Der Saubermann
Laura hieß das Zimmermädchen, das von allen am erfolgreichsten darin war, mir das Leben schwer zu machen. Als eine der wenigen war sie fest im Hotel angestellt, und weil sie fest angestellt war, wusste sie, dass ich mich nicht ernsthaft über sie beschweren konnte, wenn sie schlecht putzte. Also putzte sie schlecht, so schlecht, dass ich alle ihre Zimmer noch einmal nachputzen musste. Wobei das die Sache nicht trifft: Nachputzen hätte ja bedeutet, dass sie vorher schon mal geputzt haben musste. Aber das tat sie nicht. Sie überließ mir nicht das Nachputzen, sondern in weiten Teilen das Hauptputzen. Kurz: Laura war eine Katastrophe.
Als ich sie darauf ansprach, sagte sie, es sei doch alles fein gewesen und drückte sich an mir vorbei. Die nächsten Male, als ich sie sah, grinste sie mich nur an. Sagte ich bereits, dass es eine Katastrophe mit ihr war?
Ich sprach mit Frau Gabriel über Laura. Sie sagte, sie könne ihr auch keine Vorschriften machen. Sie riet mir davon ab, damit zu Frau Schmalberg zu gehen: »Geh nicht zum Fürsten, wenn du nicht gerufen wirst«, sagte sie, und ich hielt mich daran.
Die einzelnen Abteilungen eines Hotels, der Service, die Küche, der Empfang, das Housekeeping, sie gehen alle wenig pfleglich miteinander um. Der Tonfall untereinander ist rau, ständig wird gemotzt und gebrüllt. Wir Externen bildeten in diesem Spiel den kleinsten gemeinsamen Nenner: Wir gingen wirklich gar nicht, und zwar für alle gleich gar nicht, und wenn irgendwo ein Problem auftrat, das nur entfernt mit den Zimmern zu tun hatte, war klar, dass das externe Housekeeping mal wieder versagt hatte.
Roland Elbracht, so hieß der Gegelte, der mir am ersten Tag aufgelauert hatte, ging ein besonders schlimmer Ruf voraus. Er war eigentlich nur ein Kollege von Frau Schmalberg, aber vielleicht weil er ein Mann war, glaubte er, sich immer auch ein bisschen wie ihr Chef verhalten zu müssen. Keinesfalls wäre es eine gute Idee gewesen, Lauras Zimmer dem Gast zu überlassen, ohne nachzuputzen. Ich wusste ja, dass Elbracht sie kontrollieren würde. Er hatte sich angewöhnt, meine Zimmer besonders häufig zu kontrollieren. Warum? Vielleicht fand er mich nicht unterwürfig genug, vielleicht wollte er mir auch nur beweisen, dass eine Drei-Sterne-Frau tatsächlich nichts kann.
Wenn er nach einem Fehler suchte, fand er auch einen, auch dann, wenn es gar keinen Fehler gab. Notfalls sorgte er selbst für einen. Ich konnte ihm natürlich nicht nachweisen, dass er es war, der das Kissen falsch zurechtgeknickt oder die Fernbedienung wieder unter die Zeitschriften geschoben hatte. Aber ich war mir ziemlich sicher.
Ich war in Zimmer 570, als Valentina angerannt kam. »Du musst kommen, in die 627, schnell!« Ich versuchte, nicht von der Kofferbank zu kippen, auf die ich mit meinem engen Rock geklettert war – es ging nur, indem man den Rock bis zum Hintern hochschob. Ich betete dabei, dass mich nie ein Gast so antreffen würde.
Elbracht stand in der 627, einem Zimmer, das ich erst vor einer halben Stunde gecheckt hatte. Es war tadellos sauber, dieses Zimmer, als ich es verlassen hatte.
Jetzt aber beugte sich Elbracht im Badezimmer mit seinem schon bekannten Insektenforscherblick über das Waschbecken, als habe er gerade eine neue Marienkäferart entdeckt. Aber er schaute nicht nach einem Tier (ein totes Tier wäre in der Tat ein Problem für mich gewesen, auch wenn ich natürlich immer noch hätte sagen können, dass es erst vor wenigen Minuten hier verendet sein musste). Er beugte sich über ein dunkelbraunes, ziemlich lockiges Haar, das im Waschbecken lag. Elbracht wies mit verächtlich bebender Unterlippe auf das Innere des Beckens. Ich hatte das Haar natürlich sofort gesehen, auch ohne dass ich mich so übertrieben hinabbeugte wie er.
Es lag also ein Haar im Waschbecken von Zimmer 627. Sollte man nicht sofort die Polizei rufen, dachte ich, und die ganze Etage sperren lassen, am besten vielleicht sogar Berlin evakuieren? Natürlich: Ein übersehenes Haar im Waschbecken ist neben einer ungeputzten Toilette das Allerschlimmste, was einem Zimmermädchen passieren kann. Kein Gast soll Spuren des Vorgängers finden, schon gar nicht im Badezimmer, wo die glänzenden Oberflächen Hygiene und Sauberkeit suggerieren sollen. Und weil alle immer besonders kritisch nach Wanne und Waschbecken gucken, übersehen Zimmermädchen auch keine Haare im Waschbecken, auch nicht, wenn sie blond und dünn und nur fünf Millimeter lang sind. Aber dieses Haar war braun, gelockt und mindestens sechs Zentimeter lang. Ein solches Haar in einem schneeweißen Porzellanwaschbecken zu übersehen war so schwierig wie als Insektenforscher eine Hornisse zu übersehen.
Ein Haar im Waschbecken zu hinterlassen ist ungefähr genauso unsinnig wie sich als Mörder hinterm Vorhang zu verstecken, wenn die Polizei kommt. Elbracht guckte tatsächlich ein bisschen wie einer dieser Kriminalkommissare im Fernsehen, der eine halb verweste Leiche entdeckt hat. Finster und, trotz aller Routine, angewidert.
Wenn es nicht so traurig gewesen und mir nicht vor Schreck der Schweiß den Rücken hinabgelaufen wäre, ich hätte lachen müssen. Dass dieses Haar vor einer halben Stunde noch nicht hier gelegen hat, ich hätte dafür mein heiliges Zimmermädchen-Ehrenwort gegeben. Sowohl er als auch ich wusste, dass es ausgeschlossen war, dass ich so blind und unordentlich meine Arbeit machte. Aber ich wusste auch: Das Ganze konnte meinen Rauswurf zur Folge haben, vor allem dann, wenn ich lachte.
Zu meinem eigenen Verdruss hörte ich mich stattdessen stotternd sagen: »Also, das kann nicht sein, das Haar, das kann gar nicht, ich meine, ich weiß es ganz genau, dass das eben … Also, ich hätte …«
Je länger ich stotterte, umso mehr näherte sich meine gefühlte Größe der einer Stubenfliege. Elbracht genoss diesen Moment. Ich glaube, ich habe ihn in der ganzen Zeit im Hotel nie glücklicher und zufriedener gesehen als eben jetzt. Er verschränkte die Arme, seine Augen glänzten, und es hätte mich nicht gewundert, wenn er als Nächstes eine Lupe, oder besser: ein Mikroskop, aus seiner Tasche gezogen hätte, um sich über mich zu beugen.
Es war klar, woher dieses Haar stammte. Es hatte die richtige Länge, die richtige Dicke und die richtige Farbe. Es musste ein Haar von ihm selbst gewesen sein.
Schmierlappen Elbracht begnügte sich nicht damit, seinen Sieg still zu genießen. Als er merkte, dass von mir kein Widerstand kam, holte er tief Luft, blies sich förmlich auf und teilte mir mit, dass dies das Allerletzte sei. Und dass ihm dergleichen noch nie untergekommen sei. Das sagte er in ungefähr siebzehn verschiedenen Formulierungen. Zweimal dachte ich, er sei endlich fertig, aber dann begann er doch wieder von vorne.
Zum Abschluss des Schauspiels musste ich einen Lappen holen und das Haar, dieses schreckliche Ding, vor seinen Augen wegwischen. Am liebsten hätte ich es ihm wieder in seine Gelfrisur gedrückt.
»Es tut mir leid«, sagte ich.
»Ich merke alles«, rief mir Elbracht noch hinterher, als ich zu meiner Kofferbank zurückkehrte.
Vielleicht, dachte ich, ist das ja so ein Ritual, das alle Neuen über sich ergehen lassen müssen. Einmal das Haar des Elbracht entsorgen, bitte. Aber als ich Nadine danach fragte, konnte sie sich an keinen vergleichbaren Fall erinnern. Außerdem sprach gegen die These vom Begrüßungsritual, dass Elbracht das Schauspiel noch ein paar Mal mit mir wiederholte. Da schrie er zwar nicht mehr ganz so lange herum, aber dafür drohte er beim zweiten Mal, mich beim nächsten Mal einfach rauszuwerfen. Und als er mich beim nächsten Mal rufen ließ, diesmal lag das Haar originellerweise in der Badewanne, schrie er, dass es nur seiner Großmut zu verdanken sei, dass er mir noch eine Chance gebe, eine allerletzte wohlgemerkt.
Aus irgendeinem Grund hat im Hotel eine Obrigkeitshörigkeit überlebt, wie sie in den meisten zivilen Berufen seit mehreren Generationen ausgestorben ist. Dass es im OP-Saal hierarchisch zugeht, kann ich ja verstehen. Es können nicht alle operieren und von der schnellen Entscheidung eines Arztes kann ein Menschenleben abhängen. Beim Militär mag das genauso sein. Aber im Hotel? Hier stirbt niemand, jedenfalls kommt es nicht allzu oft vor. Hier haben die starren Hierarchien überdauert, konserviert seit der Belle Époque, der Blütezeit der Grandhotels, ganz so, als hätte es die Frauenbewegung und die Einführung gewisser Arbeitnehmerrechte nie gegeben. In manchen klassischen Hotels sieht es ja auch noch aus wie 1914. Den meisten Vorgesetzten gefiel der hierarchische Stil. Vielleicht sind sie deshalb überhaupt erst ins Hotel gegangen, so wie manche, die auf das Oben und Unten stehen, beim Militär landen. Manchen Gästen gefällt es sicher auch. Sie lieben es, dass es dieses Oben und Unten gibt. Weil sie ja oben sind.
Ein paar Abende nach dem letzten Haarfund saßen Nadine und ich nach der Schicht noch kurz in unserer Abstellkammer zusammen. Nadine pellte eine Apfelsine und erzählte von einer Freundin. Die arbeitete in einem Vier-Sterne-Haus, das nebenbei auch regelmäßig das Catering für Großveranstaltungen ausrichtete. »Sie musste an Silvester die Platten fürs Buffet mit ihrem Wagen durch die ganze Stadt fahren, weil der Chef keinen Führerschein mehr hatte und der Koch schon ordentlich betrunken war. Mit einem Kleinwagen voller Lachs und Gemüsedips quer durch die Stadt! Sie ist acht Mal hin-und hergefahren, bis das Zeug alles drüben war – und die haben ihr Essen natürlich viel zu spät bekommen. Sie hat nicht mal Benzingeld gekriegt.« Sie tippte sich an die Stirn.
Ich war froh, dass ich Nadine hatte. So resolut sie ihre Arbeit erledigte, so entschieden riet sie mir, mich von Elbracht nur ja nicht unterkriegen zu lassen. Sie tippte sich schon wieder an die Stirn, wobei ich mich mal wieder fragte, wie man mit so langen Fingernägeln überhaupt arbeiten konnte.
Es war schon fast zehn Uhr abends, höchste Zeit also, endlich zu gehen, aber wie so oft fehlte uns schlicht die Kraft, beschwingt nach Hause zu laufen, um noch etwas zu unternehmen.
Weil der Raum so klein war, dass nicht mal ein Mülleimer hineinpasste, brachte Nadine den Müll in die Wäschekammer nebenan. Plötzlich wurde es dort laut. Ich hörte Nadine schimpfen, das Berlinerische war nun nicht mehr zu überhören, und eine hohe männliche Stimme quiekte etwas zurück. Ich sah nach und entdeckte Nadine in der hinteren Ecke des Wäscheraums, wo sie sich breitbeinig vor einem Auszubildenden aufgebaut hatte.
»Guck dir den kleinen Scheißer an«, rief sie aufgeregt und stemmte beide Arme in die Hüften. Der Azubi war höchstens neunzehn, erschreckend dünn und hohlwangig. »Ey, jetzt reg dich nicht so auf«, er hatte eine Stimme wie ein Mädchen. »Der hat uns belauscht!«
Der Dünne schüttelte den Kopf. »Schwachsinn. Ich hab was gesucht.«
Nadine schnaubte. Sie hatte ihn beim Müllwegwerfen entdeckt. Er stand hinten in der Ecke und presste sein Ohr an die Lüftung, die den Wäscheraum mit unserer Kammer verband. Im Dunkeln. Er trollte sich schließlich und zeigte sich von unserer Wut nicht sonderlich beeindruckt.
Wir waren uns sicher, dass es Elbracht war, der ihn zu uns geschickt hatte. Was erwartete Elbracht, bei uns zu hören? Lästereien über sich selbst? Damit hätten wir in der Tat Abende füllen können, aber weil es so offensichtlich war, dass der Mann ein missgünstiges Aas war, verbrachten wir nicht allzu viel Zeit damit, uns dessen zu versichern.
Um zu wissen, was vor allem ich von ihm halte, hätte er, wenn er wenigstens ein bisschen Grips unter seiner gegelten Haarpracht gehabt hätte, nicht eigens einen Spitzel beauftragen müssen. Mir tat der Junge leid.