DONNERSTAG 27. DEZEMBER
27
Das Telefon piepste schon zum zweiten Mal in
dieser Nacht. Hatte sie gerade geschlafen? Sie zweifelte daran. Mit
dem roten Knopf brachte sie das Gerät zum Schweigen und glitt aus
dem Bett. Beim ersten Mal war sie im Flur herumgewandert und hatte
auf den Streamer gestarrt, der leise surrte und das Bild der Kamera
draußen im Treppenhaus aufzeichnete. Doch geschehen war nichts.
Frau Bergenström aus dem Dritten hatte den Fehlalarm
ausgelöst.
Diesmal setzte sie sich lieber gleich auf den
zotteligen Teppich und wartete. Ihr Blick war schräg auf den
Briefschlitz gerichtet, bis sie gähnen musste. Da erst fiel ihr
auf, dass das gelbe Lämpchen am Streamer gar nicht leuchtete. Sie
schlich ins Schlafzimmer zurück und prüfte das Telefon. Der Anruf
war gar nicht von der Kamera gekommen. Sofi hatte vergessen, ihr
einen eigenen Klang auf ihrem Telefon zuzuteilen. Sie drückte auf
Rückruf. Eine Männerstimme meldete sich.
»Sofi? Ich dachte, du schläfst.«
»Per?«
»Entschuldige die Störung. Bist du zu Hause?«
»Das bin ich.«
»Am besten ziehst du dich an und kommst her. Ich
habe etwas, das du dir mal anschauen solltest.«
»Ich bin krankgemeldet. Vielleicht solltest du
lieber Kjell informieren.«
»Ich bin oben bei der Sofiakirche.«
Sofi eilte hinüber in die Küche. Hinter dem Fenster
begann gleich der Park, in dessen Mitte die Kirche stand. Der Park
war nicht groß, aber so hügelig, dass sie die Kirche auch im
Winter, wenn die Baumkronen kahl waren, nicht sehen konnte. »Was
ist dort?«
»Lieber wäre mir, wenn du dich anziehst und
herkommst.«
Um 5 Uhr 32 verließ Sofi das Haus. Eine unerwartete
Klarheit schlug ihr ins Gesicht: Der Schnee fiel nicht mehr! Nach
drei Tagen war der Himmel wieder nachtschwarz und die Luft kälter.
Deutlich kälter.
Die Nachbarn würden sich freuen, wenn sie später
aus dem Haus kamen und sahen, dass ihre Autos nicht nur unter einem
Schneeberg lagen, sondern der Schneeberg nun auch noch festgefroren
war, dachte Sofi und stapfte um das Haus. Der Park begann gleich
hinter ihrem Küchenfenster mit einem steilen Hügel. Beim
Hochklettern musste man sich mit den Händen abstützen und an den
Sträuchern festhalten. Das erwies sich jetzt bei der Kälte und der
gefrorenen Schneedecke als unangenehm. Noch unangenehmer war der
rutschige Abstieg auf der anderen Seite. Ein zweiter Hügel stand
ihr bevor. Dort oben sah sie bereits den angestrahlten Turm der
Sofiakirche.
Mit schmerzender Lunge erreichte sie den Vorplatz
und stockte. Während die Kälte in die Wangen zwickte, war sie unter
der Kleidung ganz schön ins Schwitzen gekommen. Sie zog den
Reißverschluss ihrer Jacke auf und wedelte ein wenig mit dem
Revers, bis ihr auffiel, dass sie noch ihren rosafarbenen Pyjama
unter der Jacke trug.
Suunaat Kjærgaard saß in ihrem Wagen und machte
sich im Schein der Deckenlampe Notizen auf ihrem Klemmbrett. Per
Arrelöv trat mit zwei anderen Technikern und einer Frau aus einem
dunklen Winkel und kam auf sie zu.
»Das ist Birgitta Romberg«, sagte Per.
Unter Birgittas Uniformmütze lugte fingerbreit ein
blonder Haaransatz hervor.
Sofi streckte Birgitta die Hand hin. »Bist du von
der Katarina-Wache?«
»Nein. Nachts sind wir von der Maria-Wache auch
hier im Osten zuständig.«
»Birgitta ist von der Lokalen und war als Erste
hier.« Per machte keine Anstalten, Sofi vorzustellen. Das hatte er
wohl schon vor ihrer Ankunft getan. Er deutete zur Tür. »Geh allein
rein und mach dir ein Bild.«
Offenbar hatte Per eigenmächtig entschieden, sie
herzuholen, obwohl Birgitta hier das Sagen hatte.
»Brauche ich einen Anzug?«
»Geh einfach rein. Halt dich links.«
Sofi schwang langsam die Tür auf. Da nur jede
dritte Deckenlampe brannte, lag das Innere der Kirche im
Dämmerlicht, aber da Sofi oft zur Besinnung herkam, kannte sie den
Raum gut. Sie hielt sich an Pers Anweisung und durchschritt die
Kirche durch den linken Seitengang, den Säulen vom Mittelschiff
abgrenzten. Es duftete nicht nach Kirche, nur nach kühler Luft. Das
Holz der Verkleidungen war unheilig hell. Die Wände waren weiß ohne
jeden Schmuck. Als sie die erste Säule passierte, entdeckte sie
Pers Assistenten Lasse unter dem Kreuz auf dem Boden hocken. Er
blickte durch den Sucher eines Fotoapparats. Das Quietschen ihrer
Sportschuhe ließ ihn aufblicken. Er nickte ihr zu.
Hinter der nächsten Säule erkannte sie den Umriss
eines Menschen. Es war eine Frau mit blondem Haar, die vor Lasse in
der ersten Kirchenbank saß. Sofi tat noch einige Schritte. Eine
junge Frau. Sie sah aus, als lauschte sie einer Predigt. Lasse
setzte seine Füße ein Stück weiter und zog sein Gesäß über die
Bodenfliesen nach, um einen neuen Winkel für das nächste Bild zu
finden.
Sofi sank auf die Bank und betrachtete das Profil
der Frau. Ihre Lider standen offen. Sofi suchte den Punkt, auf den
sich die Augen der Frau richteten. Es war das Kreuz, aber
woandershin konnte man auch kaum schauen. Sofi wurde vom Blitz an
Lasses Kamera abgelenkt, oder eher von dem Umstand, dass die Frau
davon nicht blinzelte.
»Es war Musik hier, vorhin«, murmelte Lasse.
»Was?«
Er streckte den Zeigefinger zur Decke. »Die Orgel
hat gespielt.«
»Ah«, sagte Sofi.
Lasse versuchte stets, ein Gespräch mit ihr zu
beginnen. Er hob an, wieder etwas zu sagen, aber Sofi hielt sich
den Zeigefinger an die Lippen und umrundete die Tote in weitem
Kreis. Die Frau war nicht älter als zwanzig. Ihr Haar konnte nicht
von Natur aus so hell sein. Ein dunkler Ansatz schimmerte hindurch.
Auch Brauen und Wimpern waren dunkel.
Sofi steckte ihre Hände in die Taschen und schritt
auf den Ausgang zu. Draußen war die Zeit stehengeblieben. Die
anderen verharrten in derselben Haltung wie zuvor.
»Cederström hat sich auf den Weg gemacht«, sagte
Per und zog die Nase hoch.
Erst hatte sie einmal um die Kirche laufen wollen.
Je schneller sie dachte, desto schneller wollte sie auch immer
gehen. Doch die Erkenntnis hielt sie fest. Sofi stellte sich
teilnahmslos zur Gruppe, wie man es nach Beerdigungsandachten so
machte. Auch Suunaat kam vom Wagen hinzu. Der Schneeboden knirschte
beim Auftreten nicht mehr wie in den letzten Tagen, sondern kratzte
rau.
Birgitta hatte ein Klemmbrett vor den Bauch
gedrückt und blätterte in den Seiten. Sie wollte gerade ihren
Rapport beginnen, als die Scheinwerfer eines Autos in der Auffahrt
auftauchten. Das Wimmern von Kjells französischer Karre hätte
Sofi aus allen Motorengeräuschen der Welt herausgehört. Sie war
nicht halb so alt wie ihr Mirafiori und dennoch ständig kaputt. Das
Eis und die Steigung brachten den Wagen so ins Schlingern, dass die
vier Wartenden bis zur Wand der Kirche zurückwichen. Kjell bremste
mitten vor dem Eingang und sprang aus dem Wagen. Anscheinend hatte
ihm Per am Telefon mehr verraten als ihr. Er stellte sich einfach
zur Gruppe.
»Der Organist kam um Viertel nach drei«, begann
Birgitta. »Und hat eine Stunde lang geübt.«
»Nachts?«, fragte Sofi.
Birgitta nickte. »Zur Zeit finden viele Konzerte
und Messen statt. Die üben nachts. Die Bank war leer, als er kam.
Entdeckt hat er sie danach. Man hört die Orgel draußen nur, wenn
man dicht an der Kirche vorbeiläuft. Anscheinend kommen nicht
selten Leute herein und hören zu. Er hat sich ein bisschen dumm
angestellt und erst langsam kapiert, dass sie tot ist.«
»Obwohl ihre Augen offen stehen.«
Kjell mischte sich ein. »Sie ist also reingekommen,
während er oben spielte?«
»Nein«, sagte Suunaat. »Sie ist nicht in dieser
Stunde gestorben. Sie liegt bei minus acht.«
»Grad?«
Suunaat rieb sich mit dem Ärmel über ihre Nase. Für
Überfluss hatte sie kein Verständnis.
Birgitta fuhr fort. »Wir haben eine
Vermisstenanzeige vom letzten Freitag. Sie kommt von einer Frau,
die angeblich ihre Nachbarin ist.«
»Wo wohnen sie?«
»Da hinten im Skrapan in der Götgatan. Sind beide
Studentinnen.«
Das Hochhaus war von hier aus gut zu sehen. Es
ragte aus dem sonst vierstöckigen Stadtteil Södermalm heraus und
leuchtete in der Dunkelheit.
Sofi deutete mit dem Daumen zur Kirchentür. »Und
sie ist es? Ist das bestätigt?«
»Etwas ist eigenartig: Die Frau, die sie als
vermisst gemeldet hat …« Birgitta blätterte. »Astrid Blom. Sie hat
als Ort des Verschwindens die Sofiakirche angegeben.«
»Am Freitag?«, unterbrach Kjell. »Das war doch der
Einundzwanzigste.«
»Am frühen Abend.«
Die Blicke von Kjell und Sofi trafen sich. »Und
jetzt ist sie wieder hier«, brummte er. Er schlug sich den Mantel
enger um die Hüften und trat mitten durch die Gruppe hindurch auf
die Tür zu.
Sofi wusste nicht so recht, ob sie ihm folgen
sollte, und entschied sich dann, draußen zu warten. Per jedoch
stürzte hinterher, als wäre ihm noch etwas Wichtiges
eingefallen.
Sofi kniete sich nieder und knotete ihre vereisten
Schuhbänder neu. »Wann wurde die Anzeige denn aufgegeben?«, fragte
sie.
»Am 22. Dezember um 13 Uhr«, antwortete Birgitta.
»Ich lese mal vor: Ich brach am 21. Dezember gemeinsam mit Judit
Juholt - so heißt die Tote - auf, weil ich mir in einem
Geschäft in der Bondegatan ein Sommerkleid kaufen
wollte.«
»Sommerkleid?« Sofis Stimme zitterte vor Kälte. Sie
hatte sich zu dünn angezogen und geriet langsam ins
Schlottern.
»Moment bitte. An der Kreuzung Bondegatan und
Renstiernas Gatan äußerte Judit Juholt den Wunsch, für einige
Minuten zur nahen Sofiakirche gehen zu wollen. Sie würde bald ins
Geschäft nachkommen. Ich solle mich schon einmal dort umsehen. Als
das Geschäft um 18 Uhr schloss und Judit noch nicht gekommen war,
ging ich zur Kirche. Doch Judit war nicht darin. Ich fragte den
Pastor, den ich in der Vorhalle traf. Eine blonde Frau habe zehn
Minuten zuvor noch in der ersten Reihe gesessen.« Birgitta
wollte einige Zeilen überspringen, fand aber nicht, wonach
sie suchte, und setzte den Bericht daher in eigenen Worten fort.
»Astrid ist also nach Hause, hat bei Judit geklopft. Als auch am
nächsten Morgen niemand öffnete, hat sie sich gedacht, dass Judit
jemand getroffen haben muss und bei ihm geblieben ist. Die beiden
wollten an jenem Morgen zusammen für eine Woche nach Tunesien
reisen. Astrid ist zum Flughafen und wieder ausgestiegen, als alle
Fluggäste außer Judit an Bord waren und das Flugzeug starten
wollte. Sie ist dann zu Judits Zimmer im Skrapan zurück. Weil sie
immer noch nicht öffnete, ging Astrid zur Katarina-Wache. Aber die
konnten nicht viel tun. Das ist der Stand.«
Die Tür flog krachend auf. Kjell trat ins
Freie.
»Sie wurde etwa zur gleichen Zeit lebendig am
Fundort gesehen wie Elin Gustafsson an ihrem späteren Fundort«,
berichtete Sofi.
Statt zu antworten, hielt er ihr ein Biopack vor
das Gesicht.
»Das gleiche Amulett?«
»Sieh genauer hin.«
Sofi fuhr mit dem Finger über die Tüte, weil die
Folie im Laternenlicht spiegelte. »Ein Davidsstern. Ein echter.
Kann auch Zufall sein. Ein Davidsstern hat zwei Dreiecke, Elins
Anhänger bestand aus dreien. Ist nicht dasselbe Motiv.«
»Aber etwas anderes. Komm, wir gehen ein paar
Schritte.«
Kjell legte seine Hand auf ihre Schulter. Das tat
er sonst nie. Als die Dunkelheit sie umschloss, blieb er stehen.
»Es ist dir aufgefallen, oder? Das sehe ich dir an.«
Er war einen Kopf größer als sie. Deshalb musste
sie zu ihm aufschauen. »Was denn?«
»Wir haben es mit demselben Regisseur zu tun. Für
eine Leiche gibt es hundert Erklärungen, für zwei Leichen
nur eine einzige. Ein Wahnsinniger ist am Werk.«
Zwei Leichen waren noch kein Wahnsinn, dachte Sofi.
Als Mädchen hatte sie um ein Haar ihre Pflegeeltern mit dem
Traktor überfahren, als sie Händchen haltend auf dem Acker
standen. »Der Wahnsinn ist das Theater, die bühnenhafte
Inszenierung.«
»Nein. Der Wahnsinn kommt erst: Elin Gustafsson saß
vor meiner Haustür. Judit Juholt vor deiner. Am entgegengesetzten
Ende von Södermalm.«
»Das soll die Verbindung sein?«, erwiderte Sofi.
»Ich dachte an die Körpertemperatur und die Auffindesituation. Das
gleicht sich.«
Kjell sah sie eindringlich an. »Minus acht Grad ist
niedriger als die Außentemperatur. Was schließt du daraus?«
»Künstliche Kühlung?«
»Ja, und das Fundbild ist eine krankhafte
Inszenierung.«
»Vor unserer Haustür, meinst du?«
»Wie zufällig kann das in einer Großstadt sein? Das
Problem ist Linda. Sie meldet sich nicht mehr seit dem
Einundzwanzigsten.«
»Was?«
»Wir haben letzten Freitag zuletzt telefoniert.
Seit dem Weihnachtsabend versuche ich, bei ihr in Wien anzurufen.
Nie geht jemand an den Apparat, nur einmal meldete sich eine
Männerstimme.«
»Hast du es auf ihrem Mobiltelefon versucht?«
»Da läuft nur das Band. Ich wollte eigentlich
gleich nach Wien fliegen. Jetzt muss ich es verschieben. Aber heute
Abend oder morgen fliege ich. Alles andere ist mir egal.«
Sofi stand der Mund offen. Trotz der Kälte.
»Und bei dir?«
»Bei mir?«
»Ist irgendetwas Eigenartiges vorgefallen? Hast du
jemand vor deinem Haus gesehen oder so etwas?«
»Nein. Gar nicht.«
»Wo warst du gestern?«
»Ich lag im Bett. Ich war ja krank.«
Kjell sah sie eindringlich an. »Wir können diese
Sache nicht selbst klären. Ich habe eine Gegengruppe
angefordert.«
Sofi nickte. Eine Gegengruppe war Pflicht bei der
Reichskrim, sobald sich ein solcher Verdacht ergab. Bei den
Abteilungen gegen organisierte Kriminalität wurden ständig
Gegengruppen gebildet. Sie fror jetzt so sehr, dass ihr ganzer
Körper bebte. »Wie willst du zwischen den Feiertagen eine
Gegengruppe zusammenbekommen?«
»Theresa Julander. Sie hat sich auf den Weg
gemacht.«
»Oh nein!«
Sie kehrten zu den anderen zurück.
»Sie kennt die Gruppe und steht etwas
außerhalb.«
»Aber sie kann keine Ermittlung führen.«
Die Antwort erfuhr sie vor der Kirche. Die
Gegengruppe war bereits eingetroffen. Und in der Mitte stand ihr
Leiter. Trotz der frühen Stunde war Nils Kullgren der
bestgekleidete Polizist in ganz Schweden. Eigentlich war er gar
kein Polizist. Sein schwarzes Haar glänzte unter dem Licht der
Laterne.
»Kullgren hat sich freiwillig bereiterklärt, die
Gegengruppe zu leiten«, flüsterte Kjell.
»Freiwillig?«
»Ja, ich habe ihn angerufen, weil Reichskrimchefin
Viklund im Urlaub ist. Da hat er sich selbst angeboten.«
Kjell und Sofi erreichten die anderen und nickten
zur Begrüßung.
Nils Kullgren lächelte Sofi an. Der Leiter der
Gegengruppe war der Chef der Sicherheitspolizei Säpo.
28
Kjell hatte sich mit der Stirn gegen das kühle
Glas seines Bürofensters gelehnt. Er beobachtete drei Männer, die
unten im Park das Bruchholz auflasen und es in einen Leiterwagen
warfen. Seine Sorge um Linda hinderte ihn am Denken wie ein dicker
Kopfverband.
In der Spiegelung des Fensters war Nils Kullgren zu
sehen. Er stand seit zehn Minuten ohne jede Regung vor Kjells
Wandkarte und starrte auf Södermalm, eine riesige, flache und von
Wasser umgebene Raute. Zwei Nadeln markierten die Stellen. Die rote
saß an der Westspitze, wo die Inseln Reimersholme und Långholmen
wie versehentliche Kleckse an der Kontur von Södermalm klebten. An
der Ostspitze, ganz am anderen Ende also, steckte eine blaue Nadel.
Die Entfernung betrug 4,3 Kilometer.
»Der Täter tötet für die Inszenierung. Sonst hätte
er seine Opfer vergraben oder irgendwo abgelegt.«
Kjell wandte sich um. Seine Stirn kitzelte von der
Kälte. Kullgren hatte sich noch nicht gerührt. Seine Hände steckten
in den Taschen seines Jacketts. Er war ein scharfer Geist, der in
einem sanften Gemüt und einem schwarzen Anzug steckte. Nils
Kullgren sah an jedem Tag gleich aus und wirkte in jeder Umgebung
wie ein Schauspieler, der ohne jede Regieanweisung in einer Szene
stand und einfach seine Standardrolle spielte. Kjell überlegte seit
Jahren, ob Kullgren homosexuell war, aber dagegen sprach sein
Umgang mit Sofi. Die beiden trafen nicht oft aufeinander, und dann
aus Zufall. Dabei war Kjell aufgefallen, dass sich das Verhalten
der beiden in diesen Momenten änderte. Sofi war frech zu ihm.
Frechheit fand sich sonst nur in ihren Taten, in ihrem Umgang mit
anderen aber nie. Kjell hätte tausend Kronen gegen Henning
darauf gewettet, dass Nils Kullgren, der Chef der Säpo, Sofi
Johansson seit Jahren im Rahmen seiner seelischen Möglichkeiten
anhimmelte.
Vielleicht passte ihr Teint einfach gut zu seinen
Anzügen.
»Also richtet sich der Täter mit seinen
Inszenierungen an die Polizei«, fügte Kullgren nach einer Weile
noch hinzu und legte die Finger ans Kinn. »Aber ob es sich speziell
an die Reichsmord richtet?«
»Nun ja«, sagte Kjell. »Immerhin liegen die Stellen
direkt neben unseren Wohnungen. Die Abstände stimmen beinahe auf
den Meter genau überein.«
»Die beiden Punkte sind allerdings auch markante
Stellen in ihrer Umgebung.«
Kjell putzte sich die Nase. Der kalte Morgen hatte
ihm eine Erkältung beschert.
»Und beide Male war es erst Per Arrelöv, der euch
hineingezogen hat«, fügte Kullgren als weiteren Einwand
hinzu.
Darüber hatte Kjell den ganzen Morgen nachgedacht.
»Es hätte natürlich sein können, dass Per mich nicht anruft, um
mich um einen verrückten Gefallen zu bitten.«
»Dann wäre die Sache gar nicht bei euch gelandet,
sondern bei der Stockholmer Polizei.«
Kjell schüttelte den Kopf. »Nur in der ersten
Nacht. Die Körpertemperatur und der Rollstuhl wären auch der
Lokalen aufgefallen. Und an den Weihnachtsfeiertagen landen alle
unklaren Fälle bei uns, während sich die Lokale an
Selbstmordversuchen und Familienstreitigkeiten abarbeitet. Das ist
seit den Siebzigern so.«
»Hätte man vielleicht abschaffen sollen«, fand
Kullgren.
Diese Bemerkung passte zu ihm. Er war selbst
vergangenheitslos und vor sechs Jahren aus dem Nichts aufgetaucht,
um Generaldirektor und Chef der Sicherheitspolizei zu werden. Davor
hatte er im Nahen Osten gearbeitet; es ging das Gerücht
um, beim Mossad selbst. Als das Zeitalter der Terrorbekämpfung
anbrach, hatte seine Heimat jemand zum Direktor der Säpo berufen,
der sich mit Terror auskannte.
»Wenn sich die Tat gegen euch richtet, dann muss
man genau planen, alle Bedingungen schaffen, damit der Fall auch
bei euch landet. Die zweite Leiche könnte eine Verdeutlichung sein.
Als wollte der Täter damit die Pointe der ersten Tat
erklären.«
Darüber wäre Kjell erleichtert gewesen. Er hatte
die Pointe verstanden, was eine dritte Leiche unnötig machte.
»Leider sind beide Frauen zu etwa derselben Zeit verschwunden, am
21. Dezember gegen 18 Uhr.«
»18 Uhr 04.«
»Wieso?«
»Da fand in diesem Jahr die Wintersonnenwende
statt.«
»Woher weißt du solche Sachen?«
»Es ist in meinen Kalender gedruckt, wie auch die
Mondphasen.«
»Und was bedeutet es?« Kjell deutete seine
Entdeckungen zu Odin und seinem Auge an. Vielleicht etwas
Heidnisches.
Kullgren schüttelte den Kopf. »Es zeigt nur die
Zwanghaftigkeit des Täters. Er plant minutengenau.«
»Da läuft die ganze Zeit eine Inszenierung, aber
erst jetzt verstehen wir es.«
Kullgren wandte sich endlich von dem Stadtplan ab.
»Ich lasse von mir hören.«
»Was auch immer hier geschieht, um acht Uhr fliege
ich nach Wien«, rief Kjell ihm hinterher.
Kullgren nickte und verschwand. Eine junge Frau mit
sehr kurzen Haaren steckte den Kopf herein. Kullgren musste ihr
beim Hinausgehen die Tür aufgehalten haben. »Der erste Bericht von
der Technik. Ich habe die Gesprächsliste für das Telefon.«
Auf dem Besucherstuhl lagen alte Akten, eine leere
Pralinenschachtel und Kjells Turnschuhe. Er hob das ganze
Arrangement beiseite, damit sie sich setzen konnte.
»Die amerikanischen Nummern sind allesamt Anrufe an
Judit Juholt«, begann sie. »Sie kommen immer von einem anderen
Anschluss.«
»Ihre Familie lebt dort.«
»Meist sind es Hotels.«
»Judit Juholt hat also selbst nicht nach Amerika
telefoniert?«
Sie nickte. »Aus Amerika wurde sie stets angerufen.
Ihre Gesprächspartner in Stockholm rief sie dagegen auch selbst
an.«
Die Liste von Judits Telefonaten und
Textnachrichten besaß einen enormen Umfang. Gelinde gesagt. Zwar
umfasste sie nicht nur die ausgehenden Telefonate wie bei einer
Telefonrechnung, sondern auch alle Eingänge, aber die machten den
weitaus größeren Anteil aus. Ganz im Gegenteil zu Elin Gustafsson
hatten Judit Juholt viele Menschen etwas mitzuteilen gehabt. Und im
Gegenteil zu Elin war ihr Äußeres das, was man landläufig als
frisch bezeichnete. So einfach war das.
Kjell war immer noch nicht mit dem Durchblättern
fertig. »Was bedeuten die bunten Markierungen?«
»Die gelb angestrichenen Nummern gehören zu einem
Tonstudio in Södermalm. Sie machen beinahe die Hälfte aller Anrufe
aus. Die grünen Nummern stammen von einem Mobiltelefon. Es gehört
einem der Mitinhaber des Studios. Er heißt Malte Fluvbjerg.«
»Wie alt ist der?«
»1979 geboren, in der Nähe von Malmö.«
»Wir suchen nach einem Mann im fortgeschrittenen
Alter.«
»Es gibt dennoch etwas.« Die Technikerin zog Kjell
die Liste
aus der Hand und blätterte darin. »Siehst du diese Nummer hier,
die rot angestrichene? Das Gespräch fand am 19. November statt und
dauerte drei Minuten.«
Kjell beugte sich vor und las die Nummer. Aber er
kannte sie nicht.
»Das ist die Nummer des Telia-Ladens am Ringvägen.
Judit hat dort angerufen.«
29
Es wurde gerade zwölf, als sich die Tür des
Fahrstuhls im zweiundzwanzigsten Stock des Skrapans wie ein
Theatervorhang öffnete und Barbro Setterlind die Szene betrat.
Henning saß auf dem Boden des Treppenhausflurs, den Rücken hatte er
an die Wand gelehnt und seine Beine ausgestreckt. Er betrachtete
eine offene Wohnungstür, aus der ein verzerrtes Dreieck aus fahlem
Sonnenlicht auf ihn fiel. Neben ihm hatten die Tatorttechniker
Kisten und Koffer abgestellt.
Früher hatte die Finanzbehörde in diesem Hochhaus
gearbeitet. Es war das einzige in Södermalm. Nach dem Auszug war
ein findiger Geist auf die Idee gekommen, es in ein Wohnheim für
Studenten zu verwandeln. Mit winzigen Apartments.
»Wo ist Sofi?«, fragte Barbro und stellte das
Papptablett aus der Konditorei neben Henning auf den Boden.
Er machte sich gleich daran zu schaffen. »Im Haus
unterwegs. Kjell ist im Büro.«
Dass Henning hier draußen auf dem Fußboden
herumlungerte und den Technikern im Apartment beim Arbeiten zusah,
passte zu seinem Savoir-vivre. Er hatte seinen Streifzug durch die
Wohnung beendet, steckte aber noch im Schutzanzug. Nur sein Gesicht
lugte heraus.
Barbro schob den von den Technikern über die Tür
geklebten Plastikvorhang zur Seite und spähte durch den Spalt. Das
Rascheln der feinen Folie ließ die vier Personen aufschauen.
»Es gibt Torte. Weihnachtstorte.«
Per, Jenna und zwei Techniker, deren Namen Barbro
nicht kannte, traten einer nach dem anderen durch den Vorhang und
lockerten die Gesichtsöffnung ihrer Overalls, die nur Augen und
Nase freiließen. Schweigend nahmen sie von Barbro je ein
Pappschälchen in Empfang und begannen zu essen.
»Holt ihr jetzt auf, was ihr am Strandbad verpasst
habt?«, erkundigte sie sich und deutete auf die Kisten.
Es wurde zunächst weiter geschwiegen. Neben dem
Sahneidyll lag es auch daran, dass die Techniker während ihrer
Arbeit so gut wie nie sprachen.
»Wir nehmen fast alles mit zum Bedampfen«, murmelte
Per. »Kjell will es so.«
Barbro spähte noch einmal durch den Vorhang. Das
Apartment war nicht größer als zwanzig Quadratmeter. Eine Seite
bestand nur aus Fenstern. Der Ausblick war wunderbar.
Barbro wandte sich an Per. »Ist das da hinten die
Ostsee?«
Wegen der dummen Frage ließ er seine Plastikgabel
sinken. »Da in der Kiste sind noch Anzüge. Wenn du dich umsehen
willst.«
Wie das Schicksal so spielte, trug Barbro einen
Rock. In Windeseile tauschte Barbro den Rock gegen den Overall. Per
wollte kein Detail verpassen und schob sich dabei Sahnetorte in den
Mund.
Barbro trat durch den Vorhang. Die Wand rechts
bestand aus einer Küchenzeile, die Per mit seinem Grafitpulver
verschmiert hatte. Es roch nach Lauge.
»Baut ihr die Schranktüren auch ab?«, rief Barbro
hinaus in den Gang.
»Ja«, rief jemand.
Links ließ das Bett nur Platz für einen
Schreibtisch. Die Matratze befand sich auf Höhe von Barbros
Schultern und war über eine Leiter zu erreichen. Der hohe
Bettkasten hatte Schranktüren und diente als einziger Stauraum in
der Wohnung. Das war fein. Wenn man im Bett lag, konnte man
wunderbar aus dem Fenster schauen. Genau im Zentrum des Ausblicks
nach Süden lag die Sofiakirche. Der Hügel, auf dem sie stand, und
das Grün von Vita Bergen darum herum hoben die Kirche aus dem Bild
hervor.
Barbro kehrte zu den anderen zurück und zog sich
wieder um. »Der Davidsstern ist nicht nur Schmuck. Judit scheint
tatsächlich Jüdin zu sein. Der Vater heißt Efraim. Aber der
Ausblick hier erklärt vielleicht, warum sie in der Sofiakirche
war.«
»Darauf sind wir auch schon gekommen«, murmelte
Henning. Seine Stimme klang, als wäre er gerade erst
aufgewacht.
Barbro setzte sich neben ihn. »Die Sache mit ihrer
Herkunft ist geklärt. Die Familie Juholt ist seit mindestens
vierhundert Jahren in Schweden. Judits Vater ist in den Siebzigern
nach New York gegangen, um Cello zu studieren. Er ist dort
geblieben und spielt in einem Streichquartett.«
Per nickte. »Beethovens frühe Streichquartette. Die
höre ich immer im Transit.«
»Hat Beethoven etwa zu jeder Tageszeit
Streichquartette komponiert?«, wollte Henning wissen, bevor er sich
dem letzten Abschnitt seiner Sahnetorte zuwandte. »Die Eltern
müssen ganz schöne Streber sein, wenn sie ihrem Kind einen Namen
gaben, der mit dem gleichen Buchstaben beginnt wie der Nachname.
Das riecht nach zwanghaftem Planen.«
Barbro hatte am Morgen Judits Musikprofessor
aufgesucht, einen vierzigjährigen Zwerg aus Finnland, der auf die
Nachricht von Judits Tod kaum etwas zu sagen gehabt hatte. »Dass
ihre Eltern Berufsmusiker sind, erklärt auch, warum Judit Bratsche
spielt und nicht Geige. Zu einem so seltenen Instrument kommt man
meist, wenn die ganze Familie musiziert. Die Mutter ist
Amerikanerin und Geigerin. Judit hat eine ältere Schwester, die
ebenfalls geigt. Da blieb ihr nur die Bratsche.«
Judit Juholt war bis zum Vorspielen an der
Hochschule nie in Schweden gewesen. Wahrscheinlich hatte sie hier
studieren wollen, um das Land ihres Vaters und seiner Vorfahren
kennenzulernen und sich dem Elternhaus zu entziehen. Neben der
amerikanischen Staatsbürgerschaft besaß sie auch die schwedische,
doch Schwedisch hatte sie bei ihrer Ankunft nur leidlich
beherrscht, inzwischen allerdings fließend.
»Wie kommst du auf Bratsche?«, fragte Henning.
»Nach unserer Erkenntnis war sie Schlagzeugerin.«
Die Technikerin Jenna deutete mit vollem Mund zur
Tür. »Im Schrank unter dem Bett liegt ein großer Geigenkasten. Aber
da sind wir noch nicht.«
»Wie kommt ihr denn auf Schlagzeug?«, fragte
Barbro.
Henning rappelte sich vom Boden auf und klopfte den
Staub von seiner Hose. »Das behauptet das Mädchen, das die
Vermisstenanzeige aufgegeben hat.«
30
Astrid Bloms Erzählstrom brach ab, als sie die
Metalltür aufwuchtete und ihnen kühle, staubige Kellerluft
entgegenschlug. Sie tastete nach einem Lichtschalter.
Sofi konnte nicht erkennen, welche Ausmaße der
Keller hatte. Immer neue Reihen von Lichtröhren flackerten
auf.
»Die Jungs spielen hier nachts gerne
Fußballturniere«, kommentierte sie die endlos scheinende Weite.
»Hier war früher
das Aktenarchiv der Finanzdirektion. Bisher haben sie es nicht
geschafft, den Keller zu vermieten, deshalb dürfen wir hier unten
einige Abteile benutzen.«
»Ist das nicht bedrückend?«, fragte Sofi und trat
zögernd ein. »So ein Gewölbe unter einem riesigen Turm?«
Astrid legte den Kopf in den Nacken. »Na ja, er
steht seit einem halben Jahrhundert. Wird wohl nicht einstürzen,
während ich gerade hier unten bin. Die Abteile sind dort
hinten.«
Sie liefen los.
»Darf hier jeder rein?«
»Auf keinen Fall! Nur vier Bewohner haben einen
Schlüssel. Die anderen haben keine Abteile und dürfen nicht rein.
Deswegen sind wir sehr beliebt.«
Am anderen Ende wartete eine Reihe aus Metalltüren
wie in einem surrealistischen Theaterstück, wo sich der Held für
das richtige Schicksal entscheiden muss und dann das Verderben oder
die Kammer mit den Krokodilen erwischt.
»Da haben die Geschäfte im Parterre ihre Lager, und
dort Björn Borg. Der hat ganz oben sein Büro.«
»Archiviert er da all seine Stirnbänder?«, fragte
Sofi, und Astrid grinste.
»Das da ist mein Werkraum, und gleich daneben liegt
Judits Kammer. Ich muss den Schlüssel dafür aus meiner Kammer
holen.« Astrid schloss ihre Tür auf. Sie studierte Möbeldesign und
hatte in ihrem Abteil eine Werkbank und Sägen stehen. Ihre Wohnung
lag im neunten Stock und wies nach Norden. Bei sechshundert
Studenten im Haus wäre sie Judit wohl nie über den Weg gelaufen,
wenn die beiden hier unten nicht einsame Nachbarinnen gewesen
wären.
Auf der Werkbank stand ein unvollendeter Stuhl, der
nur aus kompliziert gewölbten Flächen bestand. Sofi seufzte. Ein
Werkraum mit Schraubstöcken war genau das, was ihrem Leben
fehlte.
Astrid zog eine lange Metallschublade auf und
kramte zwischen Zangen und Schraubenziehern nach dem Schlüssel.
»Wie gesagt, wir kannten uns noch nicht lange. Ich bin schon seit
meinem Einzug hier unten, Judit hat ihr Abteil seit fünf Monaten.
Sie spielt meist am Abend oder in der Nacht, deshalb sind wir uns
nur begegnet, wenn ich mal sehr lange hier unten war.«
Judits Raum war nicht halb so groß wie der von
Astrid und enthielt nur ein riesiges Schlagzeug, das grün im
Halbdunkeln funkelte. Neben dem Schemel stand ein Tischchen mit
einer Stereoanlage darauf. An den Wänden klebten Schaumstoffmatten,
die den Schall schlucken sollten. Sofi wunderte sich über die
Dämmung, wo doch die Kammer so tief unter den ersten Wohnungen
lag.
Astrid eilte zum Schlagzeug, setzte sich und griff
nach den Stöcken. Sie spielte einen einfachen Rhythmus, der Sofi
verdeutlichte, wie laut ein Schlagzeug tatsächlich war. Nach
wenigen Takten geriet Astrid aus dem Takt, schlug aufs Becken und
legte die Stöcke beiseite. »In der letzten Woche habe ich zum
ersten Mal gespielt. Judit hat es mir gezeigt. Sie spielte selbst
noch nicht so lange, sagte sie. Aber dafür unglaublich gut.«
»Warum wollte sie mit dir in den Urlaub fahren? Ihr
kanntet euch doch kaum.«
»Das habe ich mich auch gefragt. Sie war ganz schön
beliebt, glaube ich. Immerhin hat sie oft Leute mit
hierhergebracht. Vielleicht wollte sie mal mit jemandem zusammen
sein, der nichts mit Musik zu tun hat.«
»Waren die anderen Musiker?«
»Sie sahen so aus. Ein Jüngerer war ständig hier.
Seine Stimme habe ich manchmal durch die Wand hindurch gehört. Der
ist auch Schlagzeuger, weil er selbst gespielt hat. Neulich war ein
Älterer zu Besuch. Der war bestimmt auch Musiker, weil er einen Hut
trug.«
31
Das Tonstudio lag in einem Keller nahe der Södra
Station. Kjell traf mit einer Viertelstunde Verspätung ein und
verpasste so, wie Malte Fluvbjerg auf die Nachricht reagierte. Weil
es hier unten außer einem Sofa keine Möbel gab, wirkte der Raum
größer, als er in Wahrheit war. Auf dem Sofa waren Barbro und
Henning tief in das zerschlissene Polster eingesunken. Malte
Fluvbjerg saß auf einem Bürostuhl, der unter der Last seines
wuchtigen Körpers hin und wieder ächzte. Er hatte sich so
hingesetzt, dass er seine Ellenbogen auf die Lehne aufstützen und
die Polizisten erwartend anstarren konnte.
Dieses Arrangement behagte Kjell überhaupt nicht.
Man konnte den Eindruck bekommen, Malte stellte hier die Fragen,
während Henning und Barbro brav darauf antworteten. Kjell setzte
sich dicht neben Barbros rechter Schulter auf die Lehne. So konnte
er von oben herab auf ihren Notizblock schielen und Malte im Auge
behalten, während Barbro unbeirrt mit ihren Fragen fortfuhr.
Aus ihrer Handschrift, die für keine Tagesform
anfällig war, erfuhr Kjell, dass Malte nicht mit Entsetzen auf die
Nachricht von Judits Tod reagiert, sondern seine Faust gegen die
Wand gedroschen und ›Verdammt!‹ gebrüllt hatte.
Sonst lachte er viel, das sah man seinem Entsetzen
an. Er war offen und gierte danach, alles zu erfahren, während sich
die meisten Menschen in dieser Lage zunächst verschlossen und mit
ihrer eigenen Starre beschäftigten. Ihren Notizen nach hatte Barbro
ihn bereits nach seinem Alibi gefragt. Es ließ sich nur nicht
entziffern. Von Elin Gustafsson hatte Malte nie gehört.
An allen Wänden ragten Schallzapfen in den Raum.
Die geladene Luft kitzelte in der Nase. Kjell zog ein Taschentuch
hervor.
Das ließ Barbro mit ihren Fragen innehalten.
»Gehört euch beiden das Studio?«, erkundigte sich
Kjell.
Malte warf einen Blick über seine Schulter. Am
anderen Ende des Raumes war ein blonder Mann damit beschäftigt, auf
dem Boden verstreute Kabel aufzuwickeln. »Wir sind zu dritt«,
erklärte Malte. »Sven ist der Tontechniker, und ich bin der
Aufnahmeleiter. Karla macht oben das Büro. Die hast du ja
gesehen.«
Barbro kam wieder auf Judit zu sprechen. »Wann habt
ihr euch kennengelernt?«
»Und vor allem wie?«, fügte Henning hinzu.
Er fühlte sich auf dem Künstlersofa sichtlich wohl.
Malte fuhr sich durch sein Haar. Es war braun,
reichte ihm fast bis zu den Schultern und musste gewaschen werden.
»Im Snaps.«
Das war allerdings peinlich.
»Am Medborgarplatsen?«
»In der Frühlingszeit im letzten Jahr. Sven war
auch dabei. Wir kamen vom Studio und sind dort gestrandet. Sie war
mit einer größeren Gruppe da. Die waren alle von der
Musikhochschule, glaube ich.«
»Und es war Liebe auf den ersten Blick?«, fragte
Barbro.
Dieselbe Frage schoss auch Kjell durch den Kopf.
Bilder von Judits Wohnung deuteten auf eine Ordnungsliebe hin, die
sich an Maltes Anblick stören musste.
Sven trat zu ihnen. »Malte sah genauso aus wie
jetzt. Hattest du nicht sogar dasselbe T-Shirt an?« Malte zupfte an
dem schwarzen Stoff herum. »Judit war damals nicht, wie sie jetzt
ist«, fuhr Sven in ernstem Ton fort. »Sie trug eine weiße Bluse und
einen Pferdeschwanz.«
Malte nickte heftig. »Ja, sie war ziemlich … nicht
gerade spießig, aber förmlich. Wir haben uns den ganzen Abend
gestritten. Ich habe versucht, ihr klarzumachen, wie unglaublich
gut das Drummen ist.«
»Moment«, unterbrach Barbro. »Da hatte sie also
noch nie gespielt? Auf einem Schlagzeug?«
»Nein, da war sie gerade erst nach Stockholm
gekommen.«
»Und hat Viola gespielt?«
Malte nickte. »Ihre Ansichten über moderne Musik
und vor allem über das Drumming waren ziemlich verächtlich.«
»Wollte sie dich necken?«
»Nein. Das kam von ihrer Erziehung. Ihre Eltern
sind sehr ernste Leute mit einer festen Meinung, die sie wiederum
von ihren Eltern geerbt haben. Sie fand Drumming unmusikalisch.
Erst einige Wochen später habe ich sie überreden können, es mal zu
versuchen.«
»Da wart ihr schon zusammen?«
»Ja. Es war nachts, und wir waren nackt. Ich habe
ihr ein einfaches Muster vorgespielt, und sie hat es
nachgespielt.«
»Und da hat sie ihre Verachtung abgelegt, mit einem
Schlag sozusagen, und mit dem Schlagzeugspielen angefangen?«
»So war es ganz und gar nicht. Die hat sie
eigentlich nie abgelegt. Ich musste sie anheizen, damit sie
spielte. Erst einige Wochen später ist es zum ersten Mal passiert,
dass sie von allein gespielt hat.«
»Warum wolltest du das denn überhaupt?«
Malte grinste. »Sie war beim ersten Mal schon sehr
gut. Sie konnte jedes Muster nachspielen, das ich ihr zeigte. Es
war immer schwer, sie zum Spielen zu bringen, aber sobald sie
angefangen hatte, war sie nicht mehr zu halten. Lange ahnte sie
nicht, wie viel Talent sie hat, und glaubte, das Drummen sei
einfach kinderleicht.«
»Ihr Professor an der Musikhochschule behauptet,
dass sie ihr Studium sehr vernachlässigt hat.«
»Sie hat alles vernachlässigt, seit sie richtig
übte.«
»Auch eure Beziehung?«
»Nein.«
»Ihr wart also ein glückliches Paar?«
»Wir hatten nur eine Affäre in den ersten Wochen.
Ich wollte nicht, dass sie meine Hand hält. Ich wollte, dass sie
spielt.«
»Okay«, sagte Barbro und seufzte. »Sie war also
richtig gut?«
»Wollt ihr es hören?«
Barbro, Henning und Kjell nickten dreieinig. Malte
verließ den Raum und tauchte am Mischpult hinter der Trennscheibe
wieder auf. Eine elektrische Gitarre setzte ein mit einer schnellen
Folge monotoner Quarten. Es sollte klingen, als spielte sich der
Gitarrist zu Beginn des Liedes lässig ein. Nach einigen Takten
setzte der Bass auf dieselbe Weise ein. Noch ein wenig später
folgte das Schlagzeug. Judit begann mit Schlägen auf das Becken und
setzte dann voll ein.
Kjell richtete sich auf. Erst kam es ihm so vor,
als läge es an den besonderen akustischen Eigenschaften dieses
Raums, dass Judit klang, als schlüge sie ihm direkt auf das
Trommelfell. Es musste jedoch an ihr liegen, denn die anderen
Instrumente klangen normal. Jeder Schlag war wie ein Knall. Das
Gleichmaß ihres Spiels, das sehr schnell, aber ohne Eskapaden war,
sorgte dafür, dass man das Schlagzeug wohl auch dann als
dominierend empfunden hätte, wenn man von Judit nichts wusste und
das Lied ganz unvoreingenommen anhörte.
Nach vier Minuten endete es. Die Stille im Raum
knackte und knisterte. Kjell war bewegt. Er liebte es, wenn normale
Dinge, denen er bislang keine Beachtung geschenkt hatte, plötzlich
ganz neu klangen. Henning warf einen Blick über seine Schulter und
suchte Augenkontakt. Ihm war anzusehen, dass auch er an Elin
Gustafsson gedacht hatte, an die enorme Diskrepanz zwischen den
beiden toten Frauen.
Barbro räusperte sich. »Wie lange und wie viel muss
man üben, um so spielen zu können?«
Malte zuckte mit den Achseln. »Ich übe seit
siebzehn Jahren sechs Stunden am Tag und kann nicht so
spielen.«
»Es ist nicht die Technik«, sagte Sven, der für
differenzierte Urteile der bessere Ansprechpartner war. »Bei ihrem
Talent hat sie die motorischen Fähigkeiten sehr schnell entwickelt.
Es ist die Totalität, mit der sie in die Sache reingeht. Das macht
Drumming auf diesem Niveau aus. Ihre Drums sind immer da und
treiben die ganze Zeit an, in jedem Augenblick. Pamm, pamm,
pamm! Sie spielt nicht mit, sondern voraus. Die
Band ist ziemlich gut und kommt gerade groß raus. Aber die Typen
hatten wahnsinnige Mühe, ihrem Going-Straight standzuhalten.«
Malte lachte. Das Zurückstreichen der Haare war
eine ständige Geste an ihm. »Judit ist nur eingesprungen. Am Anfang
waren die ziemlich sauer, weil niemand eine Frau an den Drums haben
will. Eine der wenigen Wahrheiten im Musikbusiness ist, dass Frauen
nicht drummen können. Wie die Drummerin von Lenny Kravitz. Die
schwingt mit Unterarmen und Schultern, als wäre sie auf dem
Tennisplatz.«
»Bei ihr ist es Absicht«, wandte Sven ein. »Kravitz
will das so. Das habe ich dir schon tausend Mal erklärt!«
»Sieht trotzdem schlimm aus.«
»Spielte Judit etwa nicht so?«, fragte Kjell, damit
die beiden nicht über die Schlagzeugerin von Lenny Kravitz in
Streit gerieten.
»Nur mit den Fingern, wie es sein muss!« Malte
führte die Fingerbewegung vor. »Nach acht Stunden hat sie noch wie
ein verdammtes Metronom gespielt. Das ist mir schon in der ersten
Nacht aufgefallen.«
Henning war immer tiefer ins Polster gerutscht und
richtete sich auf. »Ihr findet also, dass sie zum Trommeln geboren
war.«
»Nicht bloß wir«, erwiderte Sven. »Sie hat von
überallher
Angebote bekommen. Lest mal die Kritiken zu diesem Album. Die
sprechen nur vom Drumming.«
»Es war, als hätte uns das Schicksal
zusammengeführt, damit sie mit dem Drummen anfängt. Versteht
ihr?«
Die drei nickten.
Henning drehte sich zu Kjell. »War es mit dir und
deiner ersten Frau nicht ähnlich? Madeleine war doch auch bei der
Polizei.«
»Nur mit einem kleinen Unterschied«, antwortete
Kjell, ohne Henning eines Blickes zu würdigen.
»Dass du bei deinem ersten Einsatz als Bulle nicht
nackt warst?«
»Ganz recht.«
Malte blickte fasziniert zwischen Henning und Kjell
hin und her. »Ihr drei seid echt funky, wisst ihr das?«
Helles Tageslicht drang auf einmal in den Raum.
Alle wandten sich zur Tür. Hinter Karla, die oben im Büro arbeitete
und Besucher einließ, erkannte Kjell den Umriss von Sofi Johansson
im Gegenlicht. Ihr folgte eine weitere Gestalt. Sie nickte und ging
geradewegs auf Malte zu, den sie anscheinend kannte. Das musste
Astrid Blom sein, die Freundin von Judit. Sofi hatte sich um sie
gekümmert und wirkte jetzt ein wenig überflüssig neben den beiden.
Irgendetwas stimmte nicht mit ihr, dachte Kjell schon wieder. Von
ihrem gewohnten ›Going-Straight‹ keine Spur, als säße sie seit
Tagen auf einer stumpfen Rutschbahn.
»Wieso habt ihr so lange gebraucht?«, fragte Barbro
und stemmte sich ebenfalls aus dem Sofa.
»Wir kommen vom Zeichner«, sagte Sofi und entrollte
die Zeichnung vor Barbros Augen.
Sie zeigte einen Mann im fortgeschrittenen Alter,
der einen Hut trug.
»David Bowie!«, entfuhr es Barbro. »Der sieht aus
wie der Kerl aus dem Telia-Laden!«
32
Sofi stand am Fenster von Judits Wohnung. Ihre
Stirn klebte an der großen Scheibe, damit sie die Tiefe besser
betrachten konnte. Dort hatte sich eine blaugraue
Nachmittagsdüsternis über die Dächer und Straßen gelegt. Die
Laternen sprangen an, aber zu ihrem Erstaunen nicht im ganzen
Stadtteil zugleich. Wenn sie den Blick hob, sah sie die Sonne noch
über dem Horizont im Süden. Der Anblick des fernen Tageslichts
blieb allen anderen Menschen in Södermalm versagt und war für die
Leute da unten schon das Gestern.
»Die Sonne gleicht einer Unterwasserlampe im
Schwimmbad«, murmelte sie. Ein Schimmer aus kaltem Gelb und Blau.
Ihr eigenes Haus war von hier nicht zu erkennen. Es verbarg sich
hinter dem letzten Hang von Vita Bergen. In ihrer Küche herrschte
um diese Uhrzeit längst völlige Dunkelheit.
»Keine besondere Spur«, sagte Kjell unter der
Deckenlampe in der Mitte des Zimmers. Dort stand er nun schon seit
einer Viertelstunde und betrachtete die Spurenskizze.
»Das muss gar nichts bedeuten«, murmelte Sofi
wieder, ohne ihren Blick von der Sonne zu lösen. »Das weißt
du.«
Kjell begann, hinter ihrem Rücken herumzugehen.
»Ich sage es nur. Damit ich es nicht vergesse. Weder hier noch in
der Kirche gibt es die geringste technische Spur.«
Kjell wollte sich und ihr offenkundig keinen Moment
der Ruhe gönnen. Seit Per am frühen Morgen angerufen hatte, war sie
auf den Beinen und hatte so gut wie nichts gegessen.
»Ist dir inzwischen etwas eingefallen?«, fragte die
Stimme von Kjell.
Er war plötzlich aus der Spiegelung verschwunden.
Deshalb wendete sie sich wieder dem Zimmer zu.
»Was meinst du?«
»Am Morgen habe ich dich gefragt, ob bei dir
irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen ist. Und seitdem habe ich
dich noch zweimal danach gefragt, einmal um zehn Uhr und dann um
halb eins.«
»Ich überlege noch. Genau wie um halb eins.« Sofi
sah überhaupt keinen Grund, von den Briefen zu erzählen. Sie hatte
den ganzen Morgen darüber nachgedacht und war sich sicher, dass die
Briefe auf einem anderen Gleis ihres Lebens lagen, dem Privatgleis
nämlich. Und falls sie wider alle Wahrscheinlichkeit doch zum Fall
gehörten, hatte sie alle Vorbereitungen getroffen und musste bloß
darauf warten, dass der Verfasser die Kamera auslöste, wenn er zum
dritten Mal bei ihr aufkreuzte.
Kjell setzte sich auf die Bettkante. Die Matratze
war bereits im Labor. »Bist du bereit?«
Sofi nickte und drehte sich wieder zur
Aussicht.
»Was ist geschehen?«, begann er.
»Zwei Frauen, die erste Ende, die andere Anfang
zwanzig, verschwinden etwa zur gleichen Zeit am frühen Abend des
Einundzwanzigsten aus einer besonderen Situation ihres Lebens und
tauchen einige Tage später in derselben Situation wieder auf. Als
Leichen.«
»Eine besondere Situation? Man kann eher von einer
Szene sprechen.«
»Vielleicht.«
»Was sind das für Situationen?«, fragte
Kjell.
»Darüber denke ich schon die ganze Zeit nach. Ich
frage mich, wie typisch sie für das Leben der beiden Frauen
waren.«
»Und zu welchem Ergebnis bist du dabei
gekommen?«
»Judit Juholt ist Jüdin. In der jüdischen Gemeinde
kennt man sie nicht. Vielleicht ist die Familie nicht religiös.
Judit hat also kein Problem damit, eine Kirche aufzusuchen.«
»Und was sucht sie dort?«
»Einkehr.«
»Kontemplation?«
»Das ist meine Theorie«, sagte Sofi. »Ich gehe
selbst manchmal in die Sofiakirche, obwohl ich Katholikin
bin.«
»Im Ernst?«
»Das weißt du doch.«
»Dass du katholisch bist! Aber von der Sofiakirche
hast du nie erzählt!«
»Warum sollte ich davon erzählen?«
»Wann warst du zuletzt dort?«
»Neulich. Vor einer Woche vielleicht.«
»Das meinte ich, als ich dich heute alle drei
Stunden nach etwas Außergewöhnlichem fragte.«
»So wie du oft am Strandbad bist, wenn auch nur im
Sommer.«
»Ich bin ständig mit Lilly dort. Die Stellen liegen
also nicht nur in der Nähe unserer Wohnungen, es sind auch genau
die Stellen, die wir aufsuchen, wenn wir ins Freie gehen. Oder hast
du noch andere Stellen?«
»Nein.«
»Machen wir lieber weiter. Deine Theorie läuft also
auf innere Einkehr hinaus. Judit war zum Nachdenken in der
Kirche.«
»Genau wie Elin Gustafsson am Strand. Beide Frauen
standen in ihrem Leben an einem Scheideweg. Und beide suchten dafür
Orte auf, die sich in ihren Augen eigneten, um nachzudenken. Und
nicht nur in ihren Augen.«
»Sie sind also beide in einem Moment der inneren
Einkehr verschwunden. Ist das deine Theorie?«
Sofi trennte sich von der Aussicht und drehte sich
zu Kjell.
»Deine Stirn ist rot«, sagte der. »Sehr rot.«
Sofi rubbelte mit dem Handrücken darüber. »Wenn das
die
Gemeinsamkeit ist, dann haben wir ein Problem. Eine weitere
Gemeinsamkeit ist nämlich die Gleichzeitigkeit.«
Zwei solcher Übereinstimmungen deuteten immer
darauf hin, dass die Ermittler sich in eine Wahnvorstellung
verrannt hatten. Eine der beiden Gemeinsamkeiten musste Zufall
sein. Der Inhalt oder der Zeitpunkt.
»Was schlägst du vor?«, fragte er.
»Die Auswahl der Frauen ist Zufall. Entscheidend
ist, was sie im Moment ihres Verschwindens getan haben.«
»Das kann nicht sein. Finde mal am 21. Dezember um
18 Uhr zwei Frauen, die in sich gehen. Weißt du, was ich
glaube?«
»Du bist für den Zeitpunkt.«
»Und ich kann dir auch sagen, warum ich das glaube.
Nimm an, du hast die beiden Frauen als Opfer ausgesucht. Der ideale
Zeitpunkt für ihre Entführung ist wann?«
»Wenn sie allein sind.«
»Genau. Nicht während des Weihnachtseinkaufs oder
bei der Arbeit.«
»Der Zeitpunkt also. Ich bin einverstanden.«
»Wie ist es geschehen?«
Das war die zweite der fünf Fragen aus dem Katalog
der Reichsmord. Sofi lief im Zimmer auf und ab. »Sie sterben ohne
Bewusstsein durch Unterkühlung. In der Zeit bis zu ihrem
Wiederauftauchen bleibt der Körper gefroren.«
»Gefroren? Du meinst gekühlt?«
»Gefroren. Bei Elin sind wir bisher davon
ausgegangen, die Außentemperatur hätte ihren Körper abgekühlt. Aber
Judits Körper lag weit unter der Temperatur in der Kirche. Sie
wurde viel schneller entdeckt als Elin, deshalb glaube ich, dass
Elins Körper sich am Strand nicht auf den Gefrierpunkt abkühlte,
sondern sogar erwärmte.«
»Wozu dient die Kälte?«
»Bei Elin konnte man noch annehmen, die Kühlung
solle die Tatzeit verschleiern.«
Kjell hob seine rechte Augenbraue. »Und vor allem
den Umstand, dass es Mord war.«
»Das haben wir aus unserer Sicht geglaubt. Hätten
wir aber Judit vor Elin gefunden, wären wir nie der Annahme
verfallen, der Täter wollte uns täuschen. Deshalb dürfen wir auch
die Erkenntnisse, die wir scheinbar aus Elins Fall gezogen haben,
nicht auf Judit übertragen. Dann stellen wir nur die falschen
Fragen. So hast du es mir beigebracht.«
»Damit du mich darauf hinweisen kannst, wenn ich
wieder darauf hereinfalle.«
»Und ich sage dir: Wäre Judit das erste Opfer
gewesen, hätten wir einen Selbstmord bei Elin nicht in Betracht
gezogen, weder als echten Selbstmord noch als verschleierten Mord.
Mit dem Wissen von Judits Fall wäre unser Augenmerk bei Elin auf
die Szene gefallen. So herum hätten wir die richtigen Fragen
gestellt, denn objektiv ist die Methode bei beiden Opfern
gleich.«
»Nun haben wir also alle falschen Fragen eliminiert
und stehen ohne Motiv da.«
Sofi breitete ihre Arme aus. »Versuch mal, mich
hochzuheben.«
Kjell umfasste ihre Hüfte und hob sie mit
Leichtigkeit.
»Ich wiege etwa soviel wie Judit. Probier es noch
einmal.«
Diesmal entspannte Sofi all ihre Muskeln, so dass
Kjell sie nur mit Mühe vom Boden lösen konnte.
»Aber diesen Effekt hätte er auf andere Weise auch
erzielen können.«
»Er kann den Körper nicht nur leichter
transportieren, er kann ihn auch leichter in der Szene arrangieren.
Judits Leiche saß ohne Hilfsmittel da.«
»Wie immer denkst du praktisch. Hier glaube ich
allerdings
nicht, dass praktische Gründe den Ausschlag geben.« Er wandte sich
ab und setzte sich auf den Stuhl, einen der wenigen Gegenstände,
die noch hiergeblieben waren. »Es ist das Bild, Sofi. Die Frische.
Bei ihrem Auffinden wirkten die Leichen, als wäre seit ihrem
Verschwinden keine Zeit verstrichen. Das bringt uns zur dritten
Frage: Warum ist es geschehen?«
»Du glaubst an einen Irren.«
Kjell schüttelte den Kopf.
»Kein Irrer?« Sofi war jetzt sehr gespannt.
»Irre schon, aber nicht einer.«
Sofi musterte ihn schweigend.
»Warst du oben bei der Orgel?«
»Nein.«
»Rate mal, was man von dort sieht.«
Sie zuckte mit den Schultern. Das bedeutete auf
Värmländisch, dass sie keine Ahnung hatte.
»Man sieht alles!«
»Aber es war nicht sehr hell, hat der Organist
ausgesagt.«
»Man sieht es, Sofi, ich habe es ausprobiert. Bei
Minimalbeleuchtung bemerkt man, wenn dort unten jemand sitzt. Nur
wenn man konzentriert spielt, kann es einem entgehen. Aber der
Orgelstuhl ist so angebracht, dass der Organist die Bänke
überblicken kann. Glaubst du, ein Einzelner ist in der Lage, den
Körper schnell hinzutragen und zu arrangieren? Wie soll er das
schaffen?«
»Mit dem Rollstuhl von Elin Gustafsson. Der ja
nicht im Fjord liegt.«
Sofis Antwort brachte Kjell für einen Augenblick
aus der Spur. »Nein, ich habe die Steigung bei der Glätte heute
Nacht kaum mit dem Auto geschafft.«
Sofi nickte einsichtig. Aber sie würde es
ausrechnen. Das war klar.
»Nehmen wir an, es war so, wie du sagst. Ein Irrer,
der tote
Frauen im Rollstuhl durch Södermalm transportiert und von
niemandem dabei beobachtet wird. Das könnte die Methode sein, die
Körper zur Auffindesituation zu befördern.«
Sofi nickte.
»Aber wie hat er sie am Einundzwanzigsten von dort
weggebracht, und vor allem, beide zugleich?«
33
Die Schlange vor der Essensausgabe kam schnell
voran. Doch an den Tischen war nichts mehr frei. Noch im Mantel
lief Sofi mit dem Tablett vor der Brust zwischen den Reihen auf und
ab, bis eine Gruppe am Fenster aufstand und der halbe Tisch frei
wurde.
Ihr blieben zwanzig Minuten bis zur Besprechung.
Während sie mit der Gabel in der rechten Hand zu essen begann,
fischte sie mit der linken in der Tasche nach ihrem Telefon. Im
Laufe des Tages hatte es zweimal geläutet. Der Sender in der
Überwachungskamera hatte sich kurz vor Mittag gemeldet. Daraufhin
hatte Sofi die Internetseite aufgerufen, auf der man das Kamerabild
betrachten konnte. Aber es war der Postbote gewesen. Da sie ganz
oben im Haus wohnte, kam selten jemand vorbei. Den zweiten Anruf
vor einer Stunde hatte ihr Nachbar ausgelöst. Andersson arbeitete
bei Folksam und kam immer um diese Zeit nach Hause. Als Schöpfer
gezeichneter Liebeserklärungen konnte Sofi ihn sich nicht
vorstellen. Im Sommer unterhielten sie sich manchmal, wenn sie sich
zufällig beim Kissenausschütteln auf dem Balkon trafen. Ihm boten
sich also viel zu gute Gelegenheiten, um auf einen so verwegenen
Plan zu kommen. Außerdem konnte ein Mann, dem es gelang, mit
fünfzig Jahren noch alle zwei Monate seine ansehnliche Geliebte
auszuwechseln, kaum auf anonyme
Offenbarungen angewiesen sein. Zur Zeit trat jeden Sonntagmorgen
eine gelockte Dame auf seinen Balkon und streckte sich mit einem
Gähnen, das Sofi jedes Mal aus dem Schlaf riss.
»Hallo«, sagte eine Stimme.
In der Spiegelung des Fensters erschien Jannika
Fager von der Bezirkspolizei.
Sofi drehte den Kopf. Das war ihre einzige
Reaktion. Beim Betreten der Kantine hatte sie zwar Ausschau
gehalten, dabei aber offenkundig Jannika Fagers ganze Abteilung
übersehen. Die saß drei Tische weiter und blickte geschlossen
herüber.
Jannika nahm Sofi gegenüber Platz. Sie hatte sich
sogar ihre Kaffeetasse mitgebracht. »Ich habe schon einmal bei dir
angerufen. Deine Durchwahl ist doch 423, oder?«
Sofi zog sich die Gabel aus dem Mund. »Wir waren
drau ßen«, sagte sie. »Warum hast du es nicht wieder auf meinem
Mobiltelefon versucht?«
So wie am Tag zuvor.
»Deine Kollegin sagte, du bist krank. Das klang wie
ein verkappter Hinweis, und wir dachten, du bist im Einsatz.«
Sofis Augen waren so schwarz, dass ihr niemand
etwas ansehen konnte, wenn sie es nicht wollte. Sie umging eine
Antwort, indem sie weiteraß.
»Ihr bei der Reichsmord habt eine höhere Priorität,
das weiß ich, aber wir sollten uns dennoch absprechen, damit wir
uns nicht in die Quere kommen.«
Langsam begriff Sofi, von welcher Quere sie da
sprach. Jannika hielt ihre Nacht bei Joakim für einen
Polizeieinsatz. Das lief ja bestens, dachte Sofi. Sie durfte nur
nicht mit dem Essen aufhören.
»Eine Venusfalle haben wir auch erwogen, aber dem
Ankläger war das zu brisant. Er sieht in Karlström nicht nur einen
Informanten.«
»Sondern?«
»Einen der Hauptakteure.«
Sofi folgte einer Eingebung. »Was werft ihr ihm
vor? Geht es um Drogen?«
»Genau das haben wir bei euch angenommen.«
Sofi schüttelte den Kopf, was Jannika als Hinweis
auf die Geheimhaltungsstufe der Reichskrim deutete.
Jannika wehrte die eingebildete Ermahnung mit den
Händen ab. »Wir arbeiten für das Wirtschaftsdezernat.«
»Ragnar Annerbäck?«
»Der ist unser Auftraggeber.«
Oh je, sie hatte sich einem Mann hingegeben, hinter
dem Ragnar her war. Auf die Banane hatte sie jetzt keinen Appetit
mehr.
Das Telefon klingelte. Sofi nahm ab.
»Es war ganz schön schwierig, dich zu finden«,
sagte die Stimme am anderen Ende.
»Und wie hast du es am Ende geschafft?«, antwortete
sie und sah dabei Jannika direkt in die Augen. Über die
Taktlosigkeit des Schicksals wunderte sie sich längst nicht
mehr.
»Ich habe alle schwedischen Telefonnummern
angerufen, bis du abgehoben hast.«
»Wo bist du gerade?«
»Ich sitze bei Maja an der Bar. Deine Telefonnummer
war an einen beträchtlichen Mindestkonsum gekoppelt.«
»Ich melde mich.«
Jannika hatte brav gewartet.
»Ich komme zu spät zur Einsatzbesprechung«, sagte
Sofi und stand auf. »Auf uns müsst ihr keine Rücksicht
nehmen.«
»Aber …«, erwiderte Jannika und blieb zurück.
Sofi eilte zum Aufzug. Sie war die ganze Zeit von
einer Überwachung ausgegangen, wie sie im Stureplan-Milieu üblich
waren. Dass Ragnar dahintersteckte, war eine sehr beunruhigende
Neuigkeit. Wenn er von dem Video erfuhr, würde er hinaus in den
Flur laufen und bei Kjell klopfen.
Im Treppenhaus suchte sie sich erst ein Plätzchen
und dann die Nummer von Majas Lokal. Als Maja abhob, verlangte sie
nach Joakim.
»Warum hast du mich nicht auf meinem Telefon
zurückgerufen?«, wollte er wissen.
»Was willst du?«, fragte sie, ein bisschen
glücklich.
34
Kjell erschien als Letzter zur Besprechung, dafür
aber mit einigem Elan. Barbro, Henning und Sofi sah man die
Erschöpfung deutlich an. In der Ecke am Fenster hatte es sich Nils
Kullgren als Beobachter der Gegengruppe bequem gemacht.
Kjell zog einen Zettel aus seiner Manteltasche und
begann. »Suunaat konzentriert sich auf eine einzige Frage und hat
dies herausgefunden: Opfer 1 und 2 wurden mit demselben Präparat
betäubt, das nur in den Vereinigten Staaten als Medikament
zugelassen ist. Bei Judit liegt die Dosis höher. Mit hoher
Wahrscheinlichkeit nahm keine der beiden regelmäßig
Schlafmittel.«
Barbro wollte etwas einwenden, doch Kjell ließ sie
nicht zu Wort kommen.
»Judit hat Milchkaffee getrunken, in ihrer Wohnung
fanden wir aber keine Milch. Ich habe jemand von der Fahndung
beauftragt, im Sofo-Viertel die Cafés abzuklappern.«
»Herrgott«, brummte Henning. »Das kannst du gleich
vergessen.«
»Versuchen müssen wir es. Suunaat ist auch zu Elins
Wohnung
gefahren. Sie hat das Medikament mit grünem Tee eingenommen. Auch
bei Elin fand sich nichts. Also fand die Einnahme nicht zu Hause
statt, wodurch sich die Möglichkeit eröffnet, dass ein anderer das
Mittel in das Getränk gegeben hatte. Zwischen der Einnahme und dem
Tod lag je ein Zeitraum von mindestens vier Stunden.«
»Was passiert denn dabei mit einem?«, erkundigte
sich Sofi.
»Man schläft ein, vielleicht sogar im
Stehen.«
»Und stirbt?«
»Nein. Ohne die Kälte hätte das Mittel nicht zum
Tod geführt.«
»Dann erfüllte es wohl nur den Zweck, die Frauen
bewusstlos zu machen, damit sie entführt werden und erfrieren
können.«
Kjell nickte knapp. »Und schließlich das
Wichtigste: Bei keiner der beiden Leichen hat der Verwesungsprozess
begonnen. Die Kältestarre trat noch vor der Totenstarre an den
Augenlidern ein und verhinderte alle Todeszeichen. Dies ist der
Beweis, dass es sich nicht um Selbstmord handeln kann. Wäre Elin am
Strand erfroren, wären die Totenstarre und alle anderen
Todeszeichen um gute zehn Stunden vor der Kältestarre eingetreten.
Zumindest hätten wir Spuren von Todeszeichen sehen müssen.«
»Ist sich Suunaat sicher?«, erkundigte sich
Henning. »Sie kann beide Starren auseinanderhalten?«
»Das kann sie. Sie sind von unterschiedlichem
Wesen.« Kjell warf einen letzten Blick auf den Zettel, bevor er ihn
wieder in der Manteltasche verschwinden ließ. »Die ATP-Werte sind
nach dem Eintritt des Todes nicht abgefallen. Sie sind also nicht
gestorben und dann langsam gefroren, wie es bei einem Selbstmord zu
erwarten gewesen wäre. Sie waren bereits sehr ausgekühlt, als sie
starben. Doch die dazu nötige Kälte gab es
draußen nicht. Die Kälte, die das verursachte, muss künstlich und
so groß gewesen sein, dass sie die Körper einfror, bevor jeder
postmortale Prozess einsetzen konnte.«
»Sehr spitzfindig! Dann war Judits Körper länger
gefroren. Sie ist zur gleichen Zeit wie Elin gestorben, wurde
allerdings erst zwei Tage später entdeckt.«
Kjell sah auf. »Guter Punkt, Henning. Suunaat hat
darauf keine Antwort. Aber es muss wohl so sein. Hat einer von euch
noch Zweifel an unserer Arbeitstheorie?«
Die Frauen schwiegen, was man als Nein verstehen
musste.
Barbro räusperte sich. »Das Mittel ist bloß in den
Vereinigten Staaten zugelassen?«
Kjell nickte. Auf Barbros Stirn entdeckte er
Zweifel. »Hast du Einwände?«
»Ich überlege nur. Beide hatten eine Verbindung zu
Amerika. Bei Judit ist sie stärker. Elin war für kurze Zeit
Austauschschülerin.«
»Da Flunitrazepam in Schweden verboten ist, muss
das Mittel aus dem Ausland stammen. Dieses spezielle Mittel kann
man hier in Drogenkreisen beschaffen. Suunaat findet es
naheliegend. Unter den Mitteln seiner Art ist es am stärksten.«
Kjell wand sich endlich aus seinem Mantel und stand dann auf, um
ihn an den Haken zu hängen. Als er zum Tisch zurückkehrte, blieb er
hinter seinem Stuhl stehen und sah Henning an. »Henning, du hast
von Anfang an geahnt, dass es kein Selbstmord war, oder?«
»Ja«, antwortete Henning mit einer für ihn
ungewöhnlichen Klarheit. Sonst liebte er Andeutungen, das
Einstreuen von Zweifel und offene Schlüsse.
»Das Lied, ja?«
»Das Lied.«
»Gab es bei Judit auch ein Lied?«
Henning schüttelte den Kopf. In ihrer Wohnung
hatten sie
einen winzigen Player gefunden, und die Musikanlage im Keller war
leer gewesen.
»Henning, ich will, dass du das Profil
entwickelst.« Kjell zog einladend seinen Stuhl zurück und lief um
den Tisch, um Hennings Platz einzunehmen.
»Elin Gustafsson«, begann Henning nach dem Wechsel.
»Bis wir auf den Rollstuhl gekommen sind, sah die Sache wie ein
astreiner Selbstmord aus. Nun stellen wir uns die Frage: Sollte es
wie ein Selbstmord aussehen?« Henning drehte den Kopf. Zu
Sofi.
Sie verneinte. »Der Täter ist sehr intelligent und
hat keine technischen Spuren hinterlassen, wenn man von dem
Schlafmittel absieht. Dafür aber Widersprüche, die keiner übersehen
kann. Elins Rollstuhl zum Beispiel oder die komplizierte Sache mit
der Körpertemperatur. Wollte der Täter den Mord vertuschen, hätte
er diese Widersprüche vermieden.«
»Was schlägst du vor?«
»Fundstelle und Vorgehensweise sind arrangiert. Die
ganze Vorgehensweise ist das Gegenteil einer Vertuschung.«
Henning lächelte. »Ich glaube, dass der Sinn des
Mordes die Inszenierung eines Selbstmords war. Der Selbstmord ist
das, was die Szene darstellt. Ihr Gehalt. Das klingt ganz schön
abgehoben, was?«
Kjell lächelte milde. »Dann soll uns das Bild also
keinen Selbstmord zeigen, sondern den Selbstmord nur
zitieren.«
»Vergesst den Selbstmord«, mischte sich Sofi ein.
»Diese Idee stammt aus unseren Köpfen, aus unserer Routine. Das
Bild zeigt nicht den Tod der Frauen, sondern ihr Leben. Eine
charakterisierende Szene aus ihrem Leben. Allerdings
erstarrt.«
Kjell richtete sich auf. »Wir haben es also mit
einem massiv gestörten Täter zu tun. Einem Psychopathen.«
»Auf jeden Fall.«
Barbro saß seit einigen Minuten über ihr
aufgeschlagenes Notizheft gebeugt da und schwieg.
»Barbro, du hattest ein anderes Drehbuch für diese
Besprechung, oder?«
Sie seufzte. »Ich bekomme Elin und Judit einfach
nicht zusammen. Sie sind völlig unterschiedlich. Judit hat beinahe
siebenhundert Kontakte in ihrem Telefon gespeichert.«
Kjell winkte ab. »Sie musste ganz von vorne in
Stockholm beginnen. Bestimmt hat sich jede beiläufige Begegnung in
ihrer Telefonliste niedergeschlagen.«
»Trotzdem. Elin hatte überhaupt keine Kontakte. Das
sind also zwei Extreme. Und das ist erst der Anfang. Judit sieht
gut aus und war als Musikerin auf dem Weg nach oben.«
»Das behauptet Malte als ihr Liebhaber und
Förderer. Sicherlich übertreibt er.«
»Er hat untertrieben. Ich habe die Plattenfirma
angerufen. Es gab vierhundert Besprechungen für das Album. Vom
Stockholmer Lokalblatt bis zu internationalen Musikjournalen. Und
alle handeln nur von einem Thema: dem Drumming von Judit
Juholt.«
»Muss sie damit nicht einen Haufen Geld verdient
haben?«, fragte Henning.
»Das habe ich auch gefragt. Es gibt allerdings
keine Verbindung zwischen Kritik und Umsatz außer der, dass sich
intensiv besprochene Platten oft viel schlechter verkaufen, als man
vermutet. Bei dieser hier geht es noch. Sie liegen bei zehntausend,
sagt die Pressefrau, aber sie produzieren wie die Buchbranche für
den Saisonschlussverkauf. Man verkauft das erste Zehntel regulär
und neun Zehntel beim Ausverkauf, für einen Bruchteil des
Herstellungspreises. Das ist zwar ein Verlustgeschäft, aber dafür
kann man behaupten, es gäbe einen neuen Stern am Musik- oder
Krimihimmel. Den Verlust gleichen sie durch Lizenzen aus, für die
sie wegen des scheinbar höheren Umsatzes
mehr bekommen. Geld hätte sie erst im Januar bekommen, und zwar
240.000 Kronen. Aber für Judit selbst ist die Beachtung ein
ungeheuerlicher Erfolg. Das ist das Entscheidende.«
Sofi meldete sich zu Wort. »Ich glaube nicht, dass
diese Unterschiede und Gemeinsamkeiten etwas darüber aussagen, wie
ähnlich sich Judit und Elin waren.«
»Von welchen Gemeinsamkeiten redest du denn?«,
fragte Barbro.
»Beide sind Frauen unter dreißig, wohnen in
Södermalm und standen vor einer Veränderung in ihrem Leben, die
eine Entscheidung von ihnen verlangte. Und das ist der Punkt. Die
Umorientierung, die für uns am Anfang als Selbstmordmotiv in Frage
kam.«
Henning verschränkte die Arme vor der Brust. »Für
mich nie! Außerdem sehe ich bei Judit keine Krise. Früher hat sie
Bratsche gespielt, jetzt eben Schlagzeug. Na und? Sie hätte die
Streberideologie aus ihrem jüdischen Elternhaus bestimmt bald
überwunden.«
Sofi nickte. »Das wäre also ein weiterer
Widerspruch zu einem Selbstmord. Sie brauchte bloß Beistand. Keine
der beiden hatte einen Partner, dem sie sich anvertrauen konnte.
Auch Judit nicht. Anscheinend hat sie sich von ihrem ehemaligen
Freund so weit entfernt, dass er nicht mehr dafür in Frage kam. Und
weißt du, Barbro, was der Beweis dafür ist?«
»Den möchte ich gerne hören.«
»Astrid Blom. Judit Juholt wollte mit einem
Menschen, den sie kaum kannte, eine Woche lang Urlaub machen. Mit
ihrer Kellerbekanntschaft.«
Kjell warf einen Blick über seine Schulter. Nils
Kullgren saß gebannt in der Ecke und beobachtete die Runde. Als er
auf Kjell aufmerksam wurde, sah er ihm bis zum nächsten
Wimpernschlag in die Augen.
Sofi fuhr fort. »Doch Astrid fehlt das Kaliber, um
Judit bei
der entscheidenden Frage zur Seite zu stehen. Astrid und der
Urlaub sind nur eine Unterbrechung ihrer Krise, aber nicht die
Lösung.«
Alle warteten auf den Höhepunkt dieses Szenarios,
doch Sofi glaubte, dass die Erkenntnis gar nicht mehr ausgesprochen
werden musste.
»Sind wir jetzt beim Täter?«, fragte Henning.
»Na klar. Ein älterer Mann. Eine Vaterfigur.
Mindestens vierzig.«
»Wie weit ist Snæfríður mit der Identifizierung?«,
erkundigte sich Kjell.
»Es kann noch ein, zwei Stunden dauern. Sie will
ganz sichergehen. Was machen wir, wenn das Telia-Phantom mit dem
Phantom aus dem Musikkeller übereinstimmt?«
Kjell sah auf die Uhr. Sein Flugzeug hob in drei
Stunden ab. »Dann gebt ihr das Bild sofort an die Zeitungen.«
»Okay«, sagte Barbro. Sie klang schrill, weil sie
sich überfahren fühlte. »Bisher ist alles nur ein Konstrukt. Wo
liegt das Motiv? Es geht ihm weder um Gewalt noch um Sex.«
Henning kniff die Augen zusammen. »Es geht ihm auch
nicht um Elin Gustafsson und Judit Juholt. Gab es nicht mal einen
Film, wo Mordopfer in mannshohe Schachfiguren eingegipst wurden?
Die Hauptfigur, die das Rätsel löste, war Schachgroßmeister. Der
musste dann durch den nächsten Zug verhindern, dass eine weitere
Figur in diesem Spiel geschlagen wurde, was ein weiteres Mordopfer
bedeutet hätte.«
Barbro seufzte. »Hast du jemals einen Film
angesehen, ohne dabei im Sportteil der Zeitung zu blättern?«
»Henning möchte damit sagen, dass jemand ein Spiel
treibt«, sagte Kjell.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Sofi.
»Wir warten auf das dritte Opfer. Und wie ein
Schachgroßmeister bereiten wir unseren nächsten Schritt vor, obwohl
wir
noch gar nicht am Zug sind. Schönes Beispiel übrigens,
Henning.«
»Aha. Und wie bereiten wir uns vor?«
»Die Frage lautet, wer von euch als Nächster einen
nächtlichen Anruf von Per erhält.« Kjell stand auf und ging zu
seinem Mantel. »Henning. Ich tippe auf Henning. Er wohnt auch in
Söder.«
»Mich interessiert eher, wer das nächste Opfer
ist«, sagte Henning.
Kjell schlang sich den Schal um den Hals. »Das
wirst du dann schon sehen. Das Opfer ist wahrscheinlich längst tot.
Sofi, du prüfst alle Vermisstenmeldungen seit dem 21.
Dezember.«
Sofi nickte.
»Ich melde mich.« Kjell bückte sich nach seiner
Reisetasche und verschwand aus der Tür.
Er ließ eine längere Stille zurück.
»Henning«, sagte Sofi am Ende dieser Stille. »Was,
wenn Linda das dritte Opfer ist?«
»Diese Frage kommt dir erst jetzt? Kjell ist sie
schon heute Morgen eingefallen.«
»Aber keine Antwort darauf.«
»Ich bin die Antwort«, sagte Nils Kullgren aus
seiner Ecke am Fenster. »Wir sind die Gegengruppe.«
Sofi fuhr als Einzige herum. »Ja, aber was macht
ihr? Womit beschäftigt ihr euch überhaupt?«
Nils Kullgren antwortete nicht. Er stand auf,
stellte seine Kaffeetasse auf der Anrichte ab und verließ das
Zimmer.
35
Nils Kullgren passierte die Sicherheitsschleuse
und kehrte zurück in den abgeschotteten Trakt, wo die Säpo ihre
Büros hatte. Die drei aufeinanderfolgenden Türen nahm er mit
derselben Routine, mit der er am Morgen erst seine Unterwäsche und
dann den schwarzen Anzug anlegte und schließlich in seinen Mantel
schlüpfte.
Die Lampen in den Korridoren erloschen nie, dennoch
spürte er stets auf Anhieb, ob noch jemand hier war. Am Nachmittag
hatte Theresa Julander mit zwei Analystinnen sämtliche Akten der
Reichsmord herübergetragen und auf dem Tisch im Besprechungsraum
gestapelt. Von Theresa war nichts zu sehen, nur der alte Tholander
stand in Mantel und Mütze vor dem Tisch. Er musste gerade erst
eingetroffen sein, denn seine Nase schimmerte noch rot von der
Kälte draußen. Ausdruckslos betrachtete er die Akten und wickelte
sich den Schal vom Hals, wobei er seine Hände kaum rührte und
stattdessen den Kopf kreisen ließ.
Tholander war ihm am Morgen im Gang des
menschenleeren Büros über den Weg gelaufen. Wen hätte er also sonst
fragen sollen?
»Wo ist Theresa Julander?«, fragte Kullgren und
nahm am Tisch Platz. »Hast du sie gesehen?«
»Nää.«
Tholander und Julander. Das war die Gegengruppe.
Vor einiger Zeit hatte Kullgren im Volksbuch nachgesehen. Tholander
besaß tatsächlich auch einen Vornamen, Jerker, und sogar ein
Geburtsdatum. An anderen Tagen erinnerte er an einen frisch
abgepuderten Schauspieler, der den Claudius gab. Selbst die Röte,
die der Eiswind Tholanders Wangen gerade verpasst hatte, war
grau.
»Bist du gerade erst gekommen?«, fragte
Kullgren.
»Jaa.« Tholander nahm seine Nickelbrille ab und
polierte sie. Ihm kam nicht in den Sinn, dass der Generaldirektor
sich eine umfangreichere Antwort auf seine Frage wünschte. Und wenn
doch, dann wäre er der Letzte gewesen, der Wünsche erfüllte.
Diese Undurchsichtigkeit, die einer Person
anhaftete, war in der Sicherheitsabteilung, wie Tholander die Säpo
immer noch nannte, die Währung für Aufstieg und Bestand. Tholander
hatte in der Vorzeit, die wohl seinetwegen die graue Vorzeit hieß,
Spione schneller enttarnt, als das Ausland neue schicken konnte.
Sogar Kotschenko ging auf sein Konto. Ein Numen wie ein römischer
Gott, der nichts ist als sein Ruf, hatte er sich jedoch in der
Nacht vom 28. Februar 1986 erworben. Da hatte er das Polizeigebäude
vier Minuten vor Mitternacht verlassen, in der kurzen Zeitspanne
zwischen dem Attentat und dem Einsatz, und war drei Tage lang
verschollen geblieben. So konnte sich jeder ausmalen, wie viel
Tholander tatsächlich wusste, was ihn als Agenten der Säpo
unkündbar machte. Der Legende nach hatte er ein wichtiges Alibi in
Borlänge überprüft. Kullgren vermutete, dass dieses unbekannte Ass
im Ärmel ein Bluff war, aber darauf ankommen lassen wollte er es
nicht.
Im Bluffen war Kullgren selbst ein Meister. Er
hätte berichten können, was er vor seiner Zeit als Direktor der
Säpo getan hatte. Das hätte ihm Respekt eingebracht. Besser als
Respekt waren allerdings Furcht und Ungewissheit. Die erreichte
man, indem man nur die Andeutungen durchsickern ließ, sein Handwerk
beim Mossad gelernt zu haben. Niemand verarschte Nils Kullgren.
Dieses Motto musste Kullgren nicht verkünden. Die anderen kamen von
ganz allein darauf.
Dennoch nötigte Tholanders Legende Kullgren
Bewunderung ab. Noch vor Mitternacht und unmittelbar nach dem
Attentat auf Palme zu ahnen, was in den kommenden Stunden
und Tagen geschehen würde, verlangte ein enormes taktisches
Geschick. Das hatte Kullgren bei seinem Antritt als Direktor nicht
herausfordern wollen und Tholander deshalb als Einzigen aus der
alten Garde im Dienst behalten. Inzwischen war er so lange dabei,
dass es für zwei Pensionen gereicht hätte.
Wie bei der ersten Besprechung am Morgen reagierte
Theresa unsicher auf ihn, als sie endlich hereingeeilt kam. Das lag
nicht nur an seiner Art, mit anderen Menschen nicht zu
interagieren, sondern auch an seinem Erscheinungsbild. Tholander
stand irgendwo zwischen sechzig und siebzig und besaß alle Merkmale
und die Strenge eines Schulrats aus dem neunzehnten
Jahrhundert.
Noch im Gehen entschuldigte sich Theresa für ihre
Verspätung. »Ich habe ein Dossier verfasst, zu den Akten da.«
Kullgren deutete auf die Akten und nickte
nachgiebig. Theresa verstand die Einladung und begann. Sie stellte
sich neben den größten Stapel und legte den Arm darum.
»Zum Glück sind die meisten Fälle Profile. Die habe
ich alle aussortiert.«
Tholander hob den Kopf. »Kannst du das
erklären?«
Theresa fuhr zu ihm herum. »Die Reichsmord
ermittelt hier nicht selbst, sondern die lokale Kriminalpolizei
irgendwo im Land. Nur wenn die nicht mehr weiterwissen, schicken
sie uns die Akte.«
Kullgren unterbrach sie und erklärte Tholander,
dass Theresa vor ihrer Zeit bei der Säpo sechs Monate lang bei
Cederström gearbeitet hatte.
»Die Reichsmord prüft die Akte und gibt den
Kollegen von der Ortspolizei einen Rat, wo sie bei ihrer Ermittlung
die falsche Richtung eingeschlagen haben«, erklärte Theresa.
»Dieses Gutachten nennen wir Profil. Die Verdächtigen erfahren nie
davon. Es ist ein interner Vorgang, der nicht einmal
in der Hauptuntersuchungsakte auftaucht.« Theresa suchte in den
Mienen der beiden Männer nach möglichen Einwänden und fuhr dann
fort. »Den nächsten Stapel habe ich ebenfalls aussortiert. Die
Fälle wurden von den Unterermittlern bearbeitet. Das sind diese
geschiedenen Typen, die wie Staubsaugervertreter im ganzen Land
herumreisen, in Motels wohnen und bei schweren Verbrechen die
Ermittlung führen. Sie unterstehen zwar alle Cederström, aber er
ist nur formal ihr Vorgesetzter. Tatsächlich arbeiten sie ganz
allein mit einem Maßnahmenkatalog und haben vor allem Kontakt mit
dem Ankläger am Ort. Mit Cederström haben sie nur zu tun, wenn sie
ihm die abgeschlossene Akte schicken. Und auf der
Weihnachtsfeier.«
Erstaunlich, fand Kullgren. Er hatte sich immer
schon gefragt, ob Cederström auch mal arbeitete.
Tholander hob interessiert den Kopf und sagte:
»Jaha! Die möchtest du also aussortieren?«
»Ja, es sind nicht nur Tötungsdelikte, sondern auch
andere Schwerverbrechen. Die Hälfte der Fälle sind Vergewaltigungen
im Stadtpark von Västerås. Ich wollte schon einmal den Stadtrat
dort anrufen und fragen, warum sie den Park nicht einfach dem
Erdboden gleichmachen. Ich glaube nicht, dass diese Täter für uns
in Frage kommen.«
Tholander stand abrupt auf. »Nähää. Nicht die
Täter.«
Theresa glotzte Tholander an.
»Die Weihnachtsfeier«, sagte Tholander.
»Was ist mit der Weihnachtsfeier?«
»Die muss doch vor kurzem gewesen sein.«
»Ja, am Einundzwanzigsten.«
Um 18 Uhr, schoss es Kullgren durch den Kopf. Die
beiden Frauen waren in demselben Augenblick verschwunden, als
Cederström zu seiner alljährlichen Rede anstimmte, die stets eine
mehr oder minder gelungene Kopie der Begräbnisrede
von Perikles war. Auch in diesem Jahr hatte er nicht darauf
verzichtet und seinen Vaterschaftsurlaub für einen Abend
unterbrochen.
»Sind die Ermittler nicht allesamt Stockholmer?«,
fragte Tholander. »Dann haben sie ihren Wohnsitz hier in der
Stadt.«
»Klar! Sonst würden die wegen einer lausigen Feier
nicht herkommen.«
»Wie viele sind es?«
»Dreißig. Etwa.«
»Und wie lange bleiben sie hier?«
»Die haben Weihnachtsferien. Zwei Wochen. Die sind
ihnen garantiert, weil sie ja sonst immer im Motel …«
»Jaha, das ist also die einzige Zeit im Jahr, wo
die Elite der schwedischen Kriminalermittler vollständig in
Stockholm versammelt ist.«
Theresa kratzte sich am Kopf, was wegen ihrer
dicken Locken gar nicht so einfach war.
Für Tholander war es wieder an der Zeit, seine
Brille abzunehmen, um sie zu polieren. »Das ist interessant. Unser
Auftrag besteht schließlich in der Frage, ob sich die Tötungsserie
gegen die Reichsmord richtet, oder nicht?«
Kullgren schrak auf und warf einen Blick auf seine
Notizen. Die Schrift von Henning Larsson war schwer zu entziffern.
»Ja, offiziell lautet unser Auftrag: Prüfen, ob uns jemand
verarscht! Oder ob wir uns selbst verarschen!«
Theresa hob den Daumen. Tholander nickte knapp. Er
erkannte Humor durchaus, hatte jedoch nie Lust zu lachen.
»Soll ich den ganzen Stapel mit reinnehmen?«
»Nähä, das sollst du nicht. Du sollst nur nicht so
voreilig sein.«
Dass Tholander sich setzte, konnte Theresa als
Aufforderung verstehen, mit dem Vortrag fortzufahren.
»Also dann der dritte Stapel. Das sind die
eigentlichen Fälle von Cederström. Die Tötungen, die von Anfang an
die Reichskriminalpolizei gehen. Hier ist er
Voruntersuchungsleiter. Es sind neunzehn Stück seit seinem Antritt.
Was davor lag, haben wir weggelassen, weil sich die vier
Kernmitglieder der Gruppe damals noch nicht kannten.«
»Neunzehn?«
»Nur drei kommen in Frage. Bei den anderen sind die
Täter tot oder im Gefängnis. Vor allem im Gefängnis.«
»So, ganz langsam, Kleine!« Tholander begann jede
seiner Aussagen mit einem kurzen Wort, das er gerne dehnte. »Dein
Ansatz geht gänzlich von etwas aus, was man sich als Rache
vorstellen muss. Deine Lösung liegt also in der
Vergangenheit.«
»Äh, ja, ein Psychopath.«
Tholander sah sie skeptisch an.
»Na ja, ich sollte die Akten sichten. Was für einen
Ansatz soll ich sonst haben?«
»Also, das kannst du vergessen. Die Psychopathen
sind alle mit ihren Internetblogs beschäftigt. Außerdem sind sie
zwar gefährlich, aber nie raffiniert.«
»Du meinst, sie sind zu sehr von sich selbst
eingenommen, um andere so täuschen zu können?«
Tholander hob die Brauen. Das war ohne jeden
Zweifel ein neunzigprozentiges Ja.
Kullgren reckte sein Kinn. »Jerker, darf ich dich
mal fragen, was du von der Sache hältst?«
»Ich persönlich halte die Sache für eine perfekte
Aktion, deren Ziel ich nicht verstehe. Um zwei Frauen zu töten und
wie Schaufensterpuppen zu drapieren, muss man ein Psychopath sein.
Das steht unabhängig vom Ziel fest.«
Theresa neigte ihren Oberkörper vor, um zum
Gegenangriff überzugehen. »Das klang aber gerade noch
anders.«
»Es gibt einen Unterschied zwischen einem
Psychopathen aus der Vergangenheit und einem Psychopathen, der in
die Zukunft plant. Das kapierst du wohl.«
36
Als Henning den Wagen anhielt und durch das
Seitenfenster zum Eingang des Nordischen Museums spähte, öffnete
dort eine Gestalt die schwere Tür und kam die Treppe hinab in
direkter Bahn auf ihn zu. Er erkannte Hulda erst, als sie die Tür
öffnete und sich neben ihn setze.
»Wo ist dein Regenmantel geblieben?«
Hulda blickte überrascht an sich herab. Sie trug
eine schwarze Winterjacke. »Es schneit doch nicht mehr.«
Den Regenmantel hatten Henning und wohl auch alle
anderen Menschen für ein festes Merkmal an Hulda gehalten, für eine
Lebensanschauung. Er hatte so gut zu ihrem Verhalten gepasst.
Anscheinend trug sie ihn nur, wenn Regen oder Schnee vom Himmel
kam. Und genau dafür wurden Regenmäntel gemacht.
Henning wendete den Wagen und fuhr in die
Innenstadt zurück. Über den Bewegungsdrang des Mädchens wunderte er
sich längst nicht mehr. Am Nachmittag hatte Snæfríður ihm erklärt,
dass Hulda ihre Kindheit im Freien verbracht hatte. Und wenn es
draußen zu ungemütlich wurde, was in den Westfjorden Islands etwa
elf Monate im Jahr der Fall war, dann hatte der Großvater ihr von
der großen weiten Welt vorgelesen, wo es viel mehr gab als
Grashalme, schwarze Felswände und das Meer.
Eine Weile fuhren sie schweigend, bis Henning eine
rote Ampel zum Anlass nahm. »Ich möchte, dass du in den nächsten
Tagen daheim bleibst.«
»Rumsitzen?«
Henning brummte.
»Sitzen und glotzen, so sagt ihr doch?«
»Es hat wieder eine Tote gegeben. Derselbe
Täter.«
»Und da hast du Zeit, mich vom Museum abzuholen?
Was machen wir heute?«
»Als wir uns gestern getroffen haben, kamst du da
nicht von der Kirche?«
»Hier sind überall Kirchen.« Hulda wählte zwei in
der näheren Umgebung der roten Ampel aus und deutete auf sie.
»Sofia, Renstiernas Gatan.«
Ihre Augen funkelten. »War da die Tote?«
»Und zwar genau zu der Zeit, als wir beide uns
hundert Meter weiter amüsiert haben.«
Hulda hob den Daumen. Die Sache war nach ihrem
Geschmack. Bevor sie die Straße hinaufgelaufen und Henning begegnet
war, hatte sie eine gute Viertelstunde vor der Kirche gestanden,
weil Orgelmusik aus dem Inneren drang. Kurz vor dem Ende des
Gottesdienstes kam eine junge Frau mit Kinderwagen heraus, zehn
Minuten später die Schar der anderen. Hulda beschrieb jeden der
zweiunddreißig Personen ausführlich, am Ende den Pfarrer und den
Organisten. Sie hatten die Kirche verriegelt.
»Genaues Beobachten ist nicht dein Problem«, fand
Henning am Ende ihres Berichts. »Dreißig Kirchenbesucher mehr, und
man könnte beinahe von einer Sehstärke sprechen.«
»Ich habe überhaupt kein Problem.«
»Garkeins?«
»Man muss sein Los hinnehmen, dann ist das Leben
leicht.«
»Aber Hunger hast du doch wenigstens?«
»Ja.«
Andere Leute in die Ecke zu philosophieren, das war
eine
Leidenschaft der Isländer. Das hatte Henning inzwischen
begriffen.
Als er eine Stunde später ins Büro zurückkehrte,
saßen seine drei Kolleginnen betreten am Besprechungstisch.
»Was sagt Hulda?«, fragte Snæfríður.
»Sie hat zwei Männer mit Hut aus der Kirche kommen
sehen. Beide waren gebrechlich und hatten ihre Frauen dabei.«
»Hast du ihr die Zeichnung gezeigt?«
Henning nickte. Er nahm die drei Polizistenmenüs,
die er aus dem Mäster Anders mitgebracht hatte, aus der Tüte und
verteilte sie an die Frauen.
»Schade«, sagte Barbro. »Es wäre das Sahnehäubchen
gewesen.«
»Worauf?«, erkundigte sich Henning.
»Er ist es«, antwortete Snæfríður und legte ihre
Linke auf die Phantomzeichnung. Sie hatte die beiden Verkäuferinnen
aus dem Telia-Laden einbestellt. »Der Mann, den Andrine und
Ann-Marie mit Elin in der Espressobar gesehen haben, ist der Mann,
den Astrid Blom in Judits Kellerabteil gesehen hat.«
»Die trugen beide einen Hut«, wandte Henning
ein.
»Wir haben sehr umfangreiche und schwierige Tests
gemacht. Es handelt sich um ein und dieselbe Person.«
»Tatsächlich? Dann ist er die Verbindung. Und
jetzt?«
Barbro nickte. »Wir sind alle müde und gehen ins
Bett, sobald wir das hier aufgegessen haben.«
Barbro hatte bei den Polizeistationen in Södermalm
herumgefragt. Dort wusste man nichts von einem Mann mit Hut, doch
das bedeutete nicht mehr, als dass er nicht mit der Polizei in
Kontakt gekommen war.
Sofi hatte alle Vermisstenmeldungen überprüft, die
in den letzten zwei Wochen in Stockholm eingegangen waren. Ohne
jeden Erfolg. Nur ein einziger Mann war vermisst worden. Er hatte
die Nacht nach einem Streit mit seiner Frau im Hotel verbracht.
»Eine verschwundene Frau hätte uns einen enormen Vorsprung
gegeben«, sagte sie. »Falls es überhaupt ein drittes Opfer geben
wird. Das erfahren wir morgen Nacht. Wenn er wieder zwei Tage
wartet.«
Sie legte ihre Gabel ab. Die Gegend um Hennings
Wohnung hatte sie bereits ausbaldowert. Er wohnte seit einem Jahr
am Mosebacke Torg mit Blick auf das Theater. Vom Fjord sah er aus
dem dritten Stock leider nur ein winziges Dreieck.
»Drei Stellen eignen sich«, erklärte Sofi.
»Zunächst die Felsterrasse des Lokals. Die ist zwar im Winter
verschlossen, aber man blickt von dort über die ganze Stadt. Das
könnte unserem Psychopathen als Bühne für seine Szene gefallen. Die
zweite Möglichkeit ist die alte Holztelefonzelle auf dem Platz. Und
zuletzt die Sitzbänke auf dem Platz selbst. Mehr Möglichkeiten gibt
es eigentlich nicht. Diese drei müssen wir morgen Abend
überwachen.«
Henning war nicht gerade begeistert, dass er die
Nummer drei sein sollte, aber sonst kam nur Barbro in Frage.
Snæfríður arbeitete erst seit kurzer Zeit in der Gruppe, und
Theresa Julander war schon vor Monaten zur Säpo gewechselt. Die
Wahl zwischen ihm und Barbro war aus einem einzigen Grund auf ihn
gefallen. Er wohnte wie Kjell und Sofi in Södermalm, Barbro jedoch
am Strandvägen auf der anderen Seite des Fjords.
»Bei Barbro müssen wir aber auch Leute postieren«,
sagte Henning. »Nichts gibt uns Gewissheit, dass er sich wie in
einem klassischen Theaterstück an den geschlossenen Raum hält. In
diesem Falle Södermalm.«
»Der Raum ist ihm auf jeden Fall wichtig«,
antwortete Sofi. »Immerhin errichtet er seine Szenen in der Nähe
unserer Wohnungen.«
»Vielleicht sind wir morgen Abend schon weiter.«
Henning zog das Phantombild zu sich. »Ist das die endgültige
Version? Wenn ja, dann raus damit.«
»Ich erledige das.« Sofi stand auf und trug ihr
Aluminiumschälchen und die Gabel zur Spüle.
37
Sofi sandte das Bild an alle Zeitungsredaktionen
und verfasste einen kurzen Aufruf dazu. Dort würde das Bild in zwei
Stunden in den Internetausgaben veröffentlicht werden. Für die
gedruckten Ausgaben war es leider schon zu spät. Da der Mann immer
nur in Södermalm gesehen worden war, entwarf Sofi ein Flugblatt,
das sie auf dem Spezialdrucker in der Presseabteilung
vervielfältigte. Die Leute von der Schutzpolizei würden es im
Morgengrauen den Zeitungsverteilern in die Hand drücken und sich
selbst an den großen U-Bahn-Stationen aufstellen. Bis zum Mittag
würde jeder zweite Södermalmer den Mann mit dem Hut kennen.
Sofi hastete in den sechsten Stock zurück. Sie
durfte auf keinen Fall Ragnar Annerbäck verpassen. Seine Abteilung
nahm den gesamten Nordtrakt der sechsten Etage ein. Ragnar war ein
Mensch, der immer einen Pullover über seinem Hemd trug und
regelmäßig Resümees zog. Deshalb ließ er seine Abteilung in den
letzten Tagen des Jahres alle Arten von Abschlussberichten
verfassen. Den Gesichtern seiner Mitarbeiter war anzusehen, dass
sie selbst nicht wussten, wozu das gut sein sollte. Sofi schlich
über den ausgestorbenen Flur. Am Ende des Ganges sank sie auf die
Knie und spähte unter der Tür hindurch. Da war noch Licht. Sie
wusste nicht, wie Ragnar reagieren würde, aber wenn sie seine Hilfe
wollte, dann musste sie offen sein. Das begriff sie, wenn auch eher
theoretisch.
Sie hatte Glück. Ragnar wollte gerade seine
filigrane Hornbrille abnehmen. Das war stets die letzte Handlung
seines Arbeitstages. Seinen Kirschbaumschreibtisch hatte er bereits
aufgeräumt.
Sofi trat ganz beiläufig ein und setzte sich auf den
Besucherstuhl. Es kam vor, dass sich die Leute aus der sechsten
Etage abends auf ein kurzes Gespräch besuchten, wenn sie noch
irgendwo Licht sahen.
»Ich habe gehört, dass du im Banana
ermittelst.«
Ragnar hörte augenblicklich auf, seine Dokumente in
die Mappe einzusortieren.
»Nicht gerade gehört, mach dir keine Sorgen.«
»Also bist du darauf gestoßen?«
»In gewisser Weise.«
Sofi machte Knopfaugen. Das stimmte die Menschen
milde.
Ragnar nahm seine Hornbrille nun tatsächlich ab,
hielt sie in beiden Händen mit Daumen und Zeigefinger und
betrachtete die Gläser von allen Seiten, als prüfte er, ob er sie
putzen müsse. »Sofi … Johansson.« Bei ihrem Vornamen klappte er den
linken Bügel ein, bei ihrem Nachnamen den rechten. »Es beunruhigt
mich, dass du darauf zu sprechen kommst. Von allen
Ermittlern der schwedischen Polizei möchte ich am wenigsten dich
dabeihaben.«
Sofi regte sich nicht.
»Wie du vielleicht weißt, leite ich die
Ethikkommission. Du bist in diesem Jahr neunmal in einer ernsten
Situation und zweimal in einer sehr ernsten Situation gelandet.
Zweimal hätte also jemand ums Leben kommen können, dabei liegt euer
Anteil an Erstermittlungen bei nur zwölf Prozent. Mit deinem
Quotienten aus dem Vorjahr könnte man dich sogar für eine
Drogenermittlerin aus Bogotá halten. Und jedes Mal hätte man die
Gefahr minimieren können, wenn zuvor minimal geplant worden
wäre.«
Ragnar verstummte. Es dauerte eine ganze Weile, bis
Sofi etwas sagte.
»Ich bin Todesermittlerin. Deine Zahlen hast du
alle aus abgeschlossenen
Ermittlungsakten. Vor und bei einem Einsatz sieht die Beurteilung
einer Aktion immer ganz anders aus. Wir haben eine ganz andere
Ermittlungsdynamik als ihr. Meine Gruppe macht die gefährlichen
Fälle, und niemand aus meiner Gruppe ist so viel unterwegs wie ich.
Mein Gefahrenquotient steht völlig im Einklang mit meinen
Aufgaben.«
Sofi verschränkte die Arme vor der Brust.
»Ich gebe dir voll und ganz recht. Mordermittlungen
sind das Richtige für dich. Da muss man Spannung in die Sache
bringen und sie zur Entscheidung treiben, aber hier bei uns in der
Wirtschaftsabteilung kauern wir lange in der Deckung und beobachten
nur. In diesem Fall vier lange Jahre lang. Ich will dich da nicht
dabeihaben.«
»Und ich will nicht mitmachen. Wir haben also
dasselbe Ziel. Deshalb bin ich hier.«
»Worum geht es?«
»Deine operative Einheit von der Bezirkspolizei hat
mich gefilmt, als ich mit Joakim Karlström zusammen war.« Ragnar
hielt das augenfällig für die Einleitung, so erwartungsvoll, wie er
auf die Fortsetzung wartete. »Also, in seinem Schlafzimmer … in
seinem Schlafzimmer zusammen war.«
Mit einer kaum wahrzunehmenden Straffung seines
Gesichts schlug die Erwartung in Entsetzen um. »Woher weißt du
davon?«
»Von dem Film? Am Morgen haben sie mich angerufen
und mich gebeten, sein Telefon zu durchsuchen und ein
Redirect-Programm darauf zu installieren.«
Er schlug mit der Faust auf sein Kirschbaumfurnier.
Sicherlich hatte er dergleichen noch nie getan. »Das ist
illegal!«
»Ist es nicht. Leidenschaft ist nicht
illegal.«
Ragnar seufzte. »Ich meine das Telefon. Das habe
ich nicht genehmigt.«
»Sie haben die Gunst der Stunde genutzt.«
»Wie lang ist der Film?«
»Etwa zehn Stunden.«
»Mit dir in der Hauptrolle?«
So war es leider. In der Rolle als ausgehungerte
Vampiretta. Sie musste Ragnar erzählen, wie alles begonnen hatte,
und auch, was später daraus geworden war.
»Der hat sich also an dich herangemacht, ja? Nicht
du dich an ihn?«
»Glaubst du mir nicht?«
»Wusste er, wer du bist?«
»Darüber wurde gesprochen, ja.«
»Wetten, dass Joakim Karlström in seinem Prozess
darauf zu sprechen kommt?«
»Was willst du damit sagen?«
»Überleg mal.«
»Er hat mir bereits im Aufzug schöne Augen gemacht.
Da wusste er es noch nicht.«
»Wenn es einer versteht, das Angenehme mit dem
Nützlichen zu verbinden, dann Joakim Karlström. Wir hatten auch
schon ersonnen, eine weibliche Ermittlerin unter ihn zu legen, die
Idee aber wieder verworfen, weil es rechtlich prekär ist.«
»Mir musst du nichts vorwerfen. Ich habe ihn
ahnungslos kennengelernt und will nur, dass dieses Video
verschwindet.«
»Wo liegt für dich das Problem?«
»Die Sache war ein Versehen und wirft ein falsches
Licht auf mich.«
Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus.
Erst sah es wie Hohn aus, aber dafür war in seinem Wesen kein
Platz. »Ich verstehe«, sagte er knapp.
Sofi erklärte, dass es ein besonderer Abend gewesen
sei. Sie hatte sich in einer ganz bestimmten Lage ihrer Freundin
Maja angeschlossen. Mit ihr war alles so leicht. Und sich in dieser
Lage Maja anzuschließen, war, als rannte man zu einem Feuerlöscher,
wenn man bloß eine Weihnachtskerze ausblasen wollte. »Das Video
kommt mit Sicherheit in Umlauf. Zumindest aber Gerüchte
darüber.«
»Wie sollte das passieren?«
»Alle, mit denen ich bei der Polizei begonnen habe,
sind jetzt bei der Bezirkspolizei.«
»Deine ganze Anfängerklasse?«
Sofi nickte.
»Die freuen sich, die Einzige aus ihrem Kreis, die
es bis zur Reichskrim geschafft hat, nackt auf einem Video zu
sehen?«
»Ich war immer vorsichtig und habe nie etwas
offenbart, was man gegen mich verwenden könnte.«
»Ich glaube eher, es verhält sich umgekehrt. Weil
du so bist, wie du bist, halten dich die Leute für überheblich oder
unnahbar.«
Ragnar wusste ganz schön viel. Vor allem über
sie.
»Die Dummen vielleicht.«
»Die sind immer die Mehrheit, Sofi. Wenn man nichts
über dich weiß, denkt man sich etwas aus. Was Karlström betrifft,
da sind wir bislang nicht über die Frage hinausgekommen, woher er
das ganze Geld hat.«
Für Sofi und den Rest der Welt warf das überhaupt
keine Fragen auf. »Er hat vor fünfzehn Jahren klein angefangen und
war eben sehr gewitzt. Das hat er mir selbst erzählt.«
»Als er aus New York zurückkam, besaß er keine Öre.
Sein erstes Lokal gehörte ihm gar nicht, wusstest du das?«
»Nein.«
»Alle Lokale gehören einer Kapitalgesellschaft hier
in Stockholm, an der er nur 30 Prozent hält. Den Rest wiederum hält
eine Kapitalgesellschaft in Luxemburg.«
»Solange er Steuern zahlt, ist doch alles in
Ordnung.«
»Steuern zu zahlen ist überhaupt der einzige Zweck
dieses Lokals und aller seiner Vorgänger! Um es kurz zu machen: An
einem Wochenende nimmt er drei Millionen ein, an den anderen Tagen
weniger. Wir sind uns sicher, dass die Hälfte des Umsatzes fiktiv
ist.«
»Geldwäsche? So etwas weist man doch im
Handumdrehen nach.«
»Wenn das Lokal dauernd leer, aber der Umsatz hoch
ist, dann ja. Hier jedoch wurde jede Flasche Champagner nicht nur
bezahlt, sondern auch getrunken.«
»Verstehe ich nicht.«
»Stell dir eine kriminelle Organisation vor, die in
Schweden sehr viel Geld mit Drogen umsetzt. Bargeld, natürlich. Es
soll ins Ausland. Meist besteht es aber aus kleinen Scheinen.
Dieses räumliche Volumen über die Grenze zu bringen oder in große
Scheine zu wechseln, ist viel schwieriger, als man sich vorstellt.«
Ragnar breitete die Arme aus, damit Sofi sich das räumliche Volumen
vorstellen konnte. »Also sucht man sich einen jungen Mann, der
gerade aus New York kommt, aber au ßer Geschmack, Geschick und
einer Vision nichts besitzt. Man gründet eine Kapitalgesellschaft
in Stockholm, die der Kapitalgesellschaft in Luxemburg gehört. Er
wird Geschäftsführer und prozentual am Umsatz beteiligt. Von diesen
Einnahmen erwirbt er über die Jahre ein Drittel der Stockholmer
Firma, die die Lokale betreibt. Beide Gesellschaften und der
Geldfluss zwischen ihnen sind völlig legal. Zurück zum Anfang: Mit
dem legalen Grundkapital erwirbt Karlström ein altes Hotel,
renoviert es mit hohen Kosten und macht es in einem halben Jahr zu
Stockholms beliebtestem Nachtlokal. Hohe Einnahmen, hohe Ausgaben.
Tadelloses Steuerverhalten. Zwei Jahre später macht er zu und
beginnt mit einem neuen Lokal in noch größeren Dimensionen. Noch
höhere Einnahmen, und noch höhere Ausgaben. Sobald der durch die
Anfangskosten verursachte Verlustvortrag aufgebraucht ist, macht er
den Laden wieder zu. Das Banana nimmt das gesamte Haus am Stureplan
ein. Kannst du dir vorstellen, was das kostet? Zwar war jedes
Lokal immer ein großer Erfolg, aber auf die echten Gäste kommt es
gar nicht an.«
Sofi ahnte etwas. »Ich habe mich gewundert, warum
er nur so wenige Gäste hereinlässt. Damit fördere man das Image des
Ladens, hat er mir erklärt.«
»Ja, es mehrt seinen Ruhm. Aber zudem muss er
seinen Gewinn unter Kontrolle halten, denn jeden Abend schmiert
sich eine Horde von Jugoslawen Gel in die Haare und spaziert in
seinen Club, um dort die Tageseinnahmen aus dem Drogenhandel zu
vertrinken. Und ein Jahr später haben sie das Geld versteuert auf
einem Konto in Luxemburg. Nach meiner Kalkulation waschen sie
Schwarzgeld mit einem Wirkungsgrad von 80 Prozent. Das ist sehr
viel.«
»Karlströms Aufstieg war also von vornherein
geplant?«
»Niemand gibt einem Anfänger dreißig Millionen als
Startkapital, wenn sein Erfolg als Gastronom nicht ohne Bedeutung
wäre. Die wussten, dass der Umsatz stimmen würde. Sie waren ja
selbst die Gäste.«
»Wer steckt dahinter?«
»Wir haben nur Pseudonyme. Und einen Verdacht, weil
wir sicher sind, dass das Geld aus Drogenverkäufen stammt. Die
Vereinigung der Stureplan-Wirte hat ja ein gemeinsames
Antidrogenkonzept, das die Dealer herzlich wenig interessiert. Nur
im Banana und seinen Vorgängern gibt es keine Drogen. Damit wollte
Karlström wohl seine Rechtschaffenheit demonstrieren und sich
Ermittlungen vom Hals halten. War aber ein Fehler.«
»Weil nur das Verbot des Oberkolumbianers das
bewirken könnte, aber nicht das eines Wirts?«
»Ganz recht. Und der hätte es nicht verboten, wenn
er im Banana nicht andere Ziele verfolgte. So raffiniert sie sind,
sie machen immer läppische Fehler.« Und weil ihre Drogeneinnahmen
hier aus Schweden stammten, musste auch die Geldwäsche hier
durchgezogen werden. So lautete Ragnars Vermutung. »Sonst würde
sich das bei unseren Steuersätzen nicht lohnen. Da unsere Regierung
als einzige in Europa und Amerika keine gestohlenen Bankdaten
kauft, wissen wir nicht, wie viele Strohmänner es gibt, aber
Karlström ist sicher nicht der einzige Gastronom, der für sie
arbeitet.«
»Und was machen wir jetzt in meinem Fall?«
»Ich habe die Leute von der Bezirkspolizei
ausgewählt, weil sie eine geschlossene Abteilung bilden und die
üblichen Verdächtigen kennen. Das Video wird auf keinen Fall nach
außen gelangen.«
»Du willst es nicht verschwinden lassen?«
»Das kann ich nicht tun. Wenn es eine Falle war,
kann das meinen Prozess gefährden.«
»Du hast bloß den Namen Janne und deine
Kalkulation. Du stehst ganz am Anfang. Ich bin längst in Pension,
wenn du deinen Prozess hast.«
»Versprich mir eines: Du handelst nicht, und du
sagst nichts. Zu keinem Menschen. Diese Ermittlung ist nach Palme
die größte in der Geschichte der schwedischen Polizei.«
38
Nach Theresa war Tholander an der Reihe. Er legte
sich eine von seinen dänischen Lakritzpastillen unter die Zunge,
bevor er begann. Kullgren überlegte, wie viele davon Tholander in
seinem Leben wohl gelutscht hatte. Der alte Jakobsson aus der
Registratur schwor, dass Tholander jeden Augenblick in den
vergangenen drei Jahrzehnten mit Lakritzgeschmack erlebt
hatte.
Am Morgen hatte Kullgren ihm die Personalakten der
vier
Mitglieder der Reichsmord in die Hand gedrückt. Nun lag nur noch
eine Akte vor ihm, gemäß dem Workflow jedes Geheimdienstes: So
schnell wie möglich allen Ballast abwerfen und die schwache Stelle
auf dem Eis ertasten.
Auch Theresa hatte es bemerkt. Sie starrte
neugierig auf die Akte.
»Das ist ein bisschen merkwürdig mit Johansson«,
brummte Tholander und öffnete den Deckel.
Kullgren ballte für einen Augenblick die Fäuste,
obwohl er es längst geahnt hatte. Er war Sofi sehr zugeneigt. Sie
besaß alles, was das Interesse eines Generaldirektors der
Sicherheitspolizei entfachte. Er mochte ihr kompromisslos schwarzes
Haar und den Nebel um ihre Existenz. Sofi Johansson war wie ein
Waldrand am frühen Morgen.
»Ihre Vergangenheit ist ziemlich nebulös«, begann
Tholander. »Der Vater ist unbekannt. Ihre Mutter stammt von hier
und hat mehrere Jahre lang als Stenografin im Reichstag gearbeitet.
Kurz bevor Johansson in die Schule kommt, wird die Mutter wegen
einer Psychose für arbeitsunfähig erklärt. Sie zieht mit der
Tochter nach Karlstad, obwohl sie keinerlei Verbindung zum Westen
hat. Ich vermute, es geht um das Sorgerecht für die Tochter. Sie
ist den Behörden davongelaufen. Drei Jahre später weist man sie in
eine Anstalt ein, wo sie nach zwei Jahren an einem Hirnschlag
stirbt. Johansson wächst bei Pflegeeltern auf dem Land auf.«
»Was für eine Psychose war das denn?«, wollte
Kullgren wissen.
Tholander blätterte vor und zurück. »Eine richtige,
neuronal. Genau wussten die Psychiater es offenbar selbst nicht.
Bei denen ist es wie beim Hautarzt. Man kommt mit einem beliebigen
Problem und geht mit einem Cortisonrezept. Jedenfalls litt sie
nicht an einfacher Depression oder Buddhismus.« Tholander schwieg
eine Weile. »Ob es sich vererbt, weiß ich nicht,
aber immerhin hat Johansson die prägenden Jahre ihres Lebens
allein mit ihrer völlig gestörten Mutter in einer Dreizimmerwohnung
in Karlstad verbracht.«
Ein Quietschen durchbrach die Stille. Theresa hatte
sich auf dem alten Stuhl zu Tholander herumgedreht. »Was hast
du denn in den entscheidenden Jahren deines Lebens
gemacht?«
Da Tholanders Dasein aus einer einzigen klaren
Loipe bestand, war sie so tief, dass selbst Theresa seiner Bahn
keine neue Richtung geben konnte. Tholander musste nicht mal sein
Taschentuch aus der Tasche ziehen. Mit dem Polieren seiner
beschlagenen Brille überbrücke er neun Monate im Jahr jede
Verlegenheit, und im Sommer war er nie da.
Theresas Verteidigung überraschte Kullgren. Sonst
machte sie kein Geheimnis daraus, dass sie und Sofi einander nicht
ausstehen konnten.
»Sie ist rasch aufgestiegen. Über Freunde, Bekannte
und ihre Freizeit habe ich kaum etwas herausgefunden.«
»Sie ist mit unseren Kryptografen befreundet«,
ergänzte Kullgren. »Die beiden Freaks aus 113.«
»Jaha«, erwiderte Tholander langgezogen. »Mit ihnen
ist sie im Piratenkomitee. Deshalb hat sie Administratorenrechte
für Ebene 2. Sie hat Zugang zu allem außer dem Datenzentrum in
Kungsberga.«
Kullgren gab zu bedenken, dass die
Reichspolizeileitung die Piraten sehr sorgfältig aussuchte. Ihre
Aufgabe war ja, die Leute von der Datensicherheit immer wieder
anzugreifen und Schwächen aufzudecken. Deshalb waren die Piraten
auch keine Datentechniker, sondern Freaks. Zu Beginn hatten sie es
manchmal übertrieben und das Polizeiemblem im Intranet durch eine
Piratenflagge ersetzt.
»Für die Piratensache ist sie sechs Stunden in der
Woche freigestellt«, sagte Tholander, um zu signalisieren, dass er
in der Sache längst viel weiter war. »Ihr Pseudonym lautet: Spider
from Mars. Sie ahnt anscheinend nicht, wie geläufig uns dieser
Name ist.«
»Uns?«
»Säpo.«
Kullgren richtete sich auf. Sonst gelang es ihm
immer, den Ausgang eines Gesprächs lange vor dem Ende zu
kennen.
»Vor zwölf Jahren schwappte die erste Betrugswelle
nach Schweden, die sich gegen Bankkunden richtete, die ihre
Transaktionen über den Computer erledigten. Diese
E-Mail-Betrügereien waren damals noch gänzlich unbekannt und haben
großen Schaden bei uns angerichtet. Auf ihrem Höhepunkt brach diese
Welle im September 1999 plötzlich ab. Einige Wochen später
erhielten wir dieses Fax aus Amerika.«
»Wir?«
»Säpo. Das Internet zählte damals komplett zu
unseren Aufgaben. Das FBI dankt uns in diesem Schreiben für die
Beendigung der weltweiten Betrugswelle und wollte wissen, wie wir
das geschafft haben.«
»Und wie haben wir das geschafft?«
»Wir haben es nicht geschafft.«
»Wie kamen sie dann auf uns?«
»Es ging von Schweden aus, aber nicht von diesem
Gebäude.«
»Was haben wir geantwortet?«, wollte Kullgren
wissen. Damals war er noch gar nicht bei der Polizei gewesen.
»Was wir immer antworten.«
Die Säpo antwortete nie.
»Dann ging die Aktion offiziell auf unser
Konto?«
Tholander imitierte ein Lächeln. »Gegen
unerwünschte E-Mails kann man bekanntlich nicht viel tun. Schickt
man dem Absender ein Virus, wie es das FBI versucht hat, macht der
Absender einfach ein Backup und hat seine Daten wieder. Ende August
1999 begann ein schwedischer Mitbürger mit dem Namen
Spider from Mars, sich wie das FBI in die Server der
Absender einzuschleichen. Er löschte allerdings keine Daten,
sondern verschaffte sich Zugang zur elementarsten Betriebsebene des
Computers, wo die Grundfunktionen gesteuert werden: das Basic
Input Output System, kurz BIOS. Dort gibt es eine Einstellung,
die dem Propeller, der den Prozessor kühlt, vorschreibt, wie oft er
sich in einer Minute drehen soll. Spider from Mars ersetzte den
Wert ›4200‹ durch den symbolischen Betrag ›1‹. Die Server hatten
alle an ebenso sonnigen wie rechtsfreien Plätzen gestanden, die
meisten davon in Haiti. »Nach einer Weile piepst der Computer.
Niemand versteht jedoch diese Warnung. Das FBI schätzt, dass etwa
vierhundert Computer Opfer von Johanssons Materialschlacht wurden.
Sie hat das Übel an der Wurzel ausgerissen.«
Kullgren verschränkte die Arme vor der Brust.
»Jerker, ich glaube, wir können ewig so weitermachen. Irgendetwas
Verdächtiges aus diesem Jahrhundert hast du nicht gefunden,
oder?«
»Jaha, das habe ich. Sie hat beim Technischen
Dienst eine Überwachungskamera mit Datenübertragung ausgeliehen.
Als Verwendungszweck gab sie die Überwachung der Wohnung von Elin
Gustafsson in der Långholmsgatan 7 an.«
»Du bist hingefahren, oder?«
»Ich konnte keine Kamera finden, also habe ich mir
Zugang zum Kamerabild verschafft.«
»Und was zeigt das Bild?«
»Einen Hausflur. Vielleicht ihrer. Sie will sich
schützen.«
»Das ist kein Wunder, wenn man bedenkt, was heute
passiert ist. Was ist daran verdächtig?«
»Verdächtig daran ist, dass sie von Judit Juholt
erst heute morgen erfahren hat. Die Kamera hat sie aber schon
gestern ausgeliehen.«
39
Der Taxifahrer hatte seinen rechten Arm wohl den
ganzen Tag lang auf der Lehne des Beifahrersitzes liegen. Er musste
ihn nur ein wenig anheben und konnte für die Touristen auf der
Rückbank auf ein vorbeiziehendes Gebäude deuten. Und beim Bezahlen
war die Angewohnheit auch günstig.
»Die Tram fährt erst wieder seit heute Nachmittag«,
sagte er.
»Tram?« Kjell kannte den Ausdruck nicht.
»Der Sturm hat die Leitungen zerfetzt.«
Kjell beugte sich vor und sah hinaus. Regentropfen
auf der Scheibe brachen die Sicht. Was Stockholm mit Schnee bedeckt
hatte, war als trockener Sturm über Mitteleuropa gezogen und hatte
überall Verwüstungen angerichtet. Für die alten Bäume am Stadtring
war es das Ende gewesen. Sie lagen zersägt und angehäuft am
Straßenrand und warteten auf den Abtransport. Es war überhaupt
nicht das Wien, das er im Frühling gesehen hatte. Damals hatte
Linda ihre Wohnung bezogen.
Kjell beugte sich weiter vor. »Verletzt wurde
niemand, sagten Sie?«
»Hier in Wien nicht. Wien ist stabil.«
Kjell sank in die Lehne. Linda fuhr mit großer
Leidenschaft Straßenbahn, das wusste er.
Einige Minuten später stand Kjell vor dem weißen
Haus in der Lehárgasse und legte den Kopf in den Nacken. Kein
einziges Fenster leuchtete. Nur ausländische Studenten wohnten in
dem Gebäude. Linda hatte als einzige Studentin die Weihnachtstage
über hierbleiben wollen. Da sie im Februar ohnehin nach Stockholm
zurückkehrte, hätte sich die Reise nicht gelohnt. Sie feilte gerade
an einer wichtigen Arbeit. Ihre Klasse
an der Kunstakademie trug den geheimnisvollen Namen »Erweiterter
Raum«.
Kjell fischte das Kuvert aus der Tasche seines
Mantels. Darin wartete der Ersatzschlüssel auf den Tag, an dem
Linda anrief und um eine Eilsendung bat. Der Tag war nie gekommen.
Linda hatte sich in der Fremde verändert. Sie war umsichtiger
geworden und mit ihren Gedanken anwesender.
Leider nicht mit ihrem Körper, dachte Kjell und
nahm Treppe um Treppe. Die Tür war verschlossen. Im Flur lehnten
mannshohe Leinwände an der Wand. Kjell machte Licht und prüfte, ob
die Bilder von Linda stammten oder von ihrer Mitbewohnerin. Wenn er
sich nicht irrte, stammte die aus Bratislava oder Prag. Es roch
nach Farbe. Zu Hause in Stockholm hatte sich der gewohnte Geruch
aus der tochterlosen Wohnung verflüchtigt. Lindas Zimmer lag
rechts. Auch dort machte er Licht. Das Bett war ungemacht. Kjell
betrachtete die Decke und hegte keinen Zweifel, dass nur Linda
selbst das Bett so hinterlassen haben konnte. Er schritt durch den
länglichen Raum und suchte vergeblich auf Tisch und Ablagen nach
einem Zettel oder einem anderen Indiz, das Aufschluss über ihren
Verbleib gab. Zuletzt öffnete er noch den Schrank. Linda war zu
lange fort von ihm, als dass er hätte beurteilen können, ob ihre
Kleidung vollständig war.
Das Zimmer der Mitbewohnerin war viel karger
eingerichtet. Offenbar zeichnete sie vor allem mit Kohle. Leinwände
gab es nicht, dafür waren viele Skizzen über dem Tisch an die Wand
geheftet.
Er hielt gerade in der Küche ein Glas unter den
Wasserhahn, als sein Telefon klingelte.
Es war Nils Kullgren. »Bist du schon da?«, fragte
er.
Kjell sank auf den Küchenstuhl und beschrieb die
Lage.
»Du hättest nicht allein fahren dürfen.«
»Ja.«
»Es war deine Idee.«
»Ja.«
»Lass mich ein paar Anrufe tätigen und bleib, wo du
bist.«
Kjell trank ein weiteres Glas Wasser. Er hatte
etwas Deutlicheres erwartet. Dass Linda eine Spur hinterließ - wie
ein abgehängtes Bild dunkle Ränder an der Wand. Am Zustand der
Wohnung ließ sich unmöglich sagen, wo sie geblieben war.
Seine Pläne reichten nur bis hierher. Wo er
schlafen und wie es weitergehen sollte, hatte er sich nicht
überlegt.
Er ging zum Telefon und vergewisserte sich, dass es
funktionierte. Warum hatte neulich ein Mann abgehoben? Kjell prüfte
das Bad, aber der Deckel der Toilette war geschlossen. Auch das
Waschbecken glänzte.
Wieder klingelte es.
»Bist du noch in der Wohnung?«, fragte
Kullgren.
»Ja.«
»Warte dort. Jemand kommt.«
»Österreicher?«
»Antiterror. Sie prüfen die Wohnung.«
»Danke.«
Kullgren wagte nicht, einfach aufzulegen. Es
erstaunte Kjell, dass ausgerechnet er der erste Anrufer seit seiner
Ankunft war. Er war trotzdem ein Lackaffe.
Kullgren räusperte sich. »Eine Sache noch. Hast du
etwas Sonderbares an Sofi bemerkt?«
Kjell rieb sich über die Stirn. »Man bemerkt jeden
Tag Sonderbares an ihr.«
»Ich meine es ernst.«
Kjell überlegte, bevor er antwortete. »Ich hatte
das ganze Jahr Elternteilzeit. Wir waren nicht sehr oft
zusammen.«
»Wie verhielt sie sich in den letzten Tagen?«
»Nervös. Sie war nervös und abwesend.«
»Melde dich«, sagte Kullgren und legte auf.
Kjell wartete auf die Türklingel und begann, diesen
nebligen Fall zu hassen.
40
In einiger Entfernung kratzte eine Schneeschaufel
über die Eisplatten, aber sonst war es still. Tholander starrte auf
das Haus. Was er tat und was er dachte, hatte stets ein Ziel. Das
unterschied ihn von den meisten Menschen und war zugleich sein
Geheimnis: Den Kern zu erkennen und sich nicht von Unwichtigem in
die Irre führen zu lassen. Dass er bei seinen Aktionen so
stillsitzen konnte, hatte einen weiteren Vorteil. Eine halbe Stunde
in seinem Wagen oder auf einer Parkbank genügte, um zu wissen, ob
es eine gute Wohngegend war oder nicht. Kaum ein Mensch tat das,
die Erkenntnis kam erst, wenn ein Drittel des Wohnkredits bereits
abbezahlt war.
Das Telefon klingelte. Tholander nahm es vom
Beifahrersitz, ohne den Blick vom Haus zu lösen.
»Wieso hat das so lange gedauert?«, fragte
er.
»Es war kompliziert«, begann die Stimme am anderen
Ende der Leitung. »Sofiaglück gehört nicht zur
HSB-Genossenschaft.«
»Sofiaglück?«
»Der Name der Hausgenossenschaft.«
»Verdammt, worauf die Leute kommen. Wie lautet der
Code?«
»1377.«
Tholander drückte den roten Knopf und steckte das
Telefon in seine Manteltasche. Die Standheizung ließ er
eingeschaltet, denn es würde ein kurzer Besuch werden. Unterwegs
breitete
er mehrmals die Arme aus, um auf dem rutschigen Grund nicht das
Gleichgewicht zu verlieren.
Er gab den Code ein und betrat das Treppenhaus. Im
ersten Stock hielt er inne und entfaltete den Ausdruck. Zweifel
tauchten in ihm auf. Er durchquerte den Flur bis zum Absatz der
Treppe, die hinauf in die zweite Etage führte. Hier wandte er sich
um und verglich erneut, aber es nutzte nichts. Vorsichtig erklomm
er die nächste Treppe. Tatsächlich, im zweiten Stock gab es wie auf
dem Bild drei Türen, und die Wände waren hellblau. Er stellte den
Kragen seines Mantels auf, um sein Gesicht zu verbergen, und
huschte durch den Gang bis zur dritten Tür, die im toten Winkel der
Kamera lag. Wieder hob er das Bild und verglich. Es stimmte mit der
Wirklichkeit überein.
Sofi Johansson überwachte ihre eigene
Wohnung.
Die zweite der drei Türen musste ihre sein.
Namensschilder gab es nicht. Er suchte die Decke ab und entdeckte
die Kamera an der Deckenleuchte. Wenn jemand wirklich in das helle
Licht blickte, würde er das winzige Gehäuse für ein Relais
halten.
Er schob seinen Ärmel hoch. Ein Uhr sechs. Nichts
regte sich im Haus. Er verharrte einige Minuten im toten Winkel der
Kamera, dann trat er den Rückweg an. Als er sich im Wagen die Mütze
vom Kopf zog, klingelte wieder das Telefon.
Diesmal war es Bertil. »Johansson ist vor zwei
Minuten rausgekommen und in ein Taxi gesprungen.«
»Bist du noch vor dem Berns?«, fragte Tholander.
Seit hundertfünfzig Jahren war das Lokal Berns der Treffpunkt für
die üblichen Verdächtigen. Da war Johansson keine Ausnahme.
»Ich bin reingegangen. Sie war nicht im Lokal,
sondern im Hotel.«
»Hotel? Was für ein Hotel?«
»Das Berns hat auch Zimmer, weißt du das
nicht?«
Tholander brummte.
»Höchste Kategorie. Der Rezeptionistin nach war sie
mit einem Mann dort. Der muss noch im Zimmer sein.«
»Auf welchen Namen läuft das Zimmer?«
»Ein erfundener Name: Theresa Julander.«
Tholander lächelte zum ersten Mal seit Heiligabend.
Offenkundig bildete sich Julander die Abneigung von Johansson doch
nicht ein. »Wann genau ist sie rausgekommen?«
»Ein Uhr sieben.«
Tholander legte auf. Also war der Sender an der
Kamera aktiv. Er hatte sie bei seinem Ausflug ausgelöst. Tholander
kurbelte die Rückenlehne nach hinten und wartete auf Johanssons
Taxi.