KAPITEL 10
Ein Fenster zur Welt
011
Max hielt Connors Vertrag vorsichtig zwischen den Fingern. Einen Augenblick lang sprach keiner der beiden Jungen. Vor dem Fenster wurden die Schatten auf der Wiese länger.
»Dann haben sie also deine Seele?«, flüsterte Max. »Noch nicht«, schniefte Connor. »Aber sie werden sie bekommen. Ich werde sie aufgeben, wenn ich den Treueeid schwöre.«
»Warum tust du das?«, fragte Max. »Hast du völlig den Verstand verloren?«
»Ich wünschte, es wäre so«, lachte Connor wehmütig. »Ich leiste Wiedergutmachung auf Peters Ratschlag hin.«
Max zuckte bei der Nennung des Namens zusammen und reichte Connor den Vertrag zurück. Dass Peter Varga noch einmal einen ihm nahestehenden Menschen ins Ungewisse schickte, schien zu viel für ihn zu sein. Jegliche restliche Dankbarkeit, die er Peter für seine Hilfe in der Vergangenheit entgegengebracht hatte, löste sich in diesem Augenblick in Luft auf.
»Peter Varga hat dir gesagt, du sollst deine Seele verkaufen?«, fragte er. »Für ein Stück Land?«
»Ganz genau«, gab Connor hilflos zu. »Er meinte, ein Umzug nach Blys sei meine beste Chance, alles wiedergutzumachen.«
»Was denn?«
»Alles eben«, sagte Connor und trat halbherzig nach einem Stuhl seines Zimmergenossen. »Es ist alles meine Schuld. Und es gibt so etwas wie Vergeltung, Max. Weißt du, wer auf mich aufgepasst hat, als ich während der Belagerung als Geisel gefangen gehalten wurde?«
»Oh ja«, antwortete Max. Es war Alex Muňoz gewesen, ein früherer Rowan-Schüler, der für den Feind zum Inquisitor geworden war. Als Alex seine Geiseln im Austausch für das Buch Thoth ausgeliefert hatte, schien er verändert – als ob seine Menschlichkeit nachgelassen hatte. Alex Muňoz war schon zuvor ein ausgemachter Sadist gewesen. Max wagte gar nicht daran zu denken, was er Connor möglicherweise angetan hatte.
»Ich werde ihn töten«, erklärte Connor mit kalter Entschlossenheit. »Ich werde ihn umbringen, und wenn es mich meinen letzten Atemzug und meine unsterbliche Seele kostet.«
Ein scharfes Klopfen erklang an der Tür.
»Was?«, schrie Connor.
»Das ist nicht nur dein Zimmer!«, beschwerte sich eine mürrische Stimme.
Connor riss sich an den Haaren und sah Max mit wilder Verzweiflung an. »Wissen die denn nicht, dass ich hier von meiner unsterblichen Seele und außerdem von Rache rede?«
Er warf seine letzten Sachen in den Koffer und schloss die Schnallen, als mit einer Mischung aus Protesten, Flüchen und Verwünschungen heftig an die Tür gepoltert wurde.
»Weicheier ohne Ende«, grollte Connor und sah Max an. »Kann ich bei euch schlafen? Nur ein oder zwei Nächte.«
»Klar«, willigte Max ein. »Es ist sowieso noch nicht das letzte Wort gesprochen.«
Connor zerrte seinen Koffer zur Tür und machte sie weit auf. Dort standen seine Zimmergenossen mit erhobenen Fäusten und trotzigen Gesichtern.
»Alles zu eurer Verfügung«, verkündete Connor. »Es war mir ein Vergnügen, die letzten Jahre mit den Gentlemen zu verbringen. Jeder junge Mann sollte einmal mit Wichser, Stinker und Pickelfresse zusammen untergebracht werden. Das bildet den Charakter. Gehabt euch wohl, Jungs. Viel Glück und alles Gute!«
Die drei Jungen traten zornig und verwirrt zugleich zur Seite, als Connor seinen Koffer über den Gang zu Max’ Tür schleppte, wo er geduldig wartete, bis Max sich bei dem sprachlosen Trio entschuldigt hatte und nachkam.
Connor neigte sich vor, als Max den Schlüssel im Schloss drehte und fragte nervös zwinkernd: »Ist David zu Hause? Nicht, dass ich die Geschichten glaube, aber…«
»Keine Angst«, erwiderte Max. »Er ist nie hier.«
Aber da irrte er sich.
Beim Eintreten stellten sie fest, dass David sehr wohl zu Hause war. Und der Zauberer von Rowan bildete den Mittelpunkt einer so bizarren Szene, dass Max und Connor mit offenem Mund stehen blieben.
David Menlo schwebte zehn Meter über der unteren Ebene. Vor der Kuppel erschien er winzig, wie eine Puppe, die Arme zum Glas ausgestreckt. Jenseits des Doms zeigten sich nicht die üblichen still funkelnden Sternenkonstellationen, sondern ein tosendes, wirbelndes Chaos.
»Na so was!«, entfuhr es Connor. »Was macht unser Freund denn da?«
»Keine Ahnung«, antwortete Max. »Psst!«
Die beiden Jungen duckten sich und sahen zu David hinauf, der hoch über ihnen als Silhouette vor dem Himmel schwebte. Max hätte schwören können, dass er zwischen den Sternen schwach Gesichter erkennen konnte – verhüllte, finstere Gestalten, deren Züge und Konturen sich in den Mustern aus Licht und wirbelnden Nebeln ausmachen ließen. David winkte sie fort, doch die geisterhaften Gesichter blieben. Sie stellten offenbar ein Hindernis für sein Vorhaben dar.
Max hörte David aufschreien, und die Kuppel erstrahlte in schimmerndem Licht, das sich wie eine Welle über das Glas ausbreitete. Als es erlosch, waren die Gesichter verschwunden.
Verschwunden war auch das Bild des Kosmos. Hinter einem leichten Wolkenvorhang zeigte der Dom jetzt ein glattes graues Meer. In der Ferne konnte Max ein blinkendes Licht erkennen, dem gleich darauf so etwas wie Masten und Segel folgten. Die Perspektive verschob sich, und Max sah, dass es tatsächlich ein Schiff war, ein schwarzes Schiff, auf dessen Deck sich versiegelte Kisten stapelten. Am Bug hielt eine Wicca einen brennenden Stab hoch. Max vermutete, dass sie eine Wettermacherin war, die man angeheuert hatte, um eine schnelle und sichere Reise zu gewährleisten.
Aber jetzt war ein größerer Wettermacher gekommen.
David streckte die Arme aus und ein dunkler Schatten senkte sich über das Meer. Abrupt hielt die Wicca mit ihren Beschwörungsformeln inne und sah zum Himmel auf. Fasziniert beobachtete Max sie, eine winzige Gestalt in einer künstlichen Welt. Sie hob den brennenden Stab zum Glas empor. Doch trotz ihrer verzweifelten Bemühungen fielen dunkle Gewitterwolken über das Schiff her wie eine wild gewordene Viehherde. Das ruhige Meer warf graugrüne Wellen auf, und ein paar Gestalten liefen hektisch auf Deck herum, um die Ladung zu sichern. Die Wicca fiel auf die Knie und warf einen Gegenstand – eine Art Opfergabe – in die Wellen, als sich der Bug heftig zu heben und zu senken begann. Hoch darüber hob David die Faust, und die Kuppel wurde von Licht erfüllt, als ein Blitz aus dem immer dunkler werdenden Himmel direkt in den Hauptmast einschlug und ihn zerschmetterte. Die Seidensegel flatterten herunter wie Paradewimpel.
Ehrfürchtig und entsetzt zugleich sah Max, wie jetzt Welle auf Welle gegen das Schiff hämmerte und es mit beiläufiger, katzenhafter Grausamkeit zerschlug. Taue rissen, Seeleute wurden von Deck gerissen und ins Meer geschleudert und wie Spielzeug polterte die gestapelte Ladung hinterher. Mit einer sorgfältig dirigierenden Geste schien David das Meer in seinen Armen zu sammeln, als ob er einen letzten schrecklichen Schlag führen wollte.
Am Horizont sah Max erneut eine dunkle Welle auftauchen, ein unscheinbares schiefergraues Band, aber er wusste, dass sie riesig sein musste. Auf ihrem unaufhaltsamen mörderischen Kurs über das Meer wurde deutlich, wie groß sie wirklich war.
»Oh mein Gott«, stieß Connor hervor.
Max zuckte zusammen, als sich die Welle aufbaute, brach und das wankende Schiff traf wie die Faust eines Boxers. Der Aufprall war unvorstellbar und ließ eine Wasserfontäne aufsteigen, einen explodierenden Wassernebel, der einen gnädigen Schleier über das Gemetzel legte. Als er sich senkte, war von dem Handelsschiff nichts mehr zu sehen, nicht einmal mehr Balken oder Masten oder Gestalten im Wasser. Es war, als hätte es nie existiert.
Wieder änderte sich die Aussicht aus der Kuppel. Das tosende Meer wich der Nacht und schließlich kehrte die gewohnte friedliche Sternenkonstellation zurück. Als sich die Kuppel wieder in ihren Normalzustand begab, sank David langsam herab, von heftigen Hustenanfällen geschüttelt. Er ließ sich in einem Sessel nieder, zündete ein Feuer an und stützte sich schwer auf den Tisch. Mit seiner einen Hand holte er ein Taschentuch heraus, das er sich auf den Mund presste, während sein Körper von einem weiteren Hustenanfall geschüttelt wurde, der immer stärker wurde, bis David zusammenbrach und vom Sessel fiel.
»Er hat einen Anfall oder so etwas!«, rief Max. »Los, komm!«
Connor folgte ihm, blieb aber unten an der Treppe stehen, während Max zu seinem Zimmergenossen trat und ihm das blutbefleckte Taschentuch aus der schlaffen Hand nahm.
»Bist du sicher, dass es sicher ist?«, zischte Connor. »Er… er könnte dich in die Luft jagen!«
Im Moment schien David nicht einmal in der Lage, ein Insekt zu zerquetschen. Er lag ganz still da und seine Augenlider flatterten, während die Augen darunter sich rasend schnell hin und her zu bewegen schienen. Der Husten hatte aufgehört, stattdessen atmete er so schnell und flach, dass er fast hyperventilierte.
Dann hörte der Anfall ganz plötzlich auf.
David öffnete die Augen und sah Max an. Er blinzelte, hustete noch einmal und bedeutete Max vorsichtig, ihm in den Sessel zu helfen. Beim Aufstehen bemerkte er Connor, wandte sich dann aber wieder Max zu.
»Wie lange seid ihr schon hier?«
Max wusste nicht recht, was er antworten sollte, aber das übernahm Connor mit dem ihm eigenen Taktgefühl.
»Lange genug, um zu sehen, wie du das verdammte Schiff versenkt hast!«
»Connor!«, warnte Max, aber David winkte nur ab.
»Es tut mir leid, dass ihr das mitansehen musstet«, sagte er ruhig. »Wahrscheinlich fragt ihr euch, ob diese ganzen schrecklichen Gerüchte wahr sind …«
Davids Stimme klang unnatürlich ruhig. Alle Farbe wich aus Connors Gesicht, und er zog sich die Treppe hinauf zurück, als ob David ihn in eine Kröte verwandeln wollte.
»Natürlich!«, gab er unumwunden zu. »Wer würde das nicht, nach dem, was wir gerade gesehen haben!«
»Warum hast du das Schiff versenkt?«, fragte Max.
»Es war wertvoll.« David zuckte mit den Schultern. »Dieser Segler war der erste mit einer Ladung aus allen vier Königreichen. Bislang sind nur Waren aus Blys nach Rowan gelangt. Von diesem kleinen Fiasko wird sogar Astaroth erfahren.«
»Du versuchst also, Astaroth zu provozieren?«, fragte Max.
Auf Davids blassem Gesicht breitete sich ein schwaches Lächeln aus.
»Und das machst du von hier aus?«, fuhr Max fort, der langsam zornig wurde. »Von Rowan aus? Findest du das nicht ein wenig tollkühn?«
»Will mir ausgerechnet Max McDaniels jetzt einen Vortrag über Tollkühnheit halten?«
Max funkelte David an und seine Finger zuckten von der schrecklichen Alten Magie, die gerne die Kontrolle übernommen hätte.
»Und seit wann ist dieses Zimmer eine riesige Kristallkugel?«, wechselte Max mit einer weit ausladenden Armbewegung zur Kuppel das Thema.
Daraufhin musste David lachen. »Ja, hast du denn geglaubt, das sei nur Dekoration?« David schnalzte mit der Zunge und kicherte über seine rhetorische Frage. »Das ist meine Operationsbasis, Max. Mein kleines Fenster zur Welt.«
»Was waren das für Gesichter hinter dem Glas?«, wollte Max wissen.
Davids Lächeln verschwand abrupt und sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. »Konntet ihr sie sehen?«, flüsterte er. »Manchmal bin ich davon überzeugt, dass nur ich sie sehen kann … das waren Prusias’ allerbeste Magier, die versuchen, mich zu finden. Aber das können sie nicht… noch nicht.«
»Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass mir Dämonen zum Fenster hereinsehen«, knurrte Max düster.
»Keine Angst«, beruhigte ihn David. »Sie können dich hier nicht sehen. Das könnten sie nur, solange ich hinaussehe, und da bin ich sehr vorsichtig.«
»Aber es ist nicht sonderlich vorsichtig, wenn zwei Leute mit einem Schlüssel geradewegs hier hereinspazieren können«, gab Max zurück. »Was wäre, wenn ich Mrs Richter gewesen wäre? Wie ich höre, ist sie im Moment nicht sehr zufrieden mit dir.«
»Das heute Abend war eine Ausnahme«, erklärte David. »Ich musste dieses Schiff finden, solange es sich noch in den Gewässern von Blys befand.« Sein Blick fiel auf die Schriftrolle in Connors Hand. »Hat da jemand mit Mr Cree gesprochen?«
Connor schien es bei der Frage schlecht zu werden. Er senkte den Kopf wie ein gescholtener Schuljunge, nickte und reichte Max die Rolle, der sie an David weitergab. David las sie und legte sie dann mit einem müden Seufzer auf den Tisch.
»Du gibst also deine Seele auf«, bemerkte er leise. »Darf ich fragen, warum? Du magst schöne Dinge, Connor, aber ich glaube kaum, dass du so dumm bist.«
»Vielleicht ist ja Varga so dumm«, erwiderte Connor heftig. »Seit dem Sommer nervt er mich damit, ich solle nach Blys gehen. Er sagt, es sei meine beste Chance, alles wiedergutzumachen. Er sagt, es sei meine Pflicht …« Mit hochrotem Gesicht brach er ab.
»Was wiedergutzumachen?«, hakte David kühl nach. »Dass du mich niedergestochen hast? Dass du den Schleier gehoben hast, der die Schule verborgen hat, und uns damit alle ausgeliefert hast?«
»Nun … im letzten Frühling«, antwortete Connor und sah zur Seite.
»Es ist doch klar«, warf Max schnell ein, bevor sie in die unschönen Details gingen, »dass wir das nicht zulassen können. Ich meine, wir müssen doch etwas unternehmen. Können wir nicht mit Mr Cree verhandeln?«
David schüttelte den Kopf und betrachtete den Vertrag erschöpft. »Mr Cree ist nur ein Sekretär, Max. Er ist nicht der Besitzer von Connors Seele, sondern ein pflichtgetreuer Notar. Und ich würde Peter Vargas Empfehlung nicht so leicht in den Wind schlagen. Ich kenne mich in der Hellseherei nicht gut aus, aber Varga hat in der Vergangenheit fast immer recht gehabt. Vielleicht sollte Connor wirklich nach Blys gehen … Wie dem auch sei, dieser Vertrag kann nicht gebrochen werden. Damit muss Connor leben.«
»Ich mag ja eine Menge sein«, sagte Connor. »Aber ein Feigling bin ich nicht. Wenn es sein muss, kann ich die Dinge in Blys angehen. Ich habe mich bereits verabschiedet – soweit es ging, jedenfalls. Aber meine Seele aufzugeben, das macht mir echt Bauchschmerzen.«
David nickte verständnisvoll und wollte ihm die Schriftrolle schon zurückgeben, als er plötzlich innehielt und sie noch einmal las. Dann pfiff er leise.
»Vielleicht kann ich dir helfen«, murmelte er und tippte auf das Dokument. »Aber es könnte riskant werden.«
Connor richtete sich auf und sein Gesicht erhellte sich augenblicklich. »Du meinst, ich müsste nicht gehen?«, fragte er eifrig.
»Doch«, erwiderte David. »Gehen musst du, dieser Teil des Vertrages ist bombenfest. Allerdings gibt es einen Interpretationsspielraum bei den Zahlungsbedingungen. Es wird verlangt, dass du deine Seele aufgibst, wenn du Prusias die Treue schwörst. Das ist ein mögliches Schlupfloch.«
»Was für ein Schlupfloch denn?«, wunderte sich Connor. »Mir scheint das recht wasserdicht zu sein.«
»Dann sag mir doch mal, was genau deine Seele ist, Connor«, verlangte David. »Ist das die Seele, mit der du geboren wurdest, oder die, die in deinem Körper steckt?«
»Ich hoffe doch, dass sie ein und dasselbe sind«, stieß Connor hervor und bekreuzigte sich schnell.
»Im Augenblick sind sie das«, bestätigte David. »Aber das muss nicht so sein. Wie wäre es, wenn ich dir anböte, deine Seele zu entfernen und sie zu verwahren … in einem sicheren Verlies?«
»Spirituelle Chirurgie?«, staunte Connor.
David nickte und deutete auf die blasse Narbe in seiner Brust. »Transplantation. Mit so etwas kenne ich mich aus.«
»Aber für eine Transplantation braucht man doch einen Spender«, wandte Max ein. »Woher willst du eine andere Seele nehmen, David?«
»Das lass mal meine Sorge sein«, erwiderte David gelassen. »Es reicht zu sagen, dass es ein freiwilliger Spender sein wird.«
»Mir gefällt das nicht, Connor«, warnte Max. »Das hört sich sehr nach Besessenheit an und damit hast du schon genug schlechte Erfahrungen gemacht. Willst du, dass wieder ein Mr Sikes in deinem Kopf herumspukt?«
»Das hat nichts mit Besessenheit zu tun«, berichtigte David. »Und eine menschliche Seele ist etwas völlig anderes als ein aufdringlicher Gnom. Die Ersatzseele wird deine Handlungen nicht lenken oder dich beeinflussen. Außerdem musst du bedenken, dass du sie ja nur für kurze Zeit haben wirst. Schließlich wird sie Prusias sehr bald an sich nehmen.«
»Das stimmt allerdings«, gab Connor zu, stand abrupt auf und ging vor dem Kamin auf und ab. »Bist du sicher? Ich meine, weißt du genau, dass der Spender das freiwillig tun würde? Ich will nicht, dass du jemandem wegen seiner blöden Seele den Schädel einschlagen musst.«
»Wie ich schon gesagt habe, es wäre ein Spender, der freiwillig mitmacht«, entgegnete David ruhig. »Aber du musst deine Entscheidung bis morgen früh treffen.«
»Mein Gott!«, stieß Connor hervor und barg das Gesicht in den Händen. Hilflos sah er Max an. »Und ich dachte, ich hätte vorher schon genug Ärger gehabt! Was soll ich denn tun?«
»Das kann ich dir nicht sagen«, erwiderte Max. »Diese Entscheidung kannst nur du allein treffen.«
»Ich muss darüber nachdenken«, erklärte Connor ernst. »Dein Bett kommt mir sehr verführerisch vor, Max. Du kannst doch hier unten schlafen, sei ein lieber Junge, ja? Ich weiß doch, dass du auf keinen Fall willst, dass ich die letzten Nächte in Rowan auf dem Fußboden schlafe.«
»Es gehört dir«, sagte Max und winkte ihm nach.
Als Connor die Treppe hinaufgegangen war, sah David Max amüsiert an.
»Und, wie läuft es, Professor McDaniels?«, fragte er.
Max zog sich die Schuhe aus, legte die Füße auf den Tisch und starrte ins Feuer. »Ehrlich, David, manchmal habe ich das Gefühl, mir platzt der Schädel.«
»Hmm«, machte David. »Ich hätte gedacht, dass dich wenigstens die Zwerge interessieren.«
»Die waren der einzige Lichtblick«, gestand Max. »Wenn sich alles beruhigt hat, will ich mich mal mit ihnen unterhalten. Sie könnten nützlich sein.«
»Aha«, lächelte David. »Jetzt kommen wir der Sache näher.«
»Na ja«, meinte Max. »Vielleicht können sie Cúchulains Speer für mich reparieren …«
»Wieso?«, fragte David unschuldig. »Wozu denn das? Der Krieg ist vorbei, Max. Weißt du nicht, dass du hier in deinem Laufställchen sitzen und deinen wohlverdienten Ruhestand genießen solltest?«
»Schon«, erwiderte Max. »Aber du kämpfst doch schließlich auch ganz allein deinen Krieg. Bist du hinter Prusias her?«
»Dafür, dass er meine Mutter erniedrigt?«, fragte David. »Nein, solche Privatfehden dürfen mich nicht beeinflussen. Ich strebe nach Höherem.«
»Astaroth?«, zischte Max. »David, jetzt sag bitte nicht, dass du hinter Astaroth her bist!«
»Hinter her bin?« David hob amüsiert die Augenbraue. »Max, hier geht es nicht um eine Schulhofprügelei.«
»Und was hast du vor?«, wollte Max wissen. »Ich meine, du kannst doch nicht glauben, dass du Astaroth vernichten kannst. Nicht einmal Bram hat das geschafft.«
»Das wäre sehr schwierig«, stimmte David mit dem Anflug eines Lächelns zu. »Mal sehen … der Dämon ist unsterblich, nichts Irdisches kann ihm etwas antun und er hat das Buch Thoth. Sollte tatsächlich eine Gefahr drohen, kann Astaroth einfach ihren wahren Namen von der Liste streichen und die Existenz dieses Ärgernisses schlicht eliminieren. Das ist eine sehr reale, äußerst unberechenbare Macht.«
David kratzte sich den Stumpf, an dem früher seine rechte Hand gesessen hatte.
»Aber es ist reizvoll, darüber nachzudenken«, fand er. »Ich glaube, wenn jemand Astaroth vernichten wollte, müsste er sich eine ganz besondere Waffe ausdenken. Lass uns zum Beispiel einmal annehmen, diese Waffe sei ein Trank …«
Er nahm einen durchsichtigen Becher von einem Tisch neben dem Bücherregal, stellte ihn auf den Tisch vor sie beide hin und betrachtete ihn nachdenklich.
»Nun, die Bestandteile und Eigenschaften dieses Tranks müssten zwei Grundvoraussetzungen erfüllen: Zuallererst müsste er tödlich für Dämonen sein. Und zweitens müssen die Zutaten aus einer anderen Welt stammen. Das sind Bedingungen, die einigermaßen schwierig zu erfüllen sind.«
»Die erste Bedingung kann ich verstehen, aber nicht die zweite«, gestand Max. »Warum müsste es außerhalb unserer Welt entstehen?«
»Weil Astaroth das Buch Thoth hat«, erinnerte ihn David. »Wenn die Zutaten von der Erde stammen, stehen ihre wahren Namen im Buch. Aber wenn der Name nicht im Buch steht, hat Astaroth keine Macht darüber. Er kann sie nicht einfach auslöschen oder ihr Wesen verändern. Er wird verletzlich.«
»Das ist genial«, fand Max, aufgeregt über Davids Lösung, aber gleichzeitig auch besorgt wegen der möglichen Auswirkungen. »Diese roten Blüten … sind sie aus einer anderen Welt? Willst du wirklich Astaroth vernichten?«
David antwortete nicht und sein Gesicht blieb undurchdringlich.
»Dann sag mir wenigstens, warum du so darum bemüht bist, dass ich sie nicht anfasse«, bat Max. »Die Dämonen tun so, als sei ich einer von ihnen. Die Dryaden, die Dämonen, sie sagen ich würde ›leuchten‹. Was hat das zu bedeuten, David? Was bin ich?«
David seufzte und rückte vom Tisch ab. »Die Sache mit Connors Vertrag macht einen Gang in die Archive nötig«, sagte er. »Du kannst mitkommen, wenn du willst. Ich sage dir so viel, wie ich kann, aber ich kann dir nicht versprechen, dass dir gefallen wird, was du zu hören bekommst, Max.«
Eine Minute später verließen die beiden das Observatorium und ließen den unbekümmert schnarchenden Connor zurück.
 
Es war zwar schon spät, doch der Campus war keineswegs verlassen. Aus den vielen Fenstern der Schulgebäude fiel Licht und sowohl Lehrer als auch Schüler waren noch unterwegs. Max McDaniels gemeinsam mit David Menlo zu sehen, rief viele neugierige Blicke hervor, aber David ignorierte sie und deutete fröhlich auf Gràvenmuir. Selbst aus dieser Entfernung konnte Max sehen, wie Gestalten von einem vergoldeten Zimmer zum nächsten huschten.
»Ich würde mal vermuten, sie haben etwas über ihr verloren gegangenes Schiff erfahren«, flüsterte David verschwörerisch. »Nichts verbreitet sich schneller als schlechte Neuigkeiten, nicht wahr? Ist das nicht wunderbar?«
»Machst du dir keine Sorgen, dass sie wissen, dass du es warst?«, zischte Max. »Du bist doch der Einzige, der so etwas fertigbringen könnte!«
»Nicht unbedingt«, entgegnete David. »In den vier Königreichen sitzen ein paar wahrhaft mächtige Dämonen, die ihre eigenen Pläne, Ziele und Rivalitäten haben. Sie sind wie dicke, fette Spinnen, die in verschiedenen Ecken eines Netzes hocken. Ich wüsste ungefähr ein Dutzend, die ein Interesse daran haben könnten, dieses Schiff untergehen zu lassen. Also zupft jetzt David Menlo am Netz oder eine andere Spinne?«
»Das ist aber ein gefährliches Spiel.«
»Vielleicht«, gab David zu. »Aber es macht mehr Spaß, zu den Revolutionären zu gehören als zum Establishment.«
Mit kaum verhohlener Zufriedenheit lief David zu Maggie hinüber, von wo aus man in die Archive gelangte. Sie stiegen die enge Wendeltreppe ins lebendige Herz von Rowan hinab, wo die ältesten Schriftrollen und die größten Schätze verwahrt wurden. An der untersten Stufe blieb Max vor den Shedu-Wächtern stehen. Mit schief gelegtem Kopf sah er die beiden gewaltigen Figuren an, geflügelte Stiere mit Menschenköpfen.
»Sie sehen anders aus«, behauptete er. »Älter. Sind das dieselben Shedu?«
»Nein«, erwiderte David. »Die beiden anderen wurden bei der Belagerung zerstört – zu Staub zerrieben. Die hier habe ich aus einem assyrischen Grab ausgeliehen.«
Max war in Gegenwart der Shedu immer ein wenig nervös, als ob er irgendwie an ihre unbeteiligten Gesichter appellieren müsste. Doch als Mitglied des Roten Dienstes hatte er uneingeschränkten Zugang zu den Archiven. Die Shedu blieben unbeweglich, als Max und David an ihnen vorbeigingen.
Die Archive waren noch genauso, wie Max sie in Erinnerung hatte. Unvorstellbar groß, mit endlosen Reihen und Gängen voller Bücher, die sich fast den Blicken entzogen, wenn man nach oben zur hohen gewölbten Decke sah. Nirgendwo in Rowan wurde es deutlicher, dass Astaroth jegliche Elektrizität ausgelöscht hatte, als in diesem riesigen unterirdischen Raum, in dem jetzt Kerzen und Laternen aus Nischen flackerndes Licht verbreiteten.
Schließlich gelangten sie zu Davids privatem Lesesaal. Kaffeetassen mit eingetrockneten Resten stapelten sich in Dreiertürmen neben angeschlagenen Tellern, Bücherstapeln und gelegentlichen Tintenklecksen. David schien sich wie zu Hause zu fühlen und summte zufrieden vor sich hin, während er mehrere Lampen anzündete und Max aufforderte, sich zu setzen.
»Weißt du«, begann er, »ich wollte dich nie über deine Zeit in Rodrubân ausfragen, aber wir können uns nur unterhalten, wenn ich offen zu dir sein kann.«
»Nur zu«, forderte Max ihn auf. »Ich bin mir darüber im Klaren, dass du sowieso Bescheid weißt.«
David nickte. »Dann lege ich die Karten auf den Tisch«, bot er an. »Scott McDaniels ist nicht dein Vater. Und du bist nicht Cúchulain, aber ein Verwandter von ihm. Du und Cúchulain, ihr seid Brüder, auch wenn der Altersunterschied beträchtlich ist. Ihr beide seid Söhne von Lugh dem Langhändigen, Hochkönig der Tuata Dé Danann.«
Max kämpfte mit widerstreitenden Gefühlen. Einerseits war er erleichtert, dass David es wusste, dass er sein Geheimnis mit irgendjemandem teilen konnte. Aber er hatte auch Angst, Scott McDaniels könnte die niederschmetternde Wahrheit erfahren, dass Max nicht sein Sohn war. Und außerdem verspürte er Zorn. Seit Jahren rang er um seine Identität. Hatte David die ganze Zeit die Antwort auf seine Fragen gehabt?
»Wenn du all das weißt, warum hast du nicht schon früher etwas gesagt?«, flüsterte er.
»Die Vergangenheit eines Menschen ist seine Privatsache«, antwortete David. »Ich war mir erst sicher, als du die Brücke in Rodrubân überqueren konntest und ich nicht.«
Max erinnerte sich daran und plötzlich wich sein Ärger einer wesentlich fröhlicheren Stimmung.
»Aber das ist doch gut!«, rief er und klatschte in die Hände. »Das heißt wenigstens, dass ich kein Dämon bin!«
»Beruhige dich«, riet ihm David. »So einfach ist das nicht. Dein Familienstammbaum ist ein wenig … kompliziert.«
Max dachte an seine Träume und den großen Wolfshund mit seiner immer wiederkehrenden Frage: »Was führst du im Schilde? Antworte schnell oder ich verschlinge dich!«
»Ich will wissen, was ich bin«, stieß Max hervor. »Bin ich menschlich?«
»Nein«, antwortete David. »Zumindest nicht ganz. Lugh ist ein Gott, der in den Hügeln der fernen Sidh schlummert. Wenn wir sagen, du bist ein Halbgott, fühlst du dich dann besser?«
»Auf jeden Fall besser wie als Dämon«, fand Max.
»Sind die denn so anders?«, fragte David.
»Was soll das denn schon wieder heißen?«, rief Max und funkelte seinen Zimmergenossen böse an.
David legte die Hand auf ein Buch mit keltischen Mythen und las laut vor:
 
Sein lang gezogener Schrei hallte wie die Schreie von hundert Krie” gern: Es war, als erklänge der Schrei von Dämonen und Teufeln und Kreaturen der Erde sowie Geistern der Luft aus seinem Helm, vor ihm, über ihm und um ihn herum, wenn er auszog, das Blut von Krie” gern und Helden zu vergießen … Der erste Anfall verwandelte Cúchu” lain in ein Ungeheuer, schrecklich und gestaltlos, wie es noch keines ge” geben hatte. Seine Glieder und Gelenke, jeder Knöchel und jedes innere und äußere Körperteil von Kopf bis Fuß erbebte wie ein Baum in der Flut … Vor Zorn richtete sich das Haar auf seinem Kopf auf. Der Heldenschein erglühte auf seiner Stirn … Aus der Mitte des Schädels schoss ein Strahl schwarzen Blutes … So zog er aus, um seine Feinde zu finden, und er fand sie.
 
»Hört sich das nicht ganz nach der Beschreibung eines Dämons an?«, fragte David leise.
»Diese Geschichten sind doch übertrieben«, widersprach Max. »Cúchulain war blutrünstig. So bin ich nicht. So etwas tue ich nicht.«
»Nein«, versicherte ihm David. »Das tust du nicht. Aber dich belastet auch das moderne Gewissen. Für Max McDaniels ist Töten ein notwendiges Übel. Doch zu Cúchulains Zeiten war der Weg zu Ruhm und Ehre mit dem Blut der Feinde getränkt. Du bist nicht aus anderem Material, du lebst nur in einer anderen Zeit.«
Max hüllte sich in dumpfes Schweigen, daher fuhr David fort: »Weißt du noch, was letztes Frühjahr passiert ist? Als du dich dem Feind im Sanktuarium gestellt hast?«
»Erinnere mich nicht daran«, verlangte Max düster. Die Geschichte kam ihm wie ein Traum vor. In dem dunklen Abgrund hatte er geschrien. Da war ein Licht gewesen, ein grelles Licht, heller als die Sonne. Und dann war er über die Feinde hergefallen, die vor ihm flohen. Es war eine schwer fassbare Erinnerung, nur Fetzen wilder, brutaler Gewalt. Flüchtende Vyes, die sich bemühten, aus der Schlucht zu entkommen und sich vor dem Raubtier darin zu retten … War Max zu einem Ungeheuer geworden?
»Du kannst nicht beides haben«, erklärte David. »Du kannst nicht nach der Wahrheit suchen und dir dann das Passende davon herauspicken. Wenn du wissen willst, was und wer du bist, musst du schon das ganze Paket annehmen.«
»Das will ich«, sagte Max. »Ich bin kein Dämon, David. Ich bin Lughs Sohn und Cúchulains Bruder.«
»Und woher kommt Lugh?«, fragte David.
»Er ist einer der Tuata Dé Danann«, erwiderte Max. »Eine Zeit lang war er ihr König.«
»Aber anfangs war er für die Tuata Dé Danann ein Außenseiter«, korrigierte ihn David. »Sie machten ihn erst zum König, als er sie in die Schlacht gegen die Fomorianer geführt und Balor erschlagen hatte.«
»Wer war Balor?«
»Ein König der Fomorianer«, antwortete David. »Balor war ein Riese, ein Monster, so schrecklich, dass der Blick aus seinem einen Auge alles tötete, was er ansah. In der Schlacht von Magh Tuireadh stieß ihm Lugh das Auge aus und tötete ihn. Eigentlich geht sogar der Ausdruck ›böser Blick‹ auf Balor zurück. Faszinierend, wie solche alten Geschichten ihren Weg in die moderne Umgangssprache finden, nicht wahr?«
»Ergreifend«, fand Max. »Aber was hat das alles mit mir zu tun?«
»Nun«, sagte David vorsichtig. »Balors Tod war die Erfüllung einer alten Prophezeiung. Diese besagte, dass Balor von der Hand seines eigenen Enkels sterben würde …«
»Lugh ist Balors Enkel?«, rief Max. »Das heißt ja, dass Lugh zum Teil Fomorianer ist … und das heißt, dass ich zum Teil Fomorianer bin.«
»Du sagst das, als ob es etwas Schlimmes wäre«, stellte David fest.
»Ich bin ein Monster«, stöhnte Max. Er dachte an das grausige Auge, das er in Coopers Zimmer in der Hand gehalten hatte, und an das riesige Ausstellungsstück eines Fomorianers im Museum der Werkstatt. »Ein Monster!«
»Du übertreibst«, erklärte David. »Du stammst lediglich aus einem sehr alten Geschlecht. Wenn man so weit zurückgeht, vermischen sich die Stammbäume alle. Denk daran, Max: Des einen Gott ist des anderen Monster …«
Damit wandte sich David seiner Arbeit zu, und Max verstand, dass er entlassen war. Er ging an den Tischen der Gelehrten vorbei, vorbei an der Halle des Roten Dienstes und die vielen Stufen hinauf, die aus den Archiven führten. Auf dem Campus war es dunkel und ruhig, selbst in Gràvenmuir waren die Fenster geschlossen und die Vorhänge zugezogen, als ob jeder und alles tief und fest schlafen würde.
An seinem Zimmer angekommen, sah er, dass jemand eine Nachricht an die Tür geheftet hatte.
 
 
Camille hat gesagt, dass Du mich gesucht hast. Tut mir leid, dass ich dich verpasst habe. Ich weiß, dass Du beschäftigt bist und Dir wahrscheinlich Sorgen machst wegen des Shrope-Prozesses am Samstag. Halte durch! Wenn es vorbei ist, können wir uns beim Samhain-Fest entspannen.
 
 
XOXO
Julie
 
 
Max seufzte. Bei allem, was passiert war, hatte er den Prozess gegen Mum und Bellagrog völlig vergessen. In zwei Tagen musste er sich in den Zeugenstand begeben und schwören, die Wahrheit zu sagen. Er konnte nur hoffen, dass seine Aussage nicht dazu führte, dass Mum verbannt wurde.