4. Kapitel
"Du hast nach Charlie gefragt", sagte Tonya abrupt. Sie wollte sowohl die Erinnerung an jene längst vergangene Weihnachtsparty verdrängen als auch diesen Moment der intensiven Nähe möglichst schnell beenden. Sie wandte sich wieder ihrem Suppentopf zu. Ihre Hände zitterten noch immer, als sie eine große Portion in eine Schale füllte und sie Webster reichte.
"Die Hütte gehört Charlie Erickson. Und die Bären auch."
Sie horchte auf das weiche Tappen seiner Schritte in den Socken, während Webster zum Tisch ging. Draußen tobte der Wind, der Regen schien nicht nachlassen zu wollen.
"Die Bären gehören Charlie?"
Sie stellte ihm ein Glas Milch und eine Blechdose mit Crackern hin und legte einen Löffel neben die Suppenschale. "Sozusagen. Charlie lebt hier seit sechzig Jahren und reichert ihre natürliche Nahrung an mit Nüssen, Beeren, Hundefutter und allem, was ihm Läden und Lokale schenken. In Koochichin County leben ungefähr hundertfünfzig Bären, vierzig bis sechzig davon kennen Charlies Refugium und versammeln sich hier morgens und abends."
Er aß einen Löffel Suppe. "Refugium?"
"Hier sind sie sicher vor Jägern. Nächste Woche beginnt die Jagdsaison, daher lockt Charlie die Bären mit Futter an, in der Hoffnung, sie aus der Schusslinie zu bringen. Wahrscheinlich hast du die Schilder mit der Aufschrift 'Jagen verboten' auf der Herfahrt bemerkt."
Webster nickte und trank einen Schluck Milch.
Es gefiel Tonya, dass er kräftig zulangte und nicht geziert wie ein Städter aß. Er genoss die Mahlzeit sichtlich.
"Und wo ist Charlie momentan?"
"Er erholt sich im Krankenhaus von International Falls von einem Herzschlag."
Den Löffel auf halbem Weg zum Mund, hielt Webster inne. "Das hört sich aber nicht gut an."
Sie wischte mit dem Geschirrtuch am Gasherd herum. "Dafür, dass er achtzig ist, hält er sich wacker. Seit seinem Herzanfall sind zwei Wochen vergangen, es war glücklicherweise kein sehr schwerer. In ein, zwei Wochen darf er sicherlich wieder nach Hause."
Webster stützte die Ellbogen auf den Tisch und musterte sie. "Und du kümmerst dich solange um seine Bären."
Tonya zuckte mit den Schultern. "Das finde ich nur gerecht, nachdem er mir erlaubt hat, sie zu fotografieren."
Ein weiterer langer Blick folgte, dann widmete Webster sich wieder seiner Suppe. Bis auf die Geräusche des Unwetters war es still in der Hütte, während er aß. Das schummerige Licht und das Toben der Elemente draußen schufen eine heimelige Atmosphäre und schirmten sie beide vor der Außenwelt ab – nicht jedoch vor ihren Gedanken.
Mit neunzehn war Tonya aus der Kleinstadt Manchester, Iowa, nach New York gekommen. Sie hatte einen Abschluss vom örtlichen College in der Tasche, den Kopf voll großer Träume sowie ein beachtliches Talent, das nur den letzten Schliff brauchte. Ihren ersten Job bekam sie als Foto-Assistentin bei Tyler-Lanier. Es war zugleich ihr letzter Job in einer Großstadt. Man sprach von einer generellen Verschlankung des Unternehmens, doch für Tonya war es der Schock schlechthin. Sie hatte sich Hoffnungen gemacht, dass dieser Job ihr Einstieg zu einer glänzenden Karriere wäre. Die Kündigung kam am Heiligabend, dem Tag nach der Weihnachtsparty. Dem Tag, an dem sie sich bis auf die Knochen blamiert hatte, indem sie sich Webster an den Hals warf.
"Wie hast du von dieser Hütte erfahren?" Websters tiefe Stimme holte sie zurück in die Gegenwart und weg von ihren trüben Betrachtungen.
"Wie hören Fotografen von solchen Gelegenheiten? Von Kollegen. Ich habe die Jesups bei einem Auftrag begleitet", erklärte sie. Das berühmte Ehepaar und Kamerateam hatte sie vor einigen Jahren unter seine Fittiche genommen und ihr so manchen wichtigen Kontakt vermittelt.
"Sie erzählten mir, dass sie vor etwa dreißig Jahren eine Bildreportage über Bären in Minnesota gemacht hatten. Charlie war ihnen unvergesslich geblieben. Sie berichteten so begeistert von ihren Erlebnissen, dass ich Lust bekam, mir die Bären selbst anzusehen." Tonya trug den Suppentopf zum Tisch und füllte nach. "Nachdem ich im vergangenen Monat mit meinen Fotos im australischen Outback fertig war, blieb mir noch Zeit bis zu meinem nächsten Auftrag, und ich beschloss, hierher zu kommen."
"Und jetzt weißt du, was die Jesups hier so faszinierte."
Sie warf Webster einen Blick zu. Wie schön, dass er sie verstand. "Ja, jetzt weiß ich es."
"Und hat es sich gelohnt?" Erneut stützte er die Ellbogen auf, das Milchglas in den Händen.
Tonya konnte nicht umhin, seine Hände zu betrachten. Es waren keine Arbeiterhände, doch sie waren kräftig, mit schmalen, langgliedrigen Fingern. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie er sie mit diesen Händen streichelte, sie an ihren intimsten Stellen berührte. Hitze durchströmte sie, und sie spürte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss.
Hastig schaute sie weg. Sie schob die Gardine ein wenig beiseite und blickte aus dem Fenster. Es war stockdunkel, das Einzige, was sie sah, waren die Regentropfen, die der Sturm mit unverminderter Wucht gegen die Scheibe prasseln ließ. "Ob es sich gelohnt hat, die Bären zu fotografieren?"
"Nein, das einsame Leben und das Nomadentum. Fehlt dir die Stadt nicht?"
Tonya ließ die Gardine an ihren Platz zurückfallen. Da sie sich rastlos fühlte, ging sie zum Ofen und machte sich am Abzug zu schaffen. Es missfiel ihr, dass Webster einen wunden Punkt bei ihr berührt hatte. Ja, manchmal war sie einsam. Sehr sogar. Doch darüber wollte sie gerade mit ihm nicht reden.
"Ich bin in einer Kleinstadt aufgewachsen, die weniger als zehntausend Einwohner hat. In Großstädten fühle ich mich nicht sehr zu Hause", erwiderte sie ausweichend, denn ihre wahren Gefühle mochte sie ihm nicht gestehen.
"Für mich ist die Großstadtatmosphäre ein wahres Lebenselixier." Webster lehnte sich zurück und kippelte mit dem Stuhl. "An einem Ort wie diesem würde ich auf Dauer wahnsinnig werden."
"Nun ja …" Tonya wandte den Blick vom Ofen zu ihm. "Du könntest Gelegenheit bekommen, das zu testen."
"Richtig." Er kam mit dem Stuhl wieder auf den Boden. "Das dachte ich mir fast, als der Baum auf den Wagen krachte. Ich sagte mir, wenn ich überhaupt überlebe, werde ich wohl ein paar Tage lang hier festsitzen. Die Straße ist völlig blockiert."
"Hast du schon einmal einen Bobcart gefahren?"
Er lachte. "Sind das nicht diese kleinen traktorähnlichen Dinger?"
Mit übertriebener Nachsicht bestätigte sie: "Genau, diese kleinen traktorähnlichen Dinger."
"Ich habe sie in Anzeigen in unseren Zeitschriften gesehen. Zählt das etwa nicht? Aber wird denn nicht ein Straßenarbeitertrupp den Weg freiräumen?"
"Es ist keine öffentliche Straße, sondern Charlies Privatzufahrt. Die Nachbarn helfen sich gegenseitig bei der Instandhaltung."
"Nachbarn?" Er fuhr fort, seine Suppe zu essen.
"Mach dir nicht zu viele Hoffnungen. Der nächste Nachbar wohnt fünf Meilen entfernt."
"Das heißt also, wir beide müssen notgedrungen eine Weile miteinander auskommen."
"Scheint so."
"Das tut mir aufrichtig Leid."
"Na ja, solange du keinen Hüttenkoller bekommst, können wir es sicher miteinander aushalten. Wir haben genug Essensvorräte für mindestens eine Woche, und Wasser ist in der Nähe eines Sees kein Problem."
"Es gibt hier auch einen See?"
Tonya zwinkerte ihm zu. "Hallo, wir sind in Minnesota, dem Land der tausend Seen."
"Oh, das hatte ich ganz vergessen. Das Land der tausend Seen – wo die Männer nach Fisch riechen und aussehen wie Bären, stimmt's?"
Sie musste lachen. Das hatte sie oft selbst gedacht, wenn sie die raubeinigen, aber freundlichen Männer hier sah. Die meiste Zeit angelten sie oder gingen auf die Jagd. Mit Rasierer oder Seife kamen sie dagegen nur selten in Berührung. "Nun ja, auf einige trifft das schon zu."
"Und was machst du abends so?" Webster sah sich prüfend in der Hütte um. "Langweilst du dich denn hier nicht entsetzlich?"
"Ich lese oder entwickle meine Filme. Im Bücherregal gibt es auch ein paar Puzzles."
"Sonst nichts?"
Leicht gereizt zuckte sie die Schultern. "Sonst nichts."
"Ein echter Männertraum."
"Das ist wohl ironisch gemeint?"
"Allerdings." Er stand auf, reckte sich und begann, in der Hütte herumzuwandern wie ein Tiger im Käfig. "An E-Mail ist vermutlich nicht zu denken."
Sie würdigte ihn keiner Antwort.
"Das habe ich mir gedacht."
Sie versuchte, Webster zu ignorieren, während er sich unruhig umschaute, Dinge in die Hand nahm, sich die Hände am Ofen wärmte. Dabei war es nicht leicht, diesen aufregenden Mann zu ignorieren, zumal auf beengtem Raum, ohne Fernseher, ohne Radio und andere Ablenkungen.
"Möchtest du nicht deine Kleidung aus der Reisetasche nehmen und zum Trocknen aufhängen?" schlug sie vor, denn in Charlies Sachen schien Webster sich nicht sehr wohl zu fühlen. "Ich habe eine Wäscheleine in der Ecke gespannt."
Ungeschickt machte er sich daran, die feuchten Sachen mit Hilfe von Wäscheklammern und Kleiderbügeln aufzuhängen. Zu Hause hatte er bestimmt eine Haushälterin. Tonya bekam fast Mitleid, aber auf keinen Fall würde sie seine privaten Sachen anrühren. Die waren ihr einfach zu … privat. Und sie war keine Haushälterin. Allerdings trug sie seine Stiefel, die bestimmt ein Vermögen gekostet hatten, zum Ofen, damit sie trocknen konnten. Natürlich nur, weil sie es hasste, wenn etwas Edles verhunzt wurde …
"Gibt es hier keine Spielkarten?" erkundigte Webster sich, nachdem er sich ziemlich lustlos mit seinen Kleidern befasst hatte.
"Ich glaube, ja." Sie suchte in einer Schublade und fand tatsächlich einen abgegriffenen Satz Karten. Sie warf sie auf den Tisch. "Hier. Schlag dich selbst."
"Wenn ich einen Hammer hätte, würde ich das vermutlich tun."
Sie wandte ihm den Rücken zu, um ihr Lächeln zu verbergen. "Sieh es doch als Chance, zu dir selbst zu finden. Es gibt genügend Leute, die ein Heidengeld für Selbstfindungskurse und solches Zeug ausgeben."
Webster seufzte frustriert und griff nach den Karten. "Was für ein entsetzlicher Gedanke! Das ist garantiert großer Humbug."
"Ja, in den meisten Fällen ist es die reinste Abzocke", bestätigte sie und wusch das wenige Geschirr von ihrer Mahlzeit ab – sie hatte ja früher gegessen. Webster begann indessen, die Karten zu mischen.
"Wie wär's mit einem kleinen Gin?"
"Tut mir Leid, Charlie trinkt nur Whisky."
"Und einen verflixt guten, muss ich sagen. Aber ich meinte Gin Rummy, das Kartenspiel. Du könntest ein Vermögen gewinnen, wenn du mit mir um Geld spielst. Beim Kartenspiel bin ich genauso schlecht wie im Überleben in der Wildnis."
"Dann verzichte ich lieber. Es wäre unfair, deine Lage auszunutzen", gab sie zurück.
Webster lächelte und mischte weiter. "Legt man bei einer Patience sechs oder sieben Reihen aus?"
"Sieben."
"Ich hab' doch geahnt, dass du das weißt."
Tonya meinte, einen spöttischen Unterton herauszuhören. "Was soll das heißen?" fragte sie mit deutlicher Schärfe.
Webster blickte auf, sah ihre finstere Miene und hob beschwichtigend die Hände. "Überhaupt nichts. Ich dachte nur, weil du bei deinen Fotosafaris viel allein bist, langweilst du dich vielleicht manchmal. Patience hilft enorm gegen Langeweile, oder?"
Sie hörte sich seine Bemerkungen stumm an, nahm den Schürhaken und schichtete die Holzscheite in dem gusseisernen Ofen um.
"He, wirklich. Ich habe nichts anderes damit gemeint. Ich fragte nur aus Neugier – was sollte ich wohl sonst gemeint haben?"
Dass sie so uninteressant war, dass niemand mit ihr zusammen sein wollte. Wenn ein Mann mit ihr und einem Kartenspiel irgendwo eingeschlossen wäre, würde er sich lieber mit den Karten beschäftigen, als mit ihr ins Bett zu gehen …
Himmel, warum war sie plötzlich so empfindlich? Okay, sie hatte zwei unglückliche Beziehungen hinter sich, und das hatte ihr Selbstwertgefühl als Frau nachhaltig untergraben.
Nach dem Fehlschlag in New York war sie wild entschlossen, Erfolg zu haben. Darunter hatte ihr Liebesleben stark gelitten. Die beiden lockeren Beziehungen danach waren im Sande verlaufen. Ihre beruflichen Reisen führten sie oft über mehrere Monate ins Ausland. Auf die Entfernung war es schwierig, einander innerlich nah zu bleiben. Natürlich würde sie gern den Richtigen kennen lernen, doch war ihr noch niemand begegnet, der gern die zweite Geige spielte. Außerdem hatte sie ihre Fantasien über Webster nie ganz aufgegeben. Noch immer übte er eine gewisse Faszination auf sie aus.
Dennoch mochte sie ihren Lebensstil, auch wenn sie bei ihrer vielen Arbeit kaum jemanden treffen würde, der dieses Leben mit ihr teilen wollte. Den Fehlschlag in New York hatte sie überwunden und das Beste daraus gemacht. Doch an Webster Tyler hatte sie ein wenig zu oft gedacht und mit ein wenig zu viel Wehmut.
Und plötzlich war er hier, aus heiterem Himmel und in den strahlenden Farben des wirklichen Lebens. Und auf einmal hinterfragte sie ihre Einstellung. Der Mann erinnerte sie an ihre schwerste berufliche Niederlage sowie an einen der peinlichsten Momente ihres Lebens, und kaum tauchte er wieder auf, stürzte er sie in eine Gefühlskrise, als wäre sie eine naive Neunzehnjährige. Wie ärgerlich, dass ihr dieser dumme Kuss noch immer so nachging. Zum Glück hatte er sie nicht erkannt – kein Wunder, damals war sie zehn Kilo schwerer gewesen. Außerdem hatte sie eine Brille getragen, und ihr Haar war kurz und stachelig gewesen. Trotzdem …
Unwillig warf sie ein paar Scheite ins Feuer, richtete sich auf und wischte sich die Hände an ihrer Jogginghose ab. Webster wollte einfach reden, er langweilte sich. Und sie war mürrisch. Ihr beharrliches Schweigen musste auf ihn wirken, als käme sie von einem anderen Stern.
"Gin Rummy?" Sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber, um sich zu beweisen, dass sie mit der Situation fertig wurde, und um ihn aufzumuntern.
Er lächelte überrascht – es war ein zufriedenes, aufreizendes Lächeln, das sich auf sie übertrug.
"Ich muss dich warnen, ich bin ein schlechter Verlierer."
Daran zweifelte sie keine Sekunde. "Das passt, denn ich bin eine grausame Gewinnerin."
Er schob ihr den Kartenstapel hin. "Abheben?"
"Nein, gib nur."
"Wie viele Punkte gibst du mir Vorsprung?" Sie beobachtete seine Hände, als er selbstsicher und geschickt die Karten austeilte, und fragte sich, ob er sie nicht doch hinters Licht führte. "Dies ist nicht Golf, Tyler. Du bekommst kein Handicap."
"Aha, so eine bist du also."
Sie prüfte ihr Blatt, während er seine Karten zurechtsteckte. "Was für eine?"
"Unerbittlich."
"Bloß weil ich dir keinen Vorsprung gebe?"
Er lachte. "Weil du eine hinreißende Frau bist, aber du hast etwas Gefährliches an dir. Du wirst mich nach Strich und Faden fertig machen, stimmt's?"
"Nur, wenn du schummelst." Dabei schummelte er bereits, indem er sie mit Schmeicheleien ablenken wollte. Hinreißend. So hatte sie sich nie gesehen, und sie bezweifelte sehr, dass er das ernst meinte.
"Ich bin zwar durchtrieben, aber schummeln? Niemals." In seinen Augen saß ein kleiner Teufel, der verhieß, dass er vor keinem schmutzigen Trick zurückschrecken würde, solange der Einsatz reizvoll genug war. Bei ihm musste sie auf der Hut sein.
Seine Augen blitzten, als sie eine Karte zog und sie abwarf. Mit kaum verhülltem Triumph schnappte er sich die Karte.
Tonya musste lachen. "Also, für einen Geschäftsmann hast du nicht gerade ein Pokerface."
"Ein Glück, dass wir Gin Rummy spielen und nicht Poker. Außerdem ist dies kein Geschäft." Er warf ihr einen Blick zu, der zu sagen schien: "Ist das dein Ernst?", als sie seine abgelegte Karte aufnahm. "Dies ist pures Vergnügen", fügte er mit leiser Stimme hinzu.
Sie sah in seine Augen, doch zuvor hatte sie unwillkürlich zum Bett geschaut.
O nein, er hatte es bemerkt! Plötzlich lagen Neugier und Nachdenklichkeit in seinem Blick, was nur bewies, dass ihm nichts entging. In seiner Gegenwart musste sie ständig auf der Hut sein, sonst würde sie sich gründlich blamieren.
"Ziehst du nun, oder was?" zischte sie und wusste genau, es war nicht richtig, dass sie ihren Ärger über sich selbst an ihm ausließ.
"So, so, ungeduldig bist du auch noch", bemerkte er leichthin und zwinkerte ihr zu. "Das mag ich bei Frauen."
Tonya überlegte noch, ob sie das als erotische Anspielung auffassen sollte, da legte er ganz ruhig sein gesamtes Blatt auf den Tisch und warf die letzte Karte ab. "Gin."
Sie starrte mit offenem Mund auf das Blatt. "Unmöglich. Nicht so bald."
Wieder lächelte er, und kein bisschen hämisch. "Beim nächsten Mal gewinnst du bestimmt."
Sie blieb skeptisch. Hatte sie sich von ihrem kleinen Geplänkel ablenken lassen? Jedenfalls flirtete er definitiv. Schweigend zählte sie ihre Punkte und schrieb sie auf. "Mal sehen."
Beim nächsten Mal, wenn er sie zu Spiel und Spaß aufforderte, sollte sie ihrem Instinkt folgen und ablehnen, anstatt diesen armen Stadtmenschen zu bemitleiden, der sich in unförmigen Kleidern lächerlich vorkommen musste. Doch wenn dem so war, sah man es ihm nicht an. Selbst in seinem abgetragenen Holzfälleroutfit war er schlicht umwerfend. Und selbstsicher, entspannt.
In dieser Stille, der Dunkelheit und Abgeschiedenheit wirkte er sogar ein bisschen gefährlich. Nicht, dass er ihr etwas antun würde, aber er könnte ihrem Herzen schaden. Und das durfte nicht noch einmal passieren. Mit Herzschmerz hatte sie leider genügend Erfahrung.
"Ich finde, wir sollten es ein bisschen spannender machen", sagte er. Sie teilte sieben Karten aus, legte den restlichen Stapel auf den Tisch und deckte die oberste Karte auf.
Sie sah ihn an, und da war so viel Hitze in seinem Blick, dass sie an sehr ungewöhnliche Einsätze denken musste. Sofort schämte sie sich für ihre unsinnigen Fantasien.
"Wir können einen Penny pro Punkt einsetzen."
Er hob die Augenbrauen. "Ist das nicht ziemlich wenig?"
"Mag sein. Aber wenn du denkst, du könntest um meinen Vertrag spielen, höre ich auf."
Seine schuldbewusste Miene sagte ihr, dass er genau das geplant hatte.
"Das wäre mir nie in den Sinn gekommen."
"So, so. Was dann?"
"Nun, dass du mich morgen mit auf deine Fototour nimmst, wenn ich gewinne."
Sie schob ihr Blatt zusammen und warf ihm einen misstrauischen Blick zu. "Ich laufe den ganzen Tag durch die Wälder, immer auf der Suche nach Bären. Da gibt es unangenehme Dinge wie Matsch und Mücken und Blasen an den Füßen."
"Zugegeben, das hört sich lustiger an, als wahrscheinlich gut für mich ist. Trotzdem möchte ich es wagen."
Kopfschüttelnd fragte sie: "Warum?"
Er zuckte die Schultern. "Aus purer Neugier."
"Neugier? Worauf? Etwa auf Bären? Tut mir Leid, aber das nehme ich dir nicht ab."
"Die Bären interessieren mich schon ein wenig. Allerdings interessiert mich mehr, weshalb eine schöne, intelligente Frau ihre Zeit damit verbringt – und zwar ihre ganze Zeit, wie ich erfuhr –, sich in dunklen Wäldern, im schwülen tropischen Dschungel und auf eisigen Bergeshöhen herumzutreiben. Ganz zu schweigen von mit Schlangen bevölkerten Seitenarmen des Amazonas und Wüsten voller Sandflöhe, wenn sie stattdessen bequem in klimatisierten Studios zickige Models fotografieren könnte. Und das alles in einer Stadt mit Tausenden von hervorragenden Restaurants, die man zu Fuß erreichen kann."
Nach "schöne, intelligente Frau" hatte Tonya kaum noch hingehört. Das und "hinreißend" vorhin.
Es gab zwei Gründe, weshalb Webster diesen Ton anschlug. Entweder hielt er sie für schön und intelligent, oder er wollte, dass sie dachte, sie sei schön und intelligent. Die erste Möglichkeit sollte sie nicht weiter berühren. Doch das tat sie. Viel zu sehr, das verriet ihr plötzliches Herzklopfen deutlich genug.
Die zweite Möglichkeit schien jedoch plausibler, wenngleich weniger aufregend. Dennoch blieb die Frage: Warum? Was hatte er vor?
Vielleicht war er immer noch darauf aus, sie zur Mitarbeit bei seinem neuen Projekt zu überreden, und bildete sich ein, dass er mit Schmeicheleien noch am ehesten etwas bei ihr erreichte. Wirkte sie so ausgehungert nach Komplimenten? Mehr noch, wirkte sie wie eine Frau, die auf eine so plumpe Masche hereinfiel? Oder war dies nur allgemein sein Umgangsstil mit Frauen im Geschäftsleben?
Nein, so ungeschickt war er nicht. Die meisten Frauen, die Tonya kannte, waren zu clever, um auf solche Spielchen hereinzufallen. Aber wenn es das nicht war, was hatte er vor?
Vielleicht interessierte er sich wirklich für die Bären und schämte sich, es zuzugeben. Von einem weit gereisten, erfahrenen Mann wie ihm erwartete man keine Begeisterung für schlichte Schwarzbären.
Sie verwarf diese Möglichkeit. Wenn er sich wirklich für Bären interessierte, hätte er anders reagiert, als Oscar plötzlich aufgetaucht war und ihm die Pfefferminzschokoladeblättchen stibitzt hatte.
Aber der Gedanke, er könnte sie tatsächlich für schön halten, war zu weit hergeholt, und doch ging er ihr nicht aus dem Kopf. Das ärgerte sie enorm. Sie wollte nicht von männlicher Bewunderung abhängig sein.
"Du möchtest wirklich mitkommen? Kein Problem. Wir gehen morgen zusammen, ganz gleich, ob du gewinnst oder verlierst."
"Um was spielen wir dann?"
Sein Grinsen wirkte entschieden triumphierend. So sehr, dass sie beschloss, bei diesem Spiel keine Gnade walten zu lassen. "Der Verlierer muss die Fotoausrüstung schleppen."
"Abgemacht."
"Damit du es nur weißt, ich werde Hackfleisch aus dir machen, Tyler."
Sein Lächeln zeigte, dass ihm ihr Kampfgeist gefiel. "Nur zu, Griffin. Und vergiss nicht, du hast einiges wettzumachen."
Da war er wieder, dieser typische Webster-Tyler-Charme. O nein, sie würde ihm nicht in die Falle gehen.
Selbst wenn er sie noch so oft schön und intelligent nannte. Oder hinreißend.
Selbst wenn er überraschend entspannt und harmlos aussah in Charlies großem Hemd. Mochte er noch so vergnügt mit seinem Stuhl kippeln, noch so ernsthaft sein Blatt studieren.
Auch wenn sie trotz allem davon träumte, wie sie beide in Charlies altem Bett auf der klumpigen Matratze lagen, während die rostigen Sprungfedern lustig quietschten und sie, Tonya, auch ein paar Geräusche von sich gab.
Sie war sich gar nicht bewusst, dass sie versonnen das Bett betrachtete, als Webster sich räusperte.
"Spielst du jetzt, oder was?" fragte er, indem er ihre vorherige Ungeduld nachahmte.
Sie seufzte innerlich. Welcher ungute Stern hatte ihn zu ihr geführt? Welcher Teufel hatte dafür gesorgt, dass ihm dieser Baum aufs Auto fiel? Und wie sollte sie es schaffen, bei alldem einen kühlen Kopf zu bewahren?
Tonya hatte Webster nach allen Regeln der Kunst geschlagen. Von drei Spielen hatte sie drei gewonnen. Und er war in der Tat ein schlechter Verlierer, der jedes Mal Zeter und Mordio schrie.
Trotz allem und trotz seiner schmerzenden Schulter grinste Webster, als er später in seinem Schlafsack vor dem Ofen lag und in die Dunkelheit starrte. Wenn es nach Tonya gegangen wäre, hätte sie auf dem Boden gelegen und er hätte das Bett bekommen.
"Muss ich wirklich erst den Macho herauskehren?" hatte er mit gespieltem Unwillen gefragt. "Der Mann bin ich. Du bist die Frau und somit das zartere, schwächere Geschöpf. Meine Aufgabe ist es, auf der harten Erde zu schlafen und anschließend einen Elch oder ein Karibu fürs Frühstück zu erlegen, während du Feuerholz sammelst und Tierhaut weich kaust – oder sonst irgendetwas machst, was seit Urzeiten Aufgabe der Frauen ist."
Darauf hatte sie ihm einen ihrer strafenden Blicke zugeworfen, die ihm inzwischen so vertraut waren.
"Muss ich mir diesen Quatsch anhören, weil ich dich besiegt habe?" bemerkte sie und rollte den Daunenschlafsack vor dem Feuer aus.
"Du musst es dir schon gefallen lassen. Während ich im Bad war, bist du im Regen zum Schuppen gerannt, um deinen Schlafsack zu holen, obwohl ich gesagt habe, dass ich das mache."
"Deine Stiefel sind noch nass", hatte sie entgegnet. "Meine nicht. Außerdem habe ich einen Regenmantel. Da ich zum schwachen Geschlecht gehöre, denke ich an so etwas."
"Du schläfst nicht auf dem Boden", hatte er bekräftigt.
Ob sie nun einfach nicht streiten wollte oder ob sie seinen wild entschlossenen Blick richtig deutete – jedenfalls hatte sie nachgegeben. "Bitte sehr. Mach es dir bequem."
Dann war sie ins Bad gegangen. Als sie nach ein paar Minuten herauskam, sah sie in ihrem weiten, verblichenen roten Schlafshirt, das er am Haken an der Badezimmertür bemerkt hatte, aus wie eine Sechzehnjährige. Aber er war innerlich so sehr mit ihrem zum Trocknen aufgehängten Spitzenslip beschäftigt gewesen, dass er auf das Shirt nicht sonderlich geachtet hatte.
Sie steuerte direkt auf das Bett zu, bat ihn, noch etwas Holz aufs Feuer zu legen, und löschte die Lampe, noch bevor er sich hingelegt hatte. Sie zog sich die Bettdecke bis ans Kinn hoch, und das war's dann.
Das war über eine Stunde her. Das Unwetter schien weitergezogen zu sein. Der Regen hatte nachgelassen, der Wind sich etwas gelegt. Im Innern der Hütte jedoch war die Luft noch immer elektrisch aufgeladen. Wahrscheinlich war das Gewitter zum Teil verantwortlich für die erotische Spannung im Raum, ebenso wie für die absurde Situation, in der Webster sich befand.
Webster Tyler, der machtvolle Unternehmer, Leiter eines der angesehensten und reichsten Verlagskonzerne der Welt, der mit Prominenten auf Du und Du stand, der mit wichtigen Persönlichkeiten dinierte und in den prachtvollsten Villen übernachtete, lag auf den Dielen einer schäbigen Hütte wie ein Pfadfinder. In einer weiten grauen Jogginghose, in der zwei Männer seiner Größe Platz gehabt hätten – und überlegte, wie er Tonya mit in diese Hose bekam. Oder wenigstens aus ihrer heraus.
Wie tief war er gesunken!
Da half es auch nichts, dass sie höchstwahrscheinlich auch wach lag. Die Bärenliebhaberin war ebenfalls unruhig, wie das wiederholte Quietschen der alten Sprungfedern bewies. Aus der Richtung des Betts kamen keine regelmäßigen Atemzüge, ganz zu schweigen von leisem Schnarchen, nachdem sie ihren Körper in die Horizontale gebracht hatte.
Und was für einen sexy Körper sie hatte! Der Schein des Feuers war zu schwach, um den Raum zu erhellen, aber man konnte die Silhouette eines sanft gerundeten Frauenkörpers in einem verwaschenen Shirt ausmachen. Mit einem geübten Blick hatte er die aufregenden Kurven unter dem Shirt erspäht, als sie vorhin aus dem Bad gekommen war und die Bettdecke zurückgeschlagen hatte.
Webster drehte sich auf den Rücken, unterdrückte ein Stöhnen, als die Schramme an seiner Schulter sich schmerzhaft bemerkbar machte, und verschränkte die Hände hinterm Kopf. Der mit Daunen gefüllte Nylonschlafsack raschelte leise, und den Falten entströmte erneut Tonyas Duft. Webster versuchte, ihn zu ignorieren, ebenso wie sein Fantasiebild von ihren Brüsten unter dem dünnen Shirt. Brüste, die wie sanfte Hügel waren – verlockend in ihrer Prallheit – und sich ganz sicher wunderbar weich anfühlten, wenn er sie in die Hände nahm …
Himmel, der Schlafsack duftete nach ihr. Ein femininer, unglaublich erotischer Hauch nach Blüten, mit einer Spur von Mückenspray.
Webster unterdrückte ein Lachen bei dem Gedanken, dass ihn Insektenspray erregte. Es war einfach zu kindisch.
Er starrte auf die tanzenden Schatten, die der Feuerschein vom Ofen an die Decke warf. Er konnte es nicht begreifen, dass er sich auf einmal für Tonya interessierte.
Zum hundertsten Mal sagte er sich, dass sie nicht sein Typ war. Zudem war sie nicht auf eine Beziehung aus. Er übrigens auch nicht. Er war zu beschäftigt, um sich auf eine Romanze einzulassen. Auf die wiederum Tonya sich sowieso nicht einlassen würde.
Tonya Griffin war eine reine Geschäftspartnerin. Gewiss, er war entschlossen, an ihre weibliche Eitelkeit zu appellieren, damit er sein Ziel erreichte. Aber darüber sollte es nicht hinausgehen.
Wieder knarrte das Bett. Unwillkürlich wandte er den Kopf in ihre Richtung. Sie drehte sich zur Wand, weg von ihm. Ihr Haar war getrocknet, die weichen Locken breiteten sich über ihren Rücken aus, und er musste an Engelshaar denken. Sinnlich glänzend wie flüssige Seide ergoss es sich über die Kissen und lud zum Streicheln ein.
Die sanfte Kurve ihrer Hüfte bildete einen lockenden Hügel unter der alten Steppdecke, die Einbuchtung ihrer schmalen Taille war wie ein reizvolles Tal. Genauso reizvoll wie Tonyas Verwandlung von der harten Outdoor-Lady im Militärlook zur Trägerin von sexy rosafarbenen Dessous, die etwas Mädchenhaftes an sich hatten. Es machte sie plötzlich weicher, verletzlicher.
Du bist gar nicht so hartgesotten, wie du dich gibst, Darling, oder? dachte er. Und ich bin dir nicht so gleichgültig, wie du mir weismachen willst.
Doch hier ging es ums Geschäft, nichts weiter.
Ich bin ja auch nicht wirklich scharf auf sie, sagte er sich und drehte sich ebenfalls zur Wand. Es ist nur diese merkwürdige Situation, die Langeweile, diese tödliche Stille. Und die Notwendigkeit, ihre Unterschrift unter den Vertrag zu bekommen.
Warum lächelte er dann vor sich hin, während er dalag und Tonyas tiefen Seufzer hörte? Er wusste es beim besten Willen nicht. Dies war nicht seine Welt, dieses pionierhafte einsame Leben in einer Blockhütte mitten im Wald. Eines musste er jedoch zugeben: Nachdem er sich vorhin aufgewärmt und etwas in den Magen bekommen hatte, war es ihm richtig gut gegangen. Er hatte den Abend genossen, sich entspannt. Zum ersten Mal seit – verflixt, er konnte sich nicht einmal erinnern, seit wann. Das gab ihm doch sehr zu denken.
Auch hatte er seinen Sinn für Humor wiederentdeckt, den er so lange unter Verschluss gehalten hatte. Und das in einer Holzhütte im tiefsten Wald, ohne Strom, ohne Taxis, die draußen durch die Straßen jagten – ja, ohne Straßen –, ohne Polizeisirenen, ohne die Neonlichter vom Broadway. Sogar das Telefon war tot, und er hatte sein Handy bei dem beinahe tödlichen Abenteuer mit dem umstürzenden Baum verloren.
Jawohl, er hatte sich gut amüsiert. Beim Kartenspiel mit Tonya Griffin, die ein bisschen zu viel Spaß daran hatte, "Hackfleisch aus ihm zu machen", wie sie ganz ungeniert gesagt hatte.
Ungeniert und unverfälscht, so war sie. Sie war durch und durch echt, energiegeladen und für alle Eventualitäten gerüstet. Was man von ihm nicht behaupten konnte. Zumindest nicht, was den heutigen Tag anging.
Ich muss endlich einschlafen, sagte er sich. Morgen wird ein harter Tag.
Er würde ausgeruhte Muskeln brauchen, denn morgen würde er den Packesel spielen müssen. Er hatte den starken Verdacht, dass Tonya ihm nichts ersparen würde.
Es war dumm gelaufen.
Warum lächelte er dann noch immer, als er schließlich einschlief? Und warum fühlte er sich so entspannt und behaglich auf einem Dielenboden, der so hart war wie der Asphalt auf den Straßen von New York?