Extrabetten

Ein Zustellbett, das klingt harmlos, aber dahinter verbirgt sich der blanke Horror. Zustellbetten, das sind Betten, die zusätzlich in einem Zimmer aufgestellt werden. Meistens für ein bei den Eltern schlafendes Kind, manchmal auch für Erwachsene, die sich zu dritt ein Zimmer teilen. Abgesehen davon, dass ich es rätselhaft finde, warum sich manche Erwachsene lieber zu dritt ein Zimmer teilen als ein Einzelzimmer dazuzubuchen, was nicht wesentlich teurer ist, so ist die bloße Tatsache, dass es Zustellbetten für Erwachsene überhaupt gibt, ein Skandal, über den weite Teile der Bevölkerung definitiv zu wenig wissen.

Ziemlich sicher bucht der Gast ein drittes Bett, ohne zu ahnen, welche Arbeit dahintersteckt, bis es endlich im Zimmer steht. Eine Arbeit, die durch eine unglückliche Fügung des Schicksals zu meinem Job gehörte. Eigentlich hätte man für diese Schlepperei ausschließlich Männer engagieren müssen, Männer, die so gebaut sind wie die Typen, die bei meiner Nachbarin ständig ein und aus gehen und die so dicke Armmuskeln haben, dass die Arme von ihrem Rumpf abstehen wie bei Playmobilmännchen. Leider gab es im Housekeeping eindeutig zu wenig Männer.

Diese zusätzlichen Betten sind keine Klappliegen, wie man sie vielleicht von Ikea kennt. Der Gast soll auch auf dem Zustellbett liegen wie auf einem richtigen Hotelbett, das heißt, er soll auf einer festen, schweren Matratze liegen und das Gefühl haben, dass auch sein Rücken etwas davon hat, dass er so ein teures Zimmer gewählt hat. Fest und schwer, das war das Problem.

Die Zustellbetten im Royal bestanden aus einem Massivholz-Gestell, einem Lattenrost und einer Matratze. Am Kopfende war ein Rollbrett angebracht, sodass man das Bett, nachdem man es hochgewuchtet hatte, über den Gang ins Zimmer rollen konnte.

Zu meinem Leidwesen standen die Zustellbetten nicht in einer verborgenen Ecke der Zimmer, nein, sie wurden nur in bestimmten Offices gelagert, oft Etagen vom Bestimmungsort entfernt. Einmal hatte ich bei dem Versuch, mit so einem Bett in den Aufzug zu kommen, meinen Beeper zerstört. Er wurde zwischen Bett und Fahrstuhltür zerquetscht und hinterher hieß es, er habe mehrere hundert Euro gekostet.

Die Kunst bestand darin, auf dem Weg zum Zimmer nicht von einem umkippenden Bett erschlagen zu werden und es im Zimmer, ohne Mobiliar zu zertrümmern, wieder auf seine vier Füße zu stellen. Ein Erwachsenenbett wog gut und gerne so viel wie ein Dreiersofa und ich war mir sicher, dass mich irgendwann so ein Bett erschlagen würde. Ich würde tot unter dem Bett liegen und mein Telefon würde klingeln und klingeln und unten an der Rezeption würden sie sich mächtig aufregen, warum ich nicht drangehe. Nach dem fünften Anruf würden sie nach mir suchen lassen und schließlich ziemlich wütend sein, weil man eine Etage, auf der eine tote Angestellte herumgelegen hat, erst mal eine Weile nicht benutzen kann.

Ich hatte zwölf Zustellbetten an diesem Mittwoch, nur für den Vormittag. Ich schleppte nicht nur die Betten in die Zimmer, sondern auch zusätzliche Laken, Tagesdecken, Handtücher, Shampoo und Seife – alles eben, was dem Zustellgast sonst gefehlt hätte. Als ich die zwölf Zimmer endlich fertig hatte – ich fühlte mich, als bräuchte ich eine Dusche, eine Massage und einen großen Latte macchiato mit Vanillesirup –, rief mich der Empfang an: »Anna, hier ist Betty, machst du mal die 702 fertig? Die brauchen noch ein Bett dazu und ein Hunde-Treatment. Die Gäste stehen schon hier.« Betty klang wie immer leicht genervt. Genervt von mir. Das war der übliche Tonfall der festangestellten Rezeptionisten. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern, dass mal jemand »Danke« zu mir gesagt hätte oder »Bitte«. Betty war also gestresst von den Gästen, die schon da standen, ein bisschen zu früh natürlich, und darum nervte sie jetzt mich.

»Du dusselige Kuh, warum sagst du mir das mit der 702 nicht früher? Ich war eben in der siebten Etage, es hätte mir viele Wege erspart, wenn ich diese Information, die in deinem Computer sicher seit gestern Abend gespeichert ist, eine halbe Stunde vorher bekommen hätte.« Dachte ich mir, aber ich sagte nur: »Okay, mach ich.«

Und dann dachte ich weiter: Wenn es mich diesmal erschlägt, das Bett, dann war mein letzter Satz: »Okay, mach ich«, und das war definitiv kein schöner letzter Satz.

Ich hetzte also umgehend in die siebte Etage und zerrte das dreizehnte Zustellbett für diesen Tag aus dem Office. Es würde wieder zwanzig Minuten dauern, bis alles aufgebaut war, zwanzig Minuten, die mir später fehlen würden. Und dann auch noch dieses verdammte Hunde-Treatment, der Napf, Hundefutter und eine Decke, das musste alles nicht weniger hübsch arrangiert werden als die Sachen für die menschlichen Gäste. Zu dritt mit Hund in ein Zimmer, dachte ich, wieso kommen sie nicht gleich zu elft? Ich könnte auch das ganze Zimmer in ein einziges Matratzenlager verwandeln, so wie man es aus Berghütten kennt. Ob ich den Hotelmanager auf die Idee bringen sollte? Buchen Sie Berghütten-Zauber mitten in Berlin, zum Vorzugspreis für zweihundertneunzig Euro die Nacht, ein Käsefondue inklusive. Obwohl: Ich wollte gerne auf die Erfahrung verzichten, wie es in solchen Zimmern am Morgen danach riecht.

In der 702 ließ ich das Bett auf den Boden knallen, drückte es in die Ecke und rannte ins Office zurück, um Bettzeug, Handtücher und die Sachen für den Hund zu holen. Das Handy piepte schon wieder. Wo war die verdammte Hundedecke? Ich raffte das Bettzeug, angelte nach dem Hundenapf und sprintete wieder zum Zimmer zurück. Inzwischen war mir so warm, dass es hinter meinen Schläfen pochte. Handtücher ordentlich hinhängen, Kopfkissen klopfen, die Tagesdecke richtig falten, Hundedecke ausbreiten, Trockenfutter.

Ich habe sicher nicht mehr als zwanzig Minuten gebraucht, bis ich fertig war und dem Empfang meldete, dass das Zimmer nun beziehbar sei. Und was kam von unten als Antwort auf den ganzen Stress? Womit wischte diese braungebrannte Blondine mit den gebleachten Zähnen allen Sinn meiner Arbeit hinweg? »Hat sich erledigt, wir haben ihnen die Junior-Suite gegeben. Hat zu lange gedauert.« Kein »Entschuldigung«, nicht mal ein »Sorry«, stattdessen jede Menge Vorwurf in der Stimme. »Zu lange gedauert«, Betty hatte das wirklich gesagt. Ich verspürte Lust, nach unten zu rennen, sie an ihren perfekt frisierten Haaren zu packen und nach oben in die siebte Etage zu zerren, um sie das Zustellbett aus Zimmer 702 wieder wegräumen zu lassen.

Sie wusste natürlich genau, dass ich den ganzen Mist jetzt mit dem gleichen Aufwand wieder zurückräumen musste, weil in der 702 nun kein Dreier und auch kein Hund übernachten würde.

Ich ließ mir beim Wegräumen etwas mehr Zeit. Ich war zu schwach, meine Arme zitterten und die Wut war einfach zu groß. Wie. Konnte. Sie. Das. Wagen. In solchen Momenten passieren Unfälle, dachte ich. Aber es passierte keiner, stattdessen war eine halbe Stunde später alles wieder so, als hätte es den Zwischenfall nie gegeben.

Dafür bekam ich kurz darauf den nächsten Anruf der gebleachten Kollegin vom Empfang: »In der Junior-Suite sind nicht genügend Handtücher. Und das Hunde-Treatment fehlt auch. Ich dachte eigentlich, du denkst mit.«

Selbstbeherrschung ist mit das Erste, was man im Hotel lernt. Werde nie, nie, nie wütend oder aufbrausend oder zickig oder laut und schon gar nicht alles zusammen.

Ich bin ohnehin kein lauter Typ, niemand, der gerne mit möglichst viel Krach auf sich aufmerksam macht. Und bei der Arbeit hätte ich es erst recht nicht gewagt, Krawall zu schlagen.

»Willst du mich verarschen?« Es war mir leise herausgerutscht, eher gemurmelt und zu mir selbst gesprochen. Ich war wütend genug, um meine Disziplin für den Bruchteil einer Sekunde zu vergessen.

Auf der anderen Seite vernahm ich nichts, und weil ich auch nicht wusste, was es jetzt noch zu sagen gab, legte ich einfach auf.

Es war klar, dass das ein Nachspiel haben würde. Vielleicht schon sehr bald, dachte ich, und war darauf gefasst, dass mein Telefon noch einmal klingeln und mich jemand aus der Rezeption nach unten beordern würde. Aber das Telefon blieb den Rest des Tages ruhig.

Stattdessen nahm mich eine Woche später Frau Gabriel zur Seite. Sie erzählte mir, dass die Empfangschefin mit ihr gesprochen hatte: »Schmeißen Sie die K. raus«, hatte die nur gesagt. Keine weitere Erklärung. Frau Gabriel wollte von mir wissen, was passiert war. Ich erzählte es ihr. Als ich fertig war, nickte sie nur. Sie warf mich nicht raus.

Sie brauchte es auch gar nicht. Ich wollte eh weg von hier. Weg von dem Ort, an dem Luxus auf Kosten derer ermöglicht wird, die ihn sich niemals würden leisten können: ein Fünf-Sterne-Hotel, das Zimmermädchen bezahlt wie Tagelöhner und das Praktikanten einstellt, die ein ganzes Jahr lang bleiben und die dabei nichts oder fast nichts verdienen. Das passt einfach nicht zusammen.

Bevor ich jetzt zur Klassenkämpferin wurde, würde ich es erst mal mit einem Jobwechsel versuchen. Am besten weit weg, am besten irgendwo, wo es keine Fremdfirmen gab. Ich hatte mich umgesehen. Bald würde ich auf einem Schiff anheuern, vielleicht brachte mir das ja genügend Abstand zur Berliner Fünf-Sterne-Welt.

Die Empfangschefin habe ich in den letzten Wochen noch ab und zu gesehen. Ich habe sie jedes Mal allerhöflichst gegrüßt. Auch die Gebleachte grüßte ich bis zum letzten Tag so freundlich, wie es irgend ging.

Neu waren die kleinen roten Pusteln, die ich eines Morgens plötzlich auf meinen Händen und meinen Unterarmen entdeckte. Rechts und links. »Stärke-Allergie«, sagte Frau Gabriel, als ich ihr meine Arme zeigte. Sie war nicht überrascht. Man wäscht die Bettbezüge und Laken mit Stärke, damit sie weniger Falten werfen. Im Privaten gebraucht man Stärke seit ungefähr einer Generation nicht mehr, aber im Hotel hat sie überlebt. Wie so einiges, was sich anderswo längst schon überlebt hat.

Wenn es wirklich eine Stärke-Allergie war, dann hatte sie mich, was für ein merkwürdiger Zufall, zum idealen Zeitpunkt erwischt. Es würde eh bald Schluss sein mit Stärke.

An meinem letzten Tag im Royal waren Nadine und ich allerbester Laune. Wir checkten die Zimmer zu zweit, was wir sonst nie machten, und fotografierten uns gegenseitig: auf den Betten liegend, mit Staubschwert, im Badezimmer, auf dem Teppich. Wir machten uns lustig über das Hotel. Zum allerersten Mal.

Aber wir achteten darauf, dass dabei nichts zu Bruch ging und dass am Ende eines jeden Fotoshootings die Stühle wieder ordentlich auf der Teppichkante standen.