20. KAPITEL
Es war fünf Uhr morgens, als Andrea aufstand und ihr Handy unter dem Kopfkissen vorzog. Oleg hatte gestern Nacht bei ihr bleiben wollen, aber sie hatte ihn nach Hause geschickt.
Sie kontrollierte, ob sie in den kurzen Phasen, die sie weggedöst war, vielleicht doch einen Anruf oder eine SMS überhört hatte. Nichts. Sollte sie ihren Vater anrufen? Ein Blick auf die Uhr ließ sie den Anruf verschieben, auch wenn sie sicher war, dass ihr Vater ebenso wenig schlafen konnte wie sie. Sie duschte, trank einen starken Kaffee und verließ die Wohnung, das Handy fest in ihre Hand gepresst. Sie lief bis zum Frankfurter Tor und hielt ein Taxi an, das sie zu ihrem immer noch am Kurfürstendamm abgestellten Auto brachte. Während sie aus dem Fenster des Taxis auf die Berliner Straßen sah, die sich langsam mit Leben füllten, lag es plötzlich glasklar vor ihrem geistigen Auge ausgebreitet. Sie würde nicht länger warten, bis sich die Polizei, ihr Vater oder Oleg meldeten. Sie musste etwas tun. Etwas Sinnvolles, etwas, das sie näher an ihre Mutter heranbrachte. Sie zahlte das Taxi und fuhr zur Galerie. Dort griff sie den Notizblock, auf dem sie gemeinsam mit Oleg alle Fakten rund um den Maler notiert hatte. Aus der Schreibtischschublade kramte sie das Autoladegerät für ihr Handy. Wer wusste, wann sie das nächste Mal an eine Steckdose kam? Sie verließ die Galerie, und bevor sie losfuhr, tippte sie im Navi die Adresse ein, die sie als Erstes aufsuchen würde: Maximilians Elternhaus in Retzow. Michael hatte herausgefunden, dass es leer stand, und sie konzentrierte alle ihre Hoffnung darauf, dass Maximilian es vielleicht derzeit als Rückzugsort nutzte.
Obwohl sich nichts an der grauenhaften Situation geändert hatte, fühlte sie sich besser, je näher sie dem Ort Retzow kam. Ihr Handy hatte sie auf Vibration gestellt und in ihre Jeanstasche gesteckt. So würde sie – egal, welche Geräuschkulisse sie erwartete – spüren, wenn von Oleg, ihrem Vater oder Matussek eine Nachricht eintraf. Dass Oleg ausschließlich anrufen solle, wenn es neue Fakten gebe, darum hatte sie ihn soeben gebeten. Keinesfalls sollte er sie anklingeln nur mit der Frage, wie es ihr ginge oder wo sie jetzt sei. Er war entsetzt gewesen, dass sie auf eigene Faust und allein auf die Suche gehen wollte, hatte sie förmlich angefleht, auf ihn zu warten, um sie zu begleiten. Doch sie hatte ihn aufgefordert, seine Kräfte dort einzusetzen, wo sie nicht hinkam: alle erdenklichen Leute für die Suche zu mobilisieren, auch die, die er eigentlich niemals um Hilfe bitten wollte.
Fünfzig Minuten später hielt sie vor der angegebenen Adresse. Sie stieg aus und rüttelte am zweiflügligen Holztor, klingelte an der Eingangstür direkt neben dem Tor, klopfte an die Fenster im Erdgeschoss. Aber außer einem Nachbarn, der neugierig seinen Kopf aus der Tür steckte, um ihr zu sagen, dass der Hof seit Monaten leer stünde, tat sich nichts. Nun gut. Das hatte sie erwartet. Sie stieg wieder ins Auto und fuhr die holprige Straße, bis sie in eine weitere abbiegen konnte, um ungesehen von dem neugierigen Nachbarn zu parken. Von dort machte sie sich zu Fuß auf den Weg. Wenn sie nicht von vorn hineinkam, dann eben von hinten. Es dauerte nicht lange, und sie fand ein Grundstück, dessen Tor offen stand und durch das sie unbemerkt auf die Felder hinter den Häusern gelangen konnte. Sie stampfte durch den aufgepflügten Boden und freute sich über jedes Maisfeld, das ihr ein wenig Sichtschutz bot. Denn die Maisfelder waren im Gegensatz zu den übrigen Getreidefeldern noch nicht abgeerntet. Sie zählte die Häuser, und als sie sich sicher war, Maximilians Elternhaus vor sich zu haben, musste sie nur noch das unverschlossene Tor eines Jägerzaunes öffnen und stand auf dem Hof.
Hier also war der junge Maler aufgewachsen. Der Innenhof war vollständig betoniert. Der Beton hatte im Laufe der Zeit breite Risse bekommen, durch die Grashalme und Butterblumen ihre Hälse streckten. In der Mitte befand sich ein mit Unkraut überwuchertes Beet, sicher einmal der Platz für Maximilians Buddelkasten oder Schaukel. Sie betrachtete prüfend die Fenster, ob sich hinter den verschlissenen Gardinen im Obergeschoss etwas bewegte. Die gardinenlosen Fenster im Erdgeschoss waren so lange nicht mehr geputzt worden, dass man sowieso nicht hindurchsehen konnte. Monatelanger Leerstand? Alles sah aus, als hätte hier seit Jahren niemand mehr gelebt. Die Fassade bröckelte an allen Ecken und Enden. Die Holzfenster zeigten tiefe Kerben und kaum mehr Farbe. Sie rüttelte an allen Türen und wünschte sich Michael herbei. Im Nu hätte er Zugang.
Aber sie konnte nicht immer Pech haben. Eine grün gestrichene Tür stand angelehnt und öffnete sich zu einem kleinen Wirtschaftsraum, von dort aus führte eine weitere unverschlossene Tür in einen Hausflur. Ihr Herz begann stärker zu klopfen, und sie strengte ihr Gehör an, ob jemand sich im Haus bewegte. Vorsichtig öffnete sie eine Tür nach der anderen, bis sie in einem Raum stand. Leer geräumt, aber nach der Blumentapete zu urteilen wohl einmal das Wohnzimmer. Ein Duftaroma stieg ihr in die Nase. Schlagartig wurde ihr klar, warum sie so aufgeregt war. Dies war ganz sicher der Duft aus Maximilians Badezimmer. Ihr Herz machte sprichwörtlich einen Freudenhüpfer. Auch wenn Maximilian im Moment offenbar nicht im Haus zu sein schien, er war jedenfalls hier gewesen. Und zwar noch vor Kurzem. Durch ihre Entdeckung mutig geworden, kontrollierte sie die übrigen Räume und fand ein Sofa mit einer zerwühlten Wolldecke. Das Waschbecken im Badezimmer des Obergeschosses war noch feucht.
Was sollte sie jetzt tun? Hier warten? Das schafften ihre Nerven nicht. Sie würde in der Gegend herumfahren in der Hoffnung, ihn irgendwo zufällig zu sehen. Was hieß Zufall? Sie befand sich hier in einem der hintersten Dörfer Brandenburgs. War Maximilian in der Gegend, musste sie ihn einfach treffen. Beim Einkaufen, beim Spazierengehen. Beim Malen am Dorfanger. Irgendetwas, was ein Künstler eben gerade tat, während ihre Welt seinetwegen zusammenzubrechen drohte.
Zwei Stunden Autofahrt im Schneckentempo brachten ihr den Zorn unzähliger hupender Autofahrer ein. Sie war frustriert, und außerdem verspürte sie, das erste Mal, seit ihre Mutter verschwunden war, Hunger. Sie hatte seit dem Treffen mit ihr gestern Mittag nichts mehr gegessen und fühlte, wie sich die Folgen der Unterzuckerung in ihr ausbreiteten. Damit wäre es auch mit jeder Konzentration und Idee dahin, wie sie Maximilian finden konnte. In den Dörfern der Umgebung, die sie bereits abgefahren hatte, gab es weder Supermarkt noch Bäcker. Der einzige Fleischer war geschlossen. So fuhr sie nach Nauen, dem nächstgrößeren Ort. In einer belebten Einkaufsstraße fand sie einen Bäcker und einen Parkplatz gleich dazu. Doch der Gedanke daran, etwas zu essen, verursachte ihr Übelkeit. Wie konnte sie überhaupt an Essen denken, während ihre arme Mutter in den Fängen dieses Verrückten war und ganz andere Ängste auszustehen hatte.
Andrea verbot sich jeden Gedanken an die Möglichkeit, dass Giorgia vielleicht gar keine Ängste mehr verspürte. Wenn sie diese Vorstellung zuließe, würde sie auf der Stelle hier auf dem Bürgersteig zusammenbrechen und niemals wieder aufstehen. Sie fühlte, dass ihre Mutter noch am Leben war, sein musste. Sie betrat den Bäckerladen, trank am Stehtisch einen Kaffee und kaufte sich sechs Brötchen und eine Rumkugel, ihr Lieblingsgebäck, eine Teigkugel mit Schokoladen- und Rumgeschmack, in Schokostreuseln gerollt, und so reichhaltig, dass sie niemals das ganze Stück auf einmal essen konnte. Das war die richtige Reserve, um nicht noch einmal eine Pause machen zu müssen. Sie steckte die verpackte Leckerei in ihre Handtasche und biss dann in eines der Brötchen aus der Tüte.
„Möchten Sie das wirklich so trocken essen? Ich kann es Ihnen schmieren. Wir haben Wurst, Schinken, Käse …“, bot die freundliche Verkäuferin an. Andrea hätte nichts davon herunterbekommen. Sie lehnte ab, bedankte sich artig und verließ die Bäckerei. Unschlüssig sah sie die Straße in beide Richtungen entlang.
Die Morgensonne begann die Luft zu erwärmen. Die Menschen um sie herum genossen den Hochsommer, der nach seinem gestrigen Aussetzer zurückgekehrt war. Es erschien ihr passend, dass an dem Tag, als ihre Mutter verschwand, der Himmel grau und traurig gewesen war. Sie ertrug die fröhlichen Gesichter nicht mehr und ging in eine Kirche. Im Stehen und mit Blick auf den Altar aß sie das Brötchen zu Ende. Eine katholische Kirche. Wie treffend! Die Erkenntnis, dass ihre Tochter nicht gläubig war, musste zu einem der traurigsten Momente in Giorgias Leben gehört haben. Endlos hatten sie darüber diskutiert, aber Andrea ließ ihre Mutter in diesem Punkt so allein, wie es ihr Vater bereits getan hatte. „Ich hätte dich wenigstens öfter in die Kirche begleiten können“, murmelte Andrea wehmütig.
Sie trat auf die Straße und wollte gerade die Richtung zu ihrem Auto einschlagen, als sie einen jungen Mann aus einem Internetcafé auf der gegenüberliegenden Straßenseite kommen sah. Maximilian!
Sie erkannten sich im selben Moment, und sofort drehte sich der Maler um und rannte los.
„Maximilian! Bleiben Sie stehen“, schrie sie und spurtete los. Die Brötchentüte fiel ihr aus der Hand, und während der ersten hundert Meter löste sich ihr dünner Schal vom Hals. Ihre Mutter hatte ihn ihr geschenkt, und er gehörte zu ihren Lieblingstüchern. Sie machte nicht einmal den Versuch, ihn zu halten. Noch einmal würde sie Maximilian nicht flüchten lassen. Sie joggte mindestens zwei Mal in der Woche im Park. Trotzdem war Maximilian immer noch gleich weit entfernt. Keine Chance, ihn einzuholen, auf Straßenschuhen mit Absatz, wenn auch einem niedrigen. Sie versuchte ihre Atmung zu kontrollieren. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Passanten ihre Jagd amüsiert verfolgten. Wäre die Reihenfolge umgekehrt, würde ein Mann eine Frau verfolgen, würden sie hoffentlich nicht so blöde lächeln, sondern helfen. Ihre Angst, Maximilian könnte sie endgültig abhängen, schlug in Wut um. Und Wut war ein guter Antrieb. Meter um Meter verringerte sie den Abstand. Oder lag es daran, dass Maximilian mit einem Mal langsamer wurde? Er ließ seine Beine auslaufen, als hätte er die Zielgerade überschritten, und blieb stehen. Immer noch mit dem Rücken zu ihr, den Oberkörper tief nach vorn gebeugt, stützte er sich mit den Händen an den Knien ab und keuchte. Sekunden später hatte Andrea ihn erreicht und beugte sich ebenfalls vor. Sie mussten ein lächerliches Bild abgeben: Ein ungleiches Paar jagt sich die Dorfstraße entlang, um nun völlig erschöpft und synchron den Hintern in die Höhe zu strecken.
„Danke. Das letzte Mal bin ich so gespurtet beim Jugendsportabzeichen“, presste sie heraus.
„Es war kindisch. Entschuldigen Sie.“
„Es geht nicht mehr um Ihre verdammten Bilder. Ich habe die Ausstellung abgesagt.“
Maximilian richtete sich auf. Sie ahmte ihn nach und stellte sich direkt vor ihn, verstellte ihm den Platz auf dem schmalen Bürgersteig. Man konnte nie wissen. Er schien ihr kleiner geworden zu sein. Mit Nachdruck sah sie ihm direkt in die Augen. „Ich brauche Sie.“
Er folgte ihr zur Kirche zurück. Bevor sie hineingingen, hielt eine Passantin ihr mit wissender Miene den verlorenen Schal entgegen. Mühsam lächelnd bedankte sich Andrea. Mit der Hand deutete sie Maximilian an, sich neben sie auf eine der Bänke zu setzen. Und obwohl sie auf dem kurzen Weg noch kein Wort erklärt hatte, lag Interesse in seinen Augen, die ihren Blick suchten. Ahnte er bereits, was sie ihm jetzt eröffnen würde? Wusste er es sogar? Einen kurzen Moment lähmte die Angst ihre Zunge, er könne doch der Erpresser oder bei allen Widersprüchen gar ein Mörder sein. Oder sein jüngeres Ebenbild, in die Fußstapfen seines Vorbildes gestiegen. Doch dann erzählte sie. Sie hatte nichts zu verlieren, und er war der rettende Strohhalm. Für sie. Für ihre Mutter.
Maximilian hörte ihr zu. Auch der Rest an Abwehr in seinem Gesicht verflüchtigte sich. Ab und zu sah er scheinbar gedankenverloren zu den Kirchenfenstern hoch. Aber seine Fragen zeugten davon, dass er sich keines ihrer Worte entgehen ließ. Nicht einmal die Tatsache, dass Andrea und Oleg in seine Wohnung eingebrochen waren, schien ihn zu verärgern. Das ließ ihre Angst wieder mächtiger werden. Wenn schon der Einbruch für ihn kein Grund zur Empörung war, um wie viel schlimmer musste das sein, was er sich gerade in seinem Kopf zusammenreimte. Sie schwieg. Hoffte darauf, dass er diese Vorstellungen aus seinem Mund entließ. Aber er schwieg ebenfalls und starrte auf die Bank vor sich.
„Bitte, was weißt du? Wer will nicht, dass deine Glasbilder an die Öffentlichkeit kommen?“
„Ich wusste nicht, dass jemand Sie bedroht.“
„Du hast die Drohbriefe also nicht geschrieben?“ Sie sehnte sich nach einer Bestätigung aus seinem Munde.
Erstaunt, beinahe schon erschrocken, sah er sie an. „Oh Gott. Nein. Ich würde niemals …“
Andrea atmete erleichtert aus. Einen Moment lang starrte nun auch sie auf die Bank vor sich und ordnete ihre Gedanken. Sie glaubte ihm. Nichts in Maximilians Verhalten wies darauf hin, dass er der Täter war. Aber wie verhielt sich ein Täter? Ihr Puls raste, als könne er damit die Zeit schneller laufen lassen. Die Zeit, bis sie ihre Mutter gefunden hatte. Jede Information Maximilians konnte sie ein Stückchen näher bringen.
„Wen suchst du?“, fragte sie in die Stille. Hatten sie beide da draußen gerade noch ein lächerliches, mindestens ein kindisches Paar abgegeben, war das Bild jetzt beinahe schon sakral. Wie Maximilians Bilder. Denn die Sonne hatte eines der Kirchenfenster erreicht, und während der gesamte Kirchenraum in ein angenehmes Dämmerlicht getaucht war, trafen die Strahlen exakt nur Maximilian. Sie saß nur Zentimeter neben ihm, aber zwischen ihnen verlief die Grenze von Dunkelheit zu Licht. Die Sonne tauchte sein Gesicht in warme Farben und ließ sogar seine aschblonden Haare golden leuchten. Seine Mimik dagegen schien sich zu verhärten. Er öffnete den Mund, aber es kam keine Antwort. Sie spürte, dass sie ihn nicht drängen durfte, doch genau das musste sie tun. Sie dachte an ihre Mutter, und sekundenlang war sie wieder allein mit einer nicht enden wollenden Angst.
Maximilian riss sie heraus, indem er seinen Rucksack öffnete, ein zusammengefaltetes Papier hervorholte und es ihr reichte. „Dort irgendwo werden wir Ihre Mutter finden.“ Er stand auf und ging zum Ausgang.
Sie hielt einen Ausdruck von Google Maps in den Händen. Ein stark vergrößertes Satellitenbild. Ein Kreis war eingezeichnet. Im Mittelpunkt ein Gebäude, wahrscheinlich ein Bauernhof. Wie eine Torte war der Kreis in Abschnitte unterteilt, von denen einige rot schraffiert waren und auf anderen mit einem Kugelschreiber ein Haken gemalt war.
„Was ist das?“, fragte sie und folgte ihm auf die Straße.
„Wir haben keine Zeit für Fragen.“
„Aber ich muss die Polizei und Oleg informieren.“
„Polizei? Das Einzige, das wir brauchen, ist meine Erinnerung “, widersprach er.
Handeln, nicht weinen. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was es hieße, wenn die Entführung ihrer Mutter vielleicht gar nichts mit Maximilians Person zu tun hatte. Bliebe ihr dann überhaupt eine Chance, sie zu finden?
„Die Polizei hat ganz andere Mittel.“ Sie standen wieder vor dem Internetcafé, aus dem Maximilian vor ihr davongelaufen war. „Und wir sollten Kopien dieses Planes für sie machen.“
Sie informierte Matussek und Oleg und bat ihn, ihrem Vater noch nichts Konkretes zu sagen, sondern nur, dass sie eine vielversprechende Spur hätte. Nachdem sie die im Internetcafé gefertigten Kopien des Planes in den Händen hielt, lief sie gemeinsam mit Maximilian zu ihrem geparkten Auto zurück.
Sie fuhr, und Maximilian dirigierte sie, den Plan vor sich auf dem Schoß. An einer Tankstelle kauften sie Wasser, eine Karte der Gegend und zwei Taschenlampen.
Er sagte ihr, wann sie in einen Feldweg einbiegen sollte, damit er einen besseren Überblick haben konnte. Doch mit jedem Mal wurde sein Kopfschütteln schwächer, bis er nach der Inspektion der Umgebung nur noch wortlos zum Auto zurückkehrte. „Wonach hältst du Ausschau? Wie sahen dort die Gebäude aus? Dann kann ich mitgucken.“
„Schwarz. Mit ein paar Lichtpunkten“, antwortete er resigniert.
Sie fühlte sich wie betäubt. Wie sehr hatte sie gehofft, ihrer Mutter ein wenig näher zu kommen! Jetzt schienen die Chancen, sie zu finden, wieder weniger zu werden, obwohl Maximilian weiter angestrengt jedes Detail betrachtete, das er aus dem Autofenster erkennen konnte.
Sie sah zur Uhr und stellte erleichtert fest, dass es Zeit war, zum Treffpunkt mit Matussek und Oleg zu fahren. Sie hatten sich in Retzow verabredet, am Elternhaus des Mannes, der neben ihr immer stiller wurde.
„Es gibt ein Sonderkommando, das deinen Namen trägt. Ey. So was hat nicht jeder“, versuchte sie zu scherzen.
Sie waren zu früh. Weder ein Polizeiwagen noch Matussek oder Oleg waren zu sehen. Sie warteten im Wagen.
In ihrer Situation jemanden noch aufzumuntern kostete Kraft. Sie holte die Rumkugel hervor und bot Maximilian davon an.
„Das ist nur ein Stück.“
Sie löste ein kleines Teil aus dem weichen matschigen Teig und hielt es ihm hin.
Er lächelte sogar, als er die Süßigkeit in seinem Mund hatte. „Danke“, sagte er wieder ernst, „dass du mir bei der Suche hilfst.“
„Spinnst du? Es ist ein Segen, dich gefunden zu haben. Du bist unsere einzige Chance, meine Mutter zu finden. Willst du mir nicht endlich erzählen, was genau wir suchen und was du überhaupt mit der ganzen Sache zu tun hast?“, bat sie erneut.
„Ich bin schuld. Ohne mich würdest du jetzt wahrscheinlich in deiner Galerie sitzen, Cappuccino trinken und Aquarelle verkaufen.“
Andrea musste an ihren Vater denken. Sie hatte sich schon oft traurig gefühlt bei den Gedanken an ihren Vater. Aber nichts hatte sie je so getroffen wie seine gestrigen Worte. Aber wie um Himmels willen hätte sie auf die Idee kommen können, es mit einem Serienmörder zu tun zu haben? Als der zweite Drohbrief kam, ja, da hätte sie zur Polizei gehen müssen. Das hatte sie zwar getan, aber die Drohung gegen ihre Person und die damalige gegen Maximilian für sich behalten und damit ihre Mutter in Lebensgefahr gebracht. Der Entführer hatte sie mit der Wochenfrist in Sicherheit gewogen. Wie hatte sie einem Irren nur glauben können? Ja, sie trug die Schuld, vielleicht keine Schuld, wie sie ihr Vater in seiner Verzweiflung konstruieren wollte, aber trotzdem wusste sie: Wenn ihre Mutter diesen Irrsinn nicht überlebte, würde sie selbst an dieser Schuld zerbrechen. Sie spürte, dass auch Maximilian unter einer solchen Schuld leiden musste und griff nach seiner Hand. Sie hielt sie fest, bis sie im Rückspiegel Olegs Wagen erkannte.
Nur drei Minuten später war auch Matussek da. Er wollte zu Maximilian, der im Auto sitzen geblieben war. Aber Andrea hielt ihn am Arm fest. „Wir haben keine Zeit für Befragungen. Hier.“ Sie zeigte auf den Plan, den Maximilian ihr gegeben hatte. „Wir suchen nach einem Bauernhof, der in diesem Kreis irgendwo liegen muss. Diese Gebiete müssen noch durchsucht werden.“ Sie zeigte auf die nicht schraffierten und noch nicht abgehakten Bereiche.
„Ich muss trotzdem mit Herrn Borchert alias Ross sprechen. Die Beamten sind in ein paar Minuten vor Ort. Gibt es hier einen Copyshop oder etwas Ähnliches?“
Andrea lachte hysterisch auf. Schauen Sie sich doch hier mal um. Hier gibt es gar nichts. Außer Feldern und Bauernhöfen. Und in einem dieser verdammten Häuser bangt meine Mutter um ihr Leben. Sie zog die Kopien, die sie vorhin gemacht hatte, aus der Tasche. Eine der Kopien legte sie auf die Motorhaube und fotografierte sie mit ihrem iPhone. „Ihre Handynummer?“ Sie schickte die Fotos auch an Olegs und Michaels Handy, die mit ihren Fahrzeugen eingetroffen waren, während sie bei Matussek stand. Im ersten Moment dachte Andrea, es handelte sich um die angekündigten Beamten. Aber dann sah sie, wie Oleg und Michael zu der Gruppe gingen und mit den Männern sprachen. Alle zückten ihre Handys, auf die Michael offensichtlich ebenfalls die Karte weitergeleitet hatte. Sie musterte Matussek, der aber unverwandt auf die Karte sah.
„Sie haben sich mit Herrn Wesselov abgesprochen?“
Er sah kurz auf und nickte. „Ich fahre mit Herrn Borchert.“
Während Matussek die gerade ankommenden Polizeibeamten unterrichtete, sie mit den Kopien ausstattete und die einzelnen Gebiete verteilte, die sie zu je zwei Mann übernehmen sollten, überlegte Andrea, ob sie den armen Maximilian, der unverändert auf ihrem Beifahrersitz hockte, mit einem Ermittler allein lassen konnte, der ihn mit tausend Fragen aus der Vergangenheit bedrängen würde. Ihr eigener Überlebenswille siegte. Der Druck, den sie verspürte, wurde immer größer, so als würde sie tiefer und tiefer ins Wasser sinken. Sie brauchte Olegs Hand, die sie an der Oberfläche hielt. Maximilian würde sie stattdessen mit in den Abgrund ziehen.
Die kleine Straße vor Maximilians Elternhaus glich inzwischen einer Filmszene aus einem „Tatort“, was eine Traube von Nachbarn anlockte. Die Beamten trugen schwarze Uniformen, was sie wussten, auch Matussek ausführlich berichtet hatten, und um ihre Hüften baumelte ein ganzes Arsenal an Hilfsmitteln, die geeignet waren, sich gegen jedes sachliche und menschliche Hindernis durchzusetzen. Zwischen ihnen lief Matussek in legerer Jeans und T-Shirt hektisch hin und her, während Oleg und Michael mit seinen Männern etwas abseits eine weitere Traube bildeten. Sie stand allein inmitten dieser Szene und suchte den Ausgang vom Set. Der ganze Aufwand für einen Menschen, der vielleicht gar nicht mehr am Leben war. Andrea konnte sich nicht daran erinnern, wann das letzte Mal ihre Hände, die jetzt den Plan hielten, so gezittert hatten. Als sie den ersten Drohbrief las? Nein. Ihr auf durchschnittliche Lebenserfahrungen genormter Verstand hatte ihn als üblen Scherz abgetan. Das Klingeln ihres Handys riss sie aus den Gedanken. Sie sah auf das Display. Papa. Sie konnte ihn nicht so wegdrücken wie die elf übrigen Anrufe von Hauswald, vom Monteur der Lichtwände sowie diverse unbekannte Nummern. An der Galerie hing ein Schild – „Aus Krankheitsgründen vorübergehend geschlossen“. Hauswald würde vor Wut toben und sie verklagen.
„Ja?“
„Andrea, bitte sag mir, was ihr herausgefunden habt. Wo seid ihr? Ich werde verrückt hier. Bitte …“ Seine Stimme brach ab. Hatte sie ihren Vater je weinend erlebt? Sie wünschte sich zu ihm, wünschte seine Worte von gestern Abend zu vergessen.
„Wir haben den Maler gefunden, und wir werden jetzt auch gleich Mama finden. Bitte warte noch eine Weile. Ich muss jetzt los. Mach dir keine Sorgen. Ich weiß, dass es noch nicht zu spät ist.“ Sie legte auf, ohne eine Reaktion abzuwarten. War es wirklich noch nicht zu spät? Um sie herum löste sich das Chaos und fügte sich überraschenderweise zu einer Ordnung von in Reihe stehenden Fahrzeugen. Oleg kam zu ihr, nahm ihre Hand und führte sie wortlos zu ihrem Mini, der verloren klein inmitten der übrigen Fahrzeuge stand.
„Ich fahre, mein Liebes.“ Seine Stimme war weich, und sie nahm dankbar auf dem Beifahrersitz Platz, um sich besser auf die Umgebung konzentrieren zu können.
„Wo ist Maximilian?“
Oleg deutete zu einem der anderen Fahrzeuge. „Okay, sag mir, wie ich fahren soll. Wir haben diesen Sektor hier.“ Er malte mit dem Finger auf dem Plan in seinem Handy einige Straßen und Feldwege nach. „Wir werden sie finden“, beteuerte er.
„Versprichst du mir das?“, hätte sie beinahe gefragt, so wie früher als kleines Kind ihren Vater. In einer vergangenen sicheren Welt, die jetzt so fern schien wie die Sonne an einem verregneten grauen Novembertag.