Montagnachmittag

Ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit hatte sich in ihr Bewusstsein geschlichen. Sie traute diesem Nyman bei der Bezirkskripo nicht. Wenn dieses arme Mädchen nun wirklich von seinen Eltern verlassen worden war! Dann wäre eine Woche wirklich eine viel zu lange Zeit. Wenn sie doch nur selbst eine Anruferanzeige gehabt hätte, dann hätte sie selbst anhand der Nummer herausfinden können, wo Hanna wohnte. Darüber hinaus hätte sie sie anrufen und trösten können. Falls es denn tatsächlich nötig war. Vielleicht würde sich dann herausstellen, dass das Mädchen gar nicht allein war, und das Problem wäre aus der Welt. Aber Barbro ließ der Gedanke nicht los. Sie musste etwas unternehmen.

Das Mädchen hatte von Wochenendhäusern mitten in der Stadt gesprochen. Barbro zog die Schlussfolgerung, dass es sich um eine Kleingartenkolonie handeln musste. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dem Mädchen gelungen sein könnte, außer Barbros Nummer auch die Stockholmer Vorwahl eingetippt zu haben, schätzte sie als minimal ein. Daraus folgerte sie, dass sich das Mädchen in Stockholm befand, in einer Wohnung mit Aussicht auf eine Kleingartenanlage. Was sollte sie auch sonst machen? Irgendwo musste sie ja schließlich anfangen.

Sie setzte sich an den Computer in der Küche und schaltete den Strom ein. Barbro hatte ansonsten für technische Geräte nicht viel übrig. Solange das Telefon funktionierte, behielt sie es. Warum sollte sie es gegen ein anderes austauschen? Und eine Anruferanzeige – was sollte sie damit anfangen? Wenn das Telefon klingelte, ging sie ran, ganz egal, wer gerade anrief. Handy oder Anrufbeantworter waren ebenfalls nichts für sie. Wenn sie nicht zu Hause war, wenn jemand anrief, dann musste er es eben noch einmal versuchen. So hatte es im zwanzigsten Jahrhundert funktioniert, und so funktionierte es vernünftigerweise immer noch. Und als Rentnerin hatte sie schließlich auch keine unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten.

Aber mit dem Rechner war es anders. Ohne ihren geliebten Computer würde sie kaum noch zurechtkommen. Die unentbehrlichen Suchmaschinen halfen ihr beim Lösen ihrer Kreuzworträtsel, beim Buchen von Reisen oder Theaterkarten. Darüber hinaus blieb sie mit seiner Hilfe auf dem Laufenden, was das kulturelle Leben von Stockholm betraf. Es kostete zwar auch einiges, aber es war jede Öre wert.

Nach einer kurzen Suche im Online-Telefonverzeichnis Eniro stellte sie fest, dass es Tausende von Bergmans in Stockholm gab. Hätte dieser Kerl nicht Liljensparre oder so heißen können? Nein, sie musste das Problem anders angehen. Vier Minuten später hatte sie gefunden, wonach sie suchte: das Verzeichnis aller Kleingartenkolonien in Stockholm auf den Seiten des Dachverbands der Groß-Stockholmer Kleingartenvereine. Es gab viele, beinahe achtzig Stück, aber sie beschloss, einen kühlen Kopf zu bewahren und einen nach dem anderen von ihnen zu besuchen. Am besten wäre es, mit den nächstgelegenen zu beginnen und sich langsam nach außen vorzuarbeiten; einen nach dem anderen abzuhaken und die Augen nach einem gelben Schloss und bösen Onkels namens Bergman offenzuhalten.

Barbro Dahlström war zweiundsiebzig Jahre alt. Sie hatte als Gymnasiallehrerin für Englisch und Französisch gearbeitet und war seit dreizehn Jahren Witwe. Jeden Herbst pflegte sie mit einigen ebenfalls pensionierten Freundinnen in den französischen Alpen zu wandern, in Auberges zu wohnen und gut zu essen und zu trinken. Jetzt, gegen Ende September, war es an der Zeit, die dabei gewonnenen französischen Kilos wieder wegzuspazieren.

Sie schmierte sich ein paar Butterbrote und steckte sie zusammen mit einer Thermoskanne Kaffee und einer Flasche einfachen Leitungswassers in den kleinen Rucksack, den sie immer mitnahm, wenn sie aus dem Haus ging. Dieses Mal ließ sie die Walking-Stöcke allerdings zu Hause, bevor sie sich in den milden Altweibersommer hinausbegab.

Zuerst nahm sie Kurs auf die Gartenkolonie im Park Eriksdalslunden, wo sie schon viele Male spazieren gegangen war, und anschließend gedachte sie Södermalm im Uhrzeigersinn abzuarbeiten. Ihr war bewusst, dass dies alles kaum an einem Nachmittag zu schaffen sein würde, aber sie wollte nur von Tag zu Tag denken. Über Kopfhörer lauschte sie dem Wortsender P1. Manchmal, wenn sie der seriösen Stimme überdrüssig wurde, schaltete sie auf einen Musikkanal um. Das kleine, tragbare Radio hatte sie vor ein paar Jahren von ihrer Tochter zu Weihnachten bekommen, und mittlerweile hatte sie sich so sehr daran gewöhnt, dass sie sicherheitshalber immer Reservebatterien in ihrem Rucksack hatte.

Der weitläufige Tantolunden-Park lieferte kein Ergebnis. Es waren keine gelben Schlösser zu sehen, aber sie ging systematisch zu Werke und suchte trotzdem alle Klingelbretter der nahe liegenden Häuser nach dem Namen Bergman ab.

Nachdem sie erfolglos auch die Gartenkolonie in Årstalund inspiziert hatte, erlaubte sie sich eine kleine Ruhepause, zog die Kopfhörer heraus, setzte sich auf eine Parkbank und verzehrte ihre Butterbrote. Außer dem Gluckern der Wellen, die gegen den Strand der Årstabucht schlugen, war nichts zu hören. Ein paar Enten wühlten im Sand zwischen zwei großen Weiden, die so krumm gewachsen waren, dass sie aussahen, als würden sie kopfüber ins Wasser fallen und hätten ihre Äste ausgestreckt, um den Sturz zu bremsen. Sie versuchte sich ein Bild von der kleinen Hanna zu machen. Wie alt könnte sie sein? Ganz bestimmt viel zu klein, um alleine zurechtkommen zu können. Fünf Jahre vielleicht? Sechs?

Barbro wurde klar, dass man sie kaum absichtlich zu Hause zurückgelassen haben konnte. Man überlässt ein so kleines Kind nicht sich selbst, nicht einmal für einen kurzen Augenblick. Nicht im Stockholm der Gegenwart mit all den elektrischen Geräten, dem dichten Verkehr, den Gewalttätern und Pädophilen, den ätzenden Putzmitteln, den Fenstern hoch über der Straße. Sie wagte kaum an all die Gefahren zu denken, die auf einen neugierigen, kleinen, unbeaufsichtigten Menschen lauerten. Die Mutter war bestimmt nur für ein paar Minuten fort gewesen. War in den Waschkeller gegangen oder musste schnell noch zum Laden.

Aber was hatte es mit diesem Pyttipanna auf sich gehabt? Hanna hatte gesagt, dass sie sich selber Essen gemacht hatte. Sie hatte auch erzählt, dass sie sich wehgetan hatte und dass sie wollte, dass Papa aus Japan nach Hause kommen und pusten sollte. Das Mädchen hatte bestimmt eine lebhafte Fantasie, aber irgendetwas sagte ihr, dass das stimmte.

Barbro Dahlström beendete ihr Picknick, packte sorgfältig eines der Butterbrote wieder in die Aluminiumfolie ein und steckte es zurück in den kleinen Rucksack. Dann nahm sie ihre Suche wieder auf. Versprochen war versprochen.

*

Die Rezeption war plötzlich voller Leute, und Lotten hatte alle Hände voll zu tun, die Angaben der ganzen Jugendlichen aufzunehmen. Sie waren alle zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt. Sjöberg hatte sie vorgewarnt, dass er Jennifer Johanssons Clique von der Finnlandfähre um ein Uhr zur Vernehmung vorgeladen hatte, und hier waren sie jetzt, etwa zehn Personen. Trotz des traurigen Anlasses beanspruchten sie wie alle Teenager unnötig viel Platz und machten einen Lärm, als wären sie dreimal so viele Leute. Ein paar Jungen hatten sich in eine gepolsterte Sitzgruppe geflegelt, ein paar andere Jugendliche saßen auf den Bänken an der Wand, während wieder andere ziellos umherliefen. Immer und überall wurde in Handys hineingeredet.

Eines der Mädchen stand weinend da, und ein paar Freundinnen trösteten sie. Möglicherweise hatte sie mehr Grund als die anderen, um Jennifer Johansson zu trauern, dachte Lotten, aber vielleicht wollte sie auch nur die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen. Auf einer Bank saß ein anderes Mädchen und weinte alleine vor sich hin. Die Jungen versuchten unbeeindruckt auszusehen und polterten wie üblich herum. Aber Lotten sah die Bestürzung und die Trauer in ihren Augen und stellte fest, dass es nicht so einfach war, ein Teenager zu sein. Jeder musste seine Rolle spielen.

Und dann war da noch Joakim Andersson. Auch er war zur Vernehmung einbestellt worden, aber er gesellte sich nicht zu den anderen, sondern hielt sich ein wenig abseits am Fenster zum Wendehammer auf und schaute zu den Wohnhäusern am Hammarbykanal hinaus. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt und stand schweigend da, anscheinend ohne sich von dem Lärm der anderen Jugendlichen stören zu lassen.

*

Als Sjöberg hereinkam, bewusst einige Minuten zu spät, warf er ein paar kurze Blicke auf die Konstellationen, die die Jugendlichen im Foyer gebildet hatten, bevor er zu Lotten ging.

»Ist das Joakim – der dahinten am Fenster?«, fragte er.

»Stimmt«, antwortete Lotten. »Er hat ein paar Mädchen zugenickt, als er kam, den beiden, die Fanny und Malin heißen, aber seitdem er hier bei mir war und sich angemeldet hat, steht er die ganze Zeit allein dahinten.«

»Er hat mit niemandem gesprochen?«

»Nein. Es ist auch niemand zu ihm gegangen. Sie haben wohl Angst, mit seiner Trauer konfrontiert zu werden. Du weißt ja, wie Jugendliche sind …«

»Da bin ich mir nicht sicher, ob ich das wirklich weiß. Vielleicht haben sie auch Angst vor ihm.«

»Ich finde, er sieht nett aus«, sagte Lotten. »Nett und traurig.«

»Wie kannst du das unter so viel Bart erkennen?«, schnaubte Sjöberg.

»Jetzt klingst du ein bisschen zynisch, Conny«, sagte Lotten mit einem Lächeln. »Dieser Stil ist doch heutzutage modern unter Jugendlichen.«

»Er ist vierundzwanzig. Was wollte er von einem sechzehnjährigen Schulmädchen?«

»Seit wann bist du so konservativ?«

»Vermutlich ist es der Täter. Wer soll es denn sonst gewesen sein? Denn, Lotten, diese vorurteilsvolle Äußerung beruht auf mehrjähriger Erfahrung«, fügte er scherzhaft hinzu. »Dieser Haufen ist ja das reinste Tohuwabohu!«

»Sei froh, dass du kein Lehrer bist, wie die arme Åsa.«

Plötzlich und unerwartet von schlechter Laune gepackt, weil seine Frau erwähnt worden war, traf er Anstalten zum Aufbruch.

»Schick mir Joakim in fünf Minuten hoch. Jamal kann mit diesen Mädchen anfangen, Fanny und Malin, eine nach der anderen. Danach ist die Reihenfolge egal.«

Er schloss die Tür hinter sich, machte einen Bogen um die Jugendlichen und eilte in schnellen Schritten die Treppe zum ersten Stock hinauf.

*

»Bis zu diesem Zwischenfall in der Bar hast du Jennifer also als deine Freundin betrachtet?«

»Ja, mehr oder weniger«, antwortete Jocke und beobachtete, wie Sjöberg einen MP3-Spieler zwischen ihnen auf dem Tisch platzierte.

»Wie meinst du das? Hattest du auch andere Mädchen?«

»Nein, verdammt, so war das nicht …«

»Hatte sie vielleicht andere Jungs?«

»Das hatte sie vielleicht. Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.«

»Jetzt musst du mir aber mal erklären, was für eine Beziehung ihr beiden eigentlich hattet.«

Jocke seufzte tief. Wie sollte eine Beziehung sein? Wie erklärt man Gefühle? Er war kein Mann der Worte, aber jetzt war er zum ersten Mal in seinem Leben gezwungen, Dinge zu erklären, für die es keine Worte gab.

»… was für eine Beziehung …«, wiederholte er wie ein schwaches Echo.

»Na ja, erzähl mir einfach, wie ihr euch kennengelernt habt. Irgendwo müssen wir ja anfangen.«

Jetzt wurde es leichter. Es waren strahlende Tage und wirkliche Ereignisse, die er beschreiben sollte. Jocke erzählte von ihrer ersten gemeinsamen Zeit, wie die Tüte zerrissen war, über feuchtfröhliche Abende in Gaststätten und Spaziergänge Hand in Hand. Aber bald erreichte er das graue Vakuum, das auf die ersten stürmischen Wochen mit Jennifer folgte.

»Weißt du, was ich glaube?«, fragte Sjöberg rhetorisch. »Ich glaube, dass Jennifer deine erste Freundin war, stimmt’s?«

»Ja«, antwortete Jocke leise, ohne es zu wagen, dem Kommissar dabei in die Augen zu schauen.

*

Sjöberg hatte beobachtet, wie es in den Augen des Jungen zu leuchten begann, als er über die Anfangszeit mit Jennifer berichtete. Er hatte ihn in immer tieferes Wasser gelotst und spürte jetzt, wie er weicher wurde, je mehr ihm die Wahrheit bewusst wurde. Der Junge war vierundzwanzig Jahre alt und hatte noch nie eine Freundin gehabt. Angesichts dessen war es viel leichter zu verstehen, dass es ihm so schwerfiel, seine Beziehung zu Jennifer zu beschreiben. Joakim Andersson hatte keinen Vergleich, ihm fehlte der Maßstab, anhand dessen er seine Erlebnisse bewerten konnte.

Sjöberg konnte sich vorstellen, wie das Mädchen diesen unerfahrenen, unsicheren jungen Mann immer mehr durchschaut hatte. Vierundzwanzig Jahre klang gut für eine routinierte Sechzehnjährige, aber unter der harten Schale, hinter dem Bart und der Sonnenbrille, die er mittlerweile in die Stirn geschoben hatte, hatte sie etwas ganz anderes entdeckt, das ihr langsam lästig wurde. Was sie dahinter erahnte, war vielleicht schön und zart, aber was sie brauchte, war Widerstand, jemand, der in seinem Inneren genauso groß und stark war, wie er an der Oberfläche aussah.

»Dafür muss man sich nicht schämen«, sagte Sjöberg in einem Versuch, seine bis dahin etwas harte Gangart abzumildern. »Irgendwann ist es für uns alle das erste Mal gewesen. Aber jetzt möchte ich, dass du mir berichtest, was du getan hast – bis ins letzte Detail –, nachdem du am Freitagmorgen aufgestanden bist und bis die Polizei gestern Morgen bei dir an die Kabinentür klopfte.«

»Am Freitagmorgen?«

Joakim machte ein fragendes Gesicht.

»Was hat denn der Freitag damit zu tun?«

»Das entscheide ich. Jetzt lass hören.«

»Am Morgen habe ich Zeitungen ausgetragen. Ich habe von vier bis acht gearbeitet. Danach war ich den ganzen Tag zu Hause. Es ist nichts Besonderes passiert.«

»Zeitungen austragen – ist das deine Arbeit?«

»Ja.«

»Wie oft machst du das?«

»Nur ein paar Tage in der Woche.«

»Da kommt aber nicht besonders viel zusammen. Wovon lebst du denn?«

»Ich wohne zu Hause. Ich brauche nicht besonders viel Geld.«

»Und womit verbringst du dann den Rest deiner Zeit?«

»Meistens bin ich zu Hause«, antwortete er nur, aber Sjöberg schaute ihn auffordernd an.

»Ich pflege meine Mutter«, bekam er schließlich heraus. »Sie ist krank.«

»Das tut mir leid. Was hat sie denn?«

Er fragte, weil er sich ein Bild von Joakim Anderssons Leben machen wollte, wie es bei ihm zu Hause aussah, die Familienverhältnisse. Er wollte die dunklen Ecken beleuchten, Geheimnisse ausgraben, in seine Privatsphäre eindringen.

»Sie ist behindert«, antwortete Joakim mit allzu lauter Stimme. »Körperlich behindert. Sie kann nicht gehen.«

Er spuckte die Worte aus, mit einem regelrecht triumphierenden Gesichtsausdruck – unerwartete Wut, vielleicht fühlte er sich gekränkt? Wie ein Kind, das flucht, dachte Sjöberg, das alle Schimpfwörter ausspuckt, die es kennt, und dem die Angst vor Repressalien aus den Augen leuchtet. Der junge Mann ihm gegenüber hatte gerade etwas Verbotenes gesagt, etwas, das er niemals aussprach, das er vielleicht nicht erzählen durfte. Er hatte ein Familiengeheimnis gelüftet.

»Oje«, sagte Sjöberg und versuchte, sachlich und neutral zu klingen. »Das muss ja schlimm für sie sein. Bekommt sie denn die Pflege, die sie braucht?«

»Ich kümmere mich um sie, das hab ich doch schon gesagt.«

»Und dein Vater, was macht der?«

»Er arbeitet in der Bank. Die Swedbank in Farsta.«

»Teilt ihr euch die Pflege deiner Mutter, oder machst du das meiste alleine?«

»Papa gibt ihr Essen, wenn ich nicht zu Hause bin. Ansonsten kümmere ich mich um sie.«

»Aha, du warst also tagsüber den ganzen Freitag zu Hause und hast dich um deine Mutter gekümmert. Und was war am Abend?«

»Ich war mit Jennifer verabredet, aber daraus war nichts geworden.«

»Und warum nicht?«

»Papa hat mich nicht gehen lassen. Er hat sie nicht gemocht.«

»Waren sie sich schon einmal begegnet?«

»Nein, aber er hielt nichts davon, dass ich eine Freundin hatte. Ich sagte, dass ich trotzdem gehen würde und dass wir am Samstag gemeinsam nach Finnland fahren würden.«

»Und …?«

Sjöberg deutete auf Joakims gezeichnetes Gesicht.

»Er hat mich niedergeschlagen. Ich weiß nicht, ob ich das Bewusstsein verloren habe oder ob ich eingeschlafen bin. Als ich aufwachte, war er jedenfalls schon ins Bett gegangen. Ich stopfte ein paar Sachen in eine Tasche und ging.«

»Misshandelt er dich öfter auf diese Weise?«, fragte Sjöberg.

»Kommt schon vor. Er ist ziemlich leicht reizbar.«

Sjöberg fiel auf, dass Joakim Andersson seinen Vater entschuldigte, ihm einen legitimen Grund für seine Schläge lieferte.

»Schlägst du zurück?«

»Nein, wozu sollte das gut sein?«

»Und wohin bist du gegangen?«, fuhr Sjöberg fort.

»Ich bin die ganze Nacht herumgelaufen. Habe nach Jennifer gesucht. Habe bei McDonald’s gesessen. Bin Bus gefahren.«

»Hast du gar nicht geschlafen?«

»Im Bus ein bisschen.«

»Warum bist du nicht zu Jennifer nach Hause gegangen?«

»Sie wollte nicht, dass ich sie zu Hause besuche.«

»Warum nicht?«

Joakim antwortete mit einem Schulterzucken. Sjöberg hatte eine starke Vermutung, was der Grund dafür sein könnte, aber er behielt seinen Verdacht für sich.

»Dann musst du am Samstag ja ziemlich müde und reizbar gewesen sein?«

»So habe ich es nicht in Erinnerung. Aber vielleicht habe ich mir auch keine Gedanken darüber gemacht.«

»Wie sah der Samstag aus?«

»Am Morgen habe ich vor Jennifers Haus gewartet, bis sie nach draußen kam. Fanny und Malin waren auch gekommen, und dann sind wir zum Hauptbahnhof und haben die Tickets gekauft.«

»Wie gut kanntest du Jennifers Freundinnen? Malin und Fanny zum Beispiel.«

»Ich habe noch keine von ihnen vorher getroffen.«

»Und auch keinen anderen von denen, die auf dem Schiff waren?«

»Nein.«

»Was glaubst du, woran lag das? Dass sie dich von ihrem Freundeskreis ferngehalten hat?«

»Auf der Finnlandfähre hat sie es nicht getan.«

»Aber vorher?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht wollte sie mit mir Schluss machen.«

»Hast du dir deswegen Sorgen gemacht?«

»Nicht direkt Sorgen. Doch, vielleicht. Es kam mir so unwirklich vor, dass sie mit mir zusammen sein wollte. Und dann war sie am Ende so seltsam zu mir. Einmal konnte sie überglücklich sein und eine Sekunde später – ja, als würde es mich gar nicht geben.«

»Und wie war es an diesem Tag?«

»Ungefähr so.«

»Es ging also hin und her?«

»Sie war den ganzen Tag sauer auf mich, bis zu dieser kleinen Feier in der Kabine. Da drehte es sich. Und dann ging sie weg. Den Rest kennst du bestimmt schon.«

»Ich möchte es trotzdem in deinen eigenen Worten hören«, sagte Sjöberg. »Erzähl mir alles, was passierte, nachdem ihr an Bord gegangen seid.«

Joakim erzählte, und Sjöberg lockte und lauschte. Anderthalb Stunden später ließ er ihn gehen, ging zur Küchenecke im Korridor hinaus und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, bevor er Lotten anrief und sie bat, den Nächsten heraufzuschicken.

*

Jens Sandén hatte mit Petra Westman und Einar Eriksson im Büro zu Mittag gegessen. Er wäre lieber draußen essen gegangen, aber Einar Eriksson hatte sich etwas von zu Hause mitgebracht, und darauf wollte er nicht verzichten. Petra war im Stress gewesen und musste schnell wieder los. Also hatten sie und Sandén hastig ein Sandwich und eine Tasse Kaffee im Besprechungsraum hinuntergeschlungen, während Eriksson sein Wurstgulasch aß, das er in der Mikrowelle aufgewärmt hatte. Sie hatten schnell die Lage besprochen, und Eriksson hatte die aktuelle Liste mit den Adressen der Personen abgeliefert, denen sie sich zuerst zuwenden wollten.

Nachdem sie auf die Schnelle noch Fußvolk organisiert hatten, putzte auch Sandén im Moment wieder Klinken in der Umgebung des Vitabergsparks. Er arbeitete sich zunächst die Barnängsgatan nach Norden hinauf, um danach mit der Bondegatan und ihren Querstraßen zwischen der Skånegatan und der Åsögatan bis hin zur Klippgatan weiterzumachen. Vor einem gelben Gebäude, das im selben Block lag wie das Eisenbahnmuseum und das dem alles andere als bescheidenen Schild zufolge eine Lagervermietung beherbergte, fiel sein Blick auf eine etwa fünfundsechzigjährige Frau, die sich über einen marineblauen, weiß gepunkteten Emmaljunga-Kinderwagen beugte. Sandén stellte sich neben sie und räusperte sich, bevor er sagte:

»Aha, heute ist also die Oma für das Babysitten zuständig?«

Die Frau richtete sich auf und lächelte ihn freundlich an.

»Ja, meine Tochter ist beim Zahnarzt, ich muss nur eine Stunde aufpassen. Bei einem so kleinen Kind ist das manchmal gar nicht so einfach.«

Sie schüttelte ein wenig resigniert den Kopf. Sandén warf einen Blick in den Wagen. Das Kind schien fest zu schlafen, also vermutete er, dass die Großmutter trotzdem ganz gut mit ihrer Aufgabe zurechtkam.

»Wie alt ist er?«, fragte er neugierig.

Sandén ging das Risiko ein, das Geschlecht des Kindes zu erraten, aber anscheinend lag er richtig, denn die Frau antwortete ohne weitere Kommentare, dass das Kind sechs Monate alt sei. Nachdem er sich vorgestellt und sein Anliegen erklärt hatte, zog er die Fotografien aus der Innentasche seiner Wildlederjacke. Zuerst zeigte er ihr das Bild von dem Jungen.

»Dieser junge Mann hat exakt den gleichen Kinderwagen wie Ihr Enkel hier. Erkennen Sie ihn vielleicht wieder? Er ist ungefähr fünf Monate alt.«

Die Frau studierte das Foto eine ganze Weile, schüttelte dann aber den Kopf.

»Das ist keine leichte Aufgabe. Es ist ja ziemlich schwer, so kleine Kinder auseinanderzuhalten, wenn sie einem nicht nahestehen. Nein, ich könnte nicht sagen, dass ich ihn irgendwoher kenne.«

»Das ist seine Mutter. Kommt sie Ihnen vielleicht bekannt vor?«

»Oh!«, sagte sie hinter ihrer Hand, die sie instinktiv vor den Mund gelegt hatte.

»Tut mir leid, aber wir haben keine andere Möglichkeit …«

»Aber ich erkenne sie wirklich wieder«, unterbrach ihn die Frau. »Ich habe mich schon ein paarmal mit ihr unterhalten. Ich bin ihr hin und wieder im Blecktornspark begegnet. Da gehe ich mit dem großen Bruder des kleinen Mannes hier immer hin. Es gibt dort einen sehr schönen Spielplatz, mit Kaninchen und solchen Sachen.«

»Und was machte sie dort?«, fragte Sandén, der schon das Schlimmste befürchtete.

»Oh Gott!«, rief die Frau mit Tränen in den Augen. »Es gibt auch eine große Schwester, verstehen Sie. Ein kleines Mädchen – wie alt könnte sie sein …? Ein bisschen jünger als Edvin – also als mein Enkelkind – drei, vier Jahre, würde ich sagen. Ein munteres und fröhliches Kind, lebhaft und sehr gesprächig. Wo ist sie jetzt?«

»Das wissen wir nicht, aber hoffentlich in guten Händen. Vielleicht bei ihrem Vater – wissen Sie, ob es einen Vater gibt?«

»Nein, das weiß ich wirklich nicht. Die wenigen Male, die wir uns unterhalten haben, ging es meistens um die Kinder und was sie gerne spielten, um das Wetter und so etwas. Es waren keine tiefschürfenden Unterhaltungen, verstehen Sie?«

»Haben Sie sie jemals in Begleitung einer anderen Person gesehen?«

»Nicht, dass ich wüsste.«

»Haben Sie eine Vorstellung, wo sie wohnen könnten?«

»Nein, darüber haben wir, glaube ich, nie gesprochen. Sie könnten sonst wo wohnen. Der Spielplatz im Blecktornspark ist vermutlich der beliebteste in ganz Södermalm.«

»Sprach sie mit einem Akzent? Oder in einem bestimmten Dialekt, an den sie sich erinnern können?«

»Dass sie Schwedin war, da bin ich mir ganz sicher. Sie hatte absolut keinen Akzent, und sowohl sie als auch die Kinder sahen so schwedisch aus, wie man es sich nur vorstellen kann. Aber, Dialekt …? Nein, das glaube ich nicht. Jedenfalls nichts Auffallendes, also kein Schonisch oder Gotländisch oder so etwas.«

»Wie sah sie aus?«, fragte Sandén beharrlich weiter. »War sie elegant gekleidet?«

»Soweit ich mich erinnere, trug sei keine auffällige Kleidung. Sie sah wohl aus wie die meisten anderen Kleinkindeltern auch. Robuste Kleidung, nichts, das auf keinen Fall kaputtgehen darf, aber sie war sicher nicht nachlässig gekleidet. Und sie war sehr freundlich, das sind ja nicht alle, denen man so über den Weg läuft.«

»Hatten Sie den Eindruck, dass sie sich ängstlich oder bedroht gefühlt haben könnte? Wirkte sie vielleicht nervös?«

»Ganz und gar nicht. Sie wirkte im Gegenteil immer sehr entspannt und zufrieden. Sie nahm sich ja auch die Zeit, mit mir zu reden. Und sie war sehr lieb zu dem Mädchen. Die Kleine war wie gesagt ziemlich lebhaft und verlangte eine ganze Menge Aufmerksamkeit. Sie ist ja in dem Alter, wo sie ständig fallen und sich wehtun. Sie wollte, dass ihre Mutter die Schaukel anschubst und ähnliche Dinge, und die Mutter war auch fast immer bereit dazu.«

»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Das muss irgendwann im Frühsommer gewesen sein.«

»Sie haben sie niemals woanders als im Blecktornspark gesehen?«

»Nein.«

Der Kleine im Kinderwagen begann langsam zu quäken, und Sandén hatte das Gefühl, fürs Erste fertig zu sein.

»Sie waren uns eine große Hilfe«, sagte er mit aufrichtiger Dankbarkeit. »Wir müssen uns auf jeden Fall noch einmal bei Ihnen melden, also wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie uns Ihren Namen, Ihre Adresse und Telefonnummer geben könnten.«

»Ich wäre Ihnen dankbar, wenn ich zunächst einmal die Ihre bekommen könnte«, sagte die Großmutter mit einem Hauch von Ironie.

»Oh, Verzeihung. Natürlich«, sagte Sandén und reichte ihr seinen Polizeiausweis.

Die Frau studierte ihn einen Augenblick und nahm schließlich den Stift und den Notizblock entgegen, um ihre Kontaktdaten aufzuschreiben.

»Jetzt sollten Sie aber zusehen, dass Sie das Kind zurückgeben, bevor es ernsthaft anfängt zu schreien«, bemerkte Sandén mit einem Lächeln.

Der Junge wand sich im Kinderwagen, und sein kleines Gesicht zog sich zu einer bedenklichen Grimasse zusammen.

»Noch einmal vielen Dank«, sagte Sandén.

»Keine Ursache. Sehen Sie zu, dass sie den Täter erwischen.«

Dann zog sie mit dem Kinderwagen ihres Weges und überließ Sandén seinem mittlerweile nicht mehr ganz so hoffnungslosen Auftrag.

Er zog das Handy aus der Tasche und wollte gerade Petra Westman anrufen, als das Telefon zu vibrieren begann.

»Hallöchen, Jensi! Hier ist Pontus!«

Jensi? Sollte das ein Witz sein? Oder war es nur der verzweifelte Versuch, einen auf Familie zu machen? Ums Verrecken nicht würde er mit diesem Dreckskerl Familie spielen. Schon gar nicht jetzt, wo alles vorüber war. Denn dass es vorüber war, davon war er überzeugt. Mit dem Angebot von zehntausend Kronen sollte dieses Kapitel in Jennys Leben abgeschlossen sein. Sandén wusste, was er tat. Der Junge mochte Geld. Er war ein waschechter Geschäftsmann, allerdings auf eine Weise, die nicht ganz sauber roch. Er hatte keine nennenswerte Ausbildung genossen, zeigte nicht den Hauch von Bildung oder erwähnenswerter Intelligenz. Trotzdem versuchte er den Eindruck zu vermitteln, dass er jede Menge Geld hatte, er sprach in diffusen Wendungen von Investitionen in dies oder das und jonglierte mit irgendwelchen Fantasieplänen über ganz offensichtlich zweifelhafte Geschäftsideen.

Und angesagt musste alles sein. Teure Markenklamotten und hippe Kneipen, in die er aber, so war zumindest Sandéns Eindruck, seine geliebte, kleine Jenny nie mitnahm. Bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen sich alle drei in einem Raum befunden hatten, wurde stets über Jenny geredet und niemals mit ihr. Als ob dieses Ekel sie als einen kleinen, süßen Hund betrachtete. Oder als ein Möbelstück. Und Sandén hatte so seine Meinung darüber, als was er sie betrachtete.

Er hatte vom ersten Augenblick an gewusst, dass dieser Typ nur Ärger bringen würde. Es war nicht nur sein schleimiges Auftreten als Möchtegern-Yuppie – echte Yuppies hatten auch eine echte Arbeit –, das Sandén stutzig machte, sondern gerade sein Interesse an Jenny. Das allein sprach schon Bände. Ein normal begabter Sechsundzwanzigjähriger, der sich in ein zwei Jahre jüngeres, geistig behindertes Mädchen verliebt. Das war dermaßen unwahrscheinlich, dass Sandén zu hundert Prozent davon überzeugt war, dass etwas anderes dahintersteckte. Jenny war ein hübsches Mädchen, in dieser Hinsicht war sie gut genug für Pontus. Und sie war ihm ergeben. Sie war allen Menschen ergeben, die ihr auch nur die geringste Aufmerksamkeit schenkten, was eine liebenswerte Eigenschaft war. In den meisten Fällen. Aber nicht in diesem.

Widerwillig zwang sich Sandén, seine Tochter als eine Frau zu betrachten, die sich in einem Alter befand, in dem die meisten Leute sexuell aktiv waren. Und Jennys Ergebenheit führte dazu, dass sie wahrscheinlich ein guter Fick war. Er hasste es, so etwas zu denken, aber gleichzeitig konnte er es sich nicht gestatten, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Pontus nutzte sie aus, wie genau, das mochte er sich gar nicht ausmalen – damit hätte er eine Grenze überschritten. Und er schlug sie. Warum, das konnte er sich nicht erklären, Jenny tat keiner Fliege etwas zuleide. Vielleicht tat er es nur zum Vergnügen. Aber damit musste jetzt Schluss sein, damit war jetzt definitiv Schluss.

»Und was hast du auf dem Herzen?«, fragte Sandén mit aller Verachtung, die er in seine Stimme legen konnte.

»Ich habe über dein Angebot nachgedacht.«

Fröhliche Stimme. Völlig unbefangen.

»Und?«

»Das war schon sehr großzügig, aber ich hatte mir doch etwas mehr vorgestellt.«

Erpresser, dachte Sandén. Der Scheißkerl hat ein System entwickelt, wie er geistig behinderte Mädchen aufreißt und sich anschließend von den Angehörigen rauskaufen lässt. Das muss ein Ende haben.

»Du leugnest es noch nicht mal.«

»Ich hatte an fünfzigtausend gedacht. Abgemacht?«

»Ich will dich nie wieder sehen. Du bist aus der Wohnung verschwunden, bevor Jenny von der Arbeit nach Hause kommt.«

»Yes, Baby.«

Der Typ war nicht ganz dicht.

»Abgemacht?«

»Abgemacht«, hörte Sandén sich selbst antworten, bevor er das Gespräch mit einem Schaudern wegdrückte.

*

Petra saß im Wartezimmer einer Kinderklinik am Gullmarsplan und blätterte in einem abgegriffenen Exemplar der Krankenkassenzeitschrift. Das rosarot schimmernde Elternbild der Erziehungszeitschriften hing ihr zum Hals heraus, und sie schwor sich, nie wieder im Leben ein derartiges Magazin aufzuschlagen. Nicht einmal, wenn es einen Anlass dafür geben würde, was hoffentlich früher oder später der Fall wäre.

Es gab noch zwei Krankenschwestern, die sie mit den schrecklichen Bildern konfrontieren musste, und keine, mit der sie bisher gesprochen hatte, kannte die Mutter und ihren Jungen.

»Schni-schna-schnappi, schnappi, schnappi, schnapp« klang es plötzlich aus ihrer Tasche, und geschätzte zehn Mamablicke und vier Große-Geschwisterblicke richteten sich auf sie. Höchste Zeit, den Klingelton zu wechseln, dachte Petra, während sie an dem Schild mit dem durchgestrichenen Handy vorbei nach draußen schlich, um den Anruf entgegenzunehmen. Es war Sandén, der ihr von seiner Begegnung mit der Frau mit dem gepunkteten Kinderwagen erzählte.

Petra seufzte.

»Dann sind wir also auf der richtigen Spur. Jetzt heißt es dranbleiben und das Mädchen und seinen Vater finden.«

»Vielleicht sollten wir damit an die Presse gehen?«

»Schon passiert.«

»Ich dachte, Conny hat gesagt …«

»Ja, das dachte ich auch«, unterbrach ihn Petra. »Aber er hat es sich anders überlegt. Irgend so eine Zeitungstante vom Aftonbladet hatte Wind von dem Jungen bekommen. Ich habe ihr dann nur noch die Personenbeschreibungen und ein paar Fakten geliefert. Jetzt kann ich also damit rechnen, jederzeit zu einem Skandal zu werden.«

»Kriminalassistentin Petra Westman auf der atemlosen Jagd nach dem rücksichtslosen Frauenmörder. Verdammt, Petra. Sie werden dich befördern«, antwortete Sandén mit einem Lachen.

Das Handy piepte in ihr Ohr.

»Da ist jemand anderes in der Leitung. Waren wir so weit klar?«

»Yes. Bis dann.«

Mit einem Knopfdruck ließ sie Gespräch Nummer zwei durch.

»Westman«, sagte Petra.

»Hallo, Petra, hier ist Roland.«

Die Stimme klang … positiv. Petra überlegte ein paar Sekunden, wer dieser Roland sein könnte, aber sie kam nicht drauf.

»Brandt«, sagte die Stimme. »Roland Brandt, du erinnerst dich?«

»Natürlich, Entschuldigung. Ich habe nicht gleich geschaltet.«

Der Polizeidirektor – was um alles in der Welt könnte der von ihr wollen? »Sie werden dich befördern«, hatte Sandén vor wenigen Sekunden noch gescherzt. Man wurde doch nicht befördert, nur weil man einer Journalistin ein paar Fragen beantwortete. Vielleicht gefeuert, dachte sie dann. Aber die Stimme klang freundlich.

»Was machst du?«, fragte der Polizeidirektor.

Hallo, hier ist Roland. Was machst du? Was lief denn hier für eine Nummer?

»Ich … arbeite an dem Vitabergsfall«, antwortete Petra verunsichert. »Ich versuche gerade jemanden zu finden, der das Opfer identifizieren kann.«

»Schön, schön. Du bist also im Feld?«

»Äh … ja«, antwortete Petra.

Im Feld? Wie war der denn drauf?

»Hättest du Lust, später noch bei mir hereinzuschauen, wenn du auf der Wache bist?«

Samtweiche Stimme, beinahe einschmeichelnd. War das vielleicht die Ruhe vor dem Sturm? Wollte er sie in Sicherheit wiegen, bevor er ihr den Todesstoß versetzte?

»Natürlich«, antwortete Petra. »Bis wann wirst du da sein?«

»Ich warte auf dich«, sagte der Polizeidirektor, dessen Lächeln man geradezu hören konnte.

»Okay«, sagte Petra und hoffte, dass Brandt daraufhin noch irgendein Schlusswort abliefern würde.

Was er nicht tat.

»Dann sehen wir uns später«, versuchte sie es noch einmal und hörte, dass es nicht so formell klang, wie sie es beabsichtigt hatte.

»Genau«, sagte der Polizeidirektor sanft. »Pass auf dich auf.«

Und damit war das Gespräch beendet.

»Was zum Teufel …«, murmelte Petra. Sie stand noch eine Weile da und starrte auf das Telefon in ihrer Hand.

Dann schüttelte sie den Kopf und wandte sich wieder der Wirklichkeit zu. Sie stellte das Handy auf lautlos und kehrte in das Wartezimmer der Kinderklinik zurück.

*

Sandén hatte auf jeden Klingelknopf des Hauses gedrückt, aber niemand öffnete ihm. Beim letzten Versuch, im untersten Geschoss, hatte er schließlich Glück. Ein etwa siebzigjähriger Mann öffnete die Tür und glotzte ihn durch knallgelbe Brillengläser an. Er war mager und ein bisschen buckelig, trug ein blau kariertes Flanellhemd und Jeans und hatte eine Zigarette im Mundwinkel hängen. Er hätte der Portier des Hauses sein können, dachte Sandén, wenn die Immobilie nicht einer Eigentümergemeinschaft gehört hätte. Sandén zeigte seinen Polizeiausweis und erklärte, wer er war.

»Sie sind Herr Bergman, vermute ich?«

»Ja. Worum geht es?«

»Ich möchte Ihnen einfach nur ein paar Fragen stellen. Es dauert nicht lange. Die Familie, die hier über Ihnen wohnt, wissen Sie, wo die sich gerade aufhält?«

»Woher sollte ich das wissen?«

»Ich müsste mit ihnen sprechen«, sagte Sandén.

»Dann klingeln Sie doch bei ihnen und nicht bei mir«, antwortete der alte Mann griesgrämig.

»Das habe ich natürlich schon getan, aber sie sind offensichtlich nicht zu Hause«, sagte Sandén, ohne einen Hehl daraus zu machen, dass er langsam ärgerlich zu werden begann. »Darum frage ich Sie: Wissen Sie, wo ich sie finden kann?«

»Sie sind verreist, nehme ich an.«

Ein wenig schien ihn Sandéns strenger Tonfall doch zu beeindrucken.

»Warum nehmen Sie das an?«

»Weil sie öfter verreisen.«

Er zog an der Zigarette, und ohne sie aus dem Mund zu nehmen, blies er den Rauch aus dem anderen Mundwinkel wieder hinaus.

»Sie sind bestimmt ins Weekend gefahren«, fügte er in verächtlichem Ton hinzu.

»Warum glauben Sie das?«, fragte Sandén weiter.

»Sie sind was Besseres. Er läuft jeden Tag im Anzug herum.«

»Aha, na dann. Wo pflegen sie ihren Kinderwagen abzustellen?«

»In der Wohnung«, antwortete der Mann mit einem unmotivierten Lächeln.

»Immer?«

»Also, zuerst haben sie den verdammten Wagen unten an der Tür abgestellt, wo er alles blockiert hat, aber da habe ich ihnen die Meinung gesagt, und seitdem bleibt er uns erspart.«

Sandén seufzte. Aus Bergmans Gesicht sprach das pure Glück.

»Und wann war das?«

»Vor einem halben Jahr vielleicht.«

»Wie sieht dieser Wagen denn aus?«

»Der ist wohl schwarz, vielleicht. Oder blau.«

»Ist er vielleicht auch gepunktet?«

»Vielleicht ist er auch gepunktet. Oder vielleicht kariert. Oder gestreift oder geblümt, woher zum Teufel soll ich das denn wissen?«

»Ich möchte gern, dass Sie sich ein paar Fotos anschauen …«, hob Sandén an und wurde unterbrochen, bevor er seinen Satz überhaupt beenden konnte.

»Das hat wohl keinen großen Sinn, Herr Kommissar. Ich bin so gut wie blind.«

Sandén hielt in seiner Bewegung inne und zog die Hand wieder aus der Jackentasche zurück.

»Sie können also mein Gesicht gar nicht erkennen?«, fragte er erstaunt.

»Genau. Ich sehe, dass Sie einen Körper mit einem Kopf darauf haben, und dafür sollten wir alle dankbar sein.«

»Und wie gefällt Ihnen mein Anzug?«

Der Mann dachte nach, bevor er antwortete:

»Wissen Sie, ich kann immer noch einen dunklen Anzug von einem weißen Hemd unterscheiden, wenn es das ist, was Sie wissen wollen.«

Ganz offensichtlich war er trotz allem nicht auf den Kopf gefallen.

»Dann bedanke ich mich für Ihre Hilfe«, beendete Sandén das Gespräch, wobei es ihm gelang, den Sarkasmus, der sich in ihm aufgestaut hatte, nicht in seinen Tonfall einfließen zu lassen.

Ein weiteres Mal ging er in den dritten Stock hinauf und klingelte noch ein paarmal an der Tür. Er ging in die Knie und hielt das Ohr an den Briefschlitz, aber in der Wohnung war alles ruhig und still. Mit einem unterdrückten Stöhnen gelang es ihm, seinen etwas übergewichtigen Körper wieder aufzurichten, worauf er eine Bemerkung in seine Liste schrieb und die Treppen hinuntereilte.

Hanna lag auf dem Rücken zwischen den weichen Daunendecken im Bett ihrer Eltern und murmelte leise im Schlaf vor sich hin. Sie drehte sich auf die Seite, und nur ein paar Strähnen ihrer zottigen Haare und ein kleiner Fuß schauten jetzt noch hervor.

*

Am späten Nachmittag hatten Hamad und Sjöberg alle Jugendlichen befragt, ohne dass etwas Neues dabei herausgekommen war. Sie unternahmen einen kurzen Spaziergang zur Wohnung der Johanssons in der Götgatan. Ihre Befürchtungen bestätigten sich nicht. Es stellte sich heraus, dass sowohl Jennifers Mutter als auch ihre Schwester zu Hause waren und glücklicherweise keinen Besuch hatten. Lena Johansson wirkte vergleichsweise nüchtern, und vielleicht lag es daran, dass sie heute noch wirrer und heruntergekommener aussah als am Sonntag.

»Danke, dass Sie auf uns gewartet haben«, begann Sjöberg. »Tut mir leid, dass es so spät geworden ist.«

Sie gingen ins Wohnzimmer und stellten sich Elise vor, die auf dem Sofa kauerte und die Arme um ihre Knie geschlungen hatte. Sie sah verheult aus und mied jeglichen Augenkontakt.

Sjöberg stellte den MP3-Spieler auf den Couchtisch und stellte fest, dass ihn jemand saubergewischt hatte, seitdem sie das letzte Mal hier gewesen waren. Er hatte das Gefühl, dass das Mädchen nach dem Fest am vorhergehenden Abend alles ein bisschen auf Vordermann gebracht hatte. Ihre Mutter sah schlaftrunken aus und hatte sich mit ihrem ungekämmten Haar in das andere Ende des Sofas sinken lassen. Elise schnipste mit einer hastigen Bewegung eine Zigarette aus der Schachtel, die vor ihrer Mutter auf dem Tisch lag, und zündete sie mit zittrigen Fingern an. Die Mutter schien es nicht zu bemerken, oder vielleicht kümmerte es sie auch gar nicht.

»Wie geht es Ihnen heute?«, fragte Sjöberg vorsichtig. »Es muss sehr schwer für Sie sein …«

Elise richtete ihren Blick auf das schmutzige Wohnzimmerfenster. Sie schien nicht auf die Frage zu reagieren, sodass Sjöberg sich der Mutter zuwandte.

»Ja«, antwortete sie mit unsicheren Augen und einem beinahe einschmeichelnden Gesichtsausdruck.

Vielleicht bemühte sie sich, so zu reagieren, wie sie glaubte, dass es von ihr erwartet wurde. Vielleicht war die Trauer in ihrem Inneren viel größer, als sie nach außen zeigte. Vielleicht empfand sie gar keinen Schmerz. Es war unmöglich zu wissen, was sich im Inneren dieses Menschen abspielte. Gewöhnt an herablassende Blicke oder vielleicht schon vollständig abgestumpft nach jahrelangem Alkoholmissbrauch. Diese Katastrophe war vielleicht nur eine in einer ganzen Reihe von Schicksalsschlägen, die sie im Laufe der Jahre erleiden musste.

»Man weiß nicht … man weiß nicht so recht, was man tun soll.«

Elise starrte, anscheinend unberührt von dem Gespräch, aus dem Fenster. Sjöberg studierte ihr Profil und staunte über die Ähnlichkeit mit ihrer Schwester. Wunderte sich über die Launen der Natur, zwei so schöne Töchter entsprungen aus einem Menschen wie Lena Johansson. Lena Johansson konnte nie eine Schönheit gewesen sein. Selbst wenn man über die Falten, die verschwollenen Augen und die grobporige, narbige Haut hinwegsah, konnte man den Rest höchstens als Mittelmaß bezeichnen.

»Nein. Es muss unheimlich schwierig sein, sich nach so einem Schlag wieder aufzurichten. Wir tun alles, um den Täter festzunehmen, falls das irgendwie ein Trost sein kann. Deshalb müssen wir Ihnen ein paar Fragen stellen, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen.«

»Doch, das werden wir schon schaffen. Oder, Elise? Wir müssen dem Kommissar jetzt helfen.«

Sie warf einen flehenden Blick zu ihrer Tochter hinüber, bekam aber keine Antwort. Elise griff nach dem Aschenbecher auf dem Tisch, zog ihn zu sich hin und platzierte ihn auf ihren Knien.

»Erzähl mir von ihrem Freund, Elise«, begann Sjöberg. »Sie hatte doch einen Freund, oder?«

Elise wand sich ein wenig auf dem Sofa und antwortete leise, während ihre Blicke zwischen der Zigarette und dem Aschenbecher hin und her flackerten:

»Er heißt Jocke. Er ist vierundzwanzig, glaube ich. Aber ich weiß nicht, ob sie immer noch zusammen sind. Sie waren am Freitag eigentlich verabredet, aber wenn Sie mich fragen, hatte sie nicht vor hinzugehen.«

»Hat sie das gesagt?«

»Sie hat gesagt, dass sie ihn vielleicht treffen würde. Wenn sie Lust drauf hätte.«

»Bist du Jocke mal begegnet?«

»Nein.«

»Was hat sie von ihm erzählt?«

»Nichts Bestimmtes, soweit ich mich erinnere. Dass er nett war.«

»Habt ihr euch nahegestanden, du und Jennifer?«

»Kann ich nicht so genau sagen. Ich glaube, nicht. Wir teilen … teilten uns ein Zimmer.«

Elise zog ein paarmal tief an der Zigarette und ließ den Rauch in kleinen, wohlgeformten Ringen aus dem Mund entweichen. Ein abstruser Gedanke fuhr Sjöberg durch den Kopf: Rauchen steht dicken Tanten besser.

»Und was hat sie dann gemacht? An diesem Freitag? Hat sie ihn getroffen?«

»Ich weiß nicht. Ich bin ausgegangen. Als ich zurückkam, war sie jedenfalls zu Hause.«

»Und wann war das?«

»Halb eins vielleicht.«

»Was hattest du gemacht?«

»Ich war halt unterwegs. Hing in der Götgatan ab. Hab eine Freundin getroffen. Nina.«

»Waren Sie am Freitagabend zu Hause?«

Sjöberg hatte sich an die Mutter gewandt, die ein bisschen die Konzentration verloren zu haben schien. Sie schien dem Gespräch nicht mehr zu folgen. Er konnte ihr förmlich ansehen, wie sie sich zusammenriss, als sie angesprochen wurde.

»Ich war zu Hause, ja. Am Freitag.«

»Und Jennifer«, bohrte Sjöberg weiter, »war sie zu Hause oder war sie zwischendurch eine Weile weggegangen?«

Lena Johansson sah peinlich berührt aus und antwortete stotternd:

»… kann mich nicht direkt erinnern … ja … nein … Nein, ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, muss ich zugeben.«

Sjöberg malte sich aus, dass der Freitagabend nicht viel anders gewesen sein dürfte als der Sonntagabend. Wahrscheinlich gab es nicht besonders viele Abende, über die Lena Johansson Rechenschaft ablegen konnte.

»Hatten Sie an dem Abend auch Gäste?«, schaltete Hamad sich ein.

»Sie hat immer Gäste«, stellte Elise klar.

»Und wer war am Freitag hier?«, fuhr Hamad fort. »Vielleicht kannst du dich erinnern, Elise.«

»Dieselben wie immer«, antwortete sie phlegmatisch. »Monkan, Gordon, Peo, Solan, Dagge. Dann noch ein neuer Typ, den Solan angeschleppt hatte. Bengtsson und Lidström. Dieser lange, hässliche Macker ohne Zähne. Wie hieß der noch gleich?«

Sie wandte sich ihrer Mutter zu und schaute sie ausdruckslos an.

»John«, antwortete sie, ohne aufzuschauen, und kratzte nervös an der Nagelhaut ihres Daumens.

»John«, wiederholte Elise. »Und der Finne. Sonst fällt mir keiner mehr ein.«

Hamad schrieb alles auf, und Sjöberg fuhr fort:

»Du und Jennifer – seid ihr bei diesen Festen immer dabei gewesen?«

»Nein, nicht besonders oft.«

»Und wie war es am Freitag?«

»Wir saßen erst eine Weile mit dabei.«

»Wart ihr betrunken?«

Elise zögerte, überlegte vielleicht, welche Art von Antwort ihr am meisten nützen würde. Die Wahrheit? Oder eine modifizierte Version?

»Ich war betrunken«, sagte sie. »Nicht vollkommen zu, aber ziemlich betrunken.«

»Und Jennifer?«

»Wir haben wohl ungefähr gleich viel getrunken. Sie hat vielleicht noch mehr getrunken, nachdem ich gegangen bin. Ich weiß nicht.«

»Spendieren Sie den Mädchen Alkohol?«, fragte Sjöberg, mehr aus Neugier als aus Empörung.

»Sie beklauen mich. Was soll ich machen? Und du hast meine Zigaretten mitgenommen, als du gegangen bist, oder etwa nicht?«, fuhr sie Elise an, die die Anschuldigungen nicht kommentierte.

»Du hast dich also am Freitag schlecht benommen, Elise?«

»Ja, aber ich hatte kein Geld,«, sagte sie und biss sich im selben Augenblick auf die Lippen. »Wir wollten eigentlich ausgehen, aber Nina und ich sind dann einfach nur ein bisschen rumgelaufen. Haben nichts Besonderes gemacht«, fügte sie hinzu.

Sjöberg bemerkte die kleine Veränderung in ihrer Sprechweise, die plötzliche Schärfe in ihren Worten. Er fragte sich, welche Dummheiten diese Mädchen angestellt hatten, beschloss aber, jetzt nicht danach zu fragen und erst darauf zurückzukommen, wenn es sich als notwendig herausstellte.

»Warum bist du nicht mit nach Finnland gefahren?«, fragte er stattdessen.

»Sie wollten mich wohl nicht dabeihaben«, antwortete Elise mit einem Schulterzucken und warf erneut einen uninteressierten Blick aus dem Fenster.

»Weißt du, ob es jemanden gab, der Jennifer nicht ausstehen konnte, jemand, der sie bedroht hat?«

»Wer sollte das denn sein? Alle wollten mit Jennifer befreundet sein. Und alle Jungs waren scharf auf sie«, fügte sie hinzu.

»Hatte sie viele Freunde?«, fragte Sjöberg.

»Früher hatte sie viele. Jetzt nicht mehr, glaube ich. Sie fand, dass alle Jungs so kindisch waren. Ja, und dann gab es natürlich noch Jocke.«

»Ja, der ist ja ein bisschen älter. Ein bisschen reifer.«

Sjöberg lauschte auf das Echo seiner Worte und fand, dass er wie ein alter Knacker klang, der sich mit einem Kind unterhielt. Hohle Phrasen, ungeschickte Versuche, sich auf ein Niveau zu begeben, auf dem sie sich beide eigentlich nicht wohlfühlten. Sie – ein Kind. Und er – mit all seiner Lebenserfahrung. Er verscheuchte den Gedanken.

»Hm«, sagte Elise.

»Sie hatte nichts mit einem der Typen laufen, die hier bei euch zu Hause immer herumhängen?«, wollte Hamad wissen.

»Nein, igitt!«, rief sie, spuckte die Worte förmlich aus. »Wenn du sie gesehen hättest, würdest du nicht fragen.«

»Und es gab keine eifersüchtigen Exfreunde, die sie nicht in Ruhe gelassen haben?«

»Nein«, antwortete Elise kurz.

Lena Johansson weigerte sich, wie Sjöberg schon befürchtet hatte, nach Finnland zu fahren, um die Leiche zu identifizieren. Die beiden Polizisten verließen die Wohnung der Familie Johansson, ohne auch nur eine einzige hilfreiche Information erhalten zu haben. Trotzdem war ihr Bild von Jennifer jetzt wesentlich klarer als zuvor. Eine in vielerlei Hinsicht frühreife Sechzehnjährige aus einem kaputten Zuhause, einer schlecht funktionierenden Familie und mit einem haltlosen Leben. Eine taffe Sechzehnjährige mit gewissen sozialen Ambitionen, aber kaum beruflichen Aussichten. Gewohnt, alleine zurechtzukommen, überfordert von gefühlsmäßigen Bindungen. Gewohnt, nach ihrem eigenen Kopf zu leben, überfordert von Ansprüchen, die von außen an sie herangetragen werden.

An der kleinen Schwester Elise konnte man die Spuren ihrer gemeinsamen Kindheit ablesen, aber kaum die Unternehmungslust, die für die ältere Schwester anscheinend so charakteristisch gewesen war. Wie würde Elises Leben ohne die dominierende große Schwester aussehen? Obwohl sie nicht miteinander kommuniziert hatten, müssen sie doch geredet, Worte und Sätze miteinander ausgetauscht haben. Mit wem würde sich Elise jetzt noch unterhalten können?

*

Barbro war erschöpft. Müde und fußlahm. Sie hätte die heutige Etappe schon vor ein paar Stunden abschließen sollen, doch stattdessen hatte sie sich auf eine Bank gesetzt, den restlichen Kaffee aus der Thermosflasche getrunken und das letzte Butterbrot gegessen. Während sie aß, hatte sie überlegt, nach Hause zu gehen und noch einmal diesen Nyman anzurufen, ein bisschen aufdringlich zu sein. Aber nachdem sie das Brot aufgegessen hatte, hatte sie sich wieder stärker gefühlt und sich den Gedanken aus dem Kopf geschlagen. Ihn anzurufen hätte zu nichts geführt. Es hätte ihr nur einen Anlass gegeben, der Müdigkeit nachzugeben und sich vor der selbst gesetzten Aufgabe zu drücken. Sie hatte sich vorgenommen, auch noch den Stadtteil Zinkensdamm in Södermalm abzuarbeiten, bevor der Tag zu Ende ging. Bevor sie den Druck auf die Bezirkskripo erhöhte, wollte sie erst vierundzwanzig Stunden verstreichen lassen. Vielleicht hatte Nyman dann schon ihrem Drängen nachgegeben und die Informationen von Telia beschafft.

Jetzt dämmerte es bereits. Barbro hatte geschafft, was sie sich vorgenommen hatte, doch sie musste sich auch eingestehen, dass sie keinen Erfolg gehabt hatte. Immerhin zwei Mietshäuser hatte sie in der Nähe der Zinkensdammer Kleingartenkolonie gefunden, bei denen der Name Bergman auf den Klingelbrettern auftauchte, aber ein gelber Palast war nirgendwo zu sehen gewesen. Und es war sehr zweifelhaft, ob man die Gartenkolonie aus den Fenstern dieser Häuser überhaupt sehen konnte.

Nachdem sie die Krukmakargatan abgearbeitet hatte, beschloss sie schließlich, nach Hause zu gehen. Sie entschied sich, nicht dieselbe Strecke zurückzulaufen, die sie gekommen war, sondern den Zinkensväg durch den Park zu nehmen. Als sie den Wendehammer überquerte, der für sie den Beginn des Zinkensväg markierte, kam sie zum zweiten Mal an einigen niedrigen, roten Gebäuden mit einem dazugehörigen Spielplatz vorbei, die von einem grünen Gitter umzäunt waren. An der Fassade verkündete ein Schild, dass sich in den Gebäuden der Kindergarten Pipmakaren befand, der vielleicht nach der alten Tabaksfabrik ganz in der Nähe benannt worden war. Ein verrückter Gedanke fuhr Barbro durch den Kopf und bewegte sie dazu, die Pforte zu öffnen und zu der geschlossenen Tür zu gehen. Ohne größere Hoffnung, dass sich noch jemand dort aufhalten könnte, drückte sie auf die Klingel, doch kurze Zeit später kam tatsächlich jemand an die Tür und öffnete ihr. Es war eine junge Frau um die fünfundzwanzig. Sie trug eine Jacke und Turnschuhe und eine Tasche über der Schulter. Alles deutete darauf hin, dass sie gerade im Aufbruch begriffen war.

»Entschuldigen Sie, dass ich störe«, sagte Barbro, »aber ich würde Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Sie arbeiten in diesem Kindergarten, nehme ich an?«

»Ja, in der Tat«, antwortete die Frau, »aber er schließt gerade.«

»Natürlich, aber es dauert nur eine Minute. Ich würde gerne wissen, ob Sie ein kleines Mädchen namens Hanna kennen? Hanna Birgitta, um genau zu sein. Den Nachnamen kenne ich leider nicht, aber ich weiß, dass sie einen Bruder hat, der Lukas heißt.«

Die Frau dachte einen Augenblick nach, bevor sie antwortete:

»Hannas kenne ich schon ein paar, aber ich glaube nicht, dass eine von ihnen einen Bruder hat, der Lukas heißt. Wie alt ist sie?«

»Das weiß ich leider nicht«, antwortete Barbro, »und genau deswegen habe ich Sie angesprochen. Was glauben Sie, wie alt ein Mädchen sein kann, das ihren Nachnamen nicht kennt und auf die Frage nach ihrem Alter antwortet, indem sie es mit den Fingern zeigt?«

»Tja, das kommt natürlich darauf an, wie weit sie ist«, sagte die Frau, der mittlerweile ein amüsiertes Glitzern in die Augen trat.

»Dieses Mädchen ist sehr weit«, sagte Barbro schnell. »Sie kennt die Farben und spricht sehr gut. Bildet ganze Sätze.«

»Dann würde ich auf drei Jahre tippen. Maximal vier. Mit fünf wissen sie in der Regel ihren Nachnamen. Und dann sind sie auch sehr genau, was halbe Jahre betrifft«, fügte sie mit einem Lachen hinzu. »Da ist es ein großer Unterschied, ob man fünf oder fünfeinhalb ist, und einen halben Finger wird sie wohl nicht haben, oder?«

Barbro lächelte zurück und dankte ihr für die Hilfe. Aber sie spürte die Unruhe in sich wachsen. Die Antworten, die sie bekommen hatte, bestätigten nur, was sie sich aus der Erinnerung an ihre Tochter zusammengereimt hatte. Sie hatte gehofft, dass es nicht so wäre, aber das verlassene Kind war nicht älter als vier, wahrscheinlich sogar nur drei Jahre alt.

*

Lena Johansson hatte genug. Von fast allem, aber vor allen Dingen von sich selbst. Sie war siebenunddreißig Jahre alt, aber bei den seltenen Gelegenheiten, zu denen sie den Mut aufbrachte, sich selbst im Spiegel zu betrachten, konnte sie feststellen, dass sie bedeutend älter aussah. Sie war noch nie eine Schönheit gewesen. Obwohl viele ihrer Mitschülerinnen hübscher gewesen waren, hatte sie mit ihrer positiven Einstellung zum Leben einen Reiz ausgestrahlt, der dazu geführt hatte, dass sich nicht nur die anderen Mädchen, sondern auch die Jungen um sie geschart hatten. Bei Jennifer war das genauso gewesen. Elise war aus einem anderen Holz geschnitzt, sie war zurückhaltender. Beide sahen sehr gut aus, aber das hatten sie von Janne.

Janne und sie waren im gleichen Alter und hatten sich auf dem Gymnasium in Södertälje kennengelernt. Er hatte sich aus schwierigen Verhältnissen hochgearbeitet. Seine Eltern waren drogenabhängig und hatten sich früh von ihrer Verantwortung für ihn verabschiedet. Anscheinend unbeeinflusst von seiner Herkunft, besaß er alles, was den Jungen fehlte, mit denen sie zusammen aufgewachsen war. Er war groß und stark und sportlich, praktisch veranlagt und ehrgeizig. Darüber hinaus wirkte er so erwachsen, wie sie es nie zuvor bei einem Altersgenossen erlebt hatte, hatte eine wohlgefüllte Brieftasche in der Gesäßtasche und ein Mundwerk, mit dem er jeden gegen die Wand reden konnte.

Doch vor allen Dingen war es seine Waghalsigkeit, die es ihr angetan hatte. Seine Respektlosigkeit gegenüber Regeln und Autoritäten und sein Hang zum Abenteuer und Verbotenen. Sie selbst war ein Einzelkind, und ihre Eltern waren wesentlich älter als die ihrer Schulkameraden. Vielleicht lag es daran, dass sie ihr keine Geschwister hatten schenken können, vielleicht auch wollten sie ihr hohes Alter damit kompensieren, dass sie sie verwöhnten und ihr eine sehr lange Leine ließen.

Sobald die Schulzeit beendet war, hatten sie ihre Sachen gepackt und waren von Södertälje in die Großstadt gezogen. Janne hatte schon nach ein paar Tagen einen Job auf einer Baustelle gefunden und auch bald eine Mietwohnung ergattert, in der sie und die Mädchen heute immer noch lebten. Auch sie hatte bald eine Stelle in einer Siebdruckerei in Västberga gefunden, wo es ihr gefiel.

Doch nach einem halben Jahr brach Janne sich den Arm und wurde krankgeschrieben. Eine typische Jannegeschichte: Er hatte ganz oben auf dem Dach gearbeitet, ohne Sicherungsleine, war gestolpert und mehrere Stockwerke tief auf ein niedrigeres Dach gestürzt, ohne sich mehr zu brechen als einen Arm. Die Männer, die das Ganze beobachtet hatten, meinten, dass er einen Schutzengel gehabt haben muss. Solange Janne nicht arbeiten konnte, vermieteten sie die Wohnung und reisten mit dem Geld, das sie bis dahin verdient hatten, nach Thailand. Es war eine herrliche Zeit gewesen. Sonne und Wärme, ein billiges Leben, und man konnte rund um die Uhr feiern, wenn einem danach war. Und ihnen beiden war danach. Sie selbst hatte zunächst ihre Bedenken gegen all die Drogen, die dort im Umlauf waren, halluzinogene Pilze und billige Diätpillen, die einen tagelang tanzen ließen, aber in Jannes Gesellschaft fühlte sie sich sicher und ließ sich zu Dingen überreden, die sie ansonsten nie auszuprobieren gewagt hätte.

Nach fast einem Jahr fuhren sie wieder nach Hause, heirateten und bekamen Kinder. Aber Janne kam nie wieder richtig im Alltagsleben an. Er experimentierte weiter mit seinen Drogen, und Lena wusste, dass er nicht einmal bei der Arbeit nüchtern war. Er wurde gleichgültig und abgestumpft, und als sie die Todesnachricht von einem Brückenbau im Westen der Stadt erreichte, war sie am Boden zerstört, aber nicht überrascht.

Elise war gerade geboren worden, und ihr Leben zerbrach. Kurz nach dem Unfall starb ihre Mutter an Krebs und kurz danach auch ihr fünfzehn Jahre älterer Vater. Aber ihre Mädchen hatte sie niemals im Stich gelassen. Trotz aller Trauer und Trübsal hatte sie nicht aufgegeben, war immer für sie da gewesen. Hatte sie getröstet und ihre Wunden verpflastert. Ihretwegen hatte sie sich zusammengerissen, auch wenn es nicht immer ganz leicht gewesen war. Keine neuen Männer nach Janne, keine Drogen. Außer dem Alkohol natürlich, dem sie nie widerstehen konnte, obwohl sie sich unzählige Male geschworen hatte, damit aufzuhören. Und jetzt stand sie hier und starrte sich in ihrem Badezimmerspiegel an. Aufgedunsen und faltig und rot im Gesicht. Und vom Weinen wurde es nicht besser.

Mit kullernden Tränen auf den Wangen setzte sie sich auf den Badewannenrand und ließ der Trauer um ihre Tochter freien Lauf. Zum ersten Mal, seit sie die Nachricht von Jennifers Tod erhalten hatte, überließ sie sich ihren Gefühlen. Sie sah ihr kleines, geliebtes Mädchen vor sich, bleich und nackt auf einer metallisch glänzenden Bahre in einem weiß gekachelten Raum. Ein unerträglicher Anblick. Sie brauchte dringend etwas zu trinken.