Kapitel 8

Der geheime Garten

Wenn ich länger als gewöhnlich weg war, zum Beispiel zu einer Klassenfahrt ins Ausland oder mit Freundinnen auf Einkaufstour in London, nahm ich immer irgendetwas mit, was mich an zu Hause erinnerte – irgendeine Kleinigkeit. Als wir einmal an Weihnachten bei einem Büfett in einem Hotel waren, klaute mein Dad einen kleinen Plastikpinguin, der eine Nachspeise verzierte, und versteckte ihn in meinem Dessert. Natürlich sollte das ein netter kleiner Scherz sein, aber ich hatte einen dieser Tage, an denen ich nichts, was er sagte oder tat, auch nur ansatzweise lustig fand, und so ließ ich den Pinguin kommentarlos in meiner Tasche verschwinden. Als ich einige Zeit später wieder irgendwo unterwegs war, stieß ich in meiner Tasche zufällig auf den Pinguin und musste lachen. Zwei Monate zu spät und ohne dass Dad dabei war, fand ich seinen Scherz plötzlich lustig. Auf dieser Reise landete der Pinguin dann in meinem Waschbeutel, und von da an begleitete er mich überallhin.

Bestimmt kennt jeder das Phänomen, dass man etwas anschaut, und augenblicklich taucht irgendeine Erinnerung auf. Ich bin eigentlich kein sentimentaler Mensch, ich hatte nie eine sehr enge Verbindung mit etwas oder jemandem zu Hause. Nicht wie manche Leute, denen schon eine Staubfluse oder etwas ähnlich Banales reicht, um Tränen in die Augen zu kriegen, weil es ihnen vage etwas ins Gedächtnis ruft, was jemand früher mal gesagt oder getan hat, und ihnen rückblickend jemand – vielleicht der Teufel – ins Ohr flüstert, dass sie damals glücklich waren. Nein, dass ich solche Kleinigkeiten mitnahm, war echt nur wie ein bisschen Munition. Nicht aus Sentimentalität, sondern einfach nur, um mich gegen meine Unsicherheit zu verteidigen und damit ich mich in der Fremde nicht total allein fühlte.

Zu Rosaleens und Arthurs Torhaus hatte ich nun wirklich gar keine innere Verbindung, ich war ja erst ein paar Tage da. Aber trotzdem nahm ich das Buch, das ich in der mobilen Bibliothek gefunden hatte, auf den Ausflug zu Zoey mit. Ich hatte das Schloss immer noch nicht aufbekommen und eigentlich auch nicht vor, in Dublin zu lesen. Wie hätte ich dazu auch Zeit finden sollen, wo meine Freundinnen ständig neue, hochinteressante Geschichten auftischten, zum Beispiel – jetzt haltet euch gut fest! –, wie viel Spaß es mache, ohne Unterwäsche rumzulaufen. Also ehrlich. Ich bekam erst mal einen Lachanfall. Zur Veranschaulichung hielten sie mir ein Foto von Cindy Monroe unter die Nase, einer Tusse aus irgendeiner Reality-Show – vierzig Kilo, grade mal eins fünfzig –, wie sie, nachdem sie wegen Trunkenheit am Steuer zwei Tage im Knast verbracht hat, aus dem Auto steigt. Und offensichtlich keinen Slip trägt. Zoey und Laura schienen das für einen großartigen Beitrag zur Emanzipation der Frau zu halten. Ich glaube, als die Feministinnen damals ihre BHs verbrannt haben, hatten sie nicht unbedingt solche Aktionen im Sinn, aber als ich eine dahin gehende Bemerkung machte, sah Zoey mich mit zusammengekniffenen Augen an – wie die Herzkönigin, wenn sie überlegt, ob jemandem der Kopf abgehackt werden soll. Aber dann riss sie die Augen wieder auf und sagte: »Also mein Top war total rückenfrei, da konnte ich auch keinen BH anziehen.«

Total rückenfrei. Endgültig tot. Schon wieder einer von diesen Doppelausdrücken. Entweder war das Top rückenfrei oder nicht. Und ich habe keinerlei Zweifel, dass es tatsächlich rückenfrei war.

Jedenfalls, als ich zu Zoey geschickt wurde – wobei »geschickt« das ausschlaggebende Wort ist –, kam ich mir vor, als hätte man mich in die Ecke gestellt, damit ich darüber nachdenken konnte, was ich verbrochen hatte. Obwohl ich mich eigentlich hätte freuen sollen, nach Hause zu fahren und endlich wieder ein richtiger Mensch zu sein, fühlte es sich irgendwie überhaupt nicht so an. Und deshalb nahm ich ein Stück meiner neuen Welt mit. Als ich dann im Gästebett in Zoeys Zimmer lag und wir uns die ganze Nacht über alles Mögliche unterhielten, wusste ich, dass das Buch, dieser fremde Gegenstand aus meinem verabscheuten neuen Leben, da war, mithörte und einen Einblick in das Leben bekam, das ich einmal gehabt hatte. Ich hatte einen Zeugen. Am liebsten hätte ich dem Buch gesagt, es solle zurückgehen und all den Dingen dort, die ich hasste, von meinem früheren Leben erzählen. Das Buch war mein kleines Geheimnis, von dem Laura und Zoey nichts ahnten, vielleicht unsinnig und langweilig, aber trotzdem ein Geheimnis, das neben mir in meiner Reisetasche lag und mir ganz allein gehörte.

Als Arthurs Landrover wieder in den Seiteneingang des Kilsaney-Anwesens zum Torhaus abbog und ich wieder von meinem neuen, ausweglosen Nicht-Leben verschluckt wurde, beschloss ich deshalb, einen Spaziergang zu machen und das Buch mitzunehmen. Ich wusste zwar, es würde Rosaleen umbringen, wenn ich nicht gleich zu ihr reinstürzte und ihr alles über den neuen Unten-ohne-Trend erzählte, aber da ich es schon immer für meine Pflicht gehalten hatte, andere Menschen zu bestrafen, machte ich mich unverzüglich auf die Socken. Außerdem ahnte ich, dass Mum noch immer auf demselben Fleck sitzen würde – im Schaukelstuhl, ohne zu schaukeln –, und wollte dieses Bild lieber noch eine Weile mit der angenehmen Illusion verdrängen, dass sie ja auch nackt draußen im Garten herumtanzen könnte. Oder so.

Bisher war ich noch nie um das Grundstück herumgegangen. Zum Schloss und wieder zurück, das schon, aber ich hatte die gut hundert Morgen des Anwesens noch nie umrundet. Bei meinen früheren Besuchen hier hatten wir immer nur in der Küche gesessen, Tee getrunken und Schinkensandwiches gegessen, und Mum hatte sich mit meiner seltsamen Tante und meinem sonderbaren Onkel über Dinge unterhalten, die mich nicht die Bohne interessierten. Ich hätte fast alles getan – sogar zwanzig matschige Eiersandwiches und zwei Stücke von egal welchem Kuchen verdrückt –, um aus dieser Küche rauszukommen und ein bisschen im Garten rumzulaufen, der das Haus umgab. An mehr war ich nicht interessiert. Ich war kein großer Forschergeist, und alles, was mit Bewegung zu tun hatte, langweilte mich sowieso. Es gab nichts, was mich so faszinierte, dass ich unbedingt tiefer in die Materie eindringen wollte, und das war auch an diesem Tag nicht anders. Aber ich war so gelangweilt und frustriert, dass ich meine Reisetasche einfach stehen ließ – was Arthur mit einem Schleimschnauben quittierte, sie aber trotzdem für mich hineintrug – und das Weite suchte.

Ich ließ das Haus und das Schloss hinter mir und ging den Weg entlang, der sich tief im Schatten der hohen uralten Eichen, Eschen und Eiben dahinschlängelte. Es roch süß, der Boden war weich, Blätter und Baumrinde von Jahrtausenden bedeckten die Erde, und meine Schritte federten, als könnte ich gleich Anlauf nehmen und einen Salto schlagen. Unter den Bäumen blieb es angenehm kühl, obwohl der Tag ziemlich heiß war. Die Vögel benahmen sich wie hyperaktive Äffchen, zwitscherten und trällerten unablässig und schwangen sich tarzanartig von einem Baum zum nächsten. Müde von der durchwachten Nacht mit meinen Freundinnen, wanderte ich einfach immer weiter. Mein Kopf war zum Platzen voll von unseren Gesprächen, von den Dingen, die ich erfahren hatte – Laura hatte die Pille danach nehmen müssen –, aber nichts davon war so laut wie die Diskussionen, die ich in Gedanken mit mir selber führte. Ich konnte sie einfach nicht abstellen, und ich glaube, ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel gedacht und so wenig geredet.

An den Stellen, wo der Wald etwas weniger dicht war, konnte ich in der Ferne das Schloss sehen, umgeben von endlosen Wiesen mit einzelnen majestätischen Bäumen und überall verstreuten kleinen Seen. Schlanke Pappeln reckten sich elegant zum Himmel, wie Federn, die den Himmel kitzeln wollten, üppige Eichen mit schweren, ausladenden Kronen erinnerten an überdimensionale Pilze. Dann verschwand das Schloss wieder, als wollte es mit mir Verstecken spielen, der Weg schwenkte nach links, und ich wusste, dass ich demnächst abbiegen und direkt auf den Hauptturm zugehen konnte. Nach weiteren zwanzig Minuten Fußmarsch sah ich rechts vor mir das große gotische Portal und verlangsamte sofort meine Schritte. Das mit Ketten umwickelte Tor gefiel mir gar nicht, ich musste bei seinem Anblick unwillkürlich an einen zum Sterben am Straßenrand zurückgelassenen Kriegsgefangenen denken. Lange Gräser und Kräuter streckten ihre Halme durch die rostigen Gitterstäbe, als winkten abgemagerte Arme um Hilfe. Die einstmals prachtvolle Straße dahinter, die direkt auf das Schloss zuführte, war vernachlässigt, unbenutzt und verfallen, teilweise von Gras überwuchert und erinnerte mich an die gelbe Backsteinstraße im Zauberland Oz. Ich schauderte. Diese Straße war mir unheimlich, ihre Narben erschienen mir grotesk. Anders als die Narben am Schloss, die ich berühren und nachfühlen wollte, fand ich diese hier nur hässlich und spürte den dringenden Wunsch wegzuschauen.

Ich beschloss, mir einen anderen Weg zu suchen, um nicht durch dieses gruselige gotische Tor gehen zu müssen, und so schlug ich mich durchs Unterholz und bahnte mir einen Weg querfeldein. Sofort fühlte ich mich sicherer, geborgen im Schutz des Waldes – statt auf dieser verwahrlosten Straße, wo schon die Normannen entlanggaloppiert waren, auf den Schwertspitzen die abgeschlagenen Köpfe der von ihnen besiegten Bauern schwenkend.

Die Baumstämme waren faszinierend, alt und runzlig wie Elefantenbeine, ineinander verschlungen wie Liebende. Einige wuchsen gekrümmt aus dem Boden, als litten sie Qualen, reckten sich hilfesuchend erst hierhin, dann dorthin, wuchsen in verschiedene Richtungen, drehten und wendeten sich. Die Wurzeln schlängelten aus dem Boden empor und verschwanden anmutig wieder in der Erde, wie Aale im Wasser. Immer wieder stolperte ich über sie, aber jedes Mal fing mich ein günstig in der Nähe stehender Baumstamm gerade noch rechtzeitig auf. So brachten mich die Bäume zum Stolpern und retteten mich gleichzeitig, kitzelten mich mit Blättern und Spinnweben, schlugen mir mit ihren Ästen ins Gesicht. Wenn ich einen Zweig zurückbog, um besser vorwärtszukommen, schnellte er umgehend wie ein Katapult zurück, um mir frech den Hintern zu versohlen.

So gelangte ich aus einer Baumstadt in die nächste. In der angenehm würzig duftenden Luft summten die Bienen, flitzten emsig von einer Blütendolde der blühenden Bäume zur nächsten, als wären sie viel zu gierig, um sich mit einer zufriedenzugeben, als wollten sie alles. Auf einmal merkte ich, dass um mich herum Früchte auf dem Boden lagen, teils verfault und verrottet, teils schrumplig wie Trockenpflaumen. Neugierig blieb ich stehen, um eine aufzuheben und sie mir näher anzuschauen, aber als ich an ihr schnupperte, schlug mir ein so widerlicher Gestank entgegen, dass ich sie wieder fallen ließ und mir hektisch die Hände abwischte. In diesem Moment entdeckte ich, dass der Stamm neben mir über und über mit eingeritzten Wörtern und Motiven bedeckt war. Der arme Baum sah fast aus, als hätte ein wildes Tier die Krallen in seine Rinde geschlagen, bis wie bei einem Kürbis das Fleisch herausgequollen war. Natürlich war nicht alles am gleichen Tag eingeschnitten worden, auch nicht im gleichen Jahr, wahrscheinlich nicht mal im gleichen Jahrhundert. Etwa ab einer Höhe von zwei Metern bis hinunter zum Boden war die Rinde durchkerbt von Namen, einige mit Herzen eingerahmt, andere in Vierecken, lauter Freundschafts- und Liebeserklärungen.

Ich fuhr mit dem Finger über die Namen. »Frank und Ellie«, »Fiona und Stephen«, »Siobhan und Michael«, »Laurie und Rose«, »Michelle und Tommy«. Erklärungen ewiger Liebe. »Für immer.« Ich fragte mich, ob vielleicht ein paar von diesen Menschen immer noch zusammen waren. Kein anderer Baum in der Umgebung wies ähnliche Narben auf, und als ich ein Stück zurücktrat, wurde mir auch klar, warum. Um diesen Baum war mehr freier Raum, und man konnte sich gut vorstellen, wie hier Decken ausgebreitet, Picknicks und Partys veranstaltet wurden, wie Freunde sich trafen und Liebespaare zu einer heimlichen Verabredung zusammenkamen.

Nach einer Weile verließ ich die Obstbäume und suchte nach der nächsten Baumstadt. Aber stattdessen tauchte vor mir eine Mauer auf, und mein Spiel mit den Bäumen fand ein jähes Ende.

Ich versuchte, mich so leise wie möglich fortzubewegen, aber der Wald verriet mich. Es kam mir vor, als wäre das Knacken der Zweige und das Rascheln der Blätter unter meinen Füßen viel lauter als normal, so, als wollte es die Mauer auf mein Näherkommen aufmerksam machen. Ich wusste nicht, was für ein Bauwerk da vor mir lag, aber es konnte nicht das Schloss sein, denn das war noch zu weit entfernt. Außer den verfallenen Hütten an den anderen drei Toren, die seit langem geschlossen waren und den Eindruck machten, als hätte es irgendwann einen Tag gegeben, an dem alle ihre Sachen gepackt und das Weite gesucht hatten, kannte ich auf dem Grundstück keine Gebäude. Selbst für mein unerfahrenes Auge war zu erkennen, dass die Wand aus anderen Steinen gefertigt war als das Schloss. Sie war alt und bröckelig, der obere Rand ungleichmäßig, fast so, als wäre sie früher einmal ein Stück höher gewesen. Sie trug jedoch kein Dach, und auf der gesamten Länge konnte ich auch keine Tür und kein Fenster erkennen. Zum größten Teil war sie intakt, anscheinend hatte der Zahn der Zeit hier nicht so genagt wie im Schloss. Langsam pirschte ich mich zum Waldrand vor. Ich kam mir vor wie ein Igel, der seinen natürlichen Lebensraum verlässt, plötzlich im Licht der Scheinwerfer an der Hauptstraße steht und nicht mehr weiterweiß. Schließlich jedoch trat ich aus dem Schutz meiner großen Freunde hervor und ging unter ihren wachsamen Blicken die Mauer entlang.

Nach einer Weile kam ich an eine Ecke, und auf einmal hörte ich hinter der Wand ein Summen, wie von einer Frauenstimme. Ich zuckte heftig zusammen, denn ich hatte nicht damit gerechnet, hier einem anderen Menschen zu begegnen – abgesehen von meinem Onkel Arthur natürlich. Mein Buch eng an die Brust gedrückt, blieb ich stehen und lauschte angestrengt dem Summen. Es klang sanft und heiter, viel zu entspannt und locker für Rosaleen, viel zu fröhlich für meine Mutter. Ein vollkommen gelassenes Summen, ein selbstvergessener Klang, eine Melodie, die ich nicht kannte – falls es überhaupt eine war. Getragen von der Sommerbrise, schwebte dieses Lied zu mir. Ich schloss die Augen, lehnte den Kopf an die Mauer direkt auf der anderen Seite des Summens und lauschte.

Als mein Kopf den Stein berührte, verstummte das Lied abrupt. Ich öffnete die Augen, richtete mich auf und sah mich um.

Die Sängerin war nirgends zu sehen, also konnte auch sie mich nicht entdeckt haben. Gerade als mein Herz wieder zu seinem normalen Rhythmus zurückgefunden hatte, begann das Summen erneut. Langsam tastete ich mich an der Mauer weiter, strich mit der Hand über den grauen Stein und fühlte Spinnweben, krümeligen Stein, glatte und raue Stellen unter meinen heißen Fingern. Dann war die Mauer jäh zu Ende, und als ich aufblickte, sah ich vor mir einen großen, kunstvoll verzierten Torbogen, der den Eingang überwölbte.

Vorsichtig streckte ich den Kopf hindurch, denn ich wollte nicht, dass die geheimnisvolle Summerin mich entdeckte. Vor meinen Augen erstreckte sich ein makellos gepflegter Garten. Ich konnte einen Rosengarten ausmachen, große geometrisch gestaltete Beete, dahinter Kletterrosen in voller Blüte, die den Pfad, der zu einem anderen Tor führte, auf beiden Seiten säumten. Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und trat ein Stück weiter vor, denn ich brannte darauf, den Rest des Gartens zu sehen. Im Zentrum waren noch mehr Blumen – Geranien, Chrysanthemen, Nelken und noch viele andere Sorten, deren Namen ich nicht kannte. Blumen quollen aus Hängekörben und riesigen Steintöpfen am Rand des Hauptwegs, der sich quer durch den Garten zog. Ich war überwältigt von dieser kleinen bunten Oase im Grün des Waldes, die aussah, als hätte jemand inmitten der bröckelnden Mauern eine Flasche geöffnet, aus der die ganze Farbenpracht herausgesprudelt war und sich überall verteilt hatte. Bienen flogen von Blüte zu Blüte, Kletterpflanzen rankten sich neben wunderschönen Blumen an der Mauer empor, und aus einem Kräutergarten wehte mir der Duft von Rosmarin, Lavendel und Minze entgegen. Ganz hinten erkannte ich ein kleines Gewächshaus, daneben etwa ein Dutzend Holzkästen auf Gestellen. Und dann merkte ich auf einmal, dass meine Neugier die Oberhand gewonnen hatte und ich, ohne es zu merken, einfach in den Garten hineingewandert war. Das Summen der Frauenstimme war verstummt.

Ich war nicht sicher, was mich hier erwartete, aber auf den Anblick, der sich mir bot, war ich ganz sicher nicht gefasst. Ganz am anderen Ende des Gartens entdeckte ich endlich den Ursprung des Summens, und die Gestalt, die mich von dort anstarrte, als käme ich von einem anderen Stern, trug eine Art Raumanzug: Ihr Kopf war von einem schwarzen Schleier bedeckt, die Hände steckten in Gummihandschuhen und die Füße in wadenhohen Gummistiefeln. Sie sah aus, als wäre sie gerade aus ihrem Raumschiff gestiegen und mitten in einer Nuklearkatastrophe gelandet.

Mit einem nervösen Lächeln winkte ich ihr zu. »Hi! Ich komme in Frieden.«

Wie zu einer Salzsäule erstarrt, musterte mich die Gestalt, ohne ein Wort zu sagen. Da ich nervös war und mich ziemlich unbehaglich fühlte, griff ich zurück auf das, was ich in solchen Fällen immer tat.

»Was glotzen Sie denn so?«

Wegen des Darth-Vader-Helms konnte ich nicht erkennen, wie das bei der Gestalt ankam. Sie glotzte weiter, und ich rechnete schon halb damit, dass sie mir erzählen würde, ich wäre Luke und sie mein Vater.

»So, so«, sagte die Gestalt dann auf einmal in freundlichem Ton, als wäre sie plötzlich aus ihrer Trance erwacht. »Ich wusste doch, dass ich einen kleinen Gast habe.« Langsam nahm sie ihre Kopfbedeckung ab, und ich sah, dass sie viel älter war, als ich gedacht hatte. Bestimmt schon über siebzig.

Dann kam sie auf mich zu, und ich wunderte mich im ersten Moment ein bisschen, dass sie sich nicht mit schwerelosen Riesenschritten auf mich zubewegte. Ihr Gesicht war runzlig, sehr runzlig sogar, die Haut nach unten gesackt, als hätte die Zeit sie geschmolzen. Aber ihre blauen Augen glitzerten wie die Ägäis in der Sonne und erinnerten mich an einen Tag auf Dads Yacht, als das Meer so klar war, dass man unter der Wasseroberfläche den Sandboden und Hunderte bunter Fische sehen konnte. Aber in ihren Augen war nichts dergleichen, denn sie waren so durchscheinend, dass sie praktisch das gesamte Licht reflektierten. Dann zog sie ihre Handschuhe aus und streckte mir die Hände entgegen.

»Ich bin Schwester Ignatius«, begrüßte sie mich mit einem Lächeln, ergriff meine Hand und hielt sie zwischen ihren beiden Händen fest. Trotz der Wärme und obwohl sie dicke Handschuhe getragen hatte, waren sie so glatt und kühl wie eine Glasmurmel.

»Sie sind eine Nonne!«, platzte ich heraus.

»Ja«, lachte sie. »Ich bin eine Nonne. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich eine geworden bin.«

Jetzt war ich mit Lächeln an der Reihe, und schließlich fing ich zu lachen an, weil auf einmal alles so gut zusammenpasste. Der Schrank voller Honiggläser, die Kästen im Garten, der alberne Raumanzug.

»Sie kennen meine Tante.«

»Ah.«

Ich wusste nicht recht, was ich von dieser Antwort halten sollte. Die Frau machte keinen überraschten Eindruck und stellte mir auch keine Fragen. Und sie hielt immer noch meine Hand. Weil sie Nonne war und ich nicht respektlos erscheinen wollte, zog ich meine Hand auch nicht einfach weg, obwohl es mich halb wahnsinnig machte. Um mich abzulenken, plapperte ich weiter.

»Meine Tante ist Rosaleen, und mein Onkel ist Arthur. Er ist hier der Grundstücksverwalter. Die beiden wohnen im Torhaus. Wir wohnen zurzeit auch da … für eine Weile.«

»Wir?«

»Meine Mum und ich.«

»Oh.« Ihre Augenbrauen zogen sich so weit in die Höhe, dass ich an zwei Raupen denken musste, die sich gerade in Schmetterlinge verwandeln und gleich wegfliegen wollen.

»Hat Rosaleen Ihnen das nicht erzählt?«, fragte ich ein bisschen beleidigt, obwohl ich andererseits auch ganz dankbar war, dass Rosaleen auf unsere Privatsphäre Rücksicht nahm. Wenigstens würde sich nicht gleich das ganze Kuhdorf ohne Kühe über die neuen Einwohner das Maul zerreißen.

»Nein«, antwortete die Frau. Und dann wiederholte sie ernst und mit Nachdruck: »Nein.«

Da sie mir ein bisschen ungehalten vorkam, begann ich Rosaleen zu verteidigen. Schließlich wollte ich ja ihre Freundschaft nicht aufs Spiel setzen – falls die beiden wirklich befreundet waren. »Bestimmt wollte sie nur diskret sein und uns etwas Zeit lassen, um … um besser zurechtzukommen, ehe sie den anderen etwas von uns erzählt.«

»Besser zurechtzukommen? Womit denn zurechtzukommen?«

»Mit dem Umzug hierher«, antwortete ich langsam. War es schlimm, wenn man eine Nonne anlog? Na ja, ich log ja nicht wirklich … aber auf einmal bekam ich Panik. Mir wurde heiß und kalt. Schwester Ignatius sagte etwas, aber ich hörte gar nicht zu, weil ich nur daran denken konnte, dass ich sie angelogen hatte und dass es doch die zehn Gebote gab und die Hölle und alles. Und nicht nur das, ich dachte auch, wie angenehm es wäre, ihr alles zu erzählen. Sie war Nonne, da konnte ich ihr doch wahrscheinlich vertrauen.

»Mein Vater ist gestorben«, platzte ich heraus und unterbrach sie mitten in einem sicher sehr netten Satz. Meine Stimme zitterte dabei ganz entsetzlich, und auf einmal liefen mir, genau wie damals bei Cabáiste, die Tränen über die Wangen.

»Oh, Kind«, sagte Schwester Ignatius und nahm mich in den Arm. Das Buch geriet zwischen uns, weil ich es immer noch umklammerte, und weil sie eine Nonne war, legte ich, obwohl ich sie überhaupt nicht kannte, den Kopf auf ihre Schulter und ließ meinem Kummer freien Lauf. Mit Rotz- und Schluchzgeräuschen und allem. Sie wiegte mich sanft und strich mir beschwichtigend über den Rücken. Doch mitten in meinem Ausbruch, an einer besonders peinlichen Stelle – »Warum hat er das bloß gemacht? Waruuuuuum …?«, heulte ich gerade –, flog mir eine Biene ins Gesicht und knallte so heftig gegen meine Lippe, dass ich aufschrie und mich hastig aus Schwester Ignatius’ Armen befreite.

»Eine Biene!«, kreischte ich, sprang herum wie besessen und versuchte, ihr auszuweichen. »O mein Gott, tun Sie doch was! Sie soll weggehen!«

Aber Schwester Ignatius beobachtete mich nur mit leuchtenden Augen.

»O mein Gott, Schwester Ignatius, bitte!« Ich wedelte verzweifelt mit den Armen. »Auf Sie hören die Biester doch bestimmt, es sind doch Ihre Bienen, oder nicht?«

Da streckte Schwester Ignatius den Zeigefinger aus und rief mit tiefer, gebieterischer Stimme: »Sebastian, aus!«

Ich fuhr herum und starrte sie an. Meine Tränen waren versiegt. »Das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder? Sie können Ihren Bienen doch keine Namen geben.«

»O doch, da drüben sitzt Jemima in einer Rose, und das dort auf der Geranie ist Benjamin«, erwiderte sie munter.

»Unmöglich«, sagte ich und wischte mir übers Gesicht. Ich genierte mich. »Und ich dachte, ich hätte psychische Probleme.«

»Natürlich meine ich das nicht ernst«, gab Schwester Ignatius zurück und fing an zu lachen, ein wundervoll klares, ungekünsteltes, kindliches Lachen, bei dem ich augenblicklich grinsen musste.

Ich glaube, in diesem Moment wusste ich, dass ich Schwester Ignatius mochte.

»Ich heiße Tamara.«

»Ja«, antwortete sie und musterte mich, als hätte sie das schon längst gewusst.

Ich lächelte wieder. Irgendetwas in ihrem Gesicht brachte mich dazu.

»Dürfen Sie denn überhaupt reden? Müssen Sie nicht dauernd schweigen oder so?«, fragte ich dann und sah mich um. »Keine Sorge, ich verrate es auch niemandem.«

»Viele Nonnen würden dir zustimmen«, schmunzelte sie, »aber ja, ich darf sprechen. Ich habe kein Schweigegelübde abgelegt.«

»Oh. Finden die anderen Nonnen das minderwertig?«

Wieder lachte sie ihr schönes, klares Singsanglachen.

»Haben Sie lange keine Menschen mehr gesehen? Ist das gegen die Regeln? Keine Sorge, ich sag auch das nicht weiter. Obwohl Obama jetzt amerikanischer Präsident ist«, scherzte ich. Als sie nicht antwortete, verblasste mein Lächeln. »Scheiße. Dürfen Sie solche Dinge nicht wissen? Dinge aus der Welt da draußen? Nonne sein ist ein bisschen wie in Big Brother, richtig?«

Sie tauchte aus ihrer Versunkenheit auf, lachte wieder, und ihr Gesicht sah auf eine Benjamin-Button-Art kindlich aus.

»Du bist schon ein merkwürdiges Pflänzchen«, sagte sie lächelnd, und ich versuchte, nicht beleidigt zu sein.

»Was hast du denn da?«, fragte sie dann mit einem Blick auf das Buch, das ich immer noch fest umschlungen im Arm hielt.

»Oh, das«, entgegnete ich und lockerte meinen Griff um das Buch. »Das hab ich gestern gefunden, im … ach, eigentlich schulde ich Ihnen ja ein Buch.«

»Wie bitte?«

»Ja, wirklich. Marcus, ich meine, die mobile Bibliothek ist vorgestern vorbeigekommen und hat Sie gesucht, und ich wusste nicht, wer Sie sind.«

»Dann schuldest du mir tatsächlich ein Buch«, sagte sie, und ihre Augen funkelten. »Lass mal sehen, von wem ist das hier denn?«

»Ich weiß nicht, von wem oder was es überhaupt ist. Es ist keine Bibel oder so was, wahrscheinlich würden Sie es gar nicht mögen«, antwortete ich zögernd, ohne das Buch loszulassen. »Nachher sind noch Sexszenen drin, Flüche, schwule oder geschiedene Leute, lauter solche Sachen.«

Sie sah mich an und biss sich auf die Lippen, um nicht zu lachen.

»Außerdem kriege ich es nicht auf«, erklärte ich schließlich und gab ihr das Buch doch. »Es ist verschlossen.«

»Na, das werden wir gleich haben. Komm mit.«

Sie drehte sich auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg zu dem anderen Tor in der Gartenmauer, das Buch in der Hand.

»Wo gehen Sie hin?«, rief ich ihr nach.

»Wo gehen wir hin«, korrigierte sie mich. »Du kannst die anderen Schwestern besuchen. Die werden sich freuen, dich kennenzulernen. Und während ihr euch kennenlernt, öffne ich das Buch für dich.«

»Äh. Nein, schon okay.« Ich rannte ihr nach und wollte ihr das Buch wieder abnehmen.

»Wir sind nur zu viert. Und wir beißen nicht. Vor allem, wenn wir grade Schwester Marys Apfelkuchen essen. Aber verrat ihr bloß nicht, dass ich das gesagt habe«, fügte sie leise hinzu und schmunzelte wieder.

»Aber Schwester Ignatius, ich kenne mich überhaupt nicht aus mit heiligen Leuten, da weiß ich nicht, was ich sagen soll.«

Wieder lachte sie ihr typisches Lachen und watschelte in ihrem komischen Anzug weiter in Richtung Obstgarten.

»Was ist das eigentlich für ein Baum mit den ganzen eingeritzten Namen?«, fragte ich, während ich neben ihr herhüpfte und Schritt zu halten versuchte.

»Ah, hast du unseren Apfelgarten gesehen? Du weißt doch, dass manche Leute behaupten, der Apfelbaum ist der Baum der Liebe«, sagte sie, machte große Augen und bekam vom Lächeln Grübchen in den Wangen. »Viele junge Leute aus der Gegend haben sich unter dem Baum ihre Liebe gestanden und sich in seiner Rinde verewigt.« Während sie mit Riesenschritten weitermarschierte, wechselte sie abrupt das Thema. »Außerdem sind Apfelbäume großartig für die Bienen. Und die Bienen sind großartig für die Bäume. Schön, nicht?« Sie lachte leise. »Arthur versorgt sie hervorragend, wir haben immer sehr leckere Granny-Smith-Äpfel.«

»Ach, deshalb backt Rosaleen dreitausendmal am Tag Apfelkuchen! Ich hab so viele Äpfel gegessen, dass sie mir buchstäblich aus den …«

Schwester Ignatius sah mich an.

»… Ohren kommen.«

Sie lachte wieder, und es klang wie ein Lied.

»Wie kommt es denn«, keuchte ich, von ihrem Tempo schon völlig außer Atem, »dass Sie nur zu viert sind?«

»Heutzutage wollen nicht mehr viele Leute Nonne werden. Es ist nicht – wie sagt man so schön? –, es ist nicht cool.«

»Na ja, es kommt bestimmt nicht nur daher, dass es uncool ist, was es übrigens wirklich ist – womit ich natürlich nichts Schlechtes über Gott sagen will oder so. Ich wette, wenn Nonnen Sex haben dürften, würden jede Menge Mädels Nonne werden wollen. So, wie es bei mir zurzeit aussieht, kann ich übrigens auch bald ins Kloster gehen«, fügte ich hinzu und rollte resigniert die Augen.

Schwester Ignatius lachte. »Alles zu seiner Zeit, mein Kind, alles zu seiner Zeit. Du bist ja erst siebzehn. Fast achtzehn, genau genommen.«

»Ich bin sechzehn.«

Auf einmal blieb sie stehen und musterte mich prüfend, einen seltsamen Ausdruck im Gesicht. »Siebzehn.«

»In ein paar Wochen werde ich siebzehn.«

»In ein paar Wochen wirst du achtzehn«, widersprach sie stirnrunzelnd.

»Schön wär’s, aber ich bin wirklich erst sechzehn. Allerdings halten mich fast alle Leute für älter.«

Wieder starrte sie mich an, als wäre ich vom Mars, und dachte dabei so intensiv nach, dass ich fast riechen konnte, wie es in ihrem Gehirn brutzelte. Aber dann sauste sie wieder los, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Nach noch mal fünf Minuten im Laufschritt war ich komplett außer Atem, während Schwester Ignatius nur ein winziges bisschen schwitzte, und wir standen vor ein paar bescheidenen Gebäuden, Wohnhäusern, alten Ställen, ganz vorn einer Kirche.

»Dort ist die Kapelle«, erklärte Schwester Ignatius. »Sie wurde im späten 18. Jahrhundert von den Kilsaneys gebaut.«

Da ich mich noch recht gut an diesen Teil meines Schulprojekts erinnerte, konnte ich die Augen nicht abwenden. Unfassbar, dass das, was ich mir aus dem Internet zusammengeklaut hatte, wirklich existierte! Die Kapelle war klein, aus grauem Stein gebaut, mit einem Glockenturm und zwei Säulen, die so rissig waren wie Wüstenboden nach jahrzehntelanger Trockenheit. Daneben erstreckte sich ein alter Friedhof, umzäunt von drei schmalen, rostigen Eisengeländern. Ob damit eher die Toten an der Flucht oder vorbeikommende Wanderer am Eindringen gehindert werden sollten, war nicht ganz klar, aber schon der Anblick verursachte mir eine Gänsehaut. Auf einmal merkte ich, dass ich stehen geblieben war und die Kirche anstarrte, während Schwester Ignatius ihrerseits mich anstarrte.

»Toll, dann wohne ich ja praktisch auf einem Friedhof. Super.«

»Alle Generationen der Kilsaneys sind hier begraben«, erklärte Schwester Ignatius leise. »Soweit es möglich war. Für diejenigen, die nicht mehr auffindbar waren, hat man Grabsteine errichtet.«

»Wie meinen Sie das – ›für diejenigen, die nicht mehr auffindbar waren‹?«, fragte ich einigermaßen entsetzt.

»Es gab so viele Kriege, Tamara, über Generationen hinweg. Einige Kilsaneys wurden ins Dublin Castle verschleppt und dort gefangen gehalten, andere sind weggezogen oder vertrieben worden.«

Schweigend betrachtete ich die alten Grabsteine. Viele waren grün und von Moos überwachsen, andere schwarz und schief, die Inschriften so verwittert, dass man keine Buchstaben mehr erkennen konnte.

»Das ist verdammt unheimlich. Und Sie müssen direkt daneben wohnen?«

»Ich bete da drin.«

»Und um was? Dass Ihnen das kaputte Dach nicht auf den Kopf fällt? Sieht aus, als könnte es jeden Moment zusammenbrechen.«

Schwester Ignatius lachte. »Es ist trotzdem eine geweihte Kirche.«

»Das kann doch nicht sein. Wird womöglich auch einmal die Woche eine Messe abgehalten?«

»Nein«, antwortete sie lächelnd. »Das letzte Mal wurde die Kapelle benutzt, als …« Sie unterbrach sich, kniff die Augen zusammen, und ihre Lippen bewegten sich, als bete sie einen Rosenkranz-Abschnitt. »Weißt du, was, Tamara, du solltest im Archiv das genaue Datum nachschauen. Da stehen auch alle Namen. Wir haben die Unterlagen im Haus. Komm doch rein und sieh es dir an.«

»Äh, nein, das ist sehr nett, aber lieber nicht.«

»Wahrscheinlich machst du es erst, wenn du so weit bist«, sagte sie nachdenklich und setzte sich wieder in Bewegung. Ich beeilte mich mitzukommen.

»Wie lange leben Sie denn schon hier?«, fragte ich, während ich ihr in ein Nebengebäude folgte, das als Werkzeugschuppen benutzt wurde.

»Dreißig Jahre.«

»Dreißig Jahre wohnen Sie hier? Muss ganz schön einsam sein.«

»O nein, als ich hier angekommen bin, war viel mehr los, ob du es glaubst oder nicht. Damals waren die drei anderen Schwestern auch wesentlich mobiler. Ich bin die Jüngste, das Baby sozusagen«, fügte sie hinzu und lachte wieder ihr Kleinmädchenlachen. »Da war das Schloss, das Torhaus … damals war dort immer was los. Aber ich mag auch die Stille jetzt. Den Frieden. Die Natur. Die Einfachheit. Die Zeit, zur Ruhe zu kommen.«

»Aber ich dachte, das Schloss ist in den zwanziger Jahren niedergebrannt.«

»Ach, im Schloss hat es schon oft gebrannt. Aber damals in den Zwanzigern wurde nur ein Teil beschädigt. Die Familie hat sich alle Mühe gegeben, es zu restaurieren. Und das haben sie wundervoll gemacht, es war richtig schön.«

»Haben Sie es von innen gesehen?«

»O ja.« Meine Frage schien sie zu überraschen. »Sehr oft sogar.«

»Und was ist dann damit passiert?«

»Ein Feuer ist ausgebrochen«, antwortete sie, schaute weg, entdeckte auf der unordentlichen Werkbank ihren Werkzeugkasten und klappte ihn auf. Fünf Schubladen kamen heraus, alle gefüllt mit Schrauben und Muttern. Schwester Ignatius war wohl so eine Art Do-it-yourself-Elster.

»Noch eins?« Ich rollte die Augen. »Also ehrlich, das ist doch lächerlich. Unsere Rauchmelder waren immer direkt mit der örtlichen Feuerwehr verbunden. Wissen Sie, wie ich das rausgefunden habe? Ich hab in meinem Zimmer geraucht, ohne das Fenster aufzumachen, weil es so kalt war. Ich hatte also die Musik aufgedreht, und auf einmal schlägt dieser echt heiße Feuerwehrmann – entschuldigen Sie das blöde Wortspiel – meine Tür ein, weil er dachte, in meinem Zimmer brennt es.«

Schwester Ignatius hörte mir schweigend zu und wühlte in ihrem Werkzeugkasten.

»Übrigens dachte er auch, ich wäre schon siebzehn«, ergänzte ich lachend. »Er hat später bei uns angerufen und wollte mich sprechen, aber Dad war am Telefon und hat ihm gedroht, ihn in den Knast zu bringen. Er hatte schon immer einen Hang zur Dramatik.«

Schweigen.

»Jedenfalls … waren alle okay, ja?«

»Nein«, antwortete Schwester Ignatius, und als sie mich anschaute, sah ich, dass sie Tränen in den Augen hatte. Sie blinzelte heftig und kramte mit ihren faltigen, aber ausgesprochen kräftigen Händen weiter zwischen Nägeln und Schraubenziehern herum. An einer Hand trug sie einen Goldring, der aussah wie ein Ehering und ihren Finger so eng umschloss, dass er ins Fleisch einschnitt. Garantiert konnte sie den nicht mehr abnehmen, selbst wenn sie es wollte. Ich hätte ihr gern noch mehr Fragen über das Schloss gestellt, aber ich wollte ihr nicht wehtun, und sie suchte in der Werkzeugkiste auch mit so viel Lärm und Konzentration nach dem richtigen Schraubenzieher, dass sie mich wahrscheinlich gar nicht gehört hätte.

Nachdem sie ein paar Werkzeuge ausprobiert hatte, wurde mir langweilig, und ich wanderte ein bisschen im Schuppen herum. Die Regale waren alle mit irgendwelchem Ramsch vollgestopft. Auch auf dem Tisch, der sich an drei Wänden entlangzog, häufte sich aller mögliche Krimskrams, dessen Nutzen mir nicht ersichtlich war. Für besessene Heimwerker war der Schuppen sicher so etwas wie Aladins Schatzhöhle.

Aber ich konnte mich nicht konzentrieren, weil in meinem Kopf lauter Fragen über das Schloss herumspukten. Es war also nach dem Feuer in den Zwanzigern noch bewohnt worden. Schwester Ignatius hatte gesagt, sie wäre seit dreißig Jahren hier und hätte das Schloss nach der Renovierung von innen gesehen. Das musste dann Ende der siebziger Jahre gewesen sein. Aber ich hatte den Eindruck gehabt, dass das Schloss schon viel länger verlassen war.

»Wo sind denn die anderen?«

»Drinnen. Mittagspause. Grade läuft Mord ist ihr Hobby. Das lieben sie alle.«

»Nein, ich meine die Kilsaney-Familie. Wo sind die geblieben, die vor dem Feuer fliehen konnten?«

Schwester Ignatius seufzte. »Die Eltern sind weggezogen, zu ihren Verwandten in Bath. Sie haben es nicht ausgehalten, das Schloss so zu sehen. Aber sie hatten weder die Zeit noch die Energie – und auch nicht das Geld, wohlgemerkt –, um es wiederaufzubauen.«

»Kommen sie manchmal hierher zurück?«

Sie sah mich traurig an. »Sie sind tot, Tamara. Tut mir leid.«

»Schon okay«, erwiderte ich und zuckte mit den Achseln. Aber meine Stimme klang viel zu munter, zu abwehrend. Warum? Ich kannte diese Leute doch überhaupt nicht – warum also sollte ihr Tod mich interessieren? Aber er interessierte mich. Vielleicht hatte ich, weil Dad gestorben war, bei jeder traurigen Geschichte das Gefühl, dass es meine eigene war. Keine Ahnung. Mae, meine Kinderfrau, hat sich immer gern Sendungen angeschaut, in denen reale Kriminalfälle gelöst wurden. Wenn Mum und Dad nicht da waren, nahm sie den Fernseher mit ins Wohnzimmer und sah sich The FBI Files an, was mich wahnsinnig machte. Nicht wegen der ganzen gruseligen Details – da hatte ich schon Schlimmeres gesehen –, sondern weil sie sich so dafür interessierte, wie man ein Verbrechen vertuschen konnte. Wahrscheinlich bringt sie uns irgendwann um, wenn wir schlafen, dachte ich immer. Aber sie machte auch den besten Latte macchiato, und deshalb bohrte ich nicht zu sehr nach. Womöglich wäre sie beleidigt gewesen und hätte sich in Zukunft geweigert, mir ihren leckeren Kaffee zu kochen. Aber aus diesen Sendungen erfuhr ich, dass das Wort »clue« – also Hinweis – tatsächlich von »clew« kommt, was ein Fadenknäuel ist. Es gibt nämlich in der griechischen Mythologie eine Legende, in der so ein Typ ein Fadenknäuel benutzt, um den Weg aus dem Labyrinth des Minotaurus zu finden. Ein »clue« hilft einem also, das Ende von etwas zu finden – oder vielleicht auch den Anfang. Er ist vergleichbar mit Barbaras Navi oder mit den Brotkrümeln, die ich von Killiney bis zum Torhaus ausstreuen wollte: Manchmal hat man einfach keine Ahnung, wo man ist, und man braucht jeden Hinweis, der einen auf die richtige Spur bringt.

Endlich gab das Schloss, an dem Schwester Ignatius herumwerkelte, nach und ging auf.

»Schwester Ignatius, Sie haben ja ungeahnte Talente«, neckte ich sie.

Sie lachte herzlich. Als sie den schweren Einband von meinem Buch hob, klopfte mir das Herz bis zum Hals. Die Stimmen von Zoey und Laura flüsterten mir ins Ohr, das hier sei echt peinlich, und einen Moment lang war es mir das auch, aber die Tamara dieser neuen Welt vertrieb die beiden Miesmacherinnen energisch. Doch als Schwester Ignatius das Buch aufschlug, kehrte die Verlegenheit zurück. Und ich ärgerte mich. Denn das Buch war leer. Kein Wort stand darin, nichts, rein gar nichts, nur unbeschriebene Seiten.

»Hm … tja, schau dir das an«, sagte Schwester Ignatius, während sie durch die dicken eierschalenfarbenen Seiten mit dem Büttenrand blätterte, die aussahen, als kämen sie aus einer anderen Zeit. »Leere Seiten, die darauf warten, gefüllt zu werden«, fuhr sie mit ihrer überraschten Stimme fort.

»Wie aufregend«, grummelte ich und verdrehte die Augen.

»Aufregender, als wenn das Buch vollgeschrieben wäre. Dann könntest du es nicht benutzen.«

»Aber ich könnte es lesen. Das tut man normalerweise mit einem Buch«, blaffte ich und spürte wieder einmal eine große Enttäuschung über meine neuen Lebensumstände.

»Wäre es dir lieber, wenn man dir ein Leben geben würde, das schon jemand gelebt hat, Tamara? Dann kannst du dich zurücklehnen und beobachten. Oder möchtest du lieber selbst leben?«, fragte sie, und ihre Augen lächelten.

»Ach, wissen Sie, Sie können das Buch behalten«, sagte ich und machte einen Schritt zurück. Mein Interesse an dem Buch, das ich so lange im Arm gehalten hatte, war komplett verflogen, so enttäuscht war ich.

»Nein, Liebes. Es gehört dir. Benutz es.«

»Aber ich schreibe nicht. Ich hasse schreiben. Davon kriege ich Schwielen an den Fingern. E-Mails sind mir lieber. Und überhaupt – ich kann es gar nicht benutzen, es gehört der mobilen Bibliothek. Marcus will es bestimmt zurückhaben. Ich muss mich mit ihm treffen und es ihm wiedergeben.« Auf einmal merkte ich, dass meine Stimme beim letzten Satz viel sanfter geworden war. Und ich musste mir ein Lächeln verkneifen.

Natürlich bekam Schwester Ignatius alles mit, und auch sie lächelte und zog die Augenbrauen hoch. »Na ja, du kannst dich doch mit Marcus treffen, um über das Buch zu diskutieren«, meinte sie scherzhaft. »Er wird genau wie ich zu dem Schluss kommen, dass wahrscheinlich jemand der Bibliothek ein Tagebuch gespendet hat, weil er es irrtümlicherweise für ein gewöhnliches Buch gehalten hat.«

»Verstoße ich gegen irgendwelche Gebote, wenn ich reinschreibe?«

Schwester Ignatius rollte mit den Augen, wie ich es vorhin getan hatte, und trotz meiner schlechten Laune musste ich grinsen.

»Aber ich habe nichts, was sich aufzuschreiben lohnt«, sagte ich, wieder etwas sanfter.

»Es gibt immer etwas, worüber man schreiben kann. Über deine Gedanken zum Beispiel. Ich bin sicher, davon hast du eine ganze Menge.«

So nahm ich das Buch schließlich wieder an mich, natürlich nicht, ohne klarzustellen, dass ich mich eigentlich überhaupt nicht dafür interessierte und dass Tagebuchschreiben nur etwas für Volldeppen war. Aber so viel ich auch quasselte, war ich doch sehr erleichtert, als ich das Buch wieder im Arm hielt. Es fühlte sich irgendwie richtig an.

»Schreib über das da oben«, schlug Schwester Ignatius vor und tippte sich an die Schläfe. »Ein kluger Mann hat das mal seinen geheimen Garten genannt. Und den haben wir alle.«

»War der kluge Mann vielleicht Jesus?«

»Nein, Bruce Springsteen.«

»Ihren geheimen Garten hab ich aber heute gefunden«, lächelte ich. »Jetzt ist er nicht mehr geheim, Schwester Ignatius.«

»Ah, siehst du! Es ist immer gut, ihn mit jemandem zu teilen.« Sie deutete auf das Buch. »Oder mit etwas.«