Belagerungszustand
14. Juli
19.40 Uhr
Das, was von der Marineinfanterie in diesem Gebiet noch übrig ist, hat uns entdeckt. Nicht fern von uns wurden fünfzehn Militärfahrzeuge abgestellt. Vor Hotel 23 wird wieder auf Untote geschossen. Bisher hat noch niemand den Versuch unternommen, unsere Kameras unbrauchbar zu machen, weswegen wir sie sorgfältig im Auge behalten. Sechs der fünfzehn Fahrzeuge sind Panzerspähwagen. Dazu gehören auch einige militärische Hummer-Jeeps und sogar ein ATV mit Allradantrieb. Den ATV oder das olivfarbene Dirt Bike habe ich als Militärfahrzeuge nicht mitgezahlt. Da sie offenbar alle die typische Marinetarnfarbe haben, muss es zumindest in dieser Einheit noch so etwas wie Ordnung geben.
Das Funkgerät sendet immer die gleiche Botschaft. Ich kann nicht genau zählen, wie viele Männer da draußen sind, da immer wieder Untote zwischen ihnen auftauchen, die das Bild verfälschen.
Die Geschöpfe, mit denen die Marines sich da draußen abgeben, haben nichts mit denen gemein, denen ich während unserer letzten Rettungsmission aus dem Weg gehen musste. Ich glaube, wenn ich einem großen verstrahlten Untotenheer gegenüberstünde, würde ich wahrscheinlich ihrer leicht erhöhten Mobilität oder extremen Strahlung zum Opfer fallen. Die paar Figuren, die momentan da draußen sind, dürften für die Soldaten aber kein großes Problem darstellen.
Wenn wir jetzt durch den Zweitausgang stiften gehen und Hotel 23 für immer verlassen, werden wir nie erfahren, ob das Militär dort draußen unser Verbündeter ist. Aber wir können auch bleiben und kämpfen oder vielleicht versuchen, uns mit den Leuten zu verständig gen. Wir halten die Funkstille noch immer aufrecht und haben, solange es nicht absolut notwendig ist, nicht vor, sie zu brechen.
Momentan machen die Belagerer noch keinen Versuch, sich Eintritt zu verschaffen. Sie haben auch noch keine Gesten in Richtung unserer Außenkameras gemacht. Die Sonne geht in knapp zwei Stunden unter. Wenn sie sich mit Gewalt Eintritt verschaffen wollen, werden sie es vermutlich mitten in der Nacht versuchen.
Eins steht fest: Eine Banditenmeute mit einem Glückstreffer zu erledigen ist etwas anderes, als einige Dutzend gut bewaffnete US- Marineinfanteristen am Hals zu haben.
17. Juli 22.36 Uhr Die Anfangsverhandlungen fielen höflich aus. Dann wurde der Ton bedrohlich und später gewalttätig. Man begann mit Funksprüchen, die »an die Leute im Bunker« gerichtet waren. Schließlich fuhr man schwere Waffen auf. Sie wurden zwar auf uns gerichtet, aber nicht abgefeuert. Man wollte, dass wir widerstandslos aufgaben. Als ich sah, dass eine Kiste Sprengstoff nach der anderen ins Raketensilo hinabgelassen wurde, hatte ich keine andere Wahl, als die Funkstille aufzuheben.
Ich schaltete das Mikrofon ein und sagte (soweit ich es noch zusammenkriege): »An die Männer, die gerade versuchen, diesen Stützpunkt mit Gewalt einzunehmen: Stellen Sie bitte sämtliche feindseligen Handlungen ein, sonst sehen wir uns gezwungen, zurückzuschlagen.«
Ich war mir ziemlich sicher, dass die Antwort aus Gelächter bestehen würde, doch die Reaktion der anderen Seite fiel professionell aus.
»Niemand ist an Feindseligkeiten interessiert. Wir wollen nur die Immobilie. Sie befinden sich auf Eigentum der US- Regierung. Wir erheben laut den entsprechenden Bundesgesetzen und Rechtsverordnungen Anspruch auf diesen Besitz. Wir ersuchen Sie, uns Zutritt zu gewähren, dann wird niemandem etwas geschehen.«
Das war der Augenblick, in dem ich sie auslachte. Wir hatten ein Patt. Ich musste mit dem Kommandanten der Einheit reden. Ich bat darum, doch man begegnete mir mit ausweichendem Geschwafel und Lippenbekenntnissen.
»Der Kommandant ist nicht anwesend. Er hält sich im Hauptquartier auf.«
Ich bat den Sprecher, sich zu identifizieren. Er weigerte sich.
»Im Namen welcher existierenden Autorität verlangen Sie die Übergabe dieses Stützpunktes?«, fragte ich.
»Im Namen des Chefs der Einsatzleitung der Marine«, lautete die Antwort.
»Meinen Sie nicht den Kommandanten des Marinekorps?«
Zuerst antwortete Schweigen, dann meldete sich das dünne Stimmchen zurück. »Der Kommandant wird vermisst. Wir können nur vermuten, dass er sich mit seinem Kameraden, dem Leiter der Vereinten Stabschefs, an einem Sicheren Ort aufhält ... zusammen mit den meisten ... toten ... Führern der Nation.«
»Dann unterstehen Sie also gegenwärtig der Einsatzleitung der Marine?«
»Wir sind das Marinekorps.« Nun wurde Gelächter hörbar.
Ich sah keinen Grund, zu verbergen, dass wir Ramirez und seine Leute gerettet hatten.
Da die Marines vermutlich ohnehin wussten, mit wem sie es zu tun hatten, fragte ich: »Wo sind Ramirez und die Männer, die wir aus dem havarierten Panzerspähwagen gerettet haben?«
»Es geht ihnen gut. Einer von ihnen ist bei uns. Ramirez ist wieder im Basislager, wo er die Außenverteidigung wahrnimmt, aber er wollte persönlich etwas weitergeben.«
Mit so viel Ernst, wie ich am Funkgerät aufbringen konnte, schrie ich ins Mikro: »Ich möchte jetzt mit einem Offizier reden, Soldat!«
»Das geht nicht.«
»Wieso nicht?«
»Wir haben keine ... Ähm, ich meine, es ist keiner hier.«
Der Mann hatte sich verplappert. Nun fragte ich mich ernsthaft, wer diesen Trupp befehligte. Das Geplänkel wogte hin und her, bis ich den Soldaten am Funkgerät schließlich überzeugte, mich mit dem höchstrangigen Nicht-Offizier zu verbinden, der dort war.
Artillerie-Sergeant Handley meldete sich bei mir.
»Hört zu, ihr da unten«, bellte er, »wir brauchen den Stützpunkt als Vorposten-Kommandozentrum, weil noch immer ’n bisschen Hoffnung besteht. Momentan bastelt man an einem Plan ... Die Überreste des US- Militärs sollen versuchen, den Kreaturen die Vereinigten Staaten wieder abzunehmen.«
Ich fragte ihn, wie oft er mit dem Chef der Einsatzleitung der Marine kommuniziert hätte.
»Wir haben regelmäßige, wenn auch seltene HF- Gespräche mit seinem Flugzeugträger. Aufgrund von Wartungsproblemen werden nur wenige Einsätze vom Schiff aus geflogen. Es gibt aber auch Luftaufklärung auf dem Festland, um genaue Informationen über den Zustand der Bodentruppen zu gewinnen. Verdammt, er hat uns sogar, als es richtig beschissen wurde, ein- oder zweimal mit dem Abwurf von Eisen unterstützt.«
»Dann kann ich also davon ausgehen«, sagte ich, »dass die Marine die Pest überlebt hat?«
»Am Anfang haben sich 'ne Menge Schiffe in schwimmende Särge verwandelt«, erwiderte Sergeant Handley. »Als es losging, waren von zehn Flugzeugträgem im aktiven Dienst nur vier nicht infiziert und wurden auch nicht von Untoten überrannt. Es interessiert Sie vielleicht, dass wir auch noch 'n Raketen- U-Boot haben, das sieben Monate unter Wasser war. Die Leute in dem Kahn leben nur von Eipulver, Trockenobst und Fleisch. Dieses Boot ist das letzte Stück normaler Lebenskreislauf ... An Bord kann man noch heute sterben, ohne dass man wiederkehrt.«
Ich fragte den Artillerie- Sergeant, was er damit meinte.
»Das Boot war schon unter Wasser, als es losging, deswegen war es von dem, was die Toten wieder aufstehen lässt, nicht betroffen. Die haben auf ’ner sehr niedrigen Funkfrequenz mitgeteilt, dass im Februar einer ihrer Leute ’nen natürlichen Tod gestorben und nicht wieder aufgestanden ist. Nach ’ner vierundzwanzig Stunden langen Beobachtung hat der Schiffsarzt die Leiche in die Kühltruhe gelegt und selbige mit Tauwerk zugebunden. Der Tote hat sich seither nicht gerührt. Natürlich muss das Boot irgendwann wieder auftauchen, schon wegen des Proviants, aber im Moment ist es, soweit wir wissen, als Einziges nicht betroffen. Alle anderen U-Boote haben nicht den richtigen Zeitraum erwischt, um sich vor dem Virus zu verpissen. Vermutlich tragen wir alle irgendeine schlummernde Form dieser Pest in uns ... die auf den Tag wartet, an dem unser Herz zu schlagen aufhört. Tja, wir sitzen echt metertief im Kot, mein Lieber.«
Eine beunruhigende Stille folgte. Sie wurde von einer Salve unterbrochen, die jemand auf die Kreaturen abfeuerte.
»Wir wollen kein Riesenloch in Ihr Clubhaus ballern und es Ihnen wegnehmen, Sir«, sagte der Sergeant. »Können wir uns nicht irgendwie friedlich einigen? In unserem Lager sind auch Zivilisten, die froh sind, noch am Leben zu sein.«
»Wir werden aber in Ihrem Lager nicht glücklich sein, Sergeant. Wir sind für so was nicht geschaffen. Wir haben überlebt, seit es losgegangen ist und waren, bevor wir diesen Ort gefunden haben, fast immer auf der Flucht.«
»Es ist beeindruckend, ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Komplex unter die Jurisdiktion des Militärs fällt.«
»Sie haben mir noch immer nicht bewiesen, Sergeant, dass Sie keine versprengte Militäreinheit sind, deren Handlungen keine regierungsamtliche Stelle deckt.«
»Sir, wir haben es regierungsamtlicher Führung und regierungsamtlichem Zögern zu verdanken, dass wir bis zum Hals in der Scheiße sitzen und kurz vor der Ausrottung stehen.«
»Tja, Sergeant, da haben Sie vielleicht nicht ganz Unrecht. Andererseits haben wir diesen Ort gefunden und wollen nicht unter der eisernen Faust von wem auch immer leben. Nicht mal dann, wenn es die Faust des amerikanischen Militärs ist.«
Handley antwortete nur »Na schön«, dann kehrten wir wieder zur Funkstille zurück. Dies war die Nacht des Sechzehnten. Zwei Stunden nach dem letzten Funkspruch ging die erste Ladung im Raketenschacht hoch. Sie hatte, wenn man von einem kaum sichtbaren Riss in dem zwanzig Zentimeter dicken Fensterglas der Sicherheitstür absah, keinerlei Auswirkungen. Dann kam die nächste Detonation. Und die übernächste. Die zuvor schon beschädigte Schachtkamera wurde außer Gefecht gesetzt und gab fortan nicht mal mehr den Anflug eines sichtbaren Signals ab. Die Explosionen hatten keine Auswirkungen.
Als ich darüber nachdachte, fragte ich mich, ob die zivilen Banditen, hätte ich sie nicht in die Luft gejagt, eine Chance gehabt hätten, mit ihren Schneidewerkzeugen hier einzudringen. Der mit Metall und Fiberglas verstärkte Beton, aus dem Hotel 23 bestand, war sehr stark. Ich nehme an, er könnte sogar einer Atomexplosion widerstehen. Nun empfand ich doch den Anflug eines schlechten Gewissens, denn es war eigentlich unnötig gewesen, die Banditen umzubringen. Vielleicht hätten sie aufgegeben, wenn sie gemerkt hätten, dass der Einsatz ihrer Werkzeuge nichts brachte. Vielleicht bräuchte ich sie dann jetzt nicht als wandelnde Flammengestalten vor mir zu sehen. Die Vernunft allerdings sagt mir, dass sie es verdient haben ...
Jede Synapse klingelnde Pein.
Beim Ertönen der nächsten Explosion wischte ich den Gedanken beiseite. Ich spürte eine leichte Druckveränderung. Sie führte dazu, dass ich mir die Nase zuhielt, den Mund schloss und blies, um den Druck zwischen meinen Ohren auszugleichen. Die Explosion hatte die Struktur des Stützpunkts zwar nicht beschädigt, ließ aber das Metall so stark vibrieren, um eine schnelle Veränderung der inneren Druckverhältnisse hervorzurufen. Janice und Tara waren bei der Vorstellung, dass man sie festnahm und in ein vom Militär kontrolliertes Lager brachte, ziemlich wütend. So wie sie ihre momentane Lage sahen, würde man sie als Gebärmaschinen verwenden. Dazu wollte ich es nie kommen lassen. Die Explosionen verbesserten meine Laune auch nicht gerade. Laura weinte, Annabelle jaulte vor Angst und zog bei jedem neuen Krachen den Schwanz ein. Nach einer halben Stunde hörten die Explosionen auf. Wahrscheinlich mussten sie erst neuen Sprengstoff besorgen.
Das Funkgerät knisterte wieder.
»Habt ihr noch nicht genug? Warum macht ihr nicht die Tür auf und kommt friedlich raus? Euch geschieht doch nichts!«
Ich bat Sergeant Handley, uns bis zum Sonnenaufgang Zeit zu geben, damit wir, bevor wir aufmachten, unsere Sachen packen konnten. Er kaufte es mir ab.
Ich rief die Erwachsenen zu einer Versammlung. Wir legten alle Karten auf den Tisch, die wir gegebenenfalls bei dieser Zockerei ausspielen konnten.
Unsere Möglichkeiten waren begrenzt. Wir konnten wieder auf die Walz gehen und versuchen, eine neue, gut zu verteidigende Unterkunft zu finden. Etwas, das mit Hotel 23 vergleichbar war, würden wir aber nie wieder finden. Man brauchte Jahre, um etwas so Sicheres und Strapazierfähiges zu bauen.
Janice schlug vor, wir sollten mit dem Flugzeug abhauen. Ich erklärte, dass die Cessna uns wahrscheinlich nicht alle tragen konnte, von unserer Ausrüstung ganz zu schweigen. Diese Möglichkeit konnten wir gleich vergessen. Außerdem war die Kiste in keinem exzellenten Zustand: an einer Seite war die Bremse im Eimer.
Es wurde Mitternacht. Wir hatten noch sechs Stunden, um uns etwas einfallen zu lassen. Ich wandte mich an John, der normalerweise immer eine Querdenker Antwort auf Lager hatte. Ihm zufolge gab es keine logische Antwort.
Ich wusste nicht genau, ob die Belagerer von unserem zweiten Ausgang wussten, aber in seiner Nähe, beinahe am Zaun, waren Fahrzeuge geparkt. Vielleicht wussten sie von ihm. Der Haupteingang war eine gute Option, aber dort hielt sich eine zunehmend größer werdende Anzahl von Untaten auf, die noch immer ans Metall klopften. Die andere Option war, den Leuten von der Marine zu vertrauen. Wenn sie Wort hielten, ließen sie uns, wenn sie den Stützpunkt übernommen hatten, einfach ziehen.
Ich war nicht wild darauf, mich mit einer älteren Dame, zwei kleinen Kindern und einem Hund wieder auf die Flucht zu begeben. Die Klauen und Mäuler der Untoten würden uns kaltmachen, bevor der Monat zu Ende war. Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte. Ich saß in meinem Quartier und dachte über jede mögliche Lösung unserer prekären Lage nach. Hätte ich doch nur irgendein Druckmittel gehabt.
Da ich Dean mein altes Quartier überlassen hatte, hatte ich meinen Kram noch nicht eingeräumt. Eine kleine Kiste mit Siebensachen stand noch immer in der Ecke und wartete auf den Tag, an dem ich es leid wurde, sie anzugaffen. Nun sah es so aus, als käme dieser Tag nie. Ich musterte die Kiste einige Minuten lang und dachte darüber nach, wie wir unser ganzes Zeug durch das Land schleppen und dabei überleben sollten. Dann ging ich zu der Kiste hinüber und nahm mir den Inhalt vor. Zwei Ersatz-Pilotenkombinationen, Handschuhe, eine Schreibunterlage, eine Glock- 17- Handfeuerwaffe, drei kleine Familienfotos, sechs Schachteln 9mm- Munition und mein anklettbares Namensschild, auf dem natürlich auch mein Dienstgrad und die Schwingen des Marinefliegers eingewebt waren. Ich hatte es seit dem Untergang der Zivilisation nicht mehr getragen. Wozu auch? Schließlich nahm ich meine Brieftasche aus der Kiste.
Ich warf einen Blick hinein und fand zahlreiche Ausweiskarten. Als es die NRA noch gegeben hatte, war ich dort Mitglied gewesen. Es war noch nicht lange her. Ich hatte auch Ausweise fast aller Videothekenketten. Ob man mich wohl, wenn sie den Betrieb wieder aufnahmen, von den nicht geleisteten Mitgliedsbeiträgen befreite? Ich bin mir sicher, dass der Server, der meine verbrecherisch verspätet eintreffenden Mitgliedsbeiträge verbuchte, vermutlich verrostet war, wenn das Stromnetz wieder funktionierte. Falls überhaupt.
Dann fand ich etwas, das alles veränderte. Vor einem Monat war mir in einem Anfall von Nostalgie eingefallen, einen Blick aufmeinen Dienstausweis zu werfen. Er war noch zwei Jahre gültig. Ich stand da, schaute ihn an und rieb mit dem Daumen über den in die Vorderseite eingebetteten Mikrochip. Der Chip enthielt meine Daten sowie jene, die in den Strichkode auf der rechten Kartenseite eingeprägt waren. Auch befand sich dort mein Foto. Ein glattrasiertes, einfältig aus der Wäsche schauendes Abbild meines Ichs, das nie auf die Idee gekommen wäre, die Toten könnten wieder auferstehen.
Wenn die Männer da draußen noch immer Infanteristen der US- Marine waren und die Bekleidungsvorschriften der Militärjustiz einhielten, war ich noch immer Offizier und damit ihr Vorgesetzter. Wenn sich überhaupt noch jemand an die Rangstruktur des Militärs hielt, dann konnte es nur ein Marineinfanterist sein. Bei den in meiner militärischen Vergangenheit selten erfolgten Begegnungen mit Navy-Mannschaftsdienstgraden waren die Männer immer aufgestanden, wenn ich sie angesprochen hatte. Artillerie-Sergeant Handley hatte selbst gesagt, bei ihnen oben sei kein Offizier und er der höchstrangige anwesende Soldat.
Er hat die Unwahrheit gesagt, ohne es zu wissen.
Theoretisch bin ich der höchstrangige anwesende Soldat.
Als ich mit dem Rücken an der Tür stand und die Karte in meiner Hand musterte, griff Dean zu und begutachtete sie. Sie untersuchte den Wehrpass sorgfältig und schaute mich dann an.
»Der sieht Ihnen aber ähnlich, Seemann«, sagte sie.
Ich erwiderte ihr Lächeln. »Ja, das war ich mal.«
>>Sie sind es noch immer«, meinte sie. »Sie haben nur die militärische Steifheit verloren und könnten außerdem eine Rasur gebrauchen.«
Mir kam kurz der Gedanke, sie könnte Recht haben.
Obwohl ich seit Januar ein paar böse Dinge getan hatte, änderte es nichts an der Tatsache, dass es noch immer aktive militärische Einheiten gab und ich noch immer Offizier war. Meine Einheit war vernichtet worden. Vermutlich gab es keine Überlebenden. Das wusste ich. Ich hatte unsere Basis überflogen und es mit eigenen Augen gesehen. Sie war überrannt und später mit Raketen beschossen worden. Das Spiel war aus. Ich war, soweit ich wusste, der einzige Überlebende.
Ich rief die Gruppe zusammen, und wir besprachen mein Vorhaben. Schon bei der Vorstellung sank allen die Kinnlade herab, doch schließlich stimmten alle zu, dass es die einzige Möglichkeit war, mit der Situation fertigzuwerden.
Heute Morgen um 5.00 Uhr wachte ich auf und schaltete das Licht ein. Ich nahm mein Duschzeug und gab mir alle Mühe, mich repräsentabel herzurichten. Als ich an meinem alten Quartier vorbeikam, ging die Tür auf, und Dean kam mit einer Schere heraus, die aus dem Büro des Kontrollzentrums stammte. »Mit dieser Mähne kann ich Sie nicht nach draußen lassen.«
Ich lachte und achtete darauf, dass das um meinen Bauch geschlungene Handtuch nicht zu Boden fiel. »Sie haben wohl Recht, Dean.«
Sie hatte schon Danny, wenn nötig, das Haar geschnitten und meinte, er hätte sich über ihr Können nie beschwert. In den letzten Monaten war mein Haar natürlich gewachsen und laut der militärischen Dienstvorschrift viel zu lang. Ich hatte es zwar vor drei Monaten geschoren, aber seitdem nicht mehr angefasst. Eine solche Mähne war eigentlich nicht mein Stil. Das Ende der Welt mochte zwar eine ausgezeichnete Entschuldigung liefern, aber bei Dean kam ich damit nicht durch. Wie eine gelernte Friseuse richtete sie meinen Kopf so her, dass er den ungeschriebenen Fliegervorschriften entsprach und mein Haar nur eine Winzigkeit länger war als das eines gemeinen Soldaten.
Als ich die Dusche hinter mir gelassen und meine Bartstoppeln glattrasiert hatte, schaute ich in den Spiegel. Für das, was ich vorhatte, sah ich repräsentabel genug aus. Ich hatte zwar keine Ausgehuniform und kein Portepee, aber es würde reichen. Mit dem Handtuch um den Bauch kehrte ich in mein Quartier zurück. Vor der Tür standen meine Stiefel in perfektem Glanz. Davor lag ein Zettel mit Kinderhandschrift: »Hoffentlich gefallen sie Ihnen. Ich habe schon die Stiefel meines Vaters geputzt. Danny.«
Wahrscheinlich hat er sich reingeschlichen und sie gewienert, als ich noch schlief. Ich lasse immer die Tür offen, um hören zu können, was auf dem Gang vor sich geht. Entweder geht allmählich meine Wachsamkeit flöten, oder Danny ist ein sehr leiser Bursche. Ich dachte an den Tag, an dem er auf die Untoten gestrullt hatte. Was für ein komischer Anblick.
Ich zog die saubere Fliegerkombination an, befestigte die Schulterklappen und heftete mir das Namensschild auf die Brust. Ich nahm die Kappe aus der Hosentasche, in der sie das letzte halbe Jahr verbracht hatte, und setzte sie auf. Ich verließ mein Quartier uniformiert und darauf vorbereitet, vor die Marineinfanterie zu treten. Es war 5.50 Uhr. Die Kameras zeigten, dass die Sonne aufging und die Wolken im Osten mit einem unheilschwangeren Orangeton versah.
Ich schaltete das Funkgerät ein. »Sind Sie da, Sergeant? Ende.«
Nach einem kurzen Moment meldete sich eine müde, beunruhigt klingende Stimme. »Ja, ich bin hier. Ich war die ganze verdammte Nacht hier.«
»Gut. Pfeifen Sie Ihre Männer nun von der Siloöffnung zurück. Ich komme rauf.«
»Wir erwarten sie dort ... Ende.«
Nur mit einer Handfeuerwaffe versehen ging ich zu der Luke, die in den Raketenschacht führte. John und William gaben mir mit ihren Waffen Feuerschutz. Wir mussten alle drei zugreifen, um das Rad zu drehen und die Luke aufzubekommen, denn die Explosionshitze hatte das Metall gedehnt und schließlich schrumpfen lassen. Als die Luke aufging, flutete von oben Licht herab. Staub stieg auf. John und William machten die Luke schnell wieder zu.
Ich hatte das Innere des Silos seit einer geraumen Weile nicht mehr aus der Nähe gesehen. Überall auf dem Boden lagen verbrannte Knochensplitter, Kleiderfetzen und jede Menge Zähne herum. Hier unten hatten sich offenbar massenhaft Untote aufgehalten, als die Banditen angefangen hatten, sie zu verbrennen. Die Schachtwände waren von den vielen Sprengladungen, die in den letzten vierundzwanzig Stunden detoniert waren, schwarz.
Die Männer oben konnten mich noch nicht sehen, da ich ganz unten am Schott stand. Ich trat mit kalter Berechnung ins Licht und kletterte dann über die Leiter nach oben. Die Leitersprossen waren mit Asche verschmiert, aber ich gab nicht auf. Dann hörte ich jemanden »Gottverdammte Kacke!« sagen und wusste, dass man mich gesichtet hatte. Ich kletterte weiter hinauf, bis ganz nach oben. Die behandschuhte Hand eines Sergeanten der USMC- Artillerie streckte sich mir entgegen und half mir über den Rand des Raketensilos. Dann stand ich auffestem Boden und schaute ihm in die Augen. Sergeant Handley knallte die Hacken zusammen und salutierte zackig. Ich erwiderte seinen Gruß, und er nahm die Hand runter. Er geleitete mich auf der Stelle zu seinem Zelt. Mehrere Staff Sergeants folgten uns.
»Sir, wir hatten ja keine Ahnung ...«
»Nicht nötig, Handley. Sie wussten ja nicht, dass ich Offizier bin, und ich habe es Ihnen so lange verschwiegen, bis ich nicht mehr anders konnte.«
Danach folgte eine Frage- und- Antwort- Sitzung, auf der ich alles berichtete, was ich vom ersten Tag an gemacht hatte. Den Teil, in dem mein Kommandant mir befohlen hatte, mich im Stützpunktbunker zu melden, ließ ich aus. Ich erzählte, ich sei wahrscheinlich der einzige noch lebende Angehörige meiner Staffel und hätte bei jeder guten Gelegenheit andere Menschen aufgelesen. Schließlich wies Handley seine Untergebenen an, das Zelt zu verlassen.
Er beugte sich vor und sagte ganz ruhig, aber nervös und leise: »Ich habe seit Monaten keinen Offizier mehr gesehen, Sir. Unsere gesamten hohen Tiere wurden vor Monaten an einen unbekannten Ort befohlen. Seither haben wir sie weder gesehen noch mit ihnen kommuniziert. Im Grunde hat man uns hier draußen dem Krepieren überlassen. Ich habe den Männern erzählt, dass unser Kommandant lebt und mir direkt über eine sichere Funkverbindung Befehle erteilt. Gelogen ist es eigentlich nicht, denn ich habe ja wirklich Befehle von Admiral Goettleman erhalten, der sich an Bord des Flaggschiffs USS George Washington befindet. Allmählich zweifelt man aber an meinen Worten. Ich musste schließlich die Moral aufrecht halten. Wie soll ich die Männer dazu bewegen, dass sie kämpfen oder auch nur als Team handeln, wenn sie wissen, dass ihre Vorgesetzten sie einfach in der Scheiße haben sitzen lassen und vielleicht sogar schon tot sind?«
Da saßen wir nun. Ich überlegte, was Handleys Worte implizierten. Meine Konzentration wurde hin und wieder von Gewehrfeuer unterbrochen, wenn die Männer irgendwelche Untoten abwehrten.
»Was wollen Sie mir beibringen, Sergeant?«
»Dass Sie der erste Offizier sind, den ich seit langer Zeit sehe, Sir, und dass wir Sie brauchen, wenn auch nur als Sprachrohr für die Mannschaft. Ob Sie nun unser Anführer sind oder nicht, ich brauche Sie einfach, damit Sie diese Rolle spielen, sonst kommt die ganze Sache raus, und uns fliegt die Scheiße um die Ohren.«
»In diesem Fall steht dieser Stützpunkt, der den Decknamen Hotel 23 trägt, unter meinem Kommando. Sie bleiben hier und schicken die meisten Ihrer Leute mit dem Staff Sergeant zurück, dem Sie am meisten vertrauen.«
Handley war einverstanden. Ich verkündete, ich würde zu den Männern reden, während er entschied, wer blieb und wer gehen sollte.
Während der nächsten halben Stunde stand ich auf einer Munitionskiste und musterte die Gesichter der jungen Patrioten, die mich anschauten und meinen Worten lauschten.
»Ich bin der Kommandant dieses Stützpunktes und brauche ein paar gute Männer.«
Meine Worte erzeugten begeisterten Applaus.
»Vor sechseinhalb Monaten hat etwas unsere Welt aus der Bahn geworfen. Nun weiß zwar noch niemand genau, was da passiert ist, aber im Grunde ist es auch unwichtig.«
Ich war zwar nicht der Meinung, dass meine Rede großartig war, aber die Männer sahen es anders. Sie pfiffen und klatschten.
»So wie ich es sehe, könnten uns zwar die Patronen ausgehen, aber nicht die Knüppel. Es kann vielleicht lange dauern, aber wir geben nicht auf. Wir werden so viele Menschen retten, wie wir können, und was diese Dinger angeht, so werden wir ihnen gewaltig in den Arsch treten!
Vergesst nie, dass ihr Soldaten der Vereinigten Staaten seid, Männer! Ich möchte nicht hören, dass es die Vereinigten Staaten nicht mehr gibt. Das ist Quatsch. Unsere Verfassung liegt vielleicht noch immer in Washington rum; aber auch wenn sie verbrannt ist: Es bedeutet nicht, dass sie so tot ist wie die Dinger da draußen. Wir werden unsere Verfassung hochhalten und bis zum Ende verteidigen.«
Hochrufe. Die Männer applaudierten erneut. Dann versammelte sich eine Gruppe Freiwilliger um Handley, die im Hotel 23 bleiben wollten. Die Sonne ging an diesem Sommermorgen über den Baumwipfeln auf. Meine einfache Ansprache war beendet, und ich nahm schon jetzt einen sichtbaren Anstieg der allgemeinen Kampfmoral wahr. Der Stützpunkt brummte vor Entschlossenheit.
»Noch eins, Sir«, sagte der Sergeant. »Ramirez wollte, dass ich Ihnen das hier gebe.«
Er reichte mir ein feststehendes Messer in einer robusten Lederscheide. Die Scheide war mit einem Täschchen versehen, die einen Wetzstein enthielt. Ich zog die Klinge aus der Scheide und stellte fest, dass es ein Kampfmesser mit einem schwarzen Micartagriff von höchster Qualität war. Die Klinge war aus rostfreiem Stahl; in der Nähe des Griffs war auf der Seite »Randall Made Orlando FL« eingraviert. Ich musste lachen, als mir der Satz »So etwas macht heute keiner mehr« einfiel. Teufel nochmal, heute macht überhaupt keiner mehr irgendwas.
Nachdem alles gesagt und getan war, blieben drei Panzerspähwagen, ein Laster mit Plane und zweiundzwanzig Männer bei uns, Sergeant Handley inklusive. Wir waren oben, als der Staff Sergeant mit dem Konvoi und der Nachricht zum alten Lager zurückkehrte, dass man einen Offizier gefunden hatte, der ihnen beistand. Zwei mit Verschlüsselungsfunktion versehene Militärfunkgeräte wurden in den Bunker getragen und in der Kommandozentrale aufgebaut. Die Marines schlugen flink ihre Kojen unten auf.
Den Hauptteil des Nachmittags verbrachten wir damit, Hotel 23 zu einer militärischen Operationsbasis auszubauen.