Samstagmorgen

Hanna lag lange, lange im Bett und wartete auf die vertrauten Geräusche. Obwohl die Rollos heruntergelassen waren, wurde es langsam hell im Zimmer. Sie fühlte sich überhaupt nicht müde, hatte aber trotzdem versucht, wieder einzuschlafen. Mama hatte gesagt, dass sie liegen bleiben und versuchen sollte, wieder einzuschlafen, wenn sie aufwachen würde und sonst noch niemand aufgestanden war. Jetzt hatte sie es so lange wie möglich versucht, aber länger schaffte sie es nicht. Sie beschloss, trotzdem aufzustehen und ein bisschen zu spielen, ohne die Tür aufzumachen. Sie krabbelte aus dem Bett und holte ein Puzzle aus dem Regal. Sie hatte sich die grüne Kiste mit dem Teddybärpuzzle ausgesucht und schüttete die Teile auf ihren kleinen Tisch. Der Tisch war rot mit grünen Stühlen. Papa und Hanna hatten die Möbel gemeinsam angestrichen, die blauen Blüten auf den Sitzflächen hatte Mama mit einem viel kleineren Pinsel gemalt.

Nachdem sie das Teddybärenpuzzle zusammengesetzt hatte, kochte sie ein bisschen Spielessen in ihrer Spielzeugküche. Im Ofen fand sie den batteriebetriebenen Mixer und schlug ein bisschen Sahne für Magdalena, die braunäugige Puppe mit den langen, dunklen, glatten Haaren und dem rosa Kleid. Der Mixer brummte gewaltig, und plötzlich fiel ihr ein, dass sie die anderen mit dem Lärm wecken könnte. Sofort schaltete sie ihn aus und lauschte aufmerksam an der Tür. Aber in der Wohnung war es immer noch genauso still wie vorher.

Die Windel war schwer nach der langen Nacht und hing unbequem unter ihrem rot-weiß gestreiften Nachthemd. In ihrem Bauch begann es zu knurren, obwohl sie das Frühstück eigentlich gar nicht so sehr mochte. Wie konnte sie Mama wecken, ohne dafür ausgeschimpft zu werden? Sie könnte vielleicht schreien, als ob sie einen schrecklichen Alptraum gehabt hätte …

»Mama! Mama!«, rief sie. »Mama, komm! Hilfe!«

Nichts geschah. Hanna öffnete die Tür ein klein wenig und rief noch einmal, aber es war immer noch ganz still. Plötzlich fiel ihr auf, dass nicht einmal ihr kleiner Bruder zu hören war, der schon seit vielen Tagen die ganze Zeit nur geschrien hatte. Lukas hatte Halsschmerzen und Fieber und musste Medizin nehmen, aber gesund wurde er trotzdem nicht, sagte Mama. Vielleicht war die Krankheit vorbei und deshalb schrie er nicht mehr? Dann hätte Mama endlich wieder mehr Zeit, um mit ihr zu spielen, und müsste sich nicht immer nur um Lukas kümmern.

Hanna steckte den Kopf zur Tür hinaus und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie hatte langes Haar, das Mama morgens zu einem Pferdeschwanz oder kleinen Rattenschwänzchen zusammenband, damit es ihr beim Spielen nicht in die Augen fiel. Sie war drei Jahre alt und ging einige Tage in der Woche in den Kindergarten, aber nicht heute, denn heute war Samstag. Das wusste Hanna, denn so etwas merkt man sich, wenn man so groß ist wie sie; besonders die Samstage konnte man sich leicht merken, denn dann durfte man sich Süßigkeiten kaufen und Brause trinken.

Soll Mama ruhig böse werden. Jetzt konnte Hanna nicht länger warten, sie tapste ins Wohnzimmer hinaus. Die Tür zum Schlafzimmer stand weit offen, und drinnen war es taghell. Das war seltsam. Hatten ihre Eltern das Rollo nicht heruntergezogen? Sie schlich sich zur Türöffnung und schaute vorsichtig in das Zimmer hinein. Das große Doppelbett stand dort, wo es immer stand, aber es war leer. Es gab keine Decken und keine Kissen. Dort lagen weder ihre Mama noch ihr kleiner Bruder.

Hanna stand eine Weile still in der Tür, ohne so recht zu verstehen, was sie dort sah, doch dann kroch sie in das leere Bett und begann zu weinen.

*

Mit einem Ruck richtete er sich auf und begann zu schreien. Dieses Mal schrie er. Das hatte er früher nicht getan. Åsa, die als abgehärtete Mutter direkt aus dem tiefsten Schlaf hellwach werden konnte, setzte sich ebenso hastig auf und betrachtete erschrocken ihren Mann. Dann streichelte sie ihn mit weiten, weichen Bewegungen über den Rücken, und er schlug die Hände vors Gesicht und schaukelte langsam vor und zurück.

»Was träumst du denn nur?«, fragte Åsa vorsichtig. »Das habe ich ja noch nie erlebt.«

Sjöberg antwortete nicht, sondern schüttelte nur betrübt den Kopf und seufzte. Nachdem sie eine Weile so gesessen hatten, flüsterte er:

»Da ist eine Frau im Fenster.«

Er hoffte, dass sie ihn nicht gehört hatte.

»Sie schaut auf mich herab, und ich stehe barfuß im Gras.«

Er verstummte.

»Sonst nichts?«

»Sonst nichts.«

»Wer ist sie?«, fragte Åsa.

»Ich weiß nicht«, log Sjöberg leise.

»Du hast nur ein paar Stunden geschlafen«, sagte Åsa. »Du musst noch nicht aufstehen. Leg dich wieder hin, und ich streichele dir den Rücken.«

Er legte sich gehorsam mit dem Rücken zu ihr wieder auf die Seite. Sie ließ ihre Hand ein paarmal durch sein blondes Haar gleiten, bevor sie sie sanft über die Schultern, die Arme und den Rücken bis ins Kreuz hinunterwandern ließ. Er war durchgeschwitzt und trotz Åsas Streicheleinheiten immer noch total verspannt.

Der Traum war derselbe wie schon so viele Male vorher. Er stand barfuß auf einer taunassen Grasfläche und schaute auf seine Füße hinunter. Er wollte eigentlich aufschauen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Sein Kopf fühlte sich schrecklich schwer an, sodass er ihn kaum anzuheben vermochte. Er nahm all seine Kräfte zusammen, und schließlich gelang es ihm, sein Gesicht nach oben zu wenden, doch seine Augen wagte er immer noch nicht zu öffnen. Der Hinterkopf sank auf die Schultern, und er konnte sich nicht bewegen.

Schließlich schlug er doch die Augen auf. Und dort stand sie wieder im Fenster, die Frau mit den leuchtenden, dunkelroten Haaren, die sich wie eine Sonne um ihren Kopf legten. Sie tanzte für ihn oben in dem Fenster und begegnete schließlich seinem Blick. Aber sie sah verwundert aus. Wie seltsam. Er streckte ihr die Arme entgegen, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte nach hinten.

Aber dieses Mal war es ganz deutlich. Es war Margit Olofsson, die im Fenster stand und ihn zum Narren hielt. So war es nicht immer gewesen, aber seit diese Frau Margit Olofssons Züge angenommen hatte, war der Traum um einiges grässlicher geworden. Er wusste nicht, warum. Es war schon unangenehm genug, als die Frau im Fenster noch keinen Namen gehabt hatte. Er wollte sich den Traum aus dem Kopf schlagen, aber es gelang ihm nicht. Er umhüllte all seine Gedanken wie eine Nebelbank.

Vorsichtig – um zu verbergen, wie gespannt und aufgewühlt er war – drehte er sich zu Åsa um. Er nahm sie in die Arme und bohrte sein Gesicht zwischen ihre Wange und ihre Schulter. Ihr Haar duftete nach Sellerie. Wenn Åsa Sellerie gegessen hatte, duftete sie noch Stunden später danach. Sie duftete nach Åsa, und das war der wunderbarste Duft, den er sich vorstellen konnte. Wie er diese Frau liebte. Doch als sie schließlich im Dunkeln miteinander schliefen, sah er immer noch Margit Olofsson vor sich.

*

Elise lag immer noch still und regungslos in ihrem Bett. Vielleicht schlief sie, jedenfalls reagierte sie nicht, wenn man sie ansprach, und ihre Augen waren geschlossen. Jennifer hatte das Gefühl, dass ihre kleine Schwester sich während der Nacht ein paarmal erbrochen hatte, denn sie war ständig ins Badezimmer gelaufen. Eigentlich war sie ziemlich früh nach Hause gekommen, aber sie hatte nicht viel erzählt und sah ziemlich mitgenommen aus. Sternhagelvoll wahrscheinlich. In ihrem Alter vertrug man wahrscheinlich noch nicht so viel, sie war ja gerade erst vierzehn geworden. Jennifer schloss die Tür zu ihrem Zimmer und ging in den Flur hinaus.

Die Tür zum Wohnzimmer war immer noch geschlossen, und Jennifer hatte keine Ahnung, wer oder was sich dahinter verbarg. Vielleicht waren es Solan und ihr Macker. Klar war jedenfalls, dass dort jemand schlief, denn sie hörte schwere Atemzüge und hin und wieder ein Schnarchen. Wahrscheinlich sah es auch dort zum Weglaufen aus. In die Küche würde sie bestimmt keinen Fuß setzen. Es stank nach abgestandenem Bier und kaltem Aschenbecher, und überall lag Müll herum. Mitten auf dem Küchenboden lag Gordon, angezogen und ohne Decke, aber unter den Kopf hatte er als Kissen den zusammengeknüllten Flickenteppich geschoben. Er lag regungslos mit offenem Mund da, und sie konnte ihm nicht ansehen, ob er noch atmete. Er könnte genauso gut tot sein, dachte sie, doch im selben Augenblick gab er ein dumpfes Wimmern von sich. Verächtlich betrachtete sie diese hingeworfenen Überreste eines Menschen und dachte, dass sich heute ruhig mal Elise um die Drecksarbeit kümmern konnte. Sie selbst jedenfalls würde sich amüsieren.

Jennifer nahm ihre Lederjacke vom Haken und zog sie an. Mit einer geübten Handbewegung warf sie das blonde Haar zurück, das unter dem Kragen gelandet war, und ließ es über die Schultern fallen. Dann verließ sie den Schauplatz der Katastrophe mit einer prall gefüllten Tasche über der Schulter. Sie hatte nicht vor, in den nächsten sechsunddreißig Stunden hierher zurückzukehren.

Vor dem Intersport-Laden an der Ecke Dalslandsgata/Götgata standen Fanny und Malin und warteten auf sie. Und Jocke. Ein bisschen weiter unten wartete tatsächlich Jocke. Sie hatte keine Ahnung, warum. Sie hatte eigentlich vorgeschlagen, dass sie sich am Hauptbahnhof treffen sollten, aber jetzt stand er plötzlich hier. Irgendwie fühlte sie sich nicht wohl dabei, wich seinem Blick aus und begrüßte stattdessen ihre Freundinnen.

*

Zuerst tat sie so, als würde sie ihn nicht sehen. Jocke wusste nicht, wie er das deuten sollte, was er tun sollte, aber nachdem er eine Weile hin und her überlegt hatte, fasste er sich ein Herz und ging auf die Mädchen zu, wobei er versuchte, ganz unbekümmert zu wirken. Jennifer reagierte zunächst überhaupt nicht, warf ihm aber schließlich einen kühlen Blick zu. Erst jetzt bemerkte sie, dass sein Gesicht grün und blau geschlagen war.

»Was zum Teufel ist denn mit dir passiert?«, rief sie. »Du siehst ja voll daneben aus!«

Jocke war sich nicht sicher, ob er lieber die Wahrheit sagen oder irgendeine Geschichte erfinden sollte, also entschied er sich für die einfachste Lösung und sagte die Wahrheit:

»Ach, meinem Alten sind die Sicherungen durchgebrannt«, antwortete er so unbekümmert wie möglich. »Er ist nun mal, wie er ist.«

Malin und Fanny starrten ihn mit einer gewissen Bewunderung an und richteten schließlich ihre fragenden Blicke auf Jennifer, der es sichtlich peinlich war.

»Hm«, sagte sie nur. »Ja, also das ist Jocke. Ein Kumpel. Er kommt heute Abend mit. Oder …?«

Sie warf Jocke einen Blick zu, der deutlich signalisierte, dass es ihr total egal war.

»Ja, natürlich«, sagte Jocke. »So war es abgemacht.«

Er fühlte sich nicht wohl in seiner Situation. Jetzt, wo ihre Freundinnen dabei waren, war Jennifer ganz anders als sonst. Sie schien sich fast für ihn zu schämen, obwohl sie doch sonst so sanft und offen war. Gestern allerdings, als er sie mehr als je zuvor gebraucht hatte, hatte sie nicht geantwortet, als er sie auf dem Handy angerufen hatte. Statt den Abend gemeinsam mit Jennifer zu verbringen, hatte er sich durch die nächtlichen Straßen der Stadt treiben lassen, war mit dem Nachtbus gefahren, hatte ein paar einsame Bier getrunken und etliche Stunden in verschiedenen McDonald’s totgeschlagen. Jetzt wollte er sie einfach nur in den Arm nehmen, wagte es aber nicht, so wie sie gerade drauf war. Stattdessen legte er eine Hand auf ihre Schulter und kniff sie mit den Fingern leicht in den Oberarm. Jennifer schien überhaupt nicht darauf zu reagieren. Sie machte sich mit schnellen Schritten auf den Weg zur Treppe, die in die U-Bahn-Station am Ringvägen hinunterführte.

»Kommt jetzt, wir fahren los und holen uns die Tickets«, sagte sie nur.

In der U-Bahn blieben sie stehen, obwohl es genügend freie Sitzplätze gab. Die Mädchen quatschten über dies und jenes, ohne Jocke in das Gespräch mit einzubeziehen, sodass er sich nach einer Weile auf einen Platz in ihrer Nähe setzte. Er beobachtete Jennifers Gesicht, ihr Mienenspiel und ihre Bewegungen, ohne darauf zu achten, worüber sie sich gerade unterhielten.

Auf ihre selbstverständliche Art war sie genau das, was er nicht war. Sie war lässig und natürlich, und ohne großes Aufhebens um sich zu machen, war sie immer sofort im Mittelpunkt. Ganz zu schweigen davon, wie hübsch sie war. Er wollte sie in seinen Armen halten, er wollte, dass sie ihm wieder dieses Lächeln schenkte. Er wollte mit ihr tanzen, ihren Nacken küssen und ihr glänzendes Haar streicheln.

Was war passiert? Hatte sie genug von ihm, oder war es niemals etwas Richtiges gewesen? Nur ein Spiel, eine Laune von ihr, und jetzt war alles vorbei, ohne dass er die Spielregeln jemals begriffen hatte? Oder war sie nur schüchtern, weil ihre Freundinnen dabei waren? Vorher hatten sie sich immer nur zu zweit getroffen.

Plötzlich war er sich nicht mehr sicher, ob er wirklich mitfahren wollte auf dieser Finnlandtour. Es würde vielleicht ganz anders laufen, als er es sich ausgemalt hatte. Außerdem hatte sein Vater es ihm nicht erlaubt. Doch dann erinnerte er sich, wie sein Vater ihn am Abend zuvor behandelt hatte, und seine Zweifel verflogen. Selbstverständlich würde er mitfahren. Ein bisschen Alkohol im Blut, und die Stimmung wäre wieder auf dem Höhepunkt. Jennifer würde auftauen und giggelig und verschmust werden, und er würde sich um sie kümmern und sie zu allem einladen, was sie haben wollte. Klar würde er mitfahren.

Er lächelte, und sie schien seinen Blick in ihrem Rücken gespürt zu haben, denn plötzlich drehte sie sich um. Die Andeutung eines Lächelns spiegelte sich in ihrem Gesicht, doch dann tuschelte und flüsterte sie wieder mit ihren Freundinnen. Vielleicht sprachen sie über ihn, denn auch sie drehten sich immer wieder nach ihm um. Aber im Unterschied zu Jennifer lächelten sie freundlich.

Als sie am Hauptbahnhof wieder ins Tageslicht hinaustraten, ging Jocke ein paar Schritte hinter den Mädchen her. Einige Male blickte Jennifer zurück, um sicherzugehen, dass er noch bei ihnen war. Am Eingang zum Viking-Line-Shop im Cityterminal blieb sie überraschenderweise stehen und wartete auf ihn. Als sie schließlich an der Reihe waren, hakte sie sich bei ihm unter, bevor sie an den Schalter gingen. Er spürte, wie er bis unter die Haarspitzen rot wurde, hoffte aber, dass sein Bart und die blauen Flecken es verbergen würden.

Die Frau hinter dem Tresen zuckte zusammen, als sie Jocke erblickte, und ihm wurde bewusst, dass er mit seinem Aussehen die Leute erschreckte. Vielleicht hatte Jennifer ja deswegen ein bisschen Abstand zu ihm gehalten. Aber jetzt stand sie dicht an seiner Seite und hatte seinen Arm unter den ihren geklemmt.

»Wir haben Tickets nach Åbo für heute Abend reserviert«, sagte Jennifer.

»Wie war der Name?«

»Jennifer Johansson.«

»Und wie alt seid ihr?«, fragte die Frau und musterte sie misstrauisch über ihre Lesebrille hinweg.

»Wir sind zwanzig«, sagte Jennifer und deutete mit einem Nicken auf ihre Freundinnen.

»Und du?«, fragte sie Jocke und betrachtete ihn mit unverhohlenem Widerwillen.

»Vierundzwanzig«, antwortete Jocke.

»Aha. Kannst du das nachweisen?«, sagte die Frau mit eiskalter Stimme.

Jocke zog seine Geldbörse aus der Gesäßtasche seiner Jeans und fischte seinen Ausweis heraus. Ihre Blicke wanderten von Jockes Gesicht zum Personalausweis und wieder zurück. Mutmaßlich sah sie schon vor sich, wie er in der Bar auf der Amorella Amok laufen würde. Dann nickte sie, und ihre Augen wanderten von Jocke über Jennifers untergehakten Arm bis zu Malin und schließlich zu Fanny.

»Und du?«

Fanny hielt ihr ihren gefälschten Führerschein unter die Nase, und ohne weitere Fragen bekamen sie ihre Tickets ausgehändigt.