KAPITEL 23
Myrmidon

Zwei Wochen später sah Max aus dem obersten
Fenster seines stillen Hauses. Eine Kältewelle zog über Blys
hinweg, die heftiges Schneetreiben mit sich brachte und Windstöße
am Fenster vorbeipfeifen ließ. Max presste die Stirn an das kalte
Glas. In den Straßen unter ihm war es sehr lebendig. Trotz des
unwirtlichen Wetters sammelten sich die Bürger der Stadt auf den
Plätzen der Bezirke und an den breiten Straßen, um das große
Turnier zu feiern, das an diesem Abend sein Ende finden
würde.
Es klopfte an der Tür, und als Max sich umwandte,
trat Mr Bonn ein. Der Gnom hatte Bragha Rùns Helm in der
Hand.
»Ist das nicht ein wenig früh?«, fragte Max.
»Die Straßen sind vereist«, gab der Gnom zu
bedenken, »und es werden noch mehr Menschen unterwegs sein als
sonst.«
»Wie stehen die letzten Wetten?«
»Drei zu zwei«, erklärte Mr Bonn bereitwillig. »Sie
liegen immer noch in Führung, aber Gerüchten zufolge, dass Sie
verletzt sind, sinken die Einsätze. Heute Morgen wurde eine riesige
Geldsumme auf Myrmidon gesetzt.«
»Haben Sie auch gewettet?«, wollte Max mit müdem
Lächeln wissen.
»Ich darf nicht wetten, weil ich
Insider-Informationen habe«, meinte der Gnom achselzuckend.
»Wie würden Sie denn wetten, Mr Bonn?«
Der Gnom trat zu ihm und sah ihn ernst an. Auf
seinem kleinen Gesicht zeigten sich noch die Spuren seiner
Bestrafung, aber die Wunden verheilten bereits. Er hob Max den
furchterregenden Helm entgegen.
»Trotz meiner Stellung haben Sie mich stets
freundlich und respektvoll behandelt«, sagte Mr Bonn. »Wenn ich
könnte, würde ich auf Sie wetten.«
»Selbst gegen den Grylmhoch?«
»Ja, Sir.«
Max nahm seufzend den Helm. »Mr Bonn, Sie sind ein
treuer Freund, aber Sie würden einen schlechten Spieler
abgeben.«
Die Malakhim warteten bereits draußen bei der
Kutsche. Vom Berg aus und den höchstgelegenen Palästen sah es aus,
als ob die Hügel unter ihnen lebendig wären. Alle Straßen waren
hell erleuchtet von Kutschen und Fackeln, die auf den Palast
zuströmten wie bergauf fließende Lava.
Max hatte sich daran gewöhnt, an den Abenden, an
denen er kämpfte, seinen Namen in den Straßen oder von den Dächern
rufen zu hören. Aber heute riefen die Tausenden von Zuschauern
einen anderen Namen und sangen ihn mit schrecklicher, wilder
Begeisterung.
»Astaroth! Astaroth! Astaroth!«
Das Siegel des Dämons war Max nicht nur auf die
Stirn geprägt, sondern flatterte von allen Flaggen und Wimpeln, die
an den Türmen der Stadt wehten. Es war jetzt fast zwei Jahre her,
dass Max das Buch Thoth hatte ausliefern müssen,
zwei Jahre, seit er den Dämon persönlich gesehen hatte. Würde er
ihn heute Abend wiedersehen?
Die Kutsche verlangsamte ihre Fahrt, und Max sah,
dass sie an der Schmiede angekommen waren. Heute waren keine Zwerge
und Ambosse oder Waffengestelle zu sehen. Es war der letzte Kampf,
und es schien, als hätten die Zwerge ihre Ausrüstung bereits
eingepackt. In dem großen Raum stand einzig noch eine Werkbank, vom
goldenen Licht einer Laterne beleuchtet.
Auf diesem Tisch lag ein Speer. Keine große,
schwere Waffe wie Max sie gegen den Grylmhoch verwendet hatte,
sondern eine kürzere mit einer scharfen, blattförmigen Klinge. Max
nahm sie, drehte sich um und verabschiedete sich von Mr Bonn.
»Soll … soll ich nicht mit Ihnen hinauffahren?«,
fragte der Gnom.
Max schüttelte den Kopf.
Der Gnom schien den Grund zu verstehen und
verneigte sich leicht. »Es war mir eine Ehre.«
Als Max aus dem Aufzug kam, zählte er die Stufen
hinauf zur Schwelle der Arena und brachte sie in Einklang mit dem
Rhythmus seines Herzschlags. In diesem Augenblick wollte er nichts
anderes hören als sein Herz, es sollte seine Trommel sein, sein
Rhythmus, wenn er die Arena betrat.
Dennoch war es schwer, die Menge zu ignorieren.
Ihre Schreie hallten in dem breiten Gang wider und ließen den Staub
in kleinen Bächen von der Decke rieseln. Max packte den Speer
fester, als er am Gatter ankam, und betrachtete die schwarzen
Gitterstäbe wie ein Tier im Käfig. Er wollte, dass sie sich hoben
und ihn zum letzten Mal hinausließen.
Als der Sprecher schließlich seinen Namen sagte,
ertönte das wilde, anfeuernde Geschrei.
Das Gatter hob sich und Max marschierte in die
Arena.
Sein Gegner erwartete ihn bereits in der
Mitte.
Myrmidon war wie ein klassischer römischer
Murmillo-Gladiator ausgerüstet und trug einen Helm aus blauem Stahl
mit hohem Federbusch, dessen dichtes Visier das Gesicht verbarg.
Der Helm war mit dem Siegel Astaroths versehen und mit dreizehn
Kerben, die Max’ Meinung nach seine Siege während des Turniers
repräsentierten. Sein Körper war in schwarzen Stoff gekleidet, nur
die linke Seite war mit muschelförmigen Metallplatten aus dem
gleichen bläulichen Stahl geschützt, aus dem sein Helm bestand. Am
linken Arm trug Myrmidon einen Schild, einen gewölbten,
rechteckigen Langschild. Mit dem Handschuh der rechten Hand hielt
er den traditionellen Gladius.
Augenblicklich stellte Max die grimmigen
Berechnungen an, die ihm zur zweiten Natur geworden waren. Sein
Speer hatte eine größere Reichweite, Myrmidon die bessere Rüstung,
doch seine rechte Seite war bei einem Gegenangriff ungeschützt.
Sein Feind wippte nach vorne, was auf eine aggressive Natur hinwies
…
Nur eine Variable überraschte Max: Myrmidon war
kleiner als er selbst.
Es kam ihm seltsam beunruhigend vor. In allen
vorherigen Kämpfen war er der Kleinere gewesen, häufig um Hunderte
oder gar Tausende Pfund. Scathach hatte ihm beigebracht, einen
solchen Nachteil auszugleichen. Er musste einfach ein anderes
Muster finden, eines, das ihn begünstigte.
Physisch gesehen konnte ihn ein größerer Feind
überwältigen, aber Max war stets der Schnellere gewesen. Darüber
hinaus konnte ein kleinerer Gegner einen größeren häufig
einschüchtern. Einem kleineren, aber dennoch selbstbewussten Gegner
gegenüber zögerte ein Größerer häufig, als
ob er sich fragte: Was für fiese Tricks hat das mickrige Ding
wohl im Ärmel?
Diese Zweifel konnten sehr verwirrend sein, und Max
ärgerte die Vorstellung, dass er denselben Bedenken zum Opfer
fallen konnte. Dennoch musste er sich unwillkürlich fragen, wie
dieser Gladiator es in einem Turnier gegen so viele furchtbare und
erfahrene Gegner so weit gebracht hatte. Er starrte Myrmidon an und
erfasste jedes Detail der Waffe, Rüstung und Haltung seines
Gegners.
Myrmidon starrte ihn ebenso an.
Max riss sich los, denn der Brauch verlangte, dass
sich die Gladiatoren der königlichen Loge zuwandten. Dort stand
Prusias und erteilte irgendeine Art von Tribut oder Segen, doch Max
hörte nicht zu.
In den Rängen waren keine Vyes, keine Hexen oder
jubelnde Gnome. Das Finale des Turniers war der Elite vorbehalten
und nur Edelleute, reiche Händler und durchreisende Würdenträger
durften zusehen.
Unter diesen Würdenträgern sah Max eine Abordnung
der Wiccas. Sie waren schwarz gekleidet und zeigten die dichte
Stammestätowierung, die ihn bei seinem ersten Treffen mit ihnen so
beeindruckt hatte. In ihrer Mitte erkannte er die Dame Mala, die
Matriarchin ihres Clans.
Auch die Werkstatt war vertreten. Ihre
Repräsentanten saßen in einer Nachbarloge und Dr. Rasmussens kahler
Kopf leuchtete verräterisch im gleißenden Licht. Unter der
aufgewühlten Menge schienen die emotionslosen Ingenieure völlig
fehl am Platze. Sie wirkten, als sollten sie einem Laborexperiment
beiwohnen.
Trotz des besonderen Abends und der
außerordentlichen Nachfrage nach Eintrittskarten war ein Teil des
Zuschauerraums fast leer. Es war die größte der königlichen Logen,
die mit ausladenden luxuriösen Sesseln bestückt
war, die Prusias normalerweise für sich selbst beanspruchte.
Doch zu dieser besonderen Gelegenheit war sie
jemand anderem vorbehalten.
Als er aufblickte, sah Max, dass Astaroths Banner
über der Brüstung hing. Und es war nicht der normale rote Wimpel
aus roter Seide mit dem weißen Siegel. Die waren allgegenwärtig. In
diesem Banner waren die Farben vertauscht und zeigten ein rotes
Siegel vor einem weißen Hintergrund.
Nur Astaroth selbst benutzte dieses Zeichen.
Max hielt nach dem Dämon Ausschau, doch Astaroth
war nicht anwesend, jedenfalls nicht in einer sichtbaren Form.
Stattdessen saß eine einsame Gestalt mitten in der ansonsten leeren
Loge. Sie war klein und unauffällig, doch Max’ Temperament schäumte
bei ihrem Anblick auf.
Denn es war niemand anderes als Mr Sikes, der
grausame und listige Gnom, der bei Astaroths Aufstieg zur Macht
eine so wesentliche Rolle gespielt hatte. Er saß vollkommen
zufrieden da, in seinem makellosen maßgeschneiderten Anzug, und
betrachtete die Arena mit höflicher Erwartung. Max unterdrückte den
Impuls, ihn augenblicklich anzugreifen.
Die Eingangszeremonien für den Kampf erreichten
ihren Höhepunkt. Wie es der Brauch war, hob Max als Antwort auf
Prusias’ Gruß den Speer. Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein
Gegner es ihm gleichtat, und plötzlich kam ihm ein schrecklicher
Gedanke.
War Myrmidon vielleicht Astaroth in
Verkleidung?
Die Vorstellung schien sehr real und durchaus
möglich. Schließlich saß Mr Sikes als Zuschauer hier, ohne dass
sein Meister irgendwo zu sehen war. Außerdem war der Dämon in etwa
so groß und schwer wie Myrmidon. Und schließlich würde Astaroths
Teilnahme sicherlich erklären, wie ein
offensichtlich so unscheinbarer Gladiator den entscheidenden
Turnierkampf erreicht hatte.
Max starrte seinen Gegner an und wünschte sich ganz
plötzlich und heftig, dass es tatsächlich Astaroth war. Der Dämon
war die Wurzel all ihrer Probleme. Ohne Astaroth müssten die
Menschen nicht in Furcht und Knechtschaft leben, während Dämonen
ihre Welt in ihre eigenen höllischen Machtbereiche
aufteilten.
Die Alte Magie wallte heulend und machtvoll in ihm
auf.
Als der letzte Trommelschlag verhallte, brach sie
hervor.
Mit noch nie gesehener Schnelligkeit und Gewalt
stürzte sich Max auf seinen Gegner. Sein Speer krachte gegen
Myrmidons Schild. Sein Gegner trat einen Schritt zurück, doch der
Schild blieb ganz.
Auch wenn er abgewehrt worden war, rang sein
Eröffnungsangriff wie Donnerhall durch die Arena und ließ die Menge
in aufgeregtes Murmeln verfallen. Es war eine uncharakteristisch
heftige Eröffnung des berühmten Gladiators gewesen.
Wieder und wieder hieb Max in einem Hagel gekonnter
Schläge und Stöße auf seinen Gegner ein, die seine einzelne Waffe
zu vielen zu machen schien. Keiner der Gladiatoren war darauf aus,
dramatische Unterhaltung zu inszenieren. Sie benutzten keine
Taktiken nur zur Zierde, wie es in der Arena üblich war. In diesem
Kampf waren alle Angriffs- und Verteidigungsmaßnahmen ihres
kunstvollen Beiwerks entkleidet und in ihre eigentliche, brutale
Form zurückgeführt worden.
Max’ Helm glich einem Backofen. Schweiß lief ihm
über das Gesicht und brannte in seinen Augen, während er mit
erbarmungslosem Tempo angriff. Das metallische Klingen von Speer
auf Schild und Schwert wurde immer stärker, bis es fast dem
Stakkato eines Maschinengewehrs glich. So geschickt
sein Gegner auch war, Max erkannte seine Verhaltensmuster immer
besser. Für einen Augenblick würde er seine ungeschützte Seite
öffnen und ihm eine Gelegenheit bieten. Es würde nur einen
Wimpernschlag lang dauern, aber dann …
Mit unglaublicher Geschwindigkeit und Beherrschung
verlagerte Max sein Gewicht, wirbelte auf dem Absatz herum und
machte sich bereit, den Speer unter dem erhobenen Arm seines
Gegners hindurchzustoßen.
Myrmidons ungeschütztes Herz lag nur Zentimeter
entfernt.
Aufbrüllend setzte Max zu dem gezielten Stoß an,
der Straavh vernichtet hatte. Wie zuvor musste er dabei alles an
Kraft und Willen auf die tödliche Spitze seiner Waffe
konzentrieren. Wenn sie traf, war der Kampf vorbei.
Doch mit einer Geschicklichkeit und
Geschwindigkeit, die selbst Max erschrecken ließ, sprang sein
Gegner zurück und brachte genügend Abstand zwischen sich und die
rasiermesserscharfe Klinge, dass sie den Schildrand traf.
Der Hieb vernichtete Myrmidon nicht, aber der
Aufprall ließ ihn rücklings in den Sand stürzen und gegen die Wand
der Arena krachen. Der Aufprall war so ungeheuerlich, dass selbst
die abgebrühtesten Zuschauer aufsprangen. Münzen und Blumen
prasselten in die Arena und Bragha Rùn wurde aufgefordert, ihn
fertigzumachen.
Max hätte es tun können, denn Myrmidon lag
zusammengekrümmt an der Mauer. Doch er würde sich nicht auf einen
gefallenen Feind stürzen – nicht einmal, wenn das der Dämon selbst
war, der sich in der Arena versuchen wollte.
Es vergingen lange Sekunden, doch schließlich
bewegte Myrmidon sich.
Mit grimmiger Entschlossenheit richtete sich der
Gladiator auf und sah Max an, als wollte er abschätzen, ob
sein
Gegner sofort angreifen würde. Da er sah, dass Max
warten würde, betrachtete Myrmidon seinen zerschlagenen Schild.
Verzaubert oder nicht, er hatte einen solchen Hieb abbekommen, dass
er völlig nutzlos geworden war.
Mit bewundernswerter Gelassenheit warf der
Gladiator den Schild einfach weg. Dann wandte er sich Max zu,
salutierte kurz und setzte den Kampf fort.
Da er seinen Schild nicht mehr zur Verfügung hatte,
änderte Myrmidon seine Taktik und griff nun selbst an. Zum ersten
Mal während des Kampfes wurde Max mit seinen eigenen Schwächen
konfrontiert. Myrmidon legte eine neue Heftigkeit an den Tag. Seine
völlige Furchtlosigkeit war beunruhigend, und er zeigte große
Geschicklichkeit darin, mit seinem kurzen Gladius die Verteidigung
seines größeren, kräftigeren Gegners zu unterlaufen.
In den Sidh hatte Scathach Max oft versichert, dass
für einen Kämpfer Zuversicht und Glaube wesentlich wichtiger waren
als sein Blut. Im Kampf bedeutete es zwar einen Teilerfolg, wenn
das Blut des Gegners floss, aber seinen Glauben zu zerschmettern,
bedeutete den Sieg. Und während Max seine Anstrengungen
verdoppelte, suchte er bei seinem Gegner sorgfältig nach Hinweisen
darauf, dass sein Wille und seine Zuversicht gebrochen waren.
Doch während sie einander umkreisten, blieb
Myrmidons Haltung aufrecht, seine Bewegungen zielsicher und
gewandt. Er zeigte keinerlei Anzeichen von Ermüdung, kein
verräterisches Schlurfen oder ein Senken des Kopfes.
Es gab kein Zeichen für einen Sieg. Noch
nicht.
Doch schließlich ergab sich eine Gelegenheit, als
Myrmidon im Sand auszugleiten schien. Max stürzte sich auf seinen
Gegner und versetzte ihm mit dem Griff seiner Waffe zwei kräftige
Schläge auf den Helm, bevor er sie umdrehte, um den entscheidenden
Schlag zu führen.
Zu spät erkannte Max seinen Fehler. Blitzartig
hatte Myrmidon das Schwert in die andere Hand genommen, und als Max
vorsprang, spießte er sich auf der Spitze auf, während Myrmidon
sich vom Speer wegdrehte, sodass sie lediglich seinen Hals
streifte.
Es war das erste Mal, dass Blut floss, und die
Menge sprang auf.
Max stolperte vom Schwert zurück, griff nach unten
und presste die Hand auf die Wunde. Das Schwert hatte die dünnen
Metallplatten seines Panzers durchstoßen und großes Unheil
angerichtet. Zuerst hatte er einen scharfen Schmerz verspürt, doch
jetzt war es nur noch ein dumpfes, schmerzhaftes Pochen. Er sah an
sich hinunter und stellte fest, dass Blut über seine Hand
strömte.
Währenddessen war Myrmidon außer Reichweite
gesprungen. Er schien seine eigene Wunde zu untersuchen, einen
langen, flachen Schnitt am Hals, doch Max war klar, dass er
lediglich seinen Gegner beobachtete und versuchte, herauszufinden,
wie viel Schaden er ihm tatsächlich zugefügt hatte.
Es war zweifellos eine hässliche Wunde, aber
dennoch seufzte Max erleichtert auf. Nichts Wichtiges war getroffen
worden und seine bemerkenswerte Konstitution würde die Blutung bald
stoppen und die Wunde versiegeln. Um den Kampf zu gewinnen, musste
ihm Myrmidon schon einen tödlichen Schlag versetzen.
Doch plötzlich spürte Max etwas Seltsames.
Wie erwartet wurde die Wunde taub, aber sie blutete
noch. Als er die Hand darauf presste, spürte er ein untypisches
Pulsieren von frischem Blut an seinen Fingerspitzen. Seine Knie
gaben nach und er stolperte benommen nach rechts.
Max stürzte nicht, doch die Menge reagierte, als
hätte
der Kampf seinen entscheidenden Wendepunkt erreicht. Ein
Aufbrüllen erklang, ein Gemisch aus Freude, Blutrünstigkeit und
Enttäuschung. Als Max aufblickte, sah er Myrmidon mit erhobenem
Schwert auf sich zu rennen. Er wollte den Kampf mit einem einzigen
Streich entscheiden, wie Max selbst es so viele Male getan
hatte.
Doch anstatt zurückzuweichen, machte Max einen
plötzlichen Schritt nach vorne. Er konnte den von diesem Manöver
überraschten Myrmidon am Schwertarm packen, ließ seinen Speer
fallen und hieb ihm ins Gesicht, sodass der Helm auf einer Seite
eingedrückt wurde. Der Schlag machte seinen Gegner für den Moment
so benommen, dass Max ihn vom Boden hochheben und auf Armeslänge
von sich halten konnte.
Doch Myrmidon hatte immer noch seine Waffe. Obwohl
er gewürgt wurde, konnte er seinen rechten Arm befreien und
zustoßen. Die Klinge fuhr Max in die Schulter, und wenn die Wunde
auch nur oberflächlich war, wollte er doch keinen weiteren,
gezielteren Angriff aus dieser Entfernung riskieren. Mit aller
Kraft stieß er Myrmidon von sich.
Sein Gegner krachte mit solcher Gewalt gegen einen
Monolithen, dass dieser zersprang. Der Winkel, in dem er aufkam,
war so unglücklich, dass Max sicher war, er habe sich das Genick
gebrochen. Allen Gesetzen zufolge musste sein Gegner leblos liegen
bleiben.
Doch das tat er nicht.
Bestimmt war es Astaroth.
Fast hätte er ungläubig gelacht, denn der Dämon
erhob sich erneut.
Max hatte beinahe vergessen, dass er seinen Speer
nicht in der Hand hatte, sondern dass er zu seinen Füßen lag. Als
er sich bückte, um ihn aufzuheben, bemerkte er etwas
Beunruhigendes.
Seine Wunde hatte immer noch nicht aufgehört zu
bluten. Im Gegenteil, durch die Anstrengung blutete sie sogar
stärker. Mittlerweile hatte eine grausige Kälte seinen Oberkörper
ergriffen. Er stützte sich auf den Speer und beobachtete ungläubig
seinen anscheinend unbesiegbaren Gegner.
Wie ein Güterzug kam Myrmidon auf ihn zu und hieb
nach Max’ Kehle. Max wehrte den Hieb ab, aber seine Bewegungen
waren mechanisch und langsam geworden und hatten ihre übliche Kraft
und Geschmeidigkeit verloren. Da er seinen Gegner nicht
zurückdrängen konnte, wich Max zurück. Doch Myrmidon konnte seine
Klinge dichter und dichter an Max’ ungeschützten Nacken führen.
Während Max sich auf die Waffe konzentrierte, trat ihm Myrmidon
plötzlich die Beine weg.
Max fiel, er stürzte in den Sand und krümmte sich
vor Schmerz, der durch die Wunde in seinem Bauch zuckte. Er
erwartete, dass der kreischende Gladius ihn traf, doch der Schlag
kam nicht. Mit kalter Verachtung trat der Gladiator über Max hinweg
und blieb etwa zehn Meter weiter mit dem Rücken zu ihm
stehen.
Es war eine beleidigende Geste, aber in seinem
Zustand konnte Max wenig tun. Unter ihm sammelte sich das Blut. Die
Wunde wollte sich einfach nicht schließen. Eine Welle der Übelkeit
überlief ihn und er kam zu einem grimmigen Schluss:
Myrmidons Klinge war vergiftet.
Der Irrsinn des Dämons hatte Methode. Seine
verächtliche Geste begeisterte nicht nur das Publikum, es
verschaffte ihm auch Zeit, dass das Gift seine Wirkung tat.
Im geisterblassen Mondlicht sah man Myrmidons Atem
in Wolken in die Luft steigen, während er den Arm hob und die
Verehrung der Menge entgegennahm. Blutend im Sand
liegend, sah Max zur königlichen Loge hinüber. Prusias hatte sich
erhoben, um den bevorstehenden Abschluss zu erleben, aber er schien
ernst und klatschte oder rief nicht. Mr Bonn war jedenfalls
aschfahl. Doch der Rest der Menge war wie im Rausch. Noch nie hatte
Max Dr. Rasmussen und seine Kollegen derartig aufgeregt gesehen. Er
verachtete die Werkstatt, und es war eine bittere Pille für ihn,
dass seine Niederlage ihnen Freude bereiten sollte.
Doch eine Gestalt in den Rängen hatte sich nicht
mit den anderen zusammen erhoben. Sie saß in der Nähe der Wiccas
und einen Augenblick lang hielt er sie für eine von ihnen. Doch ihr
Gewand war grau, nicht schwarz. Sie beugte sich vor und zog die
Kapuze zurück, die ihr Gesicht verhüllte.
Es war Scathach.
Max sah die Frau mit einer Deutlichkeit, als wäre
sie nur eine Armlänge entfernt. Scathach verfügte über eine
unirdische Schönheit, ein Gesicht aus Elfenbein, umrahmt von langem
rabenschwarzen Haar. Ihre grauen Augen betrachteten ihn so voller
Liebe und Sorge, dass Max fast vor Scham den Blick gesenkt
hätte.
Es gab keinen Zweifel: Sie wusste, wer er
war.
Er würde nicht zulassen, dass sie ihn in einem Sarg
aus Blut und Staub sah. Er würde sich weder Verrat noch Gift noch
Astaroth selber beugen.
Als Max aufstand, jubelte die Menge, als ob sie die
Mauern von Jericho zum Einsturz bringen wollte. Myrmidon wandte
sich auf dem Absatz um und starrte seinen Gegner an.
Max’ ganzer Körper zitterte und bebte, als ob das
Gift seine letzte tödliche Wirkung entfaltete. Zur Freude der
Zuschauer erkannte Myrmidon den Mut seines Widersachers an und
applaudierte mit der flachen Seite seines Schwertes. Die Geste
übermittelte eine unmissverständliche Botschaft, es war ein
Abschiedsgruß an einen würdigen Gegner. Als
der Gladiator seinen Beifall beendete, verfiel die Menge in
angespanntes, erwartungsvolles Schweigen.
Doch gerade als ihm Myrmidon den tödlichen Streich
versetzen wollte, erkannte er seinen Fehler.
Max hatte nicht vor Schwäche gezittert.
Die Alte Magie brach mit solch schrecklichem Stolz
und solcher Wut aus ihm hervor, dass sie ihn zu verschlingen
drohte. Sie blendete alles andere aus, es gab keine Wunde, kein
Gift, keinen Schmerz. Sie waren fort, von seinem inneren Feuer
schlichtweg aufgezehrt.
Was blieb, war ein Dämon in der Kleidung eines
Gladiators.
Einen Augenblick später war der Kampf vorbei.
Myrmidon brach am Fuß des Monolithen zusammen. Sein
Schwert war zersplittert und sein Körper mit solcher Vehemenz
aufgespießt worden, dass er an die Säule genagelt war. Geschockt
griff er nach dem Speer, als versuche er zu verstehen, was
geschehen war. Seine Fingerspitzen glitten langsam den Schaft
entlang, bis sie die immer noch bebenden Hände seines siegreichen
Gegners berührten.
Zuerst dachte Max, sein Feind wolle seine Hände vom
Speer lösen, doch er irrte sich. Myrmidon wollte ihn lediglich
berühren, seine Hände über denen von Max falten und sie halten. Es
kam so unerwartet und sanft, dass Max nicht wusste, was er tun
sollte, und einfach stehen blieb.
Es war ein seltsam schöner Augenblick, doch er war
nicht von langer Dauer.
Langsam sank Myrmidons Kopf nach vorne, als ob er
beten wolle.
Seine Hände glitten von Max’ Händen ab und mit
einem letzten Atemzug starb er.
Im Kolosseum brach die Hölle los. Ausgelassene
Zuschauer strömten von den Rängen in die Arena, um zu feiern.
Doch Max nahm die Unruhe nur am Rande wahr. Seine
Aufmerksamkeit blieb auf den gefallenen Feind gerichtet. Während
sich Hunderte von Malakhim bemühten, die Menge in Schach zu halten,
kniete sich Max hin, um Myrmidon den Helm abzunehmen.
Er musste seine Vermutung bestätigt sehen.
Er löste den Helm und erblickte seinen eigenen
Klon. Myrmidon schien eine jüngere, kleinere Version seiner selbst
zu sein – Max mit ungefähr vierzehn oder fünfzehn. Das Gesicht des
Klons aus der Frankfurter Werkstatt war gespenstisch friedlich.
Schwarze Haare wellten sich über der immer noch schweißglänzenden
Stirn. Auf dem linken Wangenknochen zeichnete sich ein hässlicher
blauer Fleck ab, doch das war der einzige Makel in dem blassen,
hübschen Gesicht, dessen jugendliches Aussehen durch harte
Erfahrung gelitten hatte. Myrmidon war zwar jung gewesen, doch er
hatte seinem Ende mit offenen Augen entgegengesehen.
Diese Augen waren dunkel und wild und in ihnen lag
ein geheimes Wissen, das nur der Tod verleiht. Betäubt vor Kummer
schloss Max ihre Lider und verabschiedete sich still von einem
Zwilling, den er nie kennengelernt hatte.
Dann stand er auf und sah sich nach Scathach um. Da
er sie nicht sehen konnte, drehte er sich um und marschierte
schnurstracks aus der Arena. Sein Zorn und seine Verachtung waren
so offensichtlich, dass die Menge ihm augenblicklich Platz machte,
um ihn durchzulassen. Als er im Tunnel verschwand, brachen sie in
dröhnende Beifallsrufe aus.
Der Rote Tod war erhaben
über Ruhm und Ehre.
Er lebte nur für die Arena.
War er nicht ein würdiger Champion?
über Ruhm und Ehre.
Er lebte nur für die Arena.
War er nicht ein würdiger Champion?