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So muss es sich anfühlen, wenn man gelähmt ist, dachte Sophie und versuchte, einen Muskel ihres Körpers zu bewegen, was durch die Injektion, die ihr Philipp verabreicht hatte, aussichtslos war.
Ihr Geruchssinn und ihre Augen funktionierten noch, alles andere hing herunter, als gehörte es nicht zu ihr.
Betty parkte das Wohnmobil auf einem Parkplatz und stieg aus. Philipp holte hinter dem Fahrersitz einen zusammengeklappten Rollstuhl hervor und verließ damit ebenfalls das Fahrzeug.
Sophie lag auf dem Bauch und konnte aus ihrem Blickwinkel sehen, dass die Tür offenblieb.
Sie war in ihrem eigenen Körper gefangen. Nichts und niemand konnte ihr helfen. Weder ihr Verstand noch ihre Muskeln.
Warum durchlebte sie eine Welt, die es schon einmal gab? Was machte sie auf diesem versifften Bett?
Ihr Blick fiel auf einen Zettel, der zwischen Bett und Wand klemmte. Sie konnte die Überschrift nur teilweise lesen, aber ihr Verstand vervollständigte das Wort.
„Vermis...“, stand mit großen Buchstaben geschrieben. Auf dem Blatt erkannte sie außerdem ein fröhliches Auge und einen halben lachenden Mund.
Zwischen ihren leicht geöffneten Lippen lief Speichel heraus und an ihrer Wange herunter. Sie fühlte sich tot.
Sophie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Philipp sie aus dem Wohnmobil trug und in einen Rollstuhl setzte.
Mit gelähmten Gesichtsmuskeln und einem sabbernden Mund schob Betty sie vor sich her und Philipp folgte ihr.
Äußerlich sah man eine junge Frau in einem Rollstuhl, ohne Mimik und mit traurigem Blick.
Innerlich schrie sie vor Wut, weil ihre Muskeln nicht das taten, was sie ihnen befahl.
Mit aller Kraft versuchte sie, ihre Finger zu bewegen, doch es tat sich nichts.
Neben ihnen hielt ein Kleinbus mit einer Gruppe Kinder. Sie sprangen hinaus und freuten sich darüber, nach langer Fahrt wieder laufen zu können. Einige dehnten sich, andere rannten zum Restaurant.
Um Sophie entwickelte sich eine Unruhe, die sie in einen ihr bekannten Zustand versetzte: Panikattacken.
Ihr Körper spannte sich an und ihre Atmung wurde flacher, was dazu führte, dass sie spastische Zuckungen bekam.
Doch das interessierte niemanden.
Sophie war Betty und Philipp ausgeliefert. Das panische Gefühl übermannte sie und ließ ihren Schoß nass werden.
Sie befand sich unter Menschen, die ihr hätten helfen können, doch sie konnte sich nicht mitteilen.
Die Kinder, die zu schnell waren und neben ihr abbremsten, sahen Sophie mitleidig an und schämten sich, dass sie so ungestüm waren.
Dann sah Betty die Bescherung und stieß Philipp an, der sich auf einen entgegenkommenden Mann konzentrierte und ihm zuwinkte.
„Sie hat sich nass gemacht“, flüsterte sie und drückte ihre Faust in seine Rippen, doch er ignorierte seine Schwester.
„Schön, dich zu sehen. Ist schon wieder Sonntag?“, fragte der Mann und reichte Philipp die Hand.
Er berührte Sophie auf der Schulter.
„Hallo Uta, wie geht es dir heute?“, begrüßte er sie freundlich und sah über die Peinlichkeit in ihrem Schoß hinweg.
Wer ist Uta? Ich bin nicht Uta! Ich bin Sophie!, schrie sie innerlich.
„Ich gehe mit ihr zur Toilette. Du kannst schon mal für uns bestellen“, sagte Betty und ließ die Männer allein zurück.
Sophie hörte, wie Philipp den Mann schroff auf eine Ware ansprach, die ihm noch nicht geliefert wurde. Diese beiden waren offensichtlich keine Freunde.
Dann verschwand Betty mit ihr ins Gebäude und verwandelte sich in eine nette zuvorkommende Frau.
Die Leute, die ihnen entgegenkamen, übersahen ihr fauliges Gebiss, die fehlenden Schneidezähne, die in ein schwarzes Loch hineinblicken ließen. Niemand bemerkte ihr fettiges dünnes Haar, das die Glatze am Hinterkopf nicht mehr verstecken konnte.
Sie sahen eine unattraktive Frau, die sich um eine Behinderte kümmerte, und bekamen Respekt vor ihr.
Betty konnte Menschen manipulieren. Ihre Makel begleiteten sie schon ein Leben lang, und sie hatte gelernt, ihre böse Seite mithilfe ihrer Äußerlichkeiten zu überdecken, von ihrer inneren Fratze abzulenken. Ihre Hässlichkeit nutzte sie zu ihrem Vorteil, sie setzte auf Mitleid.
Die Frauen betraten die Behindertentoilette. Betty blieb einen Augenblick hinter dem Rollstuhl stehen.
Sophie überkam erneut Panik und versuchte verzweifelt, ihren Oberkörper zu drehen, doch das Einzige, was sich bewegte, waren ihre Pupillen.
Sie spürte eine Hitze in sich hochsteigen, die ihre Angst weiter schürte.
Es war nicht auszuhalten und sie wünschte sich sehnlichst, endlich zu erwachen, heraus aus diesem Traum, weg von dieser schrecklichen Frau.
Betty lief um den Rollstuhl herum und setzte sich auf den Toilettensitz.
Sie hatte den Blick einer Verrückten, die jeden Moment bereit war, etwas zu tun, was Sophie Schmerzen zufügen konnte.
Sie hob ihre Hand und Sophie kniff sofort ihre Augen zu, um sie vor einem Schlag zu schützen. Einen Moment lang passierte nichts. Sophie riss die Augen verwirrt wieder auf. Betty streichelte lächelnd ihre Wange.
Sophie fürchtete sich vor Philipp, doch vielleicht war Betty die wahre Gefahr.
Noch ehe sie ihren Gedanken zu Ende gedacht hatte, kniff Betty ihre Augen zusammen, als wollte sie sich auf etwas konzentrieren, und schlug mit der flachen Hand in ihr Gesicht.
„Glotz mich nicht so an! Du bist hässlich und stinkst!“
Wäre Sophie nicht gelähmt gewesen, hätte sie laut gelacht.
Sie hatte weder Gefühl in ihrem Gesicht noch spürte sie sonst etwas an ihrem Körper. Ihre Angst, Betty könnte ihr Schmerzen zufügen, war völlig unberechtigt.
Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie in ihrem Leben einen Traum so intensiv erlebt hatte.
Die ersten Zweifel machten sich in Sophie breit, dass sie es war, die diese Träume heraufbeschwörte. So muss es also sein, wenn man seinen Verstand verliert, dachte sie und glaubte, ihre persönliche Hölle betreten zu haben.
Sophie starrte überlegen und ohne emotionale Unterstützung in Bettys Gesicht. Eine Träne rollte über ihre vom Schlag gerötete Wange.
„Wenn ich mit dir fertig bin, will er dich nicht mehr haben.“
Bettys fauliger Mundgeruch drang in Sophies Nase. Sie schloss ihre Augen. Es war das Einzige, was sie konnte.
Eine Viertelstunde später rollte Betty den Rollstuhl, in dem Sophie saß, durch das Restaurant bis zum hinteren Tisch, an dem Philipp schon Platz genommen hatte.
Seine Augen waren wach und konzentriert wie die eines Luchs, seine Lippen schmal und zusammengepresst, als wollte er sich jeden Moment auf jemanden stürzen und ihn verprügeln.
Seine Schultern waren breit und gut proportioniert, das Resultat harter Arbeit. Er saß auf dem viel zu kleinen Stuhl in der Ecke und rauchte eine Zigarette.
Sophie versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, doch es wollte sich keine Lösung auftun, diesen schrecklichen Ort zu verlassen.
Sie konnte sich nicht bewegen, mit niemandem reden und musste alles über sich ergehen lassen.
Jede Faser ihres Körpers spürte diesen Augenblick.
Wie konnte das sein? Wenn sie im Bett lag und träumte, dann vergewisserte sich ihr Unterbewusstsein, dass sie träumte, aber was hier mit ihr geschah, war nicht nur ein Albtraum, es fühlte sich realistisch an.
Philipp begann sie zu füttern und schob ihr die Kartoffeln in den Mund.
Plötzlich stand der Mann, mit dem Philipp am Eingang gesprochen hatte, neben ihnen und lächelte unsicher.
„Kannst du mir noch etwas Zeit geben?“, flüsterte er und konnte seine Verunsicherung kaum verbergen.
Flüchtige Blicke nach rechts und links huschten durch den Raum, als würde er von jemandem verfolgt werden.
Philipp nahm die Stoffserviette und wischte Sophie den Mund ab. Er würdigte ihn keines Blickes.
„Du hast genug Zeit von mir bekommen. Ich muss meine Geschäfte auch pünktlich abwickeln. Das ist dein Problem, wälze es nicht auf mich ab.“
Der Mann beugte sich zu Philipp hinunter und rieb nervös seine Hände.
„Mir steht das Wasser bis zum Hals. Ich brauche doch nur noch ein oder zwei Tage, dann bekommst du es!“
Die Gabel fiel auf den Teller, was ein klirrendes Geräusch verursachte. Philipps Augen zogen sich zusammen und er sah zu dem Mann hoch.
„Verschwinde, du erbärmliches Stück Scheiße, und jammere mir nicht die Ohren voll. Ich habe dir meine Bedingungen gesagt und du hältst dich gefälligst daran.“
Er widmete sich wieder Sophie, die die Hauptschlagader an seinem Hals beobachtete, pulsierend und kraftvoll hämmerte sie gegen seine Haut.
Der Mann ging weg, drehte sich noch einmal um, lief erneut auf Philipp zu, doch dann drehte er ab und verschwand.
Sophie sah seine Wut, die jeden Moment aus ihm hinausspringen wollte.
Betty berührte seinen Arm.
„Es lohnt nicht. Er wird zahlen, das hat er immer getan.“
Aber so leicht war Philipp nicht zu beruhigen.
Plötzlich hörten sie einen Hund bellen, der unmittelbar neben ihrem Tisch saß. Er war klein und so klang auch sein Bellen hell und ungefährlich. Mit seinen runden dunklen Augen sah er Philipp an und hörte nicht auf zu bellen.
Die junge Frau am Nachbartisch versuchte ihren Hund zu beruhigen, es gelang ihr aber nicht.
Philipp bewegte seinen Oberkörper ruckartig in die Richtung des Hundes, der dadurch noch aggressiver bellte. Die junge Frau nahm ihn auf den Schoß.
„Ist gut, Rambo, ist gut jetzt“, sprach sie und streichelte sein struppiges Fell. Sie sah Philipp verachtend an.
„Der gehört in die Suppe“, sagte Betty und lachte ihren Bruder an.
Jetzt lachte auch Philipp und mimte noch einmal eine Grimasse zu der Frau.
Sophies Augen wanderten zur Seite. Der Hund sah sie an und piepste dabei jämmerlich, als wollte er von Frauchens Schoß springen und ihr sagen, dass er ihre Situation verstand und Philipps Charakter genau durchschaute.
Sie fühlte sich wie der kleine Hund an der Leine, dessen Gedanken den Menschen nicht interessierte.
Eine ältere Frau kam an den Tisch und neigte ihren Blick zur Seite, als hätte sie jemanden erkannt.
„Philipp? Ja, du bist es. Wie geht es dir?“
Er stand höflicherweise auf und reichte ihr seine raue Arbeiterhand.
Er war plötzlich ein anderer Mensch, als wäre eine andere Seite an ihm eingeschaltet worden. Sophie horchte auf.
„Frau Kinzel, schön, Sie zu sehen. Mir geht es gut.“
Auch Betty setzte wieder ihr freundliches Lächeln auf.
Frau Kinzel hielt seine Hand fest und schüttelte sie.
„Wie Sie das meistern mit Ihrer kranken Frau und dann auch noch Betty … Ich meine, nun ist Ihre Mutter auch noch so früh von uns gegangen. Aber wie ich sehe, haben Sie alles im Griff“, lächelte sie Philipp stolz an. „Wird es denn noch einmal besser?“, fragte sie leise und neigte ihren Kopf in Sophies Richtung, als wollte sie nicht, dass Sophie bemerkte, dass es um sie ging.
Philipp legte seine linke Hand auf die ihre und lächelte liebevoll.
„Nach so langer Zeit glauben die Ärzte nicht mehr daran, dass sie noch einmal aufwacht. Aber bis dass der Tod uns scheidet, so steht es in der Bibel“, antwortete er und nickte ihr freundlich zu.
„Sie sind ein guter Junge. Ihre Mutter wäre stolz auf Sie, wenn sie miterleben könnte, wie rührend Sie sich um Ihre Frau und Ihre Schwester kümmern“, sagte Frau Kinzel und verabschiedete sich.
Sophie beobachtete den anderen Tisch, an dem eine Familie mit ihren beiden Kindern aß. Der Junge, er war vielleicht acht Jahre alt, sah Sophie eindringlich an.
Die Mutter bemerkte es, stieß ihren Sohn an und sagte ihm, er solle sie nicht so anstarren, sie sei sehr krank.
Sophie versuchte zu lächeln, doch ihre Gesichtsmuskeln gehorchten ihr nicht. Sie musste für das Kind aussehen wie ein Monster.
Ihre Augen bewegten sich zu Philipp, der sie anlächelte.
„Ich freue mich schon auf heute Abend“, flüsterte er.
Nach dem Essen gingen sie gemeinsam zurück zum Wohnmobil.
Als sie keine Zuschauer mehr hatten, gab Philipp ihr wieder eine Spritze und sie schlief endlich ein.