Ich lag im Bett und versuchte, Rosaleens Worte zu verdrängen, aber sie gingen mir einfach nicht aus dem Kopf, sondern wiederholten sich penetrant wie eine kaputte Schallplatte. Es gab eine Vergangenheit, von der ich nichts wusste, so viel war sicher, aber im Moment konnte ich nichts tun, um herauszufinden, was passiert war und was Rosaleen gemeint haben könnte. Gestern war vorbei, ein versiegeltes Buch, aber morgen stand buchstäblich auf einem anderen Blatt. Immer wieder las ich mir den Tagebucheintrag für den nächsten Tag durch und wurde ganz aufgeregt. Eine Unmenge Vorbereitung war erforderlich. So lag ich im Bett, versuchte zu planen, was ich morgen in meiner begrenzten Zeit tun musste – ich wusste ja, dass Rosaleen und Arthur Punkt ein Uhr zurückkommen würden –, und konnte mich absolut nicht entspannen. Die Luft war warm und drückend. Wenn heute Nacht kein Gewitter aufzog, so dass es etwas abkühlte, würde es morgen sicher ordentlich heiß werden. Ich stand auf und öffnete das Schlafzimmerfenster. Ohne mich zuzudecken, lag ich im blauen Mondlicht und sah zu den glitzernden Sternen hinauf.
Auf einmal nahm ich in der Stille draußen Tierstimmen wahr: Käuzchen riefen, gelegentlich blökte ein Schaf, eine Kuh muhte leise. Ländliche Nachtgeräusche, an die ich mich inzwischen schon fast gewöhnt hatte, wehten in mein Zimmer, hin und wieder begleitet von einer hochwillkommenen leichten Brise, und das Rascheln der Blätter klang, als wären auch die Bäume dankbar für die Erfrischung. Schließlich wurde mir sogar ein bisschen kühl, und ich richtete mich auf, um das Fenster wieder zu schließen. Aber da merkte ich auf einmal, dass die Geräusche gar nicht von Tieren stammten, sondern dass es Menschenstimmen waren. Wie weit entfernt sie waren, war schwer einzuschätzen, weil ich mich mit den akustischen Verhältnissen hier auf dem Land nicht auskannte, aber wenn ich aufmerksam lauschte, konnte ich deutlich das Steigen und Fallen einer Unterhaltung ausmachen, plötzliches Lachen, Musik und dann abrupt wieder Stille, wenn der Wind einen Moment aussetzte. Aber der Lärm kam eindeutig vom Schloss.
Es war 23 Uhr 30. Kurz entschlossen schlüpfte ich in Jogginganzug und Turnschuhe, wobei ich leider nicht verhindern konnte, dass die Dielen unter meinen Füßen knarrten. Bei jedem Knarren zuckte ich zusammen und erstarrte, weil ich befürchtete, dass Rosaleen aufwachte. Vorsichtig schob ich den Stuhl von der Tür weg und machte sie auf. Die Treppe hinunter und aus dem Haus zu kommen, ohne die Herrin des Hauses zu wecken, war ein Kunststück, dem ich mich nicht unbedingt gewachsen fühlte. Prompt hörte ich Rosaleen husten, und ich machte die Tür schnell wieder zu. Ich hatte sie noch nie nachts husten hören. Vielleicht war das ein Zeichen, eine Warnung.
Ich kletterte direkt von der Tür aus auf das Bett, um möglichst wenig über die knarrenden Dielen gehen zu müssen, und kroch über die Matratze zum Fenster. Die Matratze war alt, federte und gab ein Quietschgeräusch von sich, aber das machte mir keine allzu großen Sorgen, denn es konnte ja sein, dass ich mich im Schlaf herumwälzte. Ich angelte die Taschenlampe aus dem Nachttisch und schob das Fenster hoch. Zum Glück war es groß genug zum Hinausklettern, und außerdem lag mein Zimmer direkt über der Veranda. Obwohl das Verandadach relativ spitz zulief, konnte ich, wenn ich einigermaßen gut zielte, sicher darauf landen. Von dort war es ein Kinderspiel, am Holzgitter der Veranda hinunterzuklettern.
Plötzlich öffnete sich die Tür von Rosaleens und Arthurs Schlafzimmer, und schnelle Schritte eilten den Korridor hinunter. Im Nu war ich wieder im Bett und hatte mich, samt Trainingsanzug, Turnschuhen und Taschenlampe, unter der Decke verkrochen. Im gleichen Moment, als meine Zimmertür aufging, schloss ich die Augen. Das Fenster stand sperrangelweit offen, und für meine gespitzten Ohren waren die Stimmen aus der Ferne so laut, dass ich sicher war, meine Absicht hinauszuklettern müsste für jeden offensichtlich sein.
Mein Herz klopfte wie verrückt, als die Person in mein Zimmer trat. Die Dielen knarrten, immer näher kamen die Schritte. Es war Rosaleen, kein Zweifel, ich erkannte es an ihrem angehaltenen Atem und ihrem Geruch. Dann hörte das Knarren auf, und ich wusste, dass sie vor meinem Bett stehen geblieben war. Und mich beobachtete.
Ich musste mich anstrengen, die Augen geschlossen zu halten. Verzweifelt versuchte ich, die Lider zu entspannen, die Augäpfel nicht zu viel zu bewegen, ruhig und tief zu atmen, um zu zeigen, dass ich fest schlief. Ich spürte, wie sich jemand über mich beugte und war kurz davor aufzuspringen, als ich hörte, wie das Fenster geschlossen wurde, und mir klar wurde, dass sie sich über mich gebeugt hatte, um an den Griff zu kommen. Kurz überlegte ich, die Augen aufzureißen und ihr eine Szene zu machen, weil sie sich in mein Zimmer geschlichen hatte. Aber was würde mir das bringen?
»Rosaleen!«, hörte ich jemanden von der Zimmertür her flüstern. »Was machst du denn da?«
»Ich wollte mich nur vergewissern, dass mit ihr alles in Ordnung ist.«
»Natürlich ist mit ihr alles in Ordnung. Sie ist doch kein Baby mehr. Komm zurück ins Bett.«
Dann fühlte ich eine Hand auf meiner Wange, Finger, die mir die Haare hinter die Ohren strichen, genau wie meine Mutter es früher immer getan hatte. Ich machte mich darauf gefasst, dass die Decke weggezogen und meine Ausreißermontur enthüllt wurde, aber stattdessen spürte ich Rosaleens Atem an meinem Gesicht, ihre Lippen, die einen sanften Kuss auf meine Stirn hauchten, und dann war sie weg. Die Tür schloss sich wieder.
Sie ist doch kein Baby mehr.
Nachdem sie weg war, wartete ich, bis Arthur wieder zu schnarchen begann. Dann stand ich auf, schob das Fenster wieder hoch, kletterte hinaus, sprang ab und landete weich auf der Schieferwölbung des Verandadachs. Erst als ich unten auf der Wiese stand und zum Haus hinaufblickte – zu meinem Zimmer und dem Fenster, das ich ordentlich wieder geschlossen hatte –, verstand ich den Hinweis an mich selbst, dass ich das Fenster besser hätte offen lassen sollen.
Aber ich drehte mich entschlossen um und machte mich im Schein meiner Taschenlampe auf den Weg zum Schloss, immer dem Klang der Stimmen nach. Ich konnte nur etwa einen Meter weit sehen, der Rest der Welt war in einem schwarzen Loch versunken. Bei Nacht schienen die Bäume noch geheimnisvoller, und das Raunen der Blätter klang, als teilten sie einander Dinge mit, von denen ich nichts wissen durfte. Je näher ich dem Schloss kam, desto lauter wurden die Stimmen, ich roch Rauch, hörte Musik und Gläserklirren. Licht strömte aus der Eingangshalle und dem Raum mit den intakten Fenstern rechts davon. Sicherheitshalber schaltete ich die Taschenlampe aus und schlich zur Rückseite des alten Gemäuers. Dabei kam ich an zwei Räumen vorbei, von denen man bestimmt einen großartigen Blick über den See und die Treppe hatte, die zu ihm hinunterführte. Schließlich kam ich zu dem Fensterzimmer, aus dem ich neulich geklettert war, blieb stehen und lauschte.
Ein Nachtlicht in Form gelber Sterne kreiste über die alten Wände, und da der Raum leer zu sein schien, beugte ich mich durchs Fenster hinein und sah es mir an, auch wenn die echten Sterne, die man durch das gegenüberliegende Fenster sah, eigentlich viel eindrücklicher waren. Auf einmal hörte ich ein leises Geräusch, wie von einem leidenschaftlichen Kuss, unmittelbar gefolgt von einem schrillen Schrei.
Dann hörte ich schnelle Schritte, eine Stimme, die Ruhe befahl, schließlich das Scheppern umfallender Dosen und Flaschen. Und aufgeregtes Geflüster. Ehe ich Zeit hatte zu reagieren, fühlte ich eine Hand in den Haaren, jemand packte mich am Schlafittchen, und ich wurde zum Schloss geschleift.
»Hey, loslassen!«, schimpfte ich und trat um mich. »Nimm deine blöden Hände weg.«
Erbittert schlug ich um mich und versuchte, mich von den Händen, die jetzt meine Taille umklammerten und eindeutig einem Mann gehörten, zu befreien. Leider ohne Erfolg. Zum ersten Mal war ich Rosaleen dankbar für die kohlehydratreiche Ernährung und die zusätzlichen Pfunde, die ich seit meiner Ankunft zugelegt hatte, sonst hätte mich der Kerl wahrscheinlich wie einen Sack über die Schulter geworfen. So musste er sich zumindest anstrengen und mich teils tragen, teils hinter sich herschleifen. Als wir im Schloss ankamen, stellte er sich dicht hinter mich und hielt mich weiter fest umklammert, aber er konnte nicht verhindern, dass ich mich umdrehte und ihn ansah: ein hässlicher Typ mit Bartflaum am Kinn. Um uns herum standen sechs Leute und starrten mich an. Ein paar saßen auf der Treppe, andere auf Kisten. Am liebsten hätte ich sie angeschrien, sie sollten gefälligst mein Haus verlassen.
»Sie hat uns beobachtet«, erklärte die Krakeelerin von vorhin, die inzwischen auch eingetroffen war und keuchend an der Tür stand, als würde sie nach dieser Strapaze gleich in Ohnmacht fallen.
»Ich hab niemanden beobachtet«, protestierte ich und verdrehte die Augen. »Das ist doch absurd.«
»Sie ist Amerikanerin«, meinte einer der Typen.
»Quatsch, ich bin keine Amerikanerin.«
»Du klingst aber, als wärst du eine«, beharrte ein anderer.
»Hey, das ist Hannah Montana.«
Ein großer Lacherfolg.
»Ich bin aus Dublin.«
»Nein, ist sie nicht.«
»O doch, bin ich.«
»Dafür bist du jetzt aber ganz schön weit weg von Dublin.«
»Ich bin nur den Sommer über hier.«
Hinter der Krakeelerin erschien jetzt ein Typ. Er hörte eine Weile zu, wie ich mich verteidigte – mit einer Quietschstimme, die mir zwar endlos peinlich war, die ich aber leider nicht unter Kontrolle hatte –, und ich fragte mich, wie um alles in der Welt es dazu gekommen war, dass ich in diesem Raum von Hinterwäldlern als die uncoole Idiotin dastand.
»Lass sie los, Gary«, sagte der Neuankömmling schließlich.
Gary Flaumkinn gehorchte augenblicklich. Damit war klar, wer hier der Anführer war.
Endlich wieder frei, gewann ich auch meine Fassung wieder.
»Gibt es sonst noch Fragen an mich? Vielleicht von dir, du da mit der Fleecejacke und den Doc Martens? Soll ich dir von damals erzählen, als Guns ’n’ Roses cool waren?«
Einer der anderen kicherte leise, bekam aber sofort einen Ellbogen in die Rippen und jaulte. Gary Flaumkinn, der sich immer noch hinter mir herumdrückte, schubste mich zur Strafe für meine Bemerkung in den Rücken, was ziemlich weh tat.
»Ich hab euch nur in meinem Zimmer gehört, als ich versucht habe zu schlafen.« Mir war klar, dass ich wie der dämlichste Depp des Planeten klang. Wie ein kleines Kind, das die Dinnerparty seiner Eltern stört.
»Wohnst du in der Nähe?«
»Die lügt doch.«
»Also, was denkt ihr denn, wo ich wohne? Habt ihr euch vorgestellt, dass ich grade von L.A. zu einer kleinen Nachtwanderung rübergeflogen bin oder was?«
»Wohnst du im Torhaus?«
»Im königlichen Torhaus«, warf ein anderer ein, und alle fingen wieder an zu lachen.
Okay, Arthurs und Rosaleens Hütte war nicht gerade der Buckingham Palace, aber sie war besser als manche Bruchbude, die ich auf der Fahrt hierher gesehen hatte. Was sollte ich antworten? Ich schaute von einem Gesicht zum anderen und überlegte, ob ich es riskieren konnte, ihnen zu sagen, wo ich wohnte.
»O nein, ich wohne in einem Kuhstall und schlafe genau wie der Rest von euch bei den Schweinen«, fauchte ich schließlich. »Ich weiß echt nicht, was euer Problem ist. Schließlich sieht der Typ da an der Tür auch nicht aus, als wäre er aus der Gegend.«
Damit meinte ich den dunkelhäutigen Anführer der Bande, der immer noch reglos am Eingang lehnte und mich ansah. Ich hatte mal irgendwo gelesen, dass man sich in Geiselsituationen immer den Anführer aufs Korn nehmen und ausschalten soll. Vielleicht war das doch nicht die allerschlauste Idee.
Mit großen Augen sahen die anderen sich an, und ich hörte das Wort »rassistisch«.
»Das war kein bisschen rassistisch«, verteidigte ich mich. »Er trägt Dsquared. Als ich mich das letzte Mal in Kaffstadt, Bevölkerungszahl null, umgeschaut habe, gab es da kein Dsquared zu kaufen.«
Das war alles nicht gerade clever von mir. Schließlich habe ich Beim Sterben ist jeder der Erste gesehen, ich weiß, was einem die Menschen alles antun können, und ich hatte die Leute hier bereits beschuldigt, bei den Schweinen zu schlafen, was keine großartige Einleitung für die Entschuldigung war, die man wahrscheinlich von mir hören wollte. Im Halbdunkel konnte ich ahnen, dass der Anführer lächelte, aber dann legte er schnell die Hand auf den Mund, während die anderen total durchdrehten, mit ausgestreckten Zeigefingern auf mich losgingen und mich immer weiter als Rassistin beschimpften – obwohl ich doch so einleuchtend erklärt hatte, dass es nicht die Hautfarbe ihres Anführers gewesen war, die mich zu meiner Bemerkung veranlasst hatte. So ging es eine Weile, dann raffte sich der Typ an der Tür endlich auf und befahl den anderen, mich in Ruhe zu lassen. Die Krakeelerin und noch ein paar andere mussten persönlich zur Vernunft gebracht werden, dann packte mich der Typ und beförderte mich ohne viel Aufhebens nach draußen, zur Rückseite des Schlosses, zurück zum Tatort, dem Fenster, wo ich angeblich spioniert hatte.
»Hast du vor, so zu tun, als würdest du mich umbringen, während du mich in Wirklichkeit laufenlässt?«, fragte ich ein bisschen nervös. Sehr nervös sogar. Okay, ich hatte Angst, er würde mich zusammenschlagen.
Aber er grinste mich an. »Du bist Tamara, richtig?«
Ich kriegte den Mund nicht wieder zu. »Woher weißt du …« Und dann fiel endlich der Groschen. »Ach, du bist Weseley.«
Nun war er überrascht. »Hat Arthur dir von mir erzählt?«
»Arthur? Äh, ja, natürlich. Er redet dauernd über dich.«
Weseley sah mich verwirrt an. »Er hat mir auch von dir erzählt.«
»Wirklich?«
Ich hätte nie gedacht, dass Arthur über mich redete. Eine seltsame Vorstellung.
»Zigarette?«
Ich nahm eine, und er riss ein Streichholz an. Im Licht der Flamme konnte ich sein Gesicht zum ersten Mal richtig sehen. Seine Haut hatte die Farbe von Milchschokolade, nicht ganz Ebenholz, aber wunderschön dunkel. Seine Augen waren groß und braun, die Wimpern so lang, dass ich einen Moment lang richtig neidisch war und unwillkürlich daran denken musste, wie viel Taschengeld ich in meinem Leben schon für falsche Wimpern mit Glitzer verschwendet hatte. Seine Lippen waren voll und sinnlich, die Zähne makellos gerade und weiß. Dazu ein hübsches Kinn und perfekte Wangenknochen. Er war ungefähr einen Kopf größer als ich. Inzwischen war das Streichholz bis auf seine Finger heruntergebrannt, und er ließ es fallen. Auf einmal begriff ich, dass auch er mich gemustert hatte. Wortlos zündete er ein zweites Streichholz an, und ich inhalierte.
»Danke.«
»Kein Problem.«
»Was zum Teufel machst du denn, Wes? Oh, jetzt rauchst du eine mit ihr? Sie ist mit dieser Freak-Familie verwandt, ich hoffe, das weißt du.« Ein anderes Mädel im Schlepptau, erschien die Krakeelerin, kam mit schwankenden Schritten auf uns zu und erfüllte die Luft mit dem Duft eines Geschenkkorbs von Body Shop.
»Beruhig dich, Kate«, sagte er.
»Nein, ich werde mich nicht beruhigen, verdammt …«, begann sie eine Tirade betrunkenen Unsinns und ging mit ihrer Handtasche auf Weseley los. Ihre Freundin zerrte sie weg.
»Na schön«, stieß sie wütend hervor und schüttelte die Freundin ab. Doch im gleichen Moment verlor sie das Gleichgewicht, konnte sich gerade noch an der anderen festhalten und hätte sie um ein Haar mitgerissen. »Ich geh jetzt sowieso nach Hause«, verkündete sie schnippisch und marschierte davon.
»Autsch«, sagte ich und sah Weseley an.
»Das hat nicht weh getan.«
»Eine Attacke mit einer nachgemachten Louis-Vuitton-Tasche – machst du Witze? Mir hat schon das Zuschauen weh getan.«
»Du bist ein Snob«, meinte er grinsend.
»Du bist ein schlechter Freund.«
»Sie ist nicht meine Freundin.«
»Na, egal.«
»Möchtest du was trinken?«
Ich nickte viel zu begeistert. Er lachte, schwang sich über das Fenstersims zurück ins Schloss, und ich folgte ihm auf dem gleichen Weg.
»Hey, Weseley, du gibst Hannah Montana doch nicht etwa was von unseren Vorräten ab, oder?«
Aber Weseley ignorierte Gary Flaumbart und reichte mir eine Dose.
»Was ist das denn?«
»Diamond White.«
»Nie gehört.«
»Wie kann ich es dir erklären, damit du es richtig verstehst?« Er dachte angestrengt nach. »Stell es dir als Champagner vor, aber aus Äpfeln.«
Ich verdrehte die Augen. »Wenn du glaubst, dass ich normalerweise Champagner trinke, kennst du mich schlecht.«
»Na ja, ich kenn dich ja auch wirklich kaum, oder? Es ist Cider. Die Amis nennen das Zeug ›Hard Cider‹.«
»Ich bin aber keine Amerikanerin.«
»Du klingst überhaupt nicht irisch.«
»Und du siehst nicht irisch aus. Bestenfalls auf eine Art, die zeigt, wie sehr die Welt sich verändert hat.« Ich schnappte sarkastisch nach Luft. »O mein Gott, worauf können wir uns heute noch verlassen?«
»Meine Mum hat rote Haare und Sommersprossen.«
»Dann ist sie bestimmt aus Schweden.«
Er lachte und deutete dann auf eine Kiste hinter mir. Ich setzte mich. Er schnappte sich eine Kiste mir gegenüber.
»Und woher kommt dein Dad?«
»Aus Madagaskar.«
»Cool. Wie in dem Film?«
»Japp, alles genau wie bei Disney«, bestätigte er.
»Warst du schon mal dort?«
»Nein.«
»Warum ist er hierhergezogen?«
»Darum.«
»Immer ein guter Grund.«
Wir lachten beide.
In diesem Moment kam im Nebenraum jemand erneut auf meinen angeblichen Rassismus zu sprechen.
»Ich hab nur deine Klamotten gemeint«, erklärte ich leise. »Du bist besser angezogen als John Boy da drin und auch als Mary Ellen, die grade in ihren falschen Uggs und einer Dewberry-Wolke den Abgang gemacht hat.«
Er lachte und sah mir unablässig in die Augen. »Sie ist nicht meine Freundin.«
»Das hast du vorhin schon gesagt. Aber meine Superspionbrille hat mir was anderes mitgeteilt.«
»Na ja, das war bloß …« Er trat seine Zigarette aus und warf die Kippe in eine leere Dose. Irgendwie war ich ihm dankbar dafür und kam mir vor, als wäre ich eine Mutter, deren Kids dauernd das Haus zumüllen. »Es gibt Busse, weißt du«, sagte er. »Diese Dinger mit Rädern, die Menschen sogar nach Dublin bringen können.«
»Von wo denn?« Vermutlich hätte ich ähnlich begeistert reagiert, wenn er mir gesagt hätte, dass es eine Heilung für Krebs gab. Einen Weg hier raus …
»Dunshaughlin. Nicht mal dreißig Minuten mit dem Auto.«
»Und wie kommst du hin?«
»Mein Dad fährt mich.«
Tja, mein Dad ist leider tot.
»Übrigens – gehört der dir?« Er kramte in einer Tasche herum und gab mir einen Stift. Es war der, den ich von Arthurs Schreibtisch geklaut und gestern beim Tagebuchschreiben im Schloss verloren hatte.
Ich hatte das Gefühl, als wäre jemand da. Als beobachte mich jemand.
»Warst du gestern hier?«
»Hm …« Er dachte angestrengt nach.
»Was gibt es denn da so lange zu überlegen?«, fuhr ich ihn an.
»Keine Ahnung. Nein. Ja. Nein, ich weiß es nicht. Den Stift hab ich heute Abend gefunden, wenn du das meinst.«
»Und gestern?«
»Ich bin an den meisten Tagen mit Arthur irgendwo hier in der Gegend.« Meine Frage hatte er aber immer noch nicht beantwortet.
»Ach ja?«
»Na, das muss ich wohl, oder?«
»Ach ja?«
»Ich arbeite mit Arthur zusammen.«
»Oh.«
»Ich dachte, du hast gesagt, dass Arthur es dir erzählt hat.«
»Oh … ja. Weiß Rosaleen denn, dass du mit Arthur arbeitest?«
Er nickte. »Ich glaube, es gefällt ihr nicht besonders, aber da Arthur sich den Rücken verrenkt hat, braucht er jemanden, der ihm hilft.«
»Wie lange arbeitest du denn schon mit ihm?«
Wieder überlegte er angestrengt und starrte dabei in die Ferne. »Oh, lass mich mal nachdenken. Ich und Arthur arbeiten zusammen seit … drei Wochen.«
Ich fing an zu lachen.
»Wir sind erst letzten Monat hierhergezogen«, erklärte er.
»Echt?« Sofort wurde mir leichter ums Herz. Eine verwandte Seele. »Von wo?«
»Dublin.«
»Ich auch!« Meine Aufregung wirkte garantiert schrecklich kindisch. »Entschuldige.« Ich spürte, wie ich rot wurde. »Ich freu mich nur, weil ich hier endlich einen Angehörigen meiner eigenen Spezies kennenlerne. Wie hast du es hier denn so rasch zum Anführer gebracht? Hast du einen Zauberbann verhängt? Oder den Jungs gezeigt, wie man Feuer macht?«
»Meiner Erfahrung nach kommt man mit Höflichkeit ziemlich weit. Spionieren, uneingeladen bei einer Party reinplatzen und die Leute beleidigen – das sind alles wenig erfolgversprechende Verhaltensweisen, wenn man dazugehören möchte.«
»Ich möchte ja auch gar nicht dazugehören«, schmollte ich. »Ich möchte nur weg von hier.«
Eine Weile schwiegen wir beide.
»Weißt du, was hier passiert ist?«, fragte ich schließlich. »Hier im Schloss?«
»Meinst du mit den Normannen und so?«
»Nein, nicht das. Was mit der Familie passiert ist, die zuletzt hier gelebt hat.«
»Es hat gebrannt, glaube ich, und dann sind sie weggezogen.«
»Wow, du solltest Geschichtsbücher schreiben.«
»Wir sind grade erst hergekommen«, lächelte er. »Warum willst du das überhaupt wissen?«
»Nur so.«
Nachdenklich sah er mich an. »Wir könnten fragen, wenn du willst.« Er meinte, bei den Jungs nebenan.
Von denen hörte man lautes Gelächter. Vermutlich spielten sie Flaschendrehen.
»Nein, schon gut.«
»Schwester Ignatius weiß es bestimmt. Du kennst sie doch, richtig?«
»Woher weißt du das?«
»Ich hab dir doch gesagt, dass ich hier arbeite. Und ich bin nicht blind.«
»Aber ich hab dich nie gesehen.«
Er zuckte die Achseln.
»Schwester Ignatius hat mir gesagt, ich soll Rosaleen und Arthur fragen«, erklärte ich.
»Gute Idee. Wusstest du, dass Rosaleen ihr ganzes Leben in dem Bungalow gegenüber vom Eingang gewohnt hat? Wenn irgendjemand sich hier auskennt, dann sie. Sie kann dir wahrscheinlich alles erzählen, was in den letzten zweihundert Jahren in der Gegend passiert ist.«
Leider konnte ich ihm schlecht mitteilen, dass in meinem Tagebuch stand, ich sollte ihr lieber keine Fragen stellen. »Ich weiß nicht … ich glaube, Rosaleen und Arthur sprechen nicht gern darüber. Rosaleen tut immer so geheimnisvoll. Bestimmt kannten sie die Leute, und falls jemand umgekommen ist, na ja – ich möchte nicht so damit rausplatzen. Ich meine, sie haben vielleicht immer noch mit diesen Leuten zu tun. Schließlich kann Arthur ja nicht umsonst arbeiten. Wobei mir einfällt«, sagte ich und schnippte mit den Fingern. »Wer bezahlt dich eigentlich?«
»Arthur. In bar.«
»Oh.«
»Und warum bist du hier?«
»Hab ich doch schon erzählt, ich hab euch von meinem Zimmer aus gehört.«
»Nein, ich meine hier in Kilsaney.«
»Oh.«
Schweigen. Ich überlegte angestrengt. Auf keinen Fall konnte ich ihm die Wahrheit sagen. Ich wollte kein Mitleid.
»Ich dachte, du hast gesagt, Arthur hat dir von mir erzählt.«
»Das wäre schon preiswürdig, wenn ich irgendwas wirklich Interessantes aus ihm rausgekriegt hätte. Er hat bloß erzählt, dass du mit deiner Mum bei ihnen wohnst.«
»Wir mussten ausziehen, weißt du. Für eine Weile. Wahrscheinlich nur den Sommer über. Wir haben unser Haus verkauft. Und jetzt schauen wir uns nach einem neuen um.«
»Aber dein Dad ist nicht hier?«
»Nein, nein, er … äh … er hat Mum verlassen, wegen einer anderen.«
»Oh, Mann, das tut mir aber leid.«
»Na ja, hm … sie ist Model, grade mal zwanzig. Sehr bekannt, immer in irgendwelchen Zeitschriften. Sie nimmt mich mit, wenn sie durch die Clubs zieht.«
Mit gerunzelter Stirn sah er mich an, und ich kam mir vor wie ein Idiot. »Siehst du ihn noch manchmal?«
»Nein, nicht mehr.«
Ich folgte dem Rat in meinem Tagebuch. Ich hätte Weseley nichts von Dad erzählen sollen. Aber ich fühlte mich überhaupt nicht besser. Sicher, ich log auch bei Marcus, aber das war irgendwie gerechtfertigt, weil bei Marcus alles eine dicke fette Lüge war. Aber Weseley wollte ich nicht anlügen. Außerdem würde er von Arthur sowieso die Wahrheit erfahren – in etwa zehn Jahren.
»Weseley, tut mir leid, aber das war gelogen.« Ich rieb mir das Gesicht. »Mein Dad … mein Dad ist tot.«
Er setzte sich auf. »Was? Wie?«
Ich hätte mir irgendwas anderes einfallen lassen sollen. Dass er im Krieg umgekommen ist oder so, keine Ahnung, nur irgendwas anderes, irgendeinen normaleren Tod.
»Äh. Krebs.« Jetzt wollte ich nur noch, dass wir aufhörten, über meinen Vater zu sprechen. Ich wollte das nicht. Ich konnte nicht. Ich wollte, dass Weseley aufhörte, nach ihm zu fragen. »Hodenkrebs.«
»Oh.«
Es wirkte. Er sagte nichts mehr.
Kurz darauf bedankte ich mich bei ihm, kletterte aus dem Fenster und ging. Doch auf halbem Weg zum Haus blieb ich stehen, drehte mich um und rannte noch einmal zurück.
»Weseley«, flüsterte ich etwas atemlos vom Fenster. Er räumte gerade die Dosen und Zigarettenkippen aus dem Raum.
»Hast du was vergessen?«
»Äh, ja …«, flüsterte ich.
»Warum flüsterst du?«, antwortete er ebenfalls flüsternd, kam zum Fenster und schaute heraus, auf die Ellbogen gestützt.
»Weil, äh … ich möchte das eigentlich nicht laut aussprechen.«
»Okay …« Sein Lächeln verblasste.
»Du wirst bestimmt gleich denken, ich bin komisch.«
»Ich denke jetzt schon, du bist komisch.«
»Oh. Okay. Äh, mein Dad ist nicht an Krebs gestorben.«
»Nein?«
»Nein, ich hab das nur gesagt, weil es leichter war. Obwohl der Teil mit den Hoden dann doch gar nicht so einfach war. Sondern nur seltsam.«
Er lächelte sanft. »Woran ist er denn gestorben?«
»Er hat sich umgebracht. Hat absichtlich Tabletten genommen und Whiskey dazu getrunken. Und ich hab ihn gefunden.« Ich schluckte.
Und da war sie auch schon. Die Veränderung in seinem Gesicht, die ich in meinem Tagebuch beschrieben hatte. Pures Mitgefühl. Der nette Gesichtsausdruck, den man bei jeder x-beliebigen Person aufsetzt. Er schwieg.
»Ich wollte einfach nicht lügen«, erklärte ich und zog mich langsam zurück.
»In Ordnung. Danke, dass du es mir gesagt hast.«
»Ich hab noch nie mit jemandem darüber gesprochen.«
»Ich werde es niemandem verraten.«
»Okay, danke. Jetzt muss ich wirklich gehen.«
Das war alles so peinlich.
»Gute Nacht.«
Er beugte sich weiter aus dem Fenster und hob die Stimme. »Bis bald, Tamara.«
»Japp. Klar.«
Aber ich wollte nur weg.
Die Bande in der Eingangshalle pfiff und lachte, und ich verschwand in der Dunkelheit.
In dieser Nacht lernte ich etwas sehr Wichtiges. Man sollte nicht versuchen, sich in den Lauf der Dinge einzumischen. Manchmal muss man es aushalten, dass man sich unbehaglich fühlt. Manchmal muss man vor anderen Menschen zeigen, dass man verletzlich ist. Manchmal ist das notwendig, denn nur so lernt man sich wieder ein Stück besser kennen. Offensichtlich hatte das Tagebuch nicht immer recht.