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Sie standen auf der Großen Wasserbrücke und blickten in Richtung Hafen. Die vorübergehenden Fußgänger drehten sich nach ihnen um und grinsten. Lemmermann verstand das nicht.
„Als ob die noch nie einen Menschen gesehen hätten!“
Er wußte nicht, daß er hinten am Gürtel seiner Safari-Jacke ein Pappschild mit der Aufschrift trug Vorübergehend außer Betrieb. Katja hatte es an der Tür einer Fernsprechzelle gesehen.
Kuschka zuckte nur die Achseln und blieb ernst, Katja starrte betont uninteressiert zur Martinikirche hinüber, Frau Haas fand es zwar kindisch, sagte aber nichts.
Katja zog heute eine große Schau ab. Sie fragte verdutzte Bürger in einer Phantasiesprache nach dem Jungfernstieg – „Ta komma u brammaro a Jungfernstieg?“ – und ließ sich umständlich auseinandersetzen, daß sie sich hier in Bremen und nicht in Hamburg befand; sie ging auf brave Hausfrauen zu, begrüßte sie überschwenglich – „Ja, die Frau Ascheregen! Ja, wie geht’s denn?“ – und war nur schwer zu überzeugen, daß hier eine Verwechslung vorliegen müsse; als sie sich dann unter den Rathausarkaden ausruhten, klebte sie mit UHU-plus, das Kuschka zur Reparatur seiner Sandale gekauft hatte, ein Zwei-Mark-Stück neben ihrer Bank fest. Fuß drauf und eine Viertelstunde gewartet. Vom Roland aus war es nachher nett mitanzusehen, wie sich Wermutbrüder, Kommunarden und Rentnerinnen die Fingernägel abbrachen.
Sie war an diesem späten Nachmittag groß in Form. Kuschka und Frau Haas kannten sie nicht wieder, schrieben es aber Biebuschs Abwesenheit zu.
Katja sah Lemmermann an. „Wohin fahren Sie denn dies Jahr in Urlaub?“
„Ich weiß noch nicht.“
„Fahren Sie nach Sicht!“
„Sicht…? Ich kenn mich ja ganz gut aus – aber Sicht…?“
„Muß aber ganz bekannt sein, vor allem wegen des Wetters.“
„Nie gehört.“
„Vor dem Reisebüro eben hat wieder eine Frau gesagt: Es ist schönes Wetter in Sicht.“
So ging es noch ein Weilchen; auch Kuschka und Lemmermann blödelten nach Kräften. Nur Frau Haas fand es unter ihrem intellektuellen Niveau.
Katja merkte genau, wie albern und überdreht sie war, wie alles ein bißchen aufgesetzt wirkte. Kein Wunder nach dem Schock am Mittag. Jetzt mußte sie’s verdrängen, in eine andere Rolle hineinschlüpfen, Groteskes spielen auf der Bühne einer heilen Welt und ordentlich dem Affen Zucker geben. Nur nicht an die Szene im Stadtpark denken und an das, was ihre Mutter nachher auszuhalten hatte. Weiterblödeln!
Sie blieb vor einem Zeitungskiosk stehen. „Mensch, das hätte ich dem Kiesinger ja nicht zugetraut!“
„Was?“ fragte Kuschka.
„Na, daß der jetzt Berater von Nixon ist.“
„Das ist doch Henry A. Kissinger!“ sagte Frau Haas belehrend. Mißbilligung in der Stimme.
„Das kostet Sie ‘ne Lage!“ rief Kuschka, der sich so etwas nie entgehen ließ.
Wenig später saßen sie in einer Art gehobenen Seemannskneipe und tranken Porter mit Rum, worauf es noch um einige Grade lustiger wurde. Sogar Frau Haas trug mit einer kleinen Anekdote zur allgemeinen Belustigung bei.
Katja fand, daß Lemmermann – nun vom Schild befreit – trotz aller Fröhlichkeit irgendwie befangen war. Ob er merkte, wie sie ihn ununterbrochen im Auge hatte? Das ist nun mein Vater… Es ging ihr nicht mehr aus dem Kopf; seit sie in Bramme in seinen Wagen gestiegen war, beherrschte dieser Satz ihre Gedanken. Es schien ihr sicher, daß Bernharda recht hatte und dieser Helmut Lemmermann ihr Vater war. Ein sehr ansehnlicher Vater sogar. Der Beweis lag ja auf der Hand: Warum hatte er sie drei zu diesem Trip nach Bremen eingeladen – doch nur, um seine Tochter kennenzulernen, ohne daß es auffiel. Die leicht nach unten gezogenen Mundwinkel – genau wie bei ihr. Sie war ihm keineswegs wie aus dem Gesicht geschnitten, dazu kam sie viel zu sehr nach ihrer Großmutter; aber die leicht gewölbte Stirn hatte sie von ihm, ebenso wie die schlanken Finger und den schreitenden Gang. Sie mochte ihn, sie spürte eine lustvolle Erregung, wenn sie ihn ansah. Ein nachgeholter Elektra-Komplex also?
Er und ein Sittlichkeitsverbrecher – unmöglich! Sicherlich ein triebstarker Mann, aber das – niemals! Wahrscheinlich hatte ihre Mutter ihn herausgefordert und dann, als sich die Natur nicht mehr unterdrücken ließ, seine Heftigkeit als Notzucht gewertet. Unerfahren, wie sie war. Nachher hatte sie sich dann geschämt, seinen Namen verschwiegen und aus einem tiefen Schuldgefühl über ihre sittliche Verfehlung heraus die Last des unehelichen Kindes auf sich genommen. Wer wollte schon wissen, was sich damals im Stadtpark abgespielt hatte…? Die männerfressende Bernharda bestimmt nicht.
Sie schlenderten durch Bremen, nutzten den langen Tag. Lemmermann spielte den Fremdenführer, zeigte ihnen Roland, Rathaus und Schütting, St. Petri-Dom, Liebfrauenkirche und Bahnhof, das Haus der Bürgerschaft und die Stadtmusikanten an der Westseite des Rathauses, und führte sie durch die Böttcherstraße und das Schnoorviertel; nur für das Focke-Museum war es zu spät. Besonders die Böttcherstraße gefiel ihr mit dem großen Bronzerelief am Eingang, St. Georgs Kampf mit dem Drachen, ihren Arkaden und Restaurants, dem Robinson-Crusoe-Haus und dem Glockenspiel aus Porzellan, dem historischen Postkasten am Roselius-Haus und… und… und…
Irgendwie war sie glücklich, daß sie an diesem sanften Sommerabend mit Lemmermann durch die alte Gasse schlendern konnte; Kuschka und Frau Haas nahm sie kaum noch wahr. Es war alles überstanden. Sie hatte es hinter sich.
Und plötzlich hatte sie, vage und unbestimmt, das Gefühl, als habe ihre Existenz eine neue Dimension gewonnen. Sie konnte es nicht definieren, aber… Irgendwie fand sie sich interessanter als vorher. Da war ein Hauch des Außergewöhnlichen. Wer war schon wie sie gezeugt worden und hatte nach 22 Jahren seinen Vater entdeckt… Einen Vater, von dem sie zeitlebens geträumt hatte. War es nicht auch ein Wunder, daß sie ohne psychische Defekte aufgewachsen, daß sie hübsch, intelligent und durch und durch gesund war? Und sie verstand sich prächtig mit diesem Lemmermann.
Ob er heute noch eine Art Geständnis ablegen würde? Wie sag ich’s meinem Kinde? Sie war gespannt darauf. Vielleicht konnte sie morgen früh schon aus der Pension aus- und bei ihm einziehen. Er hatte ja vorhin erzählt, daß er allein lebe. Vor drei Jahren geschieden. Ob das auch mit damals zusammenhing?
Später verärgerten sie Lemmermann etwas, als sie lieber in den historischen Ratskeller gehen wollten (Hauff und so), anstatt in den Nightclub eines seiner Freunde. Aber er hatte es bald überwunden.
Kurz nach halb zwölf saßen sie dann in seinem Wagen und fuhren durch die Nacht nach Bramme zurück. Katja neben ihm auf dem Vordersitz, Kuschka und Frau Haas äußerst beengt auf den Notsitzen im Fond. Sie fühlten sich etwas diskriminiert.
Am Morgen hatte es großes Hallo gegeben, als sich herausstellte, daß Lemmermann gleichfalls einen roten Karman Ghia fuhr. Katja hatte vorgeschlagen, in zwei Wagen zu fahren, damit alle bequem Platz hätten, zugleich aber Bedenken geäußert wegen der Wahrscheinlichkeit, sich in der fremden Stadt zu verlieren.
„Ach was – das geht schon!“ hatte Lemmermann entschieden und auch gleich die Platzverteilung vorgenommen.
Ist das Zufall, daß er mich neben sich haben wollte? dachte Katja, als ihr nun auf der Rückfahrt die Szene durch den Kopf ging. Sie waren alle müde, und das Gespräch plätscherte etwas mühsam, von Pausen unterbrochen. Lemmermann war am schweigsamsten.
Plötzlich kamen Katja wieder Zweifel. Er war doch sympathisch und gutmütig – warum hatte er sich in all den Jahren nicht um sie gekümmert? Er mußte doch mitgekriegt haben, daß da irgendwo ein Kind… Das schloß geradezu aus, daß er ihr Vater war! Und überhaupt, dieser Mann war unfähig, einer Frau Gewalt anzutun; soviel Menschenkenntnis hatte sie.
Aber…
Aber da war ihr Gefühl, daß sie irgendwie zusammengehörten. Da war die Aussage von Bernharda. Da war sein Interesse an ihr und dieser Fahrt nach Bremen. Da waren Fakten wie sein Alter, seine damalige Anwesenheit in Bramme.
Es machte sie krank. Es war eine essentielle Frage für sie. Sie mußte es wissen. Sie mußte es herauskriegen…
Aber wie?
Ihn einfach zu fragen war sinnlos. Und ob er jemals von sich aus…? Aber sie konnte einfach nicht länger warten!
Da kam ihr eine Idee…
Wenn ich nun versuche, ihn zu verführen? Ziert er sich, macht er Ausflüchte, kann ich ihn in die Ecke treiben und ihm ein Geständnis entlocken. Will er aber mit mir schlafen, dann kann er nicht mein Vater sein… Beweis ist es noch keiner; so was gibt’s schließlich. Aber es gibt auch eine ziemlich starke psychische Bremse… Ihr Herz klopfte so laut, daß sie schon fürchtete, Lemmermann könnte es bemerken.
Aber der zog nur an seiner Zigarette und konzentrierte sich auf die kurvenreiche Straße. Hin und wieder warf er einen schnellen Blick zu ihr herüber, betrachtete im flatternden Licht der Ortsdurchfahrten ihre Knie. Sie registrierte es und drehte sich noch öfter zu Kuschka und Frau Haas um, was ihren knappen Rock jedesmal ein wenig höher rutschen ließ.
Der Aschenbecher klemmte, und Lemmermann bat sie, seine Zigarette auszudrücken. Sie tat es, nicht ohne dabei über seine Hand zu streichen. Er zuckte leicht zusammen. Sie nutzte die leichte Rechtskurve, um mit ihrem Kopf seine Schulter zu berühren.
„Oh, Pardon, hoffentlich sind nicht zu viele Haare haftengeblieben…“
„Macht nichts“, brummte er.
Flirten war nicht seine Stärke; insofern täuschte wohl sein Typ. Oder… Hatte er gute Gründe, es diesmal nicht zu tun? Vielleicht fand er sie auch ganz einfach aufdringlich.
Sie war sich nicht sicher, inwieweit er ihre Signale verstanden hatte. Wie konnte sie ihn aus der Reserve locken? Hinten im Wagen saßen die beiden Kollegen, die von allem nichts wußten und auch nicht alles mitbekommen sollten.
Die Heiterkeit der letzten Stunden war verflogen; jeder döste vor sich hin und fühlte sich nur hin und wieder verpflichtet, etwas zu sagen. Nur sporadisch kam so etwas wie ein Gespräch zustande.
Kuschka erzählte von einem Gelage in einer Kaschemme in Kreuzberg, wo er innerhalb von zwei Stunden zwanzig Klare gekippt hatte, vom Bier mal abgesehen. Da konnten weder Lemmermann, der seine Enthaltsamkeit auf diesem Gebiet betonte (aha!), noch Katja mitreden, von Frau Haas ganz zu schweigen, die lediglich auf die systemverfestigende Rolle des Alkohols hinwies: „… Abbau aggressiv-revolutionärer Tendenzen bei den Lohnabhängigen…“
Katja berichtete von Alfons Mümmel, wie er Frau Meyerdierks’ Telefonschnur zerbissen und seine Spuren auf dem Kopfkissen des Abteilungsleiters hinterlassen hatte: „… er springt nämlich gern in die Betten – sozusagen ein kleiner Betthase.“ Das entlockte den anderen nur ein müdes Lächeln, und Katja war sich nicht sicher, ob ihre Bemerkung bei Lemmermann die gewünschten Assoziationen hervorgebracht hatte.
Lemmermann bemerkte nur, daß sein nächtliches Wachen im Laden keinen Erfolg gehabt hätte. „Der Täter hat sich wohl eine kleine Pause gegönnt.“
„Vielleicht hat er mal das eine oder andere ausprobiert, was er bei Ihnen geklaut hat“, sagte Katja.
„Mitgenommen hat er ja nichts.“
„Na, um so besser…“
Aber Lemmermann ließ sich durch nichts aus der Reserve locken. So wie sie sich aufführte, hätte ein richtiger Playboy schon längst eine Panne vorgetäuscht und vor dem nächsten Gasthof gehalten… Merkwürdig. Oder ganz einfach. Je nachdem.
Sie fuhren schon am Brammer Meer vorbei, das silbern und schnulzenschön im Mondschein lag. Ihr Vorschlag, jetzt zu baden, wurde einstimmig verworfen. Schade; da hätte sie womöglich sehen können, ob Lemmermann an den gleichen Stellen wie sie Leberflecken…
In zehn Minuten mußten sie in Bramme sein.
Kuschka wurde wieder munter und schwärmte von Stanley Kubricks Film 2001 – Odyssee im Weltraum, worauf Lemmermann sich als süchtigen Leser von Science-Fiction-Romanen zu erkennen gab.
Katja horchte auf. Sie hatte in der Pension einen Geschichtenband von Stanislaw Lern liegen. War das ein Köder, ihn in ihr Zimmer zu locken?
Es stellte sich heraus, daß ihr ein Umstand zugute kam, mit dem sie in Unkenntnis des Brammer Straßennetzes gar nicht gerechnet hatte: Lemmermann setzte erst Frau Haas und dann Kuschka ab.
War das Absicht? Hatte er angebissen?
Endlich saßen sie allein im Auto und sahen Kuschka noch im Alten Fährhaus verschwinden, bevor Lemmermann wieder anfuhr. Katja seufzte leise. Gott sei Dank! Sie reckte und rekelte sich und versuchte, eine vertrauliche Atmosphäre herbeizuzaubern. War es der Wein, war es die lange Zeit, die seit der letzten Umarmung vergangen war, war es Lemmermanns Ausstrahlung – sie hoffte plötzlich, er möchte nicht ihr Vater sein.
Aber er verhielt sich so, als sei er es. Fehlte nur, daß er „Kindchen“ zu ihr sagte oder sinnigerweise: Bitte nicht, Katja, Sie könnten doch meine Tochter sein… Zu denken schien er’s jedenfalls.
„Ich hätte noch Lust, in eine kleine Bar zu gehen“, sagte Katja.
Die Antwort war lakonisch: „Und ich möchte so schnell wie möglich ins Bett – tut mir leid.“
Dagegen war auch mit Schlagfertigkeit nicht viel auszurichten.
„Wir sind da“, sagte Lemmermann gleich darauf und hielt vor der Pension Meyerdierks. Es war kurz nach Mitternacht.
Katja nahm ihr Herz in beide Hände – jetzt oder nie! Wenn sie ihren Vater jemals identifizieren wollte, mußte sie heute nacht zupacken. „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll… Vielleicht kommen Sie noch auf ein Bier mit nach oben?“
Lemmermann war wenig erbaut von ihrem Vorschlag. „Es ist schon so spät…“
„Ich hab auch noch einen schönen Science-Fiction-Band für Sie!“ Sie kam sich vor, als würde sie um einen Freier kämpfen.
„Na schön“, sagte Lemmermann. „Aber nur für fünf Minuten.“
Katja atmete auf, verspürte aber zugleich ein heftiges Herzklopfen. Wie mochte das ausgehen?
Lemmermann fand einen freien Platz auf der großen Parkfläche neben dem Hotel Stadtwaage. Sie stiegen aus und gingen auf die Pension zu.
Katja stutzte. Stand da im Eingang zum Altersheim nicht… Nein, es war nicht Corzelius. Da war überhaupt niemand. Der Platz vor der gläsernen Eingangstür war leer. Was sollte auch Corzelius hier, um diese Zeit.
Sie schloß auf und vermied es, unnötigen Lärm zu machen. Lemmermann folgte ihr. Es war ein bißchen wie in einem St. Pauli-Film; die Schäbigkeit der Pension Meyerdierks paßte dazu. Für Katja war es erregend, für Lemmermann offenbar weniger. War es Routine bei ihm? Oder war er als Vater bestürzt darüber, was seine Tochter hier trieb? Womöglich hatte er sich ein Idealbild von ihr gemacht. Vielleicht sah er sie als brave Bürgerstochter, die inaktiv war und blieb und sich ihre Unschuld für die Hochzeitsnacht aufsparte.
Dann saß, ohne daß sie sich später an Einzelheiten erinnern konnte, Lemmermann in ihrem Sessel, und sie stand vor dem Spiegel, um sich die Haare zu kämmen. Sie wußte, daß kaum ein Mann sich dem Zauber ihrer Bewegungen beim Kämmen entziehen konnte.
Lemmermann konnte. Er las seelenruhig in dem Science-Fiction-Band, den er auf dem Sims über der Heizung entdeckt hatte, und wartete darauf, daß das Bier, über das kaltes Wasser strömte, eine annehmbare Temperatur hatte.
Ihr war jetzt alles egal: entweder er kam zu ihr, oder er sagte ihr klipp und klar, daß er ihr Vater war… Irgendwann mußte er doch Farbe bekennen!
Sie schöpfte all ihre Möglichkeiten aus; sie schaltete den Radioapparat ein und wählte zärtlich-intime Barmusik, sie knipste die grelle Deckenbeleuchtung aus und die matte Nachttischlampe an, sie trank aus der Bierflasche und reichte sie mit Spuren ihres Speichels weiter, sie setzte sich aufs niedrige Bett und schlug die Beine übereinander, sie sang mit rauchiger Stimme einen Schlager mit, der durch sein nanana eindeutig genug war, sie strich mit der flachen Hand über ihr Kopfkissen – doch Lemmermann reagierte nicht. Das heißt, er rückte den Sessel näher an die Nachttischlampe, um weiterlesen zu können. Er saß zurückgelehnt im Sessel, zog ruhig und in sich gekehrt an seiner Zigarette und entgegnete ihr selten mehr als „hm hm“ oder „ja“.
„Sie haben ein interessantes Geschäft…“
„Ja.“
„Meistens Männer, die Kunden…“
„Hm hm.“
„Ich war noch nie in solchem Laden.“
„Ach ja?“
„Was wird denn am meisten verkauft?“
„Gott – verschieden.“
„Was finden Sie denn am besten?“
Stummes Achselzucken.
„Aktaufnahmen hat noch keiner von mir gemacht, aber als Mannequin habe ich schon gearbeitet – Miederwaren, Slips, Strumpfhosen…“
„So?“
Es war zum Heulen! Oder war es eher ein Grund zur Freude?
„Mein Gott, was müssen Sie von mir denken! Nachts mit Ihnen hier allein im Zimmer… Wenn mein sittenstrenger Herr Vater das wüßte!“
Keine Reaktion.
„Aber Sie kann ja so schnell nichts erschüttern…“
„Nun…“
Er klappte das Visier nicht hoch; es war zum Haareausraufen. Mein Gott, womit brachte man ihn bloß aus seinem Schneckenhaus heraus!? War er impotent? War er homosexuell?
Oder war er ihr Vater?
Aber dann, verdammt noch mal, sollte er doch endlich sagen, daß er’s war! Da verfolgte er nun ihre Schau, und… Sie wurde langsam böse, daß sie sich hier so aufführen mußte, ohne… Ein letzter Versuch. Sie stand auf, verbeugte sich vor ihm, sagte lachend „Damenwahl!“ und zog ihn vom Sessel hoch.
Im Radio spielten sie gerade Evergreens, sie hatte Glück. Als er endlich die Hand auf ihre Schulter gelegt hatte, war Moulin Rouge an der Reihe.
Er tanzte miserabel, sie führte ihn wie eine Marionette. Sie merkte, wie sich alles in ihm sträubte, als sie seine Nähe suchte.
Also doch!
Sie ließ ihn unwillkürlich stehen, ließ ihn los. „Was ist nun?“
Er sah sie an.
Drei Minuten später hatte sie ihren Beweis.