7. Kapitel

 

Den Weg zur Hütte legten Tonya und Webster in tiefem Schweigen zurück. Sie würde es nie zugeben, aber sie zitterte nicht vor Kälte in ihren nassen Sachen, es war die Reaktion auf den Kuss. Und der Zorn über ihre eigene Dummheit.

Er hatte sie geküsst, der verflixte Kerl.

Sie hatte den Kuss erwidert, doppelt verflixt.

Und ihr dummes Herz pochte wie verrückt, wenn sie daran dachte.

Warum musste er aber auch so unwiderstehlich sein? Dieser schöne, sinnliche Mund, der so gut küsste. Diese zärtlichen und erfahrenen Hände, bei deren Berührung sie dahinschmolz. Sie hatte die Arme um seinen Nacken geschlungen, sich an ihn geklammert wie eine Ertrinkende an einen Rettungsring, um nicht unterzugehen im Meer des Verlangens.

Sie musste auf Abstand gehen, sonst würde sie am Ende noch selbst vorschlagen, das Begonnene in der Hütte zu beenden.

"Ich habe beschlossen", sagte sie, als sie die Hütte erreichten, "allein auf meine Fototour zu gehen."

"Gut."

Er schaute weg, und sie wusste nicht, ob er grinste oder verärgert war.

Egal, das war sein Problem. Er war ihr Problem, und sie brauchte Zeit und Abstand, um mit sich ins Reine zu kommen.

Rasch zog sie trockene Sachen an, schulterte Kamera und Rucksack und marschierte los. Es ist ja alles so albern, sagte sie sich, während sie über einen gefällten Baumstamm kletterte. Und es war ihre eigene Schuld. Sie hatte ihn gelockt, ihn gedemütigt und dann gezetert, als er Rache nahm.

"Ich habe es nicht anders verdient", murmelte sie und zwang sich, langsamer zu gehen, denn in ihrer Wut verursachte sie zu viel Lärm.

Sie würde mit der Erinnerung an diesen unbeschreiblichen Kuss leben müssen. Und mit Websters Vorschlag, in der Hütte weiterzumachen. Und sie würde ihm am Abend wieder gegenüberstehen und wissen, dass sie sehr wohl weitergehen wollte.

 

Die Zeit, das Alleinsein und der Abstand von Webster taten ihre Wirkung. Als Tonya mehrere Stunden später zur Hütte zurückwanderte, hatte sie einen klaren Kopf. Zwar hatte sie nur wenige Fotos gemacht, aber sie war ruhiger.

Der Zwischenfall am See hatte nichts zu bedeuten. Eine momentane Entgleisung, mehr nicht.

Wahrscheinlich bereute er den Ausrutscher ebenso wie sie. Sie würde sich bei ihm entschuldigen, und dann würden sie das Ganze vergessen.

Sie durfte nicht mehr daran denken, wie heiß und hungrig sein Mund gewesen war, wie kräftig seine Nackenmuskeln sich unter ihren Händen angefühlt hatten und wie hart …

Sie stöhnte. Wenn sie doch nur aufhören könnte, daran zu denken. Sie hätte längst über diesen lächerlichen Zwischenfall hinweg sein müssen.

"Genau wie über den Kuss vor zwölf Jahren, was?" schimpfte sie laut. Den hatte sie ja leider nie vergessen können.

Sie war unverbesserlich.

Und er war – ja, was eigentlich? Unerreichbar? Verbotenes Terrain?

Genau das.

Hatte sie denn nichts dazugelernt? Männer wie Webster Tyler nahmen Frauen wie sie nicht ernst. Überhaupt nahmen Männer sie nicht ernst. Jedenfalls die Typen, die sie bisher kennen gelernt hatte. Selbst die beiden Männer, die sich wirklich für sie interessiert hatten, waren ganz selbstverständlich davon ausgegangen, dass sie ihre Träume aufgab und nicht mehr durch die Welt reiste, auf der Suche nach spektakulären Motiven für ihre Fotos. Sie hatten Tonya nicht als gleichberechtigt betrachtet, ihre Arbeit nicht für voll genommen, und das hatte wehgetan. So weh, dass sie sich lieber ganz auf ihren Beruf konzentrierte und weitere Kränkungen dieser Art vermied.

Zum Beispiel das, was sich mit Webster abzeichnete. Und da war einiges am Kochen, kein Zweifel.

Apropos Kochen … Wenige Meter vor der Hütte blieb sie stehen und schnupperte. Kochte da jemand?

Sie schlich ans offene Fenster. In der Septemberbrise bauschten sich die Vorhänge. In der Kochecke brannte Licht.

Licht?

Sie hatten also wieder Strom. Immerhin etwas Positives. Wahrscheinlich würde die Straße auch bald wieder passierbar sein. Webster würde wieder nach New York abreisen, wo er in seinem Element war, und sie könnte sich erneut ihrer Arbeit widmen. Allein. Das wollte sie doch, oder?

Richtig, sagte sie sich und ignorierte das leise Bedauern, das sich bereits in ihr regte.

Innerlich gewappnet für einen unangenehmen Wortwechsel, ging sie die Treppe hoch. Sie holte tief Luft und öffnete die Tür.

 

Vom Fenster aus beobachte Webster Tonya, die aus dem Dickicht auftauchte wie eine Waldnymphe in Kampfstiefeln. Als er merkte, dass er lächelte, ließ er hastig die Gardine los und versuchte, das Vergnügen zu ignorieren, das ihr Anblick ihm bereitete. Solche Gedanken waren der falsche Weg. Der Kuss war ein Fehler gewesen. Sie wusste es, er wusste es, basta. Tonya Griffin war verbotenes Terrain.

Auf diese Weise hatte er sich den Nachmittag über gestählt. Er brauchte ihre Unterschrift unter den Vertrag und keine heiße Liebesnacht, obwohl er ahnte, dass es eine höchst beglückende Nacht sein würde.

Folglich hatte er sich anderweitig beschäftigt, und er war sehr stolz auf seine Leistungen. Er hatte einige Überraschungen für Tonya parat. Nicht etwa, weil er sie beeindrucken wollte, o nein, er wollte ihr nur beweisen, wie kompetent er war.

Schnell setzte er sich mit dem alten Western, den er im Bücherregal entdeckt hatte, an den Tisch. Lässig, mit übergeschlagenen Beinen und scheinbar total in seine Lektüre vertieft saß er da, als die Tür aufging.

"Da bist du ja", sagte er freundlich und blickte betont langsam auf.

Mit gerunzelter Stirn nahm Tonya den Anblick in sich auf, der sich ihr bot. Dann schloss sie die Tür und legte ihre Kameraausrüstung auf den Boden.

"Was soll das bedeuten?" Misstrauisch musterte sie den Tisch, der für zwei Personen gedeckt war, komplett mit einer Kerze und einem frischen Strauß Wildblumen.

"Betrachte es als Versuch einer Wiedergutmachung für heute Morgen." Webster lächelte mit genau dem richtigen Maß an Betretenheit.

Tonya war offenbar noch nicht ganz besänftigt, aber er hatte ja noch mehr in petto.

"Seit wann ist der Strom wieder da?"

"Also die Leitungen sind noch nicht repariert." Mit gespieltem Interesse wandte er sich seinem Buch zu und bemerkte wie nebenbei: "Ich habe im Schuppen einen Generator gefunden und ihn angeworfen."

Den ganzen Nachmittag lang hatte er sich auf diese Szene gefreut. Als hätte er nicht drei Stunden lang mit dem verflixten Gerät gekämpft und sich dabei fast Blasen an den Händen geholt.

"Was, hier gibt es einen Generator? Wo?"

"Er steht im Schuppen. Hinter dem Feuerholz." Webster genoss Tonyas Verblüffung.

Sie stand noch immer an der Tür, ihr war sichtlich unbehaglich. Dieser neue, fähige Webster war ihr höchst verdächtig. "Du kannst mit einem Generator umgehen?"

Vorher hatte er es nicht gekonnt, und er hoffte inständig, nie wieder vor eine so knifflige Aufgabe gestellt zu werden. "Klar doch", meinte er, als wäre das selbstverständlich. Was er nicht sagte, war: "Schließlich bin ich ein Mann, oder?"

Tonya schlüpfte aus ihren Stiefeln und stellte den Rucksack auf den Tisch. "Was hast du überhaupt im Schuppen gewollt?"

"Das Feuerholz ging zur Neige, also suchte ich nach einer Axt. Ich habe gleich noch ein bisschen Holz gehackt." Männlich, wie ich bin, fügte Webster im Stillen hinzu.

Tonya schaute zum Ofen, wo ein ordentlicher Stapel Holz lag.

"Übrigens, ich habe auch Futter für die Bären ausgeteilt. War das okay?"

Sie war gerade dabei, eine Wasserflasche aus dem Rucksack zu nehmen, und hielt inne. "Du hast die Bären gefüttert?"

Schulterzuckend sah er erneut in sein Buch. "Ich dachte mir, du würdest müde sein vom vielen Wandern. Und vom Rudern." Er blickte auf und lächelte unschuldig.

So viel Entgegenkommen verwirrte sie sichtlich. Genau das hatte er beabsichtigt. Endlich hatte er mal die Oberhand.

"Dann habe ich noch gekocht. Der Fisch im Gefrierschrank war schon angetaut, bevor ich den Generator fand. Ich habe den Fisch gebacken, wenn's recht ist."

"Gebacken", wiederholte Tonya entgeistert.

"Mit Petersilie und Zitronenbutter. Ich habe ein wenig mit deinen Gewürzen experimentiert. Das ist dir doch hoffentlich recht?"

"O ja, natürlich. Ich glaube, ich dusche mal schnell." Damit verschwand sie im Bad, eine Duftwolke von Mückenspray hinter sich herziehend.

Webster hätte am liebsten einen Siegestanz aufgeführt, doch dann hätten die Bodendielen gebebt, und Tonya hätte besorgt nachgefragt, was los wäre. Wie er diese Situation genoss! Er hatte gern alles unter Kontrolle. Und er hatte Tonya tatsächlich aus der Fassung gebracht. Es war einfach herrlich.

Jetzt würde er den Vertrag zur Sprache bringen. Bei dem Fischgericht, das so verführerisch duftete.

O ja, er hatte alles unter Kontrolle. Keine Ablenkungen mehr, keine Küsse, keine Fantasien über Tonyas sinnlichen Körper, die Flut goldfarbener Locken, über diesen Mund, der zum Küssen geschaffen schien …

Abrupt rief er sich zur Ordnung. Schluss damit, sofort! Es stand zu viel auf dem Spiel.

Als Tonya fünfzehn Minuten später die Tür des Badezimmers öffnete, wusste Webster, dass er sich zu viel vorgenommen hatte.

Ihr blumiger Duft erfüllte den Raum, ein feenhafter Hauch von Zartheit und Süße. Webster spürte, dass er es schwer haben würde, bei so viel weiblicher Verführungskraft vorzugehen wie geplant.

Tonya trug das feuchte Haar offen, ihr hübsches sonnengebräuntes Gesicht strahlte vor Sauberkeit, und Webster glaubte immer mehr den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Sie hatte eine alte, ausgeblichene Jeans an, die sich wie eine zweite Haut an ihre weich gerundeten Hüften schmiegte. Dazu trug sie einen roten Rollkragenpulli, der ebenso eng wie die Jeans war und ihre herrlichen Brüste erahnen ließ, die sich unter dem weichen Material verbargen.

Webster wusste, wie es sich anfühlte, wenn sie sich an ihn drückten. Er kannte die weiche Fülle, die Form ihrer Knospen, wenn sie sich vor Kälte zusammenzogen. Er wollte sie berühren, wollte spüren, wie sie unter seinen Fingerspitzen hart wurden und sich aufrichteten.

Und wenn er ins Bad ginge, würde er die gewaschenen rosafarbenen Dessous auf der Stange sehen, an der der Duschvorhang befestigt war. Was mochte sie wohl jetzt unter ihren Jeans anhaben? Spitze oder Seide? Einen Taillenslip oder einen String-Tanga, der ihren süßen Apfelpo in zwei gleiche Hälften unterteilte? Was für eine Farbe hatte sie gewählt? Rot wie der Pulli? Pink wie ihre Lippen? Schwarz wie die Nacht?

Es war unerträglich. Sein Verstand, auf den Webster doch immer so stolz gewesen war, wurde völlig außer Kraft gesetzt durch die pure Präsenz dieser Frau. Tonya wirkte so sanft und zugänglich – und verunsichert. Gerade das machte sie noch reizvoller.

Der Vertrag, sagte er sich. Es geht um dein wichtigstes Projekt. Um die Zukunft des Verlags. Du musst die Kontrolle behalten.

"Fühlst du dich jetzt besser?" erkundigte er sich höflich.

"Viel besser."

Sie holte eine Bürste aus einer Schublade und begann, sich das Haar zu bürsten.

Fasziniert sah er zu. Sein Blick glitt über das lange, üppige, feuchte Haar, folgte den Rundungen ihrer Brüste, wenn sie die Arme hob. Er bewunderte die graziöse Linie ihres Rückens und die Kurve ihres Pos, als sie sich vorbeugte und das Haar nach vorn fallen ließ.

Was war mit ihm los? Er hatte viele Frauen gehabt. Frauen, die im Gegensatz zu Tonya alle weiblichen Tricks beherrschten und genau wussten, wie man einen Mann reizte. Frauen, die nichts gegen eine kurze Affäre hatten. Eine Affäre, die er nicht mit Tonya haben würde.

"Ich glaube, der Fisch ist fertig." Keine Panik, sagte er sich. Ich will nur ihre Unterschrift unter den Vertrag. "Ich habe auch einen Salat gemacht und ein paar Kartoffeln in die Röhre geschoben."

Sie richtete sich auf, und ihr herrliches Haar fiel ihr in schimmernden Kaskaden über den Rücken. Sie sah ihn mit deutlichem Argwohn an. "Was soll das alles, Webster?"

Er stellte die Salatschüssel auf den Tisch. "Wie meinst du das?"

Sie wedelte mit der Hand. "Dies alles. Dass du Holz gehackt, die Bären gefüttert und für mich gekocht hast. Das ist doch nicht dein tägliches Brot."

"Den Ausdruck habe ich schon lange nicht mehr gehört", sagte er und grinste.

Allerdings war dies nicht sein tägliches Brot. Bis auf das Kochen war ihm alles so fremd wie seine beunruhigenden Gefühle. Er steckte die Hand in einen alten Küchenhandschuh, der mehrere Brandflecken hatte, und holte den Fisch sowie die Kartoffeln aus dem Backofen.

Dann sah er Tonya lächelnd an. "Stimmt, das Einsiedlerleben ist nicht mein Ding, aber Kochen kann ich wirklich. Es begann vor Jahren mit Recherchen für ein Kochmagazin, das mein Verlag damals neu herausbrachte. Dabei habe ich meine ersten Erfahrungen gesammelt. Seitdem ist Kochen mein Hobby."

"Mag sein …"

"Aber …?" Webster stellte die Kasserolle mit dem Fisch auf den Tisch und rückte Tonya galant den Stuhl zurecht. Insgeheim wünschte er, sie würde sich stattdessen auf seinen Schoß setzen. "Aber weshalb all das andere?"

Ihr Schweigen war ihm Bestätigung.

Er setzte sich und füllte beide Teller. "Es mag dich überraschen, aber ich fühle mich nicht gern nutzlos und unterlegen. Davon werde ich reizbar, wie heute Morgen, als ich dich untertauchte. Auf diese Weise stelle ich meine Selbstachtung wieder her und bitte dich um Entschuldigung. Es war nicht fair von mir."

Sie schaute auf ihre Hände im Schoß herunter. "Ich war auch ein wenig in meinem Stolz verletzt."

Okay, jetzt sollte er wohl nachsichtig lächeln und ein anderes Thema anschneiden. Zum Beispiel den Vertrag und die traumhaften Konditionen, die er ihr bot. Aber sein Puls raste, seit Tonya ihm gegenübersaß. Er brauchte bloß die Hand auszustrecken, dann könnte er die Hände in ihrem seidigen, feuchten Haar vergraben. Was alles andere als klug wäre. Doch klug zu sein fiel ihm zunehmend schwer. Ohne nachzudenken, stellte er die Frage, die er sich wahrlich hätte verkneifen müssen. "Soll ich mich auch für den Kuss entschuldigen?"

Tonya hob ruckartig den Kopf. Sie wirkte ebenso verspannt, wie Webster sich fühlte. Und wenn ihn nicht alles täuschte, erregte sie die Erinnerung an den Kuss genauso wie ihn. Sie schluckte, befeuchtete die Lippen mit der Zunge und senkte dann den Blick. "Der Fisch sieht wirklich köstlich aus."

Er starrte auf ihren Scheitel und sagte sich, dass sie Recht hatte. Über den Kuss sollten sie lieber schweigen.

Dennoch verspürte er eine innere Leere, als er nach seiner Gabel griff. "Guten Appetit."

 

Am nächsten Morgen war Tonya wie gewöhnlich bei Tagesanbruch aufgestanden. Das war jetzt drei Stunden her. Sie hatte die Bären gefüttert und anschließend in ihrer provisorischen Dunkelkammer in Charlies Garage Filme entwickelt – und an den vergangenen Abend gedacht.

Webster hatte sich tadellos verhalten. Er hatte sogar das Geschirr abgespült, was sie sehr beeindruckte. Gut gelaunt hatte er hingenommen, dass sie ihn wieder beim Gin Rummy schlug.

Und er hatte kein einziges Mal mit ihr geflirtet, sondern ihr höflich eine Gute Nacht gewünscht und war dann in seinen Schlafsack gekrochen.

Das war auch gut so. Dennoch war sie schlecht aufgelegt.

Seufzend breitete sie die Abzüge auf dem Esstisch aus und hoffte, das kritische Betrachten der Fotos würde sie von den Gedanken ablenken, die sie hartnäckig verfolgten. Zum Beispiel die an Websters Kuss im See. Oder an seinen Vorschlag, in der Hütte fortzusetzen, was sie am See begonnen hatten.

"Soll ich mich auch für den Kuss entschuldigen?" Die Frage, die er beim Essen gestellt hatte, verfolgte sie noch immer. Ebenso wie ihr feiges Ausweichen.

"Vergiss es", murmelte sie und konzentrierte sich endlich auf die Fotos. Es waren die Bilder von Damien, die sie am Tag von Websters Ankunft aufgenommen hatte, und sie waren gut.

Sie war ganz in die Betrachtung ihrer Aufnahmen versunken, als Webster in die Hütte kam.

"Ich fürchte, wir müssen mit der Energie des Generators sparsamer umgehen", erklärte er und wischte sich die Hände an einem Papiertuch ab. "Gestern haben wir ein Drittel des Treibstoffs verbraucht, und wer weiß, wann …"

Er brach ab, als er hinter sie trat. Sie nahm seinen Duft nach Seife, Rasierwasser und Wald wahr. Und seine Körperwärme.

"Unglaublich!" stieß er hervor. Er hatte die Fotos entdeckt.

"Das finde ich auch. Er ist großartig, nicht?"

"Ich meinte eher die Fotos. Du bist wirklich Spitze. Wie du diese Szene eingefangen hast … Es ist einfach unglaublich."

"Damien weckt eben das Beste in mir."

"Damien?" Webster lachte leise, und sie hätte sich am liebsten an ihn geschmiegt. "Ich kenne keinen republikanischen Politiker mit diesem Namen."

"Charlie fand, dieser Herr bildet eine Klasse für sich." Tonya trat an den Herd, um ihren Becher mit heißem Wasser nachzufüllen – und um Abstand zu Webster zu gewinnen. Sie reagierte viel zu heftig auf ihn. "Ich habe Damien am Tag deiner Ankunft fotografiert."

"Moment mal – wie hast du die Bilder entwickelt? Verheimlichst du mir, dass du eine Digitalkamera und einen Computer hast?"

"Nein, keineswegs. Ich habe mir in Charlies Garage eine Dunkelkammer eingerichtet."

"Du bist eine ziemlich traditionell eingestellte Frau, wie?"

"Eigentlich schon." Eigentlich hatte sie auch ihre Gefühle stets unter Kontrolle. Doch seit dem Kuss am See war sie durcheinander und schwankte zwischen Abwehr und Nachgeben.

Ihm schien das Ganze nichts auszumachen. Sie musste es ihm gleichtun. Ihr Kopf war bereit dazu, sie musste nur noch ihr Herz davon überzeugen.

Der Gedanke schockierte sie. Ihr Herz? Was hatte ihr Herz damit zu schaffen? Gewiss, sie hatte einst für ihn geschwärmt, aber …

Was hatte es zu bedeuten, wenn eine Frau sich mit neunzehn verliebte und noch nach zwölf Jahren an denselben Mann dachte? Wenn ihr Puls sich beim Klang seiner Stimme beschleunigte, bei der leisesten Berührung, bei jedem Lächeln?

Bestimmt ist es nicht Liebe, sagte sie sich, trotz der aufkommenden Panik. Es durfte nicht Liebe sein. Denn diese Liebe hätte keine Zukunft.

Sie beobachtete Webster, der die Fotos mit sichtlicher Bewunderung betrachtete. Sie sehnte sich danach, dass er sie, Tonya, mit der gleichen Bewunderung ansah. Aber dieser Wunsch würde sich wohl nie erfüllen. Hastig schaute sie weg.

Seine nächsten Worte brachten sie wieder zur Besinnung. "Deine Aufnahmen sind großartig, Tonya. Vergiss mein bisheriges Angebot. Ich verdopple es, wenn du den Vertrag unterschreibst."