9. Kapitel
Als Webster das nächste Mal aufwachte, war es Morgen. Das vermutete er zumindest, denn er nahm Tageslicht wahr. Die Nacht war erfüllt gewesen von warmem Feuerschein auf seidiger Haut, von seligen Seufzern, von leidenschaftlichem Geben und Nehmen.
Und dies war der Morgen danach.
Webster rollte sich auf den Rücken, strich sich über den Stoppelbart und hoffte, dass er Tonyas zarte Haut damit nicht zu sehr strapaziert hatte.
Er dachte an die vergangene Nacht zurück. Am Bettlaken haftete noch ihr Duft. Selten wachte er morgens im Bett einer Frau auf. Darauf ließ er sich nicht ein. Natürlich hatte er sich ebenso wenig näher mit Frauen eingelassen, die von einem gemeinsamen Frühstück und zärtlichen Gesprächen träumten.
Allerdings war ihm in dieser Situation keine andere Wahl geblieben. Dennoch beschlich ihn der Verdacht, dass er ohnehin nicht gegangen wäre, selbst wenn er die Wahl gehabt hätte.
Er verdrängte den beunruhigenden Gedanken, setzte sich auf, schwang die Beine aus dem Bett und nahm den Duft von frisch gebrühtem Kaffee wahr.
Herrlich!
Er stieg aus dem Bett und reckte sich. Am Boden lagen seine Boxershorts, er zog sie an. Tonya war nirgends zu sehen. Während er sich Kaffee eingoss und den ersten belebenden Schluck trank, fragte er sich, ob ihre Abwesenheit etwas zu bedeuten hatte – und wenn ja, was.
Machte sie sich rar, weil ihr der Morgen danach ebenso unbehaglich war wie ihm normalerweise? Er lehnte sich mit der Hüfte an den Herd, kreuzte die Beine und starrte missmutig auf die Tür. Falls Tonya gereizt war, dann lag es daran, dass sie wenig Erfahrung mit solchen Situationen hatte, und nicht daran, dass sie ihn nicht sehen wollte. Da war er sich ziemlich sicher.
Die süße Tonya mit den hübschen Brüsten und den sinnlichen kleinen Schreien war trotz ihrer Genussfähigkeit und ihrer Hemmungslosigkeit keineswegs sexuell erfahren. Sonst hätte sie gewiss nicht so spontan und heftig reagiert, sondern hätte manche Geste hingenommen wie eine Selbstverständlichkeit.
Er nahm den Kaffee mit ins Bad, denn er wollte unbedingt duschen. Einerseits machte es ihn sehr glücklich, der erste Mann zu sein, mit dem sie diese Freuden erlebte. Andererseits kam er sich wie ein elender Opportunist vor, der ihre Unerfahrenheit ausgenutzt hatte.
Sein erster Eindruck von ihr vor zwölf Jahren hatte sich völlig bestätigt. Sie war eine Frau, die nicht leichtfertig mit jemandem schlief, eine Frau, die eine feste Bindung suchte. Und er wollte sich nicht binden.
"Und warum ist mir das letzte Nacht nicht eingefallen? Warum habe ich mich nur von meiner Lust leiten lassen?" sagte er laut, plötzlich ernüchtert.
Verdammt, was hatte er getan? Wo hatte er sich da hineinmanövriert?
Denn ob mit oder ohne Vertrag, er würde seiner Wege gehen, und sie ihrer, so viel stand für ihn fest. Er trat unter den heißen Wasserstrahl und senkte den Kopf. Hoffentlich würde sie nicht gekränkt sein. Ihr wehzutun war nie seine Absicht gewesen.
Er fluchte laut über sich selbst.
Aber es war nun einmal nicht zu ändern. Er wurde ganz nervös bei der Vorstellung, für alle Zeit an eine einzige Frau gebunden zu sein. Das lag ihm nicht. Keinem in seiner Familie war das jemals gelungen. Sein Großvater war zwar mit seiner Frau fünfzig Jahre verheiratet gewesen, doch er hatte nebenbei diverse Geliebte gehabt. Sein Vater hatte seinen vier – oder waren es mittlerweile fünf? – Ehefrauen ebenfalls nicht treu sein können. Immerhin hatte er sich jedes Mal erst scheiden lassen, wenn ein neues Objekt der Begierde aufkreuzte. Oder die Frauen hatten ihn verlassen. Webster wusste es nicht mehr so genau. Und seine Mutter hatte natürlich auch einige Ehemänner vorzuweisen, ob nun aus Spaß an der Freude oder um seinem Vater Konkurrenz zu machen. Vielleicht spielten beide Motive mit hinein.
Nein, es war den Tylers schlicht nicht gegeben, treu zu sein und ein Leben lang mit einem einzigen Partner auszukommen.
Er hörte, wie die Hüttentür aufging und wieder geschlossen wurde.
Er rieb den Wasserdampf von dem kleinen Spiegel und betrachtete sich. Gerade noch war er glücklich gewesen, jetzt fühlte er sich deprimiert. Du musstest sie ja unbedingt verführen, du Held, nicht? dachte er reuevoll.
Tief einatmend wickelte er sich das Handtuch um die Hüften und griff nach seinem Rasierzeug. Tonya würde sich fragen, ob er sie hatte kommen hören. Bestimmt war sie gespannt auf sein Verhalten an diesem Morgen und würde wissen wollen, wie er über sie beide nun dachte.
Genau das war das Problem. Es konnte keine feste Beziehung geben. Und ihm war beinahe schlecht vor Angst, denn er wusste absolut nicht, was er zu ihr sagen sollte.
Tonya hörte das Wasser im Bad laufen und atmete erleichtert auf. Zumindest bedeutete es einen vorläufigen Aufschub. Sie konnte die Situation nicht auf die leichte Schulter nehmen. In ihrem Leben hatte sie nicht oft einen Morgen danach erlebt, und mit Sicherheit keine Nacht wie diese.
Ihre Wangen schienen zu glühen, und Hitze breitete sich rasch bis in ihre Fingerspitzen und Zehen aus.
Sie hatte mit Webster Tyler geschlafen und sich gefühlt, als wäre es Liebe. Aber natürlich war es das nicht. Er war ein erfahrener Liebhaber, das war alles. Er wusste mit Frauen umzugehen.
Eine neue Hitzewelle durchströmte sie, als sie an seine zärtlichen Lippen dachte und daran, was er alles mit ihr angestellt hatte.
Es war nicht ihre Art, im Bett laut zu werden. Aber sie hatte ja auch noch nie zuvor mit Webster geschlafen. Er hatte gesagt, es sei wunderschön. Er hatte gesagt, dass sie schön war. Doch jetzt, im hellen, kühlen Tageslicht kam sie sich kindisch vor.
Kindisch, weil sie sich vor zwölf Jahren in ihn verliebt hatte. Kindisch, weil sie die ganze Zeit nicht darüber hinweggekommen war. Kindisch, weil sie sich in der vergangenen Nacht hingegeben hatte, auf einen bloßen begehrlichen Blick seiner funkelnden braunen Augen hin.
Noch kindischer wäre es, wenn sie sich noch einmal in ihn verliebte. Doch das wird nicht passieren, sagte sie sich und verspürte dabei einen leisen Stich in der Brust.
Seufzend trat sie an den Ausguss, um sich die Hände zu waschen. In dem Moment, als Webster die Tür des Badezimmers öffnete, klingelte das Telefon.
Erschrocken, weil es so lange keinen Laut von sich gegeben hatte, fuhr Tonya zusammen. Oder lag es an Websters Anblick, an der Erinnerung an die Nacht?
"Hier bei Charlie Erickson."
"Hallo, mein Mädchen."
Charlies raue Stimme klang viel lebhafter als beim letzten Mal. Offenbar hatte er sich wieder erholt.
"Charlie!" Erfreut, ihn bei guter Gesundheit zu wissen, umklammerte Tonya den Hörer mit beiden Händen. "Wie geht's dir?"
"Ich langweile mich zu Tode."
"Das ist ein gutes Zeichen."
"Was du nicht sagst. Ich bin fit wie ein Turnschuh, aber sie wollen mich erst in einer Woche herauslassen. Sie reden von Reha und erfinden tausend Ausreden, um noch mehr Geld von meiner Versicherung zu erpressen."
"Sie kümmern sich also gut um dich." Sie musste über sein Gejammer grinsen.
"Wie steht's da draußen? Hab' lange nichts von dir gehört."
Sie berichtete von dem Unwetter und den beschädigten Leitungen.
"Ich hatte mir schon so etwas gedacht. Hast du den Generator gefunden und zum Laufen gebracht?"
Sie warf einen Blick zu Webster, der sich Kaffee einschenkte. "Ja, alles bestens. Hoffentlich brauche ich ihn bald nicht mehr. Da das Telefon wieder funktioniert, wird der Strom nicht lange auf sich warten lassen."
Sie unterhielten sich noch eine Weile über Charlies Hauptsorge, die Bären. Dann musste Tonya ihm versprechen, ihn zu besuchen, sobald die Straße frei war. Schließlich legte sie auf.
"Gute Nachrichten?" wollte Webster wissen.
"Ja, er klang gut."
Es war leichter, über Charlie zu sprechen als über die letzte Nacht. "Sie entlassen ihn vermutlich nächste Woche, wenn er weiter solche Fortschritte macht."
"In seinem Alter könnte er leicht wieder einen Herzanfall bekommen. Oder aber er erholt sich nicht völlig, wenn er hier draußen allein lebt."
Das war ihr klar, und es bereitete ihr Sorgen. "Ich denke, wir sollten es auf uns zukommen lassen."
"Hat er sich eigentlich überlegt, was auf lange Sicht aus den Bären werden soll?"
Tonya seufzte. Diese Frage beschäftigte auch sie sehr. "Ich glaube nicht. Und es ist wirklich ein Problem. Die Bären sind inzwischen auf ihn angewiesen und werden es sein, solange sie hier leben. Bären geben ihr Wissen über Generationen hinweg weiter. Mit anderen Worten", erklärte sie auf Websters fragenden Blick hin, "die Bären, die hier vor vierzig Jahren gefüttert wurden, übertragen ihre Gewohnheiten auf ihre Nachkommenschaft. Es ist ein ewiger Kreislauf."
"Folglich müssen sie weiterhin regelmäßig gefüttert werden?"
"Leider ja."
"Das heißt, sollte Charlie nicht zurückkommen oder sterben – ich weiß, ein trauriger Gedanke", fügte Webster rasch hinzu, als sie schmerzlich das Gesicht verzog, "aber er ist achtzig – dann wären die Bären sich selbst überlassen."
"Nicht unbedingt", erwiderte sie ruhig und sprach damit aus, was sie sich schon lange überlegt hatte.
Seine erschrockene Miene bewies, dass er begriffen hatte. "Das ist nicht dein Ernst! Du willst doch nicht hier wohnen?"
Tonya zuckte die Schultern. "Bis mir etwas Besseres einfällt. Die Bären liegen mir auch am Herzen. Ich kann sie nicht umkommen lassen. Sie würden bei anderen Häusern Futter suchen und Schäden verursachen, denn sie haben keine Angst vor Menschen."
Webster fuhr sich durchs Haar. "Und die Bezirksverwaltung? Es gibt doch bestimmt eine Umweltabteilung, die da helfen könnte."
Tonya schüttelte den Kopf. "Nur wenn sie einen verletzten oder kranken Bären finden, behandeln sie ihn. Nein, die Tiere würden verhungern oder erschossen werden – entweder von Jägern oder von besorgten Einwohnern."
Webster verstand nicht, wie jemand so leben konnte – wie sie so leben konnte, das sah sie an seinem Blick. Und wahrscheinlich fragte er sich, wieso er mit ihr geschlafen hatte.
"Was letzte Nacht betrifft", begann sie und nahm all ihren Mut zusammen. "Es war schön, du hast mich sehr glücklich gemacht. Wir wollen die Dinge nicht komplizieren durch Reue oder Schuldgefühle, okay?"
Webster wusste nicht, ob er sie umarmen, sie schütteln oder einfach aus der Tür gehen sollte. Sie hatte ihm eine ähnliche Ansprache erspart, sie gab ihn frei. Da hätte er doch überglücklich sein müssen. Aber er war es nicht. Und von Tonya hatte er diese nüchternen Worte am allerwenigsten erwartet – Worte, die er selbst perfektioniert hatte.
Sie schickte ihn weg. Das wusste er, denn er hatte es mit anderen Frauen ebenso gemacht.
Bis jetzt.
Jetzt sagte ihm eine Frau diese Dinge ins Gesicht.
Er wollte es nicht hören. Nicht von ihr.
Wenn das keine Ironie des Schicksals war!
Die Frage war nur, weshalb tat Tonya das? Und warum ärgerte es ihn? Warum nahm er sie nicht in die Arme, dankte ihr für das Verständnis und freute sich, dass nicht er diese missliche Rede halten musste?
Weil du dich in sie verliebt hast, du Held!
Die Erkenntnis traf ihn mit voller Wucht.
Er war verliebt. Zum ersten Mal in seinem Leben.
Die Wahrheit war so bestürzend, dass er sich völlig hilflos fühlte. Sein erster Impuls war, so schnell wie möglich von Tonya wegzukommen, um nachzudenken.
"Ich schaue mal nach dem Generator", stieß er abrupt hervor und stürzte zur Tür. Bloß raus hier! sagte er sich. Ich muss schnellstens einen klaren Kopf bekommen.
Das Blut rauschte ihm in den Ohren, sein Atem ging stoßweise. Sobald er den Schuppen erreicht hatte, musste er sich an die Wand lehnen, um nicht umzusinken.
"Wo habe ich mich da nur hineingeritten?" murmelte er vor sich hin und strich sich mit zitternder Hand über die Stirn. Er hatte sich tatsächlich in Tonya verliebt. Ausgerechnet er, der absolute Beziehungsvermeider.
Was sollte er jetzt tun?
Er hatte sich kaum wieder ein bisschen gefangen, als er Tonya schreien hörte: "Webster!"
Ihre Stimme war vor Angst so verzerrt, dass er sie kaum als die ihre erkannte.
Er stürmte aus dem Schuppen und sah Tonya Auge in Auge mit dem gewaltigsten Bären, den er je in freier Natur erblickt hatte.
"Es ist Damien!" rief Tonya, vor Schreck erstarrt.
Webster rannte zu ihr und stellte sich schützend vor sie, so dass sie sich außer Reichweite der gefährlichen Klauen und Zähne befand. Der Bär taumelte wie ein Betrunkener. Er stieß an einen Felsen, schlug wütend nach einem Futternapf, stellte sich auf die Hinterbeine und schmetterte ein Vogelhäuschen zu Boden.
Im Rennen hatte Webster sich einen Hammer gegriffen, das Einzige, was nach einer Waffe aussah. Jetzt schwang er ihn über dem Kopf in der Hoffnung, dem Bären ein paar kräftige Schläge versetzen zu können, sollte dieser angreifen. Zumindest würde er so Tonya die Flucht ermöglichen.
"Nicht!" rief sie und packte seinen Arm. "Tu ihm nichts. Er ist verletzt. Schau hin."
Im selben Moment, als sie hinter seinem Rücken vorkam, das Gesicht von Tränen überströmt, bemerkte Webster das Blut.
"Er ist angeschossen."
Danach sah es allerdings aus. Das dichte dunkle Fell klebte an der Schulter des Bären. Blut quoll aus einer klaffenden Wunde, während Damien sich auf alle viere fallen ließ und mit hängendem, schwankendem Kopf einige Schritte taumelte.
"Lauf zur Hütte", sagte Webster. "Schnell. Nimm Charlies Gewehr vom Haken an der Wand, und sieh zu, ob du Munition findest."
"Du darfst ihn nicht erschießen." Schluchzend umklammerte Tonya Websters Ärmel.
"Es widerstrebt mir sehr, aber er könnte gefährlich werden. Er hat Schmerzen und schlägt wild um sich. Ich will nicht, dass dir etwas passiert. Geh und hol das Gewehr."
Da sie zögerte, gab er ihr einen Schubs in Richtung Hütte. Den Bären nicht aus den Augen lassend, wich er langsam zurück. Das verletzte Tier brüllte laut vor Schmerz.
Kaum hatte Webster die Treppe erreicht, brach Damien mit einem lauten Schnaufen zusammen. Die Hüttentür klappte, Webster hörte Tonya herauskommen.
Trotz der kühlen Herbsttemperaturen war Webster der Schweiß ausgebrochen. Schweißperlen liefen ihm zwischen den Schulterblättern herab, als er vorsichtig auf das am Boden liegende Tier zuging.
Das Blut strömte in Besorgnis erregender Menge aus der Wunde. Der Bär lag im Sterben.
Auch Tonya sah es. "Wir dürfen ihn nicht sterben lassen."
Webster sagte sich, hier könnte nur ein Wunder helfen. Dann schaute er in Tonyas tränennasses Gesicht, sah den kummervollen Ausdruck in ihren Augen, und ihm wurde das Herz schwer.
Er ertrug den Anblick nicht.
"Sieh nach, ob Charlie irgendwo die Nummer eines Tierarztes hat. Er hatte bestimmt schon öfter mit verletzten Bären zu tun. Sag dem Notarzt, dass wir einen Hubschrauber brauchen. Und dass ich das doppelte Honorar zahle, wenn sie innerhalb einer Stunde hier sind."
Sie rannte in die Hütte. Als er sich dem Bär weiter näherte, hörte er sie telefonieren.
Was tut man nicht alles aus Liebe, dachte Webster. Plötzlich begriff er den Sinn der bekannten Redensart. Ein altes Sprichwort fiel ihm ein: "Die Welt ist voller Narren."
"Und ich bin der allergrößte", murmelte er. Jetzt befand er sich in Reichweite des Bären, der selbst in seinem geschwächten Zustand mit einem Hieb einem Menschen den Hals brechen konnte.
Damiens Atem ging flach und schnell. Er verlor ständig Blut. Falls man die Blutung nicht stoppte, würde der Bär tot sein, bevor der Arzt eintraf.
"Okay, großer Junge", sagte er leise. "Das machen wir zwei jetzt unter uns aus. Ich bin im Grunde ein Feigling. Große haarige Bestien sind nicht mein tägliches Brot."
Der Bär schnaufte, es klang fast wie das mühsame Atmen eines leidenden Menschen.
"Ganz ruhig." Das Herz klopfte Webster bis zum Hals, als er sich auf den Rücken des Bären kniete. "Kein Protest und keine heftigen Bewegungen, okay? Hoffentlich hast du inzwischen gemerkt, dass ich dir helfen will." Er streifte sein Hemd ab, knüllte es zusammen. Ein Adrenalinstoß durchfuhr ihn, als er sich über das Tier beugte, um das Knäuel in die Wunde zu pressen.
Der Bär ächzte, hob den Kopf und ließ ihn wieder sinken. Websters Magen krampfte sich vor Angst zusammen. Aber offenbar hatte Damien das Bewusstsein verloren. Tapfer hielt Webster die Stellung und presste das Hemd immer fester auf die Wunde, bis es von Blut durchtränkt war.
"Das Rettungsteam ist auf dem Weg", sagte Tonya leise hinter ihm.
Webster hatte sie nicht kommen hören. "Bring mir Handtücher", wies er sie an. Dann kniete er sich hin, um noch besser Druck ausüben zu können.
Auch jetzt hörte er sie weder gehen noch kommen. Als sie ihm von hinten ein zusammengerolltes Stoffbündel reichte, nahm er behutsam sein Hemd hoch und sah, dass der Blutfluss fast zum Stillstand gekommen war. Er ersetzte das nasse Hemd durch das saubere Handtuch.
Nun legte er sein ganzes Gewicht auf die Wunde und betete, dass der Bär bewusstlos blieb. Minuten später floss kein Blut mehr.
"Die Blutung hat aufgehört, nicht?" fragte Tonya besorgt.
"Ich glaube schon." Falls es so war, konnte das zweierlei bedeuten. Entweder hatte er die Blutung gestoppt, oder der Bär war bereits verblutet.
"Haben sie gesagt, wie lange sie brauchen?"
"Eine halbe Stunde. Nachdem ich das Honorar verdreifacht hatte. Ich komme für die Differenz auf", setzte sie rasch hinzu.
Webster konnte nicht umhin zu grinsen. Sein Grinsen schwand, als er den leblosen Bären betrachtete. Das Tier atmete zwar, doch das war das einzige Lebenszeichen.
"Hoffentlich kommen sie noch rechtzeitig", sagte er und drückte, bis seine Arme schmerzten.
"Soll ich dich ablösen?"
Webster wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn. "Du bleibst, wo du bist. Damien kann jeden Moment wieder zu sich kommen und könnte dich verletzen. Außerdem müssen wir uns ja nicht beide schmutzig machen. Leg lieber mit Laken eine Landemarkierung für den Hubschrauber aus."
Eine Mücke summte an seinem Ohr, als er der davoneilenden Tonya nachschaute. Er ließ das Biest landen und zustechen, denn er wagte nicht, den Druck auf die Wunde zu verringern. Nach einiger Zeit begannen seine Arme zu zittern, und er schwitzte noch stärker als zuvor.
Endlich vernahm er das Knattern der Rotoren.
Doch erst als der Tierarzt und seine Helfer kamen, um ihn abzulösen, stand Webster auf. Seine Arme schmerzten, und er rollte die Schultern, um seine verspannten Muskeln zu lockern.
"Jetzt können wir nur warten", sagte er, während das Rettungsteam sich an die Arbeit machte.
Es sei riskant, hatte der Tierarzt erklärt, aber er würde sein Bestes geben. Er war mit dem Helikopter der Naturschutzbehörde gekommen, den ein Wildhüter flog. Nachdem sie Damiens Kreislauf stabilisiert hatten, half Webster ihnen, den Bären mit Hilfe eines Viehgurts in den Hubschrauber zu hieven.
"Wenn er durchkommt, dann nur, weil du so tapfer Erste Hilfe geleistet hast", sagte Tonya zu Webster. Sie blickten dem Hubschrauber nach, bis er hinter den Baumwipfeln verschwand. Er flog nach Minneapolis, wo das Team der Zooklinik in Bereitschaft stand.
Webster hob die Hand, um sein schweißfeuchtes Haar zurückzustreichen, und hielt inne, als er das getrocknete Blut daran sah. Auch seine Brust und seine Hose waren über und über mit Blut befleckt. "Wenn er es schafft, dann weil er ein zäher Bursche ist."
"Der Arzt hat aber etwas anderes gesagt."
Tonya konnte noch immer nicht fassen, was Webster geleistet hatte. Er hatte sein Leben riskiert, um Damien zu retten. Ein verletzter Bär konnte zum Killer werden. Webster hatte nicht wissen können, ob Damien angreifen würde. Sie hatte in Panik und wie gelähmt dabeigestanden und kaum helfen können.
Webster zuckte mit den Schultern und ging auf die Hütte zu. "Der Mann von der Behörde – Jack, heißt er, richtig? – meinte, sie könnten den Schützen feststellen, wenn sie die Kugel untersuchen."
Sie betraten die Hütte und schlossen die Tür hinter sich.
"Ich wünschte, sie würden den Kerl an die Wand klatschen."
"Ganz meine Meinung."
"Die Bären sind dir offenbar ans Herz gewachsen, nicht?" fragte sie leise. Sie war völlig aufgewühlt – die Nachwirkungen der Angst um Damien und Webster. Darin mischten sich Dankbarkeit und Zärtlichkeit. Und noch etwas Stärkeres. Ein Gefühl für Webster, das sie sich noch nicht eingestehen mochte.
Er schwieg eine Weile. "Du bist mir ans Herz gewachsen", erwiderte er schließlich und sah ihr in die Augen.
Tonya schwieg. Ihr wurde schwer ums Herz.
"Ich muss duschen."
Mit angehaltenem Atem blickte sie ihm nach, als er ins Bad ging.
"Du bist mir ans Herz gewachsen."
Ihre Hand zitterte leicht, als sie an den Herd trat, die vordere Flamme anzündete und den Wasserkessel aufsetzte. Der Tee würde ihre Nerven nicht beruhigen, aber so hätte sie wenigstens etwas zu tun, außer in die Luft zu starren und sich zu fragen, wie ernst sie Websters Aussage nehmen sollte.
Immerhin war sie endlich bereit zuzugeben, dass sie sich etwas aus ihm machte. Viel sogar. Sie liebte ihn. Das konnte sie nicht mehr leugnen. Und in diesem Moment der Nähe schienen alle Möglichkeiten offen zu stehen.
War es denn zu viel verlangt? Durfte sie nicht auf eine gemeinsame Zukunft hoffen?
Das Telefon klingelte in dem Moment, als der Kessel zu pfeifen begann, und bewahrte sie vor weiteren nutzlosen Überlegungen.
"Hier bei Charlie Erickson."
"Guten Tag", meldete sich eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung. "Ich bin froh, dass ich endlich jemanden erreiche. Ist Webster Tyler bei Ihnen?"
"Webster ist hier, aber er duscht gerade. Möchten Sie warten, bis er fertig ist? Oder möchten Sie mir Ihre Nummer geben, damit er zurückrufen kann?"
"Er kennt meine Nummer, aber ich warte lieber. Schließlich versuche ich seit Tagen, ihn zu erreichen. Sie sind Miss Griffin, oder?"
"Richtig."
"Wie schön, Sie einmal persönlich zu sprechen, meine Liebe. Ich bin Pearl Reasoner, Websters Sekretärin."
Und seine Patentante, setzte Tonya im Geist hinzu. Die muntere, herzliche Art der Frau gefiel ihr. "Webster hat mir von Ihnen erzählt."
Pearl lachte. "Das kann ich mir vorstellen. Wie geht es dem Jungen? Meckert er an allem herum, oder hat er meinen Rat beherzigt und entspannt sich ein wenig?"
"Beides, würde ich sagen." Tonya hörte, wie die Dusche abgestellt wurde. Sie musste an Websters letzte Bemerkung und seinen Blick dabei denken.
Sie drehte sich um, als die Badezimmertür aufging und Webster herauskam, ein Handtuch um die Hüften geknotet. Sein Haar war feucht, auf seiner Brust glitzerten Wassertropfen, und in seinen Augen stand etwas, das bei ihm zu sehen sie sich immer erträumt hatte.
"Für dich", sagte sie und hielt ihm den Hörer hin. "Deine Sekretärin."
Sie kehrte zu ihrem Tee zurück. Sie wollte nicht lauschen, konnte jedoch nicht vermeiden, seine Antworten mitzuhören. Sie lächelte über die aufrichtige Wärme in seiner Stimme, als er sich nach Pearls Befinden erkundigte. Sachlich und mit Bedacht gab er Auskunft über verschiedene Projekte, die er offenbar unerledigt gelassen hatte, während er sich in den Wäldern tummelte und sie, Tonya, zum Abschluss des Vertrages zu überreden versuchte.
Je länger er sprach, desto klarer wurde sich Tonya darüber, dass sie sich Illusionen hingegeben hatte. Er war der Inhaber eines großen Verlagskonzerns, ein Vollblutunternehmer, welterfahren und gewandt. Mit einer Fotografin, die heißen Asphalt unter den Füßen hasste und unberührte Natur zu ihrem Wohlbefinden brauchte, verband ihn nichts.
Es konnte keine gemeinsame Zukunft für sie beide geben.
Ein erdrückendes Gewicht schien sich auf ihre Schultern zu senken. Dies war die Realität. Von Anfang an hatte sie gewusst, dass sie aus unterschiedlichen Welten kamen und verschiedene Bedürfnisse hatten. Ebenso wusste sie, dass im wirklichen Leben die Liebe nicht alle Hürden überwand.
Sie huschte aus der Tür, während er sich mit Pearl über Personalfragen und Termine unterhielt, und riss sich tapfer zusammen, um nicht in Tränen auszubrechen.