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Ich stand auf. Ich sagte kein Wort – nicht ein einziges.

Gewand und Lendenschurz, die mir die Herren der Sterne gegeben hatten, waren klatschnaß und verdreckt. Klebriger Schlamm war in die Stiefel eingedrungen. Die Schwertscheide, ein billiges Ding aus dünnem Leder, Holz und grünem Messing, war verbogen, zusammengeschrumpft und verdreht. Das Schwert, eine ordentliche Waffe mit gerader, scharfer Klinge, hatte einen drahtumwickelten Holzgriff, eine fadenscheinige Parierstange und eine Spitze, war also in der Hauptsache eine Hiebwaffe. Ich hob es auf und blickte mich um, konnte aber nicht viel erkennen, weil mir triefendes und schlammverkrustetes Haar in die Augen fiel.

Mit einer schwungvollen Geste, die etwa zu gleichen Teilen Resignation wie auch Wut ausdrückte, strich ich das Haar aus der Stirn, wischte mir mit der Hand durchs Gesicht und hielt dann nach Piraten Ausschau, die an mir vorbei wollten.

Die Situation war alles andere als neu und ziemlich häßlich. An den Küsten wimmelte es von Piraten, und nun, da die Bedrohung durch die Shanks zumindest für den Moment abgewehrt war, gab es für die See- und Küstenräuber kein Halten mehr. Leute rannten ziellos umher. Der Lärm schwoll an und verebbte wieder, scheinbar im Rhythmus der Rauchwolken, die sich über den Dächern verbreiteten. Bei Zair, Amintin war ein armseliger Ort; dennoch gab es für die verdammten Halsabschneider lohnende Beute. Ich kannte mich mit Piraten aus – schließlich war ich lange genug mit Viridia, der reizenden Piratin, unterwegs gewesen – und hatte das Gefühl, daß es sich bei dieser üblen Horde um den Bodensatz und den Abschaum der Gesellschaft handelte.

Ich stand wie ein Dummkopf vor der Gasseneinmündung; so konnte man leicht überrannt und getötet werden. Also tauchte ich schnell im Schatten des nächsten Hauses unter, überprüfte die Gasse, die nun verlassen dalag, und wandte mich dann wieder der Straße zu.

Falls irgendwelchen Piraten die Flucht unserer Gruppe aufgefallen war, kam im Augenblick jedenfalls keiner herangelaufen, um nachzusehen. Also dachte ich darüber nach, mich durch die Gasse zurückzuziehen und mir ein Reittier zu organisieren, damit ich die anderen einholen konnte.

Zu diesem Zeitpunkt meines Lebens auf Kregen kämpfte ich nur, wenn es unbedingt sein mußte, und selbst dann nur sehr zögernd. Doch wenn ein Handgemenge unumgänglich war, warf ich mich wie jeder erfahrene Krieger mit wilder Entschlossenheit in den Kampf, um ihn so schnell wie möglich zu beenden.

Der größte Lärm kam nun aus einem weiter entfernten Stadtteil. Vermutlich hatten die Seeräuber erkannt, daß der Überraschungsmoment vorbei war, und dieses Viertel längst hinter sich gelassen. Sie konzentrierten sich jetzt auf die Ziele, wo sie fette Beute erwartete. Die Leute im Netz und Stichling beispielsweise hatten sich bestimmt verbarrikadiert und würden heftigen Widerstand leisten.

Als ich diese Entscheidung getroffen hatte, verschwendete ich keine Zeit mehr.

Mit dem Schwert in der Faust wagte ich mich in die Gasse, und bei Krun, dabei hielt ich die Augen weit offen.

Der Regen hatte spürbar nachgelassen, und die Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln sandte ihr rosafarbenes Licht durch Lücken in der Wolkendecke. Es war sogar einer von Kregens zwei Monden zu sehen, der dort oben funkelte und die Ereignisse hier unten gleichgültig betrachtete.

Beinahe hätten sie mich trotz meiner unablässigen Aufmerksamkeit erwischt. Doch ich bin ein alter Leem-Jäger und nicht so leicht aus dem Hinterhalt zu überfallen.

Vier Piraten stürzten sich aus einem dunklen Hauseingang auf mich. Sie wollten mich mit Speeren und Dreizacks massakrieren, und es kam zu einem schnellen und tödlichen Austausch von Hieben, Vorstößen, Ausweichmanövern und Drehungen, bevor sie alle zu Boden sanken. Das Schwert war verdammt unhandlich. Ich schüttelte es wütend.

Hinter der nächsten Abzweigung ertönten heftige Kampfgeräusche. Der gewöhnliche Plünderer greift sich seine Beute gern so problemlos wie nur möglich. Zweifellos waren die Piraten dem Blutrausch verfallen. Das kann passieren. Ich näherte mich vorsichtig dem Kampf.

Rosafarbenes Mondlicht fiel auf eine Hauswand. Sieben oder acht Halsabschneider tänzelten herum und versuchten die vier Männer zu töten, die mit dem Rücken zur Hauswand standen.

Auf dem schmutzigen Kopfsteinpflaster lagen ein paar Leichen.

Für Unentschlossenheit war keine Zeit. Ich sprang vor.

Natürlich hatten sie mir den Rücken zugewandt, doch ich hatte keine Bedenken, sie in dieser Position anzugreifen. Die ersten drei sanken mit entsetzten Schreien zu Boden, bevor ihre Kumpane erkannten, daß sich die Gleichung durch eine neue Größe verändert hatte.

Ein bärtiger Pirat stach mit aller Kraft mit einem langen Speer nach meinem Leib. Mit der linken Hand, die mich schon in wütenden Orkanen die Wanten hochgebracht hatte, riß ich ihm den Speer aus der Hand. Dann benutzte ich die Waffe kurzerhand dazu, sie ihrem ehemaligen Besitzer um die Ohren zu schlagen. Er ging zu Boden.

Irgend jemand in dem Handgemenge vor dem Haus lachte. Es war ein unbeschwertes, eigentümliches, eindeutig amüsiertes Lachen, das den Kampfeslärm kristallklar durchdrang, und es kam völlig unerwartet. Es verriet mir, daß da jemand war, der diese kleine Auseinandersetzung nicht allzu ernst nahm. Da ich mich gerade mit einem neuen Gegner herumschlagen mußte, bildete ich mir unbewußt ein Bild des Charakters und der Persönlichkeit dieser Person, und – doch das sollten Sie selbst entscheiden.

Die Piraten trugen hauptsächlich Lederrüstungen, die sich aus schlecht zusammenpassenden Teilen zusammensetzten. Der Kerl, der mir jetzt gegenübertrat, ein bösartiger Chulik, hatte eine Eisenrüstung. Seine gelben Hauer waren mit Silberringen geschmückt. Der gedrungene Körper schien den Eisenharnisch sprengen zu wollen, als unsere Waffen klirrend aufeinanderprallten und wir uns dann wieder einen Schritt zurückzogen, deshalb vermutete ich, daß er die Rüstung irgendwo erbeutet hatte und sie ihm nicht richtig paßte.

»Hinter dir!« rief jemand.

Das konnte eigentlich nicht mir gelten, doch auf Kregen bleibt man nicht lange am Leben, wenn man auch nur die leiseste Warnung ignoriert. Ich sprang zur Seite, wirbelte herum und wandte mich sofort wieder dem Chulik zu, um dessen hinterhältigen Schlag auszuweichen. Als er an mir vorbeistürmte, versetzte ich ihm einen Hieb. Das verdammte Schwert zerbrach in zwei Stücke.

Er stürzte sich auf mich, und er war bis an die gelben Hauer bewaffnet.

Die Chuliks haben menschliche Charaktereigenschaften – in gewisser Weise. Mein Gegner weidete sich offensichtlich an meiner mißlichen Lage. Mit seinen runden schwarzen Augen und der öligen gelben Haut unterschied er sich durch nichts von Tausenden seiner Artgenossen. Aber er blickte mich höhnisch an. »Sich von hinten anschleichen, was? Bei Likshu dem Verräterischen, das hast du nun davon!« Er kam heran und wollte mich mit seinem Schwert durchbohren.

Ich wich nach rechts aus, drehte mich in seinen Schlag hinein und konnte seinen Schwertarm auf diese Weise mit dem Unterarm beiseite zwingen. Ich setzte ihm die Faust auf die Stupsnase und ließ dem Schlag einen tückischen Tritt folgen, den die Ausbilder der Krozair von Zy ihren Schülern in der Disziplin des waffenlosen Kampfes ganz zu Anfang beibringen. Er brüllte.

Er schrie sich die Seele aus dem Leib.

Dort unten trug er keine Eisenrüstung – dort trug er gar keine Rüstung, sondern lediglich einen schmutzigen braunen Lendenschurz.

Er krümmte sich zusammen, und die Kraft meiner Faust, die sein Kinn traf, wurde noch durch seine eigene Bewegung unterstützt.

Ich sprang sofort ohne nachzudenken zur Seite, denn bei solchen Kämpfen ist es von entscheidender Bedeutung, keinem Gegner eine Angriffsfläche zu bieten.

Die Axt mit der einfachen Klinge durchteilte die Luft an der Stelle, wo sich noch eben mein Kopf befunden hatte, und traf klirrend auf die Pflastersteine. Der Schlag war so kräftig geführt worden, daß dem Rapa, der mir den Schädel spalten wollte, die Axt aus der Hand geprellt wurde.

Im Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Schwert des Chuliks in der Hand, und noch bevor die Sekunde vergangen war, steckte es im Leib des Rapa.

Die Klinge war stark gekrümmt, fast wie bei einem dieser albernen Säbel, doch sie erledigte mühelos das, was der Rapa eigentlich mir zugedacht hatte.

Ein schneller Blick in die Runde verriet mir, daß alle Piraten am Boden lagen. Der Chulik lag zusammengekrümmt da und stöhnte. Ich muß zugeben, daß ich ziemlich hart zugetreten hatte.

»Ich danke dir, Freund. Llahal.« Die Stimme klang unbeschwert und amüsiert.

Ich sah mir den Mann an, als er sich von der Wand löste und auf mich zukam, in der rechten Hand das blutige Rapier, in der anderen den dazugehörigen Dolch.

Er sah aus wie ein Stutzer, o ja, doch sein ganzes Erscheinungsbild erinnerte an einen Raubvogel, der harmlos aussieht, weil ihm sein prächtiges Federkleid ein hübsches Aussehen verleiht. Der Mann war wie der kalte Stahl seines Rapiers, dessen Griff mit hübsch bunten Juwelen verziert war.

»Llahal«, sagte ich.

Seine drei Freunde waren sichtlich erleichtert, noch unter den Lebenden zu sein.

Sein Blick fiel auf den stöhnenden Chulik. Er runzelte leicht die Stirn. Seine roten Lippen bildeten eine dünne, harte Linie. Er trat heran und stieß dem Chulik das Rapier mit feinfühliger Präzision bis ins Herz. Da der Pirat zusammengekrümmt dalag, stach ihn dieser freundliche Zeitgenosse in den Rücken. Mir war klar, daß die Rapierspitze direkt zwischen Wirbelsäule und Rippen eingedrungen war und das Herz mit unnachahmlicher Treffsicherheit zerfetzt hatte. Das war mir klar.

»Es ist besser, wenn man aufräumt. Ich habe gern alles ordentlich.«

Sein Gesicht war durch den hitzigen Kampf kaum gerötet. Über dem schmalen Mund wuchs ein dünner, schwarzer Schnurrbart. Als er seine Waffen gereinigt hatte, strich er sich als erstes mit dem Zeigefinger über die elegante Manneszierde.

Nachdem der unmittelbare Kampfeslärm verklungen war, kamen mir andere Geräusche zu Bewußtsein. Die Stadt war von lautem Geschrei erfüllt. Die niedrige Wolkendecke spiegelte einen rot wabernden Schein wider. Die Jungfrau mit dem Vielfältigen Lächeln beleuchtete das Bild noch zusätzlich mit ihrem rosafarbenen Licht.

»Was sollen wir jetzt tun, Notor?« fragte einer der Männer. Es war ein kleiner, drahtiger Bursche. Unter seiner runden Ledermütze ragte ein strohfarbener Haarschopf hervor, in der Hand hielt er ein kurzes Schwert mit blutbefleckter Klinge. Sein Gesichtsausdruck verriet, daß er ständig jemanden brauchte, der ihm sagte, was zu tun war; die Weise, wie er die Lippen verzog und die Augen zusammenkniff, zeigte jedoch eine gewisse eiskalte Berechnung.

»Tun, Fambly, tun? Nun, wir werden diesem Ehrenmann die Hand schütteln und ihm für seine Hilfe danken.«

Die beiden anderen Männer, die bereits ihre Waffen reinigten, trugen widerstandsfähige Lederrüstungen, und es war ziemlich offensichtlich, daß es sich um Leibwächter handelte. Sie hatten sich ihren Lohn verdient, wie die Leichen zu ihren Füßen verrieten.

Der Edelmann musterte mich berechnend.

»Wie heißt du, mein Freund?«

»Drajak«, sagte ich freundlich. »Und du?«

Sein Diener holte erschrocken Luft.

In vielen Teilen des kregischen Kontinents Paz ist Notor die gebräuchliche Anrede für einen Adligen. Ich hatte mich in der letzten Zeit genug vor Adligen ducken müssen und dachte nicht daran, schon wieder damit anzufangen. Auf mich warteten dringende Angelegenheiten – ich mußte Fweygo und den anderen folgen und auf die Gütigen Geister von Uttar Soblime vertrauen, daß sie nicht alle getötet worden waren.

Er runzelte einen Augenblick lang die Stirn, dann entspannte das unbeschwerte, amüsierte Lachen die Situation – zumindest was ihn und seinen Diener betraf. Mir war völlig egal, wer er war. Ich wollte weiter.

»Ich bin Amak Dagert – Dagert von Paylen. Lahal.«

»Lahal. Wenn du mich nun entschuldigst, ich habe ...«

Er hatte ein gelbes Tuch unter dem kurzen Umhang hervorgeholt, den er über der Rüstung trug, und reinigte damit das Schwert. Dann faltete er das Tuch wieder zusammen und steckte es mit den gezierten Bewegungen eines Höflings zurück. Seine Stimme klang wie geölter Stahl, der aus der Schwertscheide gezogen wird.

»Ich glaube, Drajak, du wirst deine Pläne ändern müssen.«

Ich drehte mich gleichmütig um und folgte seinem Blick. Eine ganze Horde Piraten kam auf uns zu. Sie trugen Fackeln, da der Regen mittlerweile aufgehört hatte, und das grelle Licht wurde von den feuchten Häuserwänden und dem Kopfsteinpflaster zurückgeworfen, während es das dunkle Blut zu unseren Füßen mit einem rötlichen Schimmer versah.

Die beiden Leibwächter standen reglos da und starrten Dagert von Paylen an. Ihre Augen schimmerten wie Kieselsteine. Der Diener des Amaks zitterte. Er befeuchtete sich die Lippen und fingerte nervös an seinem Kurzschwert herum.

Ich sah mich nach einer anderen, schätzungsweise besseren Waffe um.

Dagert gab wieder dieses leise, amüsierte Lachen von sich; es war fast schon ein selbstzufriedenes Kichern. Er sah über die Schulter. Dort führte eine Straße in eine Dunkelheit, die wesentlich undurchdringlicher war als die Finsternis in der gegenüberliegenden Gasse. Ich hob ein Schwert auf, das anscheinend von einer besseren Qualität als die beiden eben benutzten Waffen war, und dabei wurde ich den Eindruck nicht los, daß dieser Dagert von Paylen seinen Diener absichtlich quälte. Er ließ den armen Teufel schwitzen. Nun, das ging nur die beiden etwas an.

»Notor ...« Die feuchten Lippen des Dieners schimmerten, als er erneut darüberleckte.

»Oh, mittlerweile kennst du mich doch, Palfrey. Nur wenn die Chancen richtig stehen – sonst nicht. Es war nett, dich kennenzulernen, Drajak, und ich danke dir noch einmal. Nun ist die Zeit zum Rückzug gekommen.«

Mit diesen Worten drehte er sich um und lief geschmeidig in die Gasse.

Er hatte recht; und ob er recht hatte, bei Krun!

Ein Merkmal von Dagert von Paylen, das im Gedächtnis haften blieb, waren seine Augen. Sie waren dunkel und unergründlich. Was er sagte, war eine Sache; was er dachte, eine gänzlich andere.

Es hatte keinen Sinn, hier noch länger zu verweilen. Meine Pflicht lag bei den Schützlingen, die die Herren der Sterne in meine Obhut übergeben hatten. Ich folgte Amak Dagert eilig in die Schatten der Gasse.

Nun stellte sich das Problem, Amintin zu verlassen. Ich mußte die Stadtmauer überwinden, und zwar an einer Stelle, die leicht zu erklimmen war und sich vorzugsweise weder im Blickfeld der Städter noch der Piraten befand. Die Wolken trieben weiter, und wenn sich der Himmel noch mehr aufklärte, würden viele der schützenden Schatten verschwinden.

Die Piraten waren nicht nur über den Teil der Stadtmauer gekommen, die am Fluß lag, und nun hatten sie sich im ganzen Ort festgesetzt. Der unheilverkündende Lärm ließ nicht nach. Brände flackerten unter den sich auflösenden Wolken. Menschen liefen ziellos umher, verzweifelt auf der Suche nach Schutz. Es schien völlig nebensächlich zu sein, was die Wache von Amintin unternahm oder der befehlshabende Stadthalter anordnete. In dieser schrecklichen Nacht waren die Piraten die Herren von Amintin, und sie taten, was ihnen gefiel.

Die mir am nächsten befindliche Stadtmauer war vermutlich im Osten. Ich mußte mich mehr als einmal in die Einmündung einer Gasse ducken, um plündernden Mörderhorden aus dem Weg zu gehen. Sie hatten schnell und plötzlich die Oberhand gewonnen, und nun waren sie die absoluten Beherrscher der Straßen.

Ich stieß bald auf ein Viertel, in dem es nur Lagerhäuser gab. Hier wurden zweifellos die Handelsgüter gelagert, die über die Karawanenstraßen weiterverschickt wurden. Andere, viel interessantere Gerüche wetteiferten mit dem Fisch- und Flußgestank.

Natürlich würde so ein Stadtteil voll kostbarer Beutestücke von gewissenhaften Plünderern garantiert nicht übersehen werden. Auf gar keinen Fall!

Ich schlich vorsichtig an einer weißgetünchten Häuserwand vorbei und schaute mich um. Dabei entdeckte ich kleine Gruppen, die bereits fleißig damit beschäftigt waren, Amintins Reichtümer abzutransportieren. Direkt hinter diesem Lagerhaus, aus dessen geöffnetem Tor gelbes Laternenlicht strömte, erstreckte sich ein leerer Platz, der an einem Stadttor endete. Zweifellos hatte dieses Tor einen Namen. Natürlich kannte ich den nicht; außerdem war er mir auch egal. Ich wußte nur, daß dieses Tor keinesfalls der Weg aus der geplünderten Stadt sein konnte. Nein, der würde sich ein Stück entfernt befinden, und zwar an der Stelle, wo Stufen zur Brustwehr führten.

Ich stürmte nicht planlos los. Der Erfolg meiner Idee beruhte auf der Geschwindigkeit, mit der die Plünderer in die Stadt eingedrungen waren und sie erobert hatten.

Ich bewegte mich schnell und vorsichtig zugleich über den offenen Platz, auf dem an einem normalen Arbeitstag die Packtiere und Wagen entladen wurden, und lief dann zwischen den beiden letzten Lagerhäusern entlang. Die Mauer befand sich noch etwa fünfzehn Schritt entfernt.

Dieser Weg, der mir durch die Notwendigkeit aufgezwungen wurde, den Piraten zu entgehen und die Ostmauer zu erreichen, führte auch andere Flüchtlinge zusammen. Rosafarbenes Mondlicht beleuchtete flinke Gestalten, die die Stufen zu der Brustwehr mit ihren seltsam geschnittenen Zinnen hinaufhasteten. Ich blieb stehen. Zweifellos würde jeden Augenblick ein Pfeilhagel auf die Flüchtlinge niederregnen.

Doch es passierte nichts, und sie liefen aufgeregt über die Brustwehr und verschwanden in einem der kleinen Türme, die sich dort in regelmäßigen Abständen befanden. Ich runzelte die Stirn. Das sah nicht gerade vielversprechend aus.

»Verdammt!« fauchte ich. »Zur Hölle mit der Vorsicht!«

Ich sammelte meine Kräfte und lief auf die Schatten am Fuß der Treppe zu. Bevor ich die Mauer erreichte, erschien eine Gruppe von Leuten von der Seite, die alle mit gesenkten Köpfen daherstürmten. Obwohl sie anscheinend von blinder Panik erfaßt waren, hielten sie doch Waffen in den Fäusten.

Wir kamen gleichzeitig an der Stadtmauer an.

»Kommt schon, ihr Hulus. Bratch!« rief Dagert von Paylen.

Wir liefen dicht aneinandergedrängt und keuchend die Stufen hoch. Dagerts schmales, männliches Gesicht mit dem sauber gestutzten Schnurrbart und den dunklen Augen verriet keine Regung. »Wir müssen schnell sein, Drajak«, sagte er. »Beeil dich, Palfrey, verdammt noch mal«, fauchte er dann.

Sie liefen im Schatten der Brustwehr auf den nächststehenden kleinen Wehrturm zu. Ich blieb stehen und sah über die Zinnen und dankte Zair!

Ich hatte recht behalten! Von der Mauer baumelten die Strickleitern herab, die die Piraten benutzt hatten, um Amintin zu plündern. Dagert und seine drei Leute liefen auf den Turm zu. »Dagert!« rief ich. »Dieser Weg ist sicherer!«

Er blieb stehen und wirbelte herum, eine geschmeidige, angespannte Gestalt im mondbeschienenen Chaos.

Ich schwang mich auf den Sims zwischen zwei Zinnen und nahm das Seil in beide Hände. Ich hatte nicht vor, mich mit Pfeilen spicken zu lassen, während ich auf andere wartete. »Die Strickleitern, Dagert!« rief ich und hangelte mich abwärts.

Seine Stimme peitschte durch die Nacht, und es hörte sich an, als würde man zwei dieser flachen Holzbretter eines Shenshi-Spiels aneinanderschlagen, wo es nur um Possenreißer und marionettenhafte Bewegungen ging. »Hier entlang!«

Ich hatte die Mitte der Strickleiter noch nicht ganz erreicht, da spürte ich sein Gewicht über mir. Er kletterte behende die Sprossen herunter. Als ich in den Graben vor der Mauer sprang – der zwar kein Wasser führte, dafür aber voll stinkendem Schlamm war –, hatte er die Mitte erreicht, und seine Gefolgsleute folgten ihm dicht auf.

Sogar in diesem hektischen Augenblick nahm ich mir die Zeit, über die vielsagende Tatsache nachzudenken, daß seine Leute zum Abstieg dieselbe Leiter wie er und ich gewählt hatten. Schließlich hingen noch mehr Strickleitern an der Mauer. Das verriet mir eine ganze Menge.

Er lief auf mich zu, als ich die andere Seite des Grabens erklomm.

»Wir müssen schnell den Schutz der Bäume erreichen.«

Ein paar hundert Schritte entfernt erhoben sich dunkle Bäume, die Schutz versprachen.

»Aye«, erwiderte ich und lief über das lehmige Gras.

»Mein Flieger ist im Norden versteckt«, sagte er und schwieg dann, um seinen Atem fürs Laufen zu sparen.

In diesem Augenblick zischten die ersten Armbrustbolzen an unseren Köpfen vorbei.