Es wurde schon Abend, als ich mich mit knurrendem Magen auf den Rückweg zum Torhaus machte. Seit den amerikanischen Pfannkuchen mit Blaubeeren, dem Lunch bei Zoeys Mutter, hatte ich nichts mehr gegessen. Wie üblich stand Rosaleen an der offenen Tür und blickte mit besorgtem Gesicht die Straße hinauf und hinunter, als hielte sie angestrengt Ausschau nach mir. Wie lange sie das wohl schon machte?
Als sie mich entdeckte, richtete sie sich auf und strich sich ihr Kleid glatt, das heute schokoladenbraun war, mit einer grünen Ranke, die sich vom Saum zum Halsausschnitt emporschlängelte. Ganz nah am Busen flatterte ein Kolibri, und ich entdeckte noch einen an ihrer linken Pobacke. Ob der Designer das so beabsichtigt hatte, wusste ich natürlich nicht, aber bei Rosaleens Größe blieb dem Muster gar nichts anderes übrig.
»Na, da bist du ja endlich, Kind.«
Am liebsten hätte ich sie angefaucht, dass ich längst kein Kind mehr war, aber ich biss die Zähne zusammen und lächelte. Ich musste unbedingt toleranter werden mit Rosaleen. Mich zur Abwechslung mal benehmen, als wäre ich Tamara Good.
»Dein Abendessen steht im Ofen. Wir konnten nicht mehr warten, weil mein lieber Mann schon solchen Hunger hatte, dass ich sein Magenknurren von der Ruine bis hierher gehört habe.«
An ihrer Bemerkung störten mich diverse Dinge. Erstens, dass sie sich so affig um die Erwähnung von Arthurs Namen drückte, zweitens, dass unser Gespräch sich mal wieder ums Essen drehte, und drittens, dass sie das Schloss als Ruine bezeichnete. Aber statt mit dem Fuß aufzustampfen, lächelte Tamara Good wieder nur und sagte sehr freundlich: »Danke, Rosaleen. Ich freue mich schon aufs Essen und komme gleich runter.«
Dann wollte ich die Treppe hinaufgehen, aber plötzlich machte Rosaleen eine Bewegung, eine Art Zusammenzucken, wie von einem Sportler, der auf den Startschuss wartet, und ich hielt inne. Ich sah sie nicht an, sondern wartete nur auf ihren Kommentar.
»Deine Mutter schläft, du solltest sie nicht stören.« Inzwischen hatte sie den stammelnden, einschmeichelnden Ton abgelegt. Ich wurde nicht schlau aus ihr, aber sie wahrscheinlich auch nicht aus mir. Tamara Nicht-mehr-ganz-Good ignorierte sie, und obgleich Rosaleens durchdringender Blick mir fast den Rücken versengte, ging ich weiter nach oben und klopfte leise an Mums Tür. Da ich von Mum ohnehin keine Reaktion erwartete, ging ich hinein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Im Zimmer war es dunkler als vorher. Die Vorhänge waren geschlossen, aber es lag hauptsächlich an der Sonne, die zum Abend hin hinter den Bäumen versunken war, dass es kühler und schummriger war. Irgendwie erinnerte meine Mum mich plötzlich an eine Mumie. Die gelbe Decke war bis über die Brust hochgezogen, die Arme seitlich darunter eingeklemmt, als hätte eine Riesenspinne sie eingewickelt, um sie später zu töten und zu verspeisen. Ich konnte mir nur vorstellen, dass Rosaleen das gemacht hatte, denn für Mum wäre es unmöglich gewesen, sich selbst zu mumifizieren. Kurz entschlossen lockerte ich die Decke, zog Mums Arme heraus und kniete mich neben sie. Ihr Gesicht wirkte friedlich, als bekäme sie gerade in ihrem Lieblings-Spa eine Körpermaske mit Crème fraîche und Joghurt. Aber sie war so still, dass ich mein Ohr ganz dicht an ihr Gesicht halten musste, um mich zu vergewissern, dass sie überhaupt noch atmete.
Nachdenklich betrachtete ich sie, ihre blonden Haare auf dem Kissen, die langen Wimpern, die makellose Haut. Ihre Lippen waren kaum merklich geöffnet, und sie atmete sanft, süß und warm durch den Mund.
Vielleicht vermittle ich beim Erzählen meiner Geschichte den falschen Eindruck von meiner Mutter. Wenn man sie sich als trauernde Witwe vorstellt, die in einem Morgenmantel mit Glockenärmeln im Schaukelstuhl sitzt und stupide aus dem Fenster starrt, denkt man womöglich, sie wäre alt. Dabei ist sie keineswegs alt. Und sehr hübsch.
Mum ist erst fünfunddreißig, wesentlich jünger als die Mütter meiner Freundinnen. Sie hat mich nämlich schon mit achtzehn bekommen. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war Dad bei meiner Geburt wesentlich älter. Er hat mir immer gern erzählt, wie die beiden sich kennengelernt haben, obwohl die Geschichte sich bei jedem Mal anders anhörte. Ich glaube, das hat ihm gefallen, denn so kannten nur Mum und er die Wahrheit. Das war ein netter Zug an Dad, und mich störte es nie, wenn sie mir nicht die ganze Wahrheit erzählten. Vielleicht wäre die Wahrheit enttäuschend und langweilig gewesen. Der gemeinsame Nenner all der Versionen war, dass sich meine Eltern bei einem schicken Bankett zum ersten Mal begegnet waren, und als sich ihre Blicke trafen, wusste Dad, dass er Mum wollte, und zwar unbedingt. Bei diesem Punkt fing ich immer an zu lachen, weil er genau das Gleiche über ein Fohlen gesagt hatte, als er von einer Auktion bei Goffs zurückgekommen war.
Als ich ihm das mitteilte, hielt er sofort den Mund, das Lächeln verschwand mitsamt dem versonnenen Blick. Ich hatte das Gefühl, dass er sich in diesem Moment wünschte, er hätte keine Tochter im Teenageralter, während Mum, die ebenfalls dabeisaß, aussah, als müsste sie lange und intensiv über das nachgrübeln, was ich gesagt hatte. Eigentlich wollte ich ihnen erklären, dass ich es gar nicht so gemeint hatte, sondern einfach ein bisschen ungeschickt war und mir solche zickigen Bemerkungen unabsichtlich und ohne jede Vorwarnung über die Lippen kamen. Aber das konnte ich meinen Eltern nicht sagen. Dafür war ich zu stolz. Ich war es nicht gewohnt, mich zu entschuldigen und zuzugeben, dass mir etwas leidtat. Aber ich war nicht nur zu stolz, um die Bemerkung zurückzunehmen – ein Teil von mir hatte außerdem den Verdacht, sie könnte stimmen. Dad hatte über das Fohlen bei Goffs wirklich genau das Gleiche gesagt. Und er sagte auch das Gleiche, wenn er ein Auge auf eine neue Uhr, ein neues Boot oder einen neuen Anzug geworfen hatte: »Schau dir das an, Jennifer! Toll, oder nicht? Das muss ich unbedingt haben.« Und wenn Dad etwas haben musste, bekam er es auch. Ich fragte mich, ob Mum auch so machtlos gewesen war wie das Fohlen bei Goffs oder die Yacht in Monaco oder alles andere, was Dad haben musste. Und wenn es so war, dann tat sie mir auch nicht leid. Denn dann hatte sie einfach nicht genügend Durchsetzungsvermögen.
Ich zweifle nicht daran, dass Dad Mum geliebt hat. Er hat sie sogar abgöttisch geliebt. Ständig hat er sie angehimmelt, sie angefasst, ihr die Tür aufgemacht, ihr Blumen mitgebracht, Schuhe, Handtaschen oder sonst irgendwelche Überraschungen für sie gekauft, um ihr zu zeigen, dass er an sie dachte. Aus den albernsten Gründen hat er ihr Komplimente gemacht, was mich endlos nervte. Mich lobte er für die gleichen Dinge nie. Und kommt mir jetzt bloß nicht mit irgendwelchen Freudschen Sprüchen, ich war nämlich nicht eifersüchtig – er war mein Dad, nicht mein Mann, ich weiß, dass da nicht die gleichen Regeln gelten, und das würde ich auch gar nicht wollen. Aber eine Tochter kann man nicht verlieren, richtig? Man bleibt immer das Kind seiner Eltern, ob man Kontakt zueinander hat oder nicht. Eine Frau dagegen kann man ziemlich schnell verlieren. Beispielsweise, wenn sie sich langweilt und sich einen anderen sucht. Mum war so schön, dass sie die meisten Männer hätte haben können, und das wusste Dad auch. Deshalb kamen mir seine Bemerkungen Mum gegenüber, so liebevoll sie gemeint gewesen sein mögen, manchmal ganz schön herablassend vor.
»Schatz, erzähl uns doch mal, was du gestern gesagt hast, als der Kellner dich gefragt hat, ob du ein Dessert möchtest. Bitte, erzähl es uns, komm schon, Schatz.«
»Ach, das war doch nichts Besonderes, George.«
»O doch, Schatz. Es war unglaublich komisch. Glaub mir.«
Und dann gab Mum vor versammelter Mannschaft ihre Geschichte zum Besten: »Ich hab nur gesagt, dass ich schon dick werde, wenn ich bloß die Speisekarte anschaue«, und die Gäste lächelten oder lachten leise, aber Dad strahlte vor Stolz über den umwerfenden Humor seiner Frau. Mum dagegen setzte ihr geheimnisvolles Lächeln auf, das nichts preisgab, und ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte geschrien: »Aber das ist doch albern! Der Witz ist mindestens dreitausend Jahre alt! Und war noch nie besonders komisch!«
Ich weiß nicht, ob Mum die Dinge je so gesehen hat. In solchen Situationen lächelte sie immer nur, und hinter diesem Lächeln hätte sich eine Million möglicher Reaktionen verbergen können. Vielleicht machte Dad genau das so nervös: dass Mum so viel für sich behielt. Vielleicht wusste er einfach nie genau, was sie fühlte. Sie waren nicht wie andere Paare, die manchmal genervt die Augen über eine Bemerkung des anderen verdrehen oder extra lange auf irgendeiner Bemerkung herumreiten, die ihnen nicht gepasst hat. Nein, meine Eltern waren immer entsetzlich nett zueinander. Mum nebulös und undurchschaubar, Dad ständig bereit zu Komplimenten. Vielleicht verstehe ich auch nur nicht, was zwischen ihnen abging, weil ich noch nie richtig verliebt war. Vielleicht besteht Liebe ja darin, dass man jedes Mal, wenn der Partner etwas ganz Banales tut oder sagt, vor Begeisterung eine La-Ola-Welle von hier bis Usbekistan startet. Nur habe ich so was eben noch mit niemandem erlebt.
Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mein Dad und ich absolut gegensätzlich waren. Wenn er befürchtete, jemand könnte sich von ihm abwenden, überhäufte er die Betreffenden mit Aufmerksamkeit und endlosen Komplimenten. Kamen beispielsweise Freunde von Mum zu Besuch, gingen sie ihm meistens ziemlich auf die Nerven, und solange sie da waren, ignorierte er sie, aber sobald sie Anstalten machten zu gehen, verabschiedete er sich von ihnen aufs herzlichste, mit Umarmungen, Lächeln und guten Wünschen. Dad war ein Mensch, der an der Haustür stand und winkte, bis er das Auto der Wegfahrenden nicht mehr sehen konnte. Ich stellte mir Mums Freundinnen vor, wenn sie nach Hause kamen: »George ist so ein Gentleman. Wie er uns verabschiedet und wie er mir ins Auto geholfen hat. Ich wollte, du würdest dich meinen Freunden gegenüber auch so verhalten, Walter.«
Für Dad war der letzte Eindruck immer wichtiger als der erste, was seinen Tod umso symbolischer erscheinen lässt. Ich war das genaue Gegenteil. Genau wie ich es Barbara leichtgemacht hatte, mich stehenzulassen, indem ich zickige Bemerkungen von mir gab, so hatte ich Mum und Dad auch behandelt. Ich bringe die Leute dazu, mich in dem Moment zu hassen, in dem sie gehen müssen. Mir war nicht klar, dass die anderen sich später an mein verwöhntes Getue und meine sarkastischen Kommentare erinnerten. Schon als Kind habe ich mich so benommen.
Früher habe ich Mum und Dad immer angebettelt, sie sollten nicht so oft ausgehen, aber sie nahmen keine Rücksicht darauf. Eigentlich blieben sie nur zu Hause, um Energie zu tanken, und dann waren sie es meistens so schnell leid, zusammen zu sein, dass sie den Abend in separaten Zimmern verbrachten. Wir kamen nie dazu, alle etwas gemeinsam zu machen. Inzwischen habe ich begriffen, dass ich mir das mehr alles andere wünschte. Ich sehnte mich danach, dass wir als Familie Zeit miteinander verbrachten, ganz normal und entspannt zu Hause. Nicht diese gezwungenen Augenblicke, in denen sie mich zu sich riefen, um mir ein Geschenk zu überreichen oder irgendeine kostspielige Überraschung anzukündigen.
»Also, Tamara, du weißt hoffentlich, was für ein Glück du hast«, begann Mum dann meistens, denn ihr machte das schlechte Gewissen über unser Luxusleben am meisten zu schaffen. »Es gibt eine Menge Jungen und Mädchen, die nicht solche Möglichkeiten haben wie du …«
Obwohl ich in meinem Kopf nicht die freudige Erregung verspürte, die meine Eltern sich wahrscheinlich vorstellten, bemühte ich mich dennoch, ein entsprechendes Gesicht zu machen. Ich hörte nur meine eigene Stimme im Kopf, die sagte: Bla, bla, bla, kommt endlich zum Punkt, was wollt ihr mir denn jetzt schon wieder schenken?
»… aber weil du immer so dankbar für die schönen Dinge warst, die du bekommen hast, und für uns außerdem so eine besondere Tochter bist …«
Bla, bla, bla. Es ist kein Geschenk, denn ich sehe nichts dergleichen im Zimmer. Mum hat keine Hosentaschen, Dads Hände stecken tief in seinen, also ist es nichts, was man am Körper verstecken kann. Vielleicht unternehmen wir was? Heute ist Mittwoch. Am Donnerstag geht Dad Golf spielen, Mum kriegt ihre monatliche Darmspülung, ohne die sie höchstwahrscheinlich explodieren würde, also steigt die Sache nicht vor Freitag. Am Wochenende. Nicht allzu weit weg, denn sonst lohnt sich ein Wochenendausflug nicht.
»Wir haben darüber gesprochen und finden …«
Bla, bla, bla. Vielleicht ein Wochenende in London? Aber in London sind sie ständig, und ich war auch schon ein paarmal dort. Nein, für London sind sie zu aufgeregt. Also irgendwas, wo wir nicht so oft sind. Paris. Das ist nah genug. Und interessant für alle: Mum kann shoppen, Dad kann hinter ihr herlaufen und heimlich die Sachen für sie kaufen, die ihr gefallen, die sie sich aber selbst nicht leisten will, weil sie ihrer Meinung nach zu teuer sind. Und ich? Was soll ich in Paris? Oh, jetzt versteh ich. Ah! Eurodisney. Cool.
»Dreimal darfst du raten!« Mum quietschte beinahe vor Aufregung.
»O nein, unmöglich, Mum. Wie soll ich das erraten?«, sagte ich dann und strengte mich an, verwirrt auszusehen und so, als würde ich mir den Kopf zerbrechen. »Okay.« Ich nagte an der Unterlippe. »Ein Wochenende bei Tante Rosaleen und Onkel Arthur?« Ich hatte ziemlich schnell herausgefunden, dass Eltern die bevorstehende Freuden- und Ehrfurchtsreaktion ihres Sprösslings noch mehr genießen können, wenn man klein anfängt. Also riet ich noch zwei weitere eher miese Orte und sah zu, wie Mum vor Aufregung fast platzte. Die Gute.
»Wir fahren nach Eurodisney! Nach Paris!«, rief Mum schließlich, hüpfte in heller Aufregung auf und ab, und Dad steckte die Nase in die Broschüre, um mir zu zeigen, wo wir wohnen würden. Aktivitäten, Sehenswürdigkeiten, Einkaufsmöglichkeiten. Schau dir dies mal an, blätter das mal durch, sieh nur. Dinge, Dinge, Dinge.
Ganz gleich, für wie schlau und großzügig Eltern sich halten, ihre Kinder sind ihnen immer einen Schritt voraus.
Um auf den Punkt zurückzukommen – eines Abends machte ich, bevor sie ausgingen, ein Mordstheater. Ich schmiss ihnen Beleidigungen an den Kopf, nicht so sehr, damit sie ein schlechtes Gewissen bekamen, sondern weil ich es zu diesem Zeitpunkt genau so meinte. Aber sie gingen trotzdem. Anscheinend fühlten sie sich aber doch schuldig, weil sie mich allein gelassen hatten, denn ich bekam wegen der ganzen fiesen Dinge, die ich von mir gegeben hatte, keinerlei Ärger. Irgendwann lernte ich dann, dass sich meine Eltern von mir nicht daran hindern ließen wegzugehen, egal, was ich sagte. Also tat ich so, als wollte ich sie loswerden – ich wehrte sie lieber ab, statt traurig zu werden und mich vor Mae schämen zu müssen. So hatte ich wenigstens alles unter Kontrolle.
In den Wochen vor seinem Tod benahm Dad sich seltsam. Vielleicht auch schon länger, das weiß ich nicht so genau. Ich sprach mit niemandem darüber, für solche Fälle gibt es vermutlich Tagebücher. Jedenfalls hatte ich ein ungutes Gefühl, konnte es aber nicht richtig auf den Punkt bringen. Am wahrscheinlichsten erschien mir, dass er vorhatte, uns zu verlassen. Er war ungewöhnlich nett. Wie gesagt, zu Mum war er sowieso immer nett und normalerweise auch zu mir, zumindest wenn ich nett zu ihm war. Aber die Nettigkeit, die er in dieser Zeit an den Tag legte, war wie ein langes, ausgedehntes Winken an der Tür, nachdem man sich voneinander verabschiedet hat. Ein sehr ausführlicher und sehr netter letzter Eindruck. Langer Abschied, endgültig tot. Ich spürte, dass etwas passieren würde. Entweder gingen wir weg oder er.
Wenn mich Leute nach Dads Tod fragten, ob mir an ihm in der letzten Zeit etwas aufgefallen war, setzte ich das gleiche unschuldige und verwirrte Gesicht auf wie Mum. »Nein, nein, ich hab nichts gemerkt, ich hatte keine Ahnung, dass irgendwas nicht stimmte.« Na ja, was hätte ich auch sagen sollen? Dass Dad die ganze Woche vor seinem Tod an der Tür stand und uns zum Abschied zuwinkte, obwohl wir uns längst außer Sichtweite befanden?
Ich spürte, dass etwas im Busch war, und tat, was ich immer tat: Ich stieß ihn weg. Ich war noch zickiger als sonst, ich rauchte im Haus, kam betrunken heim, lauter solches Zeug. Unsere Auseinandersetzungen waren fieser, meine Antworten frecher und verletzender. Scheußlich. Ich tat, was ich schon als Kind getan hatte, wenn ich nicht wollte, dass meine Eltern weggingen. Ich sagte ihm, er solle sich verpissen. Ich hasse Dad, weil er sich ausgerechnet diesen Zeitpunkt ausgesucht hat. Jeder andere Abend, und ich hätte einfach um ihn trauern können. Jetzt trauere ich und hasse mich, und diese Mischung ist schwer zu ertragen. Hätte er nicht wenigstens daran denken können, wie ich mich fühlen würde, nachdem unser letztes Gespräch so verlaufen war? Ich habe mich auf die gemeinste Art und Weise von ihm verabschiedet, und er hätte nicht schlimmer darauf reagieren können. Vielleicht war es nicht allein meine Schuld, aber mein Verhalten hat ganz sicher nicht geholfen.
Ich weiß nicht, ob Mum auch geahnt hat, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Vielleicht schon, aber sie hat nie etwas gesagt. Wenn sie tatsächlich nichts mitbekommen hat, dann war ich wohl die Einzige. Ich hätte etwas sagen sollen. Noch besser – ich hätte etwas tun sollen, um ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
Es tut mir leid, Dad.
Was wäre, wenn, was wäre, wenn … Was wäre, wenn wir wüssten, was uns morgen bringt? Würden wir dann alles besser machen? Könnten wir das überhaupt?