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Neun Uhr. Für Bramme war es ein Morgen, der keine Chance hatte, in die Annalen der Stadt einzugehen. Ein Morgen wie jeder andere. Auf dem Marktplatz hatten die Händler ihre Stände aufgeschlagen, durch die Brammermoorer Heerstraße zuckelten die Straßenbahnen, in der Galerie Bouché sahen fünfzehn Primaner Porträts, Selbstbildnisse und Stilleben von Paula Modersohn-Becker (1876-1907), im Albert-Schweitzer-Gymnasium fiel in der 12a wieder mal der Chemie-Unterricht aus, im. Rathaus empfing Bürgermeister Lankenau eine Jugendgruppe aus Clermont-Ferrand (Hauptstadt des Departments Puy-de-Dôme), im Wespennest trafen sich die norddeutschen Vertreter der NEDOKosmetik, der Bootsverleiher auf der Schloßinsel brachte das erste Ruderboot an den Mann, auf dem Matthäi-Kirchhof wurde die Rentnerin Anna Rethpohl beigesetzt (Unsere liebe Urgroßmutter, Großmutter, Tante und Großtante ist im gesegneten Alter von fast 91 Jahren…), auf dem Gelände der BUTH KG besichtigten Leute mit 25 000 Mark Startkapital das Musterhaus B 2001 (WOHNE GUT MIT BUTH!), im Sex-Shop von Helmut Lemmermann verlangte der fünfzigjährige Architekt Werner Falldorf (BDA) EREKTA-Fix (schnellwirkend, für sexualmüde Männer), auf dem Bahnhof hatte der E 1904 nach Bremen (planmäßige Abfahrt 9.03) fünf Minuten Verspätung, in der Bank, im Lichthaus Bruns, im Schuhhaus Dopp, in der Zoohandlung Wachmann und im Café Klauer (italienisches Eis) erschienen die ersten Kunden, und am Wallgraben bestaunten Mütter und Kinder das stete Wachsen junger Enten.
Nur für Katja Marciniak, 22, Studentin der Soziologie, war es kein Morgen wie jeder andere.
Unausgeschlafen, überdreht vom vielen Kaffee und überempfindlich gegenüber Geräuschen und Farben saß sie Kommissar Kämena gegenüber, der sie hochfahrend und spöttisch behandelte und ihren Zustand offenbar auf Hasch oder LSD zurückführte.
„Das sieht mir ein bißchen nach Verfolgungswahn aus“, sagte er, als sie geendet hatte. „Erst der angebliche Ladendiebstahl, dann der… hm… Mordversuch mit dem Wagen, und zu guter Letzt der Stein ins Pensionszimmer…“ Er ging noch einmal seine Notizen durch.
Kriminalmeister Stoffregen schaute herein: „Wurthmann hat heute Geburtstag; kommen Sie mit, ein Glas Sekt trinken?“
Kämena ärgerte sich. „Ich kann doch mit meiner Galle keinen Sekt…!“
„Ach so, ja.“ Stoffregen grinste und verschwand.
Kämena versicherte Katja, sein Bestes tun zu wollen, um die Zwischenfälle aufzuklären. Sollte sich aber herausstellen, daß… Dann… Er habe kein Verständnis für Leute, die sich auf diese Art und Weise interessant machen wollten, denn… Ein Leibwächter komme gar nicht in Frage. „Dieser Anruf ist doch nur ein schlechter Scherz!“
Spinner, dachte Katja. Aber sie bedankte sich bei ihm für sein Verständnis und seine Hilfsbereitschaft und bat darum, das Telefon benutzen zu dürfen – dienstlich sozusagen, für die Untersuchung, die sie in Bramme durchzuführen hatten.
„Ja, wenn’s sein muß – aber bitte im Nebenzimmer.“
Auf Katjas Liste standen fünf Namen:
- Otto Piaskowski, Sprecher der Heimatvertriebenen
- Bernharda Behrens, Leiterin der Volkshochschule Bramme
- Jens-Uwe Wätjen, 2. Vorsitzender des TSV Bramme
- Enno Doehrenkamp, Amtsrat, Verwaltungsleiter des Kreiskrankenhauses Bramme
- Dr. Hinrich Achtermann, Vorsitzender des Heimatkundlichen Vereins
Alles Personen, von denen man relevante Informationen erhoffen konnte und die es in einem ersten Kontaktgespräch für die Studie zu gewinnen galt… Sie fing von oben an und hatte Pech.
Piaskowski war nach Bonn gefahren, wie seine Frau berichtete, und bei Bernharda Behrens meldete sich überhaupt niemand, weder in der Volkshochschule noch zu Hause. Katja war leicht frustriert. Das einzige, was heute klappte, war die Tür zu Kämenas Dienstzimmer. Sie probierte es mit der Geschäftsstelle des mehr oder minder ruhmreichen TSV Bramme. Und siehe da, man war zugegen: frisch, fromm, fröhlich, frei.
„Turn- und Sportverein Bramme!“ schallte es ihr entgegen. „Wätjen.“
Katja sagte ihr Verschen auf. „Guten Tag, Herr Wätjen. Mein Name ist Katja Marciniak; ich rufe an im Auftrag der stadtsoziologischen Forschungsgruppe von Professor Biebusch…“ Atemholen. „Sie werden sicherlich gehört haben, daß wir in Bramme eine Untersuchung durchführen, und…“
„Ja, ja, kommen Sie nur; wir haben nichts zu verbergen.“
„Ich wollte mir mal die Vereinszeitungen nach 1945 ansehen und mir aus Ihrer Mitgliederkartei ein paar Namen für Intensivinterviews heraussuchen.“
„Gern. Wir haben nichts zu verbergen – wir sind ja kein Bundesligaverein, ha ha… Wissen Sie, wo wir sitzen?“
„Im Stadion?“
„So ist es! Ich hab heute nachmittag Dienst; ich bin beim Werkschutz der BUTH KG… Ich bin bis zwölf da.“
„Herzlichen Dank. Ich bin gleich bei Ihnen.“
Katja legte auf. Mal Glück gehabt. Jetzt war’s halb zehn – da konnte sie um elf beim TSV fertig sein und um halb zwölf im Pensionsbett liegen. Am Abend, nach Ladenschluß, wollten sie ja mit Lemmermann nach Bremen fahren; wenn er eine Vertretung bekam, auch schon früher. Halb zwölf – Zeit genug, den entgangenen Schlaf nachzuholen.
Sie bedankte sich bei Kämenas Sekretärin für die gütige Erlaubnis, unentgeltlich telefonieren zu dürfen, fuhr mit dem Paternoster hinunter und stieg in den Karmann Ghia – ganz Mannequin, ganz verworfenes Dreihundert-Mark-Girl. Die hungrigen Blicke der Brammer Biedermänner waren erfrischend wie ein Bad in der Brandung.
Auch eine Möglichkeit der Katharsis.
Eine kurze Zeit am Wall entlang, dann hundert Meter über die Bürgermeister-Büssenschütt-Brücke hinweg, und schon tauchte linker Hand hinter der Bramme das städtische Stadion auf. Vier Flutlichtmasten und eine überdachte Tribüne. Wenn sie sich recht erinnerte, hatte Corzelius gestern etwas von den glorreichen Regionalliga-Zeiten der Brammer Fußballer erzählt. Vielleicht gab es auch einen speziellen TSV-Schrei: Bramme, Bramme, Bramme – vor wie eine Ramme… Corzelius. Heute früh hatte sie gar nicht so richtig…
Meine Flamme stammt aus Bramme.
Sie hielt auf dem verwaisten Parkplatz vor den hölzernen Kassenhäuschen. Sie hatte eine weitaus bessere Laune, als sie nach den Ereignissen der vergangenen Nacht eigentlich hätte haben dürfen. Das war aber irgendwie bedenklich. Euphorie ist der Vorbote allen Übels, pflegte ihre Großmutter zu sagen. Die mußte es ja wissen… Gewußt haben.
Schlaff hing die Fahne des TSV herab. Weit und breit kein Mensch, wenn sie einmal von dem blonden Athleten absah, der seinen Speer an die fünfzig Meter durch die Lüfte segeln ließ. Rote Hose, weißes Hemd mit einem großen TSV drauf – offenbar Brammes Altmeister, denn für ganz neu ging er auch nicht mehr weg. So Anfang Vierzig bestimmt.
Er kam auf sie zu, den Speer senkrecht in der linken Hand, lächelte leicht linkisch und stellte sich vor.
„Wätjen… Jens-Uwe Wätjen. Zweiter Vorsitzender des Turn- und Sportvereins Bramme…“
„…1895 e. V.“, fügte Katja hinzu und drückte ihm die Hand.
Was für eine Pranke! Was für Augen! Wie der Himmel über Korsika. Er schielte etwas, genau wie… wie Clarence, ja! Clarence der Fernsehlöwe. Und er hatte auch etwas Löwenhaftes an sich. Vielleicht ein Löwe, der Ackerbau und Viehzucht betrieb, aber trotzdem… Und wie schüchtern er war – direkt niedlich! Er wagte nicht mal, ihr in die Augen zu sehen. Puterrot war er geworden: Schweiß perlte ihm von der Stirn. Ach Gott!
„Darf ich… Wollen wir… das Geschäftszimmer…“
Wie er sich verhaspelt! „Was immer Sie vorschlagen, Herr Wätjen.“
Wätjen zeigte auf die Tribüne. „Da hinten in der Tribüne drin… Das Geschäftszimmer. Ich zeig Ihnen alles…“
„Das ist ganz lieb von Ihnen, Herr Wätjen…“
Katja ging auf die Tür an der rechten Tribünenseite zu, über der ein schreibtischgroßes weißes Schild mit der Aufschrift TSV BRAMME – Geschäftsstelle hing. Sah ziemlich neu aus. Wätjen folgte ihr, anderthalb Meter seitlich versetzt. Jetzt hielt er den Speer in der rechten Hand.
Ein paar Spatzen flogen herbei. Die Sonne brannte vom wolkenlosen Himmel. Auf einem der Nebenplätze, durch die wallartigen Ränge verdeckt, spielten Schüler Fußball: sie hörten den dumpfen Bumms, wenn sie die Bälle schlugen, und die Trillerpfeife des Lehrers… Sie drehte sich um.
Wätjen lächelte ihr zu. „Hier lang…“
Sie stiegen eine Treppe hinauf, liefen durch endlose katakombenähnliche Gänge. Weiß gekalkte Wände, Rohre unter den Decken, Umkleidekabinen, Geräteräume, Toiletten. Ihre Schritte hallten dumpf. Irgendwo schlug ein Fenster zu. Überall nur funzelige Lampen, die Luft war voller Staub und reichlich abgestanden.
Immer noch kein Geschäftszimmer. Gingen sie im Kreis herum? Aber Wätjen mußte doch wissen, wo… Er roch nach Schweiß wie eine ganze Fußballmannschaft. Die Stahlspitze des Speers schurrte über den Zementboden.
Plötzlich schlug ihr das Herz bis zum Hals hinauf. Angst überfiel sie von einer Sekunde zur andern. Wenn nun… Mein Gott… Dieses Labyrinth – keiner würde… Nur raus hier!
Sie blieb stehen, lehnte sich gegen die rissige Wand, wollte Wätjen vorbeilassen.
„Unheimlich hier, was?“ Wätjen grinste. „Meine Tochter kommt auch nicht gern her.“
„Ja…“ würgte Katja hervor und fing sich wieder, als sie das Wort »Tochter« hörte, als könnte der Vater einer Tochter nicht auch… Quatsch! „Ich kenn das“, sagte sie schnell. „Ein Freund von mir spielt in Berlin bei Tennis Borussia…“
„Dat haar mi segt warn mußt!“
„Wie bitte?“
„Das hätten Sie mir gleich sagen sollen – so ‘ne Fußballerbraut muß man doch ganz anders behandeln!“
„Braut nicht gerade…“
„Na, na!“
Diese Wendung des Gesprächs behagte ihr gar nicht. Sie wurde resolut: „Wo ist denn nun das Geschäftszimmer?“
„Gleich um die Ecke…“
… um die Ecke bringen. Sie schwitzte. Verdammte Assoziationen!
Wätjen stieß eine grüngestrichene Holztür auf und knipste eine Neonröhre an. „Hier… Bitte!“
Ein fensterloser, gewaltig hoher Büroraum. Ein Schreibtisch, ein altmodisch-schwarzes Telefon, ein paar Rolladenschränke; Regale mit Vereinszeitungen, weiß-roten Fahnen, eine gläserne Vitrine mit silbernen Pokalen und bronzenen Figuren; an den freien Flächen Plakate und Wimpel.
Wätjen schloß den Schreibtisch auf und holte einen Karteikasten hervor. „Unsere Mitglieder – hier, bitte.“
„Sehr nett… Wie viele sind es denn?“
Wätjen dachte einen Augenblick nach. „482 – Stand 1. Juli 1972. Wir haben ja acht Abteilungen: Fußball, Handball, Tischtennis, Basketball, Boxen, Kegeln, Leichtathletik und Kunstturnen.“ Es klang stolz. „Hier, alphabetisch geordnet – ein bunter Reiter für jede Abteilung. Blau für…“
Katja rechnete. Sie sollte etwa zwanzig Mitglieder für Intensivinterviews über das Vereinsleben auswählen, per Zufall natürlich, also mußte sie jeden 25. herauspicken.
„Sagen Sie mir mal eine Zahl zwischen eins und fünfundzwanzig“, bat sie Wätjen.
„Eine Zahl zwischen…?“ Er begriff nicht. Wie sollte er auch? Es war zuviel verlangt. Sie erklärte ihm, warum er es tun sollte. „Vier“, sagte er. „Viel Spaß; ich geh mich mal umziehen.“
Er ließ die Tür hinter sich ins Schloß fallen. Katja atmete auf. Sie hörte Biebuschs Stimme: Worum geht es uns beim TSV Bramme? Erstens um die Entstehungsgeschichte des Vereins, zweitens um sein Rekrutierungsfeld, drittens um die Teilnahme der Bevölkerung am Vereinsleben, viertens um die integrierende Funktion des Vereins, fünftens um den Verein als Übungsfeld für sozial-aktive Persönlichkeiten…
Das Telefon schrillte.
„Herr Wätjen!“ schrie sie.
Wätjen meldete sich nicht.
Komisch… Sie nahm den Hörer ab. „Ja, bitte…“
Nichts. Nur ein Rauschen; aber aufgelegt hatte der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung noch nicht, sie hörte ihn atmen.
„Hallo? Hier ist der TSV Bramme… Mit wem spreche ich?“
Aufgelegt!
Kopfschüttelnd begann sie, die Namen aus der Kartei zu schreiben.
4: Frauke Ahrbecker, Ammerländer Straße 4
29: Annerose Badenhoop, Twistringer Straße 48 a
54: Hein-Dirk Deterding, Hinrich-Kopf-Allee 124
Sie schrieb immer schneller; es war unheimlich hier… Eine Falle? Fast glitt ihr der Kugelschreiber aus der verschwitzten Hand. Idiotisch von ihr, allein hierherzukommen!
79: Karl-Heinz Eilts, Brammermoorer Heerstraße 74 – nein, 47…
Es ging nicht mehr; sie verschrieb sich andauernd. Es flimmerte ihr vor den Augen. 79 plus 5… 114. Nein… Doch… Quatsch – 104… Sie addierte es auf einem Zeitungsrand: 104.
Sie konnte nicht mehr. Sollte Kuschka das machen. Nur raus hier! Die Wände stürzten auf sie zu… Sie hastete zur Tür, riß sie auf, rannte auf den Gang hinaus. Wenn sie nun Wätjen… Wie sollte sie ihm das erklären? Und Biebusch erst?
Sie hetzte durch das Labyrinth, erwischte eine Tür, die verriegelt war, hörte von irgendwo her eine scharfe Stimme:
„Halt!“
Weiter, nur weiter! Mein Gott, wo ist denn hier der Ausgang? Warum hab ich mich bloß auf diesen Scheißdreck hier eingelassen?
Der Geräteraum; da waren sie vorhin vorbeigekommen…
Sie wußte nicht mehr, wie sie ihren Wagen erreicht hatte. Sie raste in die Stadt hinein, wo Menschen waren, kam erst wieder zu sich, als sie das backsteinrote Postamt vor sich hatte. Sie entdeckte einen freien Parkplatz, hielt, stieg aus, schloß den Wagen ab, steckte zwei Groschen in die Parkuhr, lief zum Bahnhof hinüber, setzte sich in den Wartesaal, bestellte sich einen doppelten Cognac, stürzte ihn hinunter, bestellte eine Sinalco, trank und schluckte eine Beruhigungstablette. Zum Arzt? Der konnte auch nicht mehr tun; das mußte sie selber schaffen.
Langsam ebbte ihre Erregung ab. So was Blödes. Ich mach mich doch bloß selber verrückt.
Aber das war wohl eingeplant…
Biebusch würde Krach machen, weil sie einfach weggelaufen war. Der Armleuchter. Sollte er doch selber hingehen!
Und die Diplomarbeit…?
Man kann auch ohne Diplom leben. Bloß schlechter… Quatsch. So wie du aussiehst, du kriegst doch jeden Mann… Sie strich ihr schulterlanges Haar zurück, sah auf ihre Hüften, ihre Knie. Ja, von einer Abhängigkeit in die andere…
Also: bei Wätjen war ihr plötzlich schlecht geworden – Klaustrophobie, sie hatte ins Freie laufen müssen. Vielleicht konnte sie wieder etwas Terrain gewinnen, wenn sie bei dieser Bernharda Behrens anrief und sie zur Mitarbeit überredete. Es war die einzige Frau auf ihrer Liste.
Sie zahlte, ging in eine der Telefonzellen vor dem Bahnhofsgebäude, wählte die Nummer der Volkshochschule Bramme und verlangte Frau Behrens.
„Ich verbinde…“ Ein Knacken; mehrere Sekunden vergingen.
„Behrens…?“
„Ich rufe an im Auftrag der Forschungsgruppe Stadtsoziologie von Professor Biebusch. Wir führen hier eine stadtsoziologische Forschung durch. Und da Sie als eine der…“
„Wie heißen Sie denn?“ bellte es zurück.
„Katja Marciniak, Pardon!“
„Von Pardon sind Sie? Ich denke…“
„Nein, ich… Ich wollte mich entschuldigen, weil ich vergessen hatte, meinen Namen…“
„Wie heißen Sie denn?“
„Katja Marciniak.“
Pause. Stille.
„Hallo?“
Ein Räuspern. „Ihre Mutter hieß auch Marciniak?“
„Ja.“
„Geboren am, warten Sie… Im Februar 1930. Am… am… 3. Februar 1930?“
„Ja…“ Katja kämpfte mit einem Schwindelgefühl.
„In Thorn?“
„In Thorn, ja…“
„Mensch, so was – Mariannes Tochter! Hör mal, wir müssen uns unbedingt sehen, solange du noch in Bramme bist. Was machst du eigentlich hier…? Die Untersuchung, ach ja!“
„Ich wollte gerade…“
„Natürlich, Kindchen! Weißt du, wo die VauHa ist?“
„In der Färbergasse hinten?“
„Ganz recht. Ich warte auf dich… Mein Gott – Mariannes Tochter! Da bin ich aber gespannt.“
„Kannten Sie denn meine Mutter?“
„Und ob ich sie gekannt habe: meine beste Freundin… Bis gleich also!“
„Ja…“
Katja verließ die Zelle, schloß die Augen, um das immer wiederkehrende Schwindelgefühl zu bekämpfen, setzte sich auf eine Bank, sah den herumspazierenden Tauben zu, wartete, bis ihr besser wurde. Nach fünf Minuten ging es wieder.
Fünfzehn Minuten später stand sie Bernharda Behrens gegenüber.
Bernharda war das, was man in Berlin einen Dragoner nannte: Schuhgröße 43, Makostrümpfe, Kostüm, Herrenschnitt und Hornbrille; kräftiges Gebiß und gewaltige Nase; schwarzes Bärtchen auf der Oberlippe und Trümmerfrauenhände; wenn sie ging, knarrten die Dielen, und wenn sie redete, vibrierten die Fensterscheiben.
„Nehmen Sie sich einen Stuhl – setzen Sie sich.“
Katja tat es mit dem bangen Gefühl einer zehnjährigen Schülerin, die sich wegen einer gefälschten Unterschrift auf dem Entschuldigungszettel vor der allmächtigen Frau Direktor verantworten mußte.
Was nun folgte, wurde von ihr weniger als Gespräch wahrgenommen, sondern mehr als Verhör und Befehlsempfang.
Bernharda Behrens nahm hinter ihrem aktenübersäten Schreibtisch Platz und fixierte sie. Hinter den dicken Brillengläsern hatten ihre graugrünen Augen die Größe von Tischtennisbällen. Na, nicht ganz. Während sie sprach, riß sie ständig kleine Streifen von einer Tesafilmrolle herunter, zerknüllte sie zu klebrigen Kugeln und warf sie voller Abscheu in den neben ihr stehenden Papierkorb.
„Du bist doch unehelich – oder?“
Katja war unwillkürlich eingeschüchtert. „Ja…“
„Na also!“ Bernharda nickte. „Hast du deinen Vater mal gesehen?“
Was will die bloß? Katja fühlte sich unbehaglich und wäre am liebsten gegangen. Aber dann wäre der Kontakt abgerissen, und Biebusch würde ihr die Hölle heiß machen.
„Was ist nun: haben Sie ihn gesehen oder nicht?“
Der mehrfache Wechsel zwischen Du und Sie trug noch zu Katjas Verwirrung bei. „Meinen Vater…?“ wiederholte sie. „Nein, das nicht. Aber warum interessiert Sie das?“
„Abwarten!“ dröhnte Bernharda. „Ich…“ Das Telefon schrillte. Sie riß den Hörer hoch, rief „Keine Zeit, später!“ und knallte ihn wieder auf die Gabel. „Wie heißt er, wo wohnt er – weißt du’s?“
„Harry Bruns oder Härrie Bruns, wie Sie wollen“, antwortete Katja mit dünner, unwillkürlich leiernder Stimme. „Soweit ich weiß, wohnt er in der Nähe von New York – Nyack heißt die Stadt.“
„Und wer hat dir erzählt, daß das dein Vater ist?“
„Wieso…?“
„Jetzt frage ich erst mal!“
Katjas Widerspruchsgeist regte sich. „Wie kommen Sie denn dazu?“
Bernharda schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. „Ich war die beste Freundin Ihrer Mutter – und es ist sehr wichtig für Sie!“
Katja schwieg. Gehen konnte sie immer noch.
„Wer hat’s dir also erzählt?“ wiederholte Bernharda ihre Frage.
„Mutti… Mutter, als sie noch lebte.“
„Sie ist gestorben, als du knapp fünf warst?“
Katja nickte.
„Und deine Großmutter?“
„Die auch. Vorigen Monat.“
Bernharda stand auf, trat ans Fenster, sah auf die träge Bramme hinunter. „Sie haben dich angelogen, mein Kind!“
„Angelogen? Wieso?“
„Weil die Wahrheit zu schrecklich ist…“
Katja ärgerte sich über diese polternde, herrschsüchtige Frau, wurde sarkastisch. „Waren Sie’s vielleicht?“
Bernharda lief rot an, stand dicht vor der Explosion. „So was Unverschämtes – wie deine Mutter!“ Aber sie leitete den Zorn, den sie Katja gegenüber entwickelt hatte, auf ihre Sekretärin um, riß die Tür auf und schnauzte nach draußen: „Machen Sie doch endlich Ihr Kofferradio aus – wir sind hier nicht im Jazzschuppen!“
Katja konzentrierte sich auf eins der graphisch unterentwickelten Plakate an den Wänden.
SYNAGOGALE GESÄNGE MIT ERLÄUTERUNGEN
Uri Rosentreter, London
Mittwoch, den 14. Juni 1972, 20 Uhr,
Matthäi-Kirche
Teilnahme frei
„Da werd ich mal hingehen“, sagte sie zu Bernharda und wollte es als versöhnliche Geste verstanden wissen. „Meine Freundin Esther nämlich…“
„Kostet ja nichts, geh man ruhig!“ sagte Bernharda. „So – weiter im Text!“ Sie ließ sich wieder in ihren unförmigen Drehsessel fallen. „Dieser Bruns ist nicht dein Vater; da hat man dir einen Bären aufgebunden, mein Kind. Die hatten alle Angst, dir die Wahrheit zu sagen.“
Katja fröstelte es trotz der Hitze in Bernhardas Zimmer. Das war dasselbe Gruselgefühl, das sie als Kind immer verspürt hatte, wenn ihr Großmutter von dem buckligen Fährmann an der Oder erzählte (dumpfes „Hol über!“ im Nebel) und von den Wasserleichen, die er regelmäßig fand.
„Ich weiß nicht, was…“
„Unterbrich mich jetzt nicht!“ herrschte Bernharda sie an. „Es ist eine häßliche Geschichte… Die arme Marianne!“ Sie kramte eine Zigarette aus einer unaufgeräumten Schublade und steckte sie mit einem dieser zehn Zentimeter langen Streichhölzer an, die es in den Andenkengeschäften zu kaufen gab. „Rauchst du?“
„Nein, danke.“
Bernharda nickte befriedigt; dann begann sie zu erzählen. Katja hörte schweigend zu.
„Juli 1949, ein Sonnabend… Wir waren tanzen, deine Mutter und ich, hinten im Stadtpark-Café am Schwarzen See. Da waren wir öfter. Es war auch immer ganz nett… Doch diesmal gab’s Streit. Marianne war in einen Primaner verknallt, dessen Vater irgendein hohes Tier bei den Engländern war, was weiß ich… Horst hieß der Knabe. Der wollte aber lieber mit mir über Thomas Mann und Hermann Hesse reden als mit deiner Mutter tanzen. Nun, ein Wort ergab das andere, und sie rannte schließlich aus dem Saal. Horst hinterher. Er suchte sie noch ein Weilchen im Park, fand sie aber nirgends. An der Haltestelle, vielleicht hundert Meter vom Café entfernt, war gerade ein Bus abgefahren, den mußte sie noch geschafft haben. Zehn nach zehn war es erst. Horst kam jedenfalls in den Saal zurück, und wir hatten noch einen schönen Abend… Deine Mutter – sie hat’s mir hinterher erzählt – hatte den Bus aber nicht mehr geschafft und war in ihrem Zorn zu Fuß nach Hause gelaufen, immer die Parkallee entlang… Heute sieht’s ja da anders aus, aber damals war’s eine gottverlassene Gegend. Ja, und an der Bismarck-Eiche ist es dann passiert.“
Katja ahnte, was nun kam.
„Überfallen und vergewaltigt. Keiner hat sie schreien gehört…“
Katja schloß die Augen, atmete schwer, sah die Szene vor sich.
„… im September stand dann fest, daß der Mann sie geschwängert hatte…“
Das Kind eines Sittlichkeitsverbrechers. Mein Gott!
„… deine Großmutter war für eine Abtreibung, dein Großvater dagegen. Trotzdem versuchten sie es bei den Ärzten hier in Bramme und Umgebung. Ergebnis: Ablehnung des Antrags; keine echte ärztliche Indikation wegen Gefährdung der Mutter…“
Katja, eben noch von Schmerz und Abscheu fast überwältigt, wurde von dieser Ironie des Schicksals abgelenkt: Da kämpfte sie mit ihren Freundinnen mit Unterschriften und Appellen für die Aufhebung des Paragraphen 218, für die Fristenlösung – und nun verdankte sie ihr Leben…
Was kümmert es die Eizelle, auf welche Art und Weise der Samenfaden zu ihr gelangt? – Aber das Mechanistische des Lebens erschütterte sie.
Um ihrer Mutter willen haßte sie den Mann, der es getan hatte, und die Tat selbst schockierte sie, aber zugleich war sie… Ja: dankbar, daß er… Mein Gott! Sie liebte ihr Leben, bejahte, schöpfte es aus. Und ohne ihn wäre nur ein Nichts, ein unvorstellbares Nicht-Leben ohne Namen.
„… deine Mutter mußte also das Kind austragen. 1949 bedeutete das immer noch eine Schande für sie und ihre Eltern. Jedenfalls in Bramme. Es blieb ihnen nichts weiter übrig, als von hier fortzuziehen, nach Berlin… Das hat deine Mutter nie überwunden, diese zweite Flucht. Erst die aus Schlesien, der sie ja ihre Tbc verdankte, und dann diese zweite…“
Katjas Gedanken wurden melodramatisch: Der Mörder meiner Mutter als Erzeuger meines Lebens… Laß das! rief sie sich sofort zur Ordnung, so was gibt’s doch nur in Heftchen-Romanen… „Hat die Polizei nichts unternommen?“
„Doch. Ohne Erfolg. Der Täter ist nie gefunden worden. Aber es besteht praktisch kein Zweifel daran, daß es einer aus Bramme gewesen ist. Marianne hat ihn nicht erkannt, klar, aber ihrer Aussage zufolge ist er knapp über zwanzig gewesen, müßte also jetzt Mitte Vierzig sein…“
Vielleicht ist er mir heute begegnet. Oder gestern. Vielleicht…
Bernharda richtete sich auf, wurde pathetisch: „Darum will ich mit dir reden: du mußt ihn finden! Räche deine Mutter, verhilf der Gerechtigkeit zum Siege…“ Sie lachte schadenfroh: „Was meinst du, was es für einen Aufruhr gibt, wenn du hier zu suchen anfängst. Da kriechen die Ratten in ihre Löcher. Da zerbricht die heile Welt von Bramme. Da können sich mal alle im Spiegel bewundern, wie häßlich sie sind!“
Das klang so haßerfüllt, daß Katja erschrak. Bernharda mußte durch und durch frustriert sein. Vermutlich wurde sie als Mannweib verspottet, für lesbisch gehalten, mit ihrem Kulturfimmel gehänselt; vielleicht litt sie darunter, daß sie keinen Mann und keine Kinder hatte und daß ihre Volkshochschule, abgesehen vielleicht von Säuglings- und Nähkursen, so wenig Zulauf hatte.
„… du mußt ihn bloßstellen! Was meinen Sie, wie der zittert, seitdem Sie hier sind.“
Bei Katja machte es Klick. Sollten die Anschläge auf sie gar nicht der Soziologin Katja Marciniak gelten, sondern… Sie erzählte Bernharda von dem angeblichen Ladendiebstahl, von dem heranbrausenden Wagen, von dem Stein, der durchs Fenster geflogen war, und von dem Anruf am Morgen.
„Bitte – meine Rede!“ Bernharda triumphierte. „Ich habe der Polizei immer wieder gesagt: Ihr sucht bei den Falschen, bei den Arbeitern und den Landstreichern – Quatsch. Bei den verwahrlosten Jungen der Oberen, der Großkopfeten, da müßt ihr suchen! Bei den Leuten im Parkviertel, wo sie Orgien in den Villen feiern. Was du da sagst, Katja, gibt mir recht: Es ist einer von den oberen Zehntausend gewesen – und jetzt hat er Angst, daß alles rauskommt. Jetzt hat er eine Menge zu verlieren – seinen guten Ruf, seinen Umsatz, seine Frau. Darum die Treibjagd auf dich. Du sollst aus Bramme verschwinden, ehe du ihm auf die Spur kommst – was sag ich: ehe dir einer sagt, was los ist.“
Das klang plausibel. Ein kleiner Arbeiter hätte sich irgendwo verkrochen und damit basta. Oder sich einen Dreck um das Ganze gekümmert. Strafrechtlich war’s ja wohl längst verjährt.
Bernharda spann ihren Faden weiter: „Es wird ein vermögender Mann sein, wir haben über fünfzig Millionäre in Bramme. Wenn du ihn aufstöberst, hast du ausgesorgt. Ihn finden, ein erbbiologisches Gutachten erzwingen – und die Sache ist gelaufen… Und du wirst ihn finden! Er hat damals Spuren hinterlassen, die du wieder auffrischen kannst, und er hat jetzt Spuren hinterlassen bei seinem Vorgehen gegen dich.“
Doch Katjas Gedanken gingen in eine andere Richtung. Es war Gras über die Sache gewachsen; warum alles wieder aufwühlen, warum Menschen aus ihrer Bahn werfen? 1949; ein junger Mann, im Luftschutzbunker groß geworden, Soldat gewesen und Kriegsgefangener, hatte sich mal vergessen. Sollte sie nun sein Leben zerstören? Zum zweitenmal womöglich? Und das Leben seiner Angehörigen?
Nein!
Schließlich hatte er keinen Mord begangen. Und sie war ja quitt mit ihm. Sie lebte durch ihn – damit schien ihr die Schuld, die er ihrer Mutter gegenüber hatte, aufgewogen.
„Ich werde gar nichts tun“, sagte sie mit fester Stimme. „Soll er selig werden. Ich will ihn nicht kennenlernen. Er weiß mit Sicherheit nicht, daß ich hier bin, daß ich seine Tochter bin.“
Bernharda sprang auf. „Das werden Sie nicht tun! Sie werden ihn suchen!“ Drohend kam sie auf Katja zu.
„Ja, aber…“ Katja bekam es fast mit der Angst; sie wollte diese Walküre ablenken. „Haben Sie einen Verdacht, Frau Behrens?“
„Was heißt Verdacht? Ich weiß, wer es war. Es kann gar kein anderer gewesen sein. Bei seiner Veranlagung… Der hat’s doch bei mir auch versucht – auch mit Gewalt. Und bei anderen auch.“
„Wer denn?“
„Der Besitzer von diesem widerlichen Sex-Shop hier. Ein gewisser Lemmermann.“
Katja fuhr hoch. „Der…!?“
„Ich bin felsenfest überzeugt davon. Den müssen Sie zuerst unter die Lupe nehmen!“
„Den? Ach du lieber Himmel – der doch nicht… Ich hab ihn kennengelernt. Der hat mir doch niemals den Stein ins Zimmer geworfen oder mich mit seinem Wagen anfahren wollen!“
„Ach was!“ Bernharda konterte sofort. „Er ist es gewesen. Er und kein anderer… Sein Vater, der war früher Vorsitzender der Industrie- und Handelskammer hier, einer der einflußreichsten Männer in Bramme, Großimporteur… Als der erfahren hatte, was mit seinem Sohn los war, da hat er doch alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die Sache zu vertuschen. Die da oben, die halten doch alle zusammen! Zuerst, da haben sie Lemmermann stundenlang bei der Kripo verhört; er hatte kein richtiges Alibi. Aber sie hätten erleben sollen, wie seine sauberen Freunde für ihn gelogen haben. Plötzlich hatte er eines. Die stecken doch alle unter einer Decke… Und jetzt haben sie Angst, daß alles auffliegt. Dieser Skandal! Unsere Honoratioren waren die längste Zeit welche. Jugendsünden? Denkste! Erledigt sind sie. Da gibt es nämlich Zeugenaussagen, daß Lemmermann nicht allein war, sondern andere dabeigestanden haben. Ihre Mutter hat das verschwiegen, aber… Naja!“
Katja begriff das alles nicht. „Aber man versucht doch alles mögliche, um Lemmermann aus Bramme zu vertreiben? Wo bleibt denn da der Korpsgeist?“
„Korpsgeist?“ Bernhardas Augen leuchteten auf.
„Kind, begreif doch: Die Bande da will ihn loswerden, ehe er gefährlich werden kann, ehe er alles wieder aufrührt, den ganzen Bodensatz an Korruption und… und… Darum will man euch beide loswerden! Loswerden, ehe das Pulverfaß explodiert!“