Montagvormittag
Petra Westman hatte zwanzig Polizisten beim Klinkenputzen im Einsatz, unter ihnen auch Sandén. Bislang waren sie auf keine Zeugen gestoßen, und niemand hatte ihnen brauchbare Informationen zu der toten Frau und dem Kind geben können. Die Rechtsmedizin hatte am frühen Vormittag bestätigt, dass es sich bei der Frau tatsächlich um die Mutter des Kindes handelte – eine Information, die Petra einerseits aus ermittlungstechnischen Gründen mit einer gewissen Erleichterung zur Kenntnis nahm, die sie aber andererseits so erschreckend fand, dass sie am liebsten nicht darüber nachdenken wollte.
Petra selbst befand sich in einer Kinderklinik an der Barnängsgatan und hoffte, dass sie dort eine Kinderkrankenschwester finden würde, die das Kind oder die tote Mutter identifizieren konnte. Es war die erste Kinderklinik, die sie besuchte. Alle Kinder gingen zu regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen zu einer Kinderkrankenschwester, und je jünger das Kind war, desto häufiger wurde es gewogen und gemessen. Die Frau sah schwedisch aus und das Kind ebenso. Irgendwo im Land sollte es also mit größter Wahrscheinlichkeit eine Kinderkrankenschwester geben, die beide Personen wiedererkennen würde, hoffentlich in Stockholm und am besten noch in Södermalm.
Das Wartezimmer war bereits voll besetzt. Zumeist waren es Mütter mit ganz kleinen Kindern, aber einige waren bereits so groß, dass sie krabbeln oder laufen konnten. Ein Vater saß an einem kleinen Tisch und ließ sich von seiner Tochter Spielessen auf Plastikgeschirr servieren.
»Mama«, rief ein etwa vierjähriger Junge, der auf einem roten Plastikauto saß, »kannst du mich anschieben?«
Die Mama war eine Frau um die dreißig, die ein Elternmagazin zu lesen versuchte, während sie gleichzeitig einen Säugling stillte.
»Im Augenblick geht das nicht, Hugo«, antwortete sie gedämpft, um das Kind, das sie im Arm hielt, nicht zu stören. »Dein kleiner Bruder muss gefüttert werden.«
In diesem Augenblick wurde Petra zum ersten Mal von dem Gedanken erfasst, dass die Frau mehrere Kinder gehabt haben könnte, dass es Geschwister geben könnte, die ihre Mutter ebenfalls verloren hatten. Aber die sind dann natürlich in guten Händen, sagte sie sich. Vielleicht sind sie verreist, zu ihrer Großmutter oder mit ihrem Vater. Vielleicht waren die Eltern geschieden. Sie mussten herausfinden, wer diese Frau war. Sie konnten nicht einfach ein Bild von ihr veröffentlichen, wenn das einzige Bild, das sie hatten, einen ganz offensichtlich toten Menschen darstellte, der darüber hinaus schwere Schädelverletzungen aufwies.
Eine Schwester kam ins Wartezimmer und schaute sich um, als ob sie nach jemand Bestimmtem suchte. Ein Zeichen dafür, dachte Petra, dass sie ihre Patienten wiedererkennt. Sie ging zu der Schwester und sprach sie mit gesenkter Stimme an, wobei sie ihren Rücken den übrigen Wartenden zuwandte, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen.
»Ich müsste mit Ihnen sprechen. Ich bin von der Polizei und heiße Petra Westman.«
Die etwa fünfzigjährige Frau schaute sie verwundert an.
»Ja, natürlich, ich wollte nur gerade jemanden hereinrufen, aber das kann solange warten. Wir gehen in mein Büro.«
Sie ließ ihren Blick über die Wartenden schweifen und entdeckte denjenigen, den sie gesucht hatte.
»Da ist Otto ja!«, sagte sie zu der stillenden Mutter. »Ihr seid gleich dran, ich muss erst noch kurz das hier erledigen.«
Sie führte Petra in ein Zimmer, schloss die Tür hinter ihnen und streckte ihr die Hand entgegen.
»Also, ich heiße Margareta Flink. Worum geht es?«
Petra versuchte auf sachliche und knappe Art ihr Anliegen zu erklären. Die Schwester schaute sie verwundert an.
»Ich werde dir ein paar Bilder zeigen. Eines davon ist ziemlich brutal. Es tut mir leid, aber ich muss diese Fragen stellen.«
Petra zeigte die Fotografien.
»Ich möchte gerne wissen, ob du jemanden darauf wiedererkennst. Die Frau ist etwa fünfunddreißig Jahre alt.«
Die Schwester zuckte beim Anblick der toten Frau instinktiv zurück, studierte die Bilder aber sorgfältig, bevor sie antwortete.
»Leider sind sie mir überhaupt nicht bekannt. Es ist keine von meinen Müttern, da bin ich mir sicher.«
»Ich muss sämtlichen deiner Kolleginnen dieselbe Frage stellen«, fuhr Petra fort. »Im Augenblick sehe ich darin unsere beste Chance. Außerdem hätte ich gerne, dass du mir eine Liste über alle Kinderkliniken in dieser Gegend zusammenstellst.«
»Das sind nur ein paar, aber ich werde sie dir aufschreiben«, antwortete die Schwester hilfsbereit.
»Gehört man zu einer bestimmten Kinderklinik«, wollte Petra wissen, »oder kann man sich irgendeine aussuchen?«
»Man ist automatisch der Kinderklinik des Gebietes zugeteilt, in dem man gemeldet ist. Aber man kann natürlich hier wohnen und ganz woanders gemeldet sein … In Stockholm gibt es auch noch einige private Alternativen. Die zu besuchen steht natürlich allen frei.«
»Könntest du sie auch mit auf die Liste schreiben?«, bat Petra.
Bald hielt sie eine nicht allzu lange Liste in der Hand, aber als sie erfuhr, wie viele Schwestern allein in dieser Klinik arbeiteten und für wie viele Kinder eine einzige Schwester zuständig war, wusste sie, dass sie noch einen harten Job vor sich hatte. Stockholm war groß, und Schweden war noch größer. Und vielleicht kamen Mutter und Kind gar nicht aus Stockholm und vielleicht noch nicht einmal aus Schweden.
Es war zweifellos äußerst seltsam, dass sie selbst nach sechzig Stunden noch von niemandem vermisst wurden. War es eigentlich tatsächlich so seltsam? Wenn die Frau alleinerziehend war, konnte es sein, dass sie mit niemandem in täglichem Kontakt stand. Sie war an einem Freitagabend gestorben, und erst jetzt hatte der Alltag wieder begonnen. Sie war mit Sicherheit in Elternzeit, falls sie überhaupt einer festen Arbeit nachging. Wie oft rief Petra ihre Eltern oder Bekannten an? Viel zu selten. Wenn sie ihre Arbeit nicht hätte, würden sicherlich Wochen vergehen, bevor sie jemand ernsthaft vermisste.
Wie dem auch sei, vermutlich hatte die Frau mit ihrem Sohn in der Nähe des Vitabergsparks gewohnt. Rein theoretisch hätte sie dort auch zu Besuch gewesen sein können, aber dann wäre sie relativ schnell vermisst worden. Also fangen wir mit den Kinderkliniken in der nächsten Umgebung an, dachte Petra, und arbeiten uns dann nach außen vor.
Keine der anderen Schwestern in der Kinderklinik an der Barnängsgatan erkannte die Frau auf dem Foto wieder. Eine der Schwestern war krank, sodass Petra sie in ihrer nicht allzu weit entfernten Wohnung aufsuchen musste. Die kranke Kinderkrankenschwester ließ sie zur Tür herein, räusperte sich und schniefte und hatte auch keine neuen Informationen zu bieten.
Auf dem Weg zur Kinderklinik an der Wollmar Yxkullsgatan ging sie in einen 7-Eleven-Laden und kaufte sich eine Banane und eine Flasche Mineralwasser. Vor ihr an der Kasse stand eine junge Mutter mit einem kleinen Kind in einem Tragetuch vor ihrem Bauch. Gleichzeitig schob die Mutter einen Kinderwagen vor sich her. Petra fragte sich, warum man einen Kinderwagen mitschleppt, wenn das Kind doch getragen wird, aber bevor sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte, zuckte sie zusammen.
Der Kinderwagen war mit einem marineblauen Stoff ausgekleidet, der mit kleinen weißen Punkten gemustert war, und sah genauso aus wie der Kinderwagen im Vitabergspark. Petra gehörte nicht zu den Frauen, die Kinderwagen und ihren Inhalt mit sehnsuchtsvollen Augen betrachteten. Genaugenommen hatte sie noch nie zuvor in ihrem Leben darauf geachtet, wie ein Kinderwagen eigentlich aussah. Es ist wohl so ähnlich wie mit Autos, dachte sie. Es fallen einem natürlich vor allem die auf, die genauso aussehen wie das eigene. Wenn es einen richtig interessiert, fallen einem auch andere Modelle auf und man beginnt, sich auch an die Besitzer zu erinnern.
»Entschuldige, darf ich dich mal was fragen?«
Petra legte der Frau vorsichtig die Hand auf die Schulter.
»Kennst du möglicherweise jemanden, der einen solchen Kinderwagen hat wie du, oder würdest du so jemanden vielleicht wiedererkennen?«
Die Frau drehte sich um, und sowohl sie als auch das Kind betrachteten Petra mit großen Augen, bevor die Frau mit einer gewissen Verwunderung antwortete:
»Nein, von meinen Bekannten hat niemand so einen Wagen. Aber ab und zu begegnet man schon Leuten, die dasselbe Modell haben.«
»Wechselt man dann vielleicht ein paar Worte oder …?«, fragte Petra einfältig.
Die Frau musste kichern.
»Tja, das kann schon mal passieren. Oder man lächelt einander an oder tauscht eine Art verschwörerisches Nicken aus oder so.«
Inzwischen war sie an der Reihe und bezahlte für ihre Waren. Petra verließ die Schlange, machte Platz für die nachfolgende Kundin und fragte hartnäckig weiter:
»Du findest mich inzwischen bestimmt ziemlich lästig, aber ich würde wirklich gerne mit dir reden. Ich bin Polizistin und brauche Hilfe in einem Fall. Hast du Zeit? Ich brauche nur ein paar Minuten.«
»Klar.«
Sie ließen den Kinderwagen neben der Schlange stehen und entfernten sich ein Stück von der Kasse.
»Du hast vielleicht mitbekommen, dass wir eine tote Frau im Vitabergspark gefunden haben? Wir haben sie bis jetzt nicht identifizieren können. Aber sie hatte den gleichen Kinderwagen wie du, und da dachte ich, dass sie dir vielleicht aufgefallen sein könnte. Das Foto, das ich dabeihabe, ist ziemlich abscheulich – kommst du damit zurecht, was meinst du?«
Petra fragte sich, warum sie so rücksichtsvoll mit dieser Frau umging. Solche Überlegungen hatte sie kaum angestellt, als sie mit den Krankenschwestern in der Kinderklinik gesprochen hatte. Wahrscheinlich war es das Kind auf dem Bauch, das einen so weich kochte, überlegte sie.
»Ja, doch«, antwortete die junge Mutter mit wachsendem Interesse.
Petra hielt ihr die Fotos hin, und die Frau studierte sie mit einem Ausdruck, der zugleich angewidert und mitleidig wirkte. Sie schüttelte langsam den Kopf und gab sie zurück.
»Tut mir leid«, sagte sie. »Aber ich kenne sie wirklich nicht.«
»Trotzdem vielen Dank für die Hilfe. Du hast mich immerhin auf eine Idee gebracht. Also, die mit den Kinderwagen, meine ich«, sagte Petra. »Vielleicht erkennt ja jemand wenigstens den Wagen wieder. Wo hast du ihn eigentlich gekauft?«
»Oh, das weiß ich gar nicht mehr. Man musste ja so viele Sachen kaufen, du weißt schon. Für das erste Kind. Vorher hat seine große Schwester ihn benutzt, und wir waren damals ständig unterwegs und haben eingekauft. Kinderwagen, Wickeltisch, Bett, Babyphon …«
»Und wann ist die große Schwester geboren worden?«
»Dezember 2003.«
»Vielen Dank noch mal«, sagte Petra, legte ihre Waren schnell in einem Korb mit Äpfeln ab und trat auf die Straße. Das Handy hatte sie bereits am Ohr, als die Tür hinter ihr zufiel.
»Einar, hier ist Petra.«
»Ja, ich sitze hier mit einer langen Liste von Jungen, die im März, April und Mai 2007 geboren wurden.«
»Das ist gut. Diese Sucharbeit ist wirklich zeitraubend …«
»Ja, bei mir auch.«
»Ich finde es ziemlich peinlich, dass es uns bis jetzt nicht gelungen ist, das Opfer zu identifizieren. In dieser Situation dürfen wir ein bisschen was riskieren. Wir werden in eine bestimmte Richtung suchen. Ich möchte, dass du diese Familien alle anrufst, und zwar ausgehend von denen, die direkt am Vitabergspark wohnen, und dann in immer weiteren Kreisen.«
Sie hörte selbst, dass sie von oben herab klang. Eriksson war bedeutend erfahrener als sie, und trotzdem gab sie die Anweisungen. Vielleicht könnte sie sich ein bisschen anders ausdrücken, ein wenig bescheidener. Aber andererseits, warum musste sie sich überhaupt derartige Gedanken machen?
»Und sie fragen, ob sie einen gepunkteten Kinderwagen haben, oder was?«
»Ja, genau. Und wo die Mutter und der Sohn gerade stecken. Außerdem möchte ich, dass du dich ab jetzt auf Familien konzentrierst, in denen es ein älteres Geschwister gibt, Jahrgang ’03 oder ’04. Frag sie auch, ob sie andere Familien kennen, die in dieses Muster passen.«
»Na, das ist ja klasse, dass ich das jetzt schon erfahre, nachdem ich die Informationen zusammengetragen habe …«
»Wir können ja gerne tauschen, falls du lieber eine Runde durch die Kinderkliniken drehst?«
Sie biss sich auf die Lippen und holte tief Luft. Es wäre natürlich besser gewesen, Einar Eriksson bei Laune zu halten. Es hatte keinen Sinn, sich zu sehr über ihn zu ärgern. Wenn man wollte, dass die Arbeit getan wird – und er machte ja schließlich eine gute Arbeit –, dann sollte man ihn am besten hätscheln und tätscheln. Und er tat ihr fast ein bisschen leid. Bei der Einstellung, die er allem und jedem gegenüber hatte, führte er bestimmt kein lustiges Leben.
»Einar, tut mir leid, dass es dir zusätzliche Arbeit macht. Mir ist nur plötzlich aufgegangen, dass der Junge vermutlich ein älteres Geschwister hat, weil der Kinderwagen von 2003 ist.«
»Der kann genauso gut gebraucht gekauft oder geerbt oder ausgeliehen sein.«
»Schon wahr, aber ich möchte trotzdem, dass wir es so machen. Irgendwo müssen wir ja schließlich anfangen. Also fangen wir mit Jungen an, die im März, April oder Mai 2007 geboren wurden, in der Umgebung des Vitabergsparks gemeldet sind und ein älteres Geschwister des Jahrgangs ’03 oder ’04 haben.«
»Ja, ja«, sagte Einar Eriksson resigniert.
»Mach dir genaue Notizen zu jedem Telefongespräch. Wenn du jemanden nicht erreichst, dann rufst du so oft wieder an, bis du jemanden an den Apparat bekommst. Okay?«
»Klar«, antwortete Einar Eriksson, ohne aus seinem Widerwillen ein Geheimnis zu machen.
*
Barbro Dahlström wurde langsam richtig sauer. Sie wollte zwar nicht gleich davon ausgehen, dass die Polizei ihre Aufgaben vernachlässigte, nur weil sie so schnöde abgewimmelt worden war. Aber sie war fest davon überzeugt, dass dieser Holgersson auf der Hammarbywache sie nicht ernst genommen hatte. Am frühen Vormittag hatte sie erneut die Polizeizentrale angerufen und darum gebeten, mit der Bezirkskriminalpolizei verbunden zu werden. Dort konnte sie nicht einmal mit einem Polizisten sprechen, sondern nur mit der Frau an der Rezeption, die ihr mitteilte, dass der zuständige Beamte »zurzeit nicht im Haus« sei, und sie aufforderte, nach elf Uhr wieder anzurufen.
»Eine knifflige Angelegenheit«, meinte Nyman von der Bezirkskriminalpolizei, den Barbro kurz nach elf an seinem Platz erwischte.
»Das kann ich mir vorstellen«, sagte Barbro so freundlich wie möglich. »Auf der anderen Seite kann es für Sie doch nicht so schwierig sein herauszufinden, wer mich gestern Abend angerufen hat?«
»Um welche Uhrzeit war das noch, sagten Sie?«
»Ich erinnere mich nicht. Es könnte so um acht herum gewesen sein, aber das hat doch nichts zu bedeuten, da ich an dem ganzen Abend nur einen Anruf bekommen habe, und zwar den von diesem Mädchen.«
»Ich werde sehen, was ich tun kann«, sagte Nyman.
»Das ist mir zu wenig«, sagte Barbro mit mehr Schärfe in der Stimme. »Sie müssen mir versprechen, dass Sie sich sofort darum kümmern.«
»Das werde ich auch, aber es kann eine Weile dauern.«
»Wie lange?«
»In der Regel bis zu einer Woche.«
»Und in dringenden Fällen so wie diesem? Es handelt sich schließlich um ein Kind, das ganz offensichtlich in Gefahr ist.«
Barbro hoffte, dass es sich auszahlte, offensiv aufzutreten.
»Im besten Fall innerhalb von vierundzwanzig Stunden. Das hängt von der Arbeitsbelastung bei den Telekommunikationsanbietern ab.«
»Vielleicht kann ich auch selbst bei der Telia anrufen und ein bisschen Druck machen?«, schlug Barbro vor.
»Nein, nein, das geht nicht«, antwortete Nyman, und Barbro hätte schwören können, dass er log. »Die Polizei hat einen besonderen Zugang, und Privatpersonen dürfen derartige Informationen gar nicht anfordern.«
»Dann kann ich mich auf Sie verlassen?«, bohrte Barbro weiter nach.
»Ich denke, das können Sie tun, Frau Dahlström. Ich melde mich, sobald ich etwas erfahren habe.«
*
Sjöberg saß in der U-Bahn und fasste für sich selbst die Ereignisse des Morgens auf der Viking Amorella zusammen. Hamad, Eriksson, Hansson, Rosén und er selbst waren von dem verantwortlichen Kollegen der Polizei in Åbo, Nieminen, und ein paar weiteren finnischen Polizisten sowie dem Kapitän der Fähre in Empfang genommen worden. Nachdem sie sich zuerst den Tatort angesehen hatten, waren sie zum Frühstück eingeladen worden und hatten sich in einem der Konferenzräume des Schiffs zusammengesetzt. Nieminen hatte den aktuellen Stand der Ermittlungen referiert und die mageren Ergebnisse der bisherigen Befragungen zusammengefasst.
Man war zu der gemeinsamen Auffassung gekommen, dass nur einige Personen für die Ermittlungen interessant waren. Abgesehen von dem Freund des Mädchens, Joakim Andersson, und den anderen Jugendlichen der Reisegruppe, waren das der Mann, mit dem Jennifer Johansson an der Bar gesehen worden war, sowie die beiden Anzugträger, denen sie später Gesellschaft geleistet hatte. Keiner dieser Männer hatte sich während der ersten Befragungen zu erkennen gegeben, und das Mädchen war nicht mehr gesehen worden, nachdem sie mit ihnen beobachtet worden war. Deshalb wurde beschlossen, dass die Suche nach diesen drei Personen sowohl von schwedischer als auch von finnischer Seite höchste Priorität genießen sollte.
Der Barkeeper Juha Lehto hatte ein paar Tage freigenommen und befand sich inzwischen bei seiner schwedischen Freundin, die in einer Wohnung am Thorildsplan wohnte. Dort fand sich Sjöberg nach seinem morgendlichen Besuch auf der Finnlandfähre ein. Die Wohnungstür wurde unmittelbar geöffnet, nachdem er geklingelt hatte.
»Das ging aber schnell. Keine Probleme mit der Parkplatzsuche?«
Lehto sprach mit einem singenden finnischen Akzent, und obwohl er die Sprache sehr gut beherrschte, war es offensichtlich, dass Schwedisch nicht seine Muttersprache war. In Nieminens Fall war es dagegen schwer auszumachen gewesen, ob er tatsächlich Finnlandschwede war oder nur ausgezeichnet Schwedisch sprach.
»Ich bin mit der U-Bahn gekommen«, antwortete Sjöberg. »Wenn man erst einmal einen Parkplatz in Södermalm gefunden hat, gibt man ihn so schnell nicht wieder her.«
Er hängte seine Jacke auf einen Bügel und zog wohlerzogen seine Schuhe auf dem Flurteppich aus. Lehto führte ihn zu einem Sessel im spartanisch eingerichteten Wohnzimmer. Obwohl er am vorhergehenden Abend früh zu Bett gegangen war, hatte Sjöberg nur wenige Stunden geschlafen, verbot sich aber, sich der eigenen Müdigkeit hinzugeben, sondern setzte sich vornübergebeugt auf den Sessel und ließ die gefalteten Hände zwischen den Knien hinunterbaumeln.
»Kaffee?«, fragte Lehto und ließ sich in einen der anderen Sessel am Couchtisch sinken, nachdem Sjöberg das Angebot abgelehnt hatte.
»Du hast das alles schon erzählt«, sagte Sjöberg, »aber ich möchte, dass du es ein weiteres Mal tust. Erzähl mir in deinen eigenen Worten so viel wie möglich von dem, was du von diesem Abend in Erinnerung behalten hast. Ich werde unsere Unterhaltung aufnehmen. Ich hoffe, dass du nichts dagegen hast.«
Lehto schüttelte den Kopf. Sjöberg zog den MP3-Player aus der Hosentasche, den er von Åsa zum Geburtstag bekommen hatte. Er drückte die Aufnahmetaste. Er war mehr und mehr dazu übergegangen, ihn als Diktiergerät zu benutzen, und mit einem Nicken bedeutete er dem Barkeeper, dass er anfangen könne.
»Es war relativ früh am Abend«, begann Lehto und erzählte, wie Jennifer Johansson und der deutlich ältere Mann ungefähr zur gleichen Zeit an der Bar aufgetaucht waren.
Lehto dachte einen Augenblick nach, bevor er fortfuhr:
»Sie war hübsch, dieses Mädchen. Auffallend hübsch. Ich dachte noch, dass sie eigentlich nicht mit ihm dort sitzen sollte. Einerseits war er zu alt, andererseits irgendwie ungepflegt. Ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, aber ich kann mich nicht daran erinnern, was bei mir diesen Eindruck von Schäbigkeit erzeugt hat. Ich weiß noch, dass er ein weißes Hemd trug. Wahrscheinlich war es schmutzig oder zerknittert, sonst wäre ich nicht auf diesen Gedanken gekommen. Und dann bin ich mir ziemlich sicher, dass er unrasiert war. Also, auf eine unmodische Art sozusagen. Ich glaube nicht, dass er betrunken war. Dick war er auch nicht. An seinem Äußeren ist mir sonst nichts Besonderes aufgefallen. Ziemlich viel ›dies nicht‹ und ›das nicht‹, tut mir leid, aber mit mehr kann ich nicht dienen.«
Lehto hob die Arme in einer entschuldigenden Geste und versuchte dann zu erklären, was ihm an der Situation bedrohlich erschienen war und wie das Mädchen dann von einem anderen Mann angesprochen wurde.
»Du glaubst also, dass sie sich von früher kannten, Jennifer und dieser andere Mann?«, fragte Sjöberg.
»Jedenfalls hatte ich den Eindruck, aber sie könnten auch einfach Theater gespielt haben. Jedenfalls begleitete sie ihn und setzte sich zu den beiden Männern an den Tisch.«
»Und dieser Mann an der Bar, was hat der dann gemacht?«, wollte Sjöberg wissen.
»Der ist einfach gegangen. Ohne sein Bier auszutrinken.«
»Hat er bezahlt?«
»Ich kann mich nicht erinnern, ob er das Geld auf der Theke hinterlassen hat oder ob er schon vorher bezahlt hatte. Jedenfalls ist er gegangen.«
»Wie alt war er?«
»So irgendwas um die fünfzig, sechzig.«
»Wie alt bist du selbst?«
»Einunddreißig.«
»Könnte er auch vierzig oder siebzig gewesen sein?«
»Nein.«
»Erinnerst du dich, ob er einen bestimmten Dialekt sprach?«
»Mit schwedischen Dialekten kenne ich mich nicht so aus, muss ich zugeben. Aber ich glaube nicht, dass er ganz aus dem Süden war.«
»Und diese Männer«, fuhr Sjöberg fort, »kannst du die beschreiben?«
»Sie waren ein bisschen älter als ich. Um die vierzig, würde ich sagen. Coole Jungs, Yuppietypen. Beide trugen Anzug, sahen aus wie Geschäftsleute. Beide gutaussehend, könnte man wohl sagen. Ich habe sie nur gesehen, als sie an der Bar Getränke gekauft haben.«
»Was haben sie getrunken?«
»Das Mädchen so einen Sonnenschirmchencocktail, was die Männer tranken, weiß ich nicht.«
»Erinnerst du dich, wie sie bezahlt haben?«
»Bar.«
»Aber du glaubst nicht, dass du einen von ihnen wiedererkennen könntest?«
»Keinen von diesen Finnlandschweden, das glaube ich nicht, aber vielleicht den an der Bar.«
»Und dieser Junge?«, sagte Sjöberg und hielt ein Foto von Joakim Andersson in die Luft. »Erkennst du den wieder?«
»Ich habe lange darüber nachgedacht, kann mich aber tatsächlich nicht erinnern, ihm irgendetwas serviert zu haben.«
»Es war noch ziemlich früh am Abend. Wenn du ihm etwas ausgeschenkt hättest, wäre er dir dann nicht im Gedächtnis geblieben?«
»Du meinst, wegen der Verletzungen im Gesicht?«
»Ja.«
»Du glaubst gar nicht, wie vielen Leuten man begegnet, die auch nicht besser aussehen.«
Nachdem Sjöberg Lehto verlassen und sich wieder auf den U-Bahnsteig hinabbegeben hatte, wo er auf die nächste Bahn wartete, rief ihn Lotten, ihre stets gut gelaunte Rezeptionistin, an.
»Wo seid ihr denn alle? Nur Einar ist hier.«
»Am Wochenende ist so einiges zusammengekommen, wie du vielleicht schon gehört hast. Wir sind alle unterwegs und bei der Arbeit. Vermisst du uns?«
»Ständig!«, zwitscherte Lotten.
»Und wie geht es Pluto?«
Lotten war eine unvergleichliche Hundefanatikerin. Ihr Hund – ein Afghane, der im Übrigen gar nicht Pluto hieß, sondern einen prätentiösen französischen Namen trug – und der Königspudel von Micke, dem Hausmeister, schickten einander Weihnachtskarten und sogar Glückwunschkarten zum jeweiligen Geburtstag. Sjöberg fragte sich oft, ob diese Geburtstage einmal im Jahr gefeiert wurden oder sieben Mal, hatte aber noch nicht gewagt, danach zu fragen. Vermutlich, weil er nicht in der Lage wäre, die Frage ohne einen sarkastischen Unterton vorzutragen, obwohl er ansonsten – das musste er sich eingestehen – diesen positiven, lebensfrohen Menschen, der jeder Situation eine beschwingte und angenehme Atmosphäre verlieh, rundherum mochte.
»Pluto«, antwortete Lotten mit gespieltem Schmollen, »ist leicht verkühlt, ansonsten geht es ihm blendend. Du, was ich eigentlich von dir wollte.«
Effektiv und sachlich wie immer, trotz der fröhlichen Verpackung.
»Eine Journalistin vom Aftonbladet hat angerufen, die über den Säugling aus dem Vitabergspark reden wollte. Ich wusste nicht, ob ich sie an dich oder Petra weiterleiten oder was ich sonst mit ihr anfangen sollte …«
»Warte«, unterbrach er sie. »Ich kann dich gerade nicht verstehen.«
Der Zug fuhr in die Station ein, und Lottens Stimme ertrank im U-Bahn-Lärm. Sjöberg stieg in einen Wagen und nahm das Gespräch wieder auf.
»Was hast du gesagt? Säugling?«
»Ja, sie hat den Säugling im Vitabergspark erwähnt. Ich glaube nicht, dass das schon offiziell ist …«
Die Türen schlossen sich, und der Zug verließ den Thorildsplan.
»Wie heißt sie? Wie lautet ihre Telefonnummer?«
Im Hörer begann es zu knistern.
»… SMS … melde mich wieder …«
»Ich habe keinen Empfang mehr!«, rief Sjöberg. »Setz Petra drauf an! Ich komme nach dem Mittagessen rein!«
*
Nachdem sie auch die Wollmar Yxkullsgatan und den Hornstull auf ihrer Liste der Kinderkliniken abgehakt hatte, fuhr Petra ohne Ergebnis zur Polizeiwache zurück, um mit Eriksson und Sandén den Stand der Dinge zu besprechen. Wenn sie Glück hatte, konnte sie sich sogar noch etwas Essbares einwerfen. Sie hatte gerade ihr Büro betreten, als Lotten anrief.
»Ich habe hier eine Journalistin vom Aftonbladet in der Leitung. Sie ist schon den ganzen Vormittag hinter euch her.«
»Hinter uns her?«, sagte Petra.
»Ja, sie hat ein paar Fragen zu dem Säuglingsfund im Vitabergspark.«
»Hat sie das Wort benutzt? Säuglingsfund?«
»Ja, das hat sie tatsächlich«, lachte Lotten.
»Dann muss sie wohl mit Conny sprechen. Ich habe keine Befugnis, mit der Presse zu reden.«
»Ich habe Conny schon angerufen«, erklärte Lotten. »Er hat gesagt, dass du das übernehmen sollst.«
»Das hat er gesagt? Als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe, meinte er, dass wir damit noch hinter dem Berg halten sollten.«
»Aber jetzt ist es wohl schon raus.«
Petra seufzte. Ja, ganz offensichtlich war es das. Immer gab es jemanden, der sich nicht zurückhalten konnte und unbedingt die Boulevardpresse anrufen musste. Nachdem sie kurz darüber nachgedacht hatte, kam sie zu der Überzeugung, dass es vermutlich die junge Mutter aus dem 7-Eleven-Laden gewesen war, die sich von ein paar zusätzlichen Tausendern in der Haushaltskasse hatte verlocken lassen, und dass sie vielleicht ein bisschen Medienrummel um den kleinen Jungen aus dem Vitabergspark gebrauchen konnten, um endlich weiterzukommen.
»Okay, stell sie durch«, sagte Petra, während sie gleichzeitig ihre Jacke auf den Schreibtisch warf.
Sie hatte noch nie direkt mit der Presse kommuniziert, normalerweise übernahm das Sjöberg. Aber wenn man für die Ermittlungen in einem Fall verantwortlich war, dann gehörte das mit dazu. Da hieß es Zähne zusammenbeißen, um nicht zu viel zu sagen und keinen Raum zu lassen für eigene Interpretationen.
»Soweit ich verstanden habe, leitest du die Ermittlungen«, sagte die Reporterin, nachdem sie sich vorgestellt hatte. »Wie schreibt sich dein Nachname?«
Petra buchstabierte und hoffte, dass sie dieses Gespräch nicht bereuen würde.
»Ich habe gehört, dass ihr am Sonntag nicht nur eine tote Frau im Vitabergspark gefunden habt«, fuhr die Journalistin fort, »sondern auch ein Baby. Kommentare?«
Petra erklärte die Zusammenhänge, beschrieb das Aussehen und Alter des Jungen sowie die Kleidung und den Kinderwagen.
»Und niemand hat das Kind als vermisst gemeldet?«, fragte die Reporterin.
»Das stimmt. Aber wir sind dankbar für Hinweise«, fügte sie hinzu, um der Journalistin zuvorzukommen und gleichzeitig entgegenkommend zu wirken. »Ernsthafte Hinweise.«
»Habt ihr Bilder, die wir veröffentlichen können?«
»In der jetzigen Lage haben wir uns entschieden, noch nicht mit Bildern an die Öffentlichkeit zu gehen«, antwortete Petra mit einer Stimme, die sie kaum wiedererkannte. »Wir hoffen natürlich, dass wir so schnell wie möglich Kontakt zu Angehörigen aufnehmen können.«
»Anscheinend gehört auch ein älteres Geschwister mit ins Bild?«
»Davon haben wir keine Kenntnis«, sagte Petra entschieden und stellte sich vor, wie die junge Mutter im 7-Eleven zum Telefon gegriffen hatte, sobald Petra den Laden verlassen hatte.
»Aber der Wagen ist ein 2003er-Modell. Es könnte also stimmen?«
»Natürlich gibt es diese Möglichkeit«, antwortete Petra diplomatisch, »aber es könnte genauso gut sein, dass der Wagen ausgeliehen oder gebraucht gekauft wurde.«
Anschließend widmeten sie sich ein paar Minuten lang der Frage, um welche Art von Verbrechen es sich handeln könnte. Der Begriff »Raubmord« wurde erwähnt, aber Petra versuchte es zu einem »mutmaßlichen Unfall mit Fahrerflucht« zu machen.
Als das Gespräch zu Ende war, war sie sich nicht sicher, ob sie sich gut geschlagen oder ein einziges Fiasko veranstaltet hatte. Wahrscheinlich hing es von der Tagesform des Schlagzeilenredakteurs ab, dachte sie mit einem Seufzen, während sie ihr Büro verließ, um ihre weniger von der Verantwortung belasteten Kollegen zusammenzusuchen.