10. KAPITEL

Ihre Mutter winkte bereits aus dem Vorgarten, als Andrea am Straßenrand parkte. „Schön, dass du da bist, Andrina“, rief sie in einem Ton, als käme Andrea nach einem Jahr Auslandsaufenthalt das erste Mal wieder nach Hause. Andrina war ihr stiller Protest gegen eine einsame Entscheidung ihres Mannes, die Tochter ausgerechnet auf einen Namen taufen zu lassen, der in Italien bis heute ausschließlich männlich sein durfte. Und Andrea liebte diese italienische weibliche Form. Wenigstens ein Elternteil war mit der Tatsache zufrieden, dass sie eine Frau war. Liebevoll umarmte sie ihre Mutter, die auf die Pflanzkübel an der Treppe zur Haustür zeigte. „Sind die nicht traumhaft schön? Ich habe sie vor ein paar Tagen erst gepflanzt. Und sieh mal, wie viele Knospen schon aufgehen.“ Gelbe kleine Blüten der Hängepflanzen rahmten je eine weiße englische Geranie in ihrer Mitte. Andrea konnte sich nicht daran erinnern, dass die Blumen, die den Vorgarten und die Stufen zur Haustür schmückten, jemals eine andere Farbe gehabt hatten als gelb und orangerot. Höchstens noch ein paar weiße Tupfer. Egal, ob im Frühjahr, Sommer oder Herbst.

„Sieht toll aus. Wie immer, Mama. Ist Papa auch da?“ Was für eine Frage! Es war Samstagvormittag, und er würde selbstverständlich im Wohnzimmer sitzen und Zeitung lesen. Sie trat in das geräumige Zimmer, in dem geblümte Landhausstoffe mit dezentem Creme-Grundton die Heile-Welt-Stimmung verbreiteten, die fest mit Andreas Kindheit verbunden war. Vor den Fenstern hingen diese Stoffe in ungenutzten Schichten – das Haus hatte Sicherheitsrollos – und lagen als Kissenbezüge in Seidenausführung auf dem Sofa. In einer verwaschenen grauen Strickjacke zu einer dunkelbraunen Cordhose saß Andreas Vater zwischen all der Schönheit und las Zeitung. Sie verspürte Wut bei dem Gedanken, wie sehr es ihre farbharmonische Mutter schmerzen musste, dass er sich nur in Gegenwart anderer wie aus dem Ei gepellt zeigte. Dunkle Anzüge, weiße Oberhemden, Slipper aus hochwertigem Leder und in der Freizeit Cashmere-Pullis über Edeljeans. Nur für den „Hausgebrauch“, wie er es nannte, sah er aus wie jetzt.

„Schmeiß doch die Sachen einfach in die Altkleidersammlung. Er wird wohl kaum nackt herumlaufen“, hatte Andrea viele Male ihre Mutter gedrängt, das Problem selbst in die Hand zu nehmen.

Gerhard Wahrig stand sofort auf und warf die Zeitung achtlos auf die ordentlich arrangierten Ausgaben diverser Einrichtungs- und Lifestylemagazine auf dem Ablagetisch.

„Hallo, mein Schatz. Ich wusste nicht, dass du heute kommst.“

„Hättest du dich dann umgezogen?“

Sie umarmten sich, und Andreas Wut ließ nach.

„Was macht die Galerie? Konntest du gut verkaufen?“

„Geht so. Ich bin zufrieden.“

„Ich kann nur immer wiederholen: Integrier doch einen Fotoservice. Passfotos. Etwas Besonderes für Hochzeiten und Jahrestage. Das braucht man immer. Und du kannst sie ja mit irgendeinem künstlerischen Beiwerk anbieten. Porträts in Öl oder so etwas. Dann passt es schon.“

Es waren die gleichen Tipps wie vor drei Jahren, als er ihr das nötige Gesellschaftskapital von fünfundzwanzigtausend Euro für eine GmbH angeboten hatte. Und sie hatte es genau deshalb bei einer Einzelfirma belassen und ihr gesamtes Erbe von Oma Pötti in die Ausstattung des Ladens, in die Werbung und in die Ausrichtung regelmäßiger Events gesteckt.

„Ach Papa, sind wir jetzt wieder bei der Frage, warum Kunst Kunst ist und dein Job dein Job?“ Sie wusste nicht, warum ihr gerade jetzt Oleg Wesselov einfiel. Vielleicht, weil der nicht fragte, warum das Gesicht auf einem ihrer Bilder denn um Himmels willen nur ein Auge habe, obwohl es doch ansonsten ein realistisches Gemälde sei. Alles in den Lebensansichten ihres Vaters zielte auf Rentabilität und Erfolg ab, denen sich jeder Inhalt unterzuordnen hatte.

„Ich brauche deinen Rat, Papa.“

„Ehrlich?“

„Haha. Lustig.“ Am liebsten hätte sie sich neben ihn auf die Couch gesetzt, den Drohbrief und die E-Mail-Korrespondenz mit Maximilian hervorgeholt und sich danach in seinen Arm gekuschelt und gewartet, bis er eine Lösung parat hatte. Aber das blieb ein Wunschtraum zurück in frühere Zeiten.

„Könntest du dir diesen Vertrag einmal ansehen? Ich habe die Ausstellung eines meiner nächsten Künstler verschieben müssen.“

„Wolltest du das oder er?“

„Ich. Meinst du, er könnte trotzdem irgendeinen Schadenersatz konstruieren, obwohl er diesen Zusatz hier unterschrieben hat?“

„Warum willst du seine Ausstellung verschieben?“, fragte ihr Vater, während er den Vertragstext überflog.

„Sonst kommt mir eine andere Galerie bei einem wichtigen Künstler zuvor.“

„Ich bin kein Anwalt. Aber es klingt erst einmal vernünftig, was hier vereinbart wurde. Ob deine Entscheidung, diesen Maler so vor den Kopf zu stoßen, vernünftig war, kann ich natürlich nicht beurteilen.“

„Papa!“

„Wenn ich einen Kunden so behandeln würde, wäre er weg. Man muss doch jedem Kunden das Gefühl geben, er wäre der überhaupt wichtigste für die Firma.“

„Besser, er ist weg als der andere.“ Der Tonfall geriet Andrea schnippischer als beabsichtigt.

Ihr Vater sah von den Papieren hoch, schob seine Brille auf den inzwischen beinahe blanken Kopf. „Na, dann hast du doch alles richtig gemacht. Du bleibst noch zum Essen?“

Andrea nickte. „Ich geh mal … Mama helfen.“ Ihre Mutter war eine leidenschaftliche Köchin, die sich niemals helfen lassen würde. Besonders nicht von ihrer Tochter, die nicht einmal ein Rührei fertigbrachte, ohne es anbrennen zu lassen. Ein flüchtiger Blick auf dem Weg zur Küche in das angrenzende Esszimmer verriet Andrea, dass auch der Tisch bereits gedeckt war. Alles andere hätte sie auch gewundert. Sie nahm Schwung und hopste wie früher auf die Küchenarbeitsplatte. Von dort sah sie ihrer Mutter zu, die gerade die Soße andickte.

„Und alles in Ordnung? Im Haus, meine ich“, fragte Andrea.

„Ja. Es ist nichts kaputt.“

„Ich dachte nur. Ich brauche schon bei meiner kleinen Galerie ständig einen Handwerker. Und bei diesem großen Haus hier.“

Ihre Mutter lachte. „Nein. Gott sei Dank ist die Zeit der großen Reparaturen und Renovierungen vorbei. Wenn ich daran noch denke!“

„Und im Garten auch? Du hattest also keinerlei fremde Leute hier?“

„Andrina. Kind. Was ist denn los mit dir?“

„Mit mir? Gar nichts.“ Himmel, warum stellte sie nur diese dämlichen Fragen? Definitiv las sie zu viele Krimis. Aber der Gedanke, dass sich irgendein Fremder ihrer Mutter näherte und diese sorglos und herzensgut dem Verfasser des Drohbriefes gegenübertrat, raubte ihr fast den Atem. Seit sie vorhin an der Tür ihre Mutter umarmt hatte, konnte sie kaum mehr an etwas anderes denken.

„Man liest nur gerade so viel von Einbrüchen. Besonders in den Außenbezirken. Ich will nur, dass du vorsichtig bist, Mama.“ Sie hopste von der Arbeitsplatte und nahm ihrer Mutter die inzwischen gefüllte Sauciere ab. „Du lässt keinen Fremden ins Haus, ja?“

„Und ich steig auch zu keinem fremden Mann ins Auto.“ Ein Netz von kleinen Falten bildete sich an ihren Augen, so musste ihre Mutter lachen. „Schön, dass du so besorgt bist. Aber ich hab doch Papa. Er ist ein starker Mann.“

Ihr Lachen zeigte Andrea, dass sie die Sorgen ihrer Tochter keineswegs ernst nahm. Weshalb auch? Für sie gab es im Gegensatz zu Andrea auch nicht den geringsten Grund. Doch dann wurde auch Giorgia ernst. „Apropos starker Mann. Ich habe Papa endlich so weit, dass er zu einem Kardiologen geht, um sich durchsehen zu lassen.“

„Wie hast du das denn geschafft?“ Andrea freute sich über die Hartnäckigkeit ihrer Mutter. Schon seit geraumer Zeit hatte ihr Vater über Stiche in der Herzgegend geklagt und sich bisher rigoros geweigert, einen Arzt aufzusuchen. „Unsinn. Ich habe heute nur zu lange im Büro gehockt“, war seine Standardantwort, wenn Andrea und ihre Mutter sich um ihn sorgten.

„Bevor er es sich anders überlegt, habe ich bei Professor Jungstein im Virchow-Krankenhaus gleich einen Termin vereinbart“, antwortete ihre Mutter, sichtlich stolz und erleichtert. „Schon am kommenden Dienstag. Um sechzehn Uhr.“

„Das hast du toll gemacht, Mama“, antwortete Andrea und hätte ihre Mutter am liebsten umarmt, doch die Sauciere in ihren Händen wurde immer heißer, und sie beeilte sich, das Esszimmer zu erreichen, um sie abzustellen.

„Ich muss los. In der Galerie wartet eine Menge Arbeit auf mich. Das Essen war wie immer köstlich, Mama.“ Andrea stand auf.

„Ich bring dich noch hinaus“, sagte ihre Mutter.

„Ich helf dir vorher mit dem Abräumen.“

„Kommt gar nicht infrage.“

„Danke, Mama. Und entschuldige, dass ich nicht länger bleiben kann.“ Sie beugte sich zu ihrem Vater hinunter und gab ihm einen Kuss.

„Du weißt, dass ich durchaus schätze, was du tust?“ Sein Blick war ebenso liebevoll wie seine Stimme.

„Sicher, Papa.“

An der Seite ihrer Mutter verließ sie das Haus.

„Er meint es wirklich so“, beteuerte ihre Mutter.

„Ich weiß doch. Er ist gut in seinem Job. Deshalb habe ich ihm ja auch den Vertrag gezeigt. Aber er versteht nun mal nichts davon, wie die Leute in meiner Branche ticken.“

Ihre Mutter lachte. „Aber mach das deinem Vater mal verständlich.“

„Dass es etwas gibt, wovon er keine Ahnung hat? Das überlasse ich gerne dir.“

Andrea wendete ihren Wagen und winkte ihrer Mutter zu, die noch immer am Gartentor stand. Eine bescheidene und doch so stolze Frau von vierundsechzig Jahren. Die Falten hatten zugenommen, die dunklen Locken ihre vormalige Fülle verloren, und der Körper hatte ein paar Kilo mehr als früher. Aber so, wie sie dort stand, unterschied sie sich für Andrea in nichts von der Mutter ihrer Kindheit, die ihr morgens hinterhergesehen und mittags freudig am Gartentor auf sie gewartet hatte. Voller Dankbarkeit dachte sie an die Geborgenheit und Sicherheit, die bis heute in ihr nachwirkten. Drohbriefe und verschwundene Künstler hatte es in dieser Welt jedenfalls nicht gegeben.

Sie sah ihn sofort, als sie die Tür der Galerie öffnete. Er war unter dem Gitter und dem Türblatt hindurchgeschoben worden und strahlte ihr nun in einem provozierenden Weiß entgegen. Andrea hob den Umschlag auf und hätte ihn am liebsten gleich wieder von sich geschleudert. Fingerabdrücke! Warum hatte sie keine geeigneten Handschuhe im Büro? Weil eine Galeristin normalerweise keine Briefe erhielt, bei denen man aufpassen sollte, keine möglichen Fingerabdrücke zu zerstören. Obwohl, wer hinterließ heute schon Fingerabdrücke? Auf mögliche Fasern und DNA-Material zu achten war weitaus aktueller. Sie war sich sicher, dass der weiße Umschlag in ihren Händen wieder eine Botschaft von dem großen Unbekannten enthielt, dieses Mal – als zusätzliche Warnung sozusagen – direkt zugestellt, denn es fehlten Briefmarke und Poststempel. Sie öffnete vorsichtig das Kuvert, und ihr fiel neben einem weißen Bogen, der wieder mit ausgeschnittenen Zeitungsworten beklebt war, ein Foto entgegen. Es zeigte ihr Elternhaus. Am Bildrand war noch ein Teil ihres geparkten Minis zu erkennen. Sie erkannte die Blumen, die ihre Mutter ihr erst heute Morgen gezeigt hatte. Sie musste sich die Tränen aus den Augen wischen, um den Inhalt des beigefügten Briefes lesen zu können.

Ich habe noch keine Pressemitteilung entdecken können, mit der Sie die Ausstellung absagen. Ich meinte es ernst. Diese Ausstellung wird nicht stattfinden! Welche Opfer Sie dafür bringen müssen, liegt ganz bei Ihnen. Binnen einer Woche erwarte ich eine Entscheidung von Ihnen, die Sie bitte öffentlich machen.

Die erneute Drohung erstickte endgültig die Hoffnung, es könnte sich alles doch nur um einen schlechten Scherz handeln. Andrea wollte schreien, jammern oder wenigstens laut etwas in den Raum rufen, aber ihr Mund war zu trocken. Sie musste zur Polizei gehen. Jetzt sofort. Wieso verbat der Erpresser ihr nicht, Kontakt mit der Polizei aufzunehmen? In ihren Kriminalromanen – ein zwingender Zusatz jeder Forderung. Fühlte sich dieser Mann – woher wollte sie überhaupt wissen, dass es ein Mann war? – so sicher, dass er meinte, nicht einmal Ermittlungen durch die Polizei könnten ihm gefährlich werden? Aber sie brauchte Hilfe. Allein würde sie das nicht durchstehen. Sie stürzte ins Büro und wühlte so lange den Ablagekorb durch, bis sie Olegs Visitenkarte fand. Sie setzte sich weinend auf den Stuhl. Es war Samstag. Oleg würde nicht in der Firma sein. Durfte sie wirklich seine Handynummer wählen und Gefahr laufen, seine Frau am anderen Leitungsende anzutreffen? Warum nicht? Dies war eine Ausnahmesituation, und er war ihr Kunde. Ein Kunde, der hartnäckig wie nie zuvor jemand versuchte, ihr Freund zu werden. Nein. Die Wahrheit war, Oleg war im Moment ihr Freund, und einen solchen brauchte sie jetzt. Mit zittrigen Händen wählte sie die Nummer.

„Oleg Wesselov.“

„Ich bin’s. Könnten Sie in die Galerie kommen? Es ist wirklich wichtig.“

„Ich bin ganz in Ihrer Nähe. Bis gleich.“

Wohnte er nicht in Kleinmachnow? Das lag im Süden Berlins. Bis zur Galerie eine Strecke von rund fünfundzwanzig Kilometern quer durch die Stadt. Aber es war nur ein flüchtiger Gedanke, den sie darauf verwandte. Dann war sie wieder ganz bei ihrer Mutter. Im Geist formulierte sie bereits den Text für eine Pressemitteilung, in der sie wegen plötzlicher Krankheit des Künstlers Vernissage und Ausstellung absagte.

Über zwei Stunden saßen Oleg und sie jetzt schon zusammen und gingen jede mögliche Alternative durch. Ohne Ergebnis. Andrea war am Ende ihrer nervlichen Kräfte. Erneut unterbreitete Oleg ihr den Vorschlag, zunächst eine Vermisstenanzeige bei der Polizei vorzunehmen. So wären die Behörden bereits involviert, und sie könnte jederzeit mit den Informationen über die Drohbriefe nachlegen.

„Warum nicht gleich alles sagen? Immerhin bedroht jemand das Leben meiner Mutter.“

„Er hat uns eine Woche Zeit gegeben.“

„Uns?“

Oleg sah sie fragend an. „Manchmal ist es gut, dass der Mensch ein soziales Wesen ist“, antwortete er.

„Sie meinen, in der kommenden Woche wird also noch nichts passieren?“

„Ganz sicher nicht. Wenn Sie eine Vermisstenanzeige aufgeben, sucht die Polizei Maximilian Ross. Genau das wollen wir ja. Wenn Sie der Polizei jetzt schon die Drohbriefe zeigen, suchen die nicht nur nach einem Vermissten, sondern ermitteln wegen einer Straftat. Stellen Sie sich vor, Maximilian Ross ist aus irgendwelchen Gründen, die wir nicht kennen, selbst der Briefeschreiber. Dann können Sie für alle Zeiten eine Ausstellung mit ihm vergessen. Deshalb sollten wir die Zeit nutzen, um herauszufinden, ob er mit uns im selben Boot sitzt oder im Boot des Gegners.“

„Das uns um Längen voraus ist“, antwortete Andrea frustriert. Trotz der noch immer völlig ungeklärten Situation tat es gut, mit jemandem die Ohnmacht zu teilen. Sie sah Oleg dankbar an.

„Oh, ein freundlicher Blick von der schönsten Frau der Stadt?“, scherzte Oleg.

„Warum müssen Sie nur ständig so übertreiben?“, seufzte sie.

„Das erinnert mich daran, dass Sie mir noch sagen wollten, was oder wer ich in Ihren Augen bin.“

„Wollte ich das? Na gut. Im Gegensatz zu meinen aktuellen anderen Problemen ist diese Frage einfach zu beantworten.“

„Ich bin gespannt. Brauche ich einen Drink?“

„Sie baggern mich ständig an, ohne wirklich auf den Punkt zu kommen. Sie sind angeblich ein erfolgreicher Geschäftsmann, haben aber Zeit, jeden Tag vom Ku’damm hierherzukommen. Sie sind verheiratet, aber auch jeden Samstag und Sonntag ganz in der Nähe. Sie sind hoffnungslos antiquiert und gleichzeitig …“ Andrea war in Fahrt gekommen.

„Vielleicht doch noch eine klitzekleine positive Eigenschaft?“ Er grinste sie an. „Los, sagen Sie es. Sprechen Sie es ruhig aus. Dann verrate ich Ihnen auch, was Sie sind.“

„Nett und höflich.“

Oleg verzog das Gesicht. „Na wunderbar. Nett und höflich. Genau die Adjektive, die ich mir wünsche.“

„Großzügig? Sympathisch?“

„Schon besser. Weiter.“ Oleg wedelte mit der erhobenen Hand.

„Das reicht. Jetzt Sie.“

Er stand auf und lief um den Schreibtisch herum, bis er hinter ihr stand. Als sie seine aufgelegten Hände auf ihren Schultern spürte, wunderte sie sich über die Zartheit seiner Berührung.

„Sie sind willensstark, ohne immer zu wissen, worauf Sie Ihren Willen lenken sollen. Sie sind leidenschaftlich, haben aber Angst, diese Leidenschaft außerhalb Ihres Berufes herauszulassen. Sie sind manchmal zu hastig, und manchmal warten Sie zu lange. Sie sind ungeduldig und ein bisschen ängstlich.“

Sie wollte aufstehen, ihn abschütteln und ihm widersprechen. Aber als hätte er ihre Reaktion bereits erwartet, zwangen sie seine großen Hände mit sanftem Druck wieder in den Sitz.

„Sie sind intelligent, klug, gebildet und wunderschön. Ein Traum von einer Frau. So, fertig. Jetzt können Sie wieder flüchten.“

„Danke für die Psychoanalyse, Mister Freud“, sagte sie schnippisch und zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben. Nach einer Weile stand sie auf, räumte leere Kaffeebecher in die Spüle, klappte demonstrativ ihren Mac zu und wischte mit einem Küchentuch auf dem Schreibtisch herum. Oleg griff ihre freie Hand, führte sie zu seinem Mund und deutete einen Handkuss an. „Lassen Sie uns noch einen Drink nehmen. Der beruhigt die Nerven. Morgen ist auch noch ein Tag. Und gleich morgen früh gehen Sie zur Polizei.“

Andrea hätte ihn nach seiner anmaßenden Analyse ihrer Person am liebsten zum Teufel gewünscht. Noch mehr allerdings wog die Angst, jetzt allein zu sein. Martin, dem sie bei allen Problemen in ihrer Beziehung hundertprozentig vertrauen konnte und der ihr vielleicht einen klugen Rat hätte geben können, war am anderen Ende der Welt. Was sich allerdings nicht wirklich ferner anfühlte als vor seiner Abreise. Stattdessen klebte dieser Oleg an ihr und entwickelte sich zu ihrem engsten Vertrauten.

Sie gingen zum Italiener, bei dem sie bereits gestern gegessen hatten, doch sie brachte kaum einen Bissen herunter. Oleg aß dagegen mit gutem Appetit. Zwei Stunden später landeten sie in einer Bar, und eine weitere Stunde dauerte es, bis sie übereinstimmend fanden, dass das Saphire viel angesagter war und für Olegs Alter auch passender schien. Andrea hatte von Wein zu Mojitos gewechselt, Oleg zu Wasser.

„Ich muss noch meine schöne Begleiterin nach Hause fahren.“

„Lass mal. Ich nehm ’n Taxi. Taxi!“, rief Andrea laut und winkte mit dem Arm. Es war ihr egal, dass hinter der Theke nicht wirklich eine mehrspurige Fahrbahn war. Irgendjemand würde ihren Taxiruf schon weiterleiten. Oleg zog ihren fuchtelnden Arm herunter, legte ihn auf ihrem Schoß ab und hielt ihn dort fest. Ihr Kopf bräuchte dringend die Stütze beider Arme auf der Theke. Aber seine Hände fühlten sich erstaunlich angenehm an.

„Weißte, dass ich solche Typen, also so ’nen wie dich nicht gerade prickelnd finde? Und wie alt bist ’n eigentlich?“ Sie versuchte, Oleg scharf in die Augen zu stehen, fand es aber zu anstrengend und drehte sich wieder in Richtung Barmann, der ihnen gerade einen Zettel entgegenschob. Olegs Hände verschwanden von ihrem Oberschenkel. Er zahlte. Plötzlich stand er dicht hinter ihr. Andrea ließ sich langsam vom Barhocker rutschen. Als beide Schuhsohlen Bodenberührung hatten, fühlte sie sich sicher und schob Oleg beiseite. Ergebnislos. Sie fühlte weiterhin seine Hände, dieses Mal an Schulter und Rücken. Nach den ersten Schritten schien die Tür kilometerweit entfernt und Olegs stützende Hände ganz hilfreich, um dorthin zu gelangen. „Ich brauch kein Kindermädchen“, protestierte sie nur ganz leise. Der Abend musste ja nicht unbedingt noch peinlicher enden, als er bereits war.

„Ich sag dir: Du wirst die Bilder lieben. Lieben wirst du sie. Wenn du drei nimmst, kriegste Rabatt. Versprochen“, sagte sie, als der Weg nach draußen auf erstaunlich direktem Kurs geschafft war.

„Ich werde dich daran erinnern, wenn es so weit ist. Versprochen. Doch jetzt sollte meine schöne Andrea erst einmal ins Bett.“

„Gott sei Dank nicht in deines“, kicherte sie. Die frische Luft pustete etwas Nebel aus dem Kopf, zulasten eines leichten Drehschwindels und eines erhöhten Drucks in der Magengegend. Da kam ihr das wie von Geisterhand hergezauberte Taxi gerade recht. Olegs Hände halfen beim Einsteigen. „Warten wir es ab“, antwortete er leise und küsste sie sanft auf die Haare, die ihr seitlich ins Gesicht fielen. Sie wollte ihm ihren Ärger ins Gesicht schleudern, holte tief Luft, als sich bereits die Wagentür zwischen ihnen schloss. Sie starrte abwechselnd auf die anderen Türen, aber keine öffnete sich, obwohl es ihr schien, als bewegten sich die Türgriffe. Hatte Oleg sich überhaupt verabschiedet? Nein? Wie unfreundlich von ihm!

Der Fahrer drehte sich zu ihr um und sah sie an, als erwartete auch er etwas von ihr, anstatt zu fahren, was eigentlich Aufgabe eines Fahrers sein sollte. Dann dämmerte es ihr. „Gubener Straße“, artikulierte sie deutlich, wobei die beiden S-Laute in „Straße“ kleine Sprühfontänen in Richtung des Fahrers auslösten. Prompt fuhr er an, und ihr Oberkörper fiel nach hinten in die weiche Rückenlehne. Tapfer kämpfte sie gegen den Drang, es sich hier bequem zu machen und schon etwas vorzuschlafen. Mit beiden Händen an den Kopfstützen der Vordersitze zog sie sich wieder in einen geraden Sitz.

„Aua“, kam es von vorn, und der Fahrer zog seine langen Haare unter ihrer Hand weg. Sie starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe auf die Fahrbahn, um ihrem Magen keinen Anlass zu geben, aufzumucken. Dann fiel ihr ein, dass sie dem ziemlich sauer dreinblickenden Fahrer die Galerieadresse genannt hatte. Sie korrigierte das Ziel in ihre Privatanschrift, was den jungen Mann sichtlich freundlicher stimmte. „Wissen Sie, ein Irrer schreibt mir Erpresserbriefe! Wie finden Se das?“

Der Fahrer fuhr schweigend los. Ihre Zielkorrektur forderte Andrea weitere zehn Minuten Konzentration auf die unterschiedlichen Beläge der Berliner Straßen ab. „Ganz schön desi… desolat“, stellte sie fest. „Na ja, Berlin is eben pleite.“ Sie kicherte. „Ich auch gerade.“ Ruckartig drehte sich ihr Chauffeur zu ihr um, und sie lachte in sein erschrockenes Gesicht.

Der Aufstieg in den zweiten Stock gestaltete sich ohne Hilfe ziemlich anstrengend. Als sie die Wohnungstür hinter sich schloss, stand ihr der Sinn nur noch nach einer Toilette, einer Wasserflasche und ihrer kuscheligen Bettdecke. Doch sie hörte die beharrlichen hellen Signaltöne ihres Macs in ihrer Umhängetasche. Ihren ersten Gedanken, Martin habe ergebnislos versucht, sie zu erreichen, verwarf sie gleich wieder. Auch, wenn es bei ihm bereits morgens war, würde er nicht mitten in ihrer Nacht anrufen. Dann, wenn sie eigentlich schlief und nicht mit so merkwürdigen Männern wie Oleg Wesselov durch Bars schlich. Die Hoffnung, Maximilian hätte sich besonnen, siegte über die Müdigkeit und den Nebel in ihrem Kopf. Sie zog den Mac heraus, öffnete ihn und klickte auf Posteingang. Aber es war nicht der Maler, der ihr eine Antwort gesendet hatte, sondern eine Nachricht von Oleg.

Liebe Andrea,

ich habe schon etwas für morgen vorbereitet. Schlaf gut, meine Schöne, und mach dir keine Sorgen. Alles wird gut.

Bis morgen, Oleg

Andrea seufzte. Alles wird gut. War sie ein kleines Kind? Sie musste jetzt schlafen. Unbedingt. Sie konnte kaum mehr denken. Schon gar keine konkreten Pläne machen, außer morgen früh als Erstes ihre Mama anzurufen.