte sich mal hier hinaufwagen sollen. Wenigstens das hatte er verstanden: Wer gehässig ist, darf abends nicht mittrinken.
Ich habe später nachgerechnet: Im Schnitt habe ich knapp hundert Stunden pro Woche gearbeitet. Zweieinhalb mal so viel wie ein normaler Angestellter. Mehr als Manager, die mit Achtzig-Stunden-Wochen prahlen, von denen sie sicher die Hälfte zumindest körperlich geruhsamer zubringen als ich. Ich kam auf einen Stundenlohn von etwas mehr als drei Euro – weniger als die Zimmermädchen im Royal, die zwei Euro fünfzig für ein Zimmer bekamen und zumeist zwei davon in einer Stunde schafften. Als mir das klar wurde, hätte ich mich fast an meinem abendlichen Rotwein verschluckt. In meinem Arbeitsvertrag stand etwas von einer Vierzig-Stunden-Woche, mit dem Zusatz, dass Überstunden nicht ausgeglichen oder bezahlt werden. So gesehen hatte also alles seine Ordnung.
Ich war im Dauereinsatz. Jeden Tag. Zu jeder Zeit. Es gab keine Möglichkeit für uns, uns zurückzuziehen, dazu war das Boot viel zu klein. In den zweieinhalb Stunden Pause am Nachmittag versuchten wir, ein bisschen Schlaf nachzuholen. Saßen wir kurz für eine Zigarette auf dem Sonnendeck, kam unter Garantie ein Gast vorbei und wollte einen Plausch halten, stand man nur sekundenlang am Bullauge in der Wäschekammer, kam mit Sicherheit Helga und fragte, ob man denn schon mit den dreißig Laken fertig sei. Ich fing nach ein paar Wochen an, abends Espresso zu trinken. Erst nur einen, später einen doppelten und bald schon einen vierfachen, um noch die Augen offen zu haben, wenn der letzte Gast sein Dessert bekam.
Wir arbeiteten nicht nur rund um die Uhr, wir wurden auch rund um die Uhr beobachtet. Helga hatte ihr kleines Büro direkt hinter dem Restaurant. Dummerweise konnte sie durch eine Glasscheibe sehen, was im Restaurant vor sich ging. Den ganzen Tag hatte sie also, wenn sie wollte, freie Sicht auf Eva und mich. Und sie wollte. Und sie entdeckte ständig etwas, das ihr missfiel. Schenkte ich den Gästen nicht schnell genug Wein nach, konnte es passieren, dass sie persönlich nach der Flasche griff und zu den Gästen eilte, weil: »… das kann man ja nicht mit ansehen«. Schenkte ich schneller nach, war ich für ihren Geschmack zu freigiebig mit den Getränken, die die Gäste, weil sie ja all-inclusive gebucht hatten, nicht extra zahlen mussten. »Ich muss den Wein zahlen, nicht du.« Das wäre ja auch noch schöner, dachte ich.
Für Eva war der Fall eindeutig: »Die ist eifersüchtig.« Wir saßen wieder oben auf dem Deck und betrachteten eine dieser wunderschönen südfranzösischen Kleinstädte, deren Namen ich immer sofort wieder vergaß, sobald wir abgelegt hatten. Ich bin in Berlin aufgewachsen. Bis ich sechs war, stand die Mauer. Ich hatte ganz eindeutig ein Nachholbedürfnis für städtebauliche Schönheit. Sollte man nicht beim nächsten Halt an Land gehen und für immer bleiben? Eva und ich phantasierten häufig davon. Wir gründeten in Gedanken deutsche Bäckereien und bulgarische Restaurants, ohne wirklich backen oder kochen zu können (Hendrik wollten wir trotzdem nicht in unsere Aussteigerpläne einweihen) und ohne zu wissen, ob südfranzösische Kleinstädte überhaupt auf so etwas warten. Egal.
»Joachim hat heute zu lange mit der Frau Bieber geplaudert.« Ich musste lachen. Frau Bieber war sicher eine nette Dame, aber keinesfalls der Typ Frau, auf den man so ohne weiteres eifersüchtig sein musste. Aber Eva hatte sicher recht. Joachim wäre wohl gerne ein »homme à femmes« gewesen. Er versuchte jedenfalls, jederzeit charmant zu sein, half ihnen in die Jacken, erkundigte sich nach ihrem Befinden und erzählte kleine Kalauer. »Parlez-vous Pommes frites?« und solche Späße. Besonders gerne flirtete er mit den jüngeren Gästen (die waren Ende fünfzig), und auch wenn er es nicht auf ein Abenteuer anlegte, so war Helga doch durch jeden Flirt ihres Mannes ein klein wenig gedemütigt. Den Frust, der daraus erwuchs, so Evas Theorie, ließ sie dann an ihren beiden Allround-Stewardessen aus, die ihr ja nicht entkommen konnten, es sei denn, wir hüpften in voller Montur ins Kanalwasser. Und das war eher trübe.
Tatsächlich mochten Eva und ich Helgas Mann. Er war ausgeglichen, machte auch mit uns seine mittelguten Späße, und wenn er uns mal in den Arm nahm, was er bei seiner Frau nie tat, zumindest wurde dergleichen in meiner Zeit auf dem Schiff nicht beobachtet, fanden wir nichts dabei. Es war eher ein väterliches In-den-Arm-Nehmen, kein lüsternes An-sich-heran-Drücken. Das kann man schon mal durchgehen lassen, fanden wir. Und ein bisschen Halt kann ja auch nicht schaden.
Wir hatten vor allem Rentner an Bord, wohlhabende, zumeist westdeutsche Rentner von der Sorte, für die die Tourismusindustrie eigens Begriffe wie »Best Ager« oder »Silver Ager« erfunden hat. Wir hätten ihre Enkelinnen sein können, und sie bekamen jeden Tag mit, wie viel und wie lange Eva und ich arbeiteten. Ein Ehepaar schenkte uns gleich in der ersten Woche eine Flasche Rotwein. Manche steckten uns nicht unerhebliche Trinkgelder zu, mal einen Fünf-Euro-Schein, einen Zehner oder sogar noch mehr. Manche, die mochten wir besonders, achteten sogar darauf, dass Helga es nicht bemerkte.
Erstaunlicherweise hielten sich die Annäherungsversuche der älteren Herren sehr in Grenzen, sogar dann, wenn sie ohne Ehefrau unterwegs waren. Entweder weil der Drang, jungen Frauen nachzustellen, jenseits der fünfundsiebzig doch langsam erlahmt, oder, und das ist wohl wahrscheinlicher, weil das Schiff nicht genügend uneinsehbare Ecken bot, um mit Eva oder mir unbemerkt zu flirten oder uns nach Altherrenart auf den Hintern zu hauen.
Die einzige Hand, die sich gelegentlich auf meinen Hintern verirrte, war die von Eva. Sie war wirklich sehr touchy: Po, Wange, Hand oder Arme, sie tätschelte alles. In den ersten Tagen hatte ich Angst, sie könnte an Frauen interessiert sein, was den Aufenthalt in unserer Kajüte sicher nicht einfacher gemacht hätte. Aber ziemlich schnell konnte ich beobachten, dass sie nicht nur mich, sondern so gut wie alle an Bord hin und wieder betätschelte: die Omis (denen das sichtbar gut gefiel) und sogar manche Opis (denen das noch besser gefiel). Nur Helga wurde von Evas Liebkosungen konsequent ausgespart. Interessant war zu sehen, dass die älteren Herren sich nicht dafür revanchierten, indem sie Eva zurücktätschelten. Vielleicht, dachte ich, ist offensives Auf-die-Wange-Tätscheln ja auch eine gute Waffe, um sich Männer um die siebzig vom Hals zu halten. Wen man behandelt wie einen harmlosen Alten, der fühlt sich vielleicht tatsächlich wie ein solcher und nicht mehr wie ein knackiger Kerl, dem die Frauenwelt noch immer zu Füßen liegt.
Eva und ich waren im Wechsel für die Sauberkeit der Kajüten und der Wäsche zuständig. Zum Glück waren die Kajüten nicht groß – auch die Gäste mussten sich mit einem handtuchgroßen Raum begnügen, der aber mit dem großen Bullauge und der Nussholzverkleidung sehr gemütlich wirkte. Die Kunst bestand für uns darin, den Gegenständen der Gäste auszuweichen und zu putzen, ohne sie durcheinander zu bringen. In den Badezimmern standen hier häufig kleine 4711-Flaschen. Daran vergriff sich niemand.
Herr Krämer, der mit einem befreundeten Ehepaar für eine Woche gebucht hatte, führte eine Tube Rei mit sich, die er vom ersten Tag an neben dem Waschbecken positionierte. Schon am zweiten Tag seiner Reise wusste ich, dass er sie auch benutzte. Es war ein Schlechtwettertag, die Gäste saßen drinnen im Restaurant, lasen oder tranken Kaffee.
Die Bullaugen in den unteren Kajüten ließen sich zwar öffnen, aber wir hatten den Gästen schon mehrfach eingeschärft, davon nur Gebrauch zu machen, wenn das Schiff im Hafen lag. Auch auf Flüssen konnten schließlich manchmal Wellen kommen. Leider hielten sich immer wieder Gäste nicht an unsere Bitte. Auch Herr Krämer hatte offenbar – eigentlich ja sehr in meinem Sinne – ein Herz für frische Luft. Denn als ich die Tür zu seinem Zimmer aufstoßen wollte, kam mir eine kräftige Windböe entgegen. Ich stemmte die Tür schließlich auf, schaffte es aber nicht mehr auszuweichen, als mir ein weißer Lappen entgegenflog. Ich bekam ihn mitten ins Gesicht. Es war eine Altherrenunterhose, aus dem Besitz von Herrn Krämer, mit Eingriff und Bein, klatschnass, also immerhin gewaschen.
Krämer hatte einen kleinen Waschsalon im Zimmer eröffnet und überall im Raum Unterwäsche zum Trocknen aufgehängt. Die Unterhose, die mich traf, hing offenbar direkt vor dem geöffneten Bullauge.
Wir fuhren noch immer durch die Camargue. Meine Nachmittagspause wollte ich eigentlich für eine kleine Erkundungstour an Land nutzen, wurde jedoch von einer älteren Dame auf dem Sonnendeck festgehalten. Die Frau reiste ohne Begleitung und tat mir ein bisschen leid, so ganz alleine, umgeben von Ehepaaren kurz vor der diamantenen Hochzeit, die nun geschlossen zum Spaziergang an Land unterwegs waren. Hatte man sie dort oben vergessen?
Wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte mir ihr ganzes Leben, oder zumindest fast. Seit zwanzig Jahren war sie Witwe. »Wissen Sie«, blinzelte sie mir zu, »eigentlich war der Tod meines Mannes auch eine Befreiung.« Nicht dass sie ihn nicht geliebt habe, sagte sie, aber wie ich erfuhr, war er ein dominanter Charakter, der ihr in jungen Jahren jede Entscheidung abnahm und sie in nicht mehr ganz so jungen Jahren, als er krank war, voll und ganz als Pflegerin beanspruchte. Glücklicherweise hatte dieser Mann, als er noch bei Kräften war, ordentlich Geld verdient und einen kleinen Pool im Garten anlegen lassen. Diesen Pool nutzte die Dame mit ihren neunundachtzig Jahren noch immer, zwischen Mai und September jeden Morgen vor dem Frühstück. Die anderen Monate, so erzählte sie, begab sie sich auf Reisen, meistens auf einem Schiff wie diesem.
Ich fragte sie, ob es ihr nichts ausmache, so alleine unter Paaren. »Ach die«, sagte sie nur und lächelte. »Alles nur eine Frage der Zeit, dann reisen die auch alleine.«
Ich glaube, ich habe mich noch nie so lange mit einem Gast unterhalten. Normalerweise bleibt der Gast ein mehr oder weniger unbekanntes Wesen, ein Objekt, aus dessen Hinterlassenschaften im zerwühlten Schlafzimmer man versuchen kann, etwas über seinen Charakter abzuleiten. Ein Objekt, das permanent zufriedengestellt werden muss. Mit einem Gast ein längeres Gespräch oder auch nur Small Talk zu führen, war nie vorgesehen. Stattdessen sammelt der Hotelcomputer die unglaublichsten Daten, speichert, wer zum Mäkeln neigt, wer gerne ein hartes Bett hat und wer ein weiches, wer während seines Aufenthaltes wie oft die Tomatensuppe mit Croûtons gegessen hat, um sie bei der nächsten Buchung gleich am ersten Abend wieder zu empfehlen.
Bevor ich meinen Vorsatz, von nun an hin und wieder mit alten Damen auf dem Sonnendeck über ihre Verblichenen zu reden, in die Tat umsetzen konnte, kam mir Helga dazwischen, da ihr meine Mittagspause natürlich nicht entgangen war. Kaum war die alte Dame wieder nach unten gegangen, hörte ich Helga rufen. »Anna! Anna, kommst du mal bitte ins Büro?« Ich gehorchte, wenn auch ohne Eile. Ich wusste ja, was nun kommen würde.
»Ich wünsche es nicht, dass die Gäste denken, wir würden hier Sommerurlaub machen.« Sie kniff die Augen zusammen, als könne sie mich nicht mehr sehen. »Ich wünsche nicht, dass ihr die Gäste mit euren Geschichten belästigt.« Was meinte sie damit? Wenigstens hatte sie uns offenbar nicht belauscht. Sie klopfte mit der Rückseite des Kugelschreibers auf die Platte ihres Schreibtisches. »Ich wünsche nicht, dass ihr oben herumhängt, verstanden?«
Verstanden, jawoll! Obwohl: nein, gar nicht verstanden. Warum war es ihr so wichtig, dass wir nicht mit den Gästen plauderten? Wollte sie zeigen, dass nur die Chefin Zeit hat zum Small Talk? Oder dass sie ohnehin die viel interessantere Gesprächspartnerin war? Oder hatte sie Angst, dass wir den Alten unser Leid klagten? Ganz ehrlich: Auf so einen Gedanken wäre ich nie gekommen.
Zwei Wochen später, es war ein heißer Tag, so heiß, dass mir der Schweiß schon morgens den Rücken hinunterlief, fragte ich Helga, ob ich nicht ausnahmsweise in Polo-Shirt und kurzer Hose arbeiten dürfe. Gnädig erlaubte sie mir, die Bluse und die lange Hose im Schrank zu lassen, musste das aber schon wenig später sehr bereut haben, denn sie schlich so lange um mich herum, bis sie endlich fand, was sie suchte: den Fehler, für den sie mich maßregeln konnte. Sie entdeckte das Piercing in meinem Bauchnabel, als ich mich reckte. Statt mich sofort zu sich zu zitieren, wartete sie diesmal ab, bis ich meine Arbeit erledigt hatte, und behauptete, während ich die Kaffeegedecke in die Küche trug, die Gäste hätten sich über mein Piercing beschwert. »Ja, sicher«, dachte ich. »Ich wette, die haben es nicht einmal gesehen. Und wenn, haben sich sicher die Männer beschwert, die sich ja traditionell immer über zu viel weibliche Haut beschweren.«
Ich schwieg auch diesmal. Aus Feigheit? Oder weil es mir einfach zu blöd war, auf so etwas zu antworten? Oder schlicht aus Gewohnheit? Hatten sich diese ganzen Hierarchien und Regeln schon so in mein Hirn eingebrannt?
Tatsächlich hatte sich diese Strategie vor allem im Royal als die beste erwiesen: Klappe halten, Ärger mit nach Hause nehmen und dort möglichst schnell vergessen. Aber auf dem Schiff gab es ja kein Nach-Hause-Gehen. Man war immer da, Tag und Nacht. Es war klar, dass sich bald etwas ändern würde. Ich musste endlich anfangen, mich zu wehren.
Rasch hatte ich Anlass, meine neue Strategie der Wehrhaftigkeit auch umzusetzen. Ich hatte es doch tatsächlich gewagt, im Gäste-Außenbereich eine zu rauchen, und – schlimmer noch – war nicht sofort aufgesprungen, als die Gäste vom Kaffeetrinken dazu kamen. Tatsächlich war ich vor allem deswegen nicht aufgesprungen, weil ich wusste, wie die Gäste dann reagiert hätten: »Ach, musst doch nicht aufhören wegen uns, bleib doch noch, rauchen wir eine zusammen.« Aber das hätte ich mir nicht leisten können, ich wollte tatsächlich rasch weiterarbeiten.
Helga hatte kein Ohr für derart detaillierte Erklärungen. »Komm mal mit hier hoch.« Vor den Augen der Gäste folgte ich ihr aufs Sonnendeck. Sie stampfte entschlossen vor mir her bis zum äußersten Ende vom Deck und hielt sich mit einer Hand an der Reling fest, als habe sie Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, so aufgebracht wie sie war. Schweiß lief ihr über die Schläfen. Wir fuhren gerade durch die Gegend von Arles und an uns vorüber zogen kleine Dörfer. Wir kreuzten Ausflugsboote und motorisierte Gummiboote, aus denen uns manchmal vergnügte Familienväter zuwinkten. Helga hatte gerade keinen Blick für die Umgebung. »Ich will dir jetzt mal was sagen, du unverschämtes Ding«, hob sie an, in einer Lautstärke, die beachtlich war. »Was glaubst du eigentlich, wo du hier bist?«
Automatisch wich ich einen Schritt zurück. Und dann geschah etwas Ungewöhnliches. Ich fühlte eine Wut in mir aufsteigen, die ich so nicht kannte. Meine Augen füllten sich mit Tränen – aber diesmal nicht mit Tränen der Verzweiflung. Mein Kopf verwandelte sich in einen knallroten Ballon und meine Stimme überschlug sich, aber es musste raus. Endlich musste das alles mal raus.
»Was fällt Ihnen eigentlich ein?«, schrie ich sie an. »Sie kriegen doch mit, wie wir uns hier von morgens bis abends den Arsch aufreißen. Sie wissen doch, dass der Laden hier ohne mich und Eva nicht laufen würde, und trotzdem behandeln Sie uns wie den letzten Dreck. Dabei braucht Ihr verdammtes Schiff uns und nicht wir das scheiß Schiff.« Ich sagte wirklich »scheiß Schiff« und klammerte mich jetzt auch an die Reling. »Wenn Sie so weitermachen, dann bin ich ganz schnell weg, aber so was von ganz schnell. Meine Mutter und meine Freunde wollen sowieso schon längst, dass ich gehe, weil es hier einfach nicht mehr geht, weil Sie uns auspressen bis zum Letzten und dann auch noch glauben, uns bei jeder Kleinigkeit blöd anschnauzen zu können.« Ich konnte gar nicht mehr aufhören, ich schrie und tobte und kleine Spuckebläschen flogen durch die Luft.
Ich hätte gar nicht so lange schreien und weinen müssen, denn Helga war schon bei meinem ersten Wort erschrocken. Niemand hätte es ihr übel genommen, wenn sie jetzt kalt und hart meine sofortige Kündigung ausgesprochen und mich gebeten hätte, bei der nächsten Gelegenheit das Schiff zu verlassen. Zu meiner Überraschung reagierte sie fast verständnisvoll auf meinen Ausbruch. Als ich endlich schwieg, war mir, als hätte sie mich in den Arm nehmen wollen, um mich zu trösten. Aber danach stand mir nun wirklich nicht der Sinn. Ich meinte es ernst: Entweder es änderte sich etwas auf diesem Schiff oder ich war weg. Ich kniff die Lippen zusammen und sah ihr direkt in die Augen.
Von unten hörte ich ein leises Räuspern. Ich hatte offenbar Zuhörer. Was kein Wunder war, denn weniger als drei Minuten zuvor hatten noch mindestens zehn Gäste mit ihrem Cappuccino im Wind gestanden. Geklatscht hat zwar niemand, aber ich bildete mir ein, dass mir die Gäste, die das Vergnügen hatten, Zeugen des bislang heftigsten Ausbruchs meiner beruflichen Laufbahn zu werden, beim Abendessen noch wohlwollender zunickten als ohnehin. Und das tat gut.