6
Tiri sprach kein Wort, als wir unsere Tiere gemächlich nach Bharang traben ließen. Sie ließ den Kopf hängen. Ihr schlanker Körper zitterte. Hin und wieder stöhnte sie. In Gedanken durchlebte sie wieder und wieder den Alptraum, den sie durchgemacht hatte. Ich konnte nichts tun; das mußte sie allein durchstehen.
»Warum?« fragte sie, und das Wort verriet den in ihrem Inneren brennenden Schmerz. »Warum bin ich verschont worden? Warum darf ich leben, wenn alle meine Freundinnen sterben mußten? Und warum ist es geschehen?«
Was nun diese letzte Frage anging, wußte sie vermutlich viel mehr über die Gründe des Attentats als ich.
Als wir an sauber bestellten Feldern vorbeiritten und uns den ersten Gebäuden Bharangs näherten, hatte sie sich wieder einigermaßen im Griff. Sie saß aufrecht im Sattel, und das Licht der Sonnen liebkoste die langen, schlanken und gebräunten Tänzerinnenbeine. Eine Sache bereitete mir Sorgen. Hatte ich etwas versäumt, weil Tiri zugesehen und sich dann eine bestimmte Meinung gebildet hätte? Ich bin ein erfahrener Söldner, ein Zhan-Paktun, und jeder Paktun, der auch nur etwas taugt, hätte nach einem Kampf wie dem Gemetzel an der Kutsche die Besitztümer der Toten durchsucht.
Ich hatte darauf verzichtet. Mir war klar, daß das sehr nachlässig gewesen war. Mit Ausnahme der Fälle, wo die Habe eines in der Schlacht Gefallenen an die nächsten Angehörigen übergeben wird, gehört die Beute dem Sieger, was allgemein akzeptiert wird. Wenn meine Zeit gekommen ist, dann soll Delia bestimmte Gegenstände erhalten. Der Rest gehört dem Sieger.
Auf jeden Fall hatte ich kein Geld, mit dem Tiri und ich in Bharang leben konnten. Nun ja, vielleicht konnte ich eine der Zorca verkaufen. Ich muß zugeben, daß ich mich der Sünde des Stolzes schuldig gemacht hatte, denn ich hatte mich schon darauf gefreut, Fweygos Gesicht zu sehen, wenn ich mit einer Remuda erstklassiger Zorcas im Schlepptau ankam.
Als wir noch etwa hundert Schritt von den Stadttoren entfernt waren, schaute ich auf und sah einen prächtigen rotgoldenen Vogel, der über meinem Kopf kreiste. Er hatte die großen Schwingen ausgebreitete und zog dort oben mühelos seine Kreise. Ich kannte ihn. Es war der Gdoinye, der Spion und Bote der Herren der Sterne. Er beobachtete mich mit seinen scharfen, runden Augen.
Tiri ritt einfach weiter, denn sie konnte ihn nicht sehen.
Ich wartete ab. Der Raubvogel stieg in die Höhe und verschwand im strahlenden Himmel Kregens. Er hatte kein verächtliches oder mahnendes Krächzen ausgestoßen. Das gab mir neuen Mut. Also erfüllte ich meine derzeitige Aufgabe zur Zufriedenheit der Everoinye. Bei den wurmzerfressenen Nasenlöchern der Heiligen Dame von Belschutz, wäre das nicht der Fall gewesen, hätte mich der Skorpion in die geheimnisvolle blaue Strahlung stürzen lassen und mich an den Ort versetzt, an dem ich hätte sein sollen, bei Krun!
Die Stadtmauern schienen in gutem Zustand zu sein, und die Speere und Helme der Wachen waren deutlich hinter den Zinnen zu sehen. Innerhalb der Stadt erhoben sich hohe, zwiebelförmige Türme, und durch das offene Tor war eine bunte Vielfalt von Mauern und Dächern zu sehen. Eine Karawane Calsanys kam uns entgegen; jedes der Packtiere war mit prall gefüllten gelben Tragekörben behängt. Die Eskorte war beeindruckend, sowohl was die Zahl als auch das Erscheinungsbild anging. Ich zog die Zorcas zur Seite, um die Karawane vorbeizulassen.
Die Torwachen widmeten Tiri, den Zorcas und mir einen flüchtigen Blick und sagten nichts, als wir die Stadt betraten.
Es war früher Nachmittag, und vor Einbruch der Nacht gab es dringende Angelegenheiten zu erledigen.
Bharangs Gerüche waren nicht widerwärtig; die Gerüche von Tieren, Staub und Schweiß, die sich zwischen den dicht nebeneinanderstehenden Häusern miteinander vermischten, sorgten irgendwie für ein Gefühl der Sicherheit, da man sich nun hinter wuchtigen Stadtmauern befand. Die Aktivitäten der nächsten Burs sind schnell erzählt. Ich fand einen einohrigen Rapa mit einem ungepflegten grünen Federkleid, der mir eine Zorca abkaufte, ohne Fragen zu stellen. Von dem Benehmen des Rapas zu urteilen, würde jedes Brandzeichen geschickt entfernt werden. Tiri sagte gedankenverloren: »Ich habe etwas Geld, Drajak. Einen Silber-Bhin und sieben Kupfer-Obs.«
Ich nickte, lächelte und erwiderte: »Als nächstes kaufst du dir ein paar vernünftige Kleidungsstücke. Mit diesem rosafarbenen Kleid kannst du dich nicht mehr sehen lassen, und nicht nur wegen der Farbe.« Wir fanden ein hübsches rotes Kleid – Rot war ihre Lieblingsfarbe, wie sie mir sagte – und vernünftige Unterwäsche. Dann wurde es Zeit, eine ordentliche Unterkunft für die Nacht zu finden. Keiner von uns erwähnte den Überfall auf der Straße oder die seltsamen Umstände, unter denen wir uns kennengelernt und die zu diesem merkwürdigen Bündnis geführt hatten.
Das Gasthaus Zur Flötenden Henne, das sich in einer Seitenstraße befand, sah vielversprechend aus. Die Wände waren gelb angestrichen, und die Fenster funkelten im letzten Licht der Sonnen. Ich bedeutete Tiri stehenzubleiben, und dann schauten wir uns einen Augenblick lang die Kundschaft an, die das Gasthaus betrat und auch wieder verließ. Es schien sich um achtbare Bürger zu handeln. Also traten wir ein und mieteten zwei Zimmer für die Nacht. Ich hatte es vermieden, mich nach Fweygo und seinen Schützlingen zu erkundigen. Das konnte ich immer noch tun, nachdem wir uns eingerichtet hatten.
Die Zorcas wurden im Stall untergebracht und versorgt. Dann nahmen wir im Schankraum Platz, um dort zu Abend zu essen. Eine Gruppe Männer trat ein. Sie waren in voller Rüstung und schienen von ihrer Wichtigkeit überzeugt zu sein; allerdings hatten sie die Waffen nicht gezogen. Sie wurden von einem Jüngling angeführt, der für seine Rüstung noch etwas zu klein zu sein schien. Er war ein Apim, doch die meisten seiner Männer waren Hytaks. Das sind Krieger, vor denen man sich in acht nehmen sollte; gute, verläßliche Kämpfer. Ich bestellte das Essen und schenkte den Neuankömmlingen keinen weiteren Blick.
Nun wissen Sie ja, daß ich es an fremden Orten stets vermeide, mit dem Rücken zur Tür zu sitzen. Wenn ich also eben gesagt habe, daß ich die Neuankömmlinge nicht weiter beachtete, dann habe ich damit den Eindruck gemeint, den sich ein zufälliger Betrachter gebildet hätte. Als eine schlurfende Bewegung meine nähere Aufmerksamkeit erregte, wußte ich, daß nun schnelles Handeln gefordert war. Ich schüttete ein halbes Dutzend der abgegriffenen Gold-Rhoks aus der Börse, die mir der Rapa überlassen hatte, und drückte sie Tiri unter dem Tisch in die Hand. Dann schnallte ich Strom Kordens Schwert mit täuschender Langsamkeit ab und gab es ihr.
»Du sagst nichts, und du weißt nichts. Verwahr dieses Schwert – du darfst es auf keinen Fall verlieren!« Dann erhob ich mich langsam. »Solltest du einem goldenen Kildoi namens Fweygo begegnen, sag ihm Bescheid.« Ich nahm den Becher und schob mich zwischen den Tischen durch, als wollte ich mir selbst noch etwas zu trinken holen, da mir die Fristle-Bedienung zu langsam war. Der Besitzer, ein kleiner Och, der die mittleren Hände rang und in der oberen rechten Hand ein blaues Tuch hielt, mit dem er die schweißglänzende Stirn abtupfte, eilte dem Jüngling entgegen, der die Wachmannschaft anführte.
»Hikdar Ortyg! Welch eine Freude, dich hier zu sehen.«
»Ich bin im Dienst, Olabal.«
Der Och schien nicht besorgt zu sein; wir hatten ein anständiges Gasthaus ausgesucht. Das schlurfende Geräusch ertönte wieder, und der Rapa, dem ich die Zorca verkauft hatte, wurde nach vorn gestoßen. Seine Federn waren noch mehr durcheinandergebracht. Zwei Hytaks hielten ihn fest im Griff.
»Ist das der Mann, du Blintz?« fragte Hikdar Ortyg, der Jüngling, mit seiner piepsigen Stimme.
»Ja, Herr, ja, Herr ...«
Ortyg legte die Hand auf den Schwertgriff. »Du kommst bitte mit uns.« Er sagte es mit ausgesuchter Höflichkeit.
Ich trug noch immer den zweiten Braxter. Er wußte natürlich nicht, daß ich ihn durchbohren und dann den Rest seiner Mannschaft niederkämpfen konnte, noch bevor er überhaupt das Schwert gezogen hatte. Aber vielleicht konnte er es sich denken. Er versuchte, amtlich auszusehen; dabei rann ihm der Schweiß über die Stirn.
»Gibt es Probleme, Hikdar?« fragte ich.
Eins mußte man ihm lassen. Er erfüllte mannhaft seine Aufgabe.
»Du wirst mich bitte begleiten.« Er nickte seinen Leuten zu, und die vier restlichen Hytaks traten vor und nahmen um mich herum Aufstellung. Ich ließ sie gewähren. Ein Kampf hätte niemandem genutzt. Ich sagte: »Natürlich.«
Wir verließen das Gasthaus und betraten die Straße, und als wir uns schließlich auf der Hauptstraße befanden, hatte er noch immer nicht daran gedacht, mir das Schwert abzunehmen. Entweder er war zu sehr von sich überzeugt, oder er war ein blutiger Anfänger. Doch die Hytaks sahen fähig aus, und er war klug genug, sich auf sie zu verlassen. Schließlich gelangten wir zu einem grauen Steingebäude, und das Geräusch des hinter mir zuschlagenden Gitters war ein mir vertrauter und zugleich trübseliger Laut.
Die Nacht verging schnell. Ich wurde des Verkaufs gestohlener Zorca beschuldigt; man hatte weitere der Tiere im Stall des Gasthauses gefunden. Alle trugen das Brandzeichen von Strom Korden.
Ich erzählte ihnen meine Geschichte, wobei ich das Schwert und Tiri unterschlug.
Nun, um gerecht zu sein: ich wurde nicht sofort in eine Zelle geworfen. Sie hörten mir zu. Trotz der späten Stunde wurde ein Magistrat geholt. Es war ein ziemlich beleibter Kerl, ein Numim, der mich genau musterte.
Er strich sich durch die dunklen Schnurrbarthaare und verkündete dann sein Urteil.
»Du wirst eingesperrt, bis wir deine recht abenteuerliche Geschichte überprüft haben. Solch schreckliche Neuigkeiten, wenn sie denn nun der Wahrheit entsprechen sollten, werden sich bald herumgesprochen haben. Strom Nath wird deinen Fall entscheiden, sobald die Beweise erbracht worden sind. Führt ihn ab!«
Sie nahmen mich in die Mitte und hatten so endlich die Gelegenheit, mich in die Zelle zu stecken.
Mittlerweile hatten sie mir Schwert und Messer abgenommen. Nicht zu vergessen die Strohbörse mit den Gold-Rhoks, um meine Schuld zu beweisen.
Es war keine neue Erfahrung für mich, in einer Gefängniszelle einschlafen zu müssen. Meinen letzten Gedanken widmete ich wie immer derselben Person, dann schlief ich ein und träumte, wenn ich mich richtig erinnere, von sonnenerfüllten, glücklichen Tagen in Esser Rarioch.
Das hört sich vielleicht ziemlich herzlos an, deshalb will ich noch etwas klarstellen. Ich dachte vor dem Einschlafen auch an die junge Tiri. Denn ich hatte nicht aufgehört, mir um die junge Tempeltänzerin Sorgen zu machen, seit ich ihr das erste Mal über den Weg gelaufen war – oder, um genauer sein, seit sie den juwelenverzierten Dolch nach mir geworfen hatte.
Auf den ersten Blick schien sie ein temperamentvolles junges Mädchen zu sein, wohlgeformt und voller Anmut. Diese überschäumende Lebendigkeit war durch die schreckliche Erfahrung erschüttert worden, den Mord an ihren Freundinnen mitansehen zu müssen. Ihr war nicht einmal der kleine Bandi geblieben. Was wußte sie denn schon, wie es in der weiten Welt zuging? Tempeltänzerinnen müssen sich einer strengen und unbarmherzigen Ausbildung unterziehen, allerdings gibt es auf Kregen die verschiedensten Religionen. Vielleicht blieb sie ja lediglich eine Tänzerin, bis sie dafür zu alt war und ihre Glieder zu steif wurden. Es war auch durchaus möglich, daß sie innerhalb des Tempels in höhere Ämter aufstieg. Sie konnte aus dem Orden austreten, heiraten und eine Familie gründen – es gab Tempel, in denen verheiratete Tänzerinnen an der Tagesordnung waren. Möglicherweise hatte sie auch höhere Ziele.
Irgendwie wurde ich den Eindruck nicht los, daß Tiri dazu bestimmt war, die Höhen der Inneren Mysterien zu erklimmen, bis zu den verborgenen Heiligtümern vorzudringen und an den geheimsten aller Riten teilzunehmen. Ob es sich bei den Doktrinen von Cymbaro dem Gerechten nun um eine Religion, einen modischen Kult oder einen Magischen Kreis handelte, eines Tages würde Tiri dem obersten Führungskreis angehören – falls sie bis dahin überlebte. Das spürte ich ganz einfach.
Doch jetzt zu dieser Bur, wo sie in Bharang war, ein junges Mädchen mit begrenzten Erfahrungen, das noch immer unter den Auswirkungen eines schrecklichen Erlebnisses litt, wie sollte man da von ihr erwarten, daß sie sich ganz normal verhielt, so als würde das Leben seinen üblichen Gang weitergehen?
O ja, bei Zim-Zair, und ob ich mir in diesem verflixten Gefängnis Sorgen um Tiri machte!
Zusätzlich zu den Problemen der jungen Dame Tirivenswatha mußte ich mich noch um die Angelegenheiten der Prinzessin Nandisha kümmern. Fweygo war ein zuverlässiger und umsichtiger Kregoinye, da bestand kein Zweifel, und er würde Rückschläge und Widrigkeiten mit der gleichen Selbstsicherheit zu nehmen wissen wie Erfolge und Triumphe. Ein altes kregisches Sprichwort lautet: Würfele nie mit einem vierarmigen Burschen! Und ich hatte oft genug mit Korero gespielt, um zu wissen, welche Wahrheit in diesen Worten steckte, bei Vox! Von diesem widerwärtigen und absolut erbärmlichen Cramph Mefto den Kazzur einmal abgesehen.
Ich verbrachte den größten Teil des folgenden Tages in der Zelle; es gab einen streng geregelten Tagesablauf, und man sorgte dafür, daß ich aß, trank und mich frischmachte. Das verriet mir, daß Bharang in der Tat einer Zivilisation angehörte, mit der ich mich identifizieren konnte. Bharang war die Hauptstadt des Stromnat desselben Namens, und der Strom hieß Nath B'Bensarm. Er hatte die Stadt verlassen und wurde erst in ein paar Tagen zurückerwartet.
Der Kapitän der Stadtwache war ein erfahrener Veteran namens Mogper, ein Apim. Er kam vorbei, um nach dem Rechten zu sehen.
»Es gibt Neuigkeiten«, sagte er ernst. »Man hat die Leichen gebracht, damit sie ein anständiges Begräbnis erhalten können. Der arme Strom Korden!« Er sah mich mit seinen hellen, wachen Augen an, blieb dabei aber entspannt. »Du wirst mit dem Strick Bekanntschaft machen.«
»Was ist mit den Stikitches?«
»Du meinst, mit deinen Komplizen?« Er verzog das Gesicht. »Sie hätten es verdient, im Straßengraben zu vermodern. Doch wir beschmutzen unsere Abwässer nicht auf diese Weise.«
Ich öffnete den Mund, um ihm gehörig die Meinung zu sagen, und schloß ihn dann wieder. Es wäre sinnlos gewesen. Die Unterhaltung half mir, eine Entscheidung zu treffen.
Später sagte ich dann zu einem der Hytak-Wachtposten: »Hol den Kapitän.«
»Wofür, Apim? Willst du gestehen?«
»Das geht nur mich und Mogper etwas an. Und jetzt bratch!«
Als Mogper hereinkam, wischte er sich mit einer gelben Serviette Soße aus dem Schnurrbart. Er trug ein sehr schickes, fließendes Gewand aus wasserblauer Seide, einen silbernen Gürtel und einen hübschen Dolch. Die bequemen Pantoffel liefen in gebogenen Spitzen aus. Ich hatte mich nicht mehr rasiert, seit mich die Herren der Sterne zu sich zitiert hatten, und mein Bart und Schnurrbart ähnelten dem Mogpers. Der gute alte Deb-Lu-Quienyin, der Zauberer aus Loh, ein verläßlicher Kamerad, hatte mir vor langer Zeit beigebracht, wie ich meine Gesichtszüge verändern konnte. Durch viel Übung war ich endlich soweit, daß mein Gesicht dabei nicht mehr wie nach tausend Bienenstichen brannte.
»Was ...?« konnte der Kapitän der Stadtwache noch hervorstoßen, bevor ich ihn ins Reich der Träume schickte. Ich vollendete den Satz mit einer passablen Imitation seiner barschen Stimme. »... ist so wichtig, daß ich mein Essen unterbrechen muß?«
Ich ließ ihn langsam zu Boden sinken, und einen Augenblick später trug ich das blaue Gewand. Ich schnallte mir den silbernen Gürtel um, zog die Pantoffel über und war bereit. Ich sagte ein paar ausgesuchte Worte und achtete darauf, öfter den Begriff ›Blintz‹ fallen zu lassen. In diesem Teil der Welt war das eine deftige Beleidigung.
Der Hytak, der vor der Zelle gewartet hatte, nahm Haltung an, als ich in Mogpers Gehweise an ihm vorbeimarschierte. »Er will auf den Strom warten!« sagte ich.
Dann schritt ich die Stufen hinauf und ging durch die Korridore, durch die man mich am vorangegangenen Abend zur Zelle gebracht hatte. Ich hatte Jiktar Mogpers Gesichtszüge. Niemand hielt mich auf. Ein Hytak öffnete mir das Tor, und ich trat in das rote Licht der Abenddämmerung; der grüne Genodras war bereits untergegangen. Ich atmete die frische Abendluft tief ein. Bei Zair! Die roch so süß wie Wein aus Jholaix!
Der Erfolg meiner List munterte mich auf. Es funktionierte nicht immer. Das eine Mal, als ich das Gesicht eines Diffs aus dem Volk der Quavens in Sharversende angenommen hatte – das waren Leute mit apimähnlichen Gesichtszügen, die allerdings über seltsam proportionierte Körper verfügten – ärgert mich bis zum heutigen Tag. Ein Blick, und sie hatten sich auf mich gestürzt. Nun ja, das liegt schon weit zurück.
Jetzt war ich frei.
Ich entspannte meine verzerrte Gesichtsmuskulatur etwas und machte mich entschlossen auf den Weg zum Gasthaus Zur flötenden Henne.