Beste Grüße von der Direktion
Unseren Chef Chef zu nennen, war insofern richtig, als Martin Köster tatsächlich formal der Geschäftsführer des Hotels war. Allerdings trat er in dieser Funktion nicht übermäßig oft in Erscheinung.
Kösters Morgenritual: knapp grüßend um sechs Uhr ankommen, Abstecher in die Küche, Brötchen schmieren, Kaffee holen und dann Rückzug ins Back-Office am Ende des Gangs hinter der Rezeption. Gegen elf ließ er sich meist eine von einer von uns fein geschnittene Ananas oder eine geschälte Orange bringen.
Manchmal fragten wir uns, was er den ganzen Tag in seinem Büro zu tun hatte, außer ein paar Gruppenbuchungen gab es eigentlich nicht viel Arbeit für ihn. Marketing und Werbung wurden von der Zentrale gemacht, da konnte er bestenfalls ein bisschen mitreden. Wir hatten auch fast keine Stammgäste, denen es wichtig war, vom Chef persönlich begrüßt zu werden. Und Streitfälle, in denen er zwischen Personal und Gästen schlichten musste, waren auch eher selten.
Was tat er also von morgens bis abends? Er trug die Verantwortung für uns. Aber verhoben haben wird er sich daran nicht. Er wusste ja: Es läuft auch ohne ihn, nur mit den Azubis. Sorgen, dass das Hotel nicht genug Umsatz machen würde, musste er sich auch nicht machen, er war ja Angestellter mit festem Gehalt, und die Besitzer, ein Berliner Ehepaar, denen die drei Häuser unserer Mini-Kette gehörten, forderten ihn offenbar auch nicht allzu sehr. Jedenfalls kündigten sie ihre seltenen Besuche immer so rechtzeitig an, dass wir in Ruhe gründlichst putzen konnten und noch genug Zeit blieb, die kaputte Spülmaschine reparieren zu lassen.
Martin Köster war Mitte vierzig, hatte eine glatt gecremte goldbraune Haut und eine wogende Mähne blonder Locken, die er sich alle paar Sekunden hinter die Ohren steckte. Er roch gut, das war mir gleich aufgefallen, und vor allem morgens waren wir von seiner Parfumwolke aus Chanel Antaeus vollkommen benommen. Seine Hemden waren perfekt gebügelt, die Nägel gefeilt und die Schuhe auf Hochglanz poliert. Die Gäste mochten ihn, er brachte sie zum Lachen, er stellte ihnen Fragen, und wenn er wollte, sah er dabei sogar ernsthaft interessiert aus. Und wer zweimal mit ihm gelacht hatte, den duzte er.
Leider hatte es sich Köster zur Angewohnheit gemacht, sich schon am Vormittag das ein oder andere Gläschen zu gönnen. So viel Chanel konnte er gar nicht verwenden, dass man das nicht gerochen hätte. Wenn er zu viel getrunken hatte, streunte er durchs Hotel und legte jedem Mitarbeiter, den er erwischen konnte, einen Arm um die Schultern und brabbelte ihm ins Ohr. »Annaannaannaanna.« Besten Dank.
Wenn er nicht trank, war das der Stimmung im Hotel auch nicht unbedingt zuträglich, denn dann neigte er dazu, cholerisch zu werden und den nächstbesten Mitarbeiter anzubrüllen. Katja versuchte stets, ihn bis zu seinem ersten morgendlichen Ausraster zu meiden. Danach war er tatsächlich meist erträglicher. Ich hielt mich in dieser Sache ganz an sie.
Köster zog auch gerne mal los, um einen Einkaufsbummel zu machen. »Ich bin mal kurz weg«, sagte er dann und blieb nicht nur kurz, sondern oft für Stunden verschwunden. Wenn er zurückkam, trug er schwer an riesigen Einkaufstüten von Karstadt oder seine Haare waren frisch frisiert. Wenn er überhaupt am selben Tag wiederkam.
Was ich wirklich hasste, waren die Sonntage, an denen seine Freunde kamen: Dann wurden wir verpflichtet, für fünfzehn bis zwanzig seiner Leute einen Riesenbrunch zu veranstalten. Es gab Champagner für alle.
Natürlich nicht für uns. Abkassieren mussten wir bei diesen Veranstaltungen auch nie. Uns Azubis war es unter Strafe verboten, Freunde oder Verwandte mitzubringen. Wer jemanden abholen wollte, musste vor der Tür warten.
Martin Köster war auch definitiv kein Chef, auf den man sich, wenn es brenzlig wurde, verlassen konnte. Sara wusste das besonders gut. In unserem zweiten Lehrjahr hatte sie Silvester Spätdienst an der Rezeption. Sie war, wie so oft, alleine, und es näherte sich langsam Mitternacht. Vielleicht kam es gerade vom romantischen Essen auf dem Ku’damm und wollte jetzt alleine auf dem Zimmer anstoßen, vielleicht hatte auch nur das Flugzeug Verspätung gehabt, auf jeden Fall kam um halb zwölf noch ein Gästepärchen zum Check-in. Erwartungsvolle Blicke, Vorfreude, vielleicht ein bisschen Genervtsein, dass sie jetzt noch einen Zettel ausfüllen mussten. Ein ganz normaler Check-in also. Das Problem war nur, dass es keine Zimmer mehr gab.
Ausgerechnet in dieser Nacht hatte Sara das verdammte Pech, den Gästen klarmachen zu müssen, dass das Hotel leider voll war und dass sie trotz Reservierung kein Zimmer mehr bekommen konnten, was ihr natürlich sehr leid täte. Alle Hotels überbuchen, weil man immer davon ausgeht, dass irgendjemand kurzfristig absagt. Aber diesmal war keine Absage gekommen. Stattdessen bot Sara den beiden ein Zimmer in einem nur einen knappen Kilometer entfernten Hotel an, und selbstverständlich würde sie auch ein Taxi rufen, das die beiden dorthin bringen würde. Das Hotel sei außerdem ein Vier-Sterne-Haus, also noch besser als das Central, und kosten würde das auch nichts extra. Normalerweise funktioniert der Trick mit dem Upgrade. Diesmal leider nicht.
Sara kam nicht dazu, das Taxi zu rufen, denn der Mann war schon knallrot angelaufen und begann jetzt zu schreien. Die Frau hielt sich am Tresen fest wie eine Ertrinkende und schnappte nach Luft. Sara brach der Schweiß aus, und als sei sie nicht schon da, wo sie stand, drückte der Mann nun wie verrückt auf die kleine Klingel auf dem Tresen. Das Gepingel war unerträglich.
»Warum kommt denn hier keiner?«, schrie der Mann.
»Wer soll denn kommen?«, fragte Sara, obgleich sie ahnte, dass er den Chef sehen wollte. Einen richtigen, männlichen Chef, nicht sie, die so wenig cheffig aussah. Dass sie hier mutterseelenallein war, konnten die beiden ja nicht wissen.
»Ihren Chef! Sofort! Ich will Ihren Chef!« Die Frau nickte dazu wie ein Huhn auf Körnersuche. Der Chef. Jetzt.
In ihrer Not rief Sara Herrn Köster an, dessen Handynummer für alle Fälle hinterm Tresen klebte. Sie fürchtete, er würde gar nicht drangehen, und als er dann doch abhob, war sie sogar erst mal erleichtert. Aber Herr Köster konnte schon seinen Namen nicht mehr fehlerfrei aussprechen. Unmöglich, den Hörer weiterzugeben in die starr ausgestreckte Hand des Gastes, der jetzt am ganzen Körper zitterte wie unter Strom. Die Frau starrte auf ihre Uhr.
»Wenn hier nicht gleich etwas passiert, rufe ich die Polizei!«, brüllte der Mann weiter. Ankündigung und Tat lagen in diesem Fall keine dreißig Sekunden auseinander.
Silvester 2001 verbrachte Sara mit Herrn und Frau U. aus Stuttgart-Vaihingen schweigend in der Hotellobby. Die Polizei kam kurz vor eins und brachte das Ehepaar mit dem Streifenwagen in sein neues Hotel. Das Taxi hatte sich das Central also gespart.
Ich arbeitete damals im Housekeeping und hatte in dieser Zeit eigentlich gar nicht viel mit Köster zu tun, sah ihn manchmal nur einmal am Tag und war damit auch ganz zufrieden.
Damit die Person am Empfang weiß, in welches Zimmer sie einen ankommenden Gast schicken kann, muss sie natürlich informiert werden, ob das Zimmer schon geputzt und bezugsfertig ist. Dies dem Empfang zu melden, war eigentlich ein völlig banaler Vorgang: Ich drückte auf dem Telefon, das ich immer bei mir trug, die richtigen Tasten und die Rezeption sah auf ihrem Computerbildschirm, welche Zimmer fertig waren.
Und weil das so banal war, hatte ich es an diesem Tag auch glatt vergessen. Skifahrer verletzten sich ja auch immer dann, wenn sie denken, ein Abhang sei besonders einfach zu fahren. Die Zimmer waren geputzt und fast alle auch gecheckt, es war kurz vor zwei, aber keines von ihnen wurde unten angezeigt. Zu meinem Pech stand am Empfang an diesem Tag Herr Köster höchstpersönlich und hatte ausnahmsweise das Bedürfnis, sich einmal selbst um seine Gäste zu kümmern.
Er musste schon seine liebe Not damit gehabt haben, den Frühanreisenden zu erklären, dass noch keine Zimmer frei sind. Und natürlich hätte Köster schon viel eher nach Zimmern fragen können, jeder andere hätte das getan, er aber meldete sich erst, als kurz vor zwei zwanzig Japaner an der Rezeption erschienen und nach ihren Zimmern verlangten.
Das genügte, um Kösters Gehirn vom bekannten Stand-by-Modus in den Stress-Modus zu versetzen, eine Veränderung, die ihm nicht guttat. Stress mochte er nicht und Stress konnte er nicht.
»Du kommst jetzt sofort hierher!«, er hätte das Telefon gar nicht gebraucht – ich hätte ihn sicher ohne Mühe auch durch die Etagen hören können, so laut hat er gebrüllt. Ich stand gerade in einem Zimmer im dritten Stock, hatte meine Runde fast beendet und war froh, dass ich das Taschentuch hinter der Gardine, das Mehmet übersehen hatten, doch noch gefunden hatte.
Als Köster so brüllte, war mir natürlich sofort klar, was ich vergessen hatte. Man hätte die Frage, welche Zimmer nun beziehbar sind, schnell am Telefon klären können, aber dazu hätte er mir zuhören müssen. Danach war ihm jetzt offensichtlich nicht. Ich nahm die Treppe, nicht den Aufzug, weil ich so schneller war und weil ich ahnte, dass es jetzt auf jede Sekunde ankam, in der man vermeiden konnte, dass sein Blutdruck weiter stieg.
Köster stand vor dem Rezeptionstresen, neben ihm die Japaner, und noch bevor ich ein Wort der Entschuldigung hervorbringen konnte, packte mich Köster am Arm und schob mich vor sich her den Gang entlang in Richtung Büro. Ich weiß nicht mehr, was ich in diesem Moment dachte. Ich war überrumpelt, der Arm schmerzte von seinem festen Griff, die erstaunten Blicke der Gäste folgten mir den Gang hinunter. Köster öffnete die Bürotür und stieß mich mit beiden Armen in den Raum, sodass ich erst durch den Tisch gebremst wurde, auf dem der Drucker stand.
Köster hatte, seit ich unten war, kein Wort mehr gesagt. Jetzt baute er sich vor mir auf und schrie. Von einem erwachsenen Mann, der sich in dreißig Zentimeter Abstand vor einem aufpflanzt, aus voller Lunge angeschrien zu werden – ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, denen das nichts ausmacht und die das mit einem Lachen wegstecken und sich freuen, selber ein entspannterer Charakter zu sein. Mich hatte in meinem ganzen Leben noch niemand so angeschrien, nicht einmal meine Mutter, als ich ihr mit vierzehn zum fünfundsiebzigsten Mal erklären wollte, warum es zu viel Make-up einfach nicht gibt, sondern jeder angebliche Kajal-Exzess noch problemlos steigerbar ist. Köster fuchtelte mit dem Haustelefon herum, ich saß fast auf dem Drucker, ein weiteres Zurückweichen war unmöglich.
»Welche Zimmer sind fertig? Los, sag schon!«
Köster hatte mich wieder am Arm gepackt und schüttelte die Zimmernummern förmlich aus mir heraus. Dann ließ er mich stehen und stampfte zur Rezeption zurück. Das alte Gästetaschentuch kam mir gerade recht, um mir über das Gesicht zu wischen.