KAPITEL 13
Wo der Bach schmaler wird
014
Das düstere Ende des Samhain-Festes hatte viele Bewohner von Rowan schockiert und traurig gemacht. Alles in allem gingen etwa sechshundert Seelen an Bord von Prusias’ Galeere und segelten Richtung Osten, angelockt von den Versprechen, Land und Titel zu erhalten. Doch das war es nicht, was Max besonders schockierte, er hatte genug Geschichtskenntnisse, um zu wissen, dass manche Menschen die Gelegenheit, Land und Titel zu erhalten, immer ergreifen würden. Was ihn am meisten schockierte, war, wie schnell diese Menschen vergessen wurden.
Dabei war vergessen vielleicht ein zu krasses Wort. Man hatte sie geliebt und ihre Familien und Freunde vermissten sie, wie man es erwarten konnte. Aber Max wusste, dass da etwas Heimtückisches wirkte – ein Verblassen in der Erinnerung. Die meisten Menschen erinnerten sich zwar an die, die abgereist waren, aber die Erinnerungen waren verschwommen, als ob ein grundlegendes Band zwischen ihnen durchtrennt oder betäubt worden war. Ihre Äußerungen schienen sich eher auf entfernte Vorfahren als auf nahe Familienangehörige zu beziehen. Wenn man nachfragte, erinnerte man sich liebevoll an einen Freund oder Verwandten, der einst auszog, um in der Ferne sein Glück zu suchen.
Und so hörten die Geschichten auf.
Die Leute schrieben nicht ein einziges Mal, nachdem sie abgereist waren. Wochen waren vergangen und viele Handelsschiffe waren gekommen und gefahren, doch nie brachte eines davon Briefe aus Blys. Und nur wenige, die in Rowan zurückgeblieben waren, waren darum böse. Immerhin gingen in Blys große Dinge vor sich und so war der Adel selbstverständlich viel beschäftigt. Das kleine Rowan war ganz nett, aber im Vergleich zu dem mächtigen Blys jenseits des Ozeans nur ein provinzieller Vorposten. So war es schon immer gewesen …
Die letzte Einstellung fand Max besonders verwirrend. Die vier Königreiche Blys, Jakarün, Zenuvia und Dùn hatten nicht nur Eingang ins Lexikon gefunden, sondern sie waren auch im Alltagsleben präsent. Viele sprachen von ihnen, als hätte es sie schon immer gegeben. Russland, Los Angeles, Ägypten … Länder und Städte aus der Vergangenheit wurden zu ferner, exotischer Geschichte, die schon fast ein Mythos war. Man hätte ebenso gut über Atlantis sprechen können.
Und die Erinnerungen waren nicht das Einzige, was verblasste. Es schien, dass mit jeder Woche eine weitere moderne Innovation oder eine technische Erfindung verschwand. Max hatte sich mittlerweile an ein Leben ohne Fernsehen, Telefon, elektrisches Licht, Computer und jede Menge anderer moderner Annehmlichkeiten gewöhnt. Aber die Verluste gingen weiter. Mitte November weigerten sich die meisten Fischer, außer Sichtweite des Landes zu fischen, um nicht auf dem Meer verloren zu gehen. Antibiotika verschwanden aus den Medizinschränken, sodass ein Keuchhusten oder Scharlach zu tödlichen Bedrohungen wurden.
Trotz der verblassenden Erinnerungen und verschwundenen Technologien war das Leben nicht wie im finsteren Mittelalter. Rowan blühte eher wie eine große Stadt der Renaissancezeit. Die Ernte war gut gewesen, Pferdewagen rollten über die Pflastersteinstraßen, und es gab so viel Milch, Sahne und Butter, wie man es sich nur wünschen konnte. Geld wechselte häufig den Besitzer und in den Läden gab es handgearbeitete Laternen, Schreibfedern und Kunstobjekte. Nur selten musste jemand um ein paar Münzen oder eine Wolldecke betteln.
Max hätte im Moment eine Decke gut gebrauchen können. In einer schneeschwangeren Nacht eilte er über den Platz vor den Schulgebäuden. Die Lampen brannten bereits und beleuchteten die Bäume, deren kahle Äste sich wie ein Gitter vor dem dunkler werdenden blaugrauen Himmel abzeichneten. Vom Meer her hörte Max eine Glocke klingen – ein Schiff lief in den Hafen von Rowan ein.
Er ging nach Osten Richtung Meer und im Bogen um den Wald herum, der zum großen Tor führte. Zwischen den Bäumen sah er Lichter tanzen und er hörte die tiefe Stimme seines Vaters, der ein lustiges Marschlied sang.
»Und wie war der gruselige Laternenlauf?«, fragte Max, als die Gruppe auf die Lichtung kam.
»Schrecklich grrrruuuuselig«, erwiderte Mr McDaniels und hielt sich die Laterne unter das Gesicht. »Du hättest mitkommen sollen. Die Holzfäller haben an der Hauptstraße Kastanien geröstet und wir haben ein paar Geistergeschichten erzählt.«
Max lächelte und winkte den kleinen Knirpsen zu, die mit einer Hand ihre Eltern und mit der anderen ihre Laternen festhielten.
»War es gruselig, Tim?«, wollte ein kleiner Junge wissen.
»Ein bisschen«, antwortete ein anderer gelassen. »Aber nicht sehr.«
»Gut«, meinte Max. »Nun, ich habe schon das Essen im Herrenhaus riechen können. Lammeintopf, glaube ich.«
»Na, dann los«, winkte sein Vater die Gruppe weiter. »Und seht am Schwarzen Brett nach, wann unser nächster Ausflug ist.« Dann drehte er sich um und betrachtete Max mit schief gelegtem Kopf. »Wirst du mir sagen, was nicht stimmt, oder muss ich raten?«
»Nichts stimmt nicht«, antwortete Max.
»Max, du warst noch nie gut darin, deine Gefühle zu verbergen«, lachte sein Vater.
Sie gingen an den Klippen entlang, zwischen Gràvenmuir und der weißen Statue von Elias Bram. »Es ist nur, ich war mir so sicher, dass ich mittlerweile etwas von Connor hören würde. Oder von Mum. Aber offenbar hat keiner von den Leuten, die nach Blys gegangen sind, geschrieben. Und das scheint nicht einmal jemanden zu stören.«
»Nun, ich würde mir keine Gedanken um Connor machen«, riet sein Vater. »Wenn jemand auf sich selbst aufpassen kann, dann er.«
»Findest du es schwer, dich an Dinge zu erinnern, Dad?«, fragte Max. »An Orte wie die Werkstatt oder sogar an wichtige Menschen?«
»Wichtige Menschen wie deine Mutter?«, fragte Mr McDaniels mit wissendem Lächeln.
»Ja.« Max blickte aufs Meer hinaus. »Ich glaube schon.«
»Max, sei ganz beruhigt. Ich werde deine Mutter nie vergessen.«
»Weißt du«, begann Max vorsichtig, »wir haben nie wirklich darüber geredet, aber wenn du möchtest, kannst du dich gerne mit jemandem treffen. Ich meine, ich hätte nichts dagegen.«
»Gibst du mir deine gnädige Erlaubnis?«, fragte sein Vater amüsiert.
Max zuckte mit den Schultern. »Ja, ich glaube schon.«
Scott McDaniels schmunzelte und sah Max liebevoll an. »Ich wusste gar nicht, dass ich deine Erlaubnis brauche«, lachte er leise. »Aber es ist schön zu wissen, dass ich sie habe. Außerdem, woher weißt du, dass ich mich nicht schon mit jemandem treffe? Vielleicht bin ich ja heiß begehrt?«
Max warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
»Ich sage dir etwas«, meinte Mr McDaniels. »Wenn ich aufhöre, von deiner Mutter zu träumen, dann werde ich anfangen, mich mit jemandem zu treffen. Bis dann ist sie immer noch meine große Liebe. Erst letzte Nacht habe ich etwas Unglaubliches von ihr geträumt …«
»Dad!«, rief Max. »Das will ich gar nicht hören!«
»Nein, nein«, lachte sein Vater. »Nicht, was du denkst. Es war ganz unschuldig. Ich bin in meinem Nachtdings – im Pyjama irgendwo draußen herumgelaufen. Da waren Berge und viele Sterne und ein heller, magischer Mond. Aber irgendetwas war hinter mir. Ich konnte es atmen hören, aber ich hatte zu viel Angst, um mich umzudrehen. Also bin ich einfach weiter die Straße entlanggegangen und habe versucht, ruhig zu bleiben, um das, was hinter mir war, nicht zu reizen. Vor mir sah ich ein Haus, ein großes Haus auf einem Hügel. Ich ging geradewegs darauf zu. Als ich zur Tür kam, Max, hätte ich schwören können, dass mir etwas ganz dicht im Nacken saß.«
Max lief ein Schauer über den Rücken, denn Mr McDaniels Traum ähnelte erschreckend seinem immer wiederkehrenden Albtraum von dem monströsen Wolfshund. Dieser Wolfshund war seinem Vater gefolgt, da war er ganz sicher.
»Was ist dann passiert?«, flüsterte er.
»Nun, ich habe angeklopft und gebetet, dass jemand aufmacht. Ich habe wieder geklopft und immer noch war dieses Keuchen hinter mir. Ich klopfte ein weiteres Mal, und rate mal, wer mir aufmachte?«
»Mama?«
»Kein Witz!«, rief sein Vater. »Da stand sie, so hübsch wie an dem Tag, als ich sie das erste Mal gesehen habe. Sie hat kein Wort gesagt, hat nur gelächelt und meine Hand genommen. Und als ihre Finger die meinen berührt haben, Max, ich schwöre dir, ich habe es spüren können. Ich bin zusammengezuckt wie vom Blitz getroffen und natürlich sofort aufgewacht. Dann habe ich im Dunkeln gesessen und mir wahnsinnig gewünscht, ich könnte wieder einschlafen und sie wiedersehen. Ist das nicht erstaunlich?«
»Allerdings«, fand Max.
»Nun«, meinte sein Vater, »wenn ich solche Träume nicht mehr habe, dann fange ich an, mich zu verabreden.«
»Klingt fair«, fand Max, gerührt von der Hingabe seines Vaters.
Doch der sah an ihm vorbei. »Was ist denn da drüben los?«, fragte er.
Max drehte sich um und sah, wie die großen, ungelenken Masken eine kleine Prozession von Dämonen über die Wiese zum Hafen geleiteten. Allem Anschein nach verabschiedeten sie jemanden – zweifellos einen hochrangigen Dämon.
Während die McDaniels das Geschehen beobachteten, kamen noch weitere Gestalten. Miss Awolowo und Mrs Kraken, beide zum Schutz vor der Kälte in dicke Schals gehüllt, unterhielten sich leise mit dem Botschafter von Gràvenmuir, der auf die letzten beiden Nachzügler wartete.
Max traute seinen Augen nicht.
Mrs Richter, die Direktorin, ging neben genau dem Dämon her, der im Herbst den Jungen erschossen hatte. Ihre ganze Körpersprache und ihr Gesichtsausdruck deuteten Beschwichtigung an. Sie hatte die Hände gefaltet und war aufmerksam, als ob sie zustimmen und sich fügen wollte. Der Rakshasa senkte den großen Tigerkopf, offensichtlich zufrieden mit der letzten Äußerung der Direktorin. Am Rand der Klippen gesellte er sich zu den anderen und ging die Treppe hinunter.
»Wer ist das?«, fragte Mr McDaniels und rieb sich die kalten Arme.
»Jemand, der nicht hier sein sollte«, stieß Max hervor. »Komm mit!«
Max lief seinem Vater voraus und sah zu den Kais hinunter, wo eine luxuriöse Yacht an einem hoch mit Gepäck vollgeladenen Dock festgemacht hatte. Graue, langgliedrige Vyes luden das Gepäck gerade an Bord, als Lord Vyndra und seine Eskorte unten an der Treppe ankamen und den vereisten Strand überquerten.
Max wartete nicht auf seinen Vater. Er raste, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinunter auf den von Fackeln erleuchteten Kai.
Während die Vyes das Schiff beluden, paffte Lord Vyndra an einer schlangenförmig gebogenen Pfeife. Gelangweilt blickte er zum Strand und lauschte irgendeiner letzten Nachricht oder Petition des Botschafters. Mrs Richter und die weiteren Vertreter von Rowan standen an der Seite neben den anderen Dämonen und den Masken. Als Max die Pier entlanglief, erblickte ihn Vyndra und blies einen Rauchring in den Nachthimmel.
»Leinen Sie lieber Ihren Hund an, Frau Direktor«, empfahl er.
Mrs Richter wandte sich um, als die Masken zwischen Max und die Gruppe traten und wie eine schreckliche Kopie der vatikanischen Wachen ihre großen Hellebarden kreuzten. Die kleineren Dämonen stellten sich hinter sie.
»Max, was machst du denn hier?«, fragte Mrs Richter ruhig.
»Ich?«, fragte Max und blieb stehen. »Was macht der hier?«
»Lord Vyndra hat vor seiner Abreise die Botschaft besucht«, erklärte Mrs Richter mit einem warnenden Unterton in der Stimme. »Wozu er jedes Recht hat.«
»Dieser Dämon jagt Menschen!«, schäumte Max. »Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Er hat vor meinen Augen einen Jungen getötet!«
»Warum hast du darüber nichts berichtet?«, fragte Mrs Richter.
»Cooper hat den Bericht eingereicht«, gab Max zurück. »Fragen Sie ihn! Er kann es bezeugen!«
Mrs Richter schürzte die Lippen und neigte entschuldigend den Kopf in Lord Vyndras Richtung, der ungerührt dastand und nachdenklich paffte.
»Max, Agent Cooper hat nichts dergleichen berichtet, und es ist nicht möglich, dass er den Wahrheitsgehalt deiner Worte bestätigt, denn er ist heute Morgen nach Dùn gesegelt. Und jetzt möchte ich dich höflich bitten, zu gehen!«
Max starrte Mrs Richter an. »Wie können Sie sich nur auf seine Seite stellen?«, rief er ungläubig. »Sehen Sie doch in seinen Taschen nach, Mrs Richter. Ich wette, dass darin Trophäen sind, Köpfe oder Häute oder was dieses Monster sonst so mitnimmt!«
»Max, bitte!«, fuhr ihn Mrs Richter an.
»Machen Sie sich keine Umstände, Frau Direktor«, warf Lord Vyndra aalglatt ein. Seine katzenhaften Züge waren zu einem unbeteiligten, höhnischen Lächeln verzogen. »Ich wäre ja dankbar für einen verlängerten Aufenthalt in Ihrem Land, aber dieser Junge irrt sich. Prusias mag vielleicht über Beleidigungen hinwegsehen, aber ich nicht. Ich gestehe gerne, dass ich ein oder zwei Hirsche gejagt habe, aber ich habe weder Köpfe noch Häute von Menschen als Trophäen. Durchsuchen Sie meine Taschen, wenn Sie möchten«, verlangte er und bedeutete den Vyes mit einer Handbewegung, die vielen Koffer auszuladen.
»Das wird nicht nötig sein«, antwortete Mrs Richter.
»Sind Sie verrückt?«, rief Max außer sich. »Durchsuchen Sie sein Gepäck!«
»Nein!«, erklärte Mrs Richter bestimmt. »Das wäre eine Beleidigung unseres Gastes. Und jetzt geh, bevor du wegen Befehlsverweigerung festgenommen und vor Gericht gebracht wirst. Habe ich mich klar ausgedrückt?«
Max fuhr zurück, als hätte sie ihn geschlagen.
»Niemand verhaftet meinen Sohn!«, keuchte Mr McDaniels, der den Kai entlanggerannt kam.
»Das hier geht Sie nichts an, Mr McDaniels«, sagte Mrs Richter. »Bitte nehmen Sie Max und gehen Sie.«
Lord Vyndra lachte. »Sie sind der Vater des Hundes?«, fragte er mit offenkundigem Interesse. »Wie kann denn das sein?« Er trat zwischen die beiden Masken, beugte sich über die Hellebarden und betrachtete Scott McDaniels eingehender. Die Präsenz des Dämons war ungeheuer mächtig, Mr McDaniels zitterte wie ein Baby vor einer Schlange. Schließlich stieß der Dämon eine große Rauchwolke aus und schüttelte den Kopf. »Ich glaube, Ihre Frau hat Sie zum Narren gehalten, mein Freund. Sie sind nicht sein Vater, sondern nur ein wohlgenährter Hahnrei.«
»Ich bring dich um!«, schrie Max und stürzte sich auf Vyndra. Mit einem Satz sprang er über die gekreuzten Hellebarden.
Doch er fiel nicht wie geplant auf Lord Vyndra. Stattdessen schien er in der Bewegung zu verharren, als hätte jemand die Zeit angehalten. Sein Körper hing mitten in der Luft, seine Glieder waren wie festbetoniert von einer mächtigen Kraft, die ihm die Luft aus den Lungen presste. Er wehrte sich dagegen.
Dabei begann ein Licht auf seiner Stirn zu leuchten, ein Licht, das immer heller wurde, je mehr er sich bemühte.
»Annika«, keuchte Mrs Richter. »Ndidi, helft mir!«
Erst jetzt erkannte er, dass nicht Vyndra, sondern Mrs Richter sich gegen ihn stellte. Es forderte so viel Energie von ihr, dass sie in die Knie gesunken war und ihre nach Max ausgestreckten Arme unkontrollierbar zitterten.
Der ganze Hafen blitzte in grellem Licht auf, als Max den Bann brach.
Er stürzte schwer auf die Pier, kam wieder auf die Füße, rang um sein Gleichgewicht und sprang erneut auf Vyndra zu, der sich nicht vom Fleck gerührt hatte.
Neuerlich wurde er in der Luft eingefroren, diesmal von den vereinten Kräften der drei mächtigen Magierinnen. Wiederum schrie er so laut, dass im Zollhaus alle Fensterscheiben barsten. Seinem Körper entfuhr eine Energiewelle, die den Anleger verdrehte und ihn beinahe in die eisige See hätte stürzen lassen. Mr McDaniels wurde zurückgeschleudert. Doch Mrs Richter und die anderen hielten ihre Konzentration aufrecht.
»Gehen Sie!«, rief Mrs Kraken. »Wir können ihn nicht mehr lange halten!«
Die Vyes warfen die letzten Kisten in die tanzende Yacht. Mit einer kühlen Verbeugung stieg Lord Vyndra an Bord, gefolgt von seinen Anhängern. Die Vyes lösten die Taue und stießen das Schiff mit langen Stangen schnell vom Dock ab, damit es in die kalte Dünung hinausgleiten konnte. Wie von einer geisterhaften Crew wurden die Segel gesetzt und das Schiff wandte sich dem offenen Meer zu.
Alle Augen richteten sich auf Max und die strahlende Helligkeit, die ihn umgab. Er blickte der Yacht nach, die aus dem Hafen auf den dunklen Ozean hinaussegelte. Auf dem Deck stand Lord Vyndra, an die Messingreling gelehnt und seine Pfeife rauchend. Lässig winkte er Max zu.
Doch Max bemerkte, dass der Dämon nicht nur einfach winkte, sondern etwas in die Höhe hob. Im bleichen Mondlicht glänzte es rund und fahl.
Es war ein menschlicher Schädel.
Er versuchte zu schreien, damit die anderen hinsahen, aber sogar seine Zunge und seine Stimmbänder waren gelähmt. Sein ganzer Körper war taub von der Muskelanspannung. Aus Mrs Richters, Mrs Awolowos und Mrs Krakens Fingerspitzen schossen Energieblitze und verstärkten die Sphäre, sodass der Bann stärker wurde, je schwächer Max wurde.
»Botschafter, nehmen Sie Ihre Leute und gehen Sie«, befahl Mrs Richter ruhig.
Sobald die Dämonen über den Strand und die Treppe hinauf verschwunden waren, sagte Mr McDaniels:
»Ich glaube, jetzt können Sie ihn ruhig loslassen.«
Doch Mrs Richter und die anderen gaben ihn nicht frei. Erst als Lord Vyndras Schiff verschwunden und das Licht um Max erloschen war, lösten die drei Frauen ihren gemeinsamen Bann. Es geschah langsam, die Energie der Sphäre entknotete und entwirrte sich wie ein Garnknäuel, bis sie ganz verschwand. Max sank langsam zu Boden, wo er keuchend liegen blieb, während die Wellen leise zischend an den Strand liefen.
Mrs Richter räusperte sich und befahl dem völlig verdutzten Zollmeister: »Mr Hagan, bitte schicken Sie jemanden zur Krankenstation und bitten Sie um Hilfe. Annika braucht möglicherweise ärztliche Hilfe. Niddi, hilf mir, sie aufzusetzen.«
Max’ Kräfte kehrten langsam wieder. Er rollte sich auf die Seite, holte tief Luft und sah Mrs Richter finster an, die sich in einem Haufen Scherben neben Mrs Kraken hockte. Sie wirkte erschöpft.
»Mr McDaniels«, bat sie, »wenn Sie nicht verletzt sind, dann bringen Sie Ihren Sohn bitte in sein Zimmer.«
Max spürte, wie ihm starke Hände unter die Arme griffen und ihn hochzogen. Trotz der Schwäche in den Beinen schaffte er es, an seinen Vater gelehnt den langen, schotterigen Weg das Dock entlangzugehen. An den Klippen hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Er suchte nach einem freundlichen Gesicht, fand aber keines.
 
Die beiden nächsten Tage verbrachte Max allein im Observatorium. Es hatte geklopft und ein paar Briefe waren unter der Tür durchgeschoben worden, doch er hatte sich nicht aus dem Bett gerührt, nicht einmal, um mit seinem Vater zu essen. Er lag nur in seinem warmen Bett und beobachtete die Sternenkonstellationen, die langsam über die Glaskuppel zogen. Er litt unter heftigen Gefühlsschwankungen, war zornig und gleich darauf ganz plötzlich deprimiert. Einerseits war er wütend auf Mrs Richter – und auf die gesamte Leitung von Rowan -, weil sie vor den Dämonen krochen – andererseits hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er die Beherrschung verloren hatte.
David hatte er nicht zu Gesicht bekommen, aber er hatte auch die meiste Zeit geschlafen. Gähnend ging Max auf der Galerie des Observatoriums herum und schaute in die untere Ebene hinunter. David war zwar nicht zu sehen, aber es gab deutliche Hinweise darauf, dass er da gewesen war. Überall lagen Papiere und Manuskripte herum und Max roch noch schwach den Rauch aus dem Kamin. Er zog sich den Morgenmantel über und ging hinunter.
Der Tisch sah katastrophal aus, jeder Zentimeter war mit Bücher- und Papierstapeln vollgestellt. Das oberste Pergament war mit einer silbrigen Substanz bestrichen, die noch feucht glänzte. Neugierig zündete Max eine der dicken Kerzen an und hielt das Papier vor das gelbliche Licht.
Zuerst war die Schrift unleserlich – eine unsinnige Anordnung von Wörtern und Buchstaben, Zahlen und Symbolen. Doch vor seinen Augen begannen sich Muster zu formen. Worte und dann ganze Sätze bildeten sich, als hätte er eine magische Brille auf. Bald erkannte er, dass es ein Text von Bram aus dessen privaten Papieren war.
 
11. Januar 1633
 
Der gute Kepler hat vor seinem Tod vorausgesagt, dass dies geschehen würde. Der heutige Tag lässt mich vor Freude erzittern. Seit dreihundert Jahren ist dieser hohe Turm geschlossen. Morgen Abend wird er wieder geöffnet werden und ich werde dort einziehen. Die Ältesten haben ihre absurden Bedenken wegen meiner Jugend endlich aufgegeben. Morgen wird Elias Bram der fünfte Gwydion-Vorsitzende der Magier.
Was für ein Ereignis! Was für eine Leistung für einen erst zwanzigjährigen Mann. Ich gestehe, dass ich um den Titel gebeten habe und dass das einige für ungehörig halten. Aber die Großen nehmen sich, was ihnen gebührt.
Wie wird Birgit darauf reagieren? Zweifellos kritisch, und sie wird so tun, als kenne sie diesen Titel nicht. Es macht ihr Spaß, meine Leistungen durch ihre reizende Gleichgültigkeit herabzuwürdigen. Doch dies kann sie nicht ignorieren. Was auch immer Marley sagen mag, dieses Rennen um ihre Gefühle werde ich gewinnen. Noch dieses Jahr werde ich mit ihrem Vater sprechen. Wie hoch der Brautpreis auch sein mag, ich werde ihn bezahlen.
Der arme Marley. Man kann sich keinen treueren Freund wünschen. Doch mein Glück muss ihm einen schrecklichen Schlag versetzen. Natürlich wird er sich für mich freuen, aber ihm muss klar sein, was das bedeutet. Er verliert seinen besten Freund und die Frau, die er liebt. Das Schicksal kann grausam sein. Aber der Gwydion-Vorsitz muss solche Bedenken ignorieren. Denn größere Dinge verlangen seine Aufmerksamkeit...
 
Max drehte das Blatt um, doch auf der Rückseite stand nichts. Der Tonfall dieses Tagebucheintrages stand im scharfen Gegensatz zu den nüchternen, ernsten Berichten, die Max aus Brams späteren Jahren kannte. Dieser Bram schien arrogant und ehrgeizig und ging kaltherzig über das gebrochene Herz seines Freundes hinweg.
Er hörte ein Geräusch von oben und legte das Blatt weg. Die Tür öffnete sich und ließ einen Lichtstrahl vom Gang in das dunkle Observatorium fallen. Schritte. Das Rascheln von Papier.
»Ich komme in Frieden!«, rief eine warme Stimme auf Englisch. »Darf ich hinunterkommen?«
»Bitte«, sagte Max und setzte sich auf. Er schob einen Bücherstapel beiseite und versuchte, den Tisch halbwegs präsentabel zu machen, bis Nigel die Treppe hinuntergestiegen war.
»Hmm«, machte sein einstiger Anwerber. »Es ist hier unten ein wenig dunkel. Hast du etwas dagegen, wenn wir die Dinge ein bisschen freundlicher gestalten?«
»Das haben Sie auch gesagt, als wir uns kennengelernt haben«, erinnerte sich Max. »Kakao und Kamin beruhigen die Gemüter, oder so etwas in der Art.«
»Na ja, du hast dir fast vor Angst in die Hosen gemacht und brauchtest so etwas«, gab Nigel zurück und legte eine braune Tüte sowie einen Packen Papiere auf dem Tisch ab. »Tut mir leid, dass ich so hereingeplatzt bin, aber dein Vater hat mir den Schlüssel gegeben.«
»Geht es Mrs Kraken gut?«, fragte Max besorgt.
»Ihr geht es prima«, erwiderte Nigel, betrachtete stirnrunzelnd eine Zeitung und schob sie beiseite. »Sie ist ein wenig überanstrengt von der ganzen Aufregung, aber sie wird sich erholen.«
Max nickte und spürte, wie seine Anspannung zum Teil nachließ. Nigel schob ihm die braune Tüte zu und Max erkannte den Buttergeruch von noch warmen Popovers. Gierig verschlang er zwei davon und grunzte dankbar.
»Der Anstandsunterricht hat wirklich etwas gebracht, nicht wahr?«, neckte Nigel amüsiert.
»Wieweh Mnisses Bessow?«, fragte Max mit vollem Mund.
»Wie bitte?«
Max schluckte und wischte sich die Krümel vom Kinn. »Wie geht es Mrs Bristow?«
»Wunderbar, vielen Dank der Nachfrage. Die Schwangerschaft bekommt ihr gut. Sie war noch nie schöner. Und wie geht es dir?«
»Gut«, antwortete Max.
»Hmm«, sagte Nigel. Er reichte Max einen Stapel ungeöffneter Briefe. Er sah sie durch und zählte vier von Julie, zwei von Cynthia, einen von Sarah und einen, dessen Handschrift er nicht kannte.
»Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich den hier lese?«, fragte Max. »Ich weiß nicht, von wem er ist.«
Nigel schüttelte den Kopf und Max riss den Brief auf.
 
Lieber Max!
 
Es fällt uns schwer, diesen Brief zu schreiben. Du warst Julie und dem kleinen Bill ein guter Freund und das wissen wir zu schätzen. Aber es ist unmöglich, die Gerüchte und die Zeitungsberichte zu ignorieren. Wir lieben unsere Kinder sehr und möchten sie schützen. Deshalb möchten wir Dich höflich bitten, ab sofort jeden Kontakt zu ihnen zu unterlassen. Natürlich streitet sich Julie mit uns darüber, denn ihr liegt sehr viel an Dir. Wenn Dir ebenfalls etwas an ihr liegt, wirst Du sie gehen lassen und dem Urteil ihrer Familie vertrauen.
Vielen Dank!
Robert und Linda Jeller
 
»Gute Nachrichten?«, fragte Nigel mit hoffnungsfrohem Lächeln.
»Nicht sonderlich«, antwortete Max. »Julies Eltern wollen, dass ich sie nicht mehr sehe.« Er sprach tonlos, denn die volle Bedeutung war noch gar nicht zu ihm durchgedrungen. Mit Max’ Erlaubnis las Nigel den Brief selber.
»Bist du ihnen böse?«, fragte Nigel.
»Nein«, seufzte Max. »Es sind nette Leute. Ich weiß, dass sie nur das Beste wollen. Aber ich würde doch nie Julie wehtun.«
»Das weiß ich«, erklärte Nigel. »Und so wie es aussieht, wissen sie das auch. In ihrem Brief steht nicht, dass sie fürchten, du könntest sie verletzen. Ich glaube, sie befürchten eher, dass du – weil du bist, wer du bist – ein Magnet für gefährliche Situationen bist.«
»Dieser Dämon kann von Glück sagen, dass sie mich aufgehalten haben«, schäumte Max. »Ich weiß nicht, was ich sonst getan hätte.«
»Hmm«, meinte Nigel. »Ich glaube, es ist für alle Beteiligten gut, dass nichts Schlimmeres passiert ist. Rakshasa sind äußerst mächtig, Max. Du hättest schwer verletzt werden können. Und wie ich gehört habe, brauchen wir diesen besonderen Rakshasa …«
»Vyndra?«, fuhr Max auf. »Wozu brauchen wir ihn?«
»Lord Vyndra hat unter seinesgleichen sehr viel Einfluss«, erwiderte Nigel. »Und er kann Prusias nicht leiden. Soweit ich weiß, ist Vyndra der Meinung, er solle der Herrscher von Blys sein. Und wie du dir vorstellen kannst, macht ihn das äußerst wertvoll.«
»Er ist ein Mörder«, knurrte Max. »Ich habe gesehen, wie er einen Menschen zum Spaß gejagt hat.«
»Ich habe nie behauptet, dass er ein angenehmer Zeitgenosse ist. Nur wertvoll.«
»Ich verstehe nicht, warum wir uns überhaupt mit ihnen abgeben müssen«, fuhr Max auf. »Das hier ist doch unser Land. Diese ganze Verbeugerei und Kriecherei kommen mir so feige vor.«
»Du würdest es vorziehen, wenn wir das ausfechten, ja? Mano a Daemona?«, fragte Nigel.
»Vielleicht.«
Der Mann lächelte und knüllte die Tüte zusammen. »Max, so wie die Dinge derzeit stehen, würden wir keine Woche durchhalten«, erklärte er sachlich.
Der Alte Tom läutete drei Uhr.
»Ich bin wie üblich zu spät«, seufzte Nigel. »Max, ich habe deinem Vater versprochen, dich nach draußen zu den Kindern zum Spielen zu schleifen. Letzte Nacht hat es geschneit, mein Junge, alles ist weiß und glitzert. Wirklich schön. Also, was ist? Ich habe schon lange keine Schneeballschlacht mehr geschlagen. Sag mal, werfen die wirklich fest?«
»Nigel, die sind fünf Jahre alt!«
»Na, die kleinen Racker können trotzdem ganz schön heftig werden.«
Fünf Minuten später hatte sich Max seinen Mantel geschnappt, die Stiefel geschnürt und war nach unten gelaufen. Im Foyer traf er Nigel und stieß die Tür auf, die den Blick auf den weiß glitzernden Platz freigab.
Es war Max’ Lieblingsschnee, sauber und luftig und gerade feucht genug, dass er zusammenpappte. In dicken Klumpen hing er an den Zweigen, bildete Mäntel um die Figuren am Springbrunnen und klebte sogar am Dach von Gràvenmuir, an dessen Rändern dicke Eiszapfen hingen. Auf dem Platz waren lauter Schüler, die sich gegenseitig wegen der Abschlussprüfungen bemitleideten. Eine Kutsche mit einem behelfsmäßigen Pflug klapperte vorbei, um den Weg freizuräumen. Und über den Dächern schwebten Spatzen und Möwen in den Luftströmungen und erfüllten die Luft mit schrillen, traurigen Schreien.
»Sind sie im Sanktuarium?«, fragte Max.
»Nein«, antwortete Nigel. »Irgendwo draußen. Dein Vater sagte, du wüsstest schon, wo, irgendein Bach oder so mit einem Biberdamm.«
Sie zogen los und hinterließen tiefe Spuren im Schnee.
Nur noch selten schloss Rowan die großen Tore. Davids Zeichen auf der Tür und die vielen Zaubersprüche schienen nun nichts weiter zu sein als ein hübscher Schmuck, der die Besucher begrüßte, die auf den gepflasterten Straßen von den umliegenden Farmen und kleinen Siedlungen kamen. Als Max und Nigel unter dem hohen steinernen Bogen hindurchgingen, erzählte Max von seinen Sorgen mit seinem Unterricht.
»Sie bemühen sich alle«, erklärte er. »Mrs Richter, die Agenten … alle geben ihr Bestes. Aber ich weiß nicht. Die meisten Tricks kriegen sie einfach nicht hin. Selbst wenn sie sich verbessern, fehlt einfach irgendetwas. Ich weiß nicht genau, was es ist, also versuchen wir jetzt, die einzelnen Teile gesondert zu betrachten.«
»Sehr vernünftig«, fand Nigel.
»Ja, aber irgendetwas geht dabei auch immer verloren«, meinte Max und blieb stehen, um das neue Schild zu lesen, das an der Weggabelung aufgestellt worden war. »Cooper schafft ein oder zwei Tricks, aber es ist nicht so mühelos, so natürlich, wie es sein sollte.«
Max ging voran, als sie den gepflasterten Weg verließen und auf einen Holzfällerpfad einbogen, der sich durch den Wald bis zum Meer schlängelte. Der Himmel bewölkte sich und schwere graue Wolken deuteten weitere Schneefälle an. In der untergehenden Sonne nahm die Landschaft eine unwirkliche Schönheit aus Schnee und Schatten, schwarzen Ästen und grünen Nadeln an. Weit weg erklang in der klaren Winterluft vom Hafen her eine Glocke.
»Wettest du gern, Max?«, fragte Nigel.
»Klar«, antwortete Max. »Um was geht es denn?«
»Diese Glocke kündet ein Schiff an, wie du ja wohl weißt. Nun, wenn das Schiff aus Blys kommt, kaufe ich dir ein Pfund von Mr Babels feinster Schokolade. Wenn es ein Klipper aus Zenuvia ist, kaufst du Emily das Gleiche.«
»In Ordnung!«, schlug Max ein. »Es kommen doppelt so viele Schebecken aus Blys wie Klipper aus Zenuvia. Ha! Da hat jemand aber eine Verliererwette abgeschlossen!«
»War das der Jemand, der heute Morgen die Schiffsmeldungen in der Zeitung gelesen hat?«, fragte Nigel beiläufig.
»Oh nein«, rief Max und schlüpfte zwischen ein paar Bäumen hindurch, um einen guten Aussichtspunkt zu suchen. Bald fand er einen, einen Granitvorsprung, der eine Panoramaaussicht auf die Zinnen von Rowan und einen kleinen Teil von Gràvenmuir bot. Weit unter ihnen lag der Hafen von Rowan so winzig wie eine Spielzeugwelt.
Und da war ein Schiff. Zuerst sahen sie die Lichter, winzige helle Punkte vor dem tiefschwarzen Meer. Der schwarze Rumpf war lang und schmal, die hohen Masten für eine Menge Segeltuch ausgelegt. Alles deutete auf ein Schiff hin, das dafür gebaut war, exotische Ladung schnell zu transportieren – ein Klipper aus Zenuvia.
»Oh wie süß schmeckt der Sieg!«, jubelte Nigel. »Ich bin sicher, Emily lässt dir danken. Übrigens bevorzugt sie dunkle Schokolade.«
»Von Mr Babel«, bestätigte Max.
»Genau«, nickte Nigel. »Wir alle brauchen ein wenig Schokolade gegen die Kälte, nur der Kerl da offensichtlich nicht. Wer segelt denn zum Spaß unter diesen Bedingungen?«
»Wo?«, fragte Max und blickte aufs Meer hinaus.
»Da unten«, deutete Nigel nach Süden auf ein kleines Schiff, das im Schutz einer Felsnische auf den Wellen tanzte. Die Wellen krachten an die Felsen und ließen so viel Gischt aufspritzen, dass sie das Schiff nicht gut sehen konnten, doch schließlich wurde es von der Dünung höher gehoben und Max erkannte glänzendes Teakholz und einen schlangenförmig aufgebogenen Bug. Dieses Schiff hatte er schon einmal gesehen.
Es war Lord Vyndras Yacht.
»Was macht der denn noch hier?«, stieß er hervor.
»Wer?«, fragte Nigel neugierig.
Als Antwort erschallte der Ruf eines Dämonenhorns. Er kam von Süden, vom Land her. Der lange, heisere Ruf ließ ihnen das Blut in den Adern gefrieren und die Vögel aus den Bäumen auffliegen.
»Haben Sie eine Waffe dabei?«, fragte Max aufgeregt.
Nigels Lächeln verschwand. »Was? Natürlich nicht – Max, was ist denn los?«
»Kommen Sie!«, rief Max und rannte die Küste entlang auf das Geräusch zu. Das Tageslicht wurde bereits schwächer, als Max über einen umgestürzten Baumstamm sprang und einen Schneepfad entlangraste, der zu dem schmalen Bach führte, an dem die Kinder gerne spielten.
»Dad!«
Er bekam keine Antwort, nur das Seufzen des Windes und das hohle Bumm-bumm-bumm seines eigenen Herzens. Vor ihm ragte ein Schneemann auf. Zwei ungleiche Augen sahen ihn an. Max rannte an ihm vorbei, den vielen Fußspuren den Hang hinunter folgend, der zum Bach führte.
Vor ihm konnte er etwas hören – das Weinen eines Kindes.
»Dad!«
Und dann sah er sie.
Das Mädchen saß auf einem kalten, nassen Blätterhaufen, während ihr der angeschwollene Bach über die Stiefel lief. Sie schluchzte und hielt sich an dem Mantel von Mr McDaniels fest, der an einem Wurzelgeflecht am Bachufer lehnte.
»Oh nein«, stieß Max hervor, hob das Mädchen hoch und setzte sie auf den blutbefleckten Schnee. »Dad, kannst du mich hören? Bitte sag, dass du mich hören kannst!«
Es spritzte leise, als das Bein seines Vaters plötzlich zuckte.
»Es wird alles wieder gut«, flüsterte Max. »Ich bin bei dir.«
Als er nach unten schaute, bemerkte er einen Riss im Pullover seines Vaters, knapp unterhalb der Brust. Zuerst hielt er es nur für ein Loch im Stoff, bis er das Blut sah, das wie Sirup daraus hervorquoll. Vorsichtig zog er den Riss auf und knöpfte das Hemd darunter auf, um die Wunde zu betrachten.
Was er sah, ließ ihn aufkeuchen.
Sein Vater hielt zwei Pfeile fest in der Hand, er musste die grässliche Wunde verursacht haben, als er sie herausgezogen hatte.
Das Weinen des Mädchens wurde zu einem hysterischen Kreischen. Max versuchte, es auszublenden, während er sich darauf konzentrierte, was er tun sollte.
»Okay«, sagte er und versuchte, sich zu beruhigen. »Okay, Okay … wir schaffen das schon.«
Er fühlte den Puls seines Vaters – schwach nur, aber deutlich. Aber er war kalt, schrecklich, schrecklich kalt. Max musste ihn warm halten, während er versuchte, die Blutung zu stoppen. Er zog seinen Mantel und seinen Pullover aus und legte sie über seinen Vater. Dann wickelte er sich seinen Schal um die Hand, um Druck auf die Wunde ausüben zu können. Sein Vater sog scharf die Luft ein und versteifte sich vor Schmerz.
»Es tut mir so leid«, sagte Max. »Es tut mir so leid.«
Mr McDaniels ließ die Pfeile los und griff blind nach Max’ Hand.
»Es wird schon wieder«, versicherte ihm Max, nahm seine Hand und drückte sie fest. »Die Blutung lässt bereits nach. Gleich hört es ganz auf. Alles wird wieder gut.«
Er vernahm schnelle Schritte am Bach. Endlich kam Nigel keuchend bei ihm an. »Lebt er noch?«, fragte er.
Max nickte.
»Wo sind die anderen?«
»Keine Ahnung«, erwiderte Max und versuchte, weiterhin gleichmäßig Druck auszuüben. »Ich habe nur sie gefunden. Ich glaube, die Blutung ist jetzt gestoppt, aber ich kann ihn so nicht tragen.«
Nigel hob die Hand und ließ kreischende Notsignale in den Himmel aufsteigen. Ihre Funken erleuchteten den dunklen Bach in einem bizarren, festlichen Licht. Nigel schickte zwei weitere Salven hinauf – eindringliche Zeichen, die eine Rauchsäule von ihrem Standort aus aufsteigen ließen. Dann hockte er sich neben Mr McDaniels und fühlte seinen Puls.
»Da ist nicht viel«, meinte er blass vor Sorge.
»Aber es blutet nicht mehr«, beharrte Max und blickte unter den Schal. »Es hat aufgehört.«
Nigel sah zum Bach. Langsam tunkte er die Hand ins Wasser neben Mr McDaniels.
Sie wurde rot.
Max hielt den Atem an.
Nigel räusperte sich und sagte mit unheimlicher Ruhe: »Max, ich fürchte, da ist noch eine Wunde.«
Vorsichtig rollte er Mr McDaniels auf die Seite und hob sein Hemd an, um seinen Rücken zu untersuchen. Weiß wie ein Laken blickte er auf. Gegen alle Regeln des Abbindens presste er seine Hände direkt auf die Wunde.
»Kennen Sie keinen Spruch?«, fragte Max mit aufsteigender Panik.
»Nicht für so etwas.«
Scott McDaniels Körper zuckte. Er hatte einen Wendepunkt erreicht. Max beugte sich zu ihm und presste seine Wange gegen die seines Vaters. »Geh nicht«, flüsterte er. »Dann bin ich ganz allein. Bitte, bitte bleib bei mir!«
Immer und immer wieder flüsterte Max diese Worte, bis sie zu einer Art Beschwörung wurden. Solange er diese Worte sagte, konnte sein Vater nicht gehen.
Es gab kein weinendes kleines Mädchen.
Keinen Nigel.
Keinen Bach.
Es gab nur die kalte Wange seines Vaters an seiner warmen.
Es gab nur die Worte, die ihn hier festhalten würden.