15. KAPITEL

Er hatte in Berlin übernachtet. Jetzt gönnte er sich ein Frühstück in einem Straßencafé. Er sehnte sich danach, nach Hause zu fahren, um Kraft für seine große Aufgabe zu tanken, die ihn dieses Mal vor eine neue Herausforderung stellte. So, wie er Andrea Wahrig einschätzte, würde sie irgendwann einknicken und die Ausstellung absagen. Doch dann würde er Ersatz für ihre Mutter brauchen, denn es widerstrebte ihm, sie trotzdem auszuwählen. Sie hatte einen Namen und eine Geschichte. Wohin so etwas führen konnte, hatte er ja bei Marlies von Graefen erlebt. Allein ihr flehendes „Anna“ hatte ihn dazu gebracht, seine jahrzehntelange Routine zu durchbrechen. Nein. Es würde schon ein passendes Model irgendwo anders geben, nicht so perfekt, aber ähnlich. Oder war es doch göttliche Fügung, dass Andreas Mutter seiner eigenen so ähnelte? Sollte das ein Hinweis sein? So, wie schon der Bruch der Reihenfolge? Ein Hinweis, endlich sein Werk zu vollenden. Er würde aufmerksam bleiben müssen, um nicht die falsche Wahl zu treffen.

Er wartete auf sein Frühstück und ließ dabei kein Auge von der Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie war schlank und hatte braunes dichtes Haar. Die Frau blieb stehen, sah erst ins Schaufenster, als sehe sie sich die Auslage an. Doch sie schien ungeduldig zu sein und rief in Richtung der Ladentür. Ein Junge kam aus dem Geschäft, acht, vielleicht auch schon zehn Jahre alt. Seine Mundwinkel tief nach unten gezogen wie bei einem Kleinkind. Er maulte, und die Frau, offenbar seine Mutter, schimpfte zurück. Der Junge tat ihm leid. Warum schrie die Frau so, dass der Junge nicht dagegen ankam? Hasste er seine Mutter dafür? Offenbar wollte er etwas aus dem Laden, wollte es unbedingt – und in diesem Moment nichts anderes auf der Welt. Er selbst kannte dieses Gefühl. Auch er wollte etwas um jeden Preis, wenn es losging. Aber nicht jetzt. Die Aufregung und das Kribbeln in der Magengegend, sie waren weg, als der Junge dazugekommen war. Die Frau am Schaufenster drehte sich in diesem Moment um und lief los. Der Junge stand noch ganz still, die Arme hingen herab, und der Kopf war gesenkt. Fast so, als wollte er einschlafen. Und er war sich ganz sicher, dass der Junge in seinen Träumen in den Laden zurückgehen würde, um sich einfach zu nehmen, was sein Herz begehrte. Er würde sich das Superman-Kostüm überziehen, das auf dem Ständer vor dem Spielzeugladen hing, alles greifen, was seine Hände festhalten konnten – und dann heraus aus dem Laden. Er würde durchstarten und über alle hinwegfliegen, mit den Wunschsachen im Arm. Sollten die Leute sich doch wundern und seine Mutter schreien. Er würde ihnen einfach davonfliegen.

Aber der Junge ging nicht zurück in das Geschäft, sondern folgte seiner Mutter, die sich nicht einmal mehr zu ihm umdrehte.

Als die Bedienung das Frühstück brachte, war sein Puls ganz ruhig, und er konnte sie freundlich anlächeln. Er sah hinüber zur anderen Straßenseite, doch Frau und Junge waren weg. Er aß, zahlte und ging dann langsam weiter durch die Straßen der Großstadt, die er eigentlich nicht mochte. Und doch zog ihn das Leben zwischen diesen hohen Wohnblöcken, das wie in einem Bienenstock je nach Tageszeit summte und ruhte, magisch an. Kilometer um Kilometer war er in den Jahren schon durch diese Stadt getingelt, und jedes Mal war das ungewohnte Großstadtleben an ihm vorbeigerast. Zu vielfältig und zu schnell tauchten Gesichter auf, man konnte sich schwer auf einen Menschen allein konzentrieren.

Drei Jungen kamen die vor ihm liegende U-Bahn-Treppe herauf und nahmen den Gehweg in Besitz. Mit halbstarken Gesten und lautem Gejohle liefen sie auf ihn zu. Zwei von ihnen hatten lässig Rucksäcke über die Schulter geworfen. Der dritte nur ein Paar Schlittschuhe. Wie ein Messer durchstach ihn der Anblick. Ein Messer mit einer spitzen dünnen Klinge. Zuerst war der Schreck heftiger als der Stich selbst. Aber nur, bis die Klinge tief in der Wunde gedreht wurde.

Dann verbrannte der Schmerz alle anderen Wahrnehmungen, und es gab nichts mehr im Kopf als den Wunsch, das Messer aus dem Fleisch herauszuziehen. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten, die Fingernägel gruben tiefe Dellen in die Handinnenflächen, weil er die Hände nicht öffnen konnte. Er durfte nicht nach den baumelnden Schlittschuhen greifen und sie dem Jungen von der Schulter reißen, um ihm das Leben zu retten. Keine Sekunde länger ertrug er den Anblick. Hektisch drehte er sich um und ging in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Aber es war zu spät. Es hatte schon begonnen. Er hörte und sah, was sich schon Millionen Mal zuvor in seinem Kopf abgespielt hatte. Die Kufen von Schlittschuhen hatten es für alle Zeiten in sein Gehirn eingeschnitten …

Ein helles Knirschen. Marc bemüht sich, in den gleichen Spuren wie seine Mutter zu laufen. Er ist so viel kleiner und flinker als sie, und als er sie einholt, lachen sie laut. Ihre Gesichter sind fröhlich. Schon lange ist Beate nicht mehr so vergnügt gewesen. Sie fasst Marc an den Händen, und sie gleiten synchron zur Oma, die unsicher auf den Kufen steht. „Oma! Oma, fass an“, ruft Marc und streckt ihr die freie Hand entgegen. Vor lauter Lachen hören sie das leise Knacken nicht. Er dagegen nimmt es wohl wahr, und er ruft ihnen zu. An den Rand sollen sie kommen, zu ihm, in Sicherheit. Es knirscht und knackt stärker. Doch sie hören nicht auf ihn. Er ist es gewohnt. Aber dieses Mal stört es ihn. Selbst Marc hört nicht auf ihn. „Papa, komm doch endlich“, ruft er nur. Aber er meint es nicht böse, denn er ist ein guter Sohn, der, egal was Beate behauptet, seinen Vater liebt. Denn der lässt mit ihm Drachen steigen und nimmt ihn in den Arm, wenn er weint. Obwohl Marc schon acht Jahre alt ist und Beate meint, ein großer Junge dürfe nicht mehr so verhätschelt werden. Sie hat keine Ahnung, wie sehr man eine Umarmung braucht, wenn man acht Jahre alt ist.

Striche im klaren, fast durchsichtigen Eis suchen sprunghaft ihren Zickzackweg. Wie kleine Risse in einem Spiegel. Zuerst fallen sie nicht groß auf. Aber wenn es mehr werden, kann man sein Spiegelbild nur noch wie zerrissen sehen. Jetzt sind Beate, Marc und Mutter längst wieder in der Mitte. Er läuft ihnen hinterher. Fast schon hat er sie erreicht. Doch da birst das Eis wie das Glas eines heruntergefallenen Spiegels.

Er lief langsam durch die Straßen und das Knirschen der Erinnerung wurde leiser. Er entspannte seine Schulter- und Rückenmuskeln und schüttelte die Arme. Weshalb hatte ein Junge mitten im Sommer Schlittschuhe über die Schulter gehängt? Es musste eine Eisbahn in der Nähe geben. Er sah sich um. Inzwischen war er mehrfach abgebogen. Er wusste nicht mehr, wo er war. Auf dem Gehweg vor ihm hatte ein Händler seine Waren auf Tischen vor einer Eingangstür aufgebaut. Ein buntes Stillleben inmitten der farblosen Häuserfronten. Sein Mund war trocken, und kurzerhand betrat er den Laden. Er kaufte einen Apfel und eine Orange und fragte beim Bezahlen, ob eine Eisbahn in der Nähe sei. Der Verkäufer erklärte ihm freundlich den Weg. „Aber jetzt im Sommer brauchen Sie einen Ferienpass“, rief er ihm hinterher.

Gespannt ging er die beschriebenen Straßen entlang. Er mochte diesen Stadtteil nicht. Lichtlos, obwohl die Sonne schien. Am liebsten wäre er zur U-Bahn gerannt. Dort wusste man wenigstens, warum es dunkel war. Doch erst noch wollte er einen Blick in das Eisstadion werfen. Obwohl er schon jetzt wusste, dass ihn dieser Blick quälen würde. Aber eine Qual konnte der beste Antrieb sein.

Ob er nur einmal kurz gucken dürfe? Wegen eines geplanten Kindergeburtstages. Er sei in ein paar Minuten wieder draußen. Die Frau an der Kasse nickte, und er spürte, wie sie ihn ganz genau beobachtete, ob er nicht doch eine Tasche bei sich trug, groß genug, um Schlittschuhe darin zu verstauen und sich so ohne Ferienpass in den Genuss des Eislaufens zu bringen.

Wieder hörte er das Knirschen der Kufen auf dem Eis. Doch dieses Mal waren die Geräusche real, und er konnte sie ausblenden. Ruhig lehnte er sich an die Brüstung der Eisfläche und gab sich der Beobachtung hin. Die meisten Läufer waren Kinder und Jugendliche. Ein paar kleinere von ihnen hatten Erwachsene dabei. Mütter, Tanten oder größere Schwestern. Auch ein Vater lief in schiefer Körperhaltung, weil er seine Hand so tief herunter zu seinem vielleicht fünfjährigen Sohn strecken musste. Wenn sie damals in Berlin gewohnt hätten, wäre er bestimmt auch oft mit Marc hierhergekommen. Seine Augen genossen die scheinbar schwebenden Bewegungen der Läufer. Beinahe schrie er auf, als zwei Mädchen zusammenstießen und ihre Körper auf das Eis stürzten. Aber eine Minute später standen beide Mädchen, klopften sich den Hosenboden und lachten sich an. Ja, hier durfte man getrost stürzen. Niemand konnte einbrechen.

Er entspannte sich und bedauerte, dass erst als nächstes Bild wieder ein Kind an der Reihe sein würde, denn einen geeigneten Jungen hier zu finden wäre gar kein Problem. Oder konnte er ihn vorziehen? Die Reihenfolge ändern? Nein. Nicht schon wieder. Die Realität hatte sie ihm diktiert: Beate, Mutter, Marc, Beate, Mutter, Marc …Entschlossen wandte er sich zum Gehen. Den Jahresrhythmus hatte er schon längst aufgegeben. Da war der Drang gewesen, es das nächste Mal besser zu machen, alles perfekter zu planen. Die verkorksten Male zählten irgendwie nicht, und er hatte es neu versuchen müssen. Bis es endlich gut war. Der Moment für alle Zeit eingefroren im Glas. Und wenn er daran dachte, dass Andrea Wahrig noch immer keine Anstalten machte, die Ausstellung der Glasbilder offiziell abzusagen, passte es ganz ausgezeichnet, dass nun eine ältere Frau an der Reihe war, eine, die Mutter ähnelte.

Er schlenderte durch einen Park. Es fühlte sich leer an, ohne Aufgabe in einer Stadt zu sein, die ihm immer fremd blieb, egal, wie oft er hier gewesen war. Am besten sollte er etwas tun, das er schon lange hatte erledigen wollen. Er musste endlich das Problem mit dem Schwitzwasser angehen. Er spazierte am Wasser entlang, überholte Hundebesitzer, denen er freundlich zunickte, wich entgegenkommenden Fahrradfahrern aus, beobachtete eine Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern, die die Enten fütterten und vor Vergnügen kreischten, wenn die Vögel aus dem Wasser heraus auf sie zuwatschelten. Erneut verkrampfte sich sein Herz bei dem Gedanken, dass auch Marc ein so fröhliches Kind gewesen war, erstaunlicherweise trotz seiner so herrischen Mutter Beate. Er dagegen war der richtige Ausgleich für seinen Jungen gewesen, hatte ihm Wärme und Zärtlichkeit geben können. Nein, er mochte nicht mehr an das Ende denken, besonders nicht an seine eigene Ohnmacht. Und nicht daran, dass er damals noch nichts dem Unheil entgegenzusetzen gehabt hatte. Heute war er ein anderer Mann. Heute bestimmte er das Schicksal – und nicht irgendein gottverdammter Zufall.

Er beschleunigte seine Schritte und war froh, als er endlich wieder sein Auto erreichte. Er drehte das Radio laut und konzentrierte sich auf die Nachrichten. Ein Mann mittleren Alters hatte einer jungen Ausländerin zu Hilfe kommen wollen, die in der U-Bahn von Rechtsradikalen belästigt und geschubst wurde. Er hatte es mit dem Leben bezahlen müssen. Auf dem Bahnsteig hatten sie ihn mit ihren Springerstiefeln totgetreten.

Er schüttelte den Kopf über so viel Gewalt in dieser Stadt und wechselte den Sender, bis er Musik hörte. „Was gibt es nur für grausame Menschen!“, murmelte er und war wieder einmal froh, dass er seinen einsamen Rückzugsort hatte, in dem kleinen Brandenburger Dorf, in dem die Welt noch in Ordnung war.

Über der Tür baumelte ein Mobile aus Metallstäben. Es klingelte in hellen Tönen, als er die Glaserei betrat, in der er früher schon regelmäßig eingekauft hatte, bis er fand, dass es besser sei, die Glasplatten bei verschiedenen Glasern im ganzen Bundesland zu bestellen. Innen war es dunkel, und nur langsam gewöhnten sich seine Augen daran. Er kannte dieses Problem mit der Dunkelheit. Wenn er eine Frau überwältigte, hatte er immer schon eine Weile im Dunkeln gewartet. Das lernte man mit der Zeit. Überhaupt hatte er jedes Mal auftretende Probleme in sein blaues DIN-A5-Buch eingetragen, um es nicht zu vergessen. Das Buch war nicht sehr voll geworden, denn er hatte seine Sache immer besser gemacht. Nur vor Kurzem hatte er mit viel Scham das Vergessen eines unverschlossenen Tores und eines Weckers für den nächsten Morgen vermerken müssen.

Der Glaser fragte, ob wieder eine Glasscheibe kaputtgegangen sei und er eine neue kaufen möchte. Nein? Dieses Mal kein Glas?

Er trug sein Anliegen vor, was man gegen Schwitzwasser auf den Scheiben machen könne.

„Am besten, Sie erzählen mir, wofür Sie es brauchen. Dann kann ich Sie am besten beraten.“

Er hatte sich schon im Auto eine Geschichte ausgedacht. „Ich habe ein Gewächshaus. Es liegt ungünstig, ganz hinten im Garten. Aber von meinem Balkon aus habe ich einen guten Blick und könnte jeden Tag nach den Pflanzen sehen. Doch stattdessen muss ich die Glasfenster hochklappen, denn das viele Kondenswasser verwehrt mir den Einblick. Deshalb geht so viel wertvolle Feuchtigkeit verloren.“

Der Glaser sah ihn ein wenig zweifelnd an, was wohl nicht an dem Inhalt der Geschichte lag. Er hätte die Worte besser nicht auswendig gelernt aufsagen sollen.

„Nanobeschichtung des Glases wäre eine Möglichkeit. Sie stoppt zwar nicht das Kondenswasser, aber durch Nano perlt es viel stärker und tropft auch schneller ab.“

Jetzt hatte er keinen vorgeschriebenen Text mehr im Kopf. „Die großen Tropfen haben aber den Vorteil, dass sie sich zu kleinen Pfaden sammeln, die bis zu den senkrechten Scheiben herunterlaufen. So tropft nicht viel auf die Blätter, was auch nicht gut für sie wäre. Nur, wenn ich die Scheiben hochklappe …“

„… dann tropft es“, beendete der Glaser seinen Satz, griff unter die Bedienungstheke und holte einen zerfledderten Notizblock hervor. Was könnte schon Hilfreiches auf solch unordentlichem Papier stehen? Der Glaser murmelte vor sich hin. „Ein Kunde hatte mal ein ähnliches Problem mit seinem Terrarium. Die meisten Leute haben da drinnen ja eher zu wenig Feuchtigkeit. Aber der wollte es unbedingt umgekehrt. Der Standort dicht an seiner Heizung und das Wasserbecken im Terrarium … und … ah, hier ist es. Er hat mir den Namen gesagt, falls ein weiterer Kunde mal … Wissen Sie, wir bauen inzwischen viele Aquarien und Terrarien. Ist so was wie mein zweites Standbein geworden. Hier: Silicagel heißt es. Der Kunde hat es mit einer durchlässigen Bastmatte geschützt als Bodenbelag ins Terrarium eingelegt. Darunter ein flaches Auffangbecken, das bei Bedarf geleert wird. Man kann es im Backofen regenerieren, also immer wieder verwenden. Soll super geholfen haben, sagt er.“

Stolz blickte der Meister ihn an und erwartete Beifall. Er gab ihm den Applaus in Worten und nahm sich trotzdem vor, vorsorglich die nächsten Scheiben bei einer anderen Glaserei, weit entfernt von dieser hier, zu kaufen.

Auf der Straße überlegte er, ob er auf dem Weg zu dem Händler, bei dem es das Granulat geben sollte, in eines der vielen Bauhäuser fuhr. Denn in einem netzartigen Stoff musste er das Granulat ja einfangen, und herunterrutschen durfte es auch nicht. An den Füßen würde es nichts mehr nützen. Füße hatten keine Münder, aus denen das Körperwasser beinahe pur heraussprühte. Besonders beim Schreien. Er würde also Nähzeug brauchen, um Steppnähte zu setzen. Reichte die Tiefe dann noch? Vierzig Zentimeter Tiefe hatten seine Wandauslässe. Hinzu kamen noch ein knapper Zentimeter Mörtelschicht und die Gummilippe für die Glasplatte. Machte zweiundvierzig, maximal dreiundvierzig Zentimeter. Wenn er jetzt noch das Granulatkissen einbringen musste? Er würde nur ganz schlanke Frauen auswählen dürfen und vorsorglich wie bisher wieder den Wischer einbauen.

Der Gedanke, dass er gerade konkrete Vorkehrungen traf, ließ seinen Puls höherschlagen. Seit dem Morgen im Café hatte er nicht mehr daran gedacht. Doch jetzt wurde aus den Gedanken auch ein Handeln. Auswählen, einkaufen, nähen. Er spürte, wie sein Körper zu schwitzen begann. Seine Handinnenflächen wurden feucht, und auch unter den Achseln fühlte er die Folgen seiner Gedanken. Er brauchte dringend Zeit und Ruhe zum Nachdenken. Aufregung bei der Planung war etwas für Anfänger. Er war Perfektionist. So verzichtete er auf die schnelle Heimfahrt über die Autobahn und fuhr stattdessen über Spandau nach Falkensee. Die Abfahrt Nauen passierte er gemächlich mit maximal achtzig Stundenkilometern unter den Bäumen der Landstraße hindurch. Der Himmel war wolkenfrei. Bei dieser Geschwindigkeit störte auch das Blitzlichtgewitter der Sonne nicht, wenn sie jede kleine Lücke im Blätterdach der Alleebäume ausnutzte, um Bruchteile von Sekunden den Fahrern ins Gesicht zu blenden. Er bedauerte, dass er kein Cabrio fuhr. Dabei waren ihm Gerüche nie wichtig gewesen. Was er brauchte an Farben, Düften und Klängen, trug er normalerweise in sich. Jetzt aber wollte er gerne das Heu riechen, das auf den Feldern links und rechts gebündelt zur Abfuhr bereitstand, und den Duft der Bauernvorgärten in sich aufnehmen, wenn er durch die Dörfer fuhr. Er öffnete das Fenster. Den Ellenbogen halb nach draußen aufgestützt, fuhr er seinem eigenen Hof entgegen, wo es ähnlich roch. Und je näher er ihm kam, umso freier fühlte sich sein Kopf an. Die Gedanken schienen ihm so klar zu sein wie der Himmel über ihm. Morgen würde er zurück nach Berlin fahren und tun, was zu tun war. Er konnte nicht zulassen, dass sein einmaliges Werk von einer jungen Galeristin zerstört wurde.

Als er in die Paulinenauer Straße einbog, flog ein Storch dicht über seinem Auto hinweg und landete auf dem Feld neben der Straße. Niemand fuhr hinter ihm, und so hielt er am Straßenrand an und beobachtete den majestätischen Vogel. Sein Anblick fühlte sich heimisch an. Vor langer Zeit, in seinem kleinen Dorf im Zonenrandgebiet Lüchow-Dannenberg, da hatte er die erste Eins im Malen bekommen. Für die Zeichnung eines Storches, der auf dem Rand seines Nestes saß. Und dann hatten sie ihn doch nicht ernst genommen, als er mit seinen Skizzen in der Kunsthochschule saß. Nicht ausgereifter Stil, kindliche Züge in der Ausführung, handwerkliche Schwächen. Er hatte ihnen die Skizzen vor die Füße geworfen und war gegangen, ohne ein Wort.

Er fuhr die Landstraße bis zum Dorfende. Die Lebensversicherung und der Verkauf des Hauses, in dem er mit Beate anfangs so glücklich gewesen war – und mit Marc sowieso –, hatten für den Kauf dieses letzten Bauernhofes des Ortes gereicht, und es war noch etwas zum Leben übrig geblieben. Er konnte gut mit Geld umgehen. Die ehemaligen Ställe waren heruntergekommen, der Acker hinter dem Hof war über die Jahre eine Wildwiese geworden, aber es störte ihn nicht. Er brauchte das alles nicht. Das Wohnhaus hatte er notdürftig renoviert und sich dann seinem eigentlichen Ziel gewidmet: das Gewölbe unter der Scheune. Es war ein richtiges Prachtstück geworden.