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Sophie stand mit verbundenen Augen in ihrem Wohnzimmer – unwissend, was auf sie zukam, doch wohl wissend, dass seine Überraschungen in der Vergangenheit skurril ausgefallen waren, wie er an ihrem dreißigsten Geburtstag mit dem Vortrag eines selbst gedichteten Liebeslieds vor ihren Arbeitskollegen bewiesen hatte. Für einen, der nicht singen konnte, hatte er tobenden Applaus bekommen.
„Was ist es denn?“, fragte sie und setzte unsicher einen Fuß vor den anderen.
Frank hielt ihre Hand und führte sie hinaus auf die Straße. Ein kalter Windzug durchzog ihren Pulli und sie fror sofort.
Plötzlich blieb er stehen. Er löste den Knoten an ihrem Hinterkopf und das Tuch glitt von ihrem Gesicht. Zwischen ihr und der Morgensonne entdeckte sie nach mehrmaligem Blinzeln einen großen Kasten.
„Tadaa … Das ist meine Überraschung!“, posaunte er fröhlich wie ein Kind.
Ihr Mund war halb geöffnet, sie versuchte, etwas zu sagen, fand aber nicht die passenden Worte. Es trat genau das ein, was ihr Bauchgefühl vor wenigen Augenblicken prophezeit hatte.
„Ich weiß genau, was du denkst. Aber bevor du etwas sagst, lass es auf dich wirken. Ich weiß, du hasst campen, aber mit diesem Prachtstück können wir überall hinfahren.“
Er atmete tief durch, als wäre er erleichtert darüber, seine Überraschung endlich mit ihr teilen zu können.
„Es ist Oktober. Ich glaube nicht, dass es die ideale Jahreszeit ist, um zu campen“, flüsterte sie und betrachtete das Prachtstück, wie er es nannte, genauer.
„Da gebe ich dir recht! Aber wir lassen uns doch nicht von der Jahreszeit stoppen“, erwiderte er und zog sie zum seitlichen Eingang.
Ein altes Wohnmobil stand vor ihnen am Straßenrand. Er zeigte ihr seine Begeisterung über dieses Gefährt mit einer kindlichen Freude, die sie das letzte Mal erlebt hatte, als sie ihm von ihrer ersten Schwangerschaft erzählte.
Sie hatte nicht vor, mit diesem Ding irgendwo hinzufahren. Und genau das wurde zum Problem. Wie sollte sie ihm sagen, dass seine Überraschung ihr nicht die Freude brachte, die er gerade genoss?
Er entfernte sich einen Schritt von ihr.
„Bist du bereit?“
Erst wenige Stunden zuvor hatte sie ihre Entlassungspapiere aus der psychiatrischen Klinik unterschrieben.
Dank Franks Unterstützung bekam sie ihre Freiheit zurück und versauerte nicht in einem seelenlosen Patientenzimmer.
„Was hast du denn damit vor?“, fragte sie, während er die Tür öffnete.
Mit einer einladenden Handbewegung bat er sie, einzutreten.
„Lass dich überraschen.“
Sie wollte ihm sagen, dass sie genug hatte von seinen Überraschungen. Überraschung – dieses Wort wollte sie aus seinem Gehirn verbannen, denn jedes Mal, wenn es aus seinem Mund purzelte, bekam sie Magenkrämpfe, weil sie nicht wusste, was auf sie zukam. Spontane Trips missfielen ihr. Sie wollte nicht schnell mal aus dem Alltag entfliehen, ohne vorher alles genau geplant zu haben.
Sophie fühlte sich überfordert, hatte aber nicht den Mut, es ihm zu sagen.
Ihr erster Blick fiel auf den Werkzeugkasten, der mitten im Eingang stand und in dem man ein Sammelsurium von Schrauben aller Art finden konnte.
Sie sah ihn an.
„Ich würde ja gerne eintreten, aber da steht etwas im Weg“, protestierte sie mit einem Lächeln.
Frank neigte seinen Kopf zum Eingang.
„Oh, da muss ich etwas vergessen haben. Einen Augenblick“, sagte er, stieg ein und stellte den Notfallkasten, wie er ihn liebevoll nannte, an die Seite.
„Der Weg ist frei. Tritt ein“, verkündete er, nachdem er wieder hinausgesprungen war.
Er verbeugte sich, als sei er ihr Knecht.
Sophie spielte das Spiel mit und nickte ihm zu, als sei sie eine Königin, die ihr Schloss betrat.
Das Innere des Wohnmobils war gefüllt mit einem süßlich penetranten Gestank, der aus den vielen Duftbäumen strömte, die in verschiedenen Farben an sämtlichen Haken hingen.
Sophie blieb die Luft weg und sie hustete, als hätte sie gerade eine Schachtel Zigaretten verqualmt.
Frank ignorierte ihre Reaktion und stürmte an ihr vorbei.
Er setzte sich unbekümmert auf den Fahrersitz und stellte die Außenspiegel exakt ein.
„Wir fahren morgen früh los und machen Urlaub. So sind wir an nichts gebunden und können durch ganz Deutschland fahren.“
Dieses Wohnmobil muss steinalt sein, dachte Sophie, als sie die verdreckten Ecken sah und die schwarzen Kratzer an den Wänden, die sich mit den Jahren angesammelt hatten.
Die Einbauschränke waren vergilbt und auf den speckig glänzenden Fußbodenbelag würde sie niemals ihre nackten Füße setzen.
Über dem kleinen Fenster neben dem Bett entdeckte sie einen schwarzen verkohlten Fleck, als hätte jemand seine Zigarette genau dort ausgedrückt.
In dem Moment, als ihr Zeigefinger den verbrannten Fleck berührte, kam ein Gefühl über sie, als schmiege sich jemand an ihren Rücken und küsse ihren Hals.
Sophie schreckte hoch und stieß sich den Kopf am Regal, das über ihr hing.
„Au, was war das?!“, schrie sie auf und stand plötzlich in der Mitte des Wohnmobils.
Frank drehte sich zu ihr um.
„Was meinst du?“
Hastig rieb sie sich die Stelle im Nacken, an der sie eben noch eine unheimliche Berührung gespürt hatte.
„Ich hätte schwören können, dass jemand hinter mir stand“, antwortete sie und sah sich um.
„Vielleicht war es die untote Seele des Erstbesitzers“, brach es amüsant aus ihm heraus.
Sie konnte ihre Enttäuschung nicht mehr länger verbergen und dementsprechend sah sie ihn an.
„Es tut mir leid, ich wollte mich nicht lustig über dich machen“, entschuldigte er sich.
Sophie wandte sich von ihm ab und kratzte sich die Stelle an ihrem Hals wund, aber das unangenehme Gefühl wollte nicht weichen.
Er erhob sich aus dem Sitz und stellte sich hinter sie, seine Arme um ihre Hüfte geschlungen.
„Ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Du bist gerade entlassen worden und ich will schon große Sprünge mit dir machen.“
Er schob zärtlich ihre Hand vom Hals und küsste sie genau dort.
Sophie schloss ihre Augen und ein wohliges Gefühl durchströmte ihren Körper.
„Es ist nur so, ich habe dir in der Klinik zugehört. Du willst das alte Leben hinter dir lassen und ich möchte dir dabei helfen. Ich dachte, es wäre ein guter Anfang, wenn wir eine kleine Reise machen und uns dabei wieder näherkommen“, flüsterte er in ihr rechtes Ohr.
Plötzlich löste er die Umarmung und drehte sie zu sich herum.
„Wenn dir das alles hier zu viel ist, ich bin dir nicht böse. Wir können unsere Reise auch verschieben oder etwas anderes unternehmen, wenn du willst“, schlug er ihr mit einem Lächeln vor.
Doch Sophie durchschaute ihn und sah ihm seine Verzweiflung an. Er hatte sich wie ein kleiner Junge auf diese Reise gefreut und sie war nicht bereit – nach all dem, was er für sie getan hatte –, ihm die Freude zu nehmen. Irgendwann musste sie zurück ins Leben. Und wenn es diese Reise sein sollte, dann wollte sie auch die Herausforderung annehmen.
Er wartete geduldig auf eine Antwort.
Ihr Gesichtsausdruck wurde düster.
„Wenn wir zurück sind, wird hier Geld investiert! Hast du dich mal umgesehen?“, erklärte sie und löste sich aus seiner Umarmung.
Sie lief auf die kleine Sitzecke zu und hob den Deckel der Bank hoch, in der sich alte Wolldecken befanden.
„Da kommt ein Gestank heraus. Das ist ja widerlich. Diese Decken lagern hier bestimmt schon zwanzig Jahre.“
Frank schüttelte den Kopf.
„Ich hatte keine Zeit mehr, es herzurichten. Aber ich verspreche dir, nach diesem Trip werden wir es uns gemütlich machen.“
Sophie ließ den Deckel fallen und wollte gerade an ihm vorbei, als er sie packte und aufs Bett warf. Sie wehrte sich, hatte aber keine Kraft, sich ihm zu widersetzen und gab auf. Er drückte sie rücklings in die Matratze und beugte sich über sie.
Sie lachten, wie schon lange nicht mehr, über sich selbst.
Plötzlich verlor er sein Lachen und sah sie eindringlich an.
„Was ist?“, fragte sie, immer noch außer Atem vom Herumalbern.
„Ich liebe dich so sehr, dass es wehtut. Hätte ich gewusst, dass mein Kinderwunsch dich in den Selbstmord treibt, ich hätte niemals erwähnt, Kinder haben zu wollen!“, flüsterte er so leise, dass sie es kaum hörte.
Jetzt verlor auch Sophie ihr Lächeln.
„So darfst du nicht denken!“, antwortete sie.
Tränen bildeten sich in seinen Augen.
„Meine überschwängliche Freude, endlich Vater zu werden, hat dich fast das Leben gekostet, wäre ich nicht zur rechten Zeit dort gewesen. Ich hätte es mir nie verziehen.“
Sophie sah ihren Ehemann das erste Mal verletzlich vor sich. Er hatte die vergangenen Monate nie mit ihr darüber geredet. Sie hatte keine Zeit gehabt, sich um ihn zu kümmern, weil sie mit sich selbst beschäftigt war. Dabei hatte sie ihn aus den Augen verloren und nicht bemerkt, dass er sich ebenfalls die Schuld daran gab.
„Das ist nicht wahr. Es war meine Sicht der Dinge, die mich in den Selbstmord getrieben haben. Ich hatte mir diesen Druck selbst auferlegt, Mutter werden zu müssen, ganz egal, was mein Körper dazu sagte. Ich fühlte mich nur als ein halber Mensch, ein Krüppel, als jemanden, der es nicht verdient hat, dieses Glück zu empfangen. Ich habe mich selbst damit bestraft, es nicht wert zu sein, eine gute Mutter zu werden. Du hast mit dieser Sache nichts zu tun. Ich bin es gewesen, die das Messer angesetzt hat und den Schlussstrich ziehen wollte. Ich war es ganz allein.“
Sie hielt ihm ihre Handgelenke entgegen, sodass er direkt auf die Narben schaute.
Seine Augen konnten die Tränen nicht mehr halten. Schnell stieg er von ihr herunter und setzte sich neben sie. In dem Augenblick, in dem Sophie sein Gesicht nicht sehen konnte, wischte er sich die Tränen weg.
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter.
„Es ist nicht schlimm, schwach zu sein“, sagte sie und schmiegte sich an seinen Rücken.
Er griff nach ihrer Hand.
„Ich bin nicht schwach, ich bin wütend. Wütend über mich! Ich habe nicht bemerkt, wie schlecht es dir ging. Seit fast sieben Jahren liege ich jede Nacht neben dir und ich habe es nicht gespürt“, erklärte er.
Sophie begriff, wie furchtbar er litt. Bis zu diesem Moment hatte sie geglaubt, der Selbstmordversuch gehe nur sie etwas an. Aber sie hatte die Menschen, die sie liebten, unterschätzt, und jetzt verstand sie, welche Folge ihr Verhalten mit sich brachte: Sie war schuld daran, dass er unglücklich war.
„Ich bin eben eine gute Schauspielerin. Das hast du schon immer von mir behauptet.“
Er lachte.
„Das ist wahr. Besonders, wenn es darum geht, deine Interessen durchzusetzen“, antwortete er.
Sie lächelte verschmitzt.
„Wir müssen jetzt damit leben. Glaubst du, wir können es schaffen?“, fragte sie ihn zögerlich.
Er umschloss ihre Handgelenke mit seinen Händen und bedachte diese mit zärtlichen Küssen. Dann sah er ihr in die Augen.
„So etwas dürfen wir nicht noch mal zulassen. Wir müssen besser auf uns aufpassen. Ich lass dich nie mehr im Stich“, schwor er.
Sophie zog ihren Mann zu sich heran und küsste ihn leidenschaftlich.