Dienstagvormittag

Sie hatte einen Entschluss gefasst. Sie wollte mit Nina sprechen, ihr erzählen, was sie angestellt hatte, und sie um Rat bitten. Aber wahrscheinlich war es doch keine so gute Idee. Mit Nina konnte man sich über alltägliche Dinge unterhalten: Schule, Freundinnen, Klatsch und Tratsch, Klamotten, Partys. Aber ernsthafte Themen schüttelte sie nur mit einem Lachen von sich ab. Für sie war nichts ernst genug, um sich darin zu vergraben, sich darin zu »suhlen«, wie sie es ausdrückte. Und sie schien Elise ähnlich einzuschätzen, denn die beiden waren fast immer zusammen.

Nina hatte angerufen, nachdem sie von Jennifer gehört hatte, aber es war ein kurzes Gespräch gewesen, sie musste schnell wieder woanders hin. Elise konnte es vor sich sehen, wie sich in den Schulpausen alles um Nina scharte und wie sie beflissen alle Fragen zu dem Mord beantwortete. Aber sich zu erkundigen, wie Elise sich fühlte, das schaffte sie nicht. Und über diese Brieftaschengeschichte würde sie nur lachen, da war sich Elise sicher. Aber Elise selbst konnte es nicht einfach so abtun. Sie fühlte sich schuldig wegen des Verbrechens und schämte sich wegen dieser Hurennummer. Oder wie auch immer man das nennen sollte.

Nach großen Zweifeln und einer weiteren schlaflosen Nacht hatte sie einen Entschluss gefasst. Wenigstens ein Mal würde sie das einzig Richtige tun. Sie würde mit dieser verdammten Brieftasche zur Polizei gehen und sie dort abgeben. Sie würde sagen, dass sie sie gefunden habe, dass sie voller Geld sei, sie aber nichts angerührt habe. Dass sie keine einzige Krone gestohlen habe. Was sie ja auch nicht hatte. Sie hatte die Brieftasche ein paar Tage gehabt, hatte überlegt, ob sie sich das Geld nehmen sollte, es aber nicht getan, hatte ihre Verbrecherkarriere abgebrochen, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Jetzt würde sie diese Dummheit ausradieren, sie ein für alle Mal aus ihrem Gedächtnis streichen.

Mit frischem Mut betrat sie die Polizeiwache am Hammarbyhafen. Sie schaute sich in der riesigen Eingangshalle um, bevor sie an die Rezeption trat.

»Hallo«, sagte die Rezeptionistin. »Womit kann ich dir helfen?«

»Ich wollte eine Brieftasche abgeben, die ich gefunden habe«, antwortete Elise und versuchte selbstsicher zu klingen.

»Aha, da musst du zum Fundbüro gehen. Du gehst diesen Korridor da runter und biegst nach rechts ab. Du musst nur den Schildern folgen.«

»Vielen Dank«, sagte Elise und begann in die angewiesene Richtung zu gehen.

Als sie gerade an der Treppe vorbeikam, warf sie einen Blick nach oben und entdeckte ein bekanntes Gesicht. Einer der Bullen von gestern, der dunkle Typ, kam direkt auf sie zu. Bevor sie den Kopf wegdrehen konnte, hatte er sie erkannt und lächelte ihr zu. Was sollte sie sagen? Er würde sich fragen, was sie hier wollte, und sie konnte es ihm kaum erzählen. Er würde doch denken, wenn man aus einer Familie wie ihrer kam, dann würde man Geld, das man findet, bestimmt behalten.

»Hallo, Elise«, sagte Hamad und streckte ihr die Hand entgegen, als wären sie Geschäftspartner.

Sie gab ihm die Hand und hoffte, dass ihre Unsicherheit nicht allzu offensichtlich war, als sie zurücklächelte.

»Was hast du auf dem Herzen?«, wollte er wissen.

Klar, er glaubte natürlich, dass sie zu ihm oder zu seinem Kollegen wollte. Sie bekam kein Wort heraus.

»Wolltest du etwas erzählen? Ist dir etwas eingefallen, das wir auch wissen sollten?«

»Ich … ich wollte nur wissen, wie es läuft«, bekam sie heraus.

»Wir tun unser Bestes«, sagte Hamad. »Möchtest du mit in mein Büro kommen, dann können wir uns eine Weile unterhalten?«

Er legte die Hand auf ihre Schulter, und es fühlte sich an, als würde er sie in eine Situation hineinbugsieren, auf die sie nicht im Geringsten vorbereitet war. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie konnte nur tun, was ihr gesagt wurde, also folgte sie ihm die Treppe hinauf, einen Flur entlang und in einen Büroraum hinein. Er bot ihr einen Stuhl an, und sie setzte sich. Er selbst nahm hinter dem Schreibtisch Platz und schaute sie mit seinen braunen Augen an, versuchte freundlich auszusehen.

»Möchtest du etwas trinken?«, fragte er. »Tee, Kaffee?«

Sie schüttelte den Kopf, wollte nur weg. So schnell wie möglich.

»Gehst du nicht in die Schule?«

»Das packe ich im Augenblick nicht«, antwortete sie. »Das ist alles ein bisschen viel.«

Wie wahr. Allerdings nicht in der Weise, wie er es annahm.

»Das verstehe ich«, sagte er. »Es braucht seine Zeit, bis man wieder seinen Rhythmus findet. Aber es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn du doch zur Schule gehen würdest, dann kommst du auf andere Gedanken. Triffst Leute.«

Dieser mitleidige Blick – wie sie das hasste. Sie kannte ihn von bestimmten Lehrern, der Schulkrankenschwester und dem Sozialarbeiter. Sie hatte nicht um Mitleid gebeten, aber manche Menschen konnten sie gar nicht anders betrachten. Dieser Blick hatte etwas Aufdringliches. Er wollte sie zerbrechen, wollte etwas Kleines und Schwaches aus ihr hervorlocken, das es gar nicht gab. Er wollte sie zum Weinen bringen – was sie niemals tat –, um sich dann in sie hineinzuwühlen, sich in ihrer schweren Kindheit zu suhlen. Sie schauderte und wendete sich ein wenig ab, damit man es ihr nicht ansehen konnte. Sie wollte nicht wie ein Opfer betrachtet werden, sie musste diesen Mann dazu bringen, sie als etwas anderes zu sehen: als eine Erwachsene, die seinen samtweichen Tonfall und seine mitleidigen Blicke nicht braucht.

»Wie läuft es? Haben Sie den Mörder gefangen?«, fragte sie schroffer, als sie beabsichtigt hatte.

Er streckte sich und drückte die Fingerspitzen aneinander.

»Nein«, antwortete er. »Noch nicht. Aber wir werden ihn finden. Wir müssen jede Menge Menschen vernehmen, vielleicht Hunderte, sodass es eine Weile dauern kann, aber wir werden ihn kriegen.«

»Ihn …?«

»Ja, wir glauben, dass es sich um einen Mann handelt. Man muss stark sein, um einen Menschen mit bloßen Händen erwürgen zu können.«

Er schwieg und beobachtete sie einige Sekunden lang, wollte wohl irgendeine Art von Reaktion sehen, aber da konnte er lange warten.

»Und dir ist nichts mehr eingefallen? Nichts, was du uns erzählen wolltest? Hatte Jennifer irgendwelche Feinde? Hatte sie vielleicht irgendetwas richtig Dummes angestellt, irgendetwas, für das sie büßen musste?«

Jennifer, dachte sie, machte doch keine dummen Sachen. Jennifer wusste, was man tun konnte und was nicht, überschritt niemals die Grenze. Sie lag immer richtig, machte niemals zu viel oder zu wenig.

»Nein, mir fällt da niemand ein«, sagte Elise. »Ich wollte nur hören, ob Sie weitergekommen sind.«

»Das sind wir«, sagte Hamad. »Wir kommen die ganze Zeit voran, aber nicht so schnell, wie wir es uns vielleicht wünschen.«

»Dann werde ich mal wieder gehen«, sagte Elise und erhob sich von ihrem Stuhl.

»Du kannst jederzeit anrufen oder vorbeikommen, wenn du irgendetwas erzählen oder einfach nur reden möchtest.«

Einfach nur reden, dachte Elise. Mit dir will ich doch nicht reden, du mieser, schleimiger …

Endlich konnte sie weg von hier. Sie ging den Korridor zurück und die Treppen hinunter. Warf einen Blick über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass nicht noch mehr unangenehme Überraschungen auf sie warteten, bevor sie den Weg zum Fundbüro einschlug. Sie gab die Brieftasche anonym ab und sagte, dass sie nicht mehr wusste, wo sie sie gefunden hatte.

Mit einem leichten Schaudern verließ sie die Polizeiwache, deren Türen sich automatisch hinter ihr schlossen, und ging mit schnellen Schritten in Richtung Skanstull davon.

*

Unter Jennifer Johansson Klassenkameraden und Lehrern herrschte eine gedrückte Stimmung. In dem Zimmer, wo er sich mit der Klasse und dem Klassenlehrer traf, hatte man eine eingerahmte Fotografie von ihr aufgestellt, vor der eine Kerze brannte. Ein schönes Blumenbukett verlieh dem Arrangement eine zusätzliche Wärme, und Sjöberg fragte sich, ob Jennifer jemals Blumen bekommen hatte, als sie noch lebte.

Dieser Tag sollte, ebenso wie der vergangene Tag, eher Diskussionen und Gesprächen gewidmet sein als den Fächern, die auf dem Stundenplan standen – Sjöberg stellte sich vor, dass dies ebenso lehrsam sein dürfte wie der normale Unterricht. Nachdem er vor der ganzen Klasse ein paar Worte gesprochen hatte, widmete er sich jedem Einzelnen ein paar Minuten unter vier Augen. Das Bild war einheitlich: Jennifer Johansson war beliebt und auf eine bemerkenswerte Weise tonangebend gewesen, ohne dabei zu viel Aufhebens um sich zu machen. Und die Vermutung, dass sie von irgendjemandem bedroht gewesen sein könnte, wurde als bloße Fantasie abgetan.

Auch die Lehrer von Jennifer, die zu treffen er im Laufe des Vormittags Gelegenheit bekam, schienen diese Auffassung zu teilen. Sie deuteten darüber hinaus an, dass sie alle Voraussetzungen besessen habe, um gute Ergebnisse in der Schule erzielen zu können, aber dass ihr die Motivation vollkommen gefehlt habe. Sjöberg wunderte das nicht im Geringsten, ebenso wenig wie den Sozialarbeiter der Schule, der das Bild, das er von Jennifer gewonnen hatte, bekräftigte.