3. KAPITEL

Er zog die Frau, die nicht viel wog, auf die Rückbank und schloss die Tür. Wieder sah er sich um. Nur wenige hundert Meter weiter begann ein Waldweg. Sicherlich benutzten ihn Förster, Jäger oder Waldarbeiter, denn er hatte dort Reifenspuren gesehen. Auf diesem fuhr er in den Wald, bis er die Straße im Rückspiegel nicht mehr sehen konnte. Ein Liebespaar im Auto, falls doch jemand kommen sollte. Er stoppte den Motor und schaltete die Innenbeleuchtung ein. Aus der Flasche zwischen den Sitzen goss er Wasser in einen durchsichtigen Becher. Er drehte sich um und schätzte ihr Gewicht. Höchstens fünfundfünfzig Kilo. Das machte sechseinhalb Tabletten aus der Schachtel im Handschuhfach. Er konnte die Dosierung inzwischen wie im Schlaf umrechnen, wie er überhaupt alles mit der Präzision tat, die er sich in den Jahren angeeignet hatte. Er schwenkte das Plastikglas hin und her, damit die Tabletten sich besser auflösten, und setzte sich neben die Frau auf die Rückbank. Ihren Kopf bettete er auf seine Oberschenkel. Einen kurzen Moment musste er an die perversen Typen denken, die die Situation ausgenutzt hätten. Es wäre ganz leicht, denn sie schlief und trug nur einen mittellangen bunten Rock. Aber so einer war er nicht. Niemals gewesen. Er hatte ganz andere Ziele. Nicht die schnelle Befriedigung. Er schaffte etwas für die Ewigkeit. Geduldig wartete er, bis die Wirkung der Betäubung nachließ. Das dauerte nie lange. Dabei ließ er weder die Frau noch das Messer in der Türablage aus den Augen.

Allmählich beruhigten sich auch seine Sinne. Das war immer so, wenn sie nicht mehr fliehen konnten. Doch er wusste auch: Das Monster ruhte sich nur aus. Sammelte Kraft für später, auf seinem Hof, im Gewölbe, wo ihm alles gelang und er alles bestimmte. Er wünschte wirklich, sein Vater würde einmal dabei sein. Natürlich würde der nicht freiwillig kommen. Aber auf einen Stuhl gefesselt könnte er endlich sehen, zu was sein Sohn fähig war. Etwas, das ein Weichei, wie sein Vater ihn immer genannt hatte, niemals fertigbrächte. Und er könnte ihm endlich beweisen, dass es damals nicht seine Schuld gewesen war.

Die braunen Locken bedeckten den Kopf der Frau wie eine Decke. Sie bewegte sich und schlug einen Augenblick später die Augen auf. Sie richtete sich auf und griff nach dem Hebel, der die Autotür öffnete, die er längst durch die Kindersicherung verriegelt hatte. Die Frau sah an sich herunter, dann starrte sie ihn an, und er konnte in ihren Augen die Verwunderung darüber lesen, dass sie noch heil war und er ruhig neben ihr saß. Sie öffnete den Mund. Da zog er das Messer aus der Sitztasche, und ehe sie reagieren konnte, saß er auf ihr und hielt ihr das Messer an die Kehle.

„Bitte lassen Sie mich doch … meine kleine Tochter …“ Mehr sagte sie nicht. Nur ihre Augen sprachen weiter mit ihm.

Er griff in den Fußraum nach dem Wasserbecher. „Trink das.“ Sie presste die Lippen aufeinander, als er ihr das Glas an den Mund hielt.

„Trink, sonst steche ich zu.“

In ihren Augen sammelten sich Tränen. „Anna“, flüsterte sie.

Er wollte ihren Namen nicht kennen. Namen gehörten zu Individuen, einem Verwandten, der Hauskatze oder von ihm aus auch zu einem Hofköter. Hier ging es um etwas Grundsätzliches, das viel zu erhaben war, als ihm einen beliebigen Namen zu geben.

„Trink, dann tu ich dir nichts“, beruhigte er sie. Der Weg nach Hause dauerte lang, und er hatte keine Lust, ihr jetzt schon mehr als nötig Angst zu machen.

Sie wollte noch immer nicht trinken, und er drückte das Messer in ihre zarte Haut. Nicht zu stark, denn er konnte kein Blut sehen. Davon hatte er als Kind genug beim Schlachten gehabt. Einmal hatte sich eine beim Fallen eine Schramme geholt. Langsam war das Blut ihre Stirn hinuntergelaufen und auf seine Hand getropft. Er war so verstört gewesen, dass er die Frau beinahe hatte laufen lassen.

Er drückte etwas fester zu. Endlich trank sie. Mit langsamen Schlucken, bis der Becher leer war. Er ließ ihren Mund nicht aus den Augen. Manchmal taten sie nur so, als hätten sie getrunken, und spuckten ihm dann das Wasser ins Gesicht, und er musste noch einmal von vorn anfangen. Seither schob er den Kopf nach hinten und drückte mit Daumen und Fingern ihre Münder auf, um nachzusehen, ob sie wirklich geschluckt hatten. Diese war brav und versuchte gar nicht, ihn zu täuschen. Ab jetzt war es einfach. Er musste nur sitzen bleiben und warten, bis sie müde wurde. Das dauerte höchstens eine Viertelstunde. Die meisten wollten nun mit ihm sprechen. Er ließ sie reden, hörte nicht zu, beantwortete keine ihrer Fragen. Dieses Ausblenden einer menschlichen Stimme hatte er bei Beate gelernt, lernen müssen, um ab und zu seine Ruhe zu haben. Außerdem würde die Frau sowieso nicht verstehen, was er vorhatte. Nicht, weil sie zu dumm war, sondern weil sich niemand darauf vorbereiten konnte. Beate hatte es nicht gekonnt und Mutter auch nicht. Deshalb waren ihre Gesichter so fassungslos gewesen. In nur einer Sekunde hatten sie begriffen, dass das Leben zu Ende war, hatten ihn angesehen und gehofft, dass er ihnen helfen konnte. Eine Hoffnung, gestorben in dem Moment, in dem sie entstanden war. Dabei hatte er erst alles versucht, um sie zu retten. Doch dann war er ruhig geworden. Er hatte nur noch zugesehen, und irgendwie hatte es sich richtig angefühlt.

Jetzt schlief sie. Er schlug ihr mit der flachen Hand noch ein paarmal leicht auf die Wangen. Keine Reaktion mehr, kein Augenzucken. Dann löste er sich aus der unbequemen Sitzposition, legte die junge Frau längs auf die Rückbank und deckte sie mit einer Wolldecke zu. Ihren Kopf drehte er zur Seite, falls sie sich würde übergeben müssen. Dann kletterte er nach vorn und stieg durch die Fahrertür aus. Tief atmete er die klare Luft ein. Seine Blase drückte. Noch hundert Kilometer bis nach Berlin. Dort einkaufen und dann weiter auf den Hof. Er pinkelte an einen Baum, presste jeden Tropfen heraus, bis nichts mehr kam. Und mit einem Mal fühlte er wieder das Leben. Frei und leicht.

Die Unterbrechung in Berlin kostete Zeit. Hatte er die? Aber er brauchte dringend Material, besonders neue Farben. Zu dumm, dass er das nicht vorher erledigt hatte. Doch die Gelegenheit war heute viel zu günstig gewesen.

Er parkte in einer Seitenstraße. Vorsichtig zog er die Wolldecke auch über das Gesicht der Schlafenden. Dann hastete er zu dem Fachgeschäft, in dem er immer einkaufte. Trug eilig in dem kleinen Einkaufskorb alles zusammen, was auf dem zerknitterten Zettel stand, den er heute früh in seine Hosentasche gestopft hatte. Die Verkäuferin wollte mit ihm reden. Über seine neuen Bilder, ob endlich eine Ausstellung in Sicht sei und dass sie kürzlich von einer erfolgreichen Vernissage eines völlig unbekannten Malers gehört hätte. Also, es ginge doch. Selbst in der Großstadt Berlin. Er müsse nur am Ball bleiben und die Hoffnung nicht aufgeben. Er nickte mehrmals und bemühte sich um eine freundliche Ausstrahlung, sprach selbst kein Wort.

Mit den Einkäufen rannte er förmlich zurück zum Auto. Die Rückbank zeigte sich unverändert. Vorsorglich legte er für eine bessere Atmung ihren Kopf wieder frei. Dann fuhr er durch die Straßen Charlottenburgs Richtung Stadtautobahn. Nur endlich heraus aus der Stadt, nach Norden, bis die Reifen des Wagens über die Einfahrt seines Hofes holperten und ihn daran erinnerten, wie sehr der letzte Winter dem Pflaster vor dem Haus zugesetzt hatte. Auch die betonierte Fläche des Innenhofes zeigte breite Risse, durch die bereits das Unkraut wucherte. Aber körperliche Arbeit war noch nie seine Sache gewesen. Wie in so vielen anderen Dingen war er auch der Statur nach nicht nach seinem Vater geraten. Der war über einen Meter neunzig groß und an die hundert Kilo schwer. Das passte. Wer würde schon Schweinebauch und Rippchen in einer Fleischerei kaufen, wenn der Metzger ein Hämeken war? Vater und er zusammen im selben Betrieb? Das hätte nur böses Blut gegeben.

Er parkte das Auto und drehte sich zu der Frau auf der Rückbank um. Sie lag noch genauso, wie er sie gebettet hatte. Er schloss das große Tor zur Straße und öffnete die Scheune, stieg die Treppe hinunter und drückte mehrere Lichtschalter. Die helle Deckenbeleuchtung brauchte er wenigstens so lange, bis die Gurte festsaßen.

Er hätte etwas essen sollen. Sein Magen knurrte, und mit einem Mal waren ihre fünfundfünfzig Kilo ziemlich schwer. Er hob ihren Körper und presste ihn zwischen die Wand und seinen Bauch. Mit einer Hand hielt er sie fest und schob ihre Arme mit der anderen Hand in die Schlaufen, bis die passend unter ihren Achseln saßen. Jetzt trug die Mauer das Hauptgewicht, und der Bauchgurt ließ sich blitzschnell anziehen. Zum Schluss noch Beine, Fußgelenke, Kopf und die Ellenbogen, die zu justieren am schwierigsten waren. Sie sollten sich mit den Unterarmen und den Händen bewegen können, aber nur vierzig Zentimeter nach vorn. Mehr nicht. Er ächzte vor Anstrengung, und der Schweiß lief ihm vom Haaransatz auf die Stirn.

Noch immer schlief die Frau tief und fest. Sanft zeichnete er mit den Fingerkuppen ihre Gesichtsform nach, von der Stirn bis nach unten zu ihrem Mund. Er sammelte Spucke in seinem Mund und gab sie mit der Zunge auf seine Finger. Mit vorsichtigen Bewegungen fuhr er ihre gut durchbluteten Lippen entlang, bis sie im weißen Licht der Deckenlampen glänzten. Er griff zur Zerstäuberflasche, die neben ihm auf dem Steinfußboden stand, und sprühte feinen Wassernebel auf Stirn und Haaransatz der Frau. Ihre dunklen Locken wurden noch dunkler, und er zog ihr ein paar nasse Strähnen über die Stirn weiter hinein ins Gesicht. Dann trat er ein paar Schritte zurück und betrachtete seine Arbeit. Sie würde ein gutes Bild werden. Er war zufrieden und kontrollierte die Uhr. Zeit genug, um von oben das Essen und den Wein zu holen, und sogar, um im Internet nachzusehen, ob sein Brief bereits Wirkung gezeigt hatte. Wahrscheinlich eher nicht. Er hätte ihn drängender machen müssen. Doch dann wäre die Galeristin sofort zur Polizei gegangen. Und obwohl die ihm nichts anhaben konnte, beunruhigte der Gedanke daran.

Er beeilte sich, denn er musste auch noch den Raum vorbereiten. Kerzen erneuern, und auf der schmalen Pinselablage der Staffelei fehlte eine frische Rose, von denen es genug auf seinem Grundstück gab, Buschrosen von saftig roten Blüten. Sie dufteten nicht. Aber wen interessierte das? Die Frau würde sie nicht lange riechen können, und ihm waren Gerüche noch nie wichtig gewesen. Die Augen waren seine Werkzeuge und natürlich die Hände.

Mit einem Wurstbrot, einem Ast blühender Rosen und einem Glas Weißwein in den Händen stieg er nach einer Viertelstunde erneut in den Keller. Voller Erwartung galt sein erster Blick der Frau. Sie hatte die Kopfhaltung etwas verändert, aber ihre Augen waren noch immer geschlossen. Ihre Lippen hatten sich leicht geöffnet und entließen einen dünnen Speichelfaden aus dem Mundwinkel. Er stellte Weinglas und Brotteller auf einen runden Gartentisch, den er vorsichtig näher an die Wand schob. Die Eisenfüße hinterließen hässliche braune Flecken auf dem Steinfußboden, den er jede Woche säuberte und blank polierte. Ob noch Zeit war, sie zu entfernen? Nein. Viel wichtiger waren die Kerzen. Aus einem Weidenkorb unter der Treppe zählte er dreißig dunkelrote Kerzen ab und tauschte sie gegen die fast vollständig abgebrannten Stummel in den Kerzenhaltern an den Wänden. Auch wenn er inzwischen Übung darin hatte, dauerte es fast zehn Minuten.

Er rückte seinen Regiestuhl zurecht, bis er die richtige Position frontal vor der Frau fand, und setzte sich. Er hatte diesen Stuhl zufällig in einem Auktionshaus gesehen und sich sofort in ihn verliebt. Angeblich sollte Roland Emmerich darauf gesessen haben, aber der Auktionator hatte mit Sicherheit gelogen, was ihm ganz egal gewesen war. Er hatte nun jedenfalls einen Regiestuhl. Ein Regisseur war der Gott unter den Filmleuten. Ihm gehorchte man, und er war der Einzige, der das große Ganze verstand. Sein Geist verband sich mit allem, was die Nachwelt auf der Leinwand für immer bewundern konnte. Wieder bewegte sich die Frau. Ein leichtes Flackern unter ihren Augenlidern kündigte an, dass sie bald erwachen würde. Sie hing so gerade in den Gurten, als sei sie mit hunderten von Nägeln mit der Wand verbunden, anstatt mit nur elf einfachen Ledergurten. Ja, auch er war ein guter Regisseur.

Es kribbelte überall in seinen Armen und Beinen, und er zwang sich zu extrem langsamen Kau- und Schluckbewegungen. Die Ruhe vor dem Sturm. Eine tiefe Freude erfasste ihn, wie immer, wenn es ihm gelang, die innere Unruhe unter der äußeren Hülle einzuschließen. Wie ein Kater, der eine Ratte entdeckte. Und nur das kaum wahrnehmbare Vibrieren einiger Haarspitzen verriet die Kraft, die in dem bewegungslosen Tier steckte. Völlige Selbstbeherrschung und Konzentration auf das Wesentliche. So saß er da, nahm gelegentlich einen Schluck Wein, aß ein Stück Brot und wartete.