KAPITEL 4
Zehn seidene Segel
005
Das Feuer war heruntergebrannt und Max las immer noch. Er kauerte in seinem bequemen Sessel und stützte das Grimoire auf seine Knie, während er die Berichte der Leute las, die Prusias im Laufe der Zeit beschworen hatten. Es waren viele. Offensichtlich war Prusias bei denen, die nach Reichtum strebten, sehr beliebt. Und er war nicht nur beliebt, weil er geschickt darin war, jemandem zu Reichtum zu verhelfen, sondern weil man ihn auch für freundlich hielt. Die Aufzeichnungen stellten einen witzigen, neugierigen Kenner der Menschheit und ihrer Wünsche dar. Anders als Astaroth mochte Prusias es, heraufbeschworen zu werden.
 
Zur vereinbarten Stunde sah ich den Dämon durch das östliche Fens” ter – eine dunkle Gestalt zwischen den weißen Birken, die Lizzie im Frühling so liebt. Prusias trug Mantel und Kapuze, und ich muss gestehen, dass mich zuerst Furcht überwältigte, als ich den Dämon erblickte und sah, wie er auf mich zukam. Mein Diener flüch” tete aus dem Zimmer, und ich stand allein im Beschwörungskreis, den die Fremde auf den Boden gezeichnet hatte. Ich hatte Angst, dass mein Diener Lizzie wecken und meine Pläne vereiteln könnte, aber er schloss sich lediglich im Keller ein – möge er dort verrotten. Auf das Klopfen des Dämons hin erhob sich die Fremde, und sie war es, die ihn in mein Haus einließ. Ich hatte einen Teufel erwartet – eine Schreckgestalt, Dantes würdig! Doch in der Tür stand ein schöner Edelmann, und gerne bot ich ihm die Erfrischungen an, die mir zu Gebote standen. Endlich fand ich den Mut, zu sprechen.
Der Dämon hörte mir wohlwollend zu und gab mir gute Rat" schläge zu meinen Wünschen. Jacobs Haus und seine Ländereien wer” den mir gehören, wie es hätte sein sollen, als Vater starb. Prusias hat sie mir versprochen und mir überdies von silbernen Löffeln erzählt, die in der verfluchten Baumschule begraben sind. Auch diese sollen mir gehören, sobald Jacob und seine Hure vertrieben worden sind. Der Dämon hat sich verpflichtet, all dies zu tun, wenngleich ich nicht wage, nach den Einzelheiten zu fragen.
 
Viele solcher Geschichten über kleinliche Fehden, ein begehrtes Erbe und blutige Juwelen, die dem Besitzer von der noch warmen Hand gestohlen wurden, las Max. Es war eine verstörende Lektüre. Wo Prusias auftauchte, wurde Reichtum auf grausige Weise umverteilt. Diejenigen, die ihn beschworen, priesen seine Dienste und bemühten sich, in ihrem Bericht ihr Glück zu rechtfertigen.
Doch es gab eine einzige Ausnahme und Max hatte sie mehrere Male gelesen. Es handelte sich um die Abschrift eines Tagebucheintrags, den Elias Bram im Winter 1647 gemacht hatte.
 
Meine Forschungen weisen immer wieder auf Astaroth hin. Ich kann den Dämon nicht finden, aber ich weiß, dass er irgendwo lauert. Ich sehe ihn im Grinsen der Pagen und in den Worten der Sänger. Seine Taten vollbringt er auf dem Marktplatz und auf der Theaterbühne. Er ist hier. Ich habe den Turm erklommen und ihn mit Orkney” Steinen angerufen, aber der Dämon ist stark und reagiert nicht, wenn ich ihn heraufbeschwören will. Ich angle mit nichts als Schnur und Haken nach einem Leviathan. Daher habe ich mich an diesem Abend seinem Vasallen zugewandt – einem Teufel namens Prusias.
Dank sei Salomon, der diese Tiefen schon vor mir ausgelotet hat, denn Prusias erschien zur vereinbarten Zeit, wenn auch nicht in der erwarteten Form. Der Dämon war auf Mord aus, was mich über” raschte, da das nicht sein Ruf ist unter jenen, die ihn schätzen. Er nahm nicht im eingezeichneten Kreis Gestalt an, sondern verbarg sich in meinem Gehilfen. Der kleine Peter hatte angeklopft, war einge” treten und hatte mir mein Essen auf den Tisch gestellt, als ich in den Augen des Kindes den Dämon erblickte. Ich wurde über diesen Ver” rat ärgerlich und griff Prusias an. Der Dämon hat eine schmerz” hafte Lektion erhalten. Ich hoffe, dass sich der Junge erholt, doch es ist keine leichte Sache für einen so jungen Menschen, einen Spiri” tus Periculosus zu beherbergen. Am beunruhigendsten ist jedoch, wie Prusias die Bedingungen des Anrufers umgehen konnte, denn in sol” chen Dingen irre ich mich nicht. Großes Unheil braut sich zusam” men.
Nachdem er den Jungen verlassen hatte, kämpfte der Dämon, und ich habe ihn gebrochen. Er kroch in den Kreis und für einen kur” zen Augenblick konnte ich seine wahre Gestalt sich am Boden winden sehen. Aber ich habe geblinzelt und erblickte daher nur einen heidnischen König in einem schweren schwarzen Mantel.
Unter großen Schmerzen gestand Prusias, dass alle Wesen der Alten Magie durch ein oder mehrere Geis gebunden sind, Einschrän” kungen, an die sie sich halten müssen, sonst sind ihre Kräfte dahin. Astaroths Geis verpflichtet ihn zur Wahrheit. Sollte der Dämon jemals lügen, so wäre es sein Verderben und die Freuden dieser Welt wären ihm verwehrt. Darin liegt unsere Chance. Möge uns das Schicksal hold sein.
Doch meine Erkenntnisse sind bittersüß. Seit meiner Kindheit weiß ich, dass in mir die Alte Magie lebt. Daher könnte es sein, dass auch ich durch Geis gebunden bin. Ich muss erfahren, welcher Art es ist, damit ich nicht unwissentlich die Saat zu meinem eigenen Ver” derben säe und große Werke unvollendet bleiben.
Was Prusias betrifft, so war es fast Morgengrauen, als ich ihn entließ. Der erbärmliche Dämon fletschte die Zähne und hum” pelte von dannen, Rache schwörend, und verwandelte sich dann in eine Krähe, die durchs Fenster davonflog. Es war ein grauer, trüber Morgen, und ich fürchte, dass alle Schlafenden unten in der Stadt von dem Schrei des Dämons geweckt wurden. Ich bete, dass kein Neugeborenes diesen Schrei hören musste, denn es war kein passendes Willkommen in dieser Welt.
 
»Hallo!«, sagte eine Stimme hinter Max.
Max schrie erschrocken auf, warf das gruselige Grimoire beiseite und sprang aus seinem Sessel auf. Als er herumwirbelte, sah er David Menlo auf der untersten Stufe des Observatoriums stehen.
»Oh nein!«, lachte David. »Tut mir leid, dass ich dich überrascht habe.« Er bückte sich nach dem Grimoire.
»Schon gut, schon gut«, wehrte Max ihn ab. »Du hast mich nur erschreckt.«
»Du hast über Prusias gelesen?«, erkundigte sich David.
»Ja«, antwortete Max, der langsam wieder zu Atem kam. »Es hat mir irgendwie Angst gemacht.«
»Verständlich«, meinte David. »Aber ich freue mich, dass du anfängst, über Alte Magie und Geis zu lesen, Max. Ich bin sicher, dass du verstehst, wie wichtig das ist.«
»Dass ich ein Geis habe? Ja, daran habe ich auch schon gedacht«, sagte Max.
»Ich wollte nie neugierig sein und dich über deine Zeit in Rodrubân ausfragen«, begann David vorsichtig, »aber haben Scathach oder Lugh je etwas gesagt, was danach klang, als könne es ein Geis sein?«
Max ging zu seiner Kommode und durchsuchte die oberste Schublade nach der Brosche, die Scathach ihm gegeben hatte, als er das seltsame Schloss in den Sidh verlassen hatte. Er fuhr mit dem Finger über die Schließe und die glatte Elfenbeinsonne auf der Vorderseite und versuchte, sich an die Zeit zu erinnern, die er dort verbracht hatte.
»Ich glaube nicht«, sagte er schließlich. »Lugh habe ich nur einmal gesehen und da hat er kaum mit mir gesprochen. Mit Scathach habe ich viel Zeit verbracht, aber ein Geis hat sie nie erwähnt. Das Einzige, an was ich mich erinnere, sind ihre Worte bei meinem Abschied.«
»Was hat sie gesagt?«
»Vergiss niemals, dass du der Sohn eines Königs bist«, zitierte Max und erinnerte sich an die unerklärliche Traurigkeit Scathachs bei diesen Worten.
»Hmm«, überlegte David, legte das Grimoire auf den Tisch und setzte sich auf den anderen Stuhl.
»Man sollte doch meinen, dass sie sich etwas klarer ausdrücken, wenn es bei der Niederschlagung eines Geis um Leben und Tod geht«, lachte Max. David runzelte nur die Stirn und stocherte im Feuer herum. »Wie spät ist es eigentlich?«
»Kurz nach vier«, erwiderte David und erhob sich, um die Treppe wieder hinaufzugehen.
»Ich muss mich fertig machen«, murmelte Max. Er drehte sich zum Spiegel an seinem Schrank und betrachtete sein Gesicht und die wirren Haare. Dabei fiel sein Blick auf Davids Spiegelbild. Der kleine Junge bückte sich gerade, um Nick zu streicheln. Davids normalerweise blasse Erscheinung wirkte jetzt geradezu leichenhaft. Was auch immer Max’ Zimmergenosse tat, es forderte einen hohen Preis.
»Kommst du auch zum Fest?«, fragte Max und bemühte sich um einen beiläufigen Tonfall. »Wir könnten Prusias zusammen gegenübertreten.«
David seufzte und ging zu seinem Bett. Max hörte seine Stimme über das Geländer.
»Ich habe Prusias schon gesehen, er mich aber nicht. Und so soll es auch bleiben. Grüß deinen Vater und die anderen von mir. Ich werde im Geiste bei euch sein.«
Wieder hörte Max, wie David die Vorhänge schloss. Er konnte nur raten, ob sein Zimmergenosse im Bett lag und den Himmel entschlüsselte oder sich nach Nimmerland davonschlich.
 
Zwanzig Minuten später hatte sich Max das Gesicht gewaschen, seine Haare gekämmt und seine Rowan-Jacke gebürstet, bis sie glatt und dunkelblau glänzte. Geschickt band er sich die Krawatte, warf einen letzten Blick in den Spiegel und schlüpfte mit Nick im Schlepptau aus der Tür.
Auf den Gängen herrschte ein großes Durcheinander. Aufgrund der Wiedereröffnung der Schule und der bevorstehenden Festivitäten waren die Schüler in heller Aufregung. Doch es waren auch Erwachsene anwesend, Eltern, die ihre Söhne in den offiziellen Uniformen bewunderten, oder Großeltern, die nach den Kameras griffen. Es hätte auch eine Abschlussfeier sein können, und Max fragte sich, ob die strahlenden Eltern – oder auch seine Mitschüler – wussten, wie seltsam dieser Abend ausgehen könnte. Eine Abordnung von Dämonen würde nach Rowan kommen, und dennoch hakte man einander unter und stellte sich in Pose, während die Kameras klickten.
Max nahm Nick auf den Arm und überquerte den Gang, um an Connor Lynchs Tür zu klopfen. Er bekam keine Antwort, und nachdem er ein drittes Mal geklopft hatte, wandte er sich zum Gehen. Genau in diesem Augenblick öffnete sich die Tür einen Spalt und er hörte eine Männerstimme, tief und mit einem osteuropäischen Akzent.
»Ich habe dir nie versprochen, dass es angenehm werden würde, Connor. Es ist deine Entscheidung, aber du weißt, wie ich dazu stehe.«
Die Tür öffnete sich weiter, und Max stand einem Mann gegenüber, zu dessen einem grünen Auge sich eines gesellte, das so weiß war, dass man es für eine Perle halten konnte, die in der Augenhöhle saß.
Einen kurzen Augenblick lang sahen sich Max und Peter Varga nur an. Obwohl sie sich so häufig begegnet waren, erschrak Max immer noch vor dem Auge des Hellsehers. Peter, den Max unter dem Namen »Ronin« kennengelernt hatte, war ein beeindruckender Mann im mittleren Alter mit kurzen schwarzen Haaren und hübschen, wenn auch eingefallenen Zügen. Trotz seiner Größe zwangen ihn seine Verletzungen, gebeugt zu gehen, sodass Max in der Tür auf ihn hinuntersah.
»Hallo, Max«, begrüßte ihn Peter und streckte ihm die Hand hin.
Max nickte nur. »Ist Connor da?«, fragte er und sah an Peter vorbei ins Zimmer.
»Ja«, antwortete Peter und bohrte die Hände tief in die Taschen seines Blazers. »Ich weiß, dass ich damit etwas spät komme, aber ist es möglich, mich beim Festessen zu dir und deinem Vater zu setzen? Ich habe unsere Besuche vermisst.«
»Unser Tisch ist voll«, erklärte Max kühl.
»Ich verstehe«, sagte Peter und senkte den Blick. »Dann will ich dich nicht weiter aufhalten. Viel Spaß und Gratulation zu deiner Ernennung ins Lehrerteam. Ich freue mich auf den Unterricht.«
»Danke.«
Peter ging an ihm vorbei und humpelte den Gang entlang, wobei ihm eine Spur des Schweigens folgte, als er an Besuchern vorbeikam, die zum ersten Mal Rowans letztem Hellseher und seinem gespenstischen Auge begegneten. Normalerweise lief Peter mit einem Gehstock, was seinen Gang während seiner Morgenspaziergänge um den Campus gleichmäßiger machte. Aber heute hatte er diese Krücke weggelassen und hinkte durch den Gang, sich bei denen entschuldigend, die ihm Platz machen mussten.
Es war ein Wunder, dass Peter überhaupt wieder gehen konnte. Als er Max und die entführten Potenziellen vor dem Feind gerettet hatte, hatte er sich das Rückgrat gebrochen. Während Max Ronin den Gang entlanghumpeln sah, kämpften widerstreitende Gefühle in ihm. Der Mann hatte ihm zwar das Leben gerettet, aber Max machte ihn auch für das Verschwinden und den allzu frühen Tod seiner Mutter verantwortlich. Vor Jahren hatte Ronin Bryn McDaniels in Chicago aufgesucht und sie in die Sidh geschickt, damit sie eines Tages ihrem Sohn beistehen konnte, wenn er in diesem mystischen Land ankam. Ronins Vorhersage war korrekt gewesen: Mrs McDaniels hatte Max und David zum Buch Thoth gebracht, aber die Sidh waren kein Ort für Sterbliche und der Aufenthalt hatte sie ihre Jugend gekostet. Als Max seine Mutter gefunden hatte, waren ihre Jahre aufgebraucht und sie war eine sehr alte Frau. Bryn McDaniels hatte die Sidh mit ihrem Sohn zusammen verlassen können, war aber bald darauf gestorben.
Als Ronin verschwunden war, runzelte Max die Stirn. Was für einen Grund konnte Peter gehabt haben, Connor zu besuchen? Er setzte Nick ab und stieß die Tür auf.
Connor Lynchs Zimmer war eine gemütliche Hütte mit vier Stockbetten und einem Schreibtisch, der über eine weite Wiese hinaussah. Verglichen mit den vielen exotischen, häufig sehr prachtvollen Zimmern war es eine verdächtig einfache Behausung, aber Max fand sie sehr behaglich. Ein Feuer knisterte und die Pinienholzwände schimmerten warm im Licht der untergehenden Sonne, die durch das offene Fenster schien.
Die Sonnenstrahlen fielen direkt auf Connors Gesicht, der in T-Shirt und Jeans auf einem der unteren Betten saß. Auf seinem Bett lagen viele Sachen, auch seine Rowan-Uniform. Connor hockte zusammengesunken da und betrachtete seine Schuhe, den Kopf in die Hände gelegt, deren Finger sich in die kastanienroten Haare wühlten.
»Hi«, sagte Max und trat nach Connors Fuß. »Machst du hier drin eine Modenschau?«
Connor stieß ein anerkennendes Grunzen aus, aber Max sah, dass er sehr besorgt schien.
»Wirf dir die Uniform über«, forderte Max ihn auf. »Du kommst mit meinem Dad und den Tellers essen.«
»Tut mir leid«, erwiderte Connor. »Ich glaube, ich gehe nicht zu dem Fest. Und wenn, dann muss ich bei meiner Familie sitzen.«
»Sie können doch zu uns kommen«, sagte Max. »Oder wir zu ihnen – aber lass uns aufbrechen.«
»Ah«, seufzte Connor und schloss die Augen. »Ich weiß, was du versuchst, und du bist ein guter Freund. Aber wir beide wissen, dass meine Familie sich nicht so bald zum McDaniels-Duo zum Essen setzen wird …«
Max nickte. Diese Antwort hatte er erwartet. Connors Familie machte Max für Connors Schwierigkeiten im letzten Jahr verantwortlich. Zu diesen Problemen zählte auch, dass er von einem Gnom namens Mr Sikes besessen gewesen und während der Belagerung gefangen gehalten worden war. Während er besessen gewesen war, hatte er David Menlo niedergestochen und den Zauberbann gelöst, der Rowan vor dem Feind verborgen hatte. Dies und die Schrecken seiner Gefangenschaft als Geisel, über die er noch nie gesprochen hatte, hatten ihn zu einem traurigen Abbild des fröhlichen, lebenslustigen Jungen werden lassen, der er einst gewesen war.
»Na ja, wir wollen dich sowieso nicht an unserem Tisch haben«, erklärte Max, ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und kritzelte auf einem Block herum. »Hast du dich schon einmal essen sehen? Du bist schlimmer als Nick.«
Bei der Erwähnung seines Namens blickte das Lymrill auf, eine Socke im Maul. Connor brachte ein trübes Lächeln zustande und bückte sich, um seine Uniformjacke aufzuheben. Er zupfte einen losen Faden vom Ärmel und strich sie auf dem Knie glatt.
»Ich glaube nicht, dass ich gehen sollte.«
»Hast du Lucia in letzter Zeit gesehen?«, fragte Max fröhlich. »Sie wird auch da sein, und wenn du kommst, verspreche ich, meinen Dad auf Mr Cavallo anzusetzen. Dann ist er den ganzen Abend damit beschäftigt, über die Bedford Suppencroutons zu sprechen.«
Lucia Cavallo war eine außerordentlich hübsche Klassenkameradin, die Connor seit ihrer Ankunft in Rowan verfolgt hatte. Wie Connors Angehörige so hatte auch Lucias Familie in der Schule Schutz gesucht. Am auffälligsten war Mr Cavallo, der wie eine Art Habicht über seine Tochter wachte und zum Schrecken für ihre möglichen Freunde geworden war.
»Das ist allerdings ein verlockendes Angebot«, fand Connor, hob die Augenbraue und nahm für einen Moment wieder etwas von seinem alten schelmischen Wesen an. Seufzend erhob er sich vom Bett und durchquerte das Zimmer, um aus dem Koffer eines seiner Zimmergenossen saubere Boxershorts, dunkle Socken und ein weißes Hemd zu nehmen. »Ich sag dir was, Max: Wenn du diese Hose bügelst, bin ich dein Mann!«
»Leihst du dir immer die Kleidung deiner Zimmergenossen aus, wenn du sie brauchst?«, erkundigte sich Max und nahm ein Bügeleisen aus einem Schrank, während sich Connor das saubere Hemd anzog.
»So ziemlich«, witzelte Connor und betrachtete seine Zunge in einem kleinen Spiegel. »Stefan ist immer für ein sauberes Hemd gut, und bei Gott, für sein Geschnarche schuldet er mir etwas!«
»Ich bin sicher, er tut das nur, um dich zu ärgern«, erwiderte Max und blinzelte konzentriert das Bügeleisen an, das über die verblichenen Falten der Hose glitt. »Übrigens, was wollte Peter Varga hier?«
»Old Blinky?«, lachte Connor und zog sein Augenlid zurück. »Er kommt mich ab und zu besuchen. Und ständig lauert er mir irgendwo auf, um mir etwas zu sagen. Seit letztem Frühling geht er mir auf die Nerven.«
»Warum?«, wollte Max wissen und fixierte Connor scharf.
»Das lass mal für den Moment meine Sorge sein«, empfahl ihm Connor. »Ich denke noch darüber nach. Sagen wir mal, ich kann nur hoffen, dass kein Teufel in Schwarz übers Meer gesegelt kommt.«
Max musste sofort an seine Lektüre und die vielen Beschreibungen von Prusias denken.
»Connor, es kommt ein Teufel in Schwarz nach Rowan. Heute Abend. Ein Dämon namens Prusias.«
Einen Moment lang sagte Connor nichts, doch Max sah, wie das Blut aus seinem runden roten Gesicht wich. Connor nagte an seiner Unterlippe und bedeutete Max, ihm die gebügelte Hose zuzuwerfen.
»Aber die ist noch nicht ganz fertig«, widersprach Max mit einem Blick auf seinen traurigen Versuch.
»Spielt keine Rolle«, erklärte Connor. Mit einem langen, ruhigen Atemzug blähte er die Brust wie ein Bodybuilder. Nachdem er sein Spiegelbild wohlwollend betrachtet hatte, schlug er sich auf den kräftigen Bauch und stieß die Luft aus. »Heute Abend bin ich ein Mann von Witz, Wärme und charmanter Unordnung. Die zerknitterten Hosen sind ein genialer Schachzug, ein gerissenes Detail in meinem Masterplan …«
Max warf ihm die Hose an den Kopf, woraufhin Connor seinen Monolog beendete und sich rücklings aufs Bett fallen ließ. Ein paar Minuten später eilten die beiden den Gang entlang.
 
Rowan glitzerte wie eine Stadt der Sidh, glänzende Steine und Lichter unter einem tiefer sinkenden Band dunkelblauer Dämmerung. Das Gerüst um den Alten Tom war abgebaut worden, und die saubere Fassade erstrahlte wie ein Patient, den man von Gaze und Gips befreit hatte.
»Jetzt sieht der arme Kerl fast nackt aus, was?«, scherzte Connor.
Max musste ihm zustimmen. Ohne den Efeu wirkte das stattliche Lehrgebäude irgendwie jünger – den grauen Steinen fehlten die Spuren des Alters und die Blätter, die sich wie ein Schal um seine Schultern gelegt hatten. Doch den verlorenen Charakter machte es mit Glanz wieder wett. Das Gebäude schien fast selbst zu leuchten, so hell wurde es von unten durch Flutlichter, die groß wie Kesselpauken waren, angestrahlt. Tausende von Schülern und Flüchtlingen lachten und unterhielten sich in den Gärten, liefen zwischen den Schneckenhäusern herum und versammelten sich auf den Stufen des Alten Tom und von Maggie. Connor zupfte Max am Arm und deutete auf Julie, die sie anstrahlte und sich an ein paar bärtigen Gelehrten vorbeischlängelte.
»Da seid ihr ja endlich!«, rief sie und sprang die Treppen zum Herrenhaus hinauf, küsste Max und umarmte Connor. »Dein Dad hat mich auf die Suche nach dir geschickt. Wir haben einen Tisch im Obstgarten – vielleicht ein bisschen zu nah an den Langweilern von der Werkstatt, aber dafür in der Nähe von Hannahs Nest. Wo ist David?«
»Er kommt nicht«, erklärte Max knapp und endgültig. »Sollen wir uns schon setzen?«
»Gleich«, antwortete Julie. »Wir sollen uns alle hier für eine besondere Ankündigung versammeln. Übrigens, Connor, wie nennt sich dein neuer Look eigentlich? Lässig-vergänglich?«
»Charmante Unordnung«, antwortete Connor und schob die Manschetten vor. »Gut hingekriegt, was?«
»Ausgezeichnet«, fand Julie.
Sie standen auf den Stufen, gegen das Geländer gelehnt, während immer mehr Menschen aus dem Haus und aus den Wäldern auf die Pfade zuströmten, die zum Sanktuarium führten. Unter den Menschenmengen entdeckte Max Domovoi, Faune, Lutine mit roten Mützen – winzige elfenhafte Wesen mit langen Strickmützen, und sogar Orion, ein syrisches Shedu, kam mit mehreren Kindern auf dem Rücken angetrabt. Mit zitternder Schwanzspitze wandte sich Nick ab und mischte sich unter die Partygäste, um ein Münchel aus dem Himalaja zu begleiten. Die ersten Sterne erschienen am Himmel und alle versammelten sich im großen Hof, gerahmt von den riesigen weißen Statuen früherer Berühmtheiten. Julie knuffte Max in die Seite und deutete zum Alten Tom hinauf. Dort oben stand eine Gestalt auf dem kleinen Balkon vor dem Getriebe der Uhr. Es war Mrs Richter.
Die Direktorin von Rowan hob den Arm und ein einzelnes weißes Licht erstrahlte an ihrer ausgestreckten Hand wie ein winziger Stern. Es wuchs und wuchs und tauchte den ganzen Campus in strahlendes Licht, bis alle Gespräche verstummten und sich alle Blicke auf den Balkon richteten. Als sie sprach, erklang ihre verstärkte Stimme laut und deutlich über den Campus.
»Meine Damen und Herren, liebe Kinder und Bewohner des Sanktuariums, ich heiße euch herzlich willkommen zur feierlichen Wiedereröffnung der Rowan-Akademie und möchte mich bei euch für die vielen Mühen bedanken, die ihr für uns auf euch genommen habt.«
Zusammen mit Tausenden anderen jubelte Max und applaudierte, während er sich nach seinem Vater umsah.
Als sich die Menge wieder beruhigt hatte, fuhr Mrs Richter fort: »Wir heißen heute Abend ebenfalls einige Mitglieder der Frankfurter Werkstatt sowie Abgesandte aus Blys willkommen, die in Kürze eintreffen werden. Ich weiß, dass ihr ihnen mit größter Höflichkeit begegnen werdet, wie es recht und billig ist.«
Diese Ankündigung wurde mit vereinzeltem Applaus, verwunderten Blicken und vielen gemurmelten Fragen aufgenommen.
»Was zum Teufel ist Blys?«, wollte Connor wissen, doch Julie zischte ihn an, still zu sein, als Mrs Richter fortfuhr.
»Aber so sehr wir diese Abgesandten auch schätzen, so geht es heute Abend nicht um sie. Es geht um uns. Sechs Monate lang waren wir auf diesem Campus eingesperrt, während wir ihn repariert, wiederaufgebaut und bewohnbar gemacht haben. Ich freue mich, zu sagen, dass in der nächsten Woche die Tore wieder geöffnet werden und ihr nach Belieben kommen und gehen könnt!«
Donnernder Applaus brandete auf. Im Publikum gab es viele, die nach ihren Familien suchen wollten oder die wie Max begierig waren, zu erfahren, wie es in der Welt draußen aussah.
Mrs Richter hob warnend die Hand. »Wir möchten euch allerdings noch um ein klein wenig Geduld bitten, bis wir die Gelegenheit hatten, unsere neuen Grenzen zu erkunden und herauszufinden, wie sicher wir darin sind. Wie wir alle wissen, haben sich die Dinge geändert.«
Max hatte noch nie so viele Menschen auf einmal in bestürztem Schweigen verharren sehen und versuchte, sich die unermesslich vielen Gedanken und Gefühle vorzustellen, die die Menge bewegten. Ihre Regierungen waren vernichtet, ihre Häuser hatten sie verlassen und das Schicksal ihrer Angehörigen war ungewiss.
»Doch ein paar Dinge«, fuhr die Direktorin fort, »ein paar Dinge bleiben bestehen. Heute Abend wird die Glocke des Alten Tom wieder erklingen, um die Schule zu eröffnen und uns an unsere heilige Pflicht zu erinnern, ein Licht auf unserer geliebten Erde zu entzünden – und sei es auch noch so schwach. Wie andere vor uns werden wir eine Stadt auf einem Hügel sein, ein Leuchtfeuer für jene, die Schutz vor dem Sturm suchen. Wir sind nicht länger Schüler, Lehrer, Flüchtlinge oder Gäste – wir sind Bürger von Rowan. Und jetzt möchte ich einen von uns darum bitten, die Glocke des Alten Tom erklingen zu lassen und das neue Kapitel unserer Geschichte zu segnen!«
Max blieb der Mund offen stehen, als aus der dunklen Öffnung zum Glockenturm des Alten Tom ein riesiger Kopf herausgestreckt wurde.
Es war Bob.
Selbst auf diese Entfernung konnte er das verzerrte Grinsen des russischen Ogers erkennen, als die Menge in Jubel ausbrach. Sein knotiger Kopf war immer noch bandagiert, doch er hatte es geschafft, sich der Gelegenheit entsprechend zu kleiden. Zu voller Höhe aufgerichtet, erschien die Direktorin neben ihm winzig. Schüchtern und ungelenk winkte er der Menge zu, dann bückte er sich tief hinunter, um Mrs Richter etwas zuzuflüstern. Die Direktorin küsste den Oger auf die Wange und beide wandten ihren Blick der riesigen Uhr über ihnen zu.
Als die Zeiger fast auf sechs Uhr standen, tauchte Bob durch den Bogengang und verschwand im Inneren des dunklen Uhrwerks. Die Menge wurde still und hielt wie auf Befehl die Luft an. Mit sauberer Präzision glitt der schlanke Uhrzeiger auf die Zwölf und es war offiziell sechs Uhr.
Das Geläut des Alten Tom ertönte.
Max’ Augen füllten sich mit Tränen, als die Glockenschläge über dem Campus erklangen. Das plötzliche Geräusch erschreckte ein paar Vögel in ihrem Nest unter der Wetterfahne am Turm, und als die vollen Klänge in seinen Ohren widerhallten, verspürte er plötzlich den Wunsch, wieder ein Schüler zu sein. Es schien auf einmal sehr wichtig, irgendwo verborgen zu sitzen und zu lesen, die Geheimnisse der Welt zu erforschen und seinem Leben einen wunderbaren Sinn zu geben. Er freute sich auf Kreide und Tafel und abgenutzte Holzstühle und das Knacken im Rücken eines neuen Buches. Schularbeit, die Max bislang immer für langweilige Mühsal gehalten hatte, kam ihm jetzt wie ein ungeheures Privileg vor. Er sah Julie an, deren Augen ebenfalls feucht glänzten. Dieser Augenblick, der Campus und die ganze Welt schienen voller Möglichkeiten.
Auch die Festtische boten jede Menge Möglichkeiten. Connor ging seine Familie suchen, und Max und Julie reihten sich in die langsame Prozession derer ein, deren Tische sich hinter dem Herrenhaus befanden. Man hatte sie unter den Obstbäumen aufgestellt, die aus unbekannten Gründen während der Belagerung vom Feind nicht angerührt worden waren.
Diese heiligen Bäume mit Zweigen voller goldener Äpfel erstrahlten im Licht Hunderter Laternen und Kerzen auf dicken Fässern oder in Kränzen aus Herbstlaub. Max atmete den Duft von Äpfeln und Kerzenrauch ein, während die Musik aus der Schilfrohrflöte eines Satyrn und der Fiedel eines Domovoi seine Seele wie ein warmes Bad besänftigte. Julie winkte ihrer Familie zu, die mit Mr McDaniels, Hazel Boon, Cooper und den Bristows an einem Tisch saß. Max begrüßte alle und setzte sich ans Tischende, als er plötzlich Nolan, den obersten Hüter des Sanktuariums von Rowan, an Hannahs Nest knien sah. Er sprach eindringlich mit der Gans, deren ganzes Gefieder vor Empörung bebte.
»Also habe ich Ihr Wort, dass diese Dinger – diese grässlichen, gottverlassenen Dinger – wissen, sie dürfen meinem Nest nicht auf Steinwurfweite nahe kommen?«
»Ja«, antwortete Nolan erschöpft. »Sie haben alle Maulkörbe und Bellagrog hat versprochen …«
»Ha!«, kreischte Hannah und reckte den Hals. »Als ob man auf ihr Wort irgendetwas geben könnte! Diese Hexe wäre doch die erste in der Schlange, wenn es darum ginge, meine Babys zu verschlingen!« Die Gans senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Um Himmels willen, Nolan, sie frisst ja sogar ihre eigenen! Meine Gänschen sind völlig hilflos und der arme Honk leuchtet immer noch. Er kann sich nicht mal im Dunkeln verstecken!«
Max verspürte dabei einen Stich von Schuldgefühlen und betrachtete verlegen die daunenweiche Glühbirne in Hannahs Nest. Er versuchte, sich auf das neueste Meisterwerk von Julies sechsjährigem Bruder Bill zu konzentrieren – eine Wachskreidezeichnung von Max im Kampf mit einem Vye. Er fand die ungelenke Beschriftung dringend notwendig, denn er selbst war mit roter Haut dargestellt und war im Vergleich zu dem Vye, der aussah wie ein schwarzes Kaninchen mit gewaltigen Zähnen, gigantisch groß. Dennoch behauptete er, das Bild sei äußerst gelungen, woraufhin der kleine Junge geradezu strahlte.
Max wandte seine Aufmerksamkeit Miss Boon, den Tellers und seinem Vater zu, der Cooper mit Geschichten aus seinen Fußballertagen am College unterhielt. Doch während der ganzen Mahlzeit sah er sich immer wieder verstohlen um.
»Du suchst Bob, nicht wahr?«, fragte Julie.
»Ja«, antwortete Max, nippte heimlich am Wein seines Vaters und wischte sich den Mund ab.
»Na, dann geh«, forderte Julie ihn leise auf. »Meine Mutter beschwert sich gerade über meine Tante, also muss ich eine halbe Stunde lang nur nicken und zustimmen. Versuch, zum Nachtisch wieder da zu sein!«
Max grinste und entschuldigte sich, schwang die Beine über die Bank und machte sich auf den Weg, vorbei an einem niedrigen Tisch, an dem vier rotbemützte Lutins in ein Pokerspiel vertieft waren. Er duckte sich unter einem Ast hindurch und ging an mehreren Tischen vorbei, bis er die Mitglieder der Werkstatt bemerkte, die an einem großen runden Tisch auf der gepflasterten Terrasse an den Flügeltüren zum Büro der Direktorin saßen.
Rasmussen schien zufrieden und hielt schläfrig am Tisch der Werkstatt Hof. Bellagrog goss ihm Wein nach und Mum wuselte herum, räumte Teller ab und fegte Krümel von den Tischdecken. Um den Tisch herum standen die Hexchen wie kleine Soldaten in Hab-Acht-Stellung. Alle kleinen Monster trugen altmodische Dienstmädchenkleider, die bis fast zur Unbeweglichkeit gestärkt waren. Max hörte Bellagrog dumpf lachen.
»Sie haben recht, Sir«, erwiderte sie einem feisten Ingenieur. »Sie sind wirklich alle sehr gehorsam. Hexen und ihre Hexchen fühlen sich am wohlsten, wenn sie ihre Herrschaften bedienen können. Meine Schwester und ich waren völlig aus dem Häuschen, als wir erfuhren, dass wir Ihren Exzellenzen heute Abend servieren dürfen. Völlig aus dem Häuschen!«
Max hielt einen Moment inne. Bellagrog füllte die Gläser recht schnell auf, und ihre Aussage, dass sie sich gefreut hatte zu »erfahren«, dass sie am Tisch der Werkstatt bedienen würde, war schlichter Unsinn – Bella hatte diese Jobs verteilt. Max wechselte die Richtung und trat an den Tisch, um Rasmussen etwas ins Ohr zu flüstern. Der amüsierte sich über ein optisches Experiment, das er als Teenager durchgeführt hatte.
»Kann ich kurz mit Ihnen sprechen?«, zischte Max.
»Was gibt es, Junge?«, fragte Rasmussen und machte sich nicht einmal die Mühe, aufzusehen. Max schaute sich um und bemerkte ein Hexchen, das ihn über seinen Maulkorb hin anstarrte. Auch Bellagrog hatte beim Einschenken innegehalten und richtete ihre Krokodilsaugen auf sie.
»Es ist privat«, behauptete Max. »Ich bestehe darauf.«
Rasmussens Lächeln gefror. »Nun gut«, meinte er, tupfte sich den Mund ab und erhob sich. »Bitte, Kollegen, entschuldigt mich einen Augenblick. Der junge Mann hier besteht auf einer Unterhaltung.«
Max ignorierte das Gelächter und führte Rasmussen an den aufmerksamen Hexchen vorbei auf die Wiese. Rasmussen sah Max ungeduldig an und tippte auf seine Uhr.
»Hören Sie auf zu trinken«, riet ihm Max.
Rasmussen blinzelte und richtete seinen Blick dann wieder auf Max, mit einer Mischung aus Ärger und Ungläubigkeit.
»Die Hexen versuchen, Sie betrunken zu machen«, fuhr Max fort. »Sie führen etwas im Schilde. Glauben Sie wirklich, sie hätten vergessen, dass ihre Cousine Gertie als Ausstellungsstück in Ihrem Museum steht?«
»Unsinn!«, widersprach Rasmussen kopfschüttelnd. Er sah Max mit wissendem, herablassendem Lächeln an und wedelte mit dem dürren Zeigefinger. »Du bist sentimental, Max McDaniels, und deshalb überschätzt du ihre Sentimentalität. Du würdest einen schlechten Ingenieur abgeben, fürchte ich. Es sind Hexen, Junge. Ein Pedivore Terribilis hat nicht mehr Gefühle als eine Eidechse!«
In diesem Augenblick zupfte eine kleine graue Hand den Wissenschaftler am Jackenärmel. Max und Dr. Rasmussen sahen hinunter und bemerkten eines der Hexchen, das zu ihnen aufsah. Durch das grobe Lederband über dem einzelnen scharfen Zahn erklang eine heisere Stimme.
»Möchte der gute Herr, dass Nummer Drei ihm einen Drink nach dem Essen bringt?«
»Nein, mein gutes Hexchen«, erklärte Rasmussen wohlwollend. »Bring du mich hin. Ich bin in der Stimmung für einen schönen, samtigen Cognac … genau das Richtige, bevor man sich einem Dämon von Angesicht zu Angesicht stellt.«
Obwohl er lachte, erkannte Max einen recht deutlichen Anflug von echter Angst in seinem Gesicht und sein Lächeln endete in einem nervösen Zucken. Ohne ein Wort des Abschieds ließ sich Dr. Rasmussen von Nummer Drei zum Tisch zurückbringen, wo seine Kollegen sich laut und unsicher zuprosteten und sich gegenseitig Gesundheit und Glück wünschten.
Max schluckte seinen Ärger herunter und ging um das Herrenhaus herum zum Schulhof, wo er Bob vermutete. Er war nicht zu übersehen. Der Oger saß an einem Tisch unter den Eschen und sein Rollstuhl wurde von zwei Muhmenhoven-Schwestern flankiert. Auf Bobs bandagiertem Kopf glänzten Wassertropfen von einem nahen Springbrunnen. Bob aß Tomatensuppe aus einer riesigen Schüssel und nickte höflich als Antwort auf eine Frage von Monsieur Renard.
Max stupste Bob an der Schulter an und grinste.
Der große Kopf wandte sich zu ihm um, und Max glaubte einen Moment lang, der Oger hätte ihn vergessen. Bobs blaue Augen zwinkerten ihn neugierig an und betrachteten ihn, als sei er ein kleiner bunter Vogel, der aus einer Hecke gehüpft sei. Doch gleich darauf ergriff Bob mit seinen warmen, ledrigen Händen die von Max. Er winkte einer der Muhmenhoven zu, seinen Stuhl so zu drehen, dass er Max gegenübersaß.
»Das ist mein Max, nicht wahr?«, dröhnte er und tätschelte Max’ Hand, als sei sie ein Kaninchen. »Bob sieht nicht mehr so gut.«
»Ich bin es«, bestätigte Max. Ihm fiel auf, dass Bob dünner geworden war, seine Beine waren nur noch Stecken unter den Hosen. Der Angriff im letzten Frühling hatte einen mächtigen Tribut von ihm gefordert, aber Bobs herzlichem, zahnlosen Grinsen merkte man das nicht an.
»Es ist so schön, Sie zu sehen, Bob«, erklärte Max. »Wie geht es Ihnen?«
Der Oger zuckte mit den Achseln. »Bob ist zäh. Bald macht er wieder Eclairs und Soufflés.«
»Dann sind Sie also nächste Woche wieder in der Küche?«, fragte Max.
»Morgen schon«, erklärte der Oger barsch entschlossen und warf den Muhmenhoven einen herausfordernden Blick zu. »Die Küche braucht Bob.«
»Allerdings«, stimmte Max zu. »Haben Sie schon die Hexchen getroffen?«
Bob nickte stirnrunzelnd und beugte sich zu Max. Seine gefleckte, papierartige Haut roch nach Seife und reifen Äpfeln. »Sei besonders nett zu Mum. Sie braucht dich. Bellagrog ist … schwierig. Versprich Bob, dass du seine kleine Mum besuchst.«
»Natürlich«, versprach Max.
»Guter Junge.«
Damit schien sein Besuch beendet, denn dem müden Oger flatterten die Augenlider und er ließ Max’ Hand los. Der Oger schloss die Augen, faltete die Hände und sah aus wie ein hoffnungsfroher, frommer Junge am Weihnachtsabend. Sein großes Haupt sank auf seine Brust, und eine der Muhmenhoven zog ihm geschickt die Serviette weg, während die andere die Rollen an seinem Stuhl ausrichtete. Einen Augenblick später schnarchte Rowans Chefkoch, während ihn seine Krankenschwestern keuchend und ächzend vor Anstrengung ins Bett brachten.
Das Essen neigte sich langsam dem Ende zu, und Max stellte fest, dass viele der kleineren Kinder bereits aufgestanden waren und herumliefen, mit Tannenzapfen warfen und sich nach Kräften bemühten, die Erwachsenen von ihren Unterhaltungen abzubringen. Über ihnen blinkten die Sterne und es lag bereits eine gewisse Kälte in der Septemberluft. Als Max zu seinem Tisch zurückging, wurde plötzlich der Himmel hell erleuchtet. Er drehte sich um und sah die Lichter eines goldenen Feuerwerks verblassen.
Es war vom Meer gekommen.
Max eilte zum Meer hinunter, zwischen den sich leerenden Tischen hindurch, gemeinsam mit Hunderten anderer Leute, die über die Gartenwege und die Wiesen liefen, um sich an den Felsklippen aufzustellen. Am östlichen Himmel leuchtete ein weiterer Goldregen auf, breitete sich aus wie eine Rose und senkte sich dann im Bogen mit leisem Zischen wieder der Erde zu. Von vorne hörte Max Rufe, dass man etwas gesehen hatte – draußen im Atlantik ankerte ein Schiff.
Max drängte sich durch die Menge und stellte fest, dass die Unruhe einem gespenstischen Schweigen Platz gemacht hatte. Da er keinen guten Aussichtspunkt fand, kletterte er auf den Sockel von Brams Statue, wobei er die missbilligenden Blicke einer Magierin ignorierte. Über die Köpfe der Zuschauer und die dunkelblauen Wellen hinweg sah er ein Schiff, wie er es sich nie hätte träumen lassen.
Auf den ersten Blick war es schier unermesslich groß. Selbst eine Monsterwelle – ein gigantischer Wasserberg – hätte solch einem Schiff kaum etwas anhaben können, und Max war sicher, dass es nicht für irdische Gewässer gebaut worden war. Es ähnelte einer Galeone und an den Seiten leuchteten in unterschiedlichen Abständen und Höhen helle Bullaugen. Zehn Masten, so hoch wie Mammutbäume, erhoben sich wie Türme von einem Deck, dessen ganzes Ausmaß sich im Seenebel verbarg. An diesen Masten waren weiße Seidensegel angeschlagen, die die auflandige Brise zu ihrer vollen Form aufblähte. Im Mondlicht konnte man erkennen, dass jedes Segel mit einem komplizierten Muster versehen war, einer Art Symbol. Zuerst hielt Max es für Astaroths Siegel, doch anders als das Zeichen des Dämons bildeten hier ineinander verflochtene Kornähren einen Kreis um drei kleinere Kreise, die Münzen darstellen konnten. Aus seiner Lektüre am Nachmittag erkannte Max darin das Siegel von Prusias. Im krassen Gegensatz zur Größe des Schiffes wurde es nur durch ein dünnes Tau an den dunklen Felsen von Birgits Wache festgehalten.
BUMM!
Aus einer langen Kanone am Bug wurde ein weiteres Feuerwerk abgeschossen und stieg in hohem Bogen in die Luft, explodierte in gleißendem Licht und färbte das Meer kurzfristig golden. Ein paar Kinder klatschten in die Hände, doch ihre Eltern riefen sie zur Ruhe. Als das Feuerwerk verblasste, schwamm die riesige Galeone bewegungslos in der Dünung. Max spürte, wie sich Finger zwischen die seinen schoben. Julie war zu ihm auf den Sockel geklettert.
»Sind das Dämonen?«, fragte sie leise. »Ich habe Miss Boon darüber reden gehört.«
»Ja«, antwortete Max.
»Was glaubst du, wie viele von ihnen auf diesem Ding sind?«, wollte sie wissen.
»Weniger, als du wahrscheinlich annimmst«, gab Max zurück. »Sie sind hier, um zu reden, nicht um zu kämpfen.«
»Warum bringen sie dann so ein riesiges Schiff mit?«, erkundigte sich ein Mann neben ihnen, der seine Tochter festhielt.
»Um uns einzuschüchtern«, vermutete Max.
»Funktioniert«, stellte Julie zitternd fest, als Fetzen des Nebels über das Meer herangetrieben wurden.