Fundsachen

Nach ungefähr drei Wochen hatte ich mich an die Dildos gewöhnt. Mein erster, ich fand ihn schon nach ein paar Tagen, war ein dunkelblauer Delfin und steckte in der Ritze zwischen den Matratzen. Nadine machte sich lustig über mich, weil ich das Teil auf keinen Fall anfassen wollte. Schneller als ich gucken konnte, hatte sie den Delfin in eine Tüte gepackt und vor die Tür gelegt. Wir mussten alle Fundsachen aufbewahren für den Fall, dass die Gäste sie zurückhaben wollten.

Mag sein, dass ein Hotelaufenthalt die Menschen zu erhöhter sexueller Aktivität verleitet. Dass Hotelgäste Prostituierte mitbringen, sie aufs Zimmer bestellen oder direkt am Empfang ordern, ist in den meisten Hotels der gehobenen Klasse Standard. Selbst im Central sind die Nutten ein und aus gegangen. Man ist in fremder Umgebung, keiner kennt einen, man kann ja mal was ausprobieren, und danach verschließt man es hinter der Zimmertür.

Einmal stand Valentina mit einem seltsamen Ding im Flur, das eine Mischung aus Luftpumpe und medizinischem Gerät zu sein schien, nur dass es weinrot war und offensichtlich auch noch ein Batteriefach hatte. »Was ist das?«, fragte sie. Ich wusste es auch nicht. Sicherheitshalber hoben wir das Teil im Regal des Housekeeping-Büros auf, bis uns Nadine kreischend fragte, was um alles in der Welt wir denn mit einer Penispumpe vorhatten.

Ziemlich oft blieben benutzte Kondome herrenlos im Zimmer zurück. Sie fanden aus irgendeinem Grund nur sehr selten den Weg in die Mülleimer, sondern blieben stattdessen neben den Betten oder unter der Decke liegen. Vielleicht brauchten manche Gäste diese Überreste als Trophäen: Seht her, was ich geleistet hab heut Nacht! Manche Männer finden es ja auch cool, wenn sie morgens nach der Party in jeder Ecke ihrer Wohnung noch Bierflaschen und andere Reste vom Gelage finden.

Und offenbar gab es Gäste, die sich an dem Gedanken erfreuten, dass im Hotel jemand kommt und die Kondome, die Dildos und die Handschellen wegräumen muss. Ich versuchte mir vorzustellen, worin der Reiz besteht, erst mit derlei Utensilien um sich zu werfen, danach zum Frühstück zu gehen und genau zu wissen, dass die, die da gerade mit einem Berg Handtücher im Arm über den Gang hastet, gleich das zweifelhafte Vergnügen haben wird, die nächtlichen Ergüsse wegzuputzen.

Es gibt in allzu ekligen Fällen auch ein Gegenmittel, eine Art Geheimwaffe. Ich nenne sie »Die Rache der Zimmermädchen«. Wer es übertreibt mit den Schweinereien im Zimmer, der sollte, nur so als Tipp, unbedingt seine Zahnbürste wegräumen, bevor geputzt wird. Sonst kann es sein, dass die Toilette mit einer Bürste gereinigt wird, die dafür viel zu klein und daher eigentlich ungeeignet ist. Das ist die Höchststrafe. Es passiert nur sehr selten und nur in begründeten Ausnahmen. Eine mildere Strafe besteht darin, den Fernseher, der im Hotel auch als Wecker dient, auf vier Uhr nachts zu programmieren. Wer sich also jemals wunderte, warum mitten in der Nacht sein Fernseher anspringt, der darf sich berechtigterweise Gedanken machen über sein Verhalten als Gast.

Ich sah Katja und Sara in dieser Zeit nicht mehr so oft wie früher, als wir noch zusammen arbeiteten, aber so oft es ging, trafen wir uns nach der Arbeit auf einen Cocktail im Maroosh oder auf eine Flasche Wein in meinem Zimmer. Sara war im Berlin Noble gelandet, einem Vier-Sterne-Haus in Mitte, und auch Katja war Hausdamenassistentin geworden, in einem Tagungshotel.

»Ich hasse Bademäntel«, sagte Sara einmal. Wir saßen auf meinem Sofa und Sara schüttelte sich. »Wieso das denn?« Ich hatte mit ihnen bisher keine Probleme gehabt.

»Die ziehen die Perversen an!«

Sara war zwei Tage zuvor gebeten worden, einem Gast noch einen Bademantel aufs Zimmer zu bringen.

»Und dann klopfe ich, nix, klopfe noch mal, wieder nix. Dann bin ich rein und hab noch mal gerufen ›House-keeping! ‹, nix. Die haben mich ganz ins Zimmer latschen lassen. Und dann: Bingo. Liegen da zwei nackte Tanten breitbeinig auf dem Bett!«

Das Ganze habe sie an einen Porno erinnert, und ihr schoss der Gedanke durch den Kopf: Vielleicht dreht hier jemand – und ich bin mit im Bild.

»Und?«, fragte ich. Sara schüttelte sich.

»Na ja, nichts. Ich hab die Mäntel auf die Kofferbank gepfeffert und bin raus. Die ticken doch nicht richtig.«

Katja hatte ungefähr zur gleichen Zeit mit einer Gruppe Basketballprofis zu tun, die sich für ein dreiwöchiges Trainingslager in ihrem Hotel einquartiert hatte. Die Mannschaft nahm mit Trainern, Masseuren, Physiotherapeuten und Ärzten eine halbe Etage ein – die sie ohne Scham nach wenigen Tagen in eine Art Bordell verwandelten. Die Prostituierten spazierten von einem Zimmer zum nächsten.

»Wenn sie nicht sowieso alle zusammen auf einem Haufen herumliegen.«

Katja verdrehte die Augen. Die Spieler fragten mehrfach an, ob Katja und ihre Kolleginnen nicht auch mitmachen wollten. Sie lehnten jedes Mal dankend ab, wechselten aber bald die Handtücher auch dann aus, wenn im Bett noch gevögelt wurde. Sie wären sonst mit ihrer Arbeit nie fertig geworden.

Eine Kollegin, die an der Rezeption arbeitete, hätte wirklich mal sehr schnell viel Geld verdienen können. Sie stand bei uns im Housekeeping-Büro und hatte eine neue VIP-Liste dabei.

»Da hat eine ganze Delegation eingecheckt, alles wichtige Leute, Botschaftsmitarbeiter, alle piekfein und gepflegt«, erzählte sie.

»Und dann kommt gestern der eine Typ um kurz nach Mitternacht noch mal runter und fragt mich, ob ich nicht mit hochkommen will: I give you three thousand Euros. Ich: Sorry, but I am not a professional. I work here. Er: That’s what I want. Der Typ wollte keine Nutte, der wollte ein ganz normales Mädel. Dann hat er mir fünftausend geboten, und ganz ehrlich: Der war nicht mal hässlich oder ekelig.«

Die Kollegin hat dann doch lieber auf das Angebot verzichtet, aber so ganz ging es ihr nicht mehr aus dem Kopf: »Ab wann ist man käuflich? Da fängste doch an zu überlegen.«

Es war in einer meiner ersten Wochen im Royal, als ich durch die Etagen ging, um in den Bleiberzimmern zu überprüfen, bei wem die Mädchen putzen konnten. Ich vollführte an jeder Tür mein übliches Ritual. Aus Zimmer 300 kam schon nach dem ersten Klopfen ein entspanntes »Ja, kommen Sie rein«, und ich trat ein, um schon mal die Handtuchlage zu checken und zu gucken, ob dem Gast etwas fehlte. Dass dem bärtigen Dicken am Schreibtisch etwas fehlte, sah ich auf den ersten Blick. Er saß nackt auf dem Schreibtischstuhl und tippte, ohne eine Miene zu verziehen, etwas in seinen Laptop.

Der Mann war ungewöhnlich dick, ein wahrer Koloss, der zwei Meter Abstand zum Tisch halten musste, um seinen Wanst noch vor die Tischplatte zu bekommen. Er musste richtig lange Arme machen, um an sein MacBook zu kommen, und sein Bauchfett lag in Falten auf seinen Knien. Er saß auf einem gelben Handtuch, das definitiv nicht aus dem Royal stammte. Er musste es von zu Hause mitgebracht haben.

Ich blieb stehen. Der Mann arbeitete und beachtete mich nicht.

»Möchten Sie Service?«, hörte ich mich fragen. Ich spulte einfach mein normales Programm herunter.

»Nein, danke, ist alles in Ordnung«, sagte er nur. Er drehte sich nicht einmal zu mir um und tippte einfach weiter. Gott sei Dank sah ich ihn nur von der Seite, seine massigen Schenkel verdeckten Intimeres, aber ich blieb doch lange genug in der Tür, um zu sehen, dass sein haarloser, schneeweißer Hintern ein Stück über die Sitzfläche des Stuhls hing. Ich schnappte mir schnell die »Bitte nicht stören«-Karte und verschwand aus dem Zimmer. Die Karte hängte ich draußen an die Tür. Diesen Anblick wollte ich jeder anderen gerne ersparen.

Besonders heikel war der Turn-Down-Service am frühen Abend, wenn die Betten zum Schlafengehen hergerichtet werden, die Tagesdecke verschwindet und die kleinen Fußmatten vor die Betten kommen. Nicht selten sind die Gäste dann im Zimmer, machen sich fertig für das Abendessen oder entspannen vom Arbeits- oder Einkaufstag. Ein direkter Kontakt ist also oft nicht zu vermeiden. Ich weiß nicht genau, wie hoch der Anteil der allein reisenden männlichen Gäste war, die uns dabei halbnackt begegneten. Er war jedenfalls ziemlich hoch. Man könnte meinen: Wenn jemand klopft, also, wenn ich klopfe und »Housekeeping« und den Nachnamen rufe, so das Ritual, kann derjenige, der drinnen ist, bevor er »Ja« oder »Herein!« sagt, sich doch etwas überziehen. Es gibt Hosen. Es gibt Hemden. Auch für die, die gerade zufällig aus der Dusche kommen, gibt es Möglichkeiten, ihre Nacktheit zu bedecken, zum Beispiel mit einem von Saras so verhassten Bademänteln.

Es war auffallend, wie oft vor allem Männer am frühen Abend unter der Dusche standen. Im Royal begegneten mir ständig welche, die nur ein kleines Handtuch um die Hüfte geschlungen hatten. Das kannte ich von den Männern aus meinem privaten Umfeld nicht. Die duschten entweder am Morgen oder zogen sich nach dem Duschen auch wieder an. Fünf-Sterne-Männer sind ganz offenbar ein Musterbeispiel an Reinlichkeit. Oder duschten die nur, weil sie wussten, dass gleich noch ein Zimmermädchen vorbeikommt?

»Möchten Sie nicht noch einen Moment bleiben?«

Mich traf fast der Schlag, als der Typ mir diese Frage stellte. Ein untersetzter Mittvierziger mit lichtem Haarkranz  – ein Mann, den man auf der Straße übersehen würde und dem man, träfe man ihn bekleidet im Fahrstuhl, nichts Böses zutrauen würde. Er stand im Bademantel vor mir, aber er hantierte mit der Kordel herum, sodass es nur noch eine Frage von Sekunden war, bis das Frotteestück sich öffnen würde wie ein Vorhang. Ich dachte an den Nackten im Central und trat sofort den Rückzug an, auch wenn ich die Tagesdecke noch gar nicht ordentlich in den Schrank gelegt hatte, aber das war mir in dem Moment dann auch egal.

Situationen wie diese erlebte ich im Royal immer wieder. Auch sehr beliebt war die Frage, welcher Service denn im Turn-Down-Service noch enthalten sei.

»Was können Sie mir denn noch so bieten?«

Alles immer mit einem Lächeln vorgetragen. Ich tat stets, als hätte ich die Frage gar nicht gehört. Und tatsächlich war ich bald ziemlich gut im freundlichen Überhören  – und wurde beim Tagesdeckeweglegen ein Wunder an Schnelligkeit.

Heute frage ich mich, warum ich diesen Mist so einfach erduldet habe. Warum kam ich gar nicht mehr auf die Idee, die Nackten unten an der Rezeption zu melden, auf dass sie nie wieder nackt eine Tür öffnen und eine Frau mit schmierigen Angeboten zum Bleiben aufforderten? Ich glaube, ich tat es nicht, weil ich irgendwann tatsächlich geglaubt habe, das sei normal. So sind die Menschen. Man muss sie lassen. Nach nur sechs Monaten im Luxushotel hatte sich mein Menschenbild eindeutig verändert.

Der Room-Service hatte in dieser Hinsicht noch weniger Spaß als wir. Ich weiß, dass manche weiblichen Angestellten sich weigern, nach Einbruch der Dunkelheit noch etwas in die Zimmer zu bringen. Ein männlicher Gast, der nachts um halb drei einen Tee bestellt, hat ja keinen blassen Schimmer, was er damit beim Zimmerservice für ein Unwohlsein verursacht.

Es gibt zwar ein Gäste-Warn-System, ein Notizsystem im Hotelcomputer, in dem vermerkt wird, wenn ein Gast eincheckt, der schon einmal Frauen belästigt hat. Es ist aber ganz schön schwierig, einen solchen Eintrag zu bekommen. Nur mal nackt die Tür geöffnet zu haben reicht dafür jedenfalls nicht aus.

Das Erregungspotenzial, das von unserem Berufsstand ausgeht, ist enorm. Wer das nicht glaubt, der gebe bitte mal »Zimmermädchen« bei der Google-Bildersuche ein. Was man da zu sehen bekommt, hat mit dem Alltag von Zimmermädchen nichts zu tun. Kostüme sind das. Ich wüsste nicht, in welchem Hotel jemand so kurze Röckchen und geschnürte Mieder als Berufsbekleidung trägt. Die Bildersuche führt einen auch zu einem Foto auf Welt Online, auf dem man einem Zimmermädchen (in Phantasieuniform) halb unter den Rock schauen kann. Das Mädchen sitzt einem Gast fast auf dem Schoß, und der Gast, das Hemd halb aufgeknöpft, hat sich zurückgelehnt und reicht der Frau Feuer. Bildunterschrift: »Wie dieser Hotelgast würden wohl die meisten Männer reagieren, wenn sich ein hübsches, junges Zimmermädchen auf ihr Bett setzt.« Ach ja, womöglich auf das eines hässlichen, alten Welt-Online-Redakteurs? Das Ganze wurde nicht im Jahr 1956 veröffentlicht, sondern im Jahr 2010. Wie viele Pornos von Zimmermädchen handeln, will ich gar nicht erst wissen.

Was genau ist es, was Menschen, die anderen ein Zimmer säubern, einen Tee bringen oder eine Cola in die Minibar stellen, zu einer so beliebten Wichsvorlage macht? Glauben unsere Gäste wirklich, wir seien leicht zu haben? Und wie passt es zusammen, dass die gleichen Männer, die uns morgens übersehen, uns abends, wenn wir noch mal die Vorhänge glatt ziehen, unvermittelt zum Sex auffordern? Glauben sie wirklich, dass von ihnen, weil sie in einem Zimmer übernachten, das für uns unerschwinglich teuer ist, ein unwiderstehlicher Reiz ausgeht?

Wir sind die ideale Projektionsfläche für Phantasien aller Art: Frauen, die immer zu Diensten sind, ohne jeden Widerspruch. Wir erfüllen ja auch sonst jeden Wunsch. Und: Je jünger die Frau und je niedriger ihr Status, umso derber die Anmache.

Ich möchte all jenen Männern mit Zimmermädchenphantasien eine Illusion rauben: Niemand träumt von euch. Niemand. Ich habe Hunderte von Frauengesprächen im Hotel miterlebt, und es ging um alles, aber es ging nie um einen Gast, der eine besondere Faszination auf eine von uns ausgeübt hätte oder zu dem man sich gerne mal ins Bett gelegt hätte.

Die Chance, ein Zimmermädchen zum Sex zu überreden, ist nicht größer als die, eine wildfremde Frau auf der Straße zum Sex zu überreden. Nur dass es sich die Männer auf der Straße nicht trauen, weil ihnen eine Handtasche, ein Regenschirm oder ein paar unschöne Worte entgegenfliegen könnten.

Im Hotel zeigt sich die hässliche Fratze der Männlichkeit, und in der gehobenen Hotellerie zeigt sie sich mit Abstand am deutlichsten. Eine Nacht im Hotel scheint für den allein reisenden Mann eine harte Prüfung zu sein: Schaffe ich es oder schaffe ich es nicht, mich zu benehmen? Ich glaube, nicht viele bestehen diesen Test.

Die Hotels kennen natürlich die Phantasien, die wir auslösen.

»Je blonder du bist, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass du an der Bar arbeitest«, so sagte es einmal eine Kollegin.

Kein Restaurantleiter verweigert einem wohlhabenden Gast den Wunsch, heute nur von »der Kleinen dahinten« bedient zu werden. Und wenn dieser ihr dann an den Hintern fasst, wird ebenjener Restaurantleiter das mit großer Wahrscheinlichkeit nicht sehen.

In den meisten Hotels drohen dem Gast keinerlei Konsequenzen. Er weiß, dass die Frauen, die er da belabert oder belästigt, nichts sagen werden. Nichts sagen dürfen. Das Management duldet, dass Männer junge Frauen belästigen. Würden sie einschreiten, könnte ihnen passieren, was sie am meisten fürchten: Sie könnten einen gut zahlenden Kunden verlieren.

Als ich im Royal anfing, hatte ich mir vorgenommen, mindestens drei Jahre zu bleiben. Das macht sich besser im Lebenslauf, sagte ich mir. Aber je länger ich im Royal arbeitete, umso sicherer war ich mir, dass ich das nicht schaffen würde. Vielleicht wären ja auch zwei Jahre genug, oder sogar noch weniger? Es ereignete sich schließlich ein Vorfall, der mich in diesem Entschluss nachdrücklich bestärkte.

Schon in der Ausbildung lernte ich, dass der korrekte Gebrauch der Klobürste nicht jedem Gast bekannt war. Auch die Tatsache, dass manchmal Spuren an Stellen der Toilette zu finden waren, die ein Normalsterblicher oder Normalverdauer niemals treffen würde, akzeptierte ich irgendwann. Mochte es einfach gelenkigere Toilettenbesucher geben.

Leider reizte aber nicht nur die für diese Zwecke bekanntlich vorgesehene Toilette die Gäste zur Verrichtung der täglichen Bedürfnisse. Es kam vor, dass in den Betten etwas danebenging. Manchmal war der Abfluss in der Dusche seltsam verstopft, und mehr als einmal hatten Valentina und ihre Kolleginnen schimpfend die Mülleimer mit überraschendem Inhalt auf den Flur gestellt.

»Wer macht denn so was?«, hatten wir uns dann immer gefragt. Wer schon? Offenbar Leute, die beim Check-in nachfragen, wie lange die Bar geöffnet hat, die gerne ein Badelaken mehr hätten, die sich im Spa massieren lassen und beim Frühstück zwei Spiegeleier essen – ganz gewöhnliche Gäste halt.

Es war ein Montag in meinem achten oder neunten Monat im Royal, ich hatte tatsächlich am Wochenende frei gehabt und war mit meinem Bruder beim Sport gewesen, hatte bei meiner Mutter Kaffee getrunken und Sonntag mal wieder richtig ausgeschlafen.

Alles verlief so wie immer, das Morgenmeeting, das Credo (»Wir lassen unseren Gästen ein Höchstmaß an persönlichem Service zuteilwerden und erahnen alle ihre Wünsche«), die Teambesprechung mit Frau Gabriel. Ich war heute für die Etage zuständig, in der die VIPs untergebracht wurden, Prominente, Schauspieler, Vorstände aus großen Firmen, die man auch manchmal im Fernsehen sah, Moderatorinnen von Celebrity-Sendungen und steinreiche arabische Familien.

Ich beschloss, noch schnell auf der Feuertreppe eine zu rauchen und erst dann in meine Etage hochzugehen, aber zu dieser Zigarette kam ich nicht mehr. Schon als ich aus dem Fahrstuhl trat, stieg mir der Geruch in die Nase. Ich mag eine besonders feine Nase haben und gehe damit sicher auch manch einem auf die Nerven. (»Puh, hier mieft’s, du musst mal wieder lüften« – mit der Bemerkung habe ich mich schon bei mehr als einem Mann unbeliebt gemacht.) Aber das hier war definitiv nicht nur für empfindliche Nasen zu bemerken. Was das war, was da so stank, war auch von Anfang an unmissverständlich klar. Es stank nach Scheiße.

»Große Güte«, dachte ich, »was ist denn hier passiert?«

Man war ja einiges gewohnt, aber das hier war kein Mülleimer, den jemand zweckentfremdet hatte. Hier roch es, als sei ein Güllefahrzeug umgekippt. Und ich roch sofort, woher das kam: von ganz hinten links.

»Oje, ich will da nicht rein«, durchzuckte es mich, aber ich wusste: »Du musst da jetzt rein.«

Ein Problem sehen und es nicht sofort zu lösen suchen  – bei so einer Drückebergerei brauchte man sich nicht erwischen zu lassen.

Je näher ich kam, umso schlimmer stank es. Ich versuchte, nur ganz flach durch den Mund zu atmen und hatte Angst, dass gleich die übrigen Zimmertüren aufgehen würden und eine Schar empörter Gäste hustend und keuchend von der Etage flüchten würde. Es war halb sieben, die ersten würden bald kommen.

Ich klopfte. Wen oder was erwartete ich? Dass mir eine frisch geduschte junge Dame im Seidennegligé öffnete, sicher nicht. Ich klopfte noch einmal und öffnete die Tür schließlich mit meiner Generalkarte. Der Gestank war abartig. Ich musste würgen und schaffte es doch, wenigstens einen Blick ins Zimmer zu werfen.

Ich werde diesen Anblick nie vergessen. Der Mief kam nicht aus dem Bad. Hier hatte keiner danebengemacht oder auf den Klodeckel gekackt. Jemand hatte die gesamte Wand über dem Doppelbett mit Scheiße beschmiert. Von oben bis unten. Mit den Fingern, das sah man am Wischmuster. Die Scheiße klebte überall, am Kopfkissen, an der Tagesdecke, am Schränkchen neben dem Bett. Einzig die Nachttischlampe stand ordentlich mitten im Geschmiere. Ich schaffte es irgendwie zum Fahrstuhl zurück, ohne mich zu übergeben, aber es war knapp.

Die Etage wurde danach für einige Tage gesperrt. Der Teppich wurde ausgetauscht und alle Stoffe entsorgt (auf Kosten des Gastes). Nur die Tapete konnte bleiben. Sie war wie in den meisten Hotels mit abwaschbarer Farbe gestrichen.