Was dürfen wir sonst noch für Sie tun?
Fünfundsechzig – das war in etwa das durchschnittliche Alter derjenigen, die Sara und mir gerne zuzwinkerten und sich erkundigten, ob wir denn nicht nach Feierabend noch mit auf ein Bierchen kommen wollten. Wir amüsierten uns über die Rentner und ihre unbeholfenen Flirtversuche, die wir mit einem »Nein, danke« oder schlimmstenfalls dem reichlich angestaubten Hinweis »Ich bin in festen Händen« abwehren konnten. Es blieb ein Spielchen, und ich fand es eher belustigend als unangenehm, der übergewichtigen Grauhaarfraktion regelmäßig einen Korb geben zu müssen. Ich gönnte ihnen den kleinen Spaß weit weg von ihren Ehefrauen. Ich wusste ja: Die habe ich im Griff.
Ich befand mich in der vierten Phase meiner Ausbildung, nach Frühstück, Terrasse und Housekeeping sollte ich jetzt die anderen Stationen kennenlernen, die auch Bestandteil der Ausbildung waren, also Rezeption, Sales und Marketing.
Offiziell war ich häufig an der Rezeption eingeteilt, was aber nicht hieß, dass ich nur mit dem Check-in der Gäste beschäftigt war – auch jetzt verbrachte ich genauso viel Zeit im Service. Wir waren als Servicekräfte beim Frühstück oder Mittagessen eindeutig begehrter denn als Mitarbeiter der Verwaltung. An der Rezeption residierte zudem für gewöhnlich eine Festangestellte, die uns Azubis nur zu gerne wieder an Dana oder Frau Bock auslieh. So kam es, dass ich den Rezeptionsjob nur sporadisch ausübte, und trotzdem lernte ich hier eine Seite des Menschen kennen, die ich niemals hätte kennenlernen wollen.
Besonders der Check-out erwies sich als heikel.
»Hatten Sie etwas aus der Minibar?«
»Nein.«
»Da ist aber ein Posten. Haben Sie nicht vielleicht doch …«
»Nein, auf keinen Fall!«
»Die Hausdame hat hier aber drei Flaschen Bier notiert.«
»Das kann nicht sein, unmöglich.«
In diesem Moment der Konversation wusste ich, dass der Gast weiß, dass ich weiß, dass er lügt, und dass ihm das egal ist, weil er auch weiß, dass ich nichts machen kann, außer zu sagen:
»Gut, dann nehme ich das natürlich von der Rechnung.«
Die Anzahl derer, die wirklich angaben, was sie verzehrt hatten, war verschwindend gering. Das Klauen aus der Minibar war Volkssport. Menschen, die es nie gewagt hätten, im Supermarkt eine Plastiktüte mitzunehmen, ohne brav die zehn Cent zu entrichten, tranken die Colas, Biere und den kleinen Roten, als sei es ein Geschenk des Hauses. Den Aufwand, ihnen den entstandenen Schaden nachträglich in Rechnung zu stellen, machten wir nie. Die allermeisten Rezeptionisten geben klein bei. Sie müssen es tun, weil man den Gast ja nicht verärgern will, schon gar nicht in der Lobby öffentlich bloßstellen, er soll ja noch einmal wiederkommen. Der Gast ist, wenn es drauf ankommt, immer König. Und wir seine Idioten.
Auch an den Pay-TV-Konsum wollte sich am Morgen danach keiner mehr gerne erinnern. Vor allem die männlichen Gäste schienen beim Verlassen des Hotels von partiellem Alzheimer befallen zu werden. »Ich, Pay-TV? Wie kommen Sie denn auf so was?« Und dann die obligatorische Entrüstung darüber, einem unschuldigen Gast so etwas anhängen zu wollen. Auch sehr beliebt: »Ach, da muss ich wohl aus Versehen auf den Knopf gekommen sein.«
Ja, sicher. Um die Bezahlkanäle zu nutzen, musste man drei Mal bestätigen und der Sender musste länger als zwei Minuten laufen, bevor die Kostenuhr anfing zu ticken.
Und auch da lächelte man, verzieh das Geflunker und setzte die acht Euro Bumsfernsehen nicht mit auf die Rechnung.
Noch unangenehmer waren jene Gäste, die an der Rezeption anriefen und vermeldeten, es gebe da ein Problem mit den Fernsehkanälen. Und wenn wir dann im Zimmer waren, baten sie uns, für sie den Pornokanal einzustellen. Sara lachte darüber.
»Solange der sich dabei nicht noch einen runterholt, ist mir das doch egal«, sagte sie.
Es kam auch nicht selten vor, dass alleinreisende Männer sich vom Ku’damm eine grell geschminkte Begleitung in weißen Lacklederstiefeln mitbrachten, die selten länger als ein Stündchen im Zimmer blieb. Bis auf eine Ausnahme. Ich stand mit Herrn Köster morgens an der Rezeption, und er hatte ausnahmsweise gute Laune, als das Telefon klingelte und ein Gast, der schon morgens vor sechs abgereist war, mir mitteilte, er habe leider etwas im Zimmer vergessen.
»So eine hellbraune Brieftasche«, sagte er und bat um Nachsendung, die Adresse habe man ja noch im Computer. Köster ging selber los, um einen Blick in das Zimmer zu werfen. Er hatte wirklich unfassbar gute Laune. Nach weniger als zwei Minuten kam er kreidebleich wieder zurück, telefonierte hektisch mit dem Hausmeister, der gefälligst sofort mit einer Zange kommen sollte, und rief als Nächstes die Polizei. Im Zimmer saß, nackt und mit Handschellen an ein Heizungsrohr gefesselt, eine heulende Prostituierte, der der Kerl ihr gesamtes Geld gestohlen hatte. Wie die Polizei später feststellte, war er unter falschem Namen und falscher Adresse bei uns eingecheckt. Wie schön, dass er wenigstens die Hotelrechnung beglichen hatte.
Den traurigsten Fund machten wir im Zimmer eines älteren Herrn, der regelmäßig ins Central kam – immer alleine und immer auf der Suche nach hübschen Jungs, die er am Bahnhof Zoo einsammelte und mit ins Zimmer nahm. Beim Frühstück erzählte er trotzdem manchmal von seiner Frau. Er wurde eines Morgens tot in seinem Bett gefunden, neben ihm lagen eine Nadel und ein Lederhalsband. Er hatte seine letzte Erektionsspritze nicht vertragen und verstarb an einem Herzinfarkt. Der Stricher war natürlich längst über alle Berge – vermutlich war er genauso erschrocken wie wir, als wir den Alten fanden. Dana schickte uns sofort aus dem Raum, es kamen die Polizei und schließlich die Männer vom Bestattungsinstitut. Da der Sarg so sperrig war, dass er unter keinen Umständen in den Fahrstuhl gepasst hätte – auch nicht hochkant –, blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihn vom fünften Stock über die Treppe nach unten zu tragen. Weil das Central ein offenes Treppenhaus hat, das in jeder Etage mitten im Flur liegt und außerdem an der Rezeption vorbeiführt, geschah der Transport unter reger Anteilnahme der Gäste. Ein paar ältere Damen schlugen mit einem Aufschrei die Hände vors Gesicht. Das Zimmer blieb für Wochen gesperrt.
Die Frau des Verstorbenen verzichtete darauf, dass Sara ihr die Habseligkeiten ihres Mannes zuschickte: »Werfen Sie ihm das Zeug ins Grab hinterher«, schrie sie ins Telefon.
Als ich mich an die Nutten und Pornogucker halbwegs gewöhnt hatte, erweiterte sich mein Erfahrungshorizont erneut: Der Typ war gar nicht so alt, vielleicht Mitte vierzig, schmächtig, ein alleinreisender Geschäftsmann, der für zwei Nächte gebucht hatte. Er hatte mich schon beim Check-in länger als nötig angestarrt, was ich ignorierte, indem ich irgendetwas in den Computer tippte, bis er aufhörte zu starren.
Er war schon um die Ecke gebogen, und ich atmete auf, als er noch einmal zurückkam und sich vorsichtig, fast wie auf Zehenspitzen, dem Tresen näherte und mich mit halb geschlossenen Augen fixierte. Er schien nach den passenden Worten zu suchen, und ich dachte schon »Himmel, der fragt bestimmt gleich nach den Nutten!«, weil es wirklich vorkam, dass jemand nach einer ganz besonderen Abendunterhaltung fragte. Man empfahl dann das Artemis oder ein anderes Etablissement, als würde man es kennen oder als handle es sich dabei um eine ganz besonders sehenswerte Kunstausstellung. Es war mir unbegreiflich, wie man so etwas eine Frau fragen konnte, aber hinter dem Tresen schienen wir uns in Auskunftsautomaten zu verwandeln, die einfach für alles eine Antwort haben mussten. Vielleicht machte es auch mehr Spaß, so eine Frage einer Frau zu stellen. Wer weiß, was manchen so im Kopf herumgeht.
Der Schmächtige fragte schließlich nach den Frühstückszeiten. Ich gab ihm Antwort und beschäftigte mich wieder mit dem Computer, während er sich daranmachte, die Flyer der Restaurants und Museen, die in einem Plastikständer ausgestellt waren, so intensiv zu studieren, als wolle er sie auswendig lernen. Es schien mir, als hoffe oder warte er darauf, dass ich ihn noch einmal ansprechen würde, was ich aber nicht im Entferntesten im Sinn hatte. Es wunderte mich, dass er überhaupt darauf zu warten schien. Manche hatten wirklich eine lange Leitung. Dass hier keine weitere Unterhaltung gewünscht war, hatte ich ihm doch hoffentlich klargemacht. Hatte ich ihm durch irgendein Signal zu verstehen gegeben, dass ich mit ihm flirten wollte? Glaubte er wirklich, ich wollte mit einem Typen flirten, der Prospekte studiert, als sähe er zum ersten Mal in seinem Leben Prospekte? Hoffentlich verzieht der sich bald, dachte ich.
Er entschied sich nach mehrminütigem Flyer-Studium, doch keinen mit aufs Zimmer zu nehmen, sagte kaum hörbar »Tschüss« in meine Richtung und trottete in Richtung Aufzug.
Oben im Zimmer musste er seinen Mut gesammelt haben, denn nach weniger als zehn Minuten rief er an, um mir mitzuteilen, dass sein Fernseher nicht funktioniere. Na wunderbar. Auf diese Art Beschwerde reagierte ich wie immer und stellte die üblichen Fragen:
»Ist der Stecker in der Steckdose?«
»Haben Sie den Einschaltknopf richtig gedrückt?«
»Halten Sie die Fernbedienung auch in die richtige Richtung?«
»Drücken Sie auch wirklich fest auf die Tasten?«
Ich kannte das Fernsehproblem. Viele Gäste haben es. Sie kommen im Hotelzimmer an und statt sich dort zu entspannen oder den Koffer auszupacken, probieren sie zwanghaft alle Geräte aus, den Fernseher, den Safe, die Klimaanlage oder die Heizung, immer auf der Suche nach einem Fehler, um sich umgehend beschweren zu können. Offenbar verfällt der Gast, sobald er im Hotel angekommen ist, in eine Art Mini-Depression, eine Ankunfts-Depression: Den ganzen Tag über war er damit beschäftigt, alle Termine einzuhalten, um rechtzeitig im Hotel anzukommen, und jetzt, da er das geschafft hat, fällt er in ein tiefes Loch und fragt sich: Was mache ich hier eigentlich in der großen, fremden Stadt? Also sucht er nach einem Fehler und schon geht es ihm wieder besser, weil er dadurch wieder eine Aufgabe hat.
Ich war mir sicher, der Schmächtige war auch so einer, und nachdem er darauf bestanden hatte, dass da wirklich etwas mit dem Fernseher nicht stimmte, machte ich mich missmutig auf den Weg und ließ die Rezeption alleine – es würde ja nicht lange dauern. Denn natürlich funktionierte der Fernseher. Er funktionierte immer.
Bevor man das Zimmer eines Gastes betritt, muss man klopfen, erst vorsichtig, und wenn keine Antwort kommt, etwas lauter. Kommt noch immer keine Antwort, darf man hineingehen, aber nicht zu forsch, und ruft dabei »Zimmerservice« oder nur »Service«. Ich wurde beim zweiten Klopfen mit einem »Ja« hereingebeten.
Ich ging also hinein und kaum war ich eingetreten, bereute ich es bitter: Der Schmächtige stand splitterfasernackt vor mir.
Ich dachte zuerst: Scheiße. Und jetzt war ich wirklich genervt. Was wollte der? Ich wollte ihn so nicht sehen. Niemand will gegen seinen Willen einem nackten Mann gegenüberstehen. Weil ich gleichzeitig nicht wusste, wie ich mit so einem Gast umzugehen hatte, tat ich erst einmal gar nichts. Ich blieb stehen und sah nach dem Fernseher, obwohl ich längst ahnte, dass es darum jetzt nicht mehr gehen würde.
Der Schmächtige nutzte den Moment und drängte sich an mir vorbei. Er schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel im Schloss herum. Ein schreckliches Geräusch. Jetzt saß ich in der Falle. Instinktiv flüchtete ich, als er zur Tür eilte, weiter ins Zimmer. Ich stand nun fast am Fenster, um Abstand von diesem Typ zu halten, der mehr denn je aussah wie ein armseliges Männchen.
Seltsamerweise habe ich ihn nicht einmal angeschrien. Ich hätte ihn »Arschloch« nennen oder ihm irgendetwas Vulgäres an den Kopf knallen können. Aber ich brachte keinen Ton heraus.
Ich war also die Gefangene des Schmächtigen, der nicht nur unnatürlich dünn, sondern auch noch einen halben Kopf kleiner war als ich. Ich wusste: In meiner Tasche war ein Schlüssel, ich würde hier schon wieder rauskommen, aber wie würde ich zur Tür gelangen, ohne mit ihm in ein Handgemenge zu geraten?
Zum Glück dachte ich keine Sekunde daran, dass einer, der Frauen einsperrt, auch noch ganz anderes anstellen könnte und vielleicht ein Messer oder eine andere Waffe bei sich hat. Nein, ich hatte keine Angst. Ich fühlte mich nicht wie von einem potenziellen Vergewaltiger eingesperrt, sondern eher so, als sei ich durch einen dummen Zufall mit einem zappeligen Yorkshire-Terrier in ein Zimmer geraten, auf den ich zwar aufpassen musste, der mir aber nicht ernsthaft gefährlich werden konnte.
Der Schmächtige hatte offenbar auch keinen Plan, jedenfalls standen wir uns eine ganze Weile gegenüber. Wir bewegten uns keinen Millimeter. Irgendwann muss er sich gesagt haben, dass wir unmöglich stundenlang so dastehen konnten, jedenfalls kam er jetzt langsam auf mich zu, nicht wild entschlossen, eher zögerlich. Ich wich zurück, bis er mich so weit in die Ecke zwischen Bett und Fenster gedrängt hatte, dass ich halb auf der Nachttischlampe saß. Er sagte kein Wort.
Und dann ging doch alles ganz schnell: Als er die Arme nach mir ausstreckte, siegte mein Kampfgeist. Ich packte seine dürren Oberarme und beförderte ihn mit einem festen Stoß rücklings aufs Bett. Ich weiß nicht, ob er vielleicht kurz die Hoffnung hatte, ich würde ihm gleich folgen, aber zumindest rappelte er sich nicht sofort wieder auf, was ich nutzen konnte, um aus dem Zimmer zu fliehen.
Ich rannte auf den Flur, und kaum war ich draußen, geschah etwas sehr Eigenartiges: Ich musste lachen. Ein lautes, herzhaftes Lachen, das mit jedem Schritt heftiger wurde. Einerseits kam es mir seltsam, weil unpassend vor, andererseits beruhigte es mich, weil mir das Lachen die Gewissheit gab, dass ich unbeschadet aus diesem Zimmer herausgekommen war. Ich lachte noch, als ich an der Rezeption ankam, wo ich zu meiner Erleichterung auf Katja stieß.
»Was ist denn mit dir?«, fragte sie eher genervt als besorgt.
»Ich hatte einen Nackten«, sagte ich und musste mir Mühe geben, nicht sinnlos weiter zu lachen.
»Wie nackt?«
»Ganz nackt.«
»Hat er dir was getan?«
»Er hat die Tür hinter mir abgeschlossen.«
»Ach du Scheiße. Und sonst?«
»Sonst nichts.«
Sie sah mich prüfend an. Ich erzählte ihr, wie ich mich befreien konnte und dass ich vor so einem armen Würstchen niemals Angst haben würde.
»Willst du was machen?« Sie überließ es mir, die Lage einzuschätzen.
»Ach was«, sagte ich, nicht so sehr um Tapferkeit bemüht, sondern eher, weil ich wirklich keine Notwendigkeit darin sah, dass sich jetzt auch noch andere mit dem Schmächtigen beschäftigten. Katja nickte. »Kommt vor.«
Wir einigten uns, nicht weiter über den Vorfall zu sprechen. So kam es, dass außer Katja zunächst niemand von dem Vorfall erfuhr, der juristisch gesehen wahrscheinlich sexuelle Nötigung mit Freiheitsberaubung war. Keine Ahnung, wie das genau heißt und welche Art von Strafe die arme Wurst dafür verdient hätte. Der Schmächtige lief mir am nächsten Tag ohne das geringste Anzeichen von Scham über den Weg. Es sah sogar fast so aus,als wollte er grüßen, verkniff es sich aber in letzter Sekunde.
Eigenartigerweise hatte ich den Nackten schnell wieder vergessen. Er hat mich nicht traumatisiert. Ich kam nicht auf die Idee, seinetwegen die Polizei zu rufen, und auch Katja hatte das nicht vorgeschlagen. Nach ein paar Tagen sprach ich über den Schmächtigen wie Angler über Fische sprechen, nur dass mein Angreifer immer kleiner und dünner, immer lächerlicher und dümmer wurde, bis schließlich gar keine Gefahr mehr von ihm ausging.
Außerhalb des Hotels habe ich die Geschichte nur ganz wenigen erzählt, und wenn ich dann zu hören bekam, »Aber so jemanden muss man doch anzeigen!«, wusste ich nicht, was ich sagen sollte.
Es stand nie zur Debatte, die Sache so ernst zu nehmen, wie sie es vielleicht war. Ich befand mich in einer Parallelwelt, in der andere Zeiten und Gesetze gelten als für den Rest der Welt. Instinktiv hatte ich erkannt, dass man im Hotel als Frau lernen muss, über Dinge zu lachen, die definitiv nicht komisch sind.