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Noch dreizehn Kilometer bis Bramme. Katja gähnte. Schnurgerade lief die asphaltierte Straße durch das Moor. Dünne Birken säumten sie. Dahinter Wiesen, Gräben, Morast. Überall schwarz-weiße Kühe, ab und an ein Pferd. Finnisch-blauer Himmel, weiße Zirruswölkchen. Wieder ein Weiler. Katja nahm den Fuß vom Gaspedal. Moorhausen. Ein halbes Dutzend Gehöfte, ein Gasthaus, verwitterter Backstein. Links ein grauer Wirtschaftsweg, ein Traktor; sie huschte vorüber.

Noch zehn Kilometer bis Bramme. Vorn im bläulichen Dunst ein Geestrücken mit einem rot-weißen Fernsehturm. Ob sie in der Pension fernsehen konnte? Wenigstens Dick und Doof und Buster Keaton. Ein gelb-roter Linienbus; sie zog ihren Karmann Ghia nach rechts auf den Seitenstreifen hinüber. BVB – Brammer Verkehrs-Betriebe. Ein paar großflächige Gesichter, Schulkinder. Ein Engpaß, eine Brücke, unten ein jauchebrauner Fluß – die Bramme.

Bramme. Man mußte die Lippen ein wenig nach vorne schieben, aufeinanderpressen und im gleichen Augenblick, während die Zunge im Mundraum zuckte, mit einem gewissen Schmatzlaut wieder voneinander lösen, um im Bruchteil einer Sekunde ein winziges Quantum Luft auszustoßen und dann die letzte Silbe geradezu hinauszuschleudern. Bram-me. Bram-me. Es klang bäurich und solide, schmeckte irgendwie nach Milch, Sahne und Quark. Und in diesem Drecknest war sie nun geboren worden.

Katja Marciniak, geboren am 15. April 1950 in Bramme.

Ausgerechnet Bramme. Biebusch hätte seine Untersuchung weiß Gott auch woanders durchführen können. Die Auswahl war ja groß genug gewesen: Castrop-Rauxel, Erlangen, Gladbeck, Hamm, Pforzheim, Wolfsburg und Wattenscheid. Aber Biebusch hatte sich für Bramme entschieden. Aus gutem Grund, wie er meinte, denn ein guter Freund von ihm – neuerdings wieder ein guter Freund – war derzeit Bürgermeister von Bramme.

Katja kannte es schon auswendig: Bramme an der Bramme, Stadt in Niedersachsen, mit (1965) 81 300 Einwohnern, hat Amtsgericht, höhere und Berufsfachschulen, Freilichttheater, Heimatmuseum, Industrie: Maschinen, Bekleidung, Nährmittel, Möbel, Fertighäuser.

Vor zwölf Stunden war sie noch den Kurfürstendamm hinuntergeschlendert und hatte anschließend in der Vollen Pulle am Steinplatz Abschied gefeiert. Gefeiert? Der Beaujolais hatte sie eher melancholisch gemacht.

Mensch, nun jammere bloß nicht so viel!

Sei du mal zu sieben Monaten Bramme verurteilt!

Hat dich ja keiner gezwungen, deine Diplomarbeit bei Biebusch zu schreiben.

Ach, geh! Zweihundert Abende in Bramme – ich langweil mich jetzt schon. Da ist doch nichts los.

Habense da nich neulich einen ermordetso von hinten im Park…?

Das war in Bremen.

Ach so… Na, was nich is, kann noch werden. Vielleicht ermorden se dich – haste mal endlich echtes Neuheitserlebnis.

Hör auf!

Weißte schon, wo de wohnst?

Irgendwo. Ich laß mal von mir hören.

Tu das.

Noch sieben Kilometer bis Bramme. Ein weinroter Volkswagen kam ihr entgegen. Endlich mal ein Mensch. Im Rasthaus vorhin hatten sie ihr diese sogenannte Ortsverbindungsstraße empfohlen.

Ein kleiner Umweg, Fräulein, aber landschaftlich sehr reizvoll.

Ein kleines Gehölz, wuchernde Büsche. Eigentlich müßte man schon was von Bramme sehen können. Vielleicht gab’s das Nest gar nicht. Schön wär’s!

Sie fummelte sich einen Sahnebonbon aus dem Papier und steckte ihn in den Mund. Die armen Zähne. Sie hörte ihre Großmutter: Kind, laß diese verdammten Plombenzieher!

Nun war sie schon seit sechs Wochen tot. Verbrannt – nee, eingeäschert… Sie sah den massigen Stein aus schwedischem Granit. Drei Namen nun schon:

 

OSKAR MARCINIAK

* 3. 5. 1887 † 12. 7. 1944

 

HELENE MARCINIAK

* 15.11.1895 † 10. 5. 1972

 

MARIANNE MARCINIAK

* 3.2. 1930 † 28. 4. 1957

 

War nur noch Platz für einen Namen. Für ihren. Sie stieß die Luft aus der Lunge. Sechs Stunden Fahrt, über vierhundert Kilometer schon. Und nur zweimal angehalten. Ihr Rücken schmerzte. Na, bald war’s ja geschafft. Nur mal zehn Minuten ausgereckt auf einem Bett liegen. Zum Mittagessen war sie schon wieder in Biebusch verabredet.

Was würden die braven Brammer Bürger sagen, wenn da plötzlich vier Soziologen auftauchten und ihre Stadt auseinandernahmen? Das roch ja nach Revolution. Einen Empfang wie für einen Olympiasieger gab’s bestimmt nicht.

Katja bremste unwillkürlich. Sie hatte auf einmal Angst vor Bramme, Angst vor dem Ungewissen. Sie war allein, sie war jung, sie war hübsch. Und dann Bramme. Ungehobelte, gierige Bauern! Sie hätte absagen sollen. Es gab schließlich noch andere Themen für eine Diplomarbeit.

Sie sah ihre Großmutter. Hohlwangig, ausgemergelt im Sterbezimmer des Hospitals.

Was sagst du, Kind? Wo willst du hin?

Nach Bramme.

Bramme?

Ja, ich muß. Sonst…

Geh nicht hin.

Wieso?

Die Stadt mag uns nicht. Die haßt uns.

Ach, das gibt’s doch nicht! Eine Stadtdas ist doch kein einzelnes Wesen, das ist doch ganz was anderes – Steine, Häuser, Straßen. Was soll uns da hassen?

Alles. Einfach alles. Das ist wie ein Körper – der stößt alles ab, was nicht zu ihm paßt. Wir sind damals zum zweitenmal geflüchtet. Bramme und Marciniak, das geht nicht.

Ich will ja nicht für immer hin.

Trotzdem. Bleib hier.

Ich muß endlich meine Diplomarbeit anfangen.

Ich bitte dich!

Keine Angst, ich besuch dich ja regelmäßig.

Bis dahinIch hab solche Angst um dich! Fahr überall hin, aber nicht nach Bramme!

Warum denn nicht, in Gottes Namen?

Hol die Schwester, bitteschnell!

Das war am Sonntag, am Mittwoch war sie gestorben. Sanft entschlafen, hatte die Stationsschwester gesagt… Katja hatte vorher noch einmal mit ihr gesprochen, am Dienstag zur üblichen Zeit, aber nicht gewagt, die Stadt zu erwähnen. Wirre Assoziationen einer Sterbenden. Alles Humbug.

Es ging ein wenig bergauf. Die Landschaft veränderte sich. Ein lichter Kiefernwald, ein Nichts gegen den Grunewald, einige mit Heidekraut überzogene Lichtungen, hin und wieder ein Wacholderbusch. Offensichtlich ein Flugsandgebiet; eine Düne, im Laufe der Jahrtausende aus der Brammeniederung ausgeweht.

Nach einer scharfen Linkskurve konnte sie auf die Stadt hinuntersehen. Ein Meer aus ziegelroten Dächern und darin wie Klippen die Türme. Rathaus, Polizeihaus, Bahnhof, Postamt und Matthäikirche. Sie hatte zu Hause den Stadtplan studiert. Zwischen den Klippen die Hochhäuser, Quader, wie riesige Eisberge. Im Südwesten eine Trabantenstadt, alles rote Backsteinburgen. Das konnte Barkhausen sein. Links vom Bahnhof das Industriegelände. Am höchsten Schornstein stand vertikal ein Firmenname: BUTH KG. Zwei Hubschrauber zogen vorbei. Nicht die Spur einer Dunstglocke. Sie kam auf die Bundesstraße, passierte das Ortsschild, war nun wirklich in Bramme.

Sie registrierte wider Erwarten eine gewisse Fröhlichkeit, fast einen Rauschzustand. So erstaunlich es war, die Stadt gefiel ihr auf einmal. Endlich raus aus der Steinwüste, keine Mauer mehr, kein Todesstreifen, kein Stacheldraht. Eine Stadt wie aus dem Märchenbuch, sauber, übersichtlich, harmonisch, von einer herben Schönheit, zumal wenn die Sonne schien. Ein Hauch Mittelalter noch… Katja fühlte sich beschwingt; übermütig variierte sie Mörike:

 

Und welch Gefühl entzückter Stärke,

Indem mein Sinn sich frisch nach Bramme lenkt.

Vom ersten Mark des heutgen Tags getränkt,

Fühl ich mir Mut zu meinem wissenschaftlich Werke.

Die Seele fliegt, so weit der Himmel reicht,

Der Genius jauchzt in mir…

 

Über Mörike hatte sie ihren Abituraufsatz geschrieben. Eduard Mörike, 1804 – 1875, An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang. Nun, es war Sommer und fast schon Mittag, aber dennoch… Mörike – das hörte sich nach Möhre an; doch Möhren oder Mohrrüben hießen hier in Bramme Wurzeln. Das wußte sie von Biebusch, der aus dieser Gegend kam.

Sie merkte, daß sie ein bißchen überdreht war. Die Feier gestern, die Kontrollen, die Fahrt. Und man konnte ja nicht jeden Tag Valium oder Librium schlucken.

Sie näherte sich der Innenstadt. Der Verkehr wurde dichter. Die ersten Geschäftsstraßen; doch auch hier auffallend niedrige Häuser. Offensichtlich hatte man früher wegen des morastigen Untergrundes nicht höher bauen können.

Irgendwo links mußte jetzt die Knochenhauergasse abgehen, das hatte sie sich vorhin im Rasthaus an Hand eines alten Stadtplans eingeprägt. Biebusch hatte ihn bei seinen ersten Kontaktgesprächen mitgehen lassen. Brammermoorer Heerstraße bis über den Fluß, dann links, Pension Meyerdierks, Knochenhauergasse 11. Aber sie sah nicht viel, denn vor ihr bummelte ein blauer Lieferwagen vom Brammer Tageblatt die Straße entlang.

Da – der wilhelminische Backsteinkasten der Stadtbibliothek; ihr nächster Orientierungspunkt. Nicht zu glauben; es gab also tatsächlich schon Brammer, die richtig lesen konnten. Wie sie Biebusch kannte, hatte er schon in den Karteikästen nachgesehen, ob sie seine Werke angeschafft hatten. Das machte er »in jeder Buchhandlung und jeder Bibliothek, die er entdeckte. Prof. Dr. Bernhard Biebusch, Grundlegende Probleme der sozialwissenschaftlichen Methodologie, Berlin 1969, 335 Seiten, 35,80 DM.

Hinter der Bibliothek der Fluß. Nicht viel breiter als die Spree an der Kongreßhalle. Zwei Jungen paddelten in einem gelben Schlauchboot zum Anleger hinüber. Eine schöne Brühe. Ob man noch darin baden konnte?

Gleich hinter der Brücke auf der linken Seite, in die Wallanlagen hineinragend, das Harm-Clüver-Theater, die bekannte Freilichtbühne. Das Repertoire? Sicherlich nur Niederdeutsches wie De billige Grootmudder oder so. Höchstens noch Im Weißen Rößl. Auf plattdeutsch vermutlich.

Und nun zweihundert Tage in Bramme. Besuchen Sie Bramme – wir garantieren Ihnen ungestörte Langeweile. Vergessen Sie Ihren Streß, werden Sie stumpfsinnig. Blieb nur die Arbeit. Biebusch würde sich freuen. Außer einer Eins-Minus für die Diplomarbeit war von Bramme nicht viel zu erwarten. Oder? Höchstens mal ein Ausflug nach Bremen oder Worpswede, vielleicht noch Hamburg. Den Mann fürs Leben ganz bestimmt nicht. Wenn sie die Brammer Burschen so sah, klobig, brav und bieder, war nicht mal an eine gelegentliche Befriedigung kreatürlicher Bedürfnisse zu denken… Oder? Vielleicht war’s mit denen gerade reizvoll?

Verdammt, nun hatte sie sich doch falsch eingeordnet! Da lag linkerhand die Knochenhauergasse in voller Schönheit, aber sie durfte nicht nach links abbiegen. Was blieb ihr weiter übrig, als geradeaus weiterzufahren. Bis zum Bahnhof ging es noch; dann hatte sie vollends die Orientierung verloren. Bramme als Labyrinth, es war nicht zu fassen. Sie rollte auf eine Tankstelle zu und hielt.

„Bitte volltanken.“ Nur so zu fragen, war ihr peinlich.

„Für Sie tu ich alles!“

Schon der erste Brammer flirtete mit ihr. Na bitte. Aber kein Wunder, wenn sie sich die Brammer Mädchen ansah. Im Normfall offenbar drall, rosig und provinziell, nach dem zu urteilen, was sie bisher gesehen hatte. Und die Kleidung erst, langweilig und trist. Da war sie als Einäugige ja Königin. Wie die Monteure drüben an der Hebebühne sie anstarrten… Das konnte ja heiter werden.

Der Tankwart, blond und blauäugig, erklärte ihr den Weg zur Knochenhauergasse. Es ging so umständlich und schleppend, daß sie’s gleich kapierte. Er hatte ihr Berliner Nummernschild gesehen und wollte ihr mal die Stadt zeigen. Am besten abends.

„Ich komme öfter hier vorbei…“

Sie fuhr weiter, landete, von den vielen Einbahnstraßen verwirrt, am Wallgraben und fand dann schließlich doch irgendwie zur Brammermoorer Heerstraße zurück. Endlich entdeckte sie den burgähnlichen Koloß des Albert-Schweitzer-Gymnasiums, wie ihn der freundliche Tankwart beschrieben hatte, und dahinter tatsächlich die Knochenhauergasse. Knochenhauer… Man hörte es direkt krachen. Da war auch die Kirchgasse und gegenüber das Hotel Stadtwaage mit dem großen Parkplatz.

Als sie anhielt, erklang gegenüber das helle Glockenspiel der Matthäikirche. Wenn das keine Begrüßung war!

Katja stieg aus und betrachtete über ihren Wagen hinweg die Pension Meyerdierks. Ein Brammer Bürgerhaus, schmal und zweistöckig, zwischen anderen Brammer Bürgerhäusern. Eine ockerfarbene Backsteinfassade, alle Begrenzungen und Öffnungen eingefaßt von grau getünchten Quadern, über jedem Fenster ein Parthenonfries im kleinen, unter der Dachrinne eine Zierleiste mit Blätterornamentik, griechisch Kymation, über dem Eingang ein Architrav, getragen von korinthischen Säulen mit einem Kapitell aus verschmutztem Stuck. Katja freute sich, daß sie im Kunstunterricht zufällig mal was fürs Leben gelernt hatte.

So ein Haus müßte man haben, dachte sie, und dann vermieten. Zwei Familien, 700 Mark Miete im Monat… Sie lächelte. Rudimente kleinbürgerlichen Bewußtseins bei einer progressiven Soziologin.

Wenn man genauer hinsah, machte die Knochenhauergasse schon einen etwas schäbigen Eindruck. Schäbige Eleganz. Wie ein Geigenvirtuose, der früher mal in den Konzertsälen die feinen Leute unterhalten hat und nun im abgewetzten Frack in Altersheimen spielt… Zwei, drei Häuser waren schon abgerissen worden. Da parkten jetzt Autos. Nächste Assoziation: Wie das Gebiß einer alternden Dame – gelbliche Zähne und etliche Lücken. Katja fuhr mit der Zunge den Oberkiefer entlang. Zwei Kronen, einige Plomben. Hoffentlich blieb es ihr erspart, hier in Bramme zum Zahnarzt zu müssen. Die hatten vielleicht noch Bohrgeräte mit Fußantrieb.

Zwei alte Damen kamen vorüber, schlurften, tasteten mit den Schuhspitzen erst die Steine ab, ehe sie den nächsten Schritt wagten. Wie mochten sie vor 22 Jahren ausgesehen haben? Katja mühte sich im ein passendes Bild. Die eine sah nach Hebamme aus. Dick, mütterlich, resolut. Vielleicht war sie bei Katjas Geburt dabei gewesen?

Oder hatte ihr, als Nachbarin vielleicht, eine Puppe geschenkt? Wieder in der Heimat… Katja genoß ihre sentimentalen Gefühle. Wie viele Soziologen, die Tag für Tag die Welt sezieren müssen, liebte sie insgeheim die heile Welt mit ihren Schnulzen.

Sie nahm ihren Koffer hoch, war irgendwie erstaunt, daß noch immer kein Pferdefuhrwerk vorüberrasselte, und ging auf die Pension zu. Die Fenster alle geschlossen, ein bißchen ergraute Gardinen dahinter. Keine Blumen. Kein Mensch zu sehen. Verdammtes Kopfsteinpflaster! Sie knickte dauernd um, mal war’s der linke Fuß, mal der rechte. Brammer Montmartre. Es roch nach Urin. Sie schwitzte ein wenig.

Eine Treppe mit fünf ausgetretenen Stufen. Auf einer kleinen Milchglasscheibe stand das Wort Nachtglocke. Dahinter brannte noch immer die schwache Glühbirne. Man sah’s deutlich, denn Sonnenschein gab’s hier nicht. Katja drückte auf den Klingelknopf. Sekunden später stand Frau Meyerdierks in der Tür.

Eine waschechte Rubens-Figur. Katja hatte im vorigen Jahr im Prado den Bauerntanz von Rubens gesehen, da war ihr Frau Meyerdierks zum erstenmal begegnet. Sie kam ihr jedenfalls außerordentlich bekannt vor. Irgendwie vertraut.

„Ich bin Katja Marciniak…“

Frau Meyerdierks musterte sie. Die auberginenfarbene Kordhose schien ihr weniger zu gefallen, der maisgelbe Pulli auch nicht, von den langen Haaren ganz zu schweigen. Fehlte bloß noch, daß sie ihr die Arme nach Einstichstellen absuchte.

„Herr Professor Biebusch hat hier ein Zimmer für mich reservieren lassen.“

„Ja, entschuldigen Sie!“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Natürlich, natürlich!“ Sie schüttelte Katja die Hand. „Ich bin Frau Meyerdierks. Wissen Sie, meine Kopfschmerzen… Bitte sehr, hier herein, im ersten Stock, ein schönes Zimmer… Na ja, schön… Wir stehen ja auf der Abbruchliste. Altstadtsanierung; da investiert doch keiner mehr was. Gehen Sie mal voran. Gleich die Tür an der Treppe. Die Toilette ist dann hinten links.“

Katja stieg die Treppe hinauf. Eine weinrote Tapete mit silbernen Ranken darauf, die Decke rauchgebräunt wie oben in Berliner Doppeldeckerbussen. So ein bißchen Kleinstadtpuff. Der nächste Herr, dieselbe Dame. Ein fadenscheiniger Teppich; mit Reißnägeln angeheftet der Stadtplan von Bramme.

Frau Meyerdierks redete und redete, war kein bißchen norddeutsch. Ihr Mann arbeite zwar bei Buth in der Fertighausabteilung, aber von seinem Einkommen konnten sie nicht leben. Daher noch die Pension, die ganz allein in ihr Ressort fiel. Und 250 Mark im Monat für das Zimmer waren doch sicher nicht zuviel? Mit Frühstück natürlich…

Katja müsse entschuldigen, daß sie im Augenblick ein wenig tütelig sei, aber ihr Sohn liege in Perth, in Australien, schwerverletzt im Krankenhaus und man wisse nicht, ob er durchkomme.

„Er baut da am Stadtrand Fertighäuser, das hat er hier bei Buth gelernt. Da ist in der vorigen Woche ein Seil gerissen, und ein herabstürzendes Bauelement hat ihn getroffen. Jetzt warte ich jeden Morgen auf einen Brief von ihm.“

„Das tut mir aber leid“, sagte Katja höflich, vielleicht auch mit ein wenig Mitleid. „Es wird schon werden!“ Was kann man da schon sagen?

Frau Meyerdierks stieß die Tür zu ihrem Zimmer auf. Katja erschrak.

Eine Tapete von einem Braun, mit dem man in Atlanten den Mount Everest kennzeichnete. Und das alles in einem Rhombenmuster, das pubertäre Knaben verwendeten, um das weibliche Geschlechtsorgan darzustellen. Dazu Versandhausmöbel in einem merkwürdigen Palisanderton. Vor dem Fenster ein schmaler Tisch, dem man schon ansah, daß er wacklig war. Auf dem Bett eine lindgrüne Steppdecke, deren Flecken auf Anhieb gar nicht zu zählen waren. Wie mußte da erst die Matratze aussehen. Katja drehte sich der Magen um. Gegenüber vom Bett, also links vom Fenster, ein kombinierter Wäsche- und Kleiderschrank. Hinter dem Bett die Zentralheizung, dann ein Waschbecken mit ein paar Kunststoffkacheln und einem elektrischen Heißwasserspeicher darunter.

Frau Meyerdierks, die Katjas Blicken gefolgt war, sagte sofort: „Schalten Sie bitte das Gerät wieder ab, wenn Sie sich gewaschen haben, das kostet sonst irrsinnig viel Strom.“

„Selbstverständlich…“

Blieben noch zwei senfgelbe Sessel übrig, die Herr Meyerdierks wahrscheinlich im Sperrmüll gefunden hatte, und ein Stuhl, der offenbar aus dem Brammer Rathaus stammte. Die hohe, kunstvoll geschnitzte Lehne ließ darauf schließen. Vielleicht hatte sich Opa Meyerdierks als Ratsherr um Bramme verdient gemacht. Die aufgewölbten Dielen bedeckte ein anthrazitfarbener Lappen, den Frau Meyerdierks als Teppich bezeichnete und so schön fand, daß sie Katja um seine pflegliche Behandlung bat.

Katja stellte ihren Koffer neben das Waschbecken.

„Gefällt’s Ihnen?“ fragte Frau Meyerdierks.

„Aber ja, ich glaub schon, daß ich mich hier wohl fühle.“ Es wäre höchst unklug gewesen, das Gegenteil zu verkünden. „Wissen Sie, Frau Meyerdierks, ich…“

Ein Schatten, ein längliches Etwas war unters Bett gehuscht. Katja erstarrte, wollte aufschreien, verschluckte den Schrei. Ihr Magen krampfte sich zusammen, sie zitterte fast.

„Ist das… war das… gibt’s hier Ratten?“

Frau Meyerdierks lachte. „Das war nur Alfons Mümmel.“

„Alfons…?“

„Unser russischer Zwerghase.“ Sie bückte sich. „Komm, Alfons, ich hab Salat… Komm, mein Kleiner!“

Sie nahm den Hasen auf den Arm, und Katja streichelte ihn. Süß.

„Dann werd ich Sie man in Ruhe auspacken lassen. Wenn Sie noch einen Wunsch haben, Fräulein Marciniak… Ach, eh ich’s vergesse: der Herr Professor Biebusch hat einen Zettel für Sie geschrieben; sehen Sie mal auf dem Tisch da.“

„Ah, danke.“ Katja ging hinüber, nahm den Zettel und faltete ihn auseinander.

 

Liebes Fräulein Marciniak!

Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt. Sie finden mich ab 13 Uhr im Wespennest am Markt. Beim Essen können wir dann alles weitere besprechen.

Gruß, Biebusch

 

„Sie wollen unsere Stadt mal so richtig untersuchen?“ fragte Frau Meyerdierks.

„Ja, zum sechshundertjährigen Bestehen im nächsten Jahr. Eine Hälfte bezahlt die Stadt, die andere die Stiftung Volkswagenwerk. Eine ganz hübsche Sache…“

„Kann ich mir kaum vorstellen, daß jemand Interesse daran hat, was hier bei uns in Bramme passiert.“

„Für die Stadt- und die Gemeindesoziologie ist es schon wichtig. Berufsstruktur, geographische Herkunft der Bevölkerung, Ortsverbundenheit und Umweltverflechtung, soziale Unterschiede in den einzelnen Stadtteilen, soziale Schichtung der Bevölkerung, Schulbildung und berufliche Mobilität, Parteien, Vereine, soziale Beziehungen – ein ganzer Katalog von Fragen.“

Frau Meyerdierks ließ Alfons Mümmel auf den Boden hinab; er flitzte ins Treppenhaus. „Na, dann viel Erfolg!“ Sie wandte sich zur Tür. „Wenn Sie noch einen Wunsch haben… Ach, eh ich’s vergesse: Da hat gestern jemand angerufen und nach Ihnen gefragt.“

„Nach mir?“ Katja war erstaunt. „Wer denn?“

„Ein Mann. Seinen Namen hat er nicht genannt. Er wollte nur wissen, wann Sie hier ankommen.“

Komisch. Von ihren Freunden kannte niemand die Adresse. „Herr Biebusch vielleicht?“

„Nein, den kenne ich doch. Der war doch selber hier.“

„Hm… Jünger oder älter.“

„Wie soll ich das wissen – am Telefon?“

Da hatte sie recht. „Hier aus Bramme?“

„Das hat er nicht gesagt, aber so gut wie die Verbindung war, da…“

„Hat er sonst noch was gesagt?“

„Nein, nicht daß ich wüßte.“

Katja blickte in den Spiegel. Ihr linkes Augenlid zuckte etwas. „Fahr überall hin, aber nicht nach Bramme… Ach, Unsinn! Aber wer konnte ein Interesse an ihr haben?“

„Der wird sich schon wieder melden“, meinte Frau Meyerdierks und verschwand endgültig.

Katja war allein. Abgeschlossen von der Welt, wie in einer Gefängniszelle. Verurteilt zu zweihundert Tagen Bramme. Sie stand mitten im Zimmer, fror und rührte sich nicht. Wozu das alles, wozu? Sie fühlte sich schlaff wie nach einem Fieberanfall. Allein in Bramme, alles so fremd, so ungewiß. Fremde Menschen voller Aggressionen, kalt, erbarmungslos. Und Biebusch stellte so unheimlich hohe Anforderungen, da hatten schon so viele versagt. Leute, die zehnmal besser waren als sie selber. Sie warf sich aufs Bett. Wenn sie doch nur weinen könnte. Jetzt ein Kuß, jetzt eine Hand, die streichelte… Nichts.

Wozu die Studie, wozu die Diplomarbeit? Irgendwo liegen und schlafen, immer nur schlafen, nie wieder aufwachen. Immer nur schweben, schweben in einer wohl temperierten Flüssigkeit, die einem alles gibt, was man braucht. Nicht arbeiten, nicht denken, nicht weinen. Wenn’s doch nur einen Sinn hätte! Aber wer interessiert sich heutzutage schon für eine soziologische Untersuchung von Bramme? Noch dazu, wenn Biebusch sie leitete… Was würden sie schon an der Wirklichkeit ändern, wenn sie hier ein dickes Buch schrieben? Nichts. Wenn’s wenigstens ihrem eigenen Image genutzt hätte. Aber den Rahm schöpfte ja nur einer ab: Biebusch. Bernhard Biebusch, Eine Provinzstadt im Spannungsfeld industrieller Entwicklung. Und im Vorwort: Für ihre stets zuverlässige Mitarbeit danke ich Fräulein Katja Marciniak… Blieb ihr als Brosamen die Diplomarbeit. Und dafür zweihundert Tage Bramme? Der erste freundliche Eindruck war blaß geworden, die Euphorie verflogen. Bramme hatte auf einmal etwas Bedrohliches. Es ließ sich nicht denken, es ließ sich nicht aussprechen, aber es war da. Es ließ sich verdrängen, aber es blieb. Wozu das alles? Wenn sie mit dem Studium fertig war, dann heiratete sie, hatte Kinder, wusch Windeln und schälte Kartoffeln. Es war alles so sinnlos, nutzlos, überflüssig… Und irgendwann stand dann ihr Sohn im schäbigsten Pensionszimmer einer armseligen Stadt und suchte seinerseits nach einer Antwort…

Verdammt noch mal, soll er doch! Sie sprang auf, riß den Koffer auf, wühlte nach dem Transistorradio, fand es und drehte den Knopf herum. Ein schnulziger Schlager. I beg your pardon, I never promised you a rosegarden…

Nun gerade!

Ende der Katharsis. Sie fühlte sich erleichtert, beschwingt wie nach einer halben Flasche Portwein, nun doch wieder euphorisch. Adieu, Tristesse! C’est dans les grands dangers qu’on voit les grands courages!

Sie schaltete den Heißwasserspeicher ein und räumte, während das Wasser zu kochen begann, ihren Koffer aus. Im Schrank roch es nach Mottenpulver und ranziger Butter – offenbar hatte sich ihr Vorgänger selber verpflegt. Ach ja, einkaufen mußte sie auch noch. Jeden Abend im Restaurant zu essen, das vertrug ihr Geldbeutel nicht. Trotz der Erbschaft.

Sie wusch sich kurz, Etagenwäsche nannte man das, verbrauchte einiges an Spray und wählte dann ein kurzes Sommerkleid. Leichtes Material, zarter Druck mit viel lichtem Lila, Georgette, ein glockig geschnittener Rock, lange, blusig fallende Ärmel. Fast zu schick für Bramme.

Nachdem sie den Heißwasserspeicher auftragsgemäß abgeschaltet hatte, machte sie sich auf den Weg zu Biebusch, nicht ohne vorher auf der Treppe Alfons Mümmel mit einem Salatblatt gefüttert zu haben, das Frau Meyerdierks für alle neu angekommenen Pensionsgäste bereithielt – „damit sich das Tierchen an Sie gewöhnt!“

Es war schon kurz nach eins, und Katja beeilte sich, denn einen Biebusch ließ man nicht ungestraft warten.

Die Knochenhauergasse lief schnurgerade auf den Marktplatz zu. Keine fünf Minuten Fußweg. Sie prägte sich die ersten Namen ein. Dr. Hans Harjes, Urologe. Zoohandlung Wachmann. Café Klauer. Dr. Wolfgang Vesshoff, Rechtsanwalt und Notar. Schuh-Dopp. Lichthaus Bruns.

Eine schmale Nebenstraße, der Mönchsgang. Irgendwo mußte auch die Ruine des bekannten Zisterzienserklosters… Dann stand sie auf dem bunt-belebten Quadrat des Marktplatzes.

Der von Tabor oder Budweis war schöner, aber immerhin. Vor ihr das ehrwürdige Rathaus mit seiner angefressenen Renaissancefassade und viel Patina auf dem Dach. Ihr zur Linken das unvermeidliche Kaufhaus mit der bundesweit genormten Aluminiumfassade. Dahinter ein China-Restaurant, Lu Fung oder so. Schräg gegenüber, an der nördlichen Stirnseite des Platzes also, die Redaktion des Brammer Tageblatt und, durch die zum Wall führende Straße von ihr getrennt, die Trutzburg des Stadt- und Polizeihauses.

In der Mitte des Marktes eine Art Conrad-Ferdinand-Meyer-Gedenkbrunnen: Aufsteigt der Strahl, und fallend gießt er voll der Marmorschale Rund, die, sich verschleiernd, überfließt in einer zweiten Schale Grund…

Katja erreichte den Brunnen und kühlte sich in der zweiten Schale Grund die Finger. Dabei stellte sie fest, daß der Brunnen von Harm Clüver erdacht und errichtet worden war, offenbar dem Universalgenie der Stadt. Auch die Freilichtbühne trug ja seinen Namen.

Vor dem linken Flügel des Rathauses störte ein hölzerner Kiosk die Harmonie des Bildes. Zeitungen, Zeitschriften, Zigaretten, Süßigkeiten, Ansichtskarten, Andenken. Katja überlegte einen Augenblick. Karten hatte sie keine zu schreiben, aber eine Tageszeitung brauchte sie. Ob das Brammer Tageblatt schon was von der großen Untersuchung drin hatte? Sie schlenderte über den Marktplatz.

Schon hatte sie ein Fünfzig-Pfennig-Stück aus ihrer ledernen Umhängetasche gekramt und wollte auf den Kiosk zugehen, als sie an der Schmalseite des Rathauses, wo der Backstein besonders verwittert war, eine Gedenktafel aus weißgrauem Marmor entdeckte. Eine fünf Zeilen lange Inschrift, die einzelnen Buchstaben mit schwärzlichem Blattgold ausgelegt. Unter der Tafel eine schreibtischgroße bläuliche Platte, Basalt wohl, mit einem eingemeißelten Kreuz. Sie trat näher und hoffte, ihre guten Lateinkenntnisse bestätigt zu finden.

Aber das war kein Latein, das war Plattdeutsch. Außer dem Namen SOPHIE konnte sie keines der Worte richtig deuten. Das wurmte sie. Sie trat näher heran, stand jetzt mit beiden Füßen auf dem bläulichen Stein und wollte…

Im selben Augenblick schrie der Zeitungshändler aus seinem Kiosk: „Fräulein, nicht auf den Stein treten!“

Katja fuhr herum, starrte den verhutzelten, weißhaarigen Alten an und war verwirrt.

„An dieser Stelle ist 1784 die Gräfin Sophie von einem herabstürzenden Ziegel erschlagen worden.“

Katja faßte sich wieder und schaute nach oben. Da sah alles ganz solide aus. „Ich bin keine Gräfin – leider.“

„Das ist der berühmte Unglücksstein von Bramme, daß weiß man doch! Wer da auf die Steinplatte tritt, der wird vom Unglück verfolgt. Alle Leute machen einen großen Bogen drumherum.“

Katja lachte. Mittelalter in Bramme.

„Lachen Sie nur! Im April ist eine Hamburgerin draufgetreten, so alt wie Sie, obwohl ich sie gewarnt hatte. Ausgelacht hat sie mich. Drei Tage später war sie tot – beim Baden im Brammer Meer ertrunken…“

Wurde ihr ein bißchen mulmig? Ängstlich schob Katja den Gedanken beiseite. Ein wenig hastig ging sie auf den Kiosk zu. „Ein Brammer Tageblatt bitte!“ Sie warf ihr Geldstück auf die abgegriffene Glasplatte.

Der alte Mann reichte ihr die gefaltete Zeitung, gab das Wechselgeld heraus und fuhr unbeirrt fort: „Im vorigen Jahr hat auch eine junge Frau auf dem Stein gestanden und sich über mich lustig gemacht. Frauke hieß sie. Sie war gerade erst nach Bramme gekommen, als Krankenschwester. Zwei Wochen später ist sie in Hannover ermordet worden.“

„Wie schauerlich!“ Katja bemühte sich, spöttisch zu sein.

„Da ist was dran; passen Sie man auf!“

Katja nahm die Zeitung, nickte dem kauzigen Alten zu und nahm Kurs auf den Harm-Clüver-Brunnen. Der Unglücksstein… So ein Unsinn! Aber ein gewisses Frösteln ließ sich kaum unterdrücken. Als sie sich umwandte und aufpaßte, bemerkte sie, daß die Brammer tatsächlich einen kleinen Bogen um den basaltblauen Stein machten. Blöd!

Sie steckte die Zeitung ein, ohne die Schlagzeilen zu überfliegen, tunkte die freie Hand kurz in die untere Schale des Brunnens, lenkte ihre Schritte auf den leicht barocken Block der Deutschen Bank zu und entdeckte links daneben das vielgerühmte Hotel-Restaurant Zum Wespennest. Ein zweistöckiger Fachwerkbau, ganz auf altdeutsch gemacht. Dunkelbraun gestrichen die Rahmenwerkteile, weiß getüncht die Flächen dazwischen. Sehr hübsch die Fächerrosetten im ersten Stockwerk.

Katja war auf Studentenlokale eingestellt, und als sie jetzt den mittelalterlich-fürstlich gehaltenen Speiseraum betrat, kam sie sich wie ein schüchternes kleines Mädchen vor. An den Tischen Geschäftsleute und Honoratioren, für die ein Zwanzig-Mark-Gedeck nur ein Klacks war. Apotheker, Zahnärzte, Supermarktbesitzer, Verkaufsleiter, Stadträte, Banker, Manager. Und diese schwachsinnigen Schmarotzer sollte sie nun in den nächsten Wochen interviewen, immer ein freundliches Wort auf den Lippen und ein aufmunterndes Lächeln im Gesicht? Sie würde es tun. Dabei hätte sie die ganze Brut am liebsten reihenweise geohrfeigt. Die Beate Klarsfeld von Bramme. Ganz schön schizophren. Sie fand sich interessant.

Sie ließ den Haß unter dem Zuckerguß ihrer Selbstironie verschwinden und suchte nach Biebusch. Der hatte sich natürlich in diesem protzigen Schuppen ein Zimmer gemietet und speiste auch hier. Wo anders hätte ein Elitemensch wie er auch Quartier nehmen sollen?

Hinten am Kamin hockte er. Ganz vertieft in Tizians Bacchanal, das als etwas düster geratene Kopie zwischen zwei Fenstern hing. Die Denkerstirn in Falten gelegt. Mit den Fingern der rechten Hand juckte er in seiner rötlichen Seemannskrause herum. Ein Wikinger der Wissenschaft.

„Die studentische Hilfskraft Katja Marciniak meldet sich zur Stelle!“

Biebusch zuckte zusammen, starrte sie sekundenlang an, als wäre eine Figur aus dem Reich seiner Tagträume plötzlich zum Leben erwacht, erhob sich dann andeutungsweise und begrüßte sie mit der gleichen Freude, die ein reicher Mann empfindet, wenn er 3 Mark 50 im Lotto gewinnt. Zwar gab er ihr die Hand, aber Katja, die hin und wieder Science-Fiction-Romane las, wurde unwillkürlich an die unsichtbare Kuppel eines Kraftfeldes erinnert, das die Astronauten um sich und ihr Raketenfahrzeug legen, um von feindlichen Einflüssen unbehelligt zu bleiben.

Sie setzte sich, und Biebusch schob ihr wortlos die Karte zu. Das billigste Gericht lag so bei 7 Mark. Sie hätte sich schon ein Gedeck zu 14 Mark leisten können, ein Hirschsteak etwa; schließlich hatte ihr die Großmutter ein ganz hübsches Sparbuch hinterlassen. Aber sie hatte keine Lust, fette Wirte noch fetter zu machen. Daß Biebusch sie einlud, war unwahrscheinlich, denn der dachte todsicher wieder, sie könnte seine Einladung als Eröffnung eines längst in der Luft liegenden, aber von ihm heftig gefürchteten Liebesspiels auffassen. So entschied sie sich für ein Bauernfrühstück, ganz ihrem ersten Eindruck von Bramme angemessen, während Biebusch tatsächlich das Hirschsteak wählte.

Das Gespräch kam nur mühsam in Gang. Biebusch fragte nach Reise, Unterkunft und Stimmung und sie fragte ihn nach seinen bisherigen Erlebnissen in Bramme.

Biebusch war Asthmatiker, und seine Worte waren mit pfeifenden Atemzügen unterlegt. „Bramme hat sich ganz schön verändert. Ich war seit zwanzig Jahren nicht mehr hier, seit mein Onkel tot ist. Früher habe ich immer die Ferien hier verbracht… Ja… Aber dennoch: es gab noch einige Anlaufstellen für mich. Es ist von unschätzbarem Wert für uns, daß mein alter Freund Hänschen Lankenau zur Zeit Bürgermeister ist… Apropos, wir sind um 15 Uhr bei ihm eingeladen, kurzer Antrittsbesuch…“

„Das ist ja erfreulich“, sagte Katja. Ein wenig patzig, ein wenig hölzern.

Das Essen kam, und es quälte sie, daß sie sich so fremd gegenübersaßen. Für Biebusch war sie, wie sie meinte, kein Mensch, sondern ein Instrument. Er brauchte sie für seine Untersuchung, für die sogenannte Feldarbeit, und sie mußte ihn hinnehmen, wie er war, denn mit der Annahme oder Ablehnung ihrer Diplomarbeit entschied er über ihr Schicksal.

Biebusch erzählte von seiner Frau, die gerade in Berlin in der Hochschule für Musik einen Liederabend gegeben hatte – Schubert, Schumann, Mahler, Fauré und Poulenc; er erzählte von seinem Vater, der in den Aufsichtsräten einiger Banken und Konzerne saß, schätzungsweise fünfzigtausend im Monat verdiente, und von seiner Mutter, die – obwohl sie’s natürlich nicht nötig hatte – unter ihrem Mädchennamen lateinamerikanische Prosa übersetzte, Cancela, Barletta, Heredia… Katja erzählte von Frau Meyerdierks und Alfons Mümmel. Dann erkundigte sie sich:

„Wann kommen denn die anderen beiden?“

„Herr Kuschka nimmt Frau Haas in seinem Wagen mit. Wir treffen uns morgen Punkt zehn im Büro.“

„Im Büro…?“

„Lankenau hat dafür gesorgt, daß wir oben im Rathaus ein Zimmer bekommen.“

„Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.“ Katja versuchte es mit einer gewissen ironischen Distanz, hatte aber nicht den Eindruck, daß es ihr gelang. Es wirkte eher naiv.

„Das ist schon ein ausgezeichnetes Team“, sagte Biebusch. „Wie haben Sie sich denn vorbereitet?“

Katja stammelte etwas von Fieber und heftigen Kopfschmerzen, dann zählte sie auf, was sie alles gelesen hatte – mehr oder minder diagonal: „Bahrdt, Schwonke, König, Wurzbacher, Elisabeth Pfeil, Renate Mayntz – und zuletzt Mitscherlich: Die Unwirklichkeit unserer Städte“.

„Unwirtlichkeit“, verbesserte Biebusch. „Bei mir, in meiner Einführung in die empirische Soziologie, steht ja auch einiges drin, was für uns nützlich sein könnte.“

„Das ja… Auf alle Fälle…“ murmelte Katja. Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und wischte sich die Lippen ab. Leinenservietten hatten sie hier. Biebusch wartete noch auf seinen Nachtisch.

„Sehen Sie mal…“ Biebusch machte eine knappe Kopfbewegung zur Tür hin, wo zwei Herren vom Ober devot begrüßt wurden, beide nicht viel älter als Biebusch, so Anfang Vierzig… „Die Opposition. Der mit der Brille ist Dr. Trey, Chefredakteur beim Tageblatt und wahrscheinlich nächster Bürgermeister von Bramme. Ein exzellenter Redner. Der Hagere ist Günther Buth – Buth KG und so. Dem gehört halb Bramme, einschließlich des Wespennest hier… Der heimliche Herrscher von Bramme.“

Für die beiden war in der Nähe der Tür, direkt unter dem überdimensionalen Wespennest, ein Tisch reserviert, und da der Kellner bei ihnen das Geschirr abzuräumen begann, mußte Biebusch schnell das Thema wechseln. Er grüßte mit einem freundlichen Lächeln und einem kurzen Kopfnicken zu Trey und Buth hinüber und erging sich dann in subtilen Betrachtungen über die optimale Möglichkeit, Statusdifferenzierungen empirisch zu ermitteln. „Ich halte eigentlich recht viel von der Selbsteinschätzung der Leute. Vielleicht sollten wir ihnen einfach die Prestigeskala von Moore und Kleining vorlegen und sie bitten, sich selbst einzuordnen.“

Katja wollte auch einmal etwas Kluges sagen. „Ich bin ja mehr für den multiplen Statusindex von Scheuch, denn… denn…“ Sie stockte. Einmal fiel ihr so plötzlich keine überzeugende Begründung mehr ein und zum andern irritierte es sie, daß die beiden Herren unter dem Wespennest immer wieder mehr oder minder verstohlen zu ihr herübersahen und dann miteinander tuschelten. Es schien ihr auch, als hätte Biebusch den beiden zugezwinkert. Sie schob ihr Kleid etwas die Schenkel hinunter.

„Wir hätten gern gezahlt“, sagte Biebusch, während er den letzten Rest seines Vanilleeises aus der silbernen Schale löffelte.

„Zusammen?“ fragte der Ober.

Katja vermied es, Biebusch anzusehen.

„Nein, jeder extra…“

Katja stand auf und strich ihr Kleid glatt. Biebusch schob ihren Stuhl unter den Tisch und flüsterte ihr zu: „Wir müssen guten Tag sagen… Ich kenne Trey und Buth vom Tennisclub. Da hab ich gestern gespielt… Kontakte! Ich werde Sie mal vorstellen.“

„Wenn’s sein muß.“ Katja haßte das Händeschütteln, das ganze alberne Zeremoniell.

Sie gingen auf den Tisch zu, an dem die beiden Männer saßen. Der Ober hatte ihnen gerade kleine Tassen gebracht, aus denen sie ihre Suppe löffelten, Schildkrötensuppe wahrscheinlich, Lady Curzon. Sie schienen in ihre Gedanken vertieft; sie schwiegen und vermieden es, nach links oder rechts zu sehen.

Es waren nur zehn, zwölf Meter bis zu ihrem Tisch, aber Katja hatte das Gefühl, über einen endlos langen roten Teppich zu schreiten, der ihretwegen ausgerollt worden war. Honoratioren. Herren der Stadt. Oberschicht. Elite. Macht. Geld… Und sie? Klein, winzig, bedeutungslos. Sie war intelligent, ja; sie war hübsch, ja – aber das ließ sich nur in Macht, Geld, Prestige und Unabhängigkeit umsetzen, wenn sie beides verkaufte… Da saßen zwei potentielle Käufer.

Über den beiden Männern das Wespennest. Überdimensioniert. Die Waben geschickt geformt aus grauem Plastikmaterial, an dünnen Fäden aufgehängt die Wespen. Ein ganzer Schwarm. Irgendwie bedrohlich.

Ein endloser Weg. Ihre Blicke erfaßten den Raum, registrierten Schwerter, Ritterrüstungen, Hellebarden, Zinkkannen, alte Flinten und Wappen an den Wänden; ein plötzliches Schwindelgefühl ließ sie ein wenig schwanken.

„Entschuldigen Sie, meine Herren“, sagte Biebusch mit seiner sonoren Stimme. „Darf ich Sie mit meiner Mitarbeiterin bekannt machen…“

Dr. Trey sah von seiner Tasse hoch, musterte Biebusch, streifte Katja mit einem kurzen, fast ängstlichen Blick und erhob sich dann schwerfällig, indem er sich mit beiden Händen von der Tischplatte hochdrückte.

Katja schaute in ein rosiges Babygesicht. Leicht geäderte Bäckchen, vielleicht mal bei Frost Motorrad gefahren, ein Schmollmund, nuckelbereit. Irgendwie farblose dunkelbraune Haare, gescheitelt, braver Beamtenschnitt, dicker Hals mit einer Unzahl kleiner Pickel, zu enger Hemdkragen wahrscheinlich. Schweiß auf der Stirn. Eine mächtige Hornbrille, dahinter blaue Augen.

„Herr Dr. Trey“, sagte Biebusch. „Fräulein Marciniak.“

Trey schluckte. „Freut mich, angenehm…“ Seine Hand war schlaff und feucht, und Katja hatte das Gefühl, einen toten Fisch angefaßt zu haben. Er lächelte, aber es sah mühsam aus und ließ ihn noch trauriger erscheinen.

Katja sah, daß er einen Ring trug. Ein verheirateter Mann, ein Journalist, und dann so verwirrt, wenn er ein halbwegs hübsches Mädchen sah? Was er wohl dachte? Offenbar war er vollkommen weg… Ein bißchen verklemmt, aber nett. Schon möglich, daß er die nächste Wahl gewann; Frauen mochten solche Typen. Hilflos, scheu und lieb.

Buth hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt und der Begrüßungsszene mit einem spöttischen Grinsen zugesehen. Jetzt stand er auf, schnellte fast vom Stuhl, und drückte Katja die Hand, daß es schmerzte.

„Buth“, lachte er. „Geht’s dir gut, liegt’s an Buth. Herzlich willkommen in Bramme, meine Gnädigste, und viel Erfolg bei uns! Ich werde mich gleich erkundigen, wieviel Tage man hier angemeldet sein muß, damit man ,Miss Bramme’ werden kann – meine Stimme ist Ihnen sicher… Mensch, wenn ich Sie vor einem meiner Häuser fotografieren lasse – das gibt einen Prospekt! Da kauft ganz Deutschland bei mir… Sie kennen doch meine Fertighäuser? WOHNE GUT MIT BUTH! Ich hoffe, Sie kommen auch mal in meine Firma und sehen sich da um. Kleine Betriebsbesichtigung. Müssen Sie wohl ohnehin – ich bin ja die Industrie von Bramme. Früher hatte ich einen Partner, der hieß Skohr, aber den mußte ich abstoßen, weil bei dem Firmennamen keiner was kaufte: Skohr und Buth – Skorbut…“

Katja lachte, so wie es sich gehörte; sie fand die ganze Munterkeit ein bißchen aufgesetzt. Aber alert und dynamisch war er schon, der Herr Buth. Hager, drahtig; der Kopf schmal, englisch, vielleicht ein wenig birnenförmig. Braune Augen, bernsteinfarben – nein, eher wie Kaffee mit einem Schuß Sahne. Ein bißchen hohlwangig; schmale Lippen, eine Kerbe im Kinn; Halbglatze, hinten die grau melierten Haare lockig gehalten. Irgendwie… Eigentlich irgendwie sympathisch.

Buth schlug Biebusch auf die Schulter. „Herr Professor, Fräulein Marciniak – ich stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung, wenn Sie etwas über Bramme und seine soziologischen Innereien wissen wollen. Anruf genügt – Buth ist immer gut!“ Ganz weltmännisch, ganz jovial.

Biebusch bedankte sich, und nach ein paar Abschiedsfloskeln hielt er Katja die Tür auf. Der Ober kam zu spät.

Brütende Mittagshitze auf dem Marktplatz; die trockene Luft erschwerte das Atmen. Katja hustete. Sie schloß für einen Augenblick die Augen, um ihnen Zeit zu geben, sich anzupassen.

„Kommen Sie“, drängte Biebusch. „Wir können den Bürgermeister schlecht warten lassen.“

Katja war nicht mehr dazu gekommen, auf die Toilette zu gehen. Ihre Haare? Sie bückte sich leicht, um in der großen Scheibe des Wespennest ihre Frisur zu überprüfen. Dahinter hatten Trey und Buth wieder Platz genommen. Katja verstand kein Wort, konnte aber an den Gesten erkennen, daß Trey heftig auf Buth einredete.

Als sie Katja hinter der Gardine bemerkten, erstarrten sie sekundenlang, ehe Buth den Ober herbeiwinkte.