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Im Sommerhalbjahr trainierten die Leichtathleten des TSV Bramme jeden Freitagabend von sechs bis neun im Stadion unten am Fluß. Allerdings hatte ihr eifriges Üben bislang kaum Früchte getragen, denn seit Bestehen des Vereins war es noch keinem Athleten gelungen, sich in den Bestenlisten des DLV zu verewigen. Ziel der meisten Läufer, Sprinter und Techniker war es, bei den Kreismeisterschaften in Endlauf oder Endkampf vorzustoßen und im Brammer Tageblatt in unmittelbarer Nähe von Uwe Beyer oder Harald Norpoth namentlich erwähnt zu werden. Zur Hälfte allerdings bestand die Leichtathletikabteilung aus »passiven Aktiven«, das heißt aus Erwachsenen, die nur mal so ein bißchen liefen und sprangen und nachher in der rechten Ecke des Platzes Fußball spielten.
Als solche Trimm-dich-fit-Aktive hatten auch Günther Buth und Jens-Uwe Wätjen zu gelten, wobei Buth als Mäzen des TSV und Wätjen als sein 2. Vorsitzender eine besondere Stellung einnahmen.
Auch heute wieder drehten sie in weinroten Trainingsanzügen ihre Runden, wichen Sprintern aus, blieben beim Hochsprung stehen, wo sich Heike und Antje, beide 18 und langbeinig, an 1,40 versuchten, schleuderten mal einen Speer zurück und mal einen Diskus, riefen diesem und jenem etwas Scherzhaftes zu und liefen hin und wieder zwanzig bis dreißig Meter in einem annehmbaren 14,0-Tempo.
Wätjen stoppte und zeigte zur Eingangskurve: „Du, steht da nicht Trey am Gitter?“
Buth kniff die Augen zusammen. „Stimmt. Er winkt sogar… Los, komm!“
„Hoffentlich ist nichts.“
„Ach wo.“
Sie trabten los.
Trey begrüßte sie mürrisch. Das lag nach seiner eigenen Aussage vor allem daran, daß er zu einer Veranstaltung des Bauernverbandes nach Oldenburg fahren mußte, über die letzten EWG-Tagungen in Brüssel aber nur in groben Umrissen informiert war.
Wätjen gähnte. „Was macht denn unser junger Vater?“
Trey steckte sein Notizbuch wieder ein. „Sie feiern noch immer; jetzt bei Kossack zu Hause.“
„Ich wußte ja, daß sich Kossack schon immer eine Tochter gewünscht hat“, lachte Buth. „Nun hat er sie – und noch ein paar Tausend-Mark-Scheine dazu…“
„Corzelius schreibt gerade eine zu Herzen gehende Geschichte fürs Tageblatt“, sagte Trey. „Dabei wird er unter anderem auch betonen, daß Marianne Marciniak im Jahr 51 Kossack mitgeteilt hat, die Tochter wäre an Lungenentzündung…“
„… gestorben, ja. So daß Kossacks politische Karriere nicht gefährdet ist und wir keine Stimmenverluste haben“, ergänzte Buth. „Seine Vorstrafen werden heute auch keine negativen Folgen haben – über nichts ist der gute Bürger froher, als wenn ein Saulus zum Paulus geworden ist, was er selber gar nicht nötig gehabt hat…“
„Gott sei Dank, daß alles überstanden ist!“ rief Wätjen. „Ich glaube, meine Frau hätte sich trotz der beiden Kinder scheiden lassen!“
„Jens-Uwe, der treue Familienvater!“ spottete Buth. Er selbst lebte getrennt von seiner Frau; da gab es keine Probleme.
Wätjen sah Trey an. „Ich möchte mal wissen, was deine Frau gemacht hätte… Du zitterst ja schon vor Sieglinde, wenn du mal mit deiner Sekretärin nach Bremen fahren mußt!“
„Kümmere du dich mal um deinen eigenen Kram! Du hättest man lieber aufpassen sollen! Das war doch eine idiotische Idee – ihren Wagen in die Luft zu sprengen! Einfach hirnverbrannt! Und dann auch noch den falschen…“
Wätjen fiel ihm ins Wort. „Es war so dunkel, daß…“ Er suchte vergeblich nach Worten. „Lemmermann lebt ja noch.“
„Und wenn dich nun einer gesehen hat?“
„Mich hat keiner gesehen.“
„Mit Kanonen auf Spatzen!“ Trey schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
„Das sollte ein Schreckschuß sein“, verteidigte sich Wätjen. „Ein Schuß vor den Bug.“
Buth beendete die Diskussion. „Schluß damit! Und schreit nicht so… Es war ein bedauerlicher Irrtum.“
„Allerdings!“ nickte Wätjen heftig. „Der Zeitzünder war auf drei Uhr nachts eingestellt – wer fährt denn da noch Auto? Mir tut das leid mit Lemmermann; meinst du denn, ich wollte jemand verletzen!?“
„Schon gut!“ Buth klopfte ihm auf die Schulter. „Jetzt haben sie ja den Mann festgenommen, der bei Lemmermann die Scheiben eingeschmissen hat. Dem kreiden sie dann auch den Anschlag auf den Wagen an; da sind wir aus dem Schneider.“
„Ja – ausgerechnet!“ Trey fühlte sich sichtlich unwohl. „Ein Briefträger. Ein gewisser Magerkort; ein armer Irrer, der…“
„Das juckt uns doch wenig.“ Buth zuckte die Achseln. „Das kann man doch so drehen, daß er den Überfall vorgetäuscht hat, um Pornos aus dem Verkehr zu ziehen.“
„Irgendwie…“ Trey schluckte. „Das ist irgendwie schäbig…“
„Stell dich doch auf den Marktplatz und posaune alles aus!“ schnauzte Buth ärgerlich. „Ich versteh dich nicht – sei doch froh, daß alles so glimpflich abgelaufen ist! Durch die Kossacksche Love-Story haben wir sogar noch ein paar Punkte gewonnen.“
Trey wandte sich ab und ging mit müden Schritten zu seinem Wagen hinüber.