KAPITEL 17
Prinzessin Mina und die Kobolde
018
Als Max aus der Tiefe des Brunnens hervorstieg, war der Sturm längst abgeflaut. Die Luft war schneidend kalt, aber sauber und nach den unterirdischen Strapazen mehr als willkommen. Es war früher Morgen und am blass pfirsichfarbenen Morgenhimmel war der Vollmond noch als fahles Bild zu sehen. Ein Blick auf den überschwemmten Pferch zeigte ihm, dass die Schafe und Ziegen sich wieder beruhigt hatten.
Im Tageslicht untersuchte Max seine Wunden genauer. Sein Nacken war unglaublich steif und an beiden Armen hatte er rundherum hässliche Schwären, aber sie begannen bereits zu heilen. Von der Wunde, die Pietros Messer verursacht hatte, war nichts mehr zu sehen. Max war zwar erschöpft, aber er brauchte unbedingt ein Bad, um alle Spuren der ekelhaften Gänge und des abgestandenen Wassers in der Höhle abzuwaschen. Er freute sich schon darauf, aber zuerst musste er sich um Mina kümmern.
Sie hatten etwas hinter die zerbrochene Tür geklemmt, damit sie zu blieb. Max musste klopfen und mehrmals rufen, bis er endlich ein ärgerliches Zischen vernahm und irgendein Möbelstück beiseitegeschoben wurde. Die Tür hing nur noch an einer Angel und wäre beinahe ins Haus gefallen, hätte Max sie nicht aufgefangen, bevor er in das müde, ängstliche Gesicht der jungen Mutter blickte.
»Guten Morgen«, sagte er.
»Das … das Monster?«, stieß sie hervor und sah an ihm vorbei.
»Das Monster ist tot.«
Die Frau legte eine zitternde Hand an den Mund und lehnte sich an den Tisch. Sie bat Max mit einer Handbewegung, einzutreten, drehte sich um und ging zur Treppe, wo sie etwas auf Italienisch hinaufrief, zu schnell, als dass Max es hätte verstehen können. Als er hineinging, graute es ihn erneut vor dem fettigen, rußigen Dreck.
»Wie heißt du?«, fragte er und machte ein paar Fensterläden auf, um frische Luft hereinzulassen.
»Isabella«, antwortete die Frau besorgt. »Pietro ist betrunken … er schläft. Er kann nicht mit dir sprechen.«
»Ich muss ihn nicht sehen«, meinte Max und legte sein Schwert und die geretteten Papiere auf den Tisch. »Ich muss die Kinder sehen, Isabella. Sofort.«
Isabella nickte, ging die Treppe hinauf und erschien gleich darauf wieder, gefolgt von den Kindern. Zu seiner Erleichterung sah Max Mina bei ihnen, immer noch in seinen alten Mantel gewickelt. Keines von ihnen schaute ihn an, aber sie versammelten sich gehorsam um den Kamin herum, während er sich einen Stuhl holte. Auch die alte Frau erschien und kam die halbe Treppe herunter, von wo aus sie ihn mit ihren schwarzen Augen abschätzend ansah.
Die Kinder standen da wie Zombies, als Max ihnen erklärte, dass das Monster tot sei und ihnen nichts mehr tun könnte. Sie reagierten kaum auf die Neuigkeit, sondern starrten ihn nur an. Max sah zu dem Ältesten, einem Jungen, der vielleicht zwölf Jahre alt war.
»Wie heißt du?«
Der Junge sackte zusammen, als hätte man ihn angefahren oder ihm eine Strafpredigt gehalten.
»Du wirst keine Antwort von ihm bekommen«, erklärte Isabella sanft. »Er hat kein Wort gesprochen, seit er hierher gekommen ist. Sein Name ist Mario.«
»Mario«, wiederholte Max und schüttelte seine schlaffe, widerstandslose Hand. »Ich bin Max. Kann mir denn jemand von euch seinen Namen sagen? Ich bin hier, um euch zu helfen.«
Ein vielleicht elfjähriges Mädchen sah ihn mit leuchtend grünen Augen an und flüsterte: »Ist es wirklich tot? Bist du sicher?«
Max nickte.
»Aber wie konntest du so ein Monster töten?«, fragte Isabella.
Max zuckte mit den Achseln und versuchte, so gut wie möglich zu erklären, dass er für so etwas ausgebildet war und schon viele Kämpfe ausgetragen hatte. Es sei seine Aufgabe, Menschen zu beschützen, und deshalb musste er wissen, warum diese Kinder hier waren und so lebten.
»Kümmere dich um deinen eigenen Kram!«, zischte die alte Frau von der Treppe her.
»Das werde ich nicht!«, entgegnete Max ruhig und sah sie fest an. »Sind Sie dafür verantwortlich, dass die Kinder dem Monster geopfert wurden?«
»Dagegen konnten wir nichts tun!«, verteidigte sie sich mit empörter Miene. »Eines Tages sind die Vyes gekommen und haben etwas in den Brunnen getrieben. Später kamen die Kobolde mit Karren voller Gefangener – Kindern aus den Lagern. Sie sagten uns, wir sollten jeden Monat eines davon bei Vollmond im Pferch lassen, sonst würde das Monster uns holen kommen.«
»Warum seid ihr hiergeblieben?«, fragte Max. »Ihr hättet mit den Kindern woanders hingehen können.«
Die Frau antwortete nicht, sondern schüttelte nur den Kopf, als wüsste sie, dass einen solch unverschämten Fragensteller sowieso keine Antwort zufriedenstellen würde.
»Die Kobolde beherrschen dieses Tal«, erklärte Isabella. »Alle paar Monate bringen sie weitere Kinder und Vorräte.«
Die alte Frau zischte die Jüngere an, die ihren Blick kalt erwiderte.
Max stand auf und ging mit wachsendem Unmut zu der Alten hinüber. »Also, wie ich das verstehe, habt ihr die Kinder da draußen einem Monster überlassen, weil ihr zu feige wart zu flüchten und weil ihr wolltet, dass euch die Kobolde versorgen?«
»Die Kobolde haben gesagt, wir wären verflucht, wenn wir uns nicht um das Monster kümmerten«, sagte Isabella. »Sie sagten, es sei ein Dämon und dass wir verpflichtet wären, uns um ihn zu kümmern. Sie haben uns mit dem Brunnenzeichen markiert…« Sie hob die Handfläche und zeigte Max die gleichen Tätowierungen, wie sie auch Pietro trug – das Siegel Astaroths, das von Prusias und darunter der Brunnen. »Die Kobolde haben gesagt, dass uns das Monster mit dieser Markierung immer finden würde und dass wir ihm nie entkommen könnten.«
»Das rechtfertigt immer noch nicht, was ihr getan habt«, stellte Max fest. Er fand die ganze Angelegenheit widerlich. Er sah Isabella fest an, die seinem Blick auswich und zu Boden sah. »Sind Pietro und diese Frau Ihre Eltern?«
»Nein«, antwortete sie. »Mein Mann wurde während des Krieges getötet. Ich bin aus der Stadt geflohen und habe diesen Ort hier gefunden. Ana und Pietro haben mich aufgenommen und mir geholfen, meine Tochter zur Welt zu bringen. Du darfst nicht so böse auf sie sein, Pietro hat immer geweint, wenn ein Stein ausgesucht wurde.«
Max erinnerte sich an das Stück Quarz, das auf dem Tisch gelegen hatte.
»Nein«, fuhr er auf, »das war kein Stein. Das war ein Kind. Sie haben keine Steine ausgesucht, Isabella. Sie haben Kinder ausgesucht, die nach draußen geschickt wurden.«
»Wir sind keine Soldaten wie du!«, keifte Ana von der Treppe aus. »Und das sind nicht unsere Kinder! Sie wurden einfach vor unserer Tür abgesetzt. Wir hatten keine Wahl!«
»Nun«, sagte Max, »jetzt habt ihr freie Auswahl – ihr könnt in jede beliebige Richtung gehen.«
»Was soll das heißen?«, fragte Ana.
»Dass ihr packen und verschwinden werdet«, erklärte Max. »Ihr könnt hier nicht länger bleiben. Das ist das Haus der Kinder.«
Bei dieser Ankündigung schob Ana das Kinn vor und entblößte eine Reihe gelber Zähne. »Unsinn!«, zeterte sie. »Das hier ist unser Haus! Wir haben es gefunden!«
»Nein«, antwortete Max. »Das war euer Haus. Jetzt gehört es den Kindern, sie haben dafür mehr als genug bezahlt. Ihr könnt entweder unten im Brunnen hausen oder irgendwohin reisen. Bis zum Mittag müsst ihr euch entscheiden.«
»Aber da sind Kobolde!«, wandte Ana ein. »Wilde Kobolde! Wir können uns nicht wehren!«
»Das würde ich nicht sagen«, meinte Max und hob den alten Speer auf, der neben dem dösenden Spaniel in der Ecke lag. Er tippte auf die Spitze und lehnte ihn an den Türrahmen. »Das ist mehr an Verteidigungsmöglichkeiten, als ihr Mina gelassen habt. Und wenn es nur Kobolde sind, dann habt ihr eine Chance.«
»Das ist Mord!«, stieß Ana hervor.
»Nein«, erwiderte Max. »Das ist Exil.«
»Müssen Gianna und ich auch gehen?«, fragte Isabella.
Mit einem Blick auf ihr Baby schüttelte Max den Kopf. »Ich schicke keine Mutter mit einem Säugling weg.«
Damit stieg Max die Treppe hinauf und durchsuchte die Zimmer, bis er Pietro schnarchend auf einer dreckigen Matratze fand. Max goss dem Schlafenden einen neben der Lagerstatt stehenden Eimer Wasser über den Kopf, woraufhin dieser prustete und ihn betrunken ansah. Dann stellte er konfuse Fragen, die Max schlicht ignorierte, stattdessen half er ihm auf und führte ihn die Treppe zur Tür hinunter, wo Ana wie ein Gargoyle hockte und wartete.
Die Kinder sahen zu, als Max dem alten Mann die Situation erklärte. Es folgten wilde Proteste und wüste Beschimpfungen von Ana und Pietro, die Max in alle Ewigkeit verdammten – wer war er denn, dass er sie in die Wildnis schickte? Hatte er denn kein Herz? Daraufhin deutete Max nur auf den Haufen kleiner Schuhe und begann, die Küche und Vorratsräume zu durchsuchen.
Nachdem er etwas zu essen eingepackt hatte, warf er die Säcke Ana vor die Füße und drückte Pietro den Speer in die Hand.
»Ich würde nach Westen gehen«, riet er ihnen. »Ich bin von dort gekommen und habe keine Schwierigkeiten gehabt. Es gibt viele Quellen und man kann gut laufen. Ihr werdet nie wieder hierher zurückkommen oder von diesem Ort sprechen, oder ich lege euch selber einen Fluch auf!«
Mit diesen Worten streckte er die Hände aus, aus denen bläuliches Hexenfeuer sprang. Die Flammen tanzten seine Finger entlang, stiegen dann in die Luft auf und teilten sich in mehrere knisternde Blitze auf, die das fassungslose Paar umkreisten.
»Daemona!«, schrie Pietro und nahm seine Frau in die Arme.
»Nennt mich, wie ihr wollt«, sagte Max, beugte sich vor und fing die Blitze wieder ein. »Aber denkt an den Fluch, Pietro. Kein Wort über diesen Ort, über die Kinder oder über mich!«
Es war natürlich nur ein Bluff. Max hatte keine Ahnung, wie er etwas so Kompliziertes wie einen richtigen Fluch beschwören konnte. Allerdings bezweifelte er auch, dass die Kobolde das konnten, und doch hatte ihre Drohung Pietro und Ana genügend eingeschüchtert, daher nahm er an, dass er sich mit ein wenig Unterstützung der Pyrotechnik des Schweigens dieser Leute versichern konnte. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass jemand von seiner Anwesenheit in Blys berichtete.
»Auf Wiedersehen und viel Glück«, sagte Max und schob sie entschlossen aus der Tür.
Nach einer hitzigen Debatte ging das Paar schließlich doch nicht nach Westen, sondern lieber nach Nordosten. Bei ihrem Abgang boten sie ein jämmerliches Schauspiel: Ana wurde von der Last ihrer Habe fast niedergedrückt und Pietro stützte sich auf den Speer und stieß den Hund an. Wäre ihr Verbrechen nicht so abscheulich gewesen, hätte Max fast Mitleid verspürt und sie bleiben lassen. Aber sie waren Mörder, erinnerte er sich, genauso schuldig und erbärmlich wie das Monster im Brunnen.
»Sie kommen schon zurecht«, meinte Isabella und wiegte ihr Baby, das sie angluckste. »Ich glaube, sie gehen zu Nix und Valya.«
»Wer ist das?«, wollte Max wissen.
»Ein Paar, das auf der anderen Seite des Tals wohnt. Sie kommen manchmal zu Besuch und bringen den Kindern Geschenke.«
»Haben die denn keine Angst vor den Kobolden?«, fragte Max neugierig.
»Wahrscheinlich schon, aber sie wohnen schon lange in diesem Tal und kennen sich aus.« Falls sich Isabella wegen der Abreise von Ana und Pietro grämte, verbarg sie es jedenfalls gut.
Nachdem er seine verwundeten Glieder gebadet hatte, aß Max und begann zu arbeiten. Die Kinder waren ihm gegenüber immer noch misstrauisch und beobachteten ihn, als er Pietros Gärzuber nach draußen schleppte und den ekligen Inhalt den Hügel hinunterkippte. Während sich die älteren Jungen und Mädchen an ihre Aufgaben machten, suchte sich Max im Bauernhaus die Dinge zusammen, die er brauchte.
Er förderte ein paar hundert Nägel, einen alten Hammer, eine Säge und einen Besen zutage, der sich in einem Kriechraum befunden hatte. Es gab mehrere unbenutzte Eimer, Lauge und sogar einen Topf rote Farbe, die auf einem Regal Staub ansetzte. Am wichtigsten war für Max im Augenblick eine Schaufel, die er neben dem Haus entdeckte. Sie war ein wenig wackelig, aber brauchbar.
Den ganzen Tag über ging Max im Haus ein und aus. Mit seiner Schaufel und einer eiernden Schubkarre brachte er Berge von fauligem Stroh, schmutziger Wäsche und sonstigem Dreck aus dem Haus. Er schichtete das Ganze auf der Leeseite des Hauses auf, dessen Fenster er geöffnet hatte, um Sonne und Luft in die Ecken zu lassen, in denen es zu lange vor sich hingemodert hatte.
Bei Sonnenuntergang zündete Max den Müllhaufen an und sah zu, wie die Flammen und der Rauch sich in den Frühlingshimmel wanden. Die Sterne kamen hervor, und das tiefe Purpur des Abendhimmels erinnerte ihn an die langen Wanderungen, die er mit Nick unternommen hatte, als dieser noch ein sehr junges Lymrill gewesen war. Er vermisste seinen Schützling sehr – nicht nur wegen seiner schnaufenden Gesellschaft, sondern auch wegen seiner unleugbaren Fähigkeiten. Das Lymrill hätte mit den Nagetieren, die sich wahrscheinlich schon das ganze Haus in Beschlag genommen hatten, kurzen Prozess gemacht.
Als der Haufen schließlich zu Asche verbrannt war, kehrte Max müde zum Haus zurück, aus dessen Fenstern Feuerschein flackerte. Von Weitem hörte er das klagende Geheul eines Wolfes. Es stieg mit dem Mond und verhallte dann irgendwo im dunklen Tal.
Drinnen kochte Isabella Eintopf aus einem frisch geschlachteten Lamm und ein paar Rüben, die den Schimmelbefall im nassen Keller überstanden hatten. Das Essen wurde relativ schweigend eingenommen, denn Max hatte beschlossen, dass sich die Kinder in ihrem eigenen Tempo an die neuen Umstände gewöhnen sollten. Nachdem die Teller abgeräumt worden waren, schloss er die Fensterläden und brachte die Tür wieder an. Er bestand darauf, dass die dreckigen Decken von oben heruntergebracht und auf dem Boden vor dem Feuer ausgebreitet wurden. Sie würden alle unten schlafen, denn das Obergeschoss war völlig unbewohnbar. Max zog die Stiefel aus und döste auf einem Stuhl, während er zusah, wie der goldene Feuerschein auf den Wänden tanzte und die Kinder sich in ihre Decken rollten und langsam einschliefen.
Soweit Max es beurteilen konnte, würde es noch Tage – vielleicht sogar Wochen – dauern, bis er das Haus in Ordnung gebracht hatte und weiter nach Norden ziehen konnte. So sah zumindest sein Plan aus, wenn er denn überhaupt einen hatte. Irgendwo im Norden lag Lord Vyndras Land, und Max war entschlossen, ihn zu finden.
 
Die darauffolgenden Tage verliefen recht gleichförmig. Während sich die Kinder um ihre Aufgaben auf dem Feld oder um die Tiere kümmerten, arbeitete Max daran, das Haus wieder bewohnbar zu machen. Als aller Unrat hinausgeschafft und verbrannt und alle Decken gewaschen und zum Trocknen aufgehängt worden waren, begann er, die Schmutzschichten abzuschrubben, die sich auf Wänden, Böden und sogar an der Decke abgesetzt hatten. Es war eine mühsame Arbeit, aber er erzielte schnell sichtbare Erfolge: Der Dreck wich sauberem Stein, dunklem Holz und verblasster gelber Farbe.
Irgendwann bemerkte Max, dass ein paar der jüngeren Kinder ihn zu beobachten begannen. Sie standen in der Tür oder saßen auf der Schwelle und steckten ihre ungekämmten Köpfe herein, während er Möbel reparierte, Wandleisten schrubbte und die Küche scheuerte, bis die Fliesen glänzten.
Es war Claudia, ein kräftiges, neugieriges Mädchen, das als Erste Max bei der Arbeit half. Sie sagte kein Wort, nahm nur einen der Lappen und half ihm, den Kamin und dessen Sims zu putzen. Bald gesellte sich Marco zu ihnen, dann folgte ein vorwitziger Junge namens Paolo. Und eine Stunde später waren acht Kinder nach drinnen gekommen, um ihm zu helfen, die Wände zu säubern.
Isabella beobachtete die Entwicklung amüsiert, sagte aber nichts, sondern kümmerte sich nur um Gianna und beaufsichtigte die Arbeiten draußen. Max’ Verachtung für sie war offensichtlich, er hatte sie nur wegen ihres Babys bleiben lassen, und weil die Kinder jemanden brauchen würden, der für sie sorgte, wenn er weg war. Isabella schien das zu spüren, und so war sie höflich, aber reserviert, wenn sie das Essen aus Korn und den Eiern, die die sechs Hühner legten, zubereitete.
In der Dämmerung wusch sich Max Gesicht und Hände und wanderte dann weit über die Hügel, um sich einen besseren Eindruck von der Landschaft zu verschaffen und zu sehen, ob noch weitere Gefahren in der Umgebung lauerten.
Es war eine atemberaubende Landschaft, und Max konnte sich vorstellen, dass das alte Anwesen einmal ein wohlhabender Hof einer einflussreichen Familie gewesen war. Doch er musste einsehen, dass diese Tage trotz seiner Bemühungen längst vorbei waren und es wesentlich mehr als Putzlappen, Wasser, Mopp und Besen brauchte, um diesen Ort wieder zu einem sicheren, blühenden Heim zu machen, das diese Kinder ernähren konnte.
Seine größte Sorge war zunächst ihre Sicherheit. Das Monster aus dem Brunnen war tot, aber er fragte sich, ob seine Anwesenheit nicht auch andere Wesen ferngehalten hatte. Im Augenblick war im Tal alles friedlich, doch es gab ein paar Dinge, die ihn störten.
Er besprach sie am nächsten Morgen mit Isabella, als sie am Feuer alte Kaffeebohnen röstete. Bislang hatte Max Isabella nur angesprochen, wenn es absolut notwendig war, und als er es jetzt tat, hielten die Kinder abrupt in ihrer Arbeit inne, um zuzuhören.
»Der Kaffee«, sagte Max und wies auf den Jutesack. »Der Tee und der Zucker. So etwas wächst hier nicht. Woher habt ihr diese Sachen?«
»Nix und Valya haben sie mitgebracht«, erklärte sie leicht misstrauisch. »Bei ihrem Besuch vor Weihnachten.«
»Weihnachten?« Max sah sie scharf an und blies in seinen Tee. »Du erinnerst dich an Weihnachten, Isabella? Erinnerst du dich an das Leben vor den Dämonen? Vor Astaroth?«
Doch Isabella wollte nicht antworten. Sie blickte ins Feuer und schüttelte die Bohnen in einem Drahtkorb mit langem Griff über den Kohlen. Ihr Mund war zu einem schmalen Strich zusammengepresst, und Max bemerkte, wie sie zusehends trauriger wurde. Er wandte sich an die Kinder und bat sie, draußen zu arbeiten, damit er sich allein mit Isabella unterhalten konnte. Sie gehorchten, sogar Christopher, der der Aufsässigste unter ihnen war. Als sie fort waren, nahm Isabella den Korb vom Feuer und sah nach ihrer Tochter.
»Die Vergangenheit ist zu schmerzlich«, sagte sie und richtete die Windel des Babys.
»Deine Vergangenheit ist deine Sache«, gab Max sanft zu. »Aber es gibt noch andere Menschen, die hierherkommen, zum Beispiel diese Nix und Valya. Und du hast von Kobolden gesprochen. Ich frage nur, weil ich will, dass die Kinder in Sicherheit sind, wenn ich weggehe.«
Isabella erstarrte. »Weggehen?«, rief sie und wandte sich zu ihm um. »Aber wohin willst du denn gehen?«
»Es wird der Tag kommen, an dem ich von hier fort muss«, erklärte Max ruhig. »Ich muss mich um eigene Angelegenheiten kümmern.«
»Aber das darfst du nicht!«, protestierte Isabella und zupfte an der Decke des Babys. »Du bist ein Engel, der geschickt wurde, um uns zu beschützen! Ich habe immer und immer wieder um Erlösung von dem Bösen gebetet und jetzt bist du da!«
»Ich bin kein Engel«, widersprach Max. »Ich bin nur ein Junge von jenseits des Meeres.«
»Aber du vollbringst Wunder«, erklärte sie.
»Hör zu«, sagte Max. »Ich kann nicht ewig hierbleiben. Ich werde bei der Aussaat helfen und das Haus herrichten, aber das Wichtigste, was ich tun kann, ist, mich um die Kobolde zu kümmern. Sie werden wiederkommen, Isabella, mit weiteren Gefangenen für das Monster. Doch das Monster ist tot. Und das werden die Kobolde irgendwann erfahren. Glaubst du, dass sie euch einfach in Ruhe lassen werden?«
»Was willst du denn tun?«, fragte sie.
»Ich werde mich mal mit ihnen unterhalten«, sagte er und betrachtete das Schwert, das an der Wand hing.
»Aber wir brauchen die Kobolde«, stieß Isabella hervor. »Sie bringen uns Korn und Vorräte. Ohne sie würden wir verhungern!«
Max ging auf und ab und dachte über diese Zwickmühle nach, während Isabella mechanisch Korn und Milch für Giannas Frühstück zu mischen begann. Schließlich hatte er eine Idee.
»Wann kommen denn die Kobolde?«, fragte er.
»Jeden zweiten Monat«, erwiderte Isabella. »Wenn der Mond im Viertel steht, denn dem Monster wollen sie nicht begegnen. Sie werden bald kommen.«
Max nickte und streckte sich.
»Was hast du vor?«, fragte sie neugierig.
»Nichts, was euch oder euren Nachschub gefährdet«, erklärte Max, zog die Stiefel an und steckte die Hand aus dem Fenster, um zu sehen, wie warm es war. »Und bitte erzähl
den Kindern nichts von unserem Gespräch.«
Aber die Kinder waren besonders empfindsam. Hatten sie vorher schon die Neigung gehabt, sich um ihn zu scharen, so folgten sie ihm jetzt mit derselben Aufmerksamkeit wie Hannahs Gänschen. Sie schienen zu spüren, dass Max vielleicht fortgehen würde, und wollten ihn im Auge behalten.
Und sie waren nicht nur sensibel, sondern auch hartnäckig. Ein paar Tage nach dem Tod des Monsters und der Abreise von Pietro hörte Max sie miteinander flüstern und ihn beobachten, wenn sie glaubten, er merke es nicht. Jetzt begannen sie, schüchtern zu lächeln, wenn er kam, und ein rundlicher kleiner Sechsjähriger, den die anderen Porcellino nannten, wagte es sogar, Max seine Muskeln zu zeigen.
»Sehr beeindruckend«, fand Max, als er sich bückte, um den kleinen weichen Arm zu befühlen, dessen Besitzer von der Anstrengung ganz rot im Gesicht wurde. »Du wirst einmal groß und stark werden.«
Porcellino strahlte übers ganze Gesicht, und auch alle anderen kamen angelaufen und schubsten sich gegenseitig zur Seite, um Max ihre Muskeln zu zeigen oder ihn aufzufordern, sich die Brombeerbüsche anzusehen oder den Bach, in dem Claudia eine Forelle gefangen hatte. Als Max aus altem Füllmaterial und Schuhleder einen groben Fußball bastelte, schwand die letzte Zurückhaltung. Unter Paolos gewitzter Führerschaft dachten sie sich zahllose Spiele und Wettbewerbe aus. Der Ball wurde getreten, geworfen, gerollt … Max staunte über den Erfindungsreichtum und die Begeisterung, die jedes Spiel hervorrief. Nach drei Tagen war der Ball hinüber, und Isabella blieb einen Abend lange auf, um ein neues, kräftigeres Exemplar mit dreifachen Nähten anzufertigen.
Das einzige Kind, das still und zurückgezogen blieb, war Mina. Das war verständlich, denn schließlich hatte sie im Pferch gelegen und das Monster gesehen und es nach ihr rufen gehört. Sie arbeitete mit den anderen zusammen, bewegte sich aber immer noch größtenteils stumpf und mechanisch wie die anderen Kinder, als Max sie das erste Mal gesehen hatte. Als es wärmer wurde, brach es ihm das Herz, zu sehen, dass sie drinnen blieb, während alle anderen im Freien spielten. Max begann, sie bei seinen eigenen Arbeiten mitzunehmen, vor allem zu denen, bei denen sie nach draußen musste und ein wenig Sonne abbekam.
Und es gab so viel zu tun. Außer den Reparaturen am Wohnhaus und den Vorratsräumen mussten sie sich auch noch täglich um das Vieh kümmern, die Felder für die Aussaat vorbereiten, Feuerholz holen und unzählige andere Aufgaben erledigen, die durch die wenigen, unzureichenden Werkzeuge nicht gerade leichter wurden. Beim Wiederaufbau von Rowan hatte Max einiges über das Arbeiten mit Holz und Stein gelernt und beklagte jetzt, dass er keinen guten Hammer oder einen Hobel oder auch nur gerade und rostfreie Nägel hatte.
Aber sie kamen mit dem aus, was sie hatten, und als an einem wunderschönen Frühlingstag die Sonne unterging, setzte Max die Tür wieder in die Angel und trug das letzte bisschen rote Farbe auf. Isabella und die Kinder versammelten sich, um bei den letzten Handgriffen zuzusehen, die der Tür einen fröhlichen Anstrich als Eingang in ein Haus gaben, dessen Zimmer gefegt und geputzt waren. In den Eimern war sauberes Wasser, sauberes Stroh lag auf dem Boden und auf dem Speiseplan stand eine mürrische alte Ziege. Hinter der stolzen kleinen Versammlung ragten rotglühend die Berge auf und Wolken zogen wie kleine Rauchfähnchen vorbei.
Als sich die Kinder an diesem Abend in ihre Decken rollten, erzählte Max ihnen eine Geschichte. Beim knisternden Feuerschein ging er im großen Raum auf und ab und sprach von einem kleinen Mädchen, das unter einem bösen Fluch stand und vergessen hatte, wer sie war. Entschlossen zog sie auf der Suche nach ihrer Identität in die Welt hinaus. Das Mädchen war überaus tapfer und befragte alle Wesen im Wald – Frösche und Schlangen und sogar den schwarzen Bären in seiner Höhle. Aber keiner konnte ihr eine Antwort geben, deshalb segelte sie über das Meer und sprach mit den Fischen und Walen und den trägen Schildkröten, die aus ihren harten grünen Panzern sahen. Doch keiner konnte ihre Fragen beantworten. Unverzagt ging sie ins Gebirge und kletterte auf die schneebedeckten Berge, bis sie schließlich auf dem höchsten Gipfel stand, vor Kälte zitternd. In dieser großen Höhe lebten keine Tiere mehr, und das Mädchen war schon ganz verzweifelt, weil ihr niemand helfen konnte. Doch in diesem Moment sah sie die Sterne am Nachthimmel funkeln und streckte die Arme ihrer Herrlichkeit entgegen.
Während Max seine Geschichte erzählte, beschwor er bunte Bilder der Wesen herauf: vom aufgeblähten Ochsenfrosch bis zum großen Wal, der ein Feuerwerk aus seinem Blasloch blies. Die Kinder hörten wie gebannt zu. Als das Mädchen auf dem Gipfel stand, schwebten kleine Sterne über ihren Köpfen und funkelten vor der robusten Holzdecke.
Mit ausgestreckten Armen fragte das Mädchen die Sterne, ob sie ihr Antworten geben konnten. Wer war sie? Wie hieß sie? Und während sie so in der Kälte wartete, schienen die Sterne auf einmal näher zu kommen, als seien sie genauso neugierig wie sie. Immer tiefer und tiefer sanken sie, bis sie um sie herum zu schwärmen schienen.
Die Kinder quietschten vor Vergnügen, als die funkelnden Lichter wie neugierige kleine Elfen immer näher kamen, durch den Raum schwebten und vor jedem begeisterten Gesicht kurz anhielten. Doch als sie bei Mina ankamen, versammelten sie sich plötzlich und kreisten wie eine Krone um ihren Kopf.
Weil das Mädchen tapfer war und in so furchtbar große Höhe hinaufgeklettert war, würden die Sterne ihr helfen. Das Mädchen sei von königlichem Geblüt, sagten sie, eine schöne Prinzessin, weise und von ihrem Volk geliebt. Sie wurde schmerzlich vermisst. Konnte sie ihren Namen nicht erraten?
Auf Minas Gesicht breitete sich zögernd ein Lächeln aus. »Hieß sie Mina?«, flüsterte sie. »Prinzessin Mina?«
»Ganz genau«, antwortete Max. »Das Volk von Prinzessin Mina vermisste sie ganz schrecklich. Es hatte die ganze Zeit nach ihr gesucht, denn es brauchte sie. Ist sie bereit, nach Hause zu gehen?«
Isabella ließ ihr Nähzeug sinken und die Kinder wurden mit einem Mal ganz still. Alle Augen richteten sich auf Mina, die sich in die hinterste Ecke kuschelte. Sie sah die Sterne über ihrem Kopf an und dann zu Max hinüber, der die Frage wiederholte.
War die kleine Prinzessin bereit, nach Hause zu kommen?
Mina nickte und ihre Sternenkrone zerbarst zu winzigen Lichtern, die wie ein Kometenschweif im Zimmer umherflogen und schließlich durch den Schornstein verschwanden. Es war ein passender Abschluss der Geschichte und die anderen Kinder klatschten und machten Mina in ihrer Mitte Platz. Schüchtern lächelnd nahm Mina ihre Decken und gesellte sich zu ihnen.
Während Mina mit den anderen redete und lachte, ließ sich Max auf seinem Stuhl nieder und dachte über das Finale seiner Show nach. Es war ein wirklich blendender Abschluss seiner Geschichte gewesen, den einzig ein erfahrener und talentierter Magier fertigbringen konnte. Es gab nur ein Problem.
Dieser Magier war nicht Max gewesen.
 
Schweigend dachte er darüber nach, während die Kinder einschliefen. Als es schon eine Weile still im Raum war, bedeutete Isabella Max, ihr nach oben zu folgen.
»Das war sehr schön, was du da eben getan hast«, erklärte sie. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich Mina noch einmal lächeln sehen würde. Du hast sie nicht gekannt, aber vor dieser schrecklichen Nacht war sie so ein lebhaftes Kind gewesen. Ich bin wirklich froh, sie wieder lachen zu sehen.«
»Das war doch gar nichts«, meinte Max, der sich bei Isabellas prüfendem Blick unwohl fühlte.
»Wie alt bist du?«, wollte sie wissen und stellte die Lampe ab.
Die einfache Frage brachte ihn völlig durcheinander. Er hatte am fünfzehnten März Geburtstag und er hatte das Gefühl, als sei dieser Tag kürzlich gewesen, ohne dass es jemand bemerkt hätte. Nach einem normalen Kalender hätte er fünfzehn sein müssen, aber er hatte viele Tage in den Sidh verbracht, wo die Zeit auf mysteriöse Weise verging. Er konnte nicht sicher sein.
»Sechzehn«, schätzte er. »Vielleicht auch siebzehn? Es ist schwer zu sagen.«
Isabella nickte und machte die Fensterläden auf, um durch das Fenster in die windige Nacht zu sehen.
»Hältst du mich immer noch für einen schlechten Menschen?«, fragte sie.
»Das habe ich nie«, antwortete Max. »Du hast nur eine schlechte Wahl getroffen.«
»Manchmal ist jede Wahl schlecht«, erwiderte sie.
Max dachte an frühere Gespräche mit Mrs Richter und Nigel zurück. Sie waren gute Menschen. Was für Opfer würde Mrs Richter zum Wohle Rowans wohl bringen oder Nigel für sein ungeborenes Kind? Hatte Mrs Bristow ihr Kind bereits bekommen?, fragte sich Max und noch vieles mehr. Im Grunde seines Herzens wusste er, dass Isabella ein guter Mensch war. Max hatte keine Kinder, daher konnte er sich nicht vorstellen, wie er sich in ihrer Lage entschieden hätte.
»Ich bin dir nicht böse, Isabella«, erklärte er müde. »Warum sollte ich.«
»Danke«, murmelte sie. »Anfangs war mir das ziemlich egal. Aber jetzt nicht mehr.«
Es folgte eine unangenehme Stille. Max wurde unruhig. Er wusste nicht, in welche Richtung das Gespräch gehen würde oder warum Isabella es nicht vor den Kindern hatte führen wollen.
»Die Kobolde werden kommen«, erklärte sie schnell. »Es ist fast zwei Monate her und der Mond steht richtig. Sie werden heute Nacht oder morgen kommen.«
»Dann muss ich mich bereit machen«, sagte Max erleichtert. »Woher kommen sie normalerweise?«
»Von dort.« Isabella streckte den Arm aus dem Fenster, und Max folgte ihrem ausgestreckten Finger zu der dunklen Straße, die von den Bergen herunterführte.
»Wie viele?«, fragte Max.
»Ich weiß nicht«, antwortete Isabella. »Normalerweise ist Pietro gegangen und hat mit ihnen gesprochen. Ich habe versucht, ihm nachzuspionieren, aber ich hatte zu viel Angst, um mich ganz nah heran zu wagen.«
Max nickte und dachte über seinen Plan nach.
»Was wirst du tun?«, fragte Isabella vorsichtig.
»Rausgehen und auf sie warten«, erklärte er einfach.
»Bitte sei vorsichtig«, sagte sie und packte ihn am Ärmel. »Wenn sie wissen, dass das Monster tot ist … Ich habe schreckliche Dinge über die Kobolde gehört. Sie … sie werden dich gefangen nehmen und wegbringen.«
»Kobolde sind dumm, Isabella, aber so dumm sind sie nun auch wieder nicht.«
 
Als der Mond an diesem Frühjahrsabend höher stieg, wartete Max in den Ästen einer Platane, die über einer Straßenkurve hingen. Im Tal war es windig, sodass die Blätter rauschten, aber nicht so laut, dass Max das Geräusch der Räder überhören würde. Er beobachtete, wie die Fledermäuse auf Nahrungssuche hin und her schossen, und versuchte, sich alles in Erinnerung zu rufen, was er über Kobolde wusste.
Kobolde waren in all ihren Erscheinungsformen jämmerliche Gestalten, grausam, tyrannisch und brutal, wann immer sie die Oberhand hatten. Die Dryaden hassten sie und weigerten sich, in Höhlen neben einer Koboldbehausung zu wohnen. Diese Behausungen lagen normalerweise unter der Erde oder tief in den Bergen. Die Kobolde bildeten Clans, die in lockerer Verbindung unter der absoluten Herrschaft eines Häuptlings lebten, den man oftmals nur aufgrund seiner Körpergröße gewählt hatte. In vielerlei Hinsicht hatten die männlichen Kobolde und die weiblichen Hexen eine ganz ähnliche Kultur, sodass sich Max fragte, ob sie nicht entfernt miteinander verwandt waren. Aber anders als bei den Hexen gab es bei den Kobolden erhebliche Unterschiede in Größe und Aussehen. Ein paar der kleineren Kobolde wurden kaum einen Meter groß, während ein wahrer Häuptling einem ausgewachsenen Mann gut und gerne in die Augen sehen konnte und über dreihundert Pfund wog. Mit seinem Seil und dem scharfen Schwert machte sich Max auf beides gefasst.
Kobolde waren fleißige Händler und wussten wahrscheinlich über andere Lebewesen – oder sogar Dämonen – Bescheid, die sich in der Gegend aufhielten. Wenn man bedachte, was der Bauernhof für Vorräte und Vieh hatte, mussten diese Kobolde reich und rührig sein. Sie würden die hiesigen Handelsrouten kennen und hatten vielleicht sogar eine Karte für Max, wenn er überzeugend genug sein konnte.
Es war schon sehr spät, als Max endlich das Klappern von Hufen vernahm. Er zwinkerte sich den Schlaf aus den Augen und sah ins Dunkle, wo ein paar Maultiere auftauchten, die einen Wagen zogen, begleitet von einer kleinen Schafherde. Oben auf dem Wagen saßen fünf vierschrötige Kobolde, von denen der größte mit den Zügeln schnalzte und die Maultiere anschrie. Ihre Augen glitzerten in der Nacht wie winzige Lichtpunkte unter den breiten Rändern ihrer übergroßen Hüte hervor.
Als der Wagen die Platane fast erreicht hatte, ließ sich Max aus den Zweigen auf die Straße fallen.
»Misch-misch!«, zischte der Fahrer und zog heftig an den Zügeln. Die anderen Kobolde setzten sich auf und starrten Max an, der gelassen in der Mitte der Straße stand.
»Hrunta, e nugluk a brimboshi? Ilbrya shulka nuv klunkle«, hickste der kleinste Kobold.
Seine Kameraden mussten lachen, doch der Fahrer runzelte die Stirn und riss ihm seine Flasche aus der Hand.
»Wo ist Pietro?«, krächzte er dann und nahm den Hut ab, um sich am Kopf zu kratzen.
»Pietro ist weg«, erklärte Max. »Ich bin jetzt verantwortlich.«
»Habt ihr das gehört?«, rief der Kobold und wandte sich an seine Kumpane. »Er hat gesagt, dass er jetzt verantwortlich ist! Dann erzähl uns doch mal, wofür genau du verantwortlich bist, du Made!«
»Ich bin verantwortlich für den Bauernhof«, erläuterte Max. »Und für diesen See und dieses Tal und die Berge dahinter. Ich würde ja auch den Himmel übernehmen, aber leider liegt er außerhalb meiner Reichweite.«
»Wahrscheinlich genauso ein Säufer wie Pietro«, kicherte der Kobold mit funkelnden Augen. »Genug gesabbert, wir sind sowieso schon spät dran. Lad den Wagen ab und mach dich fort, bevor wir dir nur so zum Spaß die Haut abziehen.«
»Jawohl, Sir«, sagte Max und salutierte zackig. Dann ging er um den Karren herum, wo er drei gefesselte Kinder und ein paar Kisten fand. Er löste ihre Fesseln und fragte sie, ob sie laufen konnten. Das Älteste, ein etwa elfjähriges Mädchen, nickte, woraufhin Max ihr riet, mit der Herde zum Hof zu laufen und an die Tür zu klopfen. Sie sollte nach Isabella fragen und darum bitten, dass Mario und Claudia ihnen mit den Tieren halfen. Würde sie das schaffen? Sie bejahte. Die jüngeren Kinder, ihrem Aussehen nach Geschwister, halfen Max, die Kisten abzuladen, und folgten dann dem Mädchen den Hügel hinauf.
»So ist es richtig«, lachte der Fahrer und zeigte mit der Peitsche auf Max. »Lass sie arbeiten, bevor sie in den Brunnen runtergehen!«
Max zuckte mit den Achseln. »Eigentlich sollen sie die Sachen tragen, weil ich mich mit euch unterhalten muss. Eure Lieferung ist unvollständig.«
»Was soll das Gerede, Hrunta?«, zischte einer der Kobolde den Fahrer an.
»Wir haben das Übliche gebracht«, knurrte Hrunta. »Und mir gefällt dein Ton nicht!«
»Mein Ton sollte die geringste deiner Sorgen sein.«
Bei dieser Unverschämtheit ließ Hrunta die Peitsche knallen, die wie ein Blitz auf Max herniederfuhr. Doch der Kobold war viel zu langsam. Max wich dem Hieb aus, fing die Peitsche ein, wickelte sie sich zwei Mal um die Hand und zog Hrunta daran vom Sitz. Der Kobold landete mit einem harschen Plumps auf der Straße und strampelte mit den Beinen in der Luft wie ein Käfer, den man auf den Rücken gedreht hat. Seine Kumpane sahen erstarrt zu.
In Rowan bekam jeder Schüler ein Buch, ein Handbuch, in dem die Gebräuche und Gewohnheiten der bekannten Feinde aufgelistet waren. Schon ein Erstklässler wusste, dass es Kobolde hassen, mit dem Kopf nach unten zu hängen. Das konnte sie so in Panik versetzen, dass sie jeglichen Widerstand aufgaben. Es war die einzige Möglichkeit, sie human zu behandeln. Deshalb wickelte Max blitzschnell die Peitsche um Hruntas Knöchel und warf das lose Ende über einen kräftigen Ast der Platane. Eine Sekunde später zog er den prustenden, protestierenden Kobold hoch, sodass er wie eine überdimensionale Birne in Leder kopfüber hing.
»Bringt ihn um!«, schrie der empörte Kobold und wedelte mit den kurzen Armen zu seinen schreckerstarrten Kollegen hinüber.
Max drehte sich um und sah gerade noch, wie einer der Kobolde ein Messer nach ihm warf. In der Eile hatte der junge Kerl jedoch vergessen, es aus der Scheide zu nehmen, sodass es wirkungslos an Max’ Schulter abprallte.
»Wie heißt du?«, fragte Max den Schuldigen beiläufig, dessen dürrer Arm erschrocken in der Luft hängen geblieben war.
»Äh … Skeedle, Mylord.«
»Hältst du das für schlau, Skeedle?«
»Nein«, erwiderte der Kerl zerknirscht, »nein, wirklich nicht.«
»Komm her«, verlangte Max und winkte ihn zu sich.
»Muss ich?«, stöhnte Skeedle und zeigte fünf spitze Zähne, als er eine angewiderte Grimasse zog.
»Ja«, beharrte Max und maß ein Stück Seil ab, »ich fürchte schon.«
Einen Augenblick später hing der junge Kobold kopfüber neben seinem Anführer, der fluchend und vergeblich nach ihm hieb. Als Max das Tau festzog, hörte er das metallische Klappern von eisenbesohlten Schuhen: Die anderen Kobolde flohen.
Max kannte Kobolde schon, denn er war im letzten Jahr in Deutschland einigen von ihnen begegnet. Aber die waren viel wilder gewesen und nicht bereit, gleich beim ersten Anzeichen von Gefahr das Weite zu suchen. Diese hier stammten aus einer etwas feineren Gesellschaft, genauso grausam, aber gesprächiger und vom vielen Feiern unglaublich fett und verweichlicht. Max hatte mit dem flüchtenden Trio fast Mitleid, als er es verfolgte und zu einem weiteren zappelnden Bündel verschnürte, das er im Baum aufhängte.
»Nun«, begann Max und lief vor den gefesselten, tobenden Wesen auf und ab. »Ich möchte nicht, dass dies hier länger als nötig dauert. Immerhin habe ich ein paar Wölfe in diesem Tal herumschleichen sehen.«
Die Kobolde stießen ein tiefes Jaulen aus und tauschten mit wachsender Panik Blicke aus. Sie hatten schreckliche Angst vor Wölfen, die sie angeblich mit größter Begeisterung jagten.
»Was willst du denn?«, erkundigte sich Hrunta.
»Ich will ein paar Fragen stellen«, erklärte Max ruhig. »Und ich will die Wahrheit wissen. Wenn ich also eine Frage stelle, werdet ihr alle gemeinsam antworten. Wenn einer von euch nicht antwortet, bleibt er im Baum hängen. Wenn er als Letzter antwortet, bleibt er im Baum hängen. Wenn einer eine andere Antwort gibt als die anderen, bleibt er im Baum hängen. Versteht ihr, wie es läuft? Die Antworten müssen schnell und wahrheitsgemäß kommen, sonst werde ich es wissen …«
Die Kobolde fluchten und schlugen schwach um sich, doch dann gingen sie schließlich auf Max’ Vorschlag ein. Eine Stunde lang bombardierte Max sie mit Fragen über ihren Clan, ihr Zuhause und das Tal. Er erfuhr, dass sie zum Broadbrim-Clan gehörten, der von dem ehrenwerten Plümpka als Häuptling geleitet wurde, und dass die Broadbrims alle anderen Kobolde aus dem Tal verscheucht hatten. Diese vertriebenen Kobold-Clans, Sourbogs, Blackbacks und Greenteeth, hatten jenseits der Berge Zuflucht gesucht. Wie Max vermutet hatte, gab es keine Dryaden in der Nähe, dafür aber Wichtel, Satyrn und Faune. Sie wohnten in den Tälern im Süden, und am Pass im Norden, wo die Kobolde nicht zu jagen wagten, sollte sogar ein Troll hausen. Die Kobolde wussten, dass am Fuße der Berge Vyes wohnten, aber ganz ehrlich, falls irgendein Dämon einen Anspruch auf diese Gegend erhoben hatte, dann hatte er ihn bei den Broadbrims noch nicht geltend gemacht.
Max lenkte die Fragen auf andere Menschen. Zu seiner Enttäuschung verneinten die Kobolde einmütig die Anwesenheit freier Menschen in der Nähe. Max erinnerte sich daran, dass Isabella zwei Menschen namens Nix und Valya erwähnt hatte, doch er entschied sich, die Namen für sich zu behalten.
»Keine freien Menschen?«, stellte Max klar. »Und wie viele Menschen haben die Broadbrims versklavt?«
»Keine!«, protestierte Skeedle. »Die waren schon Sklaven, als wir sie bekommen haben! Die Händler bringen sie aus der großen Stadt! Wir liefern sie nur laut Vertrag hierher.«
»Laut Vertrag mit wem?«
»Das wissen wir nicht«, antwortete Hrunta. »Das ist Plümpkas Sache.«
»Na gut«, meinte Max. »Und wo ist die ›Große Stadt‹?«
»Im Süden!«, quiekten sie. »Vierzehn Tage weiter im Süden!«
»Bekommt ihr von dort all eure Waren?«
»Nein«, antworteten sie, und Max erfuhr, dass es noch andere Märkte und Siedlungen gab. Skeedle zufolge, der der redseligste von allen war, gab es zwei Tagesreisen weiter im Norden einen Handelsposten und nach Osten hin, jenseits der Berge, eine relativ große Siedlung, wo unterschiedlichste Wesen wohnten.
Max hörte sich diese und andere Einzelheiten darüber, wer und was in der Umgebung wohnte, aufmerksam an. Als unten am See ein Wolf zu heulen begann, brach den Kobolden der Angstschweiß aus und sie begannen, mit den Zähnen zu klappern.
»Nun«, sagte Max und blieb stehen, um Hrunta mit seiner eigenen Laterne in die Augen zu leuchten. »Der Wolf hört sich hungrig an und ich würde das hier gerne zum Abschluss bringen. Wo ist der Eingang zur Höhle der Broadbrims?«
Schweigen.
»Oh, oh«, meinte Max und schwieg, um den Kobolden die Gelegenheit zu geben, das Antwortgeheul aus dem Tal zu hören. »Ich glaube, die wissen, dass ihr hier seid … ich frage also noch einmal: Wo ist der Haupteingang zur Höhle der Broadbrims?«
»Zwischen den roten Steinen am höchsten Gipfel!«, kreischte Skeedle trotz Hruntas warnender Blicke. »Das ist wahr, das ist wahr!«
»Und das Passwort?«, fragte Max. »Ich weiß, dass man die Wachsteine mit einem Passwort bewegen kann.«
»Das können wir dir nicht verraten!«, beharrte Hrunta. »Plümpka wird uns lebendig fressen!«
»Er muss es ja nicht erfahren«, meinte Max achselzuckend. »Und entweder er oder die Wölfe. Also, ich zähle bis drei. Eins … zwei …«
»Bitka-lübka-boo!«
Gleichzeitig stießen die Kobolde das Passwort hervor, genau in dem Moment, als mehrere Augenpaare auftauchten. Die Maultiere schnaubten und scharrten mit den Hufen angesichts der drei grauen Wölfe, die die Zungen heraushängen ließen und zu knurren begannen.
»Zurück!«, rief Max und warf einen Blitz aus grellblauem Hexenfeuer, das die Wölfe in den Wald zurücktrieb. Dann wandte er sich an die Kobolde, die ihn jetzt zitternd anflehten, sie freizulassen. Nacheinander holte er sie vom Baum herunter und ließ sie sanft zu Boden. Sie rollten sich auf die Füße und sahen sich besorgt im Wald nach den Wölfen um.
»Nun«, sagte Max und führte sie zurück zu ihrem Karren, »nur, damit wir einander richtig verstehen. Ich weiß, wo ihr wohnt. Ich kenne das Passwort. Ich kenne den Namen eures Häuptlings und die der Clans, die ihr vertrieben habt. Wenn ihr versucht, frech zu werden oder mich zu verraten, dann verspreche ich den Broadbrims einen Besuch von den Sourbogs, den Blackbacks, den Greenteeth und vielleicht sogar von dem Troll vom Nordpass …«
»Nicht der Troll!«, rief Skeedle. »Der ist das wildeste Wesen im ganzen Tal!«
»Nein, Skeedle«, widersprach Max und hob den kleinen Kobold auf den Karren. »Das bin ich.«