Dienstagnachmittag

Wie immer redete er sich ein, dass nichts vorherbestimmt war, dass es keine festen Pläne gab. Das war ja auch wahr. Der Gedanke an das einsame Kind war ihm erst gekommen, als er am Montagabend das Aftonbladet gelesen hatte. Aber nachdem er mit ihr gesprochen hatte, hatte ihn dieser Gedanke nicht mehr losgelassen. Er wollte einfach nur hingehen und ein bisschen die Lage erkunden und sehen, was passierte. Er würde es nehmen, wie es kam. Das eine würde sich aus dem anderen ergeben. Vielleicht würde sie sich abweisend verhalten, ihn von sich stoßen. Dann müsste er sie vielleicht eine Weile umschmeicheln, sie zu der Einsicht bringen, dass er nur das Beste für sie wollte. Er würde für gute Laune sorgen können, sie ein bisschen verwöhnen, sodass sie merkte, wie nett er war.

Zuerst würde er natürlich anrufen und mit ihr sprechen, sich vergewissern, dass alles noch beim Alten war. Dann würde er zu ihr hinaufgehen und an der Tür klingeln, warten, bis die kleinen, munteren Füße über das Parkett trappeln würden, um ihn an der Tür in Empfang zu nehmen. Er stellte sich vor, wie ihre helle Stimme vor Begeisterung quietschte, wenn er kam. Ihr neuer Freund, mit dem sie ein Geheimnis teilte. Er erinnerte sich daran, dass er sich, bevor er zu ihr gehen würde, unbedingt vergewissern musste, dass es immer noch ihr Geheimnis war, dass niemand anderes von ihrer Situation wusste und auf dem Weg war, ihr zu helfen.

Falls sie sich wehren würde – es sich anders überlegt hatte und ihn nicht mehr in ihrer Nähe haben wollte, dann würde er vielleicht einfach wieder gehen. Wenn es sich ganz natürlich so ergab. Er würde sie nicht schlagen. Da hätte er in einer solchen Situation kein gutes Gefühl. Nein, er würde sich zügeln und aufgeben. Aber vielleicht würde er auch ein bisschen jammern, sie auf eine Weise anflehen, die auch Kinder verstehen konnten. Er könnte sich hinknien oder in die Hocke gehen und mit seiner sanftesten Stimme sagen:

»Bitte, liebe Hanna, darf ich hierbleiben? Ich bin so allein.«

So musste man es machen, an das Mitgefühl des Kindes appellieren. Das liebten sie. Sie durften groß sein, während er der Kleine war.

Er würde Hamburger von McDonald’s mitbringen, dem würde sie nicht widerstehen können. Er hatte gehört, wie glücklich sie am Telefon geklungen hatte, als er es vorschlug. Armes Kind, sie hatte anscheinend seit Tagen nicht richtig gegessen. Aber sonst schien sie gut zurechtzukommen, ein hartgesottenes Mädchen. Süßigkeiten würde er ihr auch geben. Dann würden sie baden. Die Haare waschen, falls sie das mochte, sonst würde sie um des lieben Friedens willen darum herumkommen. Aber ansonsten wollte er, dass sie sauber war. Rein und zart, die Haut ganz weich nach dem warmen Bad, wie Samt und nach Seife duftend.

Er erhob sich von seinem Stuhl, ging zwischen den Schreibtischen hindurch und hinüber zur Garderobe, wo auch die Toilette lag. Er schloss die Tür hinter sich und schob den Riegel vor. Stellte sich vor das Waschbecken und betrachtete sich selbst im Spiegel. Er war niemand. Er war ein Beobachter der Welt rund um ihn herum, aber er gehörte nicht zu ihr. Als wollte er das noch bekräftigen, ließ er seine Finger von der Kehle hinunter, zwischen den Schlüsselbeinen hindurch und über das Brustbein hinunter zum Nabel wandern, um den er den Zeigefinger einen Augenblick lang spielerisch kreisen ließ, bevor er den Weg nach unten fortsetzte.

Er schloss die Augen und befand sich im Windzug des vorbeirauschenden Zuges, des unendlichen Zuges mit all den Waggons und ihren Fenstern. Kaum hatte sein Blick einen der Menschen erfasst, die darin saßen, war er auch schon wieder verschwunden. Verschwunden, vergessen.

*

Barbro Dahlström, Privatdetektivin, dachte sie, während sie durch das Gras um Barnängens Kleingartenkolonie streifte. Dort gab es überall Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe, und einige dieser Häuser erregten ihre besondere Aufmerksamkeit. Wenn sie vor dem Gitterzaun der südlichsten Parzellenreihe stand, die an den Park grenzte, konnte sie ein weiß verputztes, fünfstöckiges Haus im Stil der Zwanzigerjahre sehen. Direkt gegenüber lag der große, gelbe Bau der Sofiaschule, der einen ganzen Block zwischen der Skånegatan und der Ploggatan einnahm.

Sie spürte, wie ihr Herz heftiger pochte, und eilte mit schnellen Schritten den kleinen Fußgängerweg entlang, der zum Stora Mejtens Gränd führte. Je näher sie der Ploggatan kam, desto mehr konnte sie von der Fassade der Schule erkennen. Als sie schließlich vor dem Eckhaus mit der Nummer 20 stand, sah sie, wie die ganze Sofiaschule sich vor ihr auftürmte. Es war ein protziges, gelbes Gebäude, das hoch aufragte, und an einer Ecke, direkt gegenüber von Ploggatan 20, wurde die Fassade von einigen dunkelgelben Ovalen geschmückt, die am oberen und unteren Rand wiederum von einem Muster aus blauen und roten Kacheln eingerahmt wurden. Unter diesen Ornamenten stand in Großbuchstaben das Wort »VOLKSSCHULE«. Und dann war da noch, ganz oben auf dem Gebäude, ein Turm. Ein Turm, in dem möglicherweise eine schöne Prinzessin wohnte.

Sofort nahm die Aufregung von ihr Besitz. Mit einem Ruck drehte sie sich um und starrte direkt auf einen Hauseingang. An der Wand zwischen der Eingangtür und den grauen Zwischentüren befand sich das Klingelbrett. Ihr Blick wanderte eifrig über die etwa zehn Namen, die dort standen, bis er an dem vorletzten hängen blieb. Kein Zweifel, sie sah es klar und deutlich. Die kleinen, weißen Plastikbuchstaben formten in ihrer ganzen Einfachheit den Namen Bergman.

Barbro hatte gefunden, was sie gesucht hatte.

Voller Energie begann sie an der Eingangstür zu zerren, aber sie war abgeschlossen. Die Tür hatte keine Gegensprechanlage, also begann Barbro alle möglichen vierstelligen Zahlenkombinationen in das Codeschloss einzugeben, während sie darauf wartete, dass irgendjemand kam, der sie einlassen konnte. Zuerst versuchte sie es nur mit den Tasten, die am stärksten abgenutzt waren, später begann sie systematisch eine Kombination nach der anderen einzutippen. Sie wusste, dass es bis zu zehntausend verschiedene Kombinationen gab, doch sie wollte die Hoffnung nicht so schnell aufgeben. Nach vierhundert Versuchen musste sie sich geschlagen geben. Also schrieb sie sich alle Namen auf dem Klingelbrett ab und machte sich auf den Weg zur Polizeiwache an der Östgötagatan. Die Bezirkskripo in allen Ehren, aber jetzt war das Ganze ein Fall für die Hammarbypolizei.

Erst als Barbro sich gesetzt hatte, spürte sie, wie ihre Beine schmerzten. Sie hätte nicht mehr lange weitermachen können, das wurde ihr jetzt klar. Es war ziemlich waghalsig von ihr gewesen, sich auf diese wilde Odyssee durch die Kleingartenkolonien zu begeben, aber jetzt war es geschafft. Sie hatte die Aufgabe erfüllt, die sie sich selbst gestellt hatte, und sie war stolz auf sich. Obwohl sie auch ein wenig verärgert war. Verärgert über die Polizei, die es an ihrer Stelle hätte erledigen müssen. Sie ertappte sich bei dem Gefühl, die Aufgabe als erledigt zu betrachten, was sie aber eigentlich noch nicht war. Sie hatte den beschwerlichsten Teil hinter sich, die schwierigste und zeitraubendste Arbeit, aber das Wichtigste stand noch aus. Sie musste zu dem Mädchen gelangen. Allein oder mit Hilfe der Polizei.

Sie hatte es sich in einem der Sessel in der Eingangshalle der Polizeiwache bequem gemacht. Das nette Mädchen an der Rezeption hatte sie gebeten, dort Platz zu nehmen, da der stellvertretende Polizeidirektor namens Malmberg noch in einer Besprechung saß. Barbro hatte darauf gedrängt, mit einem Kommissar zu sprechen, aber die Rezeptionistin hatte ihr abgeraten, auf Kommissar Sjöberg zu warten – der zurzeit der einzige Kommissar im Haus war – weil bereits viele andere Personen in der Eingangshalle auf ein Gespräch mit ihm warteten.

Aber Barbro hatte darauf bestanden, mit einem vorgesetzten Beamten zu sprechen, und zu ihrer Verwunderung eine Audienz beim stellvertretenden Polizeidirektor bekommen. Was vielleicht ein bisschen übertrieben war, dachte Barbro, aber anderseits war er ja auch Polizist, und vermutlich sogar ein kompetenter. Es würde nicht lange dauern, war ihr versprochen worden. Die Rezeptionistin hatte ihr zugezwinkert und gesagt, dass sie Barbro höchste Priorität geben würde.

»Frau Dahlström, der stellvertretende Polizeidirektor kann Sie jetzt empfangen!«, rief das Mädchen von seinem Platz hinter dem Empfangsschalter.

Barbro nickte ihr dankbar zu und nahm den Aufzug in das oberste Stockwerk. Hier landete sie vor einem weiteren Empfangsschalter, und die pensionsreife Dame, die darüber herrschte, schickte sie weiter zu einem der nächstgelegenen Büros. »Gunnar Malmberg« stand auf einem Schild neben der geöffneten Tür. Sie betrat den Raum, und Malmberg, ein Mann um die fünfzig, schaute von seinem aufgeräumten Schreibtisch auf und betrachtete sie mit lebhaften, blauen Augen.

»Barbro Dahlström? Bitte nehmen Sie Platz«, sagte er und deutete auf einen seiner Besucherstühle.

Er hatte ein offenes und gepflegtes Äußeres, trug Hemd und Schlips, und das Jackett hing an einem Kleiderhaken hinter ihm an der Wand. Barbro hoffte, dass er sie ernster nehmen würde als sein Mitarbeiter, der sie am Telefon abgewimmelt hatte.

»Womit kann ich Ihnen helfen?«

Barbro hatte das Gefühl, dass sie diesem Polizisten mit seinem entwaffnenden Lächeln möglichst bestimmt gegenübertreten musste.

»Ich habe am Sonntagabend hier angerufen und mit einem Ihrer Kollegen gesprochen«, kam sie sofort zur Sache. »Ich bezweifle, dass Ihnen die Angelegenheit zu Ohren gekommen ist, denn ich hatte den Eindruck, dass mein Anliegen nicht besonders ernst genommen wurde. Ich wurde an die Bezirkskriminalpolizei verwiesen, was sich als falsch herausstellte, da der Fall in Ihren Bereich fällt.«

Der stellvertretende Polizeidirektor betrachtete sie mit unverändertem Gesichtsausdruck.

»Es geht um ein Mädchen, mit dem ich am Telefon gesprochen habe. Sie hat mich angerufen und um Hilfe gebeten.«

Malmberg blätterte in seinem Block, bis er zu einem leeren Blatt kam, und schrieb etwas auf, bevor er wieder zu ihr aufschaute und sagte:

»Erzählen Sie. Weshalb hat sie Hilfe gebraucht?«

Barbro berichtete von ihrem Gespräch mit Hanna, während Malmberg sich Notizen machte. Manchmal lächelte er verständnisvoll, woraus Barbro die Schlussfolgerung zog, dass er selbst Kinder hatte. Als sie von den Kochversuchen der kleinen Hanna berichtete und erwähnte, wie sie sich dabei verletzt hatte, trat eine Sorgenfalte auf seine Stirn. Barbro vervollständigte ihren Bericht mit den langen Wanderungen durch die Gartenkolonien von Södermalm. Malmberg ließ seinen Stift auf den Block fallen und legte die Hände hinter den Nacken. Mit einem Lächeln, von dem Barbro hoffte, dass es bescheiden, aber nicht herablassend war, lauschte er dem Ende ihrer Erzählung.

»Ich glaube, dass ich weiß, wo das Mädchen wohnt.«

Barbro legte eine Kunstpause ein. Malmberg betrachtete sie mit Interesse, und Barbro hoffte, dass es nicht geheuchelt war.

»Und jetzt, denke ich, ist es an der Zeit, dass die Polizei diesen Fall übernimmt.«

Der stellvertretende Polizeidirektor schien die Kritik mit unerschütterlicher Ruhe aufzunehmen.

»Selbstverständlich werden wir das tun«, antwortete er. »Sie haben sehr verantwortungsbewusst gehandelt, Frau Dahlström. Wo, glauben Sie, wohnt dieses Mädchen?«

»In der Ploggatan 20.«

Malmberg schrieb.

»Sie müssen unbedingt dorthin«, sagte Barbro. »So schnell wie möglich. Ich mache mir aufrichtig Sorgen um das Mädchen.«

»Das kann ich verstehen, nachdem Sie schon so viel unternommen haben, um ihr zu helfen. Wir werden tun, was in unserer Macht steht.«

Barbro erhob sich von ihrem Stuhl, und Malmberg folgte ihrem Beispiel und reichte ihr die Hand.

»Und halten Sie mich auf dem Laufenden«, bemerkte sie mit einem Lächeln, bevor sie das Büro verließ und die Tür hinter sich schloss.

Auf dem Weg zum Aufzug kam sie an der Empfangsdame vorbei und tauschte ein Lächeln mit ihr aus. Als Barbro gerade in den Aufzug steigen wollte, hörte sie, wie die Gegensprechanlage auf dem Empfangstisch ein Piepsen von sich gab, worauf knisternd eine Anweisung des stellvertretenden Polizeidirektors ertönte:

»Inga, holen Sie mir Holgersson. Ich habe eine Aufgabe für ihn.«

*

Jamal Hamad, der immer noch die alleinreisenden Männer vernahm, machte gerade eine Pause zwischen den Vernehmungen. Im Laufe des Tages hatte er bereits acht Vernehmungen abgearbeitet, keiner der Männer hatte sich auffällig benommen oder unerwartet auf seine mittlerweile routinierten Fragen reagiert. Alle hatten glaubwürdig geschildert, was sie in der Mordnacht getan hatten. Auch Sjöberg schien bei seinen Befragungen über nichts gestolpert zu sein, was den geringsten Verdacht hätte erwecken können.

Hamad starrte gedankenverloren auf die Namen auf seiner Liste. Er wusste nicht, zum wie vielten Mal er seinen Blick über die unzähligen Zeilen wandern ließ, aber irgendwo in diesen Listen, davon war er überzeugt, stand der entscheidende Name. Er wünschte sich, dass dieser Name mit ihm reden, sich zu erkennen geben würde, aber er konnte nicht mehr tun, als möglichst viele von ihnen im Gedächtnis zu behalten und zu hoffen, dass er früher oder später für seinen Fleiß belohnt würde. Sjöberg ging diese Art von Geduld vollkommen ab, er konnte selten länger an ein und derselben Aufgabe sitzen. Seine Stärken waren Intuition und entschlossenes Handeln. Hamad stand für systematisches Arbeiten, unermüdlichen Eifer und geduldige Hartnäckigkeit. Die Folge dieser monotonen Marathonläufe war, dass sich sein ohnehin schon gutes Gedächtnis immer weiter entwickelt hatte. Es kam selten vor, aber es geschah, und es würde wieder geschehen. Dieses kribbelnde Gefühl würde ihn erfassen, der Urkeim eines Gedankens, eine Vorahnung, dass er auf etwas reagieren sollte, von dem er zuerst nicht wusste, was es war. Aber mit der Zeit kam er immer darauf.

Er hatte noch eine halbe Stunde, bevor er einen weiteren Passagier der Finnlandfähre befragen würde, und er beschloss, weitere zwei Seiten mit Namen durchzuackern, bevor er sich mit einer Tasse Kaffee belohnen würde. Noch zwei Namen standen auf der Seite, die vor ihm auf dem Tisch lag, als es plötzlich Klick machte. Dieses Mal schlich das Gefühl sich nicht an ihn heran, sondern sprang ihn direkt an. Sein Blick wanderte über die Zeile, vom Namen über die Sozialversicherungsnummer bis zur Adresse und der Telefonnummer. Jedes Detail stimmte mit den Angaben überein, die er ein paar Stunden zuvor studiert hatte. Der Mann, dessen Brieftasche Elise abgegeben hatte, Sören Andersson, geboren 1954 mit einer Adresse in der Katarina Bangata, war einer der Passagiere auf der Finnlandfähre, als Jennifer ermordet wurde.

Was sollte er mit dieser Information anfangen? Hier hatten sie eine Verbindung zwischen Jennifer und einem bislang unbekannten Mitreisenden. Eine verlorene Brieftasche, Sören Anderssons Brieftasche, die von Jennifers kleiner Schwester bei der Polizei abgegeben wird. Wie war Elise in ihren Besitz gekommen? Sie hatte sie natürlich unter Jennifers Sachen gefunden. Die beiden Schwestern hatten sich schließlich ein Zimmer geteilt. Jennifer hatte sie vielleicht Sören Andersson gestohlen, und dann hatte Elise sie gefunden und sie bei der Polizei abgegeben.

Aber warum sollte Elise dann so ein Geheimnis daraus machen, so tun, als hätte sie sie auf der Straße gefunden? Weil sie das Andenken ihrer Schwester nicht beschmutzen wollte? Nein, das konnte nicht sein. Es lag ja auch in ihrem Interesse, dass der Mörder ihrer Schwester gefasst wurde. Aber man brachte doch niemanden um, weil er einem die Brieftasche gestohlen hatte? Es sei denn, etwas ganz Außergewöhnliches hätte sich darin befunden. Etwas, das man so dringend von den Augen der Allgemeinheit fernhalten wollte, dass man alles dafür zu tun bereit war. Etwas, das sich mittlerweile nicht mehr darin befand. Die Gedanken wirbelten durch Hamads Kopf.

Hastig überflog er die Liste der alleinreisenden Männer und stellte fest, dass Sören Andersson zu den Personen gehörte, die für die Befragung durch Sjöberg vorgesehen waren, bislang aber noch nicht erreicht werden konnten. Er stürzte sich auf das Telefon und rief im Fundbüro an.

»Sören Andersson, der mit der Brieftasche, über den ich mit euch gesprochen habe – habt ihr den schon erreicht?«, wollte er wissen.

»Das haben wir. Er ist hier.«

»Haltet ihn für mich fest. Haltet ihn irgendwie auf, ohne dass er dabei misstrauisch wird. Ich komme sofort zu euch runter.«

Er eilte nach unten ins Fundbüro, hielt aber vor der Tür noch einmal kurz inne und atmete tief durch, damit er nicht erregt oder außer Atem wirkte. Etwa eine Minute stand er so da, bevor er auf eine, so hoffte er, ruhige und entspannte Art durch die Tür eintrat. Sein Blick begegnete dem eines jungen Polizisten, der mit den Augen signalisierte, dass es sich bei seinem Gesprächspartner um den besagten Sören Andersson handelte. Hamad trat an ihn heran und legte die Hand auf seine Schulter.

»Sören Andersson?«, fragte er beherrscht.

Der Mann drehte sich mit einem nichtssagenden Blick zu ihm um.

»Ja?«, antwortete er fragend.

»Ich hatte versucht, in einer ganz anderen Angelegenheit Kontakt zu Ihnen aufzunehmen«, sagte Hamad, »da trifft es sich hervorragend, dass Sie gerade jetzt zufällig hier zu tun haben. Wenn Sie mich bitte kurz nach oben in mein Büro begleiten würden? Es wird nicht lange dauern.«

»Natürlich«, antwortete Sören Andersson. »Haben wir alle Formalitäten geklärt?«, fragte er, an den Polizeibeamten hinter dem Schalter gewandt.

Dieser lächelte und nickte zur Antwort, und Hamad bedankte sich bei ihm mit einem Augenzwinkern, bevor er Sören Andersson mit sich nach oben nahm.

Er war lang und mager, hatte eingefallene Wangen und machte einen friedlichen Eindruck. Seine anscheinend frisch gewaschenen Haare waren rotblond, dünn und sahen verweht aus.

»Ich möchte mit Ihnen reden, weil Sie am Wochenende während der Überfahrt nach Finnland Passagier auf der Fähre waren, auf der ein junges Mädchen tot aufgefunden wurde«, sagte Jamal, nachdem sie sich an seinem Schreibtisch niedergelassen hatten.

»Aha«, antwortete der Mann ohne wahrnehmbare Reaktion.

»Sie sind von der finnischen Polizei sicher darauf vorbereitet worden, dass Sie möglicherweise ein weiteres Mal befragt werden würden?«

»Ja, davon war die Rede.«

»Im Augenblick befragen wir alle Männer, die ohne Begleitung über die Ostsee gereist sind, und soweit ich weiß, trifft das auch für Sie zu?«

»Das stimmt.«

Der Mann ließ in keiner Weise erkennen, ob er sich unwohl fühlte oder ob ihn die Fragen, die er beantworten musste, nervös machten. Hamad überlegte, dass Sören Andersson entweder ein sehr guter Schauspieler war oder dass er tatsächlich nichts von der Polizei zu befürchten hatte.

»Was war der Zweck Ihrer Reise?«, fragte Hamad.

»Tja, es war in jederlei Hinsicht eine Vergnügungsreise«, antwortete der Mann gelassen.

»Und womit haben Sie sich die Zeit vertrieben? Haben Sie jemanden getroffen?«, fuhr Hamad fort.

»Nein, niemand Speziellen. Ich habe eine ganze Menge getanzt, gegessen und getrunken. Habe an den Daddelautomaten gespielt.«

»Haben Sie etwas gewonnen?«

»Nicht viel.«

»Jennifer Johansson, so heißt das Mädchen, wurde in einer der Bars zusammen mit einem Mann in Ihrem Alter gesehen. Waren Sie dieser Mann?«

»Nein.«

»Sind Sie sich da ganz sicher?«

»Wie gesagt, ich habe mich mit niemandem getroffen. An der Bar habe ich immer nur alleine gesessen.«

»Unsere Zeugen würden Sie also nicht als diesen Mann identifizieren können?«

»Wie sollte das möglich sein?«

Der Mann war kalt wie ein Eisblock, wies keinerlei Anzeichen von Unsicherheit auf.

»Sie haben also getanzt?«, fuhr Hamad fort.

»Ja, ein bisschen.«

»Mit jemand Bestimmtem?«

»Mit verschiedenen Damen.«

»Wie viele waren das?«

»Vielleicht fünf.«

»Haben Sie sich mit ihnen unterhalten?«

»Höchstens ein paar Worte.«

»Sie haben nicht mit Jennifer Johansson getanzt?«

»Nein.«

»Da sind Sie sich sicher?«

»Ja.«

Hamad bat ihn, im Detail zu erzählen, was er auf der Reise alles gemacht hatte. Er hatte alleine in einer Zweibettkabine übernachtet und sich gegen ein Uhr in der Mordnacht schlafen gelegt.

Der Mann sah ganz normal aus. Nichts an seinem Äußeren oder in seinem Verhalten erweckte besondere Aufmerksamkeit. Er zeigte ihm eine Fotografie von Jennifer Johansson und eine weitere, auf der die Kleider abgebildet waren, die sie in der Tatnacht getragen hatte.

»Erkennen Sie sie wieder?«

»Nein«, antwortete der Mann ruhig. »Das Bild habe ich schon einmal gesehen, aber das Mädchen noch nie.«

Für Hamad blieb nicht mehr viel zu tun, also ging er zu Sören Anderssons eigentlichem Anliegen über, das ihn in die Polizeiwache geführt hatte. Wie nebenbei fragte er halb teilnahmsvoll, halb scherzhaft: »Und dann haben Sie noch Ihre Brieftasche verloren. Ist das auf dem Boot passiert, oder …?«

»Nein, das war vorher.«

»Sind Sie bestohlen worden?«

»Das glaube ich nicht. Wahrscheinlich habe ich sie irgendwo liegen lassen oder verloren.«

Er antwortete gelassen und sachlich, ohne den Blickkontakt zu meiden, aber Hamads Lächeln blieb unerwidert. Sören Andersson zeigte keine Symptome von Nervosität.

»Wo könnte das passiert sein, was glauben Sie?«

»Keine Ahnung. Ich habe es erst am folgenden Tag bemerkt.«

»Und das war am …«

»Samstag.«

»Sie haben sie also am Freitag verloren?«

»Ja, so muss es gewesen sein.«

»Wann ist es Ihrer Einschätzung nach genau passiert?«

»Nachmittags oder am Abend.«

»Wann haben Sie Ihre Brieftasche das letzte Mal gesehen, wenn ich es so ausdrücken darf?«

»Als ich gegen vier Uhr eingekauft habe.«

»Sie waren abends außer Haus?«

»Ich habe einen Spaziergang gemacht.«

»Allein?«

»Allein.«

»Sie haben keine Familie?«

»Doch. Frau und Kind.«

»Aber die wollten Sie nicht auf der Finnlandtour begleiten?«

»Sie hatten anderes zu tun.«

»Woher hatten Sie das Geld für die Reise, nachdem Sie Ihre Brieftasche verloren hatten?«

»Meine Kreditkarten waren nicht in der Brieftasche.«

»Wo bewahren Sie sie normalerweise auf?«

»Ich lasse sie zu Hause, wenn ich glaube, dass ich sie nicht brauchen werde.«

»Warum haben Sie den Verlust nicht bei der Polizei gemeldet?«

»In der Brieftasche befand sich nichts Wertvolles. Ein bisschen Bargeld, aber ich rechnete nicht damit, es zurückzubekommen.«

»Und am Ende haben Sie es doch zurückbekommen?«

»Offenbar gibt es ehrliche Menschen.«

»Wissen Sie, wer Ihre Brieftasche hier abgegeben hat?«, fragte Hamad.

»Anscheinend jemand, der anonym bleiben wollte.«

»Haben Sie ein Vorstellung, um wen es sich gehandelt haben könnte?«

»Nein.«

Kurze, präzise Antworten, keine unnötigen Abschweifungen. Sören Andersson war ein wortkarger Mensch oder jemand, der sehr genau darauf achtete, nicht zu viel zu erzählen. Hamad hielt es für angebracht, die Vernehmung zu beenden.

*

Wenn man einen nächtlichen Spaziergang mit einem Kinderwagen im Vitabergspark unternimmt, wohnt man nicht sehr weit davon entfernt, fasste Petra Westman zusammen. Wenn man nicht zufällig zu Besuch war, aber dann wäre man sehr schnell von jemandem vermisst worden. Wenn man seine Nachmittage außerdem im Blecktornspark zu verbringen pflegt, unterstützt das diese Theorie.

Einige Hinweise waren hereingekommen, nachdem die Zeitungen begonnen hatten, von dem Vorfall zu berichten, aber sie hatten allesamt nichts erbracht. Petra hatte sämtliche Kinderkliniken besucht, die in vertretbarem Abstand zum Vitabergspark lagen. Die privatärztlichen Alternativen, die es hier und da in der Stadt gab, waren ebenfalls alle abgehakt worden. Darüber hinaus hatte sie einige Kinderkrankenschwestern, die in den letzten Tagen nicht bei der Arbeit gewesen waren, zu Hause besucht und sie gefragt, ob sie den Jungen und seine Mutter wiedererkannten. Überall war die Ausbeute gleich null.

Sie hatten keine Zeugen, keine Namen. Es war höchste Zeit, die Bilder an die Medien zu geben und die Öffentlichkeit um Hilfe zu bitten. Jemand würde das Bild einer toten Frau in der Zeitung sehen und so erfahren, dass er seine Frau verloren hatte. Jemand würde den Fernseher einschalten und in das bleiche Antlitz seiner toten Tochter blicken. Das war nicht gut. Aber irgendetwas müssen sie schließlich tun, um voranzukommen. Alles andere war unverantwortlich.

Das war einer der Gründe dafür, dass Petra in die Wache zurückgekehrt war, obwohl es immer noch einige Kinderkrankenschwestern abzuklappern gab. Um den Plan mit Sjöberg zu diskutieren. Um ihn um Hilfe bei der Rekonstruktion des Unfalls mit Fahrerflucht zu bitten, wenn es denn ein Unfall gewesen war. Aber etwas Unheilschwangeres hatte in seiner Stimme mitgeklungen. Dieser Unterton hatte bewirkt, dass sie Schwierigkeiten gehabt hatte, sich auf etwas anderes zu konzentrieren. Er hatte sie gebeten, sich zu einer Unterredung einzufinden, also konnte sie genauso gut den Stier bei den Hörnern packen.

Mit einem leichten Schaudern ging sie an Sjöbergs Tür vorbei, als sie den Flur hinunterging. Die Tür war angelehnt, und sie hörte, wie er sich dort drinnen mit jemanden unterhielt. Ruhig und freundlich. Sie ging in ihr eigenes Büro, hängte ihre Jacke an den Haken hinter der Tür und setzte sich an den Schreibtisch, um sich zu sammeln. Ihr Mund war trocken, das Herz klopfte so hart, dass sie es in den Ohren hörte, sie konnte sich nicht erinnern, seit ihrer Führerscheinprüfung jemals so nervös gewesen zu sein. Es war wichtig, bei Sjöberg einen Stein im Brett zu haben. Es war schwierig, es nicht zu haben, denn es fiel ihm leicht, Menschen zu mögen, sie als diejenigen zu schätzen, die sie waren. Er war ein Mensch, den man nicht enttäuschen wollte, aber Petra hatte irgendwie das mulmige Gefühl, genau dies getan zu haben.

Ein leichtes Klopfen an der Tür ließ sie fast aus ihrem Stuhl springen.

»Nervös?«, fragte Gunnar Malmberg, der stellvertretende Polizeidirektor, mit einem Lächeln, dem jede Wärme fehlte.

Petra lachte und schüttelte den Kopf.

»Nein, ich war nur in Gedanken.«

Er kam herein und setzte sich ihr gegenüber auf den Besucherstuhl.

»Da geht einem manches im Kopf herum, kann ich mir denken.«

Das Lächeln war bereits restlos aus seinem Gesicht verschwunden.

»Ja, ich arbeite ganz intensiv an einem Fall …«

»Du hast anscheinend auch noch andere Sachen am Laufen.«

Petra verstand nichts mehr, wand sich ein bisschen in ihrem Stuhl, ohne dass ihr irgendeine Idee kam, was sie darauf erwidern sollte.

»Neben der Arbeit.«

Er hatte sich bequem in seinem Stuhl zurückgelehnt, die Beine gespreizt und die Hände über dem Bauch gefaltet. Nett und adrett in einem sorgfältig gebügelten Hemd, mit Schlips und Anzug und umgeben von einer Aura der Selbstsicherheit betrachtete er sie, während ihre Gedanken fieberhaft daran arbeiteten, den Grund für seinen Besuch herauszufinden.

»Was hast du beispielsweise am Freitag getan?«

»Ich hatte den ganzen Tag Seminar, wie du ja weißt«, antwortete Petra und spürte, wie ihre Verwunderung langsam in Verärgerung überging. »Ist das hier so eine Art Verhör?«

Malmberg war ein treuer Diener seines Polizeidirektors. Der Polizeidirektor war ein Idiot, vernagelt und unfähig, aber er hatte ein einschmeichelndes Lächeln und war nicht auf den Mund gefallen. Malmberg war derjenige, der die Arbeit erledigte. Immer einen Schritt hinter dem Polizeidirektor, begabt, gerissen und mit einem oberflächlichen Charme, mit dem er jeden um den Finger wickeln konnte. Was er im Augenblick allerdings nicht versuchte.

»Würde dich das denn wundern?«

»Ja, sehr«, antwortete Petra etwas trotziger.

»Was hast du nach dem Seminar gemacht?«

»Ich bin zur Polizeiwache zurückgekehrt und habe im Kraftraum trainiert. Anschließend habe ich mit einem Kollegen ein Bier getrunken.«

»Ein Bier?«

Unbegreiflich. Was wollte er nur?

»Glaubst du, dass ich zu viel trinke, oder worum geht es hier?«

»Beantworte einfach meine Fragen, bitte. Wie viel hast du getrunken?«

Petra verdrehte die Augen.

»Fünf, denke ich. So, jetzt weißt du es.«

»Mit wem bist du ausgegangen, und wo wart ihr?«

»Bist du jetzt interner Ermittler?«, entgegnete Petra.

»Ich bin interner Ermittler in diesem aktuellen Fall, im Auftrag des Polizeidirektors.«

Brandt, dachte Petra. Dieser notgeile Bock fühlt sich auf die Füße getreten, und jetzt versucht er mich in den Dreck zu ziehen.

»Und dafür, glaube ich, solltest du mir dankbar sein«, fuhr Malmberg fort. »Dass nicht noch mehr Leute hineingezogen werden, meine ich.«

Letzteres fügte er mit einem etwas hastig verblühenden Lächeln hinzu, das sie an einen Vater denken ließ, der sein Kind ermahnte.

»Also, mit wem warst du unterwegs, und wo seid ihr gewesen?«

»Ich war mit Jamal Hamad im Pelikan

»Und wann seid ihr von dort wieder aufgebrochen?«

»So um halb zwölf, glaube ich.«

»Gemeinsam?«

Nach einer Sekunde des Zögerns antwortete Petra:

»Wir haben die Kneipe zusammen verlassen, ja.«

»Und dann?«

»Was genau möchtest du wissen?«

»Ich möchte wissen, was ihr danach gemacht habt«, antwortete Malmberg.

»Ah, jetzt verstehe ich«, sagte Petra mit einem verächtlichen Lächeln. »Dass Brandt an Sex interessiert ist, das wusste ich ja, aber das Sexleben anderer Menschen auszuspähen … Du kannst ihm ausrichten, dass ich nicht mit Jamal ins Bett gegangen bin und dass ich ebenfalls nicht daran interessiert bin, mit dem Polizeidirektor ins Bett zu gehen.«

Malmberg verriet mit keiner Miene, was er dachte. Sachlich und mit eiskalter Stimme setzte er das Verhör fort.

»Aber du hast noch einen Abstecher zur Polizeiwache gemacht, bevor du nach Hause gefahren bist?«

»Nein, das habe ich nicht getan.«

»Die Logdatei des Kartenlesers an der Eingangsschleuse zeigt, dass du um 23:44 Uhr gekommen bist und das Gebäude um 0:06 Uhr wieder verlassen hast.«

»Aber das stimmt nicht«, sagte Petra und spürte, wie sie bei diesem rätselhaften Verhör in die Defensive geriet.

Sie wusste nicht, worum es ging, und sie wusste nicht, wofür sie sie drankriegen wollten, aber es geriet langsam außer Kontrolle. Doch plötzlich kam ihr eine Idee.

»Nach dem Seminar sind Jamal und ich noch einmal zur Wache zurückgekehrt. Ich bin nach oben in mein Büro gegangen, und während ich meine Sporttasche geholt habe, habe ich meine Passierkarte auf den Schreibtisch gelegt und dort vergessen. Wir sind gemeinsam in den Kraftraum gegangen, und er hat mich mit hineingenommen. Wir sind auch gemeinsam wieder nach oben gegangen und haben die Taschen in unsere Büros zurückgebracht, und ich habe dann entweder wieder vergessen, die Karte vom Schreibtisch zu nehmen, oder sie hat dort nicht mehr gelegen.«

»Warum hast du in dem Fall nicht direkt gemeldet, dass du deine Passierkarte verloren hast? Du weißt, dass das laut Dienstanweisung vorgeschrieben ist.«

»Weil sie am Samstag wieder hier auf dem Tisch lag, als ich kurz vorbeigekommen bin. Ich hatte sie zwischendurch gar nicht vermisst. Der Haupteingang war geöffnet, ich bin direkt in mein Büro gegangen, und dort hat sie gelegen.«

»Also hat sich jemand deine Passierkarte ausgeliehen. Hat sich vielleicht auch jemand deinen Computer ausgeliehen?«

»Nein«, sagte Petra. »Niemand kennt mein Passwort.«

»Und wie lautet es? Westman vielleicht?«

Petra versuchte ein herablassendes Lächeln zu produzieren.

»Nichts, was man erraten könnte.«

»Zeig es mir«, forderte Malmberg sie auf.

»Mein Passwort? Niemals.«

»Wie du dich in deinen Rechner einloggst.«

Während Petra sich in ihren Computer einloggte, blieb er ruhig auf dem Stuhl sitzen und versuchte nicht zu beobachten, was sie eintippte.

»So«, sagte Petra. »Ich bin drin.«

»Du bleibst dabei, dass deine Datensicherheit gewährleistet ist? Dass niemand anderes als du selbst die Möglichkeit hat, Zugang zu deinem Rechner zu bekommen?«

Petra nickte, fühlte sich aber plötzlich unsicher, ob das die richtige Antwort war.

»Geh in dein Mailprogramm«, fuhr Malmberg mit frostiger Stimme fort.

Petra tat ohne zu murren, was er von ihr verlangte. Sie war nicht dazu verpflichtet, aber sie wollte das Ganze hinter sich bringen.

»Am Freitag um 23:58 Uhr hast du eine provozierende Mail an Roland Brandt geschickt«, sagte Malmberg, während er sich aus dem Stuhl erhob und seinen Schlips zurechtrückte. »Er fühlt sich in seiner Persönlichkeit zutiefst verletzt und wird entsprechende Maßnahmen ergreifen. Die Tatsache, dass du betrunken warst, kann möglicherweise als mildernder Umstand betrachtet werden. Oder als erschwerender. Wir lassen von uns hören, sobald entschieden worden ist, ob eine Entzugstherapie, Suspendierung, Versetzung oder Entlassung die angemessene Reaktion auf dein Verhalten ist. Auf Wiedersehen.«

Der stellvertretende Polizeidirektor verließ mit selbstsicheren Schritten das Büro. Petra war den Tränen nahe und hatte immer noch nicht die leiseste Ahnung, welchen Vergehens sie eigentlich beschuldigt wurde. Mit einem dicken Klumpen im Hals klickte sie auf den Ordner mit den versendeten Nachrichten.

*

Die Sonne ging unter, und jetzt würde es nicht mehr lange dauern. Hanna hatte sich den ganzen Nachmittag nach diesem Abend gesehnt, denn dann, wenn es draußen dunkel war, würde sie endlich gerettet werden. Von einem netten Onkel namens Teddy. Er würde Essen und Süßigkeiten mitbringen. Hanna konnte es gar nicht mehr erwarten. Sie wollte, dass es sofort Abend war.

Am Vormittag, als noch ganz viel Zeit vor ihr lag, hatte sie sich sehr einsam gefühlt. Sie hatte vor dem Fernseher auf dem Boden gelegen und geweint, lange geweint. Sie sehnte sich so schrecklich nach Mama, dass sie es kaum noch aushalten konnte. Ihr Zorn war mittlerweile verraucht, auf Mama konnte man nicht lange böse sein. An Lukas dachte sie gar nicht. Es war nur noch die Einsamkeit übrig. Eine Einsamkeit, die so groß war, dass sie Schmerzen in den Ohren bekam. Die Stille in der Wohnung, wenn der Fernseher ausgeschaltet war, prallte zwischen den Wänden hin und her wie eine große, donnernde Kugel, die niemals zur Ruhe kam. In diesen Augenblicken brauchte sie Mama, nicht einmal Papa hätte da ausgereicht.

Hanna hatte aufgehört zu weinen, als sie nicht mehr konnte, als es im Hals so wehgetan hatte, dass sie aufhören musste. Danach hatte sie noch viele Stunden unverändert dagelegen und vor sich hingestarrt, während die Gedanken kamen und gingen. Sie hatte seit dem Morgen nichts gegessen, hatte keine Kraft aufzustehen. Am Ende war sie einfach eingeschlafen.

Als sie einige Stunden später aufwachte, fühlte sie sich schon besser. Sie hatte Butter gegessen, direkt aus der Packung, und ungekochte und ungeschälte Kartoffeln aus dem Kühlschrank. Es war nicht lecker, aber es hatte ein bisschen satt gemacht, und bald würde ja Teddy mit den Hamburgern kommen.

Sie saß an dem kleinen Tisch in ihrem Zimmer und legte ihre Lesezeichen in langen Reihen vor sich hin, als das Telefon klingelte. Sie lief in den Flur hinaus, kletterte auf den Stuhl und war am Apparat, bevor es mehr als viermal geklingelt hatte.

»Hallo!«, meldete sie sich erwartungsfroh.

Vielleicht war es Mama, die endlich anrief.

»Ist dort Hanna?«

Das war nicht Mamas Stimme.

»Ja«, antwortete sie trotz der Enttäuschung. »Wer ist da?«

»Meine Kleine, ich bin’s, Barbro! Wie geht es dir?«

»Ich finde dich doof«, sagte Hanna.

»Ich verstehe, dass du denkst, dass ich sehr lange gebraucht habe. Aber es war sehr schwer, dich zu finden, das kann ich dir sagen.«

»Du lügst.«

»Liebe Hanna! Wenn du wüsstest, was ich alles getan habe, um dich zu finden.«

»Du lügst«, sagte Hanna noch einmal.

»Darf ich mit deiner Mama oder deinem Papa sprechen?«, fragte Barbro.

»Die sind nicht hier. Das weißt du doch.«

»Gibt es jemand anderes, mit dem ich sprechen kann?«

»Nein, das hab ich dir doch gesagt. Du bist dumm.«

»Ich habe an ganz vielen Stellen nach dir gesucht, Hanna! Jetzt weiß ich, wo du wohnst, und ich kann dich auch anrufen. Bald kommt ein netter Onkel und hilft dir.«

»Ich weiß«, sagte Hanna.

»Du hast das schon gewusst?«, wunderte sich Barbro.

»Ja, er hat angerufen und es gesagt.«

Dann fiel ihr ein, dass sie Teddy doch versprochen hatte, dass es ihr Geheimnis bleiben sollte, dass sie es niemandem erzählen durfte.

»Mein Papa kommt gleich«, sagte sie schnell.

»Bist du da sicher?«, fragte Barbro.

»Ja«, sagte Hanna. »Er ist Hamburger kaufen gegangen, und die essen wir gleich.«

»Aber … Dein Vater ist also wieder nach Hause gekommen?«

»Nein, er ist Hamburger kaufen gegangen, das hab ich doch schon gesagt.«

»Na, das ist ja toll, Hanna! Dann bist du jetzt nicht mehr länger allein?«

»Genau. Tschüß!«, sagte Hanna knapp und legte den Hörer auf.

Barbro war es mit Hilfe der Internetseite Eniro gelungen, die Telefonnummern aller Haushalte in der Ploggatan 20 herauszufinden, bis auf einen, der eine geheime Nummer hatte. Jetzt zur normalen Arbeitszeit hatte sie sich darauf eingestellt, eine Weile am Telefon verbringen zu müssen, ohne dass sich jemand meldete. Aber zu ihrer großen Freude hatte sich bereits bei ihrem dritten Anruf die kleine Hanna gemeldet.

Als das Mädchen so plötzlich wieder aufgelegt hatte, war ein ungutes Gefühl zurückgeblieben. Das Gespräch hatte eine seltsame Wendung genommen, die sie im Nachhinein nicht mehr richtig rekapitulieren konnte. Hatte der stellvertretende Polizeidirektor Malmberg mit Hanna telefoniert? Oder dieser Holgersson? War der Vater zurückgekommen, oder war er vielleicht niemals weg gewesen? Sie hatte während des Gesprächs versucht, Ordnung in ihre Gedanken zu bringen, aber bevor es ihr gelungen war, hatte Hanna schon aufgelegt.

Barbro saß danach noch eine ganze Weile mit dem Telefon in der Hand da und überlegte, ob sie noch einmal anrufen sollte. Schließlich erhob sie sich mit einem Seufzen und ging in die Küche, um sich Teewasser aufzusetzen.

*

Jennifers private Habseligkeiten passten in einen Schuhkarton. Solange sie lebte, war es Elise absolut verboten, sich dieser Kiste auch nur zu nähern, aber jetzt war es eben anders. Jennifer war tot. Daran war nichts mehr zu ändern. Sie saß an ihrem kleinen Tisch – es wäre übertrieben, ihn einen Schreibtisch zu nennen, auch wenn er so gedacht war – und hob vorsichtig den Deckel von dem Karton. Sie spürte ein Ziehen im Bauch, als sie die Tür zum geheimnisvollen Leben ihrer großen Schwester einen Spaltbreit öffnete.

Elise wusste nicht, was sie erwartet hatte dort zu finden, aber wahrscheinlich etwas viel Schlimmeres, viel Verboteneres als diese bedeutungslosen Dinge, die sie jetzt vor sich sah. Ein paar Fläschchen Parfüm, billiger Schmuck, der schon seit Jahren nicht mehr Jennifers Stil gewesen sein konnte, ein paar Briefe von einem Mädchen aus Schonen, mit dem Jennifer vor vielen Jahren eine Brieffreundschaft hatte. Da gab es einen Stapel mit Passfotos von Jennifers Freunden aus der Mittelstufe, ein Paket französische Zigaretten ohne Filter, ein nur halb eingelöstes Rezept für Antibabypillen. Und ganz unten: ein Adressbuch.

Elise nahm es heraus und blätterte es von hinten nach vorne durch. Nur Namen, die ihr aus Jennifers Bekanntenkreis schon geläufig waren. Die meisten waren alte Freunde aus der Grundschule, aber ein paar neue Namen waren in jüngster Zeit doch dazugekommen. Elise wusste immer, mit wem Jennifer sich traf, auch wenn sie selten oder nie dabei sein durfte. Dann fand sie Jocke. »Jocke Andersson« stand dort. Sie ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen.

Wie viele Male hatte sie das nicht schon mit ihren Freunden gemacht, wenn sie das Schuljahrbuch durchgeblättert hatten, um das Aussehen der Jungs mit Punkten zu bewerten? Eigentlich war das ja vollkommen idiotisch, aber es kribbelte im Bauch, wenn man die Adresse einer heißen Beute sah. Sie fragte sich, ob es bei den Jungen genauso lief. Ob auch sie schon beim Anblick der Adressen der Mädchen zu sabbern begannen. Und jetzt war es wieder da, dieses Kribbeln im Bauch. Jocke war spannend, groß und erwachsen – keiner dieser kleinen, flaumbärtigen Jungen, mit denen sie zur Schule ging.

Sie klappte das Adressbuch zu und holte den Stapel mit Passfotos aus dem Schuhkarton. Sie brauchte nicht lange zu suchen, bis sie in Jockes blaugraue Augen schaute. Auf dem Bild trug er keinen Bart. Diese Augen waren unverwechselbar. Ein bisschen gefährlich sah er auch aus. Vielleicht sind es diese Augen, diese traurigen Augen, die eher nach innen gekehrt wirken, vielleicht, dass er erwachsen war und wie er Jennifer im Arm gehalten hat, als würde er sie besitzen. Und jetzt war er frei, dachte sie plötzlich. Jetzt war er nicht mehr Jennifers Freund, jetzt konnte er nehmen, wen er wollte, tun, was er wollte.

Es hatten doch immer alle gesagt, dass sie sich so ähnlich seien, sie und Jennifer. Da war Elise eigentlich ganz anderer Meinung, aber wenn sie die Leute nun einmal so sahen … Sie würde viel dafür geben, einmal diese Arme um sich spüren zu dürfen. Vielleicht hatte er ja auch …? Jocke war jetzt bestimmt sehr traurig. Außerdem hatte die Polizei wohl ein Auge auf ihn, er war bestimmt verdächtig. Aber das konnte Elise sich nicht vorstellen – dass Jocke Jennifer ermordet haben sollte, mit bloßen Händen erwürgt. Nein, so wie er sie damals in den Armen gehalten hatte, als sie die beiden zusammen gesehen hatte. Sie stellte sich vor, dass er deprimiert war. Er brauchte Trost, jemanden, mit dem er reden konnte.

Und wer könnte besser dafür geeignet sein als sie selbst? Sie saßen schließlich in einem Boot, Jocke und Elise. Lebten in einem Vakuum nach dem Verlust von Jennifer. Es könnte einen Versuch wert sein. Sie blätterte noch einmal bis zu seiner Adresse und lernte sie auswendig. Er wohnte gar nicht so weit weg, nur ein paar Blocks weiter. Sie legte Jennifers Sachen in den Schuhkarton zurück, schloss den Deckel und stellte alles in die Garderobe zurück. Als ob Jennifer sonst entdecken könnte, was sie getan hatte.

Elise hängte sich an eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi gegangen war, und schlüpfte unbemerkt hinter ihr durch die Eingangstür. Sie blieb vor dem Klingelbrett stehen, um nachzuschauen, in welchem Stockwerk Jocke wohnte. Es gab zwei Anderssons im Haus, und sie beschloss, zunächst in den ersten Stock zu gehen. Sie wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, wenn sie Jocke traf, aber sie war nicht besonders schüchtern, also würde ihr schon irgendetwas einfallen. Sie fragte sich, ob Jennifer jemals hier gewesen war. Falls ja, hatte sie es jedenfalls nicht erzählt, aber warum hätte sie das auch tun sollen? Plötzlich kam ihr der Gedanke, dass Jocke vielleicht gar nicht zu Hause war, aber irgendwie war sie davon überzeugt, dass sie ihn antreffen würde. So wie die Dinge lagen.

Und tatsächlich war es Jocke, der die Tür öffnete. Er schaute sie fragend an, ohne ein Wort zu sagen.

»Hallo«, sagte sie und lächelte ihn an. »Bist du Jocke?«

»Ja«, antwortete er und erwiderte vorsichtig ihr Lächeln.

Er sah aus, als wäre er in eine Prügelei geraten, mit einem mittlerweile gelben Bluterguss an einem Auge.

»Ich bin Elise.«

Jocke schaute sie ein paar Sekunden lang schweigend an, ohne sich anmerken zu lassen, was er gerade dachte.

»Ihr seid euch ähnlich«, sagte er dann.

»Das sagen alle.«

Das Gespräch geriet ins Stocken.

»Darf ich einen Moment reinkommen?«, fragte Elise schließlich.

»Nein, im Augenblick passt das überhaupt nicht«, antwortete Jocke und schaute über die Schulter zurück, als ob es dort jemanden gab, der nicht wissen durfte, dass sie hier war. »Wolltest du etwas Bestimmtes, oder …?«

»Nein, nur ein bisschen reden.«

»Mein aufrichtiges Beileid«, sagte Jocke und senkte den Blick.

Die Worte klangen irgendwie so feierlich. Es klang nicht natürlich, wenn junge Menschen so etwas sagten, aber vielleicht gab es keine andere Art, es zum Ausdruck zu bringen.

»Da kann ich nur dasselbe sagen«, antwortete Elise.

»Ja. Es ist furchtbar, was passiert ist.«

»Hast du die Polizei an der Backe?«, fragte Elise in dem Versuch, eine gemeinsame Ebene zu finden.

»Ja, klar«, sagte Jocke. »Lassen sie dich auch nicht in Ruhe?«

»Die glauben zwar nicht, dass ich es getan habe, aber sie stellen die ganze Zeit jede Menge Fragen.«

»Nervig«, kommentierte Jocke.

»Verdächtigen sie dich, oder …?«, fragte Elise.

»Das nehme ich an. Das müssen sie wohl«, seufzte Jocke.

»Ich glaube jedenfalls nicht, dass du es warst. Du siehst nicht wie ein Mörder aus«, stellte Elise fest.

»Danke«, sagte Jocke mit einem zögernden Lächeln.

Er rieb sich mit dem Zeigefinger am Auge, als würde er sich fragen, ob sein blaues Auge nicht eine andere Geschichte erzählte. Es hallte im Treppenhaus, als die Eingangstür unten ins Schloss fiel.

»Wie fühlst du dich?«

Jocke zögerte einen Moment, bevor er antwortete.

»Beschissen, im Grunde. Das Leben hat irgendwie … aufgehört. Man weiß nicht, wie man weitermachen soll.«

»Mir geht es genauso«, sagte Elise schnell.

Eigentlich wusste sie nicht, wie sie sich fühlte. Sie hatte noch gar nicht so richtig in sich hineingehorcht. Es war schwer zu begreifen, dass ihre große Schwester tatsächlich ermordet worden war. Dass es Jennifer nicht mehr gab. Gleichzeitig hatte sie noch gar nicht angefangen, sie zu vermissen. Jocke sah traurig aus, und sie bekam Lust, ihn in den Arm zu nehmen. Ihn über die Wange zu streicheln, auf irgendeine Art zu zeigen, dass sie Anteil nahm. Sie hörte, wie sich jemand im Treppenhaus von unten näherte und drehte sich zu dem Geräusch um. Ein Mann war auf dem Weg nach oben, aber sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, weil er den Blick nach unten, auf seine Schuhe, gerichtet hatte.

Sie wandte sich wieder Jocke zu und wollte gerade etwas sagen, als sie bemerkte, wie er erstarrte. Sein Blick wurde irgendwie leer, als ob er nicht mehr richtig da war. Er schaute nicht mehr sie an, sondern den Mann, der sich ihnen von unten näherte. Elise spürte sofort die Spannung und zog die Schultern hoch, um sich vor dem zu schützen, was möglicherweise gleich von hinten kam. Sie und Jocke standen wie festgenagelt da. Sie wagte nicht, sich umzudrehen, starrte nur Jocke an und versuchte aus seinen Reaktionen abzulesen, wie sie sich verhalten musste.

»Aha«, sagte eine Männerstimme hinter ihr.

Jocke sagte nichts. Elise rührte sich nicht.

»Wen haben wir denn da?«

»Nur eine Freundin«, sagte Jocke.

*

Das war die falsche Antwort gewesen, das war Jocke sofort klar. Er hätte alles Mögliche sagen dürfen, nur nicht das. Es wurde von ihm erwartet, keine Freunde zu haben. Und vor allem keine Freundin. Er hätte sagen können, dass jemand an der falschen Tür geklingelt hatte. Irgendwas, nur nicht das. Er hatte es für Elise getan, damit sie sich nicht wunderte. Aber er hätte es besser wissen müssen.

»Das ist ja eine hübsche kleine Freundin, die du da hast«, sagte der Mann mit freudloser Stimme, aber der Hohn in seiner Stimme entging Elise nicht.

Er sprach über sie, vielleicht auch zu ihr, und sie reagierte ganz natürlich darauf, indem sie sich mit einem gezwungenen Lächeln zu dem fremden Mann umdrehte, als ob sie ihn begrüßen wollte. Aber das Lächeln erstarb, und sie bekam kein Wort heraus. Jocke sah, was passierte, aber ohne es zu verstehen, und um die Situation zu retten, sagte er eilig, mit so neutraler Stimme, wie es ihm möglich war:

»Sie wollte gerade gehen, Papa.«

Aber die Worte verloren sich im Nichts. Elise, die eigentlich nur ihre Hand zum Gruß heben und dann hätte gehen können, stand wie festgefroren mit offenem Mund da und konnte ihre Blicke nicht von dem Mann losreißen, und Jockes Vater, der bereits einen Schritt in die Wohnung gemacht hatte, hätte eigentlich seine Bewegung fortsetzen und im Dunkel der Diele verschwinden können. Stattdessen blieb er stehen, und Jocke sah die Verachtung in den Augen seines Vaters, als er sie vom Scheitel bis zu den Sohlen musterte, ein Körperteil nach dem anderen, bevor er mit Schaum in den Mundwinkeln fauchte:

»Bist du gar nicht tot, du verdammte kleine Hure?«

Erst dann ließ der böse Zauber nach, und sie sprang so schnell sie konnte die Treppe hinunter.

*

»Nichts«, sagte Sjöberg. »Nicht das Geringste von Interesse ist bei den ganzen Befragungen herausgekommen.«

Hamad konnte es nicht lassen, noch eine Weile seine Vorfreude auszukosten und zu warten, bis der Kommissar sich ausgeheult hatte, bevor er von seiner eigenen Entdeckung berichtete.

»Du siehst müde aus«, sagte er.

Sjöberg seufzte. Seine Gedanken wanderten zu Margit Olofsson, die seinen Nachtschlaf störte, und dem Duft ihres Parfüms, das nach wie vor um ihn herum in der Luft hing. Er wollte nicht daran denken, und noch weniger darüber reden.

»Ja, dafür gibt es wohl mehr als einen Grund«, antwortete er, ohne den Gedanken weiter auszuführen. »Nieminen hat übrigens angerufen. Diese finnischen Berater, Helenius und Grönroos, hatten noch nie mit der Polizei zu tun. Oder mit den Finanzbehörden. Sie hatten vollkommen einleuchtende Gründe für ihre Reise nach Schweden, sodass sie zumindest in dieser Hinsicht keine halbseidenen Typen sind. Wie ist es bei dir gelaufen?«

»Ich habe einen Zusammenhang gefunden«, sagte Hamad. »Einen Zusammenhang zwischen Jennifer Johansson und einem bisher unbekannten Passagier auf der Finnlandfähre.«

»Was sagst du da?«, fragte Sjöberg und sah plötzlich viel munterer aus. »Das ist genau das, was wir jetzt brauchen.«

»Es ist vage, aber es ist ein Zusammenhang. Leider komme ich damit nicht weiter.«

»Lass hören«, sagte Sjöberg.

Hamad erzählte von seiner Begegnung mit Elise, und Sjöberg hörte mit steigendem Interesse zu. Hamad erzählte weiter, wie er den Namen Sören Andersson in den Passagierlisten entdeckt und ihn später befragt hatte, ohne dass etwas Interessantes dabei herausgekommen wäre.

»Ja, damit können wir uns doch nicht zufriedengeben«, befand Sjöberg. »Er stimmt in Alter und Aussehen mit diesem Mann an der Bar überein?«

»Doch, er könnte es gewesen sein«, sagte Hamad.

»Aber diese Brieftasche … Wie ist Elise da rangekommen?«, fragte Sjöberg. »Wenn dies die Verbindung ist, nach der wir gesucht haben, wie um alles in der Welt soll das zusammenhängen?«

»Jennifer kann die Brieftasche nicht auf dem Schiff gestohlen haben, dann hätte Elise sie nicht. Elise sagt, dass sie sie am Sonntag gefunden hat. Andersson sagt, dass er sie am Freitag verloren hat.«

»Vielleicht lügt er«, schlug Sjöberg vor. »Nehmen wir an, dass Jennifer sie auf der Fähre gestohlen und sie dann in ihrer Kabine versteckt oder einer ihrer Freundinnen gegeben hat. Er bringt sie um, bekommt aber seine Brieftasche nicht zurück. Eine der Freundinnen gibt die Brieftasche Elise, die sie dann bei uns abgibt.«

»Aber warum sollte sie dann lügen?«, fragte Hamad. »Außerdem wäre es wohl eine ziemliche Überreaktion, jemanden umzubringen, weil er einem die Brieftasche geklaut hat. Da muss noch mehr dahinterstecken.«

»Drogen?«, schlug Sjöberg vor.

»Jennifer hat keine Drogen genommen.«

»Wir setzen Eriksson darauf an, ein bisschen in der Vergangenheit dieses Sören Andersson zu wühlen, vielleicht gibt es dort etwas. Es wird schwierig werden, seine Geschichte zu widerlegen, besonders wenn er sich bemüht hat, während der Reise anonym zu bleiben.«

»Falls er derjenige ist, der mit Jennifer an der Bar gesessen hat, dann hat er dabei zumindest einen Fehler gemacht. Er ist gesehen worden.«

»Das sind nur Indizien«, sagte Sjöberg. »Wir werden sehen, was Lehto zu diesem Typen zu sagen hat, aber zuerst müssen wir Elise ordentlich auf den Zahn fühlen.«

Ein leises Klopfen an der offenen Tür ließ sie beide verstummen. Westman stand in der Tür, und auf Hamad wirkte sie wie ein schüchternes Schulmädchen. So hatte er sie noch nie zuvor erlebt.

»Ich hole dich gleich ab«, beendete Sjöberg das Gespräch mit einer Stimme, die plötzlich einen autoritären Ton angenommen hatte. »Mach die Tür hinter dir zu.«

Hamad erhob sich mit einer hochgezogenen Augenbraue, klopfte Petra aufmunternd auf den Rücken und verließ das Büro.

Petra ließ sich mit einem Seufzen in den Besucherstuhl sinken, von dem Hamad gerade aufgestanden war. Sie spürte die Wärme, die er hinterlassen hatte, als sie mit einer bedauernden Miene Sjöbergs Blicken begegnete.

»Tja, Petra«, seufzte Sjöberg seinerseits. »Ich sehe dir an, dass du dich nicht wohlfühlst.«

»Ich weiß, was du mit mir besprechen willst«, antwortete sie. »Ich habe es gerade von Gunnar Malmberg erfahren. Sie wollen mich rauswerfen.«

Sjöberg schüttelte den Kopf und betrachtete sie mit einem Blick, der kaum zu ertragen war. Er hatte Mitleid mit ihr. Nicht, weil sie schlecht behandelt worden war, sondern weil sie … krank war. Unzurechnungsfähig. Ein Problemkind. Das schwarze Schaf der Truppe. Ein Skandal.

»Hast du den Eindruck, dass das dein größtes Problem ist?«, fragte er, ohne zu verhehlen, wie groß seine Enttäuschung war. »Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sofort meine Sachen zusammenpacken und dieses Gebäude verlassen. Begreifst du nicht, wie sehr du dich bloßgestellt hast? Das ist nicht wiedergutzumachen, Petra, du kannst hier nicht bleiben.«

»Es ist schlimm, Conny, aber nicht so schlimm, wie es aussieht.«

Sie konnte sehen, wie er wütend wurde, aber alles war besser als dieser enttäuschte Ausdruck in seinen Augen.

»Petra, das ist ein pornographisches Bild.«

Sjöberg zischte die Worte heraus, damit man es nicht auf dem Flur hören konnte. Petra senkte ihren Blick.

»Ein Bild, das dich beim Geschlechtsverkehr in einer unkonventionellen Stellung zeigt. In einer Mail, die offensichtlich eine Einladung an den Polizeidirektor sein soll! ›Sexy, oder?‹ Was zum Teufel ist denn in dich gefahren, Petra? Hast du Alkoholprobleme, oder glaubst du, dass du dich in eine höhere Gehaltsstufe ficken kannst?«

»Du hast das Bild gesehen«, sagte Petra still.

»Ich habe das Bild gesehen, weil Brandt mich dazu gezwungen hat. Ich habe es mir eine Sekunde oder so angeschaut, bis mir klar wurde, was ich da eigentlich sah, dann habe ich es sofort wieder weggeklickt. Glaub mir, Petra, ich bin nicht die Bohne daran interessiert, dich auf diese Weise zu betrachten.«

Sogar während er sich aufregte, während er sie zur Schnecke machte, waren seine Augen freundlich. Plötzlich wurde Petra klar, dass er gar nicht wütend war, er war zutiefst traurig. Ihr kamen die Tränen.

»Conny, ich habe diese Mail nicht verschickt. Ich war noch nicht einmal hier, als sie verschickt wurde«, sagte sie so ruhig, wie es ihr möglich war, während sie spürte, wie der Kloß in ihrem Hals immer größer wurde.

»Und das auf dem verdammten Bild, das bist du dann natürlich auch nicht! Was?«

»Das auf dem Bild bin ich, aber ich war bewusstlos, als es aufgenommen wurde«, brachte sie heraus, bevor die Tränen sich ihren Weg bahnten. »Außerdem ist es keine Fotografie, es ist ein Einzelbild aus einer Videoaufnahme, die gemacht wurde, als ich letzten Herbst vergewaltigt wurde. Und wenn du mir nicht glaubst, dann kannst du Hadar fragen.«

Jetzt konnte sie die Tränen nicht länger zurückhalten, und auf eine bestimmte Weise waren sie eine Befreiung. Sie hatte kein einziges Mal geweint seit dieser verdammten Vergewaltigung, aber jetzt fühlte es sich an, als hätte sie die ganze Zeit nur auf diese Gelegenheit gewartet. Einfach die Schleusentore zu öffnen und die Gefühle herauszulassen. Und mehr war nicht nötig, um den Sturm, der in Sjöberg tobte, zu besänftigen. Aus reiner Intuition ließ er seine Loyalität, die für ein paar Stunden in die Irre geleitet worden war, wieder an die alte Stelle zurückkehren. Zu Petra. Zu seiner Petra, an der er noch nie zuvor gezweifelt hatte. Instinktiv stand er auf und ging zu ihr hinüber. Mit beiden Händen richtete er ihr Gesicht zu ihm auf, nahm sie bei den Händen und zog sie aus dem Stuhl vorsichtig zu sich hinauf. Er nahm sie in den Arm und drückte ihren Kopf fest an seine Brust.

»Hadar?«, sagte Sjöberg sanft.

Er spürte, wie sie in seiner Umarmung nickte, und dann blieben sie lange so stehen, während er ihr über das Haar strich und wartete, bis sie sich beruhigt hatte.

Das Schweigen wurde erst gebrochen, als Sjöberg sie in den Nacken kniff und fragte, ob sie eingeschlafen sei. Petra musste lachen und machte sich frei. Sie wischte sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht, und Sjöberg kehrte zu seinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück. Petra lächelte ihm verschämt zu, bevor sie sich auch wieder setzte, und stellte fest, dass Sjöberg aussah, als wäre ihm ebenfalls ein großer Stein vom Herzen gefallen.

»Jetzt bitte alles von Anfang an«, sagte Sjöberg und legte die gewohnte Arbeitsfalte zwischen den Augenbrauen an.

Petra berichtete zum ersten Mal seit fast einem Jahr wieder, wie sie und Jamal einen Novemberabend in der Clarion-Bar verbracht hatten, wie sie mit Peder Fryhk ins Gespräch gekommen war und sich später ein Taxi mit ihm teilte, wie sie in seinem Haus in Mälarhöjden aufgewacht war und von dem Katzenjammer und den Schmerzen, und es war befreiend, es loswerden zu dürfen. Es erzeugte fast ein Gefühl von Geborgenheit, jemanden zu haben, mit dem man über das Geschehene sprechen konnte, jemanden, der verstand, was sie durchgemacht hatte. Sie fuhr mit der Schilderung ihrer vorschriftswidrigen Ermittlungen fort, wie sie einen Bekannten, den Kriminaltechniker Håkan Carlberg, dazu gebracht hatte, ihr mit den Analysen zu helfen, und den Staatsanwalt bewegen konnte, den Narkosearzt und Serienvergewaltiger Peder Fryhk hinter Schloss und Riegel zu bringen. Am Ende erzählte sie von dem anderen Mann, von der vermissten Videoaufnahme und von der Angst, als diejenige enttarnt zu werden, die Peder Fryhk hatte auffliegen lassen.

Gemeinsam rekonstruierten sie den vergangenen Freitag, das Seminar, die Trainingseinheit, den Kneipenbesuch mit Hamad und die exakten Zeitpunkte, zu denen sie die Eingangsschranke passiert hatte, sowie die Uhrzeit, zu der die ominöse E-Mail verschickt worden war.

»Jemand hat dich am Freitag beobachtet, Petra. Jemand wusste genau, wann und wie er das alles durchführen konnte.«

»Und dieser Jemand hat den Film«, ergänzte Petra. »Dort draußen ist jemand unterwegs, der mich vergewaltigt hat und zu Hause im Fernsehsessel sitzt und sich zu diesem Video einen runterholt.«

»Hier im Haus«, sagte Sjöberg. »Hier im Haus gibt es jemanden, der so etwas tut.«

So weit hatte Petra noch gar nicht gedacht. Eine Katastrophe nach der anderen war am Nachmittag über sie hereingebrochen, und sie hatte gar keine Zeit gehabt, sich einen Augenblick hinzusetzen und das alles zu analysieren. Sie hatte eine vage Vorstellung gehabt, dass sich ein fähiger Hacker von irgendwo anders bestimmt in ihren Rechner einloggen und eine E-Mail abschicken konnte, die aussah, als würde sie von ihr stammen. Aber natürlich hatte Sjöberg recht. Der andere Mann war Polizist. Ein Polizist, der in diesem Haus arbeitete und der ihre Passierkarte und ihren Rechner benutzt hatte, um den Verdacht auf sie zu lenken.

»Wer kennt dein Passwort?«, fragte Sjöberg.

»Niemand. Das habe ich Gunnar Malmberg auch gesagt.«

»Hast du es irgendwo aufgeschrieben?«

»Nein, nur im Handy, das habe ich immer dabei.«

»Hast du dein Passwort seit November letzten Jahres geändert?«

Plötzlich ging Petra auf, worauf er hinauswollte. Der andere Mann war sehr gründlich vorgegangen. Er hatte sogar in ihr Adressbuch geschaut und ihr Passwort herausgefunden, während sie bewusstlos in Peder Fryhks Bett lag. Dass er nicht wüsste, wer sie sei, war nichts als eine naive Hoffnung gewesen. Er hatte sie von Anfang an gekannt. Petra schüttelte den Kopf mit einer Miene, die zeigte, dass sie Sjöberg verstanden hatte.

»Ich vermute, dass du herauszufinden versucht hast, von wem diese nächtlichen Anrufe kommen?«, fuhr Sjöberg fort.

»Telefonkarte«, bestätigte Petra. »Jedes Mal eine andere Nummer.«

Sjöberg nickte nachdenklich.

»Aber warum tut er das?«, sagte Petra und zuckte mit den Schultern. »Er ist doch so gründlich und so sehr darauf bedacht, nicht entdeckt zu werden. Er war nicht auf einem einzigen der Filme zu sehen, Fryhk schweigt wie ein Grab, und Hadar sagt, dass er nicht eine einzige Spur hinterlassen hat.«

»Na ja, eine Spur hat er hinterlassen.«

»Aber wir haben nichts, womit wir es vergleichen könnten.«

»Noch nicht. Weißt du, warum Männer vergewaltigen, Petra?«

»Es soll dabei weniger um Sex als um Macht gehen.«

»Genau. Und er hat das Gefühl, dass er mit dir noch nicht fertig ist. Du hast ihm Knüppel zwischen die Beine geworfen, und das kann er nicht ertragen. Er möchte dich ganz unten haben. Sich rächen. Und das ist unser Vorteil.«

Unser, dachte Petra und spürte, wie sich die Wärme in ihrem Körper ausbreitete. Ich bin nicht länger allein.

Sjöberg warf einen Blick auf die Uhr.

»Da ist noch etwas anderes«, fiel Petra plötzlich ein. »Gestern Abend ist etwas sehr Unangenehmes passiert.«

Sie erzählte von Brandts Anruf und dem Treffen mit ihm.

»So verdammt beleidigt war er durch diese Mail dann doch wieder nicht«, stellte sie abschließend fest.

»Weißt du, was er nach dieser Sache mit Mathias Dahlgren gesagt hat?«, wollte Sjöberg wissen.

»Irgendwas in der Art von: ›Ich dachte, wir könnten den Abend nach dem Essen ein paar Stockwerke weiter oben fortsetzen.‹«

Sjöberg begann plötzlich zu lachen. Petra schaute ihn verdattert an.

»Du bist mir eine Pornobraut, Petra! Verstehst du etwa nicht, was er damit gemeint hat? Mathias Dahlgrens Restaurant liegt im Erdgeschoss des Grand Hôtels. Der geile Bock hatte bestimmt schon ein Hotelzimmer für euch gebucht!«

Sjöberg hatte immer noch ein amüsiertes Glitzern in den Augen, als er den Telefonhörer abnahm und die Nummer der Auskunft wählte.

»Geben Sie mir bitte die Nummer vom Grand Hôtel und verbinden Sie mich danach mit Mathias Dahlgrens Restaurant. Vielen Dank.«

Nach einer halben Minute nahm jemand am anderen Ende den Hörer ab. Petra schaute ihren Vorgesetzten mit großen Augen an, ohne so recht zu begreifen, was er vorhatte.

»Ich hätte gerne gewusst, ob es gestern Abend eine Reservierung auf den Namen Brandt gegeben hat … Nicht? … Ach so, um acht Uhr … Gegen sieben. Vielen Dank.«

Ohne ein Wort zu sagen, wählte er eine weitere Nummer und blinzelte Petra zu.

»Hier Roland Brandt von der Hammarbypolizei. Ich bin gerade ein bisschen unruhig geworden, weil ich nicht mehr wusste, ob ich mein Zimmer gestern wieder storniert habe … Nein, das ist schön … Ein Doppelzimmer … Prima, vielen Dank.«

Sjöberg legte den Hörer wieder auf und klatschte mit einem zufriedenen Lächeln in die Hände.

»Roland hatte für acht Uhr abends einen Tisch bei Mathias Dahlgren reserviert, den er gegen sieben wieder abbestellte. Anschließend hatte er sich ein kleines Tête-à-Tête mit dir in einem Doppelzimmer vorgestellt, aber auch das musste er stornieren. Er muss wahnsinnig beleidigt gewesen sein.«

*

»Was war das denn?«, fragte Hamad während des Spaziergangs nach Ringen.

»Was?«, fragte Sjöberg mit gespielter Ahnungslosigkeit.

»Du und Petra hinter verschlossenen Türen. Was habt ihr denn für Geheimnisse?«

»Ach so, das. Das war etwas Berufliches.«

»Hat sie es dermaßen schwer in ihrem Job?«, wunderte sich Hamad mit einem schiefen Lächeln. »Sie sah ganz verheult aus.«

»Daran habe ich gar nicht gedacht«, antwortete Sjöberg knapp.

»Petra und ich sind sehr gute Freunde«, beharrte Hamad. »Du kannst es ruhig erzählen …«

»Ach so, seid ihr das?«, unterbrach ihn Sjöberg. »Ja, stimmt. Ich habe gehört, dass ihr am Freitag ausgegangen seid. Wo wart ihr denn?«

»Wir haben ein Bier im Pelikan getrunken.«

»Wie lange denn?«

Sjöberg legte einen Zahn zu und hielt seinen Blick fest auf einen Punkt etwas höher am Hang gerichtet.

»Wir sind so um halb zwölf gegangen, glaube ich. Warum?«

Hamad versuchte vergeblich, Augenkontakt herzustellen.

»Und wohin seid ihr dann gegangen?«

»Nach Hause. Ich bin nach Hause gegangen. Ich musste früh aufstehen, weil …«

»Und Petra?«, fuhr Sjöberg fort.

»Ich denke, sie ist auch nach Hause gegangen! Was soll denn das? Du glaubst doch nicht etwa, dass Petra und ich …?«

»Ich glaube gar nichts. Ich war einfach nur neugierig.«

Hamad schüttelte den Kopf. Sjöberg marschierte in raschem Tempo weiter, ohne dem Blick seines Kollegen zu begegnen.

Das Fest war schon in vollem Gange, als sie bei der Familie Johansson auftauchten. Es war beklemmend, die Gesellschaft zu sehen, die sich um den Küchentisch drängte, vor allem, wenn man an Elise dachte. Armes Kind, ging Sjöberg durch den Kopf. So war wahrscheinlich ihr ganzes Leben verlaufen. Und jetzt hatte sie nicht einmal mehr eine Schwester, jemanden, mit dem sie ihr Schicksal hätte teilen konnte. Sie hatten sich darauf geeinigt, dieses Mal eine deutlich härtere Linie gegenüber dem Mädchen zu fahren, aber ihre Vorsätze begannen zu bröckeln, als sie erneut mit ihrer Lebenssituation konfrontiert wurden.

Elise saß mit dem Kissen im Rücken auf ihrem Bett und blätterte in einer Zeitung, als sie das Mädchenzimmer betraten.

»Geht es hier immer so zu?«, fragte Sjöberg und deutete in die Wohnung.

Elise zuckte mit den Schultern und versuchte, unberührt auszusehen.

»Wie geht es dir?«

»Gut«, antwortete sie wenig überzeugend.

Hamad übernahm und ging direkt ans Eingemachte.

»Ich bin nicht zufrieden mit den Antworten auf die Fragen, die ich dir heute am Telefon gestellt habe«, sagte er in einem Tonfall, der etwas härter klang, als ihm selbst angemessen erschien.

Elise schaute ihn mit verständnisloser Miene an.

»Ich glaube, dass du mehr über diese Brieftasche erzählen kannst.«

»Aber das stimmt nicht«, sagte Elise und wandte den Blick ab.

»Wann hast du sie gefunden?«, fragte Sjöberg.

»Ich weiß nicht. Ich glaube, es war am Sonntag.«

»Wo hast du sie gefunden?«

»In der Stadt, das hab ich doch schon gesagt! Ich weiß nicht, wie die Straße hieß.«

Zumindest eine Reaktion. Es war deutlich, dass sie nicht darüber reden wollte, und daraus schöpfte Sjöberg zusätzliche Energie.

»Du lügst, Elise. Und du weißt, dass wir wissen, dass du lügst. Jetzt wirst du uns erzählen, wann und wo genau du diese Brieftasche gefunden hast.«

Elise begann in ihrer Zeitung zu blättern. Sjöberg entriss sie ihr mit beiden Händen und schleuderte sie zu Boden. Elise zuckte zusammen. Das hatte sie nicht erwartet.

»Wir versuchen die Person zu finden, die deine Schwester ermordet hat«, sagte Sjöberg mit unerschütterlicher Ruhe. »Das Einzige, was wir von dir wollen, ist, dass du uns ein paar Fragen beantwortest. Wir wollen die Wahrheit wissen. Wir wollen die Wahrheit wissen, damit wir das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Du lügst uns an, aber wir fallen nicht darauf herein. Du hast die Brieftasche gestohlen, stimmt’s?«

»Nein, ich habe sie gefunden«, sagte Elise, aber ihre Selbstsicherheit war verschwunden.

»Dann werden wir sehen, was Sören Andersson zu dieser Angelegenheit zu sagen hat. Wenn wir ihm erzählen, dass das Mädchen, das seine Brieftasche gestohlen hat, Elise Johansson heißt, vierzehn Jahre alt ist und in der Götgatan sowieso wohnt.«

»Aber das hat doch gar nichts damit zu tun!«, rief Elise, mittlerweile deutlich besorgt.

»Hat womit nichts zu tun?«

»Mit Jennifer!«

»Das entscheiden wir, nicht du«, sagte Sjöberg. »Wann hast du die Brieftasche gestohlen?«

»Ich habe sie nicht gestohlen! Aber es kann durchaus der Freitag gewesen sein, an dem ich sie gefunden habe«, gab sie zu.

»Warum hast du dann Sonntag gesagt, wenn es der Freitag war?«

»Ich kann mich nicht richtig erinnern, aber es war wohl am Freitag.«

»Wo hast du sie gefunden?«, hakte Sjöberg nach.

»Das war irgendwo in der Nähe des Vitabergsparks, aber ich weiß nicht, wie die Straße hieß. Ehrlich!«

*

Elise beobachtete mit Schrecken, wie die beiden Polizisten einander anschauten, aber sie hatte nicht die geringste Ahnung, was diese Blicke bedeuten konnten. Sie spürte einfach nur, wie ein großes Unbehagen Besitz von ihr ergriff. Sie war zu allem bereit, zu fast allem, um hier wegzukommen, um diesen bohrenden Blicken zu entkommen und den Fragen über diese Sache, an die sie nie wieder denken wollte – und die nicht das Geringste mit Jennifer zu tun hatte. In ihrer Verzweiflung schrie sie die Polizisten an, wie sie es sonst nur bei ihrer Mutter oder ihren Lehrern tat:

»Macht euren Job, ihr verdammten Bullenschweine! Fangt endlich Jennifers Mörder, anstatt mich zu verfolgen! Ich habe Jennifer nicht umgebracht, ich habe gar nichts gemacht! Und dieses eklige, verdammte Schwein, dieser widerliche Vater von ihrem verdammten Scheißfreund fragt mich doch, ob ich nicht tot bin! Was glaubt ihr denn, wie sich das anfühlt, ihr blöden Idioten! Was wisst ihr denn, wie sich das anfühlt, wenn Leute sagen, dass man besser tot wäre! Ihr wollt bestimmt auch, dass ich tot bin, oder? Es wäre viel besser gewesen, wenn ich gestorben wäre, was? Dann wären alle froh und glücklich gewesen. Verdammte Scheiße, ich wünschte echt, ich wäre tot, dann müsste ich euch und eure dummen Fragen und diesen ganzen Mist nicht mehr ertragen!«

Hamad und Sjöberg standen wie versteinert da, während sie Zeugen von Elise Johanssons pubertärem Wutanfall wurden, aber Sjöberg musste sich später selbst eingestehen, dass es ihn in gewisser Weise auch beruhigt hatte. Elise hatte wie eine halbwegs normale Vierzehnjährige reagiert, und das wirkte in vielerlei Hinsicht auch befreiend. Es war jedenfalls besser als die ängstliche, gebeugte, selbstverleugnende Art, die sie bei ihren bisherigen Begegnungen an den Tag gelegt hatte.

»Was hast du gesagt?«, fragte Sjöberg, als der Lärm ihres Wutausbruchs aufgehört hatte, in den Ohren zu klingeln. »Jockes Vater hat dich gefragt, ob du nicht tot seist?«

»Ja, das hat er«, antwortete Elise, immer noch geladen, aber mittlerweile wesentlich besonnener.

Sie wich seinen Blicken aus und nestelte an ihren beiden Ringen herum.

»Das wirst du uns wohl erklären müssen.«

»›Bist du nicht tot, du verdammte kleine Hure?‹, hat er zu mir gesagt. Das war doch nett ausgedrückt, oder?«

»In welchem Zusammenhang hat er das gesagt? Wann bist du ihm begegnet?«

»Vorhin«, sagte Elise nur.

»Heute Nachmittag?«

»Ja.«

Die Gedanken wirbelten durch Sjöbergs Kopf. Er warf einen Blick auf Hamad, der genauso ratlos aussah. Keinem von ihnen gelang es, spontan zu formulieren, was genau daran eigentlich so verdächtig war, aber dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmte, war ihnen beiden sonnenklar.

»Ich war bei Jocke«, sagte Elise.

»Ich dachte, ihr kennt euch gar nicht«, bemerkte Sjöberg.

»Das tun wir auch nicht, aber ich bin trotzdem hingegangen. Wollte nur mal mit ihm reden.«

»Und dann …?«

»Und dann ist sein Vater nach Hause gekommen, von der Arbeit oder so. Wir standen im Treppenhaus. Und dann hat er mich gesehen und sah vollkommen irre aus. ›Bist du gar nicht tot, du verdammte kleine Hure?‹ Ja, genau so hat er es gesagt: ›Bist du gar nicht tot, du verdammte kleine Hure?‹«

Sjöberg schaute Hamad an, der mit nachdenklicher Miene den Kopf schüttelte.

»Das muss ziemlich schlimm gewesen sein, Elise. Was hast du dann gemacht?«

»Ich bin einfach weggelaufen. So schnell ich konnte.«

»Und Jocke?«

»Ja, was sollte er machen. Er ist dageblieben.«

»Was um alles in der Welt war denn das?«, wunderte sich Hamad, nachdem sie Elise verlassen hatten und auf dem Rückweg zur Polizeiwache waren.

»Das war tatsächlich eine seltsame Geschichte«, pflichtete ihm Sjöberg bei.

»Aber stimmt sie auch?«

»Ich glaube, dass sie diesmal die Wahrheit gesagt hat. Sie hat es schließlich ganz spontan erzählt, wenn man es so ausdrücken möchte«, antwortete Sjöberg mit einem vielsagenden Lächeln.

»Tja. Warte nur ab, bis deine Kinder in dieses Alter kommen.«

»Um Gottes willen.«

»Aber warum hat er das gesagt? ›Ich dachte, du wärst tot.‹ Was soll das eigentlich bedeuten?«

»Das kann bedeuten, dass er Elise wiedererkannt und geglaubt hat, dass sie ermordet worden ist. Dann müssen wir uns die Frage stellen: Warum kennt er Elise? Es kann bedeuten, dass er Jennifer kennt, weiß, dass sie tot ist, Elise begegnet und glaubt, dass sie Jennifer ist. Woher kennt er dann Jennifer? Glaubst du, dass Joakim die beiden einander vorgestellt hat? Kaum vorstellbar. Wie wir es auch drehen und wenden«, fasste Sjöberg zusammen, »landen wir bei zwei Schlussfolgerungen. Erstens: Er hat eines der Mädchen früher schon einmal gesehen oder sogar beide. Zweitens: Er findet, dass Jennifer und Elise sich sehr ähnlich sehen. So ähnlich, dass er sie nicht voneinander unterscheiden kann.«

»Das ist mal ein neuer Gedanke«, sagte Hamad.

»Er könnte irgendwann Joakim zusammen mit Jennifer gesehen haben. Von Weitem vielleicht. Und dann läuft er dort im Treppenhaus Elise über den Weg. Elise erinnert ihn an das einzige Mädchen, mit dem Joakim jemals zusammen war – Jennifer –, und dann gibt er diesen Satz von sich. Voller Verachtung, weil er ihre Beziehung verurteilt hat. Das wissen wir, weil er Joakim am Abend zuvor aus genau diesem Grund misshandelt hat.«

»Er scheint ein zutiefst unangenehmer Mensch zu sein, dieser Vater von Joakim«, bemerkte Hamad.

Sjöberg konnte dem nur zustimmen, und sie gingen eine Weile nebeneinander her und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Als sie den Wendehammer vor der Polizeiwache erreicht hatten, sagte Hamad:

»Ich habe noch eine andere Idee.«

Er blieb stehen, und Sjöberg tat es ihm nach.

»Was, wenn Joakims Vater auch mit auf der Fähre war?«

»Wäre uns das nicht aufgefallen?«, überlegte Sjöberg.

»Wie denn? Wir starren wie gelähmt darauf, wie sie heißen, mit wem sie die Kabine geteilt haben und so weiter, aber ich jedenfalls habe nicht darauf geachtet, ob es einen weiteren Passagier gab, der dieselbe Adresse hat wie Joakim.«

»Joakim hätte doch etwas gesagt.«

»Vielleicht hat er es selber nicht gewusst?«

»Sie wären sich begegnet«, sagte Sjöberg. »Der Sinn der Übung hätte ja darin bestanden, Joakim zur Rede zu stellen, weil er gefahren ist, obwohl er es ihm verboten hatte.«

»Der Zweck der Reise kann ebenso gut darin bestanden haben, Jennifer umzubringen.«

»In dem Fall stellt sich aber die Frage, warum?«

»Weil er ein kranker Typ ist, der nicht ertragen kann, dass man ihm widerspricht.«

»Tja, krank ist er wohl«, bemerkte Sjöberg. »Er misshandelt seinen vierundzwanzigjährigen Sohn, den er darüber hinaus in einer Art Gefangenschaft hält, indem er ihn seine abnorm fette Mutter pflegen lässt. Außerdem schlafen die beiden im selben Bett …«

»Wer schläft im selben Bett?«, fragte Hamad.

»Vater und Sohn.«

»Sie schlafen zusammen? Im selben Bett, oder was?«

»Im selben Bett. In einem Einzelbett sogar.«

»Du machst Witze. Warum hast du nichts gesagt?«

»Das mache ich ja jetzt. Wir hatten wichtigere Dinge miteinander zu besprechen, oder?«

»Aber das ist doch wohl wichtig! Ganz plötzlich spielt Joakims Vater eine wichtige Rolle in den Ermittlungen!«

»Jamal, ich erzähle es dir erst jetzt, weil er ins Licht des Interesses gerückt ist. Es gibt doch keinen Anlass, auf so wackeliger Grundlage über solche sensiblen Dinge wie Inzest zu spekulieren.«

»Du hast es gesagt, Conny. Du hast Inzest gesagt, also hast du auch Inzest gedacht.«

»Der Junge ist vierundzwanzig Jahre alt, Jamal. Was soll ich tun? Ermittlungen wegen Inzestverdachts im Zusammenhang mit einem vierundzwanzigjährigen Mann veranlassen? Joakim hätte es selber anzeigen können, wenn er gewollt hätte. Theoretisch gesehen hat er alle Möglichkeiten, von Zuhause auszuziehen und den Kontakt zu seiner Familie abzubrechen.«

»Theoretisch gesehen, ja. Aber nicht praktisch. Er ist an seine kranke Mutter gefesselt.«

»Und an seinen kranken Vater«, ergänzte Sjöberg. »Ja, ich weiß. Und wir an unsere Dienstvorschriften. Darum lassen wir es erst mal auf sich beruhen. Bis wir es brauchen.«

»Dir ist schon klar, dass Joakim in seiner Kindheit und Jugend von seinem Vater missbraucht worden sein könnte?«

»Das ist mir klar, ja«, seufzte Sjöberg.

»Was in dem Fall auch bedeuten würde, dass der alte Sack nicht nur inzestuös, sondern auch pädophil ist«, betonte Hamad.

»Jetzt beruhigen wir uns erst mal ein bisschen. Wir können ja zumindest herausfinden, ob er mit an Bord war, bevor wir in diese Richtung weitergaloppieren.«

»Du hast den Gedanken bereits zu Ende gedacht.«

»Im gleichen Moment wie du, nehme ich an«, sagte Conny Sjöberg und beendete damit die Diskussion.

Ihr Verdacht wurde bestätigt. Keiner wunderte sich, als sie eine Weile später in Sjöbergs Büro feststellen konnten, dass Göran Andersson, Joakims Vater, in der verhängnisvollen Nacht unter den Passagieren der Finnlandfähre gewesen war. Hamad füllte eine Aktentasche mit Papieren und anderen Sachen, die er meinte, im Laufe des Abends brauchen zu können. Keiner von ihnen konnte voraussehen, wie sich die nächsten Stunden gestalten würden, also war man am besten auf alles vorbereitet. Eriksson wurde über die aktuellen Entwicklungen informiert und Lotten damit beauftragt, alle Termine von Sjöberg und Hamad für diesen Tag abzusagen. Darüber hinaus sollte sie Fotos von Göran Andersson und Sören Andersson an Nieminen schicken. Dann machten sie sich auf den Weg zu Joakims Wohnung in der Ölandsgatan.

Niemand öffnete die Tür, obwohl Hamad mehrere Male auf die Klingel gedrückt hatte. Erst als Sjöberg Joakim durch den Briefschlitz rief, wurden sie eingelassen.

»Warum machst du nicht auf, wenn es an der Tür klingelt?«, fragte Sjöberg sauer und stampfte entschlossenen Schrittes direkt ins Wohnzimmer.

Hamad folgte ihm, und Joakim schlich wie ein Schatten hinter ihnen her, ohne ein Wort zu sagen. In einem Sessel saß ein Mann mittleren Alters mit einer Zigarette in der einen und einer zusammengerollten Abendzeitung in der anderen Hand. Er betrachtete sie mit gleichgültiger Miene und schlug mit der Zeitung mehrere Male auf sein Knie, bevor Sjöberg das Wort ergriff.

»Sind Sie Göran Andersson, Joakims Vater?«

»Ja, was hat er denn jetzt wieder angestellt?«, fragte er mit einem beinahe amüsierten Ausdruck im Gesicht.

»Nichts, soweit wir informiert sind. Vielmehr würden wir gerne ein paar Worte mit Ihnen wechseln.«

Er zog ein paarmal hastig an seiner Zigarette, bevor er antwortete.

»Na, so was.«

Sjöberg schaltete die Aufnahmefunktion seines MP3-Spielers ein und stellte ihn auf den Couchtisch, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. Göran Andersson verfolgte seine Bewegungen mit den Augen, sagte aber nichts.

»Wir haben Informationen, dass Sie ebenfalls an Bord der Fähre waren, als Jennifer Johansson, Joakims Freundin, dort ermordet wurde. Was haben Sie dazu zu sagen?«

Sjöberg bemühte sich, sachlich zu bleiben und nicht zu zeigen, was er dachte.

»Das kann schon sein.«

»Aus welchem Anlass haben Sie diese Reise unternommen?«

»So ein kleiner Abstecher nach Finnland kann ja niemals schaden.«

»Sie haben da hinten eine kranke Ehefrau, um die Sie sich kümmern müssen«, sagte Sjöberg und deutete in Richtung der Schlafzimmer. »Auf mich wirkt es etwas verantwortungslos, sie länger als vierundzwanzig Stunden ohne Aufsicht hier zurückzulassen. Was sagen Sie dazu?«

Göran Anderssons Blicke wanderten misstrauisch zwischen Sjöberg und seinem Sohn hin und her.

»Hat Jocke …«, konnte er noch sagen, bevor Sjöberg ihn unterbrach.

»Jocke hat gar nichts. Ich bin selbst hier gewesen und habe bei ihr hereingeschaut. Wie kommt es, dass Sie sich mit Joakim auf eine Finnlandreise begeben und ein Familienmitglied, das kontinuierlicher Pflege bedarf, so lange allein zu Hause lassen?«

»Wir sind nicht gemeinsam verreist«, warf Joakim ein.

»Niemand hat dich gebeten, dein Maul aufzureißen!«, fuhr ihn sein Vater an.

»Ich bin derjenige, der dieses Gespräch leitet«, sagte Sjöberg, ohne seine Stimme zu erheben, und musterte den Mann im Sessel mit einem eiskalten Blick. »Sie sind also nicht gemeinsam verreist? Da bin ich ja neugierig, was Sie dann auf diesem Schiff wollten?«

»Ich wollte sehen, was Jocke vorhatte. Er hatte keine Erlaubnis mitzufahren.«

»Keine Erlaubnis?«, warf Hamad ein. »Soweit ich weiß, braucht man als Vierundzwanzigjähriger nicht die Erlaubnis seines Vaters, um irgendetwas zu tun.«

»Wie Sie schon sagten, ist seine Mutter pflegebedürftig.«

»Und …?«, sagte Sjöberg mit gespielter Verwunderung. »Ist es Joakims Job? Sich um Ihre Frau zu kümmern?«

»Oder sich um seine Mutter zu kümmern, wenn man es aus anderer Perspektive betrachtet. Ja, das ist die Aufgabenteilung, die wir vereinbart haben. Der Junge bekommt es schließlich bezahlt.«

»Und wenn Joakim irgendwann trotzdem verreist, dann sorgen Sie dafür, dass Sie gleichzeitig verreisen? Damit sie ganz bestimmt keine Pflege bekommt? Frau Andersson hätte schon vor langer Zeit professionelle Hilfe bekommen müssen. Wir werden das Sozialamt über diese Situation informieren.«

Göran Andersson sah zum ersten Mal verlegen aus. Er antwortete nicht, sondern zog stattdessen tief an seiner Zigarette, bevor er sie im Aschenbecher auf dem Tisch ausdrückte.

»Hast du gewusst, dass dein Vater mit auf dem Boot war?«, fragte Hamad Joakim.

»Nein«, antwortete Joakim still. »Erst am folgenden Morgen. Da tauchte er im Frühstückssaal auf.«

Er wagte seinen Vater nicht anzusehen, während er antwortete. Nicht einmal die Blicke der Polizisten konnte er ertragen. Er stand mit hängenden Armen da und starrte zu Boden.

»Warum hast du uns das nicht vorher schon erzählt?«

»Warum hätte ich es erzählen sollen? Niemand hat mich gefragt. Wir sind nicht gemeinsam gereist.«

»Aber trotzdem«, hakte Sjöberg nach. »Du musst doch unheimlich überrascht gewesen sein, als dein Vater so plötzlich aus dem Nichts auftauchte?«

»Doch … das stimmt schon«, gab Joakim zu.

»Vielleicht auch ängstlich?«

Joakim antwortete nicht.

»Worüber haben Sie bei diesem Frühstück gesprochen?«

Sjöberg hatte sich wieder an den Vater gewandt.

»Über den Mord natürlich«, antwortete der. »Darüber haben an diesem Morgen doch alle gesprochen.«

»Wussten Sie, dass die Ermordete Joakims Freundin war?«

Göran Andersson zögerte ein paar Sekunden, bevor er antwortete.

»Ich hatte so eine Ahnung.«

»Warum? Haben Sie sie mal getroffen?«

»Nein, das habe ich nicht. Aber ich wusste ja, wie sie hieß.«

»War es nicht so«, fragte Sjöberg mit aller Schärfe, »dass Sie am Samstagabend eine Weile an der Bar mit Jennifer Johansson zusammengesessen haben?«

Während des Bruchteils einer Sekunde meinte Sjöberg einen Schatten durch Göran Anderssons Gesicht ziehen zu sehen, bevor er mit einem erstaunten Lachen antwortete.

»Wo um Himmels willen haben Sie das denn her? Ich habe diesen Menschen nie gesehen! Bis Sie mir an dem Morgen dieses Foto gezeigt haben.«

»Und wenn jemand behaupten würde, dass er Sie mit ihr in der Bar gesehen hat? Was sagen Sie dann?«

Joakim sah zum ersten Mal während des Gesprächs zu seinem Vater hinüber. Sjöberg ahnte ebenso viel Erstaunen wie Angst in seinem Blick. Wenn ich nur einmal deine Gedanken lesen könnte, Joakim, dachte Sjöberg, bevor der Vater antwortete.

»Dass jemand kein glaubwürdiger Zeuge sein kann.«

»Ich kann Ihnen das eine oder andere über Glaubwürdigkeit erzählen«, warf Hamad ein. »Eine glaubwürdige Person misshandelt nicht den eigenen Sohn. Eine glaubwürdige Person lebt kein abgeschottetes Leben und sperrt seine kranke Frau nicht ohne Pflege in ein Zimmer ein. Eine glaubwürdige Person schläft nicht mit seinem erwachsenen Sohn im selben Bett.«

Während der Stille, die Hamads unerwartetem Ausbruch folgte, beobachtete Sjöberg Vater und Sohn und bemerkte, wie Joakim errötete und seinen Blick senkte, während der Vater keine Miene verzog. Es verging viel Zeit, bevor wieder jemand etwas sagte.

»Woher kennen Sie Elise Johansson?«, brach Sjöberg das Schweigen.

»Wer zum Teufel soll das sein?«

»Elise ist Jennifers Schwester, und wir wissen, dass Sie ihr vor ein paar Stunden begegnet sind.«

»Ich kenne sie nicht.«

»Anscheinend kennen Sie sie gut genug, um sie mit jeder Menge unflätiger Ausdrücke zu bewerfen. ›Bist du gar nicht tot, du verdammte kleine Hure?‹, zum Beispiel. Warum sagen Sie so etwas zu einer Vierzehnjährigen, die gerade ihre Schwester verloren hat?«

Göran Andersson schien sich schnell wieder gefasst zu haben und antwortete ohne spürbares Zögern.

»Sie hat ausgesehen wie diese Jennifer. Ich habe gedacht, dass sie es war.«

»Aber das können Sie doch nicht wirklich angenommen haben, wo Sie doch wussten, dass sie tot war?«

»Umso größer das Erstaunen«, konstatierte Göran Andersson trocken.

»Es war also nur die Überraschung, die Sie zu dieser Aussage getrieben hat?«

»Ja, so kann man es ausdrücken.«

»Mit wem haben Sie sie verglichen?«

»Wie, verglichen?«

»Mit wem haben Sie Elise verglichen?«

»Mit Jennifer natürlich. Was sind denn das für blöde Fragen?«

»Sie haben doch gesagt, dass Sie sie nie zuvor gesehen hätten«, hakte Sjöberg nach.

»Ich habe sie doch auf diesem verdammten Foto gesehen, das Sie mir gezeigt haben.«

»Und das hat ausgereicht, um die eine Schwester für die andere zu halten? Eine Fotografie?«

»Ganz offensichtlich«, antwortete Joakims Vater kühl.

»Das glaube ich nicht«, fuhr Sjöberg unbeirrt fort. »Sie haben mit Jennifer an der Bar gesessen, und das war das Bild, mit dem Sie Elise verglichen haben.«

»Glauben Sie doch, was Sie wollen.«

»Aber warum haben Sie sie eine Hure genannt?«, fragte Hamad.

»Ich fand wohl, dass sie wie eine Hure aussah«, antwortete Göran Andersson mit einem schiefen Lächeln.

»Sie würden also jede beliebige Frau auch so nennen, nur weil sie Ihrer Meinung nach ein bisschen schlampig aussieht?«

»Also jede beliebige, das weiß ich nicht …«

Sjöberg hatte nicht vor, ihn so ohne Weiteres vom Haken zu lassen. Nur weil er unverschämt war, sollte er sich nicht jeglicher Logik entziehen dürfen.

»Sie begegnen hier vor ihrer Tür einem Mädchen im Treppenhaus. Sie behaupten, dass Sie sie nie zuvor gesehen haben, und trotzdem sagen Sie zu ihr: ›Bist du gar nicht tot, du verdammte kleine Hure?‹ Jetzt möchte ich, dass Sie mir genau erklären, was in Ihrem Kopf vor sich ging, als Sie das sagten. Ansonsten nehmen wir Sie mit zur Wache und verhören Sie dort.«

Göran Andersson ließ ein tiefes Seufzen vernehmen und antwortete schließlich widerwillig:

»Es gab ein Mädchen in Jockes Leben. Und das Mädchen war diese Jennifer. Ich habe sie auf dem Foto gesehen, das die Polizei mir gezeigt hat. Ich war nicht damit einverstanden, dass Jocke Umgang mit ihr hatte. Er ist mit ihr nach Finnland gefahren, obwohl ich es ihm verboten hatte. Als ich also hier die Treppe heraufkomme und Jocke mit einem Mädchen sehe, das, soweit ich es beurteilen kann, genau wie diese Jennifer auf dem Foto aussieht, gibt es wohl irgendwie einen Kurzschluss in meinem Kopf. Ich verstand nicht so richtig, was ich sah. Ich konnte nur glauben, dass sie es war, aber sie war ja tot, soweit ich verstanden hatte, und dann passierte es eben. Da habe ich das gesagt.«

Göran Andersson gab ihrem Druck nicht nach. Am Ende der ergebnislosen Vernehmung schaute sich Hamad noch einmal in der Wohnung um und bekam zu sehen, was Sjöberg ihm beschrieben hatte. Joakims grotesk übergewichtige Mutter und das Bett, das er offensichtlich mit seinem Vater teilte. Es gab nichts mehr, was die beiden Polizisten bei der Familie Andersson ausrichten konnten. Sie wollten gerade aufbrechen, als Hamad sich noch einmal genötigt sah, das anzusprechen, was ihn am meisten irritiert hatte.

»Warum teilen sich zwei erwachsene Leute ein Bett? Können Sie mir das erklären?«

Er hatte sich an den Vater gewandt, nicht an Joakim, aber Göran Andersson fertigte ihn einfach mit einem kalten Lachen ab.

»Sie haben ja gesehen, was sich im Doppelbett breitgemacht hat. Am Ende ist man ständig aus dem Bett gefallen, und da musste ich eben in das Bett umziehen, in dem noch ein bisschen Platz war.«

»Vielleicht könnte man sich noch ein weiteres Bett leisten«, schlug Hamad vor.

»Glauben Sie, dass ich Geld scheißen kann? Das verdammte Balg kann ja ausziehen, wenn er es hier zu eng findet«, antwortete Göran Andersson und rollte seine Abendzeitung auseinander, die er während der ganzen Vernehmung in der Hand gehalten hatte.

Hamad versuchte Blickkontakt zu Joakim aufzunehmen, aber der war intensiv mit etwas beschäftigt, das unter seinem Daumennagel hängen geblieben war. Mit der geringen Hoffnung, dass sich der Vater sogleich seiner Lektüre zuwenden würde, verließen die beiden Polizisten die Wohnung.

»Irgendetwas an diesem Ausdruck ›Hure‹ lässt mir keine Ruhe«, sagte Sjöberg, als sie wieder unten auf der Straße waren.

»Das ist heutzutage doch nicht mehr als ein anderes Wort für Miststück«, sagte Hamad.

»Doch, für unsere Generation schon. So ohne Weiteres wirft man mit solchen Worten nicht um sich.«

»Du vielleicht nicht, Conny, aber die Ähnlichkeiten zwischen dir und Göran Andersson drängen sich nicht gerade auf.«

»Ich weiß nicht«, sagte Sjöberg nachdenklich. »Wir gehören derselben Schicht an, sind ungefähr gleichaltrig …«

»Bei seinem Vokabular könnte man glauben, dass er in dieser Bank zum Putzen angestellt ist.«

»Jetzt mal langsam. Lassen wir die Vorurteile mal außen vor. Bei deinem Aussehen könnte man auch glauben, dass du auf der Polizeiwache putzt.«

Hamad lachte kurz, fuhr aber ernsthaft fort:

»Aber du musst schon zugeben, dass man selten auf solche Typen trifft, wenn man in eine Bank geht.«

»Bei der Arbeit ist er natürlich nicht so. Diese Seite kommt nur zu Hause bei seiner Familie zum Vorschein. Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Er ist auch nicht der Einzige, der sich von der Polizei provoziert fühlt.«

»Er hat sich benommen wie der letzte Prolet«, befand Hamad.

»Selbst ein Prolet in meinem Alter würde ein Mädchen nicht einfach so als Hure beschimpfen.«

»Du glaubst also, dass mehr dahintersteckt?«

»Wer weiß. Ich denke an die beiden finnischen Geschäftsleute. Sie waren vielleicht nicht die Einzigen, mit denen Jennifer auf der Fähre herumgemacht hat.«

*

»Sind deine Mama oder dein Papa da?«

Die Stimme klang vertraut.

»Wer ist da?«, fragte Hanna neugierig.

Am anderen Ende blieb es still.

»Ist da Teddy?«, fragte Hanna. »Es klingt wie Teddy.«

»Ja, hier ist Teddy. Ich wollte eigentlich nur mit deiner Mama oder deinem Papa sprechen und fragen, ob es okay ist, wenn ich heute Abend zu Besuch komme?«

»Mama ist ausgezogen, das hab ich doch gesagt. Und Papa ist in Japan. Das weißt du!«

»Ich hatte es vergessen, Entschuldigung. Willst du denn, dass ich komme?«

»Ja«, sagte Hanna, »du hast es versprochen! Und dann sollst du Hamburger und Süßigkeiten mitnehmen.«

»Das werde ich tun. Wir sehen uns gleich.«

»Tschüß!«

Aufgeräumt und erwartungsfroh hängte sie den Hörer auf die Gabel, aber kaum war sie vom Stuhl hinuntergeklettert, klingelte das Telefon erneut.

»Hallo, hier ist Hanna. Ist da Teddy?«

»Holgersson, Hammarbypolizei.«

»Du klingst aber griesgrämig.«

»Hast du Mama oder Papa da?«

»Die wollen nicht mit dir reden.«

»Das können sie doch selber bestimmen. Hast du Lust, einen von ihnen zu holen?«

»Nein, hab ich nicht.«

»Mach es trotzdem, sei so nett.«

»Warum bist du so böse?«

»Hol sie jetzt, sonst muss ich bei euch zu Hause vorbeikommen.«

Das ging ja gar nicht, dieser griesgrämige Onkel durfte nicht kommen. Teddy wollte doch kommen, und so ein böser Polizist würde alles kaputtmachen.

»Papa ist Hamburger kaufen gegangen«, sagte Hanna, jetzt mit freundlicherer Stimme. »Er kommt bald zurück. Wenn du wartest, kannst du mit ihm sprechen, wenn er kommt.«

»Du bist nicht allein zu Hause?«

Hanna zögerte nur eine Sekunde, bevor sie antwortete.

»Nein, Papa ist bei mir.«

»Dann ist ja gut«, sagte die Stimme. »Tschüß.«

Hanna legte auf, ganz erleichtert, dass sie nicht weiter mit diesem komischen Onkel reden musste. Man hörte an seiner Stimme, dass er Kinder nicht mochte. Er hatte dieselbe Stimme wie Tante Hedda.

Sie war noch nicht wieder auf dem Fußboden, als es ein drittes Mal klingelte.

»Wer ist es denn jetzt?«, antwortete sie, immer noch verärgert über das vorherige Gespräch.

»Hallo, hier ist Einar. Ich bin Polizist. Ich möchte mit Mama oder Papa sprechen.«

»Hast du eben gerade angerufen?«, wollte Hanna wissen.

»Nein, warum glaubst du das?«

»Weil er auch Polizist war.«

»Was sagst du? Wie hieß er denn?«

»Er hieß Hammarbypolizei«, antwortete Hanna.

Sie hörte, wie er am anderen Ende der Leitung lachte. Dieser Polizist hatte eine viel nettere Stimme.

»Was wollte er denn?«, fragte der Polizist.

»Er wollte auch mit Mama oder Papa sprechen«, antwortete Hanna wahrheitsgemäß.

»Und, hat er das getan?«

Hanna zögerte einen Moment, bevor sie antwortete:

»Ja, er hat mit Papa gesprochen.«

»Das hätte ich auch gern getan.«

»Das geht gerade nicht, denn er ist Hamburger für mich kaufen gegangen. Aber wenn du eine Weile wartest, kannst du mit ihm sprechen«, fügte sie hinzu.

»Sonst kann ich auch gerne mit deiner Mama sprechen«, sagte der freundliche Polizist.

»Aber sie ist nicht zu Hause. Willst du auf Papa warten?«

»Nein, ich rufe später wieder an. Tschüß, Hanna.«

Als sie ins Wohnzimmer zurückgekehrt war und sich vor den Fernseher gesetzt hatte, klingelte das Telefon erneut. Was für eine verdammte Anruferei, dachte Hanna. So sagte Papa immer. Aber dieses Mal hatte sie keine Lust dranzugehen.