»Augusto, sieben Tage vor Vollmond (wahrscheinlich, mein Zeitgefühl ist hier nicht das Beste).

Wetter: nicht vorhanden

Gesundheitslage: Leide unter bohrenden Schädelschmerzen durch Betäubung.

Mahlzeiten: Keine, die gegenwärtige Situation schlägt mir auf den Magen.

Tätigkeiten: Meine Ladyschaft ist verschwunden!!! Ganz Chavaleen ist deswegen in Aufruhr. Am gestrigen Abend wurden der junge Herr und ich hinterrücks von einem vermummten Unbekannten überfallen und betäubt, während meine Fürstin der Dunkelheit im Zimmer der schnippischen Kuh weilte. Ehe wir wussten, was geschah, hatte er schon den jungen Herrn überwältigt und sich mir zugewandt, was dazu führte, dass bei mir ungewollt der genetisch veranlagte Selbstverteidigungsmechanismus der dämonischen Giftspritzler einsetzte (eine blitzartig beginnende Schockstarre, durch die der Angreifer denken soll, man sei bereits tot).

Als wir wieder zu uns kamen, war meine Ladyschaft verschwunden, und es gibt keinerlei Anhaltspunkte, wo sie hingebracht wurde. Alle haben sich auf die Suche nach ihr gemacht, allerdings nicht nur aus Sorge um ihr Leben:

Da sie das Amulett bei sich hat, könnte der Entführer den Schutzschild um Chavaleen jederzeit aufheben!«

Eintrag aus Strychnins Dämonen-Tagebuch

Als Lilith wieder zu sich kam, bohrte sich spitzes Gestein in ihren Rücken und die Betäubung lähmte jeden Muskel in ihrem Körper. Nicht imstande, sich zu bewegen oder einen Ton von sich zu geben, hörte sie wie aus weiter Ferne die Stimmen zweier Männer, die sich miteinander unterhielten.

»Ich bin immer noch der Meinung, wir sollten sie umbringen. Dann kann sie uns definitiv keine Schwierigkeiten mehr machen.«

»Nein!«, widersprach der andere energisch. »Ihre Chancen, hier lebendig herauszukommen, sind sowieso aberwitzig gering. Du rührst sie nicht an!«

Benommen fragte sich Lilith, wer so vehement für sie Partei ergriff, und obwohl der Mann geholfen hatte, sie zu entführen, wallte intuitiv Dankbarkeit in ihr auf.

»Gerade von dir würde man so viel Mitgefühl nicht erwarten«, entgegnete der Erste hörbar überrascht. »Dass mein Bruder bald zu Asche verbrannt sein wird, schien dir dagegen relativ gleichgültig zu sein.«

»Du kannst dir nicht sicher sein, dass das Amulett ihn tötet.«

Das Amulett? Sprachen sie etwa über Andrés möglichen Tod? Aber das würde bedeuten, dass einer der Männer Nikolai sein musste! Nein, das war nicht möglich, Nikolai würde ihr so etwas niemals antun …

»Die Wahrscheinlichkeit, dass das Blutstein-Amulett André pulverisiert, liegt bei nahezu neunzig Prozent. Das genügt mir, um optimistisch in die Zukunft zu blicken! Keiner von denen ahnt, dass die Runen auf dem Amulett fehlerhaft sind und es deshalb so viele Thronanwärter tötet. Auf diesem Ding liegt quasi ein Fluch und ich bin der Einzige, der davon Kenntnis hat.«

»Ich weiß! Du hast mir vom Ergebnis deiner Studien schon hundertmal erzählt«, stöhnte der andere. Der Mann hatte eine tiefe, monotone Sprechweise, wie jemand, der sich nicht in seiner Muttersprache unterhielt und die Worte falsch betonte. »Die Betäubung wird bald nachlassen, wir sollten uns auf den Rückweg machen. Ich hoffe, dass wir mit deiner Karte wieder aus diesem verwinkelten Höhlensystem herauskommen!«

»Ganz sicher!«, gab Nikolai überzeugt zurück. »Aber ich verpasse ihr vorsichtshalber noch eine Dosis, nicht dass sie uns folgt.«

Lilith spürte, wie ihr erneut ein Tuch vor Mund und Nase gehalten wurde, und schon einen Augenblick später versank sie wieder in tiefer Bewusstlosigkeit.

Als Lilith erneut erwachte, fiel ihr als Erstes das völlige Fehlen von Geräuschen auf. Sie hörte nichts von der üblichen geschäftigen Unruhe innerhalb des Palastes, wie Schritte im Flur, leise Musik oder das Schlagen einer Tür, und auch die entfernten Alltagsgeräusche Chavaleens waren verschwunden. Es war totenstill um sie herum.

Lilith schlug die Augen auf und kniff sie gleich wieder zusammen. Leider hatte sie sich nicht getäuscht: Es umgab sie eine Finsternis, die schwärzer nicht hätte sein können. Nicht einmal ihre verbesserte Nachtsicht als Nocturi konnte ihr helfen, denn es gab keine einzige Lichtquelle. Sie tastete um sich, doch ihre Finger stießen nur auf unebenes, kaltes Gestein.

Lilith richtete sich auf und fasste sich stöhnend an ihren Kopf. Was war geschehen? Nur mühsam stiegen die Erinnerungen in ihr auf.

»Du scheinst unverletzt zu sein, das ist gut«, sagte jemand neben ihr.

»Vadim? Sind Sie das?« Der Klang ihrer Stimme durchschnitt die Stille und wurde hallend zurückgeworfen.

»Wenn die Situation nicht so ernst wäre, müsste ich dich wohl fragen, mit wie vielen Geistern du sonst noch eine Verbindung eingegangen bist.« Er seufzte traurig auf. »Wir stecken ganz schön in der Klemme, meine Kleine!«

»Wo sind wir?«

»So genau kann ich das nicht sagen, denn ich wurde wie du ohnmächtig. Mein Bewusstsein ist dank Fayolas Zeichen an deines gekoppelt, und wenn du schläfst, dann kann auch ich nichts mehr wahrnehmen«, erklärte er. »Aber nach dem, was passiert ist, vermute ich, dass wir uns weit außerhalb Chavaleens im Höhlensystem befinden. Sie haben dich hier abgelegt und zurückgelassen, im Wissen, dass du nie mehr alleine zurückfinden wirst.«

Lilith massierte sich die Schläfen, in der Hoffnung, das schmerzhafte Pulsieren hinter ihrer Stirn zu mildern und wieder einen klaren Gedanken fassen zu können. Aber wollte sie das gesamte Grauen in Vadims Worten wirklich erfassen? Wenn er recht hatte, dann befand sie sich in einer Lage, die ihr vor Entsetzen das Blut in den Adern gefrieren ließ: Sie war fast zweihundert Meter unterhalb der Oberfläche in einem kilometerweiten Labyrinth aus Tunneln, Gängen und Hallen, ohne eine Karte, Nahrung oder Wasser und sie war vollkommen allein. Selbst wenn jemand auf die Idee kam, Lilith außerhalb Chavaleens zu suchen, standen die Chancen, sie ausgerechnet hier zu entdecken, nicht gerade gut.

»Vielleicht sind wir überhaupt nicht weit von Chavaleen entfernt? Ich … ich könnte versuchen, irgendwie zurückzufinden!«

»Ohne, dass du etwas sehen kannst?«

Vadim raubte ihr gnadenlos den letzten Hoffnungsschimmer, an den sie sich geklammert hatte.

»Manche Gänge enden urplötzlich in einem metertiefen Abgrund, du könntest dir den Hals brechen, Lisa.«

Irgendetwas in ihr schien mit einem Knall zu zerreißen. »Lilith!«, schrie sie auf. »Ich heiße Lilith, verdammt noch mal! Nicht Lisa, Lilian oder Lila, sondern LILITH. Ist das so schwer zu begreifen?«

Ihre Worte hallten um ein Mehrfaches verstärkt durch die Höhle, so laut, dass Lilith für einen Moment glaubte, jeder im Höhlensystem müsste sie gehört haben. Doch das war natürlich Unsinn, niemand konnte sie hören. Niemand würde kommen, um sie aus dieser Finsternis und Einsamkeit zu befreien.

Lilith zog die Beine an und umklammerte ihre Knie. »Ich kann nicht hierbleiben und warten, bis …« Ihre Stimme erstarb. Ihr Körper fühlte sich so schwer an, als wäre die Dunkelheit in sie hineingekrochen, um sie mit ihrer kalten Schwärze auszufüllen.

»Ich muss zurück nach Chavaleen«, flüsterte sie immer wieder, während sie sich vor- und zurückwiegte.

»Ohne Licht wird das leider unmöglich sein.«

»Aber hier werde ich sterben.«

Lilith atmete immer schneller, ohne dass sie es kontrollieren konnte, doch je mehr sie nach Luft schnappte, umso stärker schnürte es ihre Brust zusammen.

»Ich … ersticke«, keuchte sie panisch.

Endlich schien Vadim zu begreifen, dass er Lilith mit seiner realistischen Einschätzung der Situation zu viel zugemutet hatte und sie jetzt dringend seinen Beistand benötigte.

»Du hyperventilierst, das ist völlig normal in so einer Situation«, sprach er ruhig auf sie ein. »Bilde mit deinen Händen eine Schale, lege sie über Mund und Nase und atme tief hinein.«

Lilith presste ihre zitternden Finger aneinander und versuchte, so gut wie möglich seinen Anweisungen zu folgen. Langsam wurde ihr Atem wieder regelmäßiger und der Druck auf ihrer Brust ließ nach.

»Perfekt«, lobte er sie. »Und jetzt hol dein Amulett hervor!«

Sie zog an der Kette des Amuletts, und sobald es vom Stoff ihres T-Shirts befreit war, erstrahlte der Bernstein vor ihrem Gesicht wie eine kleine Sonne.

»Licht!« Tränen der Erleichterung stiegen ihr in die Augen. »An das Amulett habe ich überhaupt nicht gedacht.«

Im düsteren Zwielicht konnte sie nun sogar Vadims sorgenvolles Gesicht erkennen. »Entschuldige, ich hätte nicht so hart zu dir sein dürfen! Einem Toten fällt es leichter, diesen potenziell tödlichen Umständen ins Gesicht zu sehen. Bitte verzeih mir, Lilith.«

Er hatte so viel Betonung auf ihren Namen gelegt, dass Lilith unwillkürlich auflachen musste. Sie schniefte und wischte sich über ihre tränennassen Wangen. »Mir tut es auch leid, dass ich Sie so angeschrien habe.«

»Schon vergessen! Übrigens musst du mich nicht siezen, meine ganz persönliche Geisterseherin kann ruhig Du zu mir sagen«, bot er an. »Kannst du dich noch daran erinnern, wie du entführt wurdest?«

»Nur noch an Bruchstücke«, gestand sie ihm nach kurzem Nachdenken. »Ich weiß noch, dass ich zu mir gekommen bin und zwei Männer über das Blutstein-Amulett gesprochen haben. Ich bin mir sicher, dass einer von ihnen …«

»… mein Sohn Nikolai war«, beendete Vadim für sie den Satz.

»Er war vermummt, als er dich überfallen hat, doch ich habe seine Augen erkannt. Er hat die ganze Zeit über ein falsches Spiel mit uns getrieben.«

Trotz des kaum vorhandenen Lichtes konnte Lilith an Vadims Gesicht ablesen, wie sehr ihn diese Feststellung schmerzte.

»Alles ergibt jetzt einen Sinn. Er ist der Verräter, der Zugang zu den streng vertraulichen Informationen hatte, und vielleicht ist er sogar mein Mörder.«

Vadim fuhr sich in einer erschöpften Geste über das Gesicht.

»Das ist alles meine Schuld. Ich wusste immer, wie sehr es ihn getroffen hat, dass ich André als Thronerben vorgezogen habe. Aber er hat mir leider keine andere Wahl gelassen.«

Lilith runzelte die Stirn. »Mir hat Nikolai erzählt, er wäre froh darüber, da er sich lieber seinen Studien als den Regierungsgeschäften widmet.«

»Das hat er mir gegenüber auch stets behauptet, doch ich hätte es besser wissen müssen. Schon als Nikolai klein war, verhielt er sich nicht wie ein normales Kind, er hatte kaum Freunde, war verschlossen und leicht reizbar. Zu seinem siebten Geburtstag habe ich ihm einen kleinen Kater geschenkt und später musste ich entdecken, wie er ihn für seine Experimente missbrauchte. Er hat das arme Tier fast verhungern lassen und ihm den Schwanz amputiert, weil er wissen wollte, ob sich das auf den Gleichgewichtssinn auswirkt.«

Schockiert schlug sich Lilith die Hand vor den Mund. Was Vadim erzählte, passte ganz und gar nicht zu dem Bild, das sie sich von Nikolai gemacht hatte. Aber immerhin hatte sie nun eine Erklärung dafür, warum Vadim sich ihm gegenüber so ablehnend verhielt.

»Ich war derart entsetzt darüber, dass ich völlig die Fassung verlor und ihn geschlagen habe, was ich heute noch bedauere. Doch das Schlimmste war, dass Nikolai überhaupt nicht zu begreifen schien, warum ich mich so aufregte. In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal klar, dass er kein Gefühl für gut und böse zu haben scheint. Als ich mich später dazu durchgerungen habe, André als meinen Nachfolger einzusetzen, wusste ich, wie sehr Nikolai dies traf, doch ich musste an das Wohl meines Volkes denken.«

Während Vadims Erzählung überlief Lilith ein Schaudern. Sie hatte Nikolai ihr Vertrauen geschenkt und niemals vermutet, dass in ihm ein so herzloses Monster steckte. Mit seiner Intelligenz und der schnellen Auffassungsgabe hatte er anscheinend über die Jahre hinweg gelernt, sein eigentliches Ich vor den anderen versteckt zu halten. Sie erinnerte sich an ihr Gespräch im Laboratorium, als sie über moralische Grundsätze diskutiert hatten und er so vehement dafür eingetreten war, dass man die Dämonen nicht vorschnell als böse abstempeln durfte. Nun wurde ihr klar, dass er damit auch für sich selbst gesprochen hatte. Offenbar wusste er, dass sein Vater ihn aufgrund seines Verhaltens für einen gemeingefährlichen Charakter hielt, und konnte dies absolut nicht nachvollziehen. Aber hatte Nikolai, indem er gegen diese Ungerechtigkeit rebellierte und seiner Familie derart in den Rücken fiel, seinem Vater im Endeffekt nicht recht gegeben?

»Aber warum hat er mich hierhergebracht? Ich habe ihm doch überhaupt nichts getan.«

»Für alles, was Nikolai tut, hat er seine objektiven, logischen Gründe. Ich schätze, du wurdest eine Gefahr für ihn.«

Sie dachte an ihr letztes Zusammentreffen mit Nikolai zurück, bei dem sie ihm von dem Zeichen auf Vadims Brust erzählt und es ihm in allen Einzelheiten beschrieben hatte. Im Gegensatz zu Lilith wusste ein Mann mit seiner Bildung wahrscheinlich sofort, was es zu bedeuten hatte. Dass er daraufhin Lilith entführte, bestätigte leider Vadims Verdacht, dass Nikolai ihn umgebracht hatte, so ungeheuerlich dieser Gedanke auch sein mochte. Warum sollte er es sonst für ein Risiko halten, dass Lilith der Geist seines verstorbenen Vaters erschien? Allerdings rätselte sie immer noch, wie Nikolai die Banshee-Halluzinationen ausgelöst haben könnte.

»Er hat uns alle getäuscht«, sagte Vadim düster. »Dich, sein Volk, mich und André …«

Erst in diesem Moment fiel Lilith wieder ein, dass nicht nur sie, sondern auch André in Gefahr schwebte. Er hatte keine Ahnung, was sein Bruder im Schilde führte.

»Wir müssen so schnell wie möglich zurück, um André zu warnen! Solange niemand weiß, was es mit diesen fehlerhaften Runen auf sich hat, darf er sich nicht für den Thron bewerben und muss das Blutstein-Amulett ablegen.«

Vadim warf ihr einen ungläubigen Blick zu. »Ich stimme dir von ganzem Herzen zu – du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich um André sorge. Aber erlaube mir die Bemerkung, dass wohl kaum jemand, der in deiner schrecklichen Lage steckt, auch nur einen Gedanken daran verschwenden würde, einen anderen zu retten.«

Rebekka würde das sicherlich als Zeichen ihrer außergewöhnlichen Dummheit und Gefühlsduselei interpretieren, dachte Lilith bitter. Vielleicht war es aber auch nur leichter, sich um André zu sorgen, als sich mit der Ausweglosigkeit ihrer eigenen Situation auseinanderzusetzen.

»Die Nocturi können sich glücklich schätzen, dass ihre Führerin ein so großes Herz hat«, stellte Vadim fest. »Mitgefühl ist eines der wichtigsten Attribute eines guten Anführers.«

Lilith musste zugeben, dass es nach Rebekkas harten Worten guttat, solch ein Lob von einem ehemaligen Amulettträger zu hören. Sie hätte gerne noch einmal mit Rebekka über dieses Thema gesprochen, auch wegen ihrer Behauptung, die Nocturi sähen lieber sie als Lilith auf dem Thron. Dafür musste sie allerdings zuerst einmal aus diesem schrecklichen Höhlensystem herauskommen.

»Gibt es vielleicht einen anderen Ausgang? Als wir in Rumänien angekommen sind, wollte André uns eigentlich über eine öffentliche Tropfsteinhöhle nach Chavaleen führen.«

»Wir könnten natürlich danach suchen, aber leider haben wir keine Ahnung, in welche Richtung wir uns dazu wenden müssen. Wenn wir Pech haben, bringt dich jeder Schritt tiefer unter die Erde und das Licht deines Amuletts ist für eine Kletterpartie über spitze Felsen und schmale Durchgänge nicht ausreichend.«

»Aber ich muss irgendetwas tun und mich bewegen! Meine Finger und Zehen sind schon taub vor Kälte.«

Da sie mit einer Hand das Amulett in die Höhe hob, vergrub sie wenigstens die andere in ihrer Sweatjacke, um sie aufzuwärmen. Dabei entdeckte sie in der Tasche einen länglichen metallischen Gegenstand, der sich als eine kleine Taschenlampe entpuppte. Anstatt einen Freudenschrei auszustoßen, starrte sie ihren Fund in stummer Verblüffung an, denn vor Nikolais Entführung hatte Lilith garantiert keine Lampe bei sich gehabt. Jemand musste sie ihr in die Tasche gesteckt haben! Vielleicht der Mann, der Nikolai begleitet hatte? Er hatte immerhin auch dafür plädiert, sie am Leben zu lassen. Als sie an das Gespräch zurückdachte, wurde ihr auch klar, dass sie dessen Stimme schon einmal gehört hatte – seine Art zu sprechen, war unverkennbar. Der Mann in Nikolais Begleitung war Belial. Aber warum sollte ausgerechnet er ihr helfen? Der Erzdämon war ihr Feind, sie hatten unterschiedliche Ziele, bekämpften sich gegenseitig und nun versorgte er sie heimlich mit dem Wichtigsten, das sie in ihrer Lage benötigte?

»Eine Taschenlampe!«, jubelte Vadim. »Das ändert natürlich alles! Deine Chancen, hier wieder herauszukommen, sind gerade gewaltig gestiegen.«

»Etwa von null auf ein Prozent?«, fragte Lilith sarkastisch. Sie knipste die Lampe an, deren Licht eine Schneise in die Finsternis schnitt. Die Höhle, in der sie sich befand, war bei Weitem nicht so groß wie Eloda Lasi und bestand aus kantigem schmucklosem Gestein. Die einzige Abwechslung bildete ein Feld kleiner Stalagmiten, die sich wie Miniatur-Grabsteine aus dem Boden erhoben und Lilith an einen Friedhof erinnerten. Um abschätzen zu können, wie viel Zeit vergangen war, wollte sie einen Blick auf ihre Armbanduhr werfen, doch das Licht entblößte lediglich ihr blankes Handgelenk. Erst jetzt erinnerte sich Lilith, dass sie die Uhr vor ihrer Entführung ausgezogen und auf den Nachttisch gelegt hatte.

»In welche Richtung willst du gehen?«

Sie erhob sich, lockerte ihre steifen Glieder und blickte unschlüssig auf die zwei Zugänge der Höhle. Da sie keine Ahnung hatte, wo sie sich befand, war es im Grunde egal, für welche Seite sie sich entschied.

»Auf nach Chavaleen!« Entschlossen wandte sie sich dem rechten Ausgang zu und marschierte los.

Die Bewegung half Lilith, ihren Kopf von den Nachwirkungen der Betäubung zu befreien und ihren Körper warm zu halten. Anfangs machte es ihr sogar Spaß, durch die gewundenen Gänge zu laufen, sich durch enge Felsspalten zu zwängen und hochgewachsene Sinterterrassen zu erklimmen. Während Stunde um Stunde verging, hatte sie mehrmals frustriert feststellen müssen, dass sie im Kreis gegangen war und wieder an einer Abzweigung oder in einer Grotte landete, an die sie sich dank einer prägnanten Gesteinsformation erinnern konnte. Manchmal fand sie sich auch in einer Sackgasse wieder und entdeckte erst nach langem Suchen einen Weg, der sie weiterführte.

Nach und nach setzte jedoch die körperliche Erschöpfung ein, ihre Glieder wurden immer schwerer und ihre Füße schmerzten. Auch ihr Optimismus hatte unter dem langen Marsch gelitten, denn mit jedem Schritt, den sie sich vorwärtskämpfte, wurden Lilith die gewaltigen Ausmaße des Höhlensystems bewusst. Wie sollte sie hier jemals herausfinden? Und woher sollte sie die Kraft dafür nehmen? Ihr Magen knurrte schon so laut, dass man es für das Grollen eines Bären halten konnte, und ihr Mund war so trocken, dass ihre Zunge unangenehm am Gaumen klebte. Irgendwann hielt sie erschöpft inne und setzte sich auf den Boden. Obwohl sie sich nur kurz an einen Felsen gelehnt ausruhen wollte und Vadim bemüht war, sie wach zu halten, nickte sie innerhalb weniger Minuten ein. Als sie nach einem langen, traumlosen Schlaf wieder erwachte, hielt sie die eingeschaltete Taschenlampe immer noch fest in ihrer Hand und sie verfluchte sich für ihre eigene Dummheit. Die Batterien würden nicht ewig halten und sie musste in solchen Situationen daran denken, die Lampe auszuschalten.

»Fühlst du dich ein bisschen besser, nachdem du geschlafen hast?«

Lilith zuckte mit den Schultern. »Wenn du in der Zwischenzeit einen Burger mit Pommes organisieren konntest?«

Ohne jede Vorwarnung entstand neben ihr eine dichte weiße Nebelsäule. Zuerst glaubte Lilith, sie würde sie sich nur einbilden, doch dann stieg ihr der beißende Geruch von Schwefel in die Nase. Sofort war sie hellwach, der Hunger und die Erschöpfung waren vergessen.

»Strychnin!« Vor Erleichterung stiegen ihr Tränen in die Augen und sie musste sich zusammenreißen, um nicht laut loszujubeln.

»Dein Diener?«, fragte Vadim und setzte ein breites Grinsen auf. »Dass mich das Erscheinen eines Dämons einmal so glücklich machen könnte, hätte ich mir nicht träumen lassen.«

»Meine Güte, Strychnin, du ahnst nicht, wie froh ich bin, dich zu sehen«, rief Lilith, obwohl sich der kleine Dämon noch nicht einmal vollständig immaterialisiert hatte.

»Eure Ladyschaft!« Seine Stimme klang viel zu dumpf und zu weit entfernt, und erst jetzt bemerkte Lilith, dass etwas nicht stimmte. Die Umrisse des Dämons wurden wieder verschwommen und die Nebelsäule lichtete sich zusehends.

»Nein«, schrie sie auf. »Nein, du darfst nicht gehen! Bleib bei mir!«

Im verzweifelten Versuch ihn zu halten, stürzte sie sich in den Nebel, doch ihre Hände griffen ins Leere.

»Er ist weg!«, schluchzte sie und sank auf die Knie. »Er hatte nicht genug Kraft, sich zu immaterialisieren.«

Das Glück und die Freude, die bei seinem Erscheinen in ihr aufgekeimt waren, verschwanden jäh und hinterließen eine grausame Einsamkeit. Lilith vergrub ihr Gesicht in ihren Händen und weinte so herzzerreißend, dass Vadim aufgeregt neben ihr auf- und abschwebte und hilflos die Hände rang.

»Wenigstens weiß er jetzt, dass du am Leben bist«, versuchte er sie zu trösten. »Wahrscheinlich konnte er sogar erkennen, dass du dich in einer Höhle befindest. So haben sie einen Anhaltspunkt, wo sie dich suchen müssen. Unsere Lage hat sich verbessert, auch wenn es sich im Moment vielleicht nicht so anfühlt. Bitte, Lilith, hör auf zu weinen!«, flehte er. »Wenn ich dich so sehe, wird mein Geisterherz ganz schwer vor Kummer. Schau, ich versinke schon mit den Zehen im Boden. Bitte beruhige dich wieder!«

Lilith spürte eine hauchzarte Berührung an ihrer Schulter und bemerkte, wie Vadim mit etwas Weißem vor ihrem Gesicht herumwedelte.

»Was … was soll ich denn mit einem Geister-Taschentuch?«, fragte sie schniefend.

»Ein Taschentuch ist immer der Anfang vom Ende der Tränen.« Er tupfte ihr damit die Wangen ab, was natürlich nicht gegen die Tränen half, doch die Geste wirkte trotzdem seltsam tröstlich. »Du darfst nämlich nicht herumsitzen und heulen, sondern musst weiter nach einem Ausgang suchen!«

»Aber du hast selbst gesagt, dass ich kaum eine Chance habe, hier herauszufinden. Wozu soll ich noch länger in diesem Labyrinth umherirren?«

»Ich habe mich getäuscht«, räumte er ein. »Du musst in Bewegung bleiben, ansonsten kühlst du nicht nur zu stark aus, sondern verlierst auch deinen Lebenswillen, und das lasse ich nicht zu! Geht es wieder? Bist du bereit, Nikolai zu zeigen, was man alles erreichen kann, wenn man das Herz am rechten Fleck hat?«

Sie nickte stumm, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand auf und ging weiter. Aber das Tempo, das sie am Tag zuvor noch angeschlagen hatte, konnte sie nicht mehr erreichen. Dank des scharfkantigen Gesteins brannten überall an ihrem Körper Schürfwunden, besonders an den Händen, und ihre Füße schienen in den Turnschuhen auf das Doppelte angeschwollen zu sein. Obwohl sie während ihrer Wanderung auf kleine Rinnsale an den Höhlenwänden gestoßen und es ihr gelungen war, mit den Händen etwas Wasser aufzufangen, hatte es nicht ausgereicht, um ihren quälenden Durst zu stillen.

Immer wieder forderte Vadim sie auf, ihm Dinge aus ihrem Leben zu erzählen, ganz egal, wie alltäglich oder belanglos sie waren. Lilith merkte schnell, dass er sie nur daran hindern wollte, zu viel nachzudenken und sich ihrer Angst zu ergeben, trotzdem war sie ihm dankbar dafür. Gerade berichtete sie ihm davon, wie sie mit Matt und Emma vergangenen Winter nachts in den Friedhof eingebrochen war, um schluchzendes Friedhofsgras zu ernten und Seelengrubler für Emmas Wandlung einzufangen. Die Erinnerung an ihre beiden besten Freunde und die gemeinsam überstandenen Abenteuer gaben ihr wieder Kraft, sich weiterzukämpfen.

»Seelengrubler?«, hakte Vadim nach. »Von so etwas habe ich noch nie gehört.«

»Das ist die magische Essenz, die ein Nocturi in sich trägt und die ihn einundzwanzig Tage nach seinem Tod verlässt. Wenn dies auf eine Vollmondnacht fällt, kann man sie über dem Grab einfangen, und wenn man sie vor seinem dreizehnten Geburtstag zu sich nimmt, erhöht es die Chancen auf eine erfolgreiche Wandlung.«

Lilith blieb wie angewurzelt stehen, denn ihr kam ein ungeheuerlicher Gedanke. War es nicht ein wirklich unglaublicher Zufall, dass sie die seltenen Seelengrubler in Nikolais Laboratorium entdeckt hatte? Trotz ihrer körperlichen Erschöpfung begann es in ihrem Kopf fieberhaft zu arbeiten und ein Puzzle aus einzelnen Informationen fügte sich zu einem Bild zusammen.

»Ich glaube, ich weiß, wie Nikolai den Mord begangen hat«, stieß sie aufgeregt aus. »In seinem Laboratorium habe ich genau solche magischen Energiefäden gesehen und meine Freundin Emma hat damals betont, wie wichtig es sei, dass diese Seelengrubler von derjenigen Art stammen, der man selbst angehört. Wenn nun aber jemand unbemerkt dafür sorgt, dass ein Vampir solche Seelengrubler zu sich nimmt, hätte das fatale Folgen. Er würde die magische Energie in sich aufnehmen, doch es wäre zu viel für seinen Verstand, sein Körper würde immer schwächer und seine Lebenskraft aufgezehrt werden.«

Das musste auch die fremde Präsenz gewesen sein, die sie in Vadims Bewusstsein gestreift hatte: Da sie nur aus der magischen Energie eines anderen Wesens bestand, war Lilith zu schwach gewesen, um sie deutlicher wahrzunehmen. Aber wie kam es ausgerechnet zu der Todesmal-Halluzination und der seltenen Manifestation des Sensenmannes? Die einzige logische Erklärung dafür war, dass Nikolai die Seelengrubler einer Banshee benutzt hatte. Allerdings gab es nur noch wenige Todesfeen, was die Auswahl an frischen Banshee-Seelengrublern deutlich begrenzte.

»Natürlich!« Sie schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn. »Rebekkas Tante ist vor ein paar Monaten gestorben, daran erinnere ich mich noch genau, weil es Imogen so getroffen hat, dass sie nicht zur Beerdigung kommen durfte. Rebekka hat erzählt, dass ihre Tante eine der wenigen Banshees war, die den Tod als personifizierte Erscheinung wahrnehmen konnte. Nikolai muss sie über deren Grab eingefangen und sie dir verabreicht haben.«

»Damit könntest du recht haben«, meinte Vadim nachdenklich. »Einige Tage bevor die ersten Halluzinationen anfingen, hat mir Nikolai einen seltsam klumpigen Vitaminshake gebracht. Du weißt wahrscheinlich, wie schrecklich Igors spezielle Gesundheitskost ist, und so habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht. Wenige Stunden später begannen der Schwindel und die Kopfschmerzen einzusetzen, aber niemals hätte ich vermutet, dass einer meiner Söhne mir so etwas Ungeheuerliches antun würde …«

Vadim schwebte so aufgeregt hin und her, dass er immer wieder aus dem Strahl der Lampe verschwand und in die Dunkelheit abtauchte. »Er hat den perfekten Mord geplant! Natürlich haben unsere Ärzte mein Blut auf alle möglichen Gifte untersucht, aber sicher nicht auf das Vorhandensein einer magischen Präsenz.« Er hob in einer fassungslosen Geste die Hände. »Lilith, ich habe ein Monster großgezogen! Schlimmer noch, ein Monster mit dem Geist eines Genies. André hat keine Chance gegen ihn, solange er nicht weiß, was sein Bruder im Schilde führt.« Er flog zu ihr und fasste sie in einer kaum spürbaren Berührung an den Schultern. »Nikolai darf nicht auch noch seinen Bruder aus dem Weg räumen! Wir müssen zu André, ehe sich der magische Verschluss des Amuletts nicht mehr öffnen lässt. Bitte, du musst meinen Jungen warnen!«

Lilith glaubte, in seinen Geisteraugen Tränen glitzern zu sehen.

»Ich versuch es«, versprach sie. »Aber jetzt brauche ich erst einmal eine kurze Pause, tut mir leid. Ich habe einfach keine Kraft mehr und außerdem ist mir schwindlig.«

»Das kommt sicherlich vom Hunger.« Obwohl Vadim die Ungeduld anzusehen war, sagte er verständnisvoll: »Ruh dich ein wenig aus und sammle neue Energie, dann gehen wir weiter!«

Lilith suchte sich eine kleine Nische am Ende einer Höhle, knipste die Lampe aus und versuchte zu schlafen. Doch ihr Magen war so leer, dass er sich in heftigen Krämpfen zusammenzog, und wegen des Wassermangels klebte ihre Zunge trocken am Gaumen. Sie nickte immer nur für wenige Minuten ein, in denen sie von Mord, Tod und ewiger Dunkelheit träumte.

Lilith nahm ihre Umgebung nur noch verschwommen wahr, stolperte und fiel zu Boden, aber sie rappelte sich immer wieder auf und schleppte sich taumelnd vorwärts.

»Du wirst immer stiller«, bemerkte Vadim besorgt. »Das gefällt mir ganz und gar nicht.«

»Mhm«, gab sie wortkarg zurück.

Lilith konnte nicht aufhören, an die vielen Tonnen Fels, Erde und Geröll zu denken, die sie umschlossen und hier unten gefangen hielten. Sie war das einzig Lebendige in dieser unendlichen Wüste aus Finsternis und Gestein. Doch am schlimmsten empfand Lilith die Stille, die sich nicht einmal durch ihre Schritte und ihr angestrengtes Keuchen vertreiben ließ. Diese Stille war nicht nur vorübergehend, nein, diese Stille hatte Substanz, sie drängte sich einem auf, hatte eine fühlbare Präsenz, bei der sich Lilith die Nackenhaare aufstellten. So klang hier unten der Tod, so verschlangen die Höhlen ihre Opfer – mit Stille und Einsamkeit.

Unter leisem Fluchen schüttelte sie die Lampe in ihrer Hand. Ihr Licht wurde zusehends schwächer und begann immer öfter zu flackern. Für dieses Mal hatte Lilith noch einmal Glück, aber bald würde der Moment kommen, in dem die Batterien endgültig leer waren.

Sie quetschte sich durch eine Felsspalte und im umherwandernden Lichtschein konnte sie erkennen, dass sich vor ihr ein weiter Raum öffnete. Die Höhle, die es mit der Größe von Eloda Lasi aufnehmen konnte, war von unzähligen Stalagnaten durchsetzt, die wie majestätische Säulen die kuppelartige Höhlendecke trugen.

»Wie Herrscher der Ewigkeit stehen sie im Schatten der Zeit, unberührt von ihrer Hand, scheinbar alterslos«, hauchte Vadim ehrfurchtsvoll, während sich Lilith völlig entkräftet an eine der Säulen lehnte.

Er schwebte durch den Raum und betrachtete voller Faszination die gefächerten Sintervorhänge und im Stein eingeschlossene Kristalle, die das wenige Licht wie Diamanten reflektierten. »Diese Stalagnaten existieren schon seit undenkbar langer Zeit und werden es noch tun, lange nachdem wir – Sterbliche genau wie Unsterbliche – unseren letzten Atemzug getan haben. Wir sind vergänglich, ein Leben, das in diesen Hallen so unbedeutend ist wie ein Wassertropfen, der zu Boden fällt. Es ist, als würde uns die Höhle mit diesem Raum einen Spiegel vorhalten, in dem wir unsere eigene Bedeutungslosigkeit erblicken.«

»Moment!«, unterbrach ihn Lilith und fuhr aufgeregt herum. »Ist das nicht ein Plätschern? Hier muss es irgendwo Wasser geben.«

Sie stolperte durch die Säulenhalle, und je näher sie dem Geräusch kam, desto trockener wurde ihr Mund und ihr Durst fast unerträglich.

Endlich fand sie einen Bachlauf, der in ein Höhlenbecken mündete, das mit glasklarem Wasser gefüllt war. Überglücklich fiel sie auf die Knie, beugte ihren Kopf über die Oberfläche und begann gierig zu trinken.

»Nicht so hastig!«, wollte Vadim sie bremsen. »Mach eine Pause, ansonsten wirst du dich gleich übergeben.«

Trotz seiner Ermahnung konnte sie nicht aufhören, denn zu erfrischend war das kühle Nass, das prickelnd ihre Kehle hinabrann und ihren leeren Magen füllte.

»Kluge Raubtiere warten an der einzigen Wasserstelle auf ihre Opfer«, wisperte Vadim.

»Wie bitte?«, fragte Lilith, während sie sich den Schmutz vom Gesicht abrieb.

»Du musst jetzt ruhig bleiben und darfst keine schnelle Bewegung machen!«

Vadims Tonfall ließ Lilith aufhorchen. Sie hob den Kopf und sah auf der gegenüberliegenden Seite des Beckens ein Wesen mit grauweißer Haut stehen, das seine schwarzen Nebelaugen direkt auf sie gerichtet hatte. Es war ein Kraghul.

»Oh mein Gott!« Nur mit Mühe konnte sie einen angsterfüllten Aufschrei unterdrücken. Sie zuckte reflexartig zurück, was der Kraghul mit einem gefährlichen Knurren quittierte.

»Geh ganz langsam rückwärts! Diese Biester sehen so gut wie nichts und orientieren sich hauptsächlich über ihren Hör- und Geruchssinn.«

Strauchelnd kämpfte Lilith sich in die Höhe, und obwohl sie am liebsten so schnell wie möglich davongerannt wäre, versuchte sie sich leise und Schritt für Schritt von dem zähnefletschenden Biest zu entfernen. Doch so einfach ließ sich der Kraghul nicht austricksen. Er sprang mit einem einzigen Satz über das Becken und kam genau an der Stelle auf, wo Lilith eben noch gestanden hatte. Sein Schwanz peitschte aufgeregt hin und her, wobei er seine spitzen Fangzähne entblößte, von denen zäher Schleim tropfte. Anscheinend konnte er es kaum erwarten, sich auf sein Opfer zu stürzen.

Lilith wusste, dass ein Kampf vollkommen aussichtslos war, ohne eine Waffe konnte sie gegen diese mörderische Bestie nichts ausrichten. Diese Erkenntnis und der Anblick des zum Angriff bereiten Kraghuls ließen sie ihre Selbstbeherrschung endgültig verlieren. Panisch und ohne auf die Lautstärke zu achten, stolperte sie rückwärts laufend davon, nur noch von dem Gedanken erfüllt, wegzukommen, weg von diesem Monster!

»Vorsicht!«, wollte Vadim sie gerade noch warnen.

Doch da streifte schon ihr rechter Turnschuh über eine Erhebung im felsigen Boden, ihr Fuß knickte um und Lilith musste sich rudernd abfangen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Taschenlampe drohte ihrer schweißnassen Hand zu entgleiten, sie wollte ihre Finger noch einmal fester darum schließen, aber es war zu spät – die Lampe fiel mit einem Knall zu Boden. Wie durch ein Wunder blieb sie heil, doch sie rollte immer weiter von Lilith weg. Ihr Lichtkegel lief dabei wie ein Scheinwerfer über die gegenüberliegende Beckenseite, und was Lilith dadurch sah, lähmte vor Entsetzen jeden Muskel in ihrem Körper. Der Kraghul, der so gefährlich nah vor ihr stand, war nicht der einzige, der es auf sie abgesehen hatte. Lilith konnte mindestens sieben oder acht weitere der gehörnten Ungeheuer ausmachen, die begierig ihre Krallen über das Gestein wetzten.

»So viele …«, keuchte sie. Hatte André ihr nicht erzählt, dass nur wenige Kraghuls nach dem Tod ihres Herren aus Chavaleen entkommen konnten?

»Anscheinend haben sie einen Weg gefunden, sich fortzupflanzen, natürliche Evolution.«

»Sind … sind das Nachttiere? Dann könnte ich vielleicht die Kontrolle über sie gewinnen.«

Doch Vadim musste ihre Hoffnungen enttäuschen. »Sie gleichen keinem anderen Tier, das uns bekannt ist. Die Kraghuls kennen keine Nacht und keinen Tag. Sie können nur unter der Erde existieren, sie sind Wesen der Dunkelheit.«

Ob sie es trotzdem versuchen sollte? Aber Lilith wusste, dass es zwecklos war, ihre schwindenden Bansheekräfte hätten vielleicht noch ausgereicht, um einen Kraghul unter ihre Kontrolle zu bringen, nicht jedoch ein ganzes Rudel.

»So wird es also enden?« Ihre Stimme klang schrill, und die Hysterie, die darin mitschwang, war unüberhörbar. »Dass ich hier unten von diesen Viechern zerfetzt werde?«

Die anderen Kraghuls sprangen ebenfalls über das Becken, doch der erste, der ihr Rudelführer zu sein schien, zeigte ihnen warnend die Zähne und wies sie mit einem Knurren zurecht.

Lilith nutzte den Moment, stürzte zur Taschenlampe, hob sie auf und wandte sich dem Ausgang der Halle zu. Sie wusste, dass sie keine Chance hatte, zu entkommen, aber ihr Überlebensinstinkt brüllte ihr zu, dass sie hier rausmusste, sie musste fliehen!

Lilith hatte sich gerade erst in Bewegung gesetzt, als sie voller Schrecken noch weitere Kraghuls bemerkte. Als wäre mit ihrer Flucht das Startsignal zur Jagd gefallen, krabbelten sie wie riesenhafte bleiche Spinnen an den Säulen herab, kamen von allen Seiten auf Lilith zu und das widerliche Kratzen ihrer Krallen erfüllte den riesigen Raum. Tränen verschleierten Lilith die Sicht, doch sie rannte weiter im Zickzack an den Stalagnaten vorbei. Sie weinte, rannte und schrie. Sie schrie um ihr Leben, obwohl sie wusste, dass niemand sie hören konnte, doch das Grauen und die Angst vor dem Unausweichlichen, vor dem, was die Kraghuls ihr gleich antun würden, war zu grauenvoll, um es schweigend ertragen zu können. Der Krallenhieb, der sie am Rücken traf und zu Boden warf, kam so überraschend und unvermittelt, dass Lilith nicht einmal Zeit blieb, ihren Sturz abzufangen. Sie prallte mit dem Gesicht gegen einen Stein, ihr Mund füllte sich mit Blut und ein stechender Schmerz fuhr in ihr linkes Knie.

Noch zu benommen, um irgendwie reagieren zu können, wurde Lilith herumgerissen. Im ersterbenden Schein ihrer Taschenlampe sah sie einen Kraghul über sich stehen, der seine Beute zufrieden begutachtete. Natürlich konnte sie nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es derjenige war, den sie am Höhlenbecken entdeckt hatte, dennoch glaubte sie ihn zu erkennen.

Obwohl sie von Kraghuls umzingelt war, wagte sie einen letzten verzweifelten Versuch und richtete sich auf, doch die Kreatur hieb seine Pranke auf ihren Oberkörper, sodass sie wieder zu Boden gerissen wurde. Sein Gewicht drückte ihr die Luft aus den Lungen, während er sich über sie beugte und gierig beschnupperte; stinkige Schleimfäden rannen aus seinem Maul, die auf ihr Gesicht und ihren Körper tropften. Lilith sah die Draculakäfer unter seiner Haut aufgeregt herumwuseln, dann verharrte die Bestie an ihrer Kehle.

Die anderen Rudelmitglieder begannen nervös herumzuhüpfen und ihr ungeduldiges Jaulen zerschnitt die Luft.

»Wenn ich dir nur helfen könnte«, wimmerte Vadim. »Niemand hat so einen Tod verdient. Versuche an etwas Schönes zu denken, Lilith, an jemanden, den du liebst, dann tut es vielleicht nicht so weh!«

Der Kraghul hob noch einmal den Kopf und brüllte so laut, dass die Säulen der Halle zu erzittern schienen. Sofort wurde es totenstill um sie herum und Lilith presste von Angst erfüllt die Augen zusammen. Sie würde an Matt denken, an ihr Gespräch vor ein paar Tagen, als er seinen Arm um sie gelegt und sie sich in seiner Nähe so glücklich gefühlt hatte! Warum hatte sie ihm nicht gesagt, was sie für ihn empfand? Emma hätte es vielleicht auch irgendwann verstanden und ihr verziehen. Nun wäre sie gleich tot und Matt würde es nie erfahren …

Die Krallen auf ihrem Oberkörper krümmten sich, bohrten sich durch die Kleidung in ihr Fleisch und Lilith stöhnte vor Schmerz. Sie betete, dass es schnell zu Ende gehen und sie nicht mehr mitbekommen würde, wie das Rudel über sie herfiel. An der Gewichtsverlagerung spürte sie, dass der Kraghul sich wieder über ihre Kehle gebeugt hatte und … Ein lauter Knall, der ihr fast das Trommelfell zerriss, durchzog die Höhle. Der Kraghul über ihr stieß ein schmerzerfülltes Jaulen aus, das Gewicht auf ihrer Brust verschwand und eine Sekunde später konnte sie wieder befreit Luft holen. Lilith riss die Augen auf, aber nun war das Licht ihrer Taschenlampe endgültig erloschen. Um sie herum herrschte Dunkelheit und sie konnte sich nur mit ihrem Gehör orientieren. Erneut ertönte ein Knall, gleich mehrmals hintereinander und zwischen den Stalagnaten erhellte ein blitzartiges Feuer die Finsternis. Das waren Schüsse! Lilith vernahm ein vielstimmiges Kratzen auf dem Boden, was sie vermuten ließ, dass die Kraghuls gerade die Flucht ergriffen.

»Verschwindet, ihr elenden Mistviecher!«, brüllte eine Männerstimme. »Sobald mir einer von euch in die Quere kommt, ist er tot!«

»Sie sind weg«, rief ein anderer. »So langsam scheinen sie begriffen zu haben, was die Gewehre mit ihnen anrichten können.«

»Das wurde aber auch Zeit!«, knurrte ein anderer. »Gott, wie ich diese gehörnten Biester hasse. Jedes Mal wenn ich eines davon zu Gesicht bekomme, rutscht mir das Herz in die Hose.«

Vielleicht waren das Razvans Leute, die sich auf die Suche nach ihr gemacht hatten? Es war kaum auszumachen, woher die Stimmen kamen und wie weit sie von Lilith entfernt waren. Ob sie auf sich aufmerksam machen sollte? Nicht dass die Männer sie übersahen und alleine hier zurückließen.

»Hallo?« Lilith rappelte sich mit einem gequälten Stöhnen in die Höhe. »Hallo, hören Sie mich?«

»Nicht, Lilith!«, zischte Vadim.

Aber die Warnung kam zu spät, an den tanzenden Lichtstrahlen konnte Lilith erkennen, wie sich ihr die Fremden näherten. Schon hatten sie ihre Lampen auf sie gerichtet und standen schweigend vor ihr.

»Könnten Sie die bitte etwas zur Seite drehen?« Sie hob geblendet die Hand und drehte den Kopf weg, aber die Männer dachten nicht daran, ihrer Bitte Folge zu leisten.

»Hattest du etwa Angst, dass wir dich hierlassen?«, fragte einer von ihnen höhnisch. »Keine Sorge, unseren wertvollsten Schatz vergessen wir nicht.«

Langsam gewöhnten sich Liliths Augen an das grelle Licht, doch die Gesichter der Männer lagen versteckt in der Dunkelheit hinter den Lampen. Dafür entdeckte sie neben sich den Kraghul, der leblos auf dem Boden lag und aus einer Wunde am Kopf blutete.

»Du kannst von Glück sagen, dass wir so einen guten Schützen bei uns haben wie Petre. Wenn ich geschossen hätte, wärst jetzt wahrscheinlich du diejenige, die tot im Dreck liegen würde.«

Die anderen lachten und einer rief: »Meine Oma trifft mit ihren achtzig Jahren sogar besser also du, Malo!«

Sein Lichtstrahl fiel auf den Mann, der mit Lilith gesprochen hatte, und sie konnte einen Blick auf sein grobschlächtiges Gesicht werfen, das von der Sonne gebräunt war. Sie schnappte entsetzt nach Luft, als ihr klar wurde, dass sie den Mann kannte. Er hatte sie am Tag ihrer Ankunft mit dem Auto verfolgt: Es war Malo Grigore, ein Vanator.

Als Lilith wieder erwachte und ihr ein herrlicher Essensduft in die Nase stieg, dachte sie einen wunderbaren Moment lang, sie hätte sich ihre Entführung, die endlose Wanderung durch das Höhlensystem und die Jagd der Kraghuls nur eingebildet. Doch dann spürte sie die brennenden Kratzer auf ihrer Brust und die Fesseln an ihren Händen und Füßen. Sie erinnerte sich wieder, dass sie vor den Vanator das Bewusstsein verloren hatte und Malo Grigore direkt vor die Füße gefallen war. Sie öffnete blinzelnd die Augen und sah sich um. Während ihrer Bewusstlosigkeit schienen die Vanator sie in ihr Lager gebracht zu haben, wodurch sie leider nicht abschätzen konnte, wie weit sie sich von ihrem Aufenthaltsort entfernt hatten. Der Schlafentzug, die körperliche Anstrengung, der Hunger und der Durst hatten Lilith vielleicht stunden- oder tagelang schlafen lassen.

Sie befand sich in einer höher gelegenen Nische, wahrscheinlich damit die Vanator ihre Gefangenen mühelos beobachten konnten. Unter Lilith breitete sich eine kleine Stadt aus Zelten aus, manche davon aus Plastik, andere aus Teppichen, Decken und Stangen zusammengezimmert. Es war eine überschaubare Anzahl, aber es wirkte gemütlich. Zwischen den Zelten brannten kleine Lagerfeuer, einige Baustellenlampen sorgten für ausreichende Beleuchtung und die Höhle war erfüllt vom Gemurmel und Gelächter der Menschen.

Endlich entdeckte Lilith ein Stück von ihr entfernt eine geisterhafte Gestalt, die auf einem Felsvorsprung saß und nachdenklich ins Leere starrte.

»Vadim!« Sie lächelte erleichtert. »Ich hatte schon Angst, du bist nicht mehr da.«

»Es wird nicht mehr lange dauern, bis meine Zeit hier um ist.« Er schwebte zu ihr heran und ließ sich neben ihr nieder. »Dabei wollte ich unbedingt noch André und mein Volk vor Nikolai warnen, aber nun sind wir auch noch in die Fänge der Dämonenjäger geraten.«

»Immerhin haben sie mich vor den Kraghuls gerettet«, gab sie zu bedenken. Lilith konnte sich nicht helfen, sie fand, dass sich ihre Situation verbessert hatte. Immerhin schleppte sie sich nicht mehr alleine durch die Dunkelheit eines Höhlensystems, sondern war umgeben von Menschen und Licht. »Ohne die Vanator wäre ich jetzt tot.«

»Die Frage ist nur, warum sie ein Wesen retten, das ihrer Meinung nach eine Ausgeburt des Teufels ist?«

»Sie wissen doch gar nicht, dass ich zur Welt der Untoten gehöre. Vielleicht halten sie mich für ein ganz normales Mädchen?«

Er warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Und warum sollten sie dich dann als ihren wertvollsten Schatz bezeichnen und gefesselt in einer Nische gefangen halten?«

Damit hatte Vadim natürlich recht: Die Vanator schienen genau gewusst zu haben, wen sie aus den Klauen des Kraghuls befreit hatten.

Nur weil Lilith so erleichtert über ihre Rettung und die Anwesenheit anderer Menschen war, durfte sie nicht vergessen, dass die Vanator ihre größten Feinde waren und in der Vergangenheit nicht nur viele Vampire, sondern auch Nocturi grausam ermordet hatten.

Lilith bemerkte in ihrer Nähe eine Gruppe Fledermäuse, die kopfüber an der Höhlendecke hingen und schliefen.

»Sind Fledermäuse nicht ein Zeichen dafür, dass wir in der Nähe der Oberfläche sind?«, fragte sie hoffnungsvoll. Falls sie eine Möglichkeit zur Flucht fand, würde es ihre Chancen erheblich verbessern, wenn diese Höhle nicht weit von einem Ausgang entfernt lag.

Vadim folgte ihrem Blick. »Leider nicht, sie finden leichter einen Zugang zum Höhlensystem als wir. Oft benutzen sie senkrechte Tunnel, die für Menschen unpassierbar sind. Wenn bei starken Regenfällen an der Oberfläche der Fluss über seine Ufer tritt, haben wir in Chavaleen dank dieser Schornsteine regelmäßig mit Wassereinbrüchen zu kämpfen.«

Sowohl Vadim als auch Lilith zuckten zusammen, als plötzlich ein blau gepunkteter Ball über den Felsvorsprung flog und zu ihnen in die Nische rollte. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Lilith auf den Ball, denn das Spielzeug eines Kindes wirkte in den Tiefen der Erde ungefähr so fehl am Platz wie in Bonesdale ein rosafarbenes Glücksbärchen. Gleich darauf tauchte über dem Felsvorsprung der Kopf eines kleinen Jungen mit braunen Haaren und dreckverschmiertem Gesicht auf, der vorsichtig zu Lilith herüberspähte und verlangend auf den Ball blickte. Die Vanator nahmen sogar ihre Kinder mit auf die Vampirjagd?

»Du musst keine Angst vor mir haben«, sagte sie in beruhigendem Tonfall. »Hol dir deinen Ball! Siehst du, ich kann dir nichts tun.«

Sie zeigte ihm ihre gefesselten Hände, was ihn zu überzeugen schien. Er zog sich keuchend hoch, flitzte wortlos an ihr vorbei, schnappte sich den Ball und presste ihn wie einen Schatz an sich.

Lilith lächelte ihn freundlich an. »Ich bin Lilith, und wie heißt du?«

Immer noch schweigend blieb der Kleine neben ihr stehen und wandte ihr den Kopf zu. Erst jetzt fiel Lilith ein, dass er sie wahrscheinlich überhaupt nicht verstehen konnte, doch dann sah sie, wie sich seine Miene voller Abscheu und Feindseligkeit verzog. Er zischte etwas in einer fremden Sprache, schürzte die Lippen und spuckte ihr direkt ins Gesicht.

Lilith schnappte fassungslos nach Luft, und ehe sie darauf reagieren konnte, hüpfte er schon über den Vorsprung und war verschwunden.

»Igitt, ist das eklig!« Sie rubbelte sich hastig die Spucke von der Wange. »Warum hat er das gemacht? Ich habe ihm doch überhaupt nichts getan.«

»Sie bekommen den Hass auf uns quasi schon mit der Muttermilch verabreicht«, erklärte Vadim. »Von Kindesbeinen an wird ihnen beigebracht, dass sie uns ausrotten müssen, weil wir unnatürliche teuflische Geschöpfe seien, die das Antlitz der göttlichen Schöpfung beschmutzen. Sie halten sich für die Verfechter des Guten und die Retter der Menschheit.«

»Verfechter des Guten?«, wiederholte Lilith ungläubig.

Sie beobachtete eine Weile die Zeltstadt unter ihr. »So langsam glaube ich, dass weder das Gute noch das Böse wirklich existieren«, sagte sie nachdenklich. »Jede Seite scheint zu glauben, dass sie das Richtige macht, selbst Nikolai oder Belial. Ob gut oder böse ist anscheinend reine Interpretationssache.«

»Du solltest es nicht so schwarz sehen«, widersprach Vadim halbherzig. »Hältst du dich selbst etwa nicht für gut?«

»Ich weiß nicht«, meinte sie unschlüssig. »Mein Herz sagt mir, dass es Dinge gibt, die eindeutig falsch sind. Ich würde zum Beispiel niemanden nur alleine deshalb verabscheuen, weil er anders ist, so wie es die Vanator mit uns tun. Und ich würde niemals jemanden töten, auch nicht für eine scheinbar gute Sache. Denn als Todesfee weiß ich, dass das Kostbarste, was ein Wesen besitzt, das Leben ist.«

Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Für mich hört sich das so an, als wärst du eine von den Guten! Oh, ich glaube, wir bekommen Besuch …«

Schwere Schritte näherten sich ihnen und ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern schwang sich mühelos auf den Felsvorsprung. Seine strähnigen braunen Haare fielen ihm in das grobschlächtige Gesicht, in dem jahrelanger Schlafentzug und Hass ihre Spuren hinterlassen hatten. Er ähnelte vom Aussehen Malo Grigore, mit einem bedeutenden Unterschied: In den Augen des Mannes lag ein eiskaltes Funkeln. So hatte sich Lilith immer die Augen eines Mörders vorgestellt.

Sie schluckte schwer und wich bis an die Wand ihrer Nische zurück.

»Mein Sohn hat mir gesagt, dass du endlich wach bist.« Sein Tonfall machte deutlich, dass er sich keine Mühe geben würde, freundlich zu ihr zu sein, und er sprach in einem so starken Dialekt, dass Lilith ihn nur mit Mühe verstehen konnte. »Ich bin Damian Grigore, der Anführer der Vanator.«

»Du bist dieser Mistkerl?«, spie Vadim hasserfüllt aus. Obwohl Damian ihn nicht sehen konnte, baute sich der Geist kämpferisch vor ihm auf. »Ich wollte dir schon immer mal sagen, wie sehr ich dich verabscheue, du herzlose Kröte! Du und dein mieses Gesocks von feigen Waschlappen traut euch doch nur, uns zu überfallen, wenn ihr in der Überzahl seid. Ohne eure Waffen wärt ihr nichts weiter als ein Haufen ängstlicher Schnuller. Los, Lilith, sag ihm, was ich von ihm halte!«

Lilith hielt es jedoch für klüger, zu schweigen und Damian Grigore die wüsten Beschimpfungen eines Vampirgeistes nicht auszurichten.

Der Vanator lief ohne das geringste Schaudern durch Vadim hindurch. »Du hattest Glück, dass wir dich gefunden haben, diese Viecher haben schon vier meiner Männer erwischt.«

»Sie meinen die Kraghuls?«

»So heißen sie bei euch? Die meisten von uns nennen sie die weißen Teufel.« Er stemmte die Hände in die Seite. »Du warst sehr weit von der Stelle entfernt, an der wir dich hätten finden sollen. Tagelang mussten wir nach dir suchen, ausgesprochen ärgerlich.«

»Sie haben nach mir gesucht?«, wagte sie zu fragen. »Wieso?«

»Wir haben eine Nachricht erhalten mit deinen Koordinaten und dem Hinweis, dass du der Schlüssel bist.«

»Der Schlüssel?«, wiederholte sie irritiert.

»Der Schlüssel in die Vampirstadt.«

»Das Amulett!«, rief Vadim händeringend aus. »Warum bin ich nicht schon früher darauf gekommen? Nikolai hat dich für die Vanator in das Höhlensystem verfrachtet, damit sie mit deinem Amulett den kompletten Schutzschild Chavaleens außer Kraft setzen können. Mit dir brauchen sie nicht einmal mehr eine Sprengung, sondern können problemlos in die Stadt einfallen.«

Lilith gab sich Mühe, ihre ahnungslose Miene für Grigore beizubehalten und sich nichts von Vadims Erkenntnissen anmerken zu lassen. Nikolai hatte einen wahrhaft genialen Plan ausgeheckt und sie alle ausgetrickst. Wenn Grigore mithilfe des Bernstein-Amuletts in die Stadt gelangte, würde Nikolai wahrscheinlich behaupten, dass sie von ihren engsten Verbündeten verraten wurden und die Nocturi die hilflose Bevölkerung Chavaleens den Vanator ausgeliefert hatten. Selbst für die friedliebendsten Vampire gäbe es keinen Grund mehr, am Pakt der Vier festzuhalten.

»Aber eigentlich bin ich hier, um Antworten von dir zu bekommen«, fuhr Grigore fort. »Unser Informant hat leider nicht geschrieben, warum ausgerechnet du der Schlüssel bist. Wir haben nur die Anweisung bekommen, dich an die Stelle zu bringen, an der wir eigentlich sprengen wollen, und dich dort irgend so ein unverständliches Zeug sagen zu lassen.« Er zog einen zerknitterten Zettel aus seiner Tasche. Sofort erkannte Lilith Nikolais fein säuberliche Handschrift, mit der er in Laluschâr den Spruch notiert hatte, mit dem man den Schutzschild wieder aufheben konnte.

»Außerdem meinte er, wir dürfen dich auf keinen Fall durchsuchen, was eigentlich das Erste ist, was wir mit unseren Gefangenen machen.«

Nikolai hatte tatsächlich an alles gedacht: Die Vanator waren Menschen, und sobald sie das Bernstein-Amulett zu Gesicht bekamen, würden sie seinem Zauber erliegen und es unbedingt besitzen wollen. Sie würden ihr eigentliches Ziel womöglich aus den Augen verlieren und sich stattdessen gegenseitig umbringen. Nun ja, dachte Lilith bitter, das wäre wenigstens ein Szenario, das sie als Plan B im Hinterkopf behalten konnte. Nur leider wäre sie dabei die Erste, die starb, weil sie das Bernstein-Amulett mit dem magischen Verschluss um den Hals trug.

»Eigentlich habe ich keinen Grund, unserem Informanten zu misstrauen, trotzdem wüsste ich gern, warum wir nur mit dir in das elende Vampirnest reinkommen sollen. Diesen seltsamen Spruch haben wir nämlich schon ausprobiert, doch passiert ist rein gar nichts.« Er musterte sie misstrauisch. »Bist du eine Hexe oder so was?«

Sie schüttelte schweigend den Kopf.

»Du bist aber auch kein Vampir, das weiß ich, der Gestank, der an dir klebt, ist anders.«

»Sie können das riechen?«, entfuhr es ihr erstaunt.

Aber Grigore hatte offenbar keine Lust mehr, ihre Fragen zu beantworten. Er ging in die Knie und fixierte sie mit einem so stechenden Blick, dass Lilith unruhig hin- und herrutschte.

»Vielleicht bist du jemand Wichtiges in eurer kleinen abartigen Welt? Vielleicht haben wir ein goldenes Vöglein eingefangen, mit dem wir noch viel mehr erreichen können, als nur in die Vampirstadt zu kommen?«

»Verrat ihm bloß nicht, dass du eine der vier Amulettträger bist!«, rief Vadim aufgeregt.

Seine Warnung war unnötig, Lilith wusste, was es für die Nocturi und Bonesdale bedeuten würde, wenn sie sich jetzt verplapperte. Sie verzog spöttisch die Mundwinkel. »Sehe ich etwa aus wie eine hohe Persönlichkeit oder jemand, der besonders wichtig wäre?«

Grigore zögerte einen Augenblick, dann breitete sich Enttäuschung auf seinem Gesicht aus. »Nein, das nun wirklich nicht. Du bist zwar nicht gerade redselig, aber immerhin weiß ich jetzt, dass du nicht aus Rumänien kommst. Aufgrund deiner Aussprache würde ich eher auf London tippen, da war ich schon mal. Bestimmt gibt es dort noch mehr von deiner Sorte! Wenn wir die Vampire erledigt haben, müssen wir uns schließlich ein neues Jagdgebiet suchen.«

Noch nie war Lilith so erleichtert darüber, dass sie fernab von Bonesdale aufgewachsen war, trotzdem war Grigores Drohung, nach Großbritannien zu kommen, alles andere als eine gute Neuigkeit.

Er wandte sich zum Gehen, hielt dann jedoch noch einmal inne. »Ach, du hast doch sicherlich großen Hunger, oder?«

Lilith war kurz davor, trotzig den Kopf zu schütteln, aber allein der Gedanke an Essen ließ ihr schon das Wasser im Mund zusammenlaufen. »Ja, hab ich«, sagte sie leise.

Grigore grinste bösartig. »Dann wirst du dieses Gefühl noch eine Weile genießen dürfen, bei uns wirst du nämlich nichts bekommen.«

»Wollen Sie mich damit etwa foltern?«

»Foltern?« Er lachte auf. »Oh nein, du bist es nur nicht wert, an dich unser Essen zu verschwenden. Schließlich müssen wir alles aus unserem Hauptlager hier nach unten schaffen. Aber ich kann dir eines versprechen: Wenn ich dich foltere, wird das weitaus unangenehmer für dich sein als ein harmloses Magengrummeln! Ach, und mach es dir hier oben nicht allzu gemütlich. Wir brechen bald auf, damit du uns Zugang zum Vampirnest verschaffen kannst.«

»Und wenn ich mich weigere?«

Er zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Dann bringen wir dich um.«

Nachdem er gegangen war, sprach niemand von ihnen ein Wort.

»So ein verdammter Mist!«, brachte Vadim es schließlich auf den Punkt. Seiner neu gewonnenen Freiheit, sich als Toter nicht mehr an eine gepflegte Ausdrucksweise halten zu müssen, schien er immer öfter zu frönen. »Ich habe überhaupt keine Idee, wie wir aus dieser Sache wieder herauskommen. Wenn du ihnen nicht hilfst, werden sie dich, ohne mit der Wimper zu zucken, töten. Aber wir können auch nicht zulassen, dass dieses mordlustige Pack Chavaleen überfällt!«

Lilith warf ihm einen unsicheren Seitenblick zu. Sie fragte sich, ob er insgeheim nicht auch ihre Vermutung teilte, dass ein Mann wie Grigore sie auf alle Fälle umbrachte.

»Ich war so dumm! Ich selbst habe Razvan noch dazu überredet, dass wir die Zeremonie mit den Amuletten durchführen, dabei hatte er mit seinen Bedenken von Anfang an recht. Aber ich habe ihn beschuldigt, dass er nur seine eigenen Interessen durchsetzen und euch schaden will. Nikolai konnte sich einfach zurücklehnen und dabei zusehen, wie ich seine Pläne für ihn verwirkliche.«

»Mach dir keine Vorwürfe, wahrscheinlich lagst du mit deinem Verdacht Razvan gegenüber sogar richtig. Ich frage mich nur, ob Nikolai diese ganze Zeremonie nur allein wegen der Vanator angezettelt hat. Er hätte einfach abwarten können, ob die nächste Sprengung den damals noch schwachen Schutzschild zerstören würde oder nicht.«

»Vielleicht wusste er zu dem Zeitpunkt schon, dass er mich entführen wird. Außerdem hast du selbst gesagt, dass es mithilfe des Amuletts für die Vanator ein Kinderspiel wird.«

»Ja, das stimmt«, räumte er ein, doch er wirkte trotzdem nicht ganz überzeugt.

»Wenn ich an all die Familien in Chavaleen denke, all die unschuldigen Kinder … Wenn wir mein Volk den Vanator ausliefern, sind sie alle verloren. Grigore und seine Männer werden niemanden am Leben lassen und ganz Chavaleen in Schutt und Asche legen.« Er vergrub verzweifelt den Kopf in seinen Händen. »Aber was können wir schon tun? Selbst wenn du dich weigerst, den Zauber aufzuheben, wird Grigore einen Weg finden, dich dazu zu bringen. Ich sage es nicht gerne, aber dich umzubringen, wird dabei erst am Ende seiner Liste stehen. Jemand wie er, ohne Herz und ohne Mitleid, kennt Mittel und Wege, selbst den Willen eines starken Mannes zu brechen.«

»Aber vielleicht fällt uns noch etwas anderes ein? Eine Möglichkeit, die wir bisher übersehen haben.«

»Was denn?« Vadim sprang in die Höhe und flog aufgeregt umher. »Wir können niemand in Chavaleen warnen, du hast keine Waffe, wurdest von den Kraghul verletzt und deine Bansheekraft kann uns in dieser Lage auch nicht helfen.«

Liliths Blick blieb an der Höhlendecke auf den schlafenden Fledermäusen hängen und sie dachte daran, was Vadim über die Schornsteine gesagt hatte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Im Gegensatz zu den Kraghuls waren Fledermäuse mit absoluter Sicherheit Nachttiere. Vielleicht reichte ihre Bansheekraft noch dafür aus, eine kleine Fledermaus zu beeinflussen? Aber das würde leider nicht genügen, um den Plan der Vanator zu vereiteln. Schweren Herzens musste sie sich eingestehen, dass sie auf etwas zurückgreifen musste, das sie nie wieder benutzen wollte.

»Ich glaube, ich habe eine Idee«, sagte sie nachdenklich. »Aber es ist risikoreich, und die Wahrscheinlichkeit, dass es funktionieren wird, ist aberwitzig gering.«

»Los, schneller!« Der Vanator hinter Lilith versetzte ihr einen ungeduldigen Stoß in den Rücken und sie stolperte nach vorne. Wenigstens war sie von ihren Fesseln befreit worden, sodass sie sich strauchelnd abfangen konnte. Liliths Ziel war es zwar, so viel Zeit wie möglich zu gewinnen, doch davon abgesehen fehlte ihr tatsächlich die Kraft, um im zügigen Tempo der Vanator zu marschieren. Die Anstrengungen der letzten Tage hatten ihren Körper zu sehr geschwächt.

Aus den Unterhaltungen der Männer um sie herum schloss sie, dass sie nicht mehr weit von ihrem Ziel entfernt waren, und je näher sie Chavaleen kamen, umso nervöser wurde Vadim.

»Es gefällt mir ganz und gar nicht, dass unser Plan von einem Vieh abhängt, das im Grunde nicht mehr ist als eine Maus mit Flügeln. Meinst du wirklich, dass sie dorthin fliegt, wo du sie hingeschickt hast?«

Sie konnte Vadim nicht verübeln, dass er daran zweifelte. Lilith hatte damit gerechnet, dass es nicht leicht werden würde, die Fledermaus zu beeinflussen, aber das Aufrufen ihrer Bansheekräfte war schwieriger gewesen, als sie erwartet hatte. Dazu war der Auftrag, den sie dem Tier erteilt hatte, für ein kleines Fledermausgehirn relativ komplex.

»Auf sie ist wahrscheinlich mehr Verlass als auf den Rest des Plans«, zischte sie Vadim leise zu.

Der Vanator vor ihr drehte sich zu ihr um und maß sie mit misstrauischem Blick.

»Was hast du gesagt?«

»Nichts!«, versicherte sie ihm eilfertig. »Ich habe nur mit mir selbst geredet.«

Endlich erreichten sie einen Höhlenraum, der so klein und unscheinbar wirkte, dass Lilith ihn niemals für einen der zentralen unterirdischen Eingänge nach Chavaleen gehalten hätte. Er konnte kaum all die Vanator fassen, die Grigore und Lilith hierher begleitet hatten, und viele von ihnen mussten im dahinterliegenden Gang stehen bleiben. Durch die mit Sprengstoff und Kabeln beklebte Wand sah Lilith dank ihres magischen Blicks schwach einen Tunnel durchschimmern, der mit den in Chavaleen üblichen Kristalllichtern erleuchtet war. Für die Vanator jedoch musste die Höhlenwand äußerst massiv wirken.

»Gütiger Blutgott!«, stöhnte Vadim beim Anblick der Sprengstoffladungen. »Sind die denn wahnsinnig geworden? Mit dieser Menge könnte man das komplette Höhlensystem in die Luft jagen! So einer Explosion halten wahrscheinlich nicht einmal die verstärkten Schutzschilde stand.«

Liliths stille Hoffnung, dass bei ihrer Ankunft schon eine Armee von Razvans Leuten auf sie wartete, hatte sich leider nicht erfüllt. Ob die Fledermaus mit ihrer Mission, zu Rebekka zu fliegen und ihr eine mentale Warnung zu übermitteln, überfordert gewesen war? Vielleicht hatte Rebekka aber auch nicht gewusst, wie sie das tierische Alarmsignal interpretieren sollte.

»Der Sprengstoff und die Kabel versperren den Zugang, genau wie wir befürchtet haben«, stellte Vadim bedauernd fest. »Also musst du den anderen Weg benutzen.«

Damit Grigore sie nicht mithilfe grauenvoller Foltermethoden dazu bringen konnte, die Schutzschilde aufzuheben, musste Lilith unbedingt nach Chavaleen entkommen. Sie schluckte schwer und blickte auf die gegenüberliegende Seite des Raumes. Dort hatte sich ein Teich gebildet, gespeist von einem sprudelnden Bach, der sich durch die Höhle schlängelte und Teil des unterirdischen Flusses war, den die Vampire in Chavaleen für ihre Versorgungsboote benutzten. Laut Vadim musste sie nur ein paar Meter in die Tiefe zu einem kleinen Durchgang tauchen, dann würde sie die Strömung erfassen und automatisch auf die andere Seite bringen. Zwar dehnte sich der Schutzschild auch bis zu jenem Durchgang aus, aber dank des Bernstein-Amuletts müsste Lilith es ohne Probleme passieren können. Wenn nicht, wäre ihr Schicksal besiegelt. Zuerst einmal musste sie jedoch genügend Zeit für ihre Flucht gewinnen, denn die Vanator würden sicherlich nicht seelenruhig dabei zusehen, wie sie zum Wasserbecken rannte, hineinsprang und ausreichend Luft holte, um abtauchen zu können.

»Vanator, endlich ist der Tag gekommen, auf den wir so lange gewartet haben!«, setzte Grigore zu einer feierlichen Rede an. »In unserer Gruppe befinden sich Jäger aus allen Teilen der Welt, doch heute sind wir vereint im Kampf gegen das Böse! Gleich werden wir mit einer Hand unsere Waffen führen und gemeinsam die Blutsauger vernichten. Im Namen unserer Vorfahren bringen wir zu Ende, was sie vor Jahrhunderten begonnen haben. Seit dem Ende der Inquisition sind wir die Einzigen, die den Kampf gegen die Untoten weiterführen, denn für uns ist ihre Existenz nicht nur ein lächerlicher Aberglaube. Nein, wir kennen die bösartige Gefahr, die im Untergrund lauert, denn unsere Ahnen haben das Wissen von Generation zu Generation an uns weitergegeben. Allein wir kennen die Wahrheit um die Geschöpfe des Teufels und deswegen können nur wir die Retter der Menschen sein!«

Die Begeisterung in den Mienen seiner Gefolgsleute wuchs und in ihren Augen glomm ein fanatisches Funkeln auf. An ihrer angespannten Körperhaltung und den griffbereiten Waffen erkannte Lilith, dass sie es kaum erwarten konnten, in Chavaleen einzufallen und die Vampire auszurotten. Ob sie tatsächlich die Möglichkeit dazu haben würden, hing allein von Lilith ab. Erneut wanderte ihr Blick zum Höhlenbecken.

»Warum muss es denn ausgerechnet immer Wasser sein?«, fragte sie sich im Stillen. Sofort wurden ungute Erinnerungen an ihr unfreiwilliges Bad im Teufelstopf wach, bei dem sie fast ertrunken wäre. Zwar hatte ihr Mildred seither das Schwimmen beigebracht, doch wenn sie an ihre letzte Unterrichtsstunde ohne den beruhigenden Einfluss der Sirenenkräfte zurückdachte, wurde ihr ganz schlecht vor Angst und Unsicherheit. Zur Abwechslung wäre sie gerne einmal durch einen brennenden Feuerreif oder über einen hundert Meter tiefen Abgrund gesprungen, alles erschien Lilith in diesem Moment verlockender, als in ein von Felsen eingeschlossenes Wasserloch abzutauchen. Wenn Rebekka nur nicht so begriffsstutzig wäre und auf die Fledermaus reagiert hätte, dann wäre ihr das erspart geblieben!

»Lilith, es wird Zeit!«, ermahnte Vadim sie. »Bist du bereit, deine Dämonenkräfte einzusetzen

Nachdem er den ersten Schock über ihr Geständnis überwunden hatte, erkannte Vadim sofort den Vorteil, den Liliths Macht ihnen verschaffte. Er war ganz außer sich vor Freude, dass Lilith eine Halbdämonin und nicht an Zebuls Eid gebunden war, weil sie niemals das Schattenreich betreten hatte. Vadim versicherte ihr, dass Menschen für die dämonischen Kräfte sehr viel empfänglicher als die Nocturi waren und man sie umso leichter kontrollieren konnte, je eingeschränkter ihre Art zu denken war. Wenn Lilith es sogar geschafft hatte, den Erzdämon zu beeinflussen, so meinte Vadim optimistisch, wäre eine Horde stumpfsinniger, mitleidloser und intoleranter Jäger eine lächerliche Fingerübung für sie. Das setzte allerdings voraus, dass man überhaupt Zugang zu der Dämonenkraft bekam, aber Lilith hatte sie bisher immer nur im Affekt angewandt und nie willentlich aufgerufen.

»Hast du schon angefangen?«, fragte Vadim ungeduldig. »Grigore kommt mit seiner Rede zum Ende, bald wird er seine Aufmerksamkeit dir zuwenden.«

»Ich mach ja schon«, zischte sie leise.

Lilith atmete tief durch und stellte sich vor, dass schwarze Punkte vor ihren Augen zu tanzen begannen, was leider nicht dazu führte, dass sie tatsächlich erschienen. Dann rief sie sich den dunklen Nebel in Erinnerung und den Chor der Dämonen, aber nichts geschah. Monatelang hatte sie sich darum gesorgt, dass diese Macht unvermittelt aus ihr herausbrechen würde, und nun, da Lilith sie unbedingt entfesseln wollte, rührte sich überhaupt nichts.

»Es geht nicht!«, entfuhr es ihr panisch, sodass ein Vanator sich misstrauisch zu ihr herumdrehte.

»Versuch es weiter, nicht aufgeben!«

Wahrscheinlich musste sie es anders angehen, schließlich war es immer dieselbe Emotion gewesen, die zu einem Aufflammen ihrer Dämonenmacht geführt hatte: Wut. Allerdings gehörte Wut gerade zu ihren weniger intensiven Gefühlen. Weitaus stärker dagegen spürte Lilith in sich Angst vor den Vanator, Sorge um die Vampire und Verzweiflung über ihr drohendes Versagen. Sie zwang sich, an Belial zu denken, an das, was er ihr alles angetan hatte, an ihren Kampf vor Nightfallcastle, aber diese Wut, die bei jenen Erinnerungen in ihr aufwallte, fühlte sich kalt an. Es war nicht die Art von feuriger, alles verschlingender Wut, die den Chor der Dämonen weckte.

»Du hast mich doch nicht angelogen?«, fragte Vadim argwöhnisch. »Du besitzt wirklich Dämonenkräfte, oder?«

»Nun zu dir, Missgeburt!«, spie Grigore in diesem Moment hasserfüllt aus.

Lilith war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie alles um sich herum ausgeblendet hatte, und erst jetzt bemerkte sie, dass Grigore direkt vor ihr stand. Der Anführer der Vanator zerrte sie rücksichtslos hinter sich her zu der mit Sprengstoff bepflasterten Wand.

»Jetzt wird es Zeit für dich, deine Freunde zu verraten!« Ohne weitere Umschweife hielt er ihr Nikolais Zettel vor die Nase, während er ihren Arm fest umklammert hielt. »Lies vor!«

Lilith presste störrisch die Lippen zusammen.

»Lies vor oder du wirst es bereuen!«, brüllte Grigore.

In seinen Augen sah Lilith die gleiche Besessenheit aufleuchten wie bei seinen Männern. Sie fragte sich, wie es so weit hatte kommen können. War es vielleicht ein Fehler gewesen, sich vor den Vanator versteckt zu halten? Womöglich hätte sich die Situation nicht derart zugespitzt, wenn die Vampire Kontakt aufgenommen und sich ihnen angenähert hätten. Allein durch den Pakt der Vier und die daraus resultierende Abgrenzung konnte diese Feindseligkeit entstehen, dieser Hass auf das Unbekannte, das die Vanator nicht verstehen und begreifen konnten.

»Lasst die Vampire doch einfach in Ruhe«, versuchte Lilith, ihn zur Vernunft zu bringen. »Sie sind friedfertig, genau wie wir anderen!«

Grigore zog ungläubig die Augenbrauen hoch. »Ach ja?

Haben die Blutsauger deshalb völlig unschuldige Menschen rund um ihr Vampirnest umgebracht?«

Er spielte auf die Morde an, von denen André erzählt hatte, und Lilith musste zugeben, dass diese Vorfälle nicht unbedingt für die Vampire sprachen.

»Das waren Einzelfälle«, räumte sie ein. »Auch unter den Menschen gibt es verrückte Serienkiller, die sich nicht so leicht stoppen lassen. Die große Mehrheit der Vampire bedauert diese Morde und sie versuchen alles, um die Schuldigen ausfindig zu machen.«

»Leider ist es ihnen bisher nicht gelungen und deshalb haben wir keine andere Wahl, als diese abnormalen Mörder selbst zur Strecke zu bringen.« Um seine Worte zu unterstreichen, tätschelte er liebevoll seine Waffe, die er sich umgehängt hatte.

»Und das wollt ihr tun, indem ihr gleich das ganze Volk umbringt?«, fragte Lilith fassungslos. »Wisst ihr überhaupt, wie viele Vampire hinter dieser Wand leben? Sie sind körperlich trainiert, viele von ihnen haben eine gute Kampfausbildung und auch sie besitzen Waffen! Wenn sie gegen die Vanator kämpfen wollten, hätten sie sich schon längst zur Wehr gesetzt. Stattdessen lassen sie sich von euch belagern und sind permanent vor euch auf der Flucht, sobald sie Chavaleen verlassen. Würde sich so jemand verhalten, der bösartig und hinterhältig ist? Nein, im Gegenteil: Es ist ein Beweis dafür, dass ihr uns zu Unrecht für Geschöpfe des Teufels haltet! Wenn ihr diese Stadt überfallt, wird das Blut Unschuldiger an euren Händen kleben und ihr macht euch selbst zu Geschöpfen des Teufels!« Sie hielt atemlos inne, in der Hoffnung, irgendwie zu Grigore durchgedrungen zu sein. An den ausdruckslosen Mienen seiner Männer erkannte Lilith, dass sie von ihrer Rede völlig unbeeindruckt blieben, aber immerhin war Grigore der Kopf der Truppe, er konnte sich solchen logischen Argumenten nicht einfach verschließen.

Er rieb sich nachdenklich über das Kinn. »Sie haben Waffen? Das ist gut zu wissen. Dann müssen wir einige Punkte unseres Angriffs neu überdenken.«

Lilith glaubte, sich verhört zu haben. »Ist das alles, was in Ihrem Hirn angekommen ist?«, rief sie wutentbrannt. »Haben Sie denn nicht aufgepasst? Die Vampire sind ein friedliebendes Volk! Genau wie wir anderen haben sie sich bewusst dafür entschieden, sich vor den Menschen zurückzuziehen. All die Horrorgeschichten, die ihr von euren Vorfahren überliefert bekommen habt, entsprechen nicht der Wahrheit und sind nichts als blanker Aberglaube.«

Er stieß ein gleichgültiges Lachen aus. »Das würde ich an deiner Stelle auch behaupten.«

Anscheinend war bei den Vanator nicht nur das Wissen um die Welt der Untoten seit Generationen weitergegeben worden, sondern auch ein uralter, wie in Stein gemeißelter Hass. Es zwar zwecklos, mit Worten und rationalen Erklärungen dagegen ankommen zu wollen. So viel Starrsinnigkeit konnte Lilith kaum ertragen, genauso gut hätte sie eine Diskussion mit der Höhlenwand führen können! Sie ballte die Fäuste und spürte, wie eine heiße, alles verschlingende Wut in ihr aufloderte.

»Jetzt lies endlich den Spruch vor!«, brüllte er und quetschte ihren Arm so fest zusammen, als würde er direkt bis zum Knochen vordringen wollen.

»Lilith, mach doch was!«, rief Vadim verzweifelt. »Lass dir nicht alles gefallen, was dieser Mistsack dir antut.«

»Ich … mach ja«, wimmerte sie leise.

Ihr wurde unglaublich heiß, als hätte sie hohes Fieber, und dunkle Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. In Windeseile verdichteten sie sich und Liliths Umgebung verschwand in einem diffusen schwarzen Nebel. Sämtliche Geräusche wurden von ihm verschluckt: Ihr eigenes schmerzerfülltes Stöhnen, Grigores Brüllen und das unruhige Scharren seiner Männer wichen einer absoluten Stille. Die brennende Wut setzte in ihrem Inneren etwas Dunkles, ungeheuer Machtvolles frei, und ohne dass Lilith etwas dafür tun musste, hörte sie in ihrem Kopf den unheilvollen Chor der Dämonen.

Bestrafe ihn! Lass ihn leiden, so wie er dich leiden lässt!

Dieses Mal hatte Lilith nicht vor, gegen das bösartige Flüstern anzukämpfen. Heute wollte sie den beschwörenden Stimmen des Chors nachgeben und tun, was sie verlangten.

Er wird dich ebenso töten wie das Volk der Vampire, doch wir helfen dir, ihn aufzuhalten.

»Gib mich frei«, zischte sie, »und lasst die Vampire endlich in Frieden!«

Undeutlich hörte sie Grigores Antwort aus dem Nebel und erst nach einigen Versuchen gelang es ihr, seine Stimme herauszufiltern.

»… niemals tun würde! Nun wirst du leiden, du Missgeburt, und das ist deine eigene Schuld. Du liest diesen Spruch noch mit Freuden vor, das schwöre ich dir! Von was willst du dich als Erstes verabschieden? Wie wäre es mit deinen Fingernägeln?«

Die dämonische Macht schwoll an, breitete sich in ihrer Seele und in jeder Faser ihres Körpers aus. Ein Gefühl der Stärke und Unbesiegbarkeit erfüllte Lilith, während sich das Bernstein-Amulett unter ihrem T-Shirt immer mehr erwärmte.

Gebe dich uns hin, wir lassen nicht zu, dass er dich verletzt! Koste von unserer Macht und vernichte ihn!

»Lass mich frei oder du wirst es bereuen!«, warnte Lilith ihn.

»Bist du jetzt endgültig übergeschnappt, Mädchen?«

Der Bernstein wurde immer heißer und brannte sich in Liliths Haut, doch gleichzeitig spürte sie, wie die dunkle Magie in ihrem Inneren bis in ihre Fingerspitzen floss. Sie erhob ihre Hand und richtete sie auf Grigore. Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, schoss sie einen magischen Energiestoß auf ihn ab und sah durch die schwarzen Nebelschwaden, wie er von einer unsichtbaren Hand nach hinten gerissen wurde und benommen zu Boden fiel.

Nun durfte Lilith keine Zeit verlieren und musste die wenigen Sekunden nutzen, die Grigores Männer geschockt auf ihren Anführer starrten. Denn die nächste Reaktion der Vanator bestünde zweifellos darin, sie zu erschießen. Mit geschlossenen Augen erhob sie beide Hände, aus denen Energiefäden wie kleine Blitze hervorschossen, und richtete sie auf die Vanator. Lilith gab sich ganz der dämonischen Macht hin, ertrank in ihr, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, ob ihre Seele einen Schaden davontragen würde. Als sie das Bewusstsein des Mannes direkt vor ihr durchdrang, war sie überrascht, wie sehr sich diese Art davon unterschied, wie sie als Banshee den Geist eines Wesens betrat. Geführt von der Dämonenmacht kam sie wie eine Naturgewalt über ihn, und obwohl sein Ich sich automatisch zur Wehr setzte, durchbrach sie mühelos seine Angst und seine Verteidigungsmechanismen. In Sekundenschnelle füllte sie sein Bewusstsein mit ihrer Präsenz und übernahm die Kontrolle über sein Denken. Auf diese Weise beraubte sie einen Vanator nach dem anderen seines freien Willens, doch während ihr dies anfangs in atemberaubendem Tempo und spielend leicht gelang, wurde es zusehends schwieriger: Liliths Kraft neigte sich langsam, aber sicher dem Ende zu. Nachdem sie etwa drei Viertel der Männer unter ihrer Gewalt hatte, musste sie für einen Moment innehalten. Es fühlte sich an, als ob sie in ihren Armen zu viele Dinge auf einmal transportieren wollte, und immer wenn sie etwas aufhob, fiel etwas anderes herunter. Sie ahnte, dass sie die Kontrolle über alle Vanator verlieren würde, wenn sie sich jetzt nicht bremste. Schweißperlen rannen über ihre Stirn, als sie die besorgten Rufe der Männer vernahm, die im Tunnel vor der Höhle warteten. Zwar konnten diese nicht sehen, was hier im Inneren vor sich ging, doch ihr Instinkt sagte ihnen offenbar, dass etwas nicht stimmen konnte.

Lilith atmete noch einmal tief durch und ließ ihre dämonische Kraft aus sich herausströmen. »Lasst die Vampire in Frieden! Geht zurück in euer Lager!«, presste sie mühsam hervor.

Doch die Männer standen alle da wie hypnotisiert, niemand bewegte sich vom Fleck.

»Vergesst die Jagd auf die Vampire und geht!«

Es funktionierte nicht, es waren einfach zu viele. »Verdammt!«, fluchte sie. Ihre Kräfte waren erschöpft und der Nebel vor ihren Augen begann sich zu lichten.

»Hey, was ist bei euch los? Warum ist es plötzlich so still?«

Ein Vanator aus dem Tunnel versuchte, sich nach vorne zu arbeiten und einen Blick zu erheischen. »Lasst mich durch, Leute! Was steht ihr denn so stocksteif herum?«

Nun war Lilith froh darüber, dass der Raum so eng war und die Männer dicht aneinandergedrängt standen.

»Flieh, Lilith!«, schrie Vadim. »Sonst bist du verloren!«

Er hatte recht, sie musste sich damit zufriedengeben, dass sie Zeit für ihre Flucht gewonnen hatte. Doch was würden die Vanator tun, nachdem sie aus ihrer Trance erwachten? Lilith war sich sicher, dass sie die Sprengladung auslösen würden, aber sie konnte nichts tun, um das zu verhindern. Sie wandte sich ab und ging hastig auf das Höhlenbecken zu.

»Ich werde dich finden!«, sagte Grigore mit keuchender Stimme.

Nachdem sie ihn mit dem Energiestoß außer Gefecht gesetzt hatte und er ohnmächtig geworden war, hatte Lilith ihn vollkommen vergessen. Er lag immer noch auf dem Boden und atmete schwer, die Hand an seine Rippen gepresst.

»Ich folge deiner Spur und dann werde ich dein ganzes Volk abschlachten!«, versprach er mit einem bösartigen Funkeln in den Augen. »Niemand von denen, die du liebst, werde ich am Leben lassen und dich bringe ich als Letzte um, damit du sie alle sterben sehen kannst!«

Ihre dunklen Kräfte kamen so unvermittelt zurück, dass Lilith benommen nach hinten taumelte. Der Chor der Dämonen stieß, erzürnt über Grigores Drohung, hysterische Schreie aus und sie riefen Lilith in ohrenbetäubender Lautstärke zu: Töte ihn! Töte ihn!

Für einen Moment war sie versucht, ihrem Wunsch zu folgen. Es hätte alles so viel einfacher gemacht: Die Vanator wären ihres starken Anführers beraubt, die Vampire vorerst in Sicherheit und die Nocturi brauchten sich nicht zu sorgen, dass die Vanator ab sofort Jagd auf sie machten. Lilith bekam die Gelegenheit, durch eine einzige Tat viele Leben zu retten. Leben, die es wert waren, sie zu beschützen. Sie musste dafür lediglich eine von Hass zerfressene Seele auslöschen.

Doch dann erinnerte sie sich ihrer eigenen Worte …

»Und ich würde niemals jemanden töten, auch nicht für eine scheinbar gute Sache«, wiederholte sie leise. »Denn als Todesfee weiß ich, dass das Kostbarste, was ein Wesen besitzt, das Leben ist.«

»Grigore?«, rief der misstrauisch gewordene Vanator. Er hatte sich schon überraschend weit nach vorne gekämpft und musste nur noch drei oder vier Reihen überwinden. Auch hinter ihm schien Bewegung in die Männer zu kommen, offenbar ließ die Benommenheit schneller nach, als Lilith sich erhofft hatte.

»Halte sie auf, Petre!«, brüllte Grigore. »Mach einen deiner Distanzschüsse und knall diesen langhaarigen Teufel ab!«

Lilith zögerte nicht länger, drehte sich um, sprang in das Wasserbecken und tauchte in die Tiefe.

Schon nach wenigen Zügen erkannte Lilith, dass Vadims Plan zwei elementare Schwachpunkte besaß: Das Wasser war derart kalt, dass es ihre Glieder lähmte, und das Licht aus dem Höhlenraum reichte nur wenige Meter in die Tiefe. Wie sollte Lilith einen Durchgang im Fels finden, wenn sie nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte? Leider konnte Vadim sie nicht führen, da luftige Geistwesen wie er das kühle Nass angeblich grundsätzlich mieden.

Sie strampelte auf der Stelle und fuhr mit den Fingern die scharfkantige Felswand ab. Luftblasen strichen an ihrer Nase und Stirn vorbei an die Wasseroberfläche und sie fragte sich, wie weit Petres Kugeln sich wohl durch das Wasser graben konnten. Hastig tastete sie sich an der Steinwand nach unten, der Druck auf ihren Ohren verstärkte sich. Mit schlagenden Fußbewegungen versuchte sie ihren Körper daran zu hindern, nach oben zu treiben. Wie lange konnte sie wohl noch die Luft anhalten? Vielleicht eine Minute? Ein brennender Schmerz fuhr in ihre vor Kälte fast tauben Finger – sie musste sich die Haut am spitzen Gestein aufgerissen und sich einen tiefen Schnitt eingefangen haben. Aber Lilith konnte nicht einfach aufgeben, sie war unter Wasser gefangen. Wenn sie den Durchgang nach Chavaleen nicht fand, blieb ihr lediglich die Wahl zwischen dem Tod durch die Vanator oder dem Tod durch Ertrinken …

Sie zog das Amulett unter ihrem T-Shirt hervor, aber im Wasser reichte der schwache Schein nur dafür aus, die Finsternis direkt vor ihrem Gesicht zu vertreiben. Unwillkürlich kamen die Erinnerungen an den Teufelstopf zurück, wie sie damals in die Tiefe des Weihers abgetaucht war und sich ihre Lungen mit eisigem Wasser gefüllt hatten. Liliths Herzschlag beschleunigte sich noch einmal und ihre Angst wurde so übermächtig, dass sie am liebsten sofort aufgetaucht wäre, völlig gleichgültig, ob die Vanator sie dort mit gezückten Waffen erwarteten.

Bleib ruhig!, ermahnte sie sich selbst. Was hatte Mildred während der Unterrichtsstunden immer wie ein Mantra wiederholt?

»Das Wasser ist nicht dein Feind«, rief sie Lilith stets über die Wellen hinweg zu. »Du musst es nicht schlagen und treten! Lass dich von der Strömung treiben!«

Genau, die Strömung! Lilith fiel ein, dass Vadim von der Strömung eines unterirdischen Flusses gesprochen hatte. Obwohl ihre Instinkte heftig dagegen protestierten, zwang sie sich, ihre hektischen Schwimmbewegungen einzustellen und sich einen Moment lang ruhig im Wasser treiben zu lassen. Spürte sie nicht einen leichten Zug an ihrem linken Bein? Sie tastete sich in diese Richtung weiter und tatsächlich wurde der Sog immer stärker. Schließlich entdeckte sie ein Stück unter sich einen Lichtschimmer. Hatte Vadim ihr bei der Ausarbeitung ihres Plans nicht erzählt, dass sich auf der anderen Seite ein Anlegesteg befand, der durch seine schöne Beleuchtung ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare war? Aufgeregt glitt sie auf den Lichtschimmer zu und stieß auf einen Durchgang im Felsgestein. Wie Vadim prophezeit hatte, war er recht schmal, aber für Liliths schlanken Körper sollte es ausreichen. Ihr blieb sowieso keine andere Wahl, sie musste es versuchen, und zwar schnell: Der Drang, Luft zu holen, wurde mit jeder Sekunde, die verstrich, quälender. Mit dem Kopf voraus zwängte sich Lilith durch den Spalt, doch er war enger, als sie vermutet hatte – schon auf der Höhe des Brustkorbes verkeilte sie sich mit angelegten Oberarmen zwischen den scharfkantigen Felsen. Sosehr sie sich auch wand und mit den Beinen strampelte, sie kam weder vor noch zurück. Die Panik brach mit solcher Gewalt über sie herein, dass sie unter Wasser einen unkontrollierten Schrei ausstieß, der ihr die verbliebene Luft aus den Lungen presste. Und zu ihrer Überraschung spürte Lilith, wie sie sich im selben Moment eine Winzigkeit nach vorne bewegte. Sie schöpfte wieder Hoffnung und verdoppelte ihre Anstrengungen, sich zu befreien. Wie ein Aal drehte und schlängelte sie sich durch den Felsspalt, Stück für Stück an Freiheit gewinnend. Sobald sie mit der Hüfte den Durchgang passiert hatte, brauchte es nur noch einen einzigen Schlag ihrer Beine, um sich auf die andere Seite zu stoßen. Endlich, sie befand sich wieder in Chavaleen!

Leider währte ihr Glücksgefühl nicht lange, denn der Sauerstoffmangel forderte seinen Tribut. Ihr Blick wurde getrübt durch seltsam grelle Blitze und der Schmerz in ihrer Brust schien sie von innen zu zerreißen. Die Versuchung, Luft zu holen, wurde fast übermächtig, obwohl sie wusste, dass sich ihre Atemwege mit Wasser füllen würden, wenn sie diesem Verlangen nachgab. Die Strömung zerrte auf dieser Seite deutlich stärker an ihr und Lilith musste aufpassen, dass sie nicht mitgerissen wurde. Sie brauchte nur noch nach oben zu schwimmen, machte sie sich selbst Mut, dann hatte sie es geschafft! Aber ihrem Körper fehlte die Kraft, weiterzukämpfen.

Benommen vom Sauerstoffmangel und geblendet von der Helligkeit der Unterwasserlichter verlor sie für einen Moment die Orientierung, trieb hilflos im Wasser und wurde von der Strömung erfasst. Sie wusste, dass dies ihr Ende war. Liliths Augenlider wurden immer schwerer, doch bevor sie endgültig das Bewusstsein verlor, entdeckte sie vor sich ein Gesicht, das bei ihrem Anblick ein seliges Grinsen aufsetzte.

Der Tod, dachte sie mit letzter Kraft. Ich kann ihn auch sehen!

Moment mal … Der Tod hatte doch nicht exkrementenbraune Gesichtswarzen? Und auch nicht lange weiße Ohrhaare, einen Hängebauch und kleine Wurstfinger, die eisern ihr Handgelenk umklammert hielten. Wenn der Tod so hässlich war, wunderte es Lilith nicht, dass so viele Angst vor ihm hatten.

Abgesehen davon schien er darum bemüht zu sein, sie nach oben zu zerren, was der natürlichen Berufung des Sensenmannes eindeutig widersprach.

Ehe sie es sich versah, griff ein weiteres, deutlich kräftigeres Paar Hände nach Lilith, das ihre Taille umfasste und sie in die rettende Höhe trug.

Als sie gemeinsam die Wasseroberfläche durchstießen, schnappte Lilith nach Luft und sog so begierig den Sauerstoff ein, dass sie sofort einen schmerzhaften Hustenanfall bekam und prustend das Wasser ausspie, das sich schon seinen Weg in ihre Lunge gebahnt hatte.

»Ich hab dich!«, keuchte Matt und zog sie in seine Arme. »Ganz ruhig! Ich bring dich ans Ufer.«

Gemeinsam mit Strychnin half er Lilith, sich den Anlegesteg hochzuziehen, wo sie entkräftet auf den Holzbohlen liegen blieb.

»Das hat aber lange gedauert!«, beschwerte sich Vadim, der unruhig neben ihr auf und ab schwebte. »Für jemanden, der kein Wasser mag, hattest du es anscheinend nicht sehr eilig, dort wieder herauszukommen.«

Lilith verzichtete auf eine gepfefferte Entgegnung, die außerdem den zentralen Punkt »Die Unmöglichkeit des Auffindens einer winzigen Felsspalte in absoluter Finsternis« enthalten hätte. Jetzt war es wichtiger, dass sie sich auf eine gleichmäßige Atmung konzentrierte, und darauf zu hoffen, dass der Schwindel und die Schwere in ihren Gliedern bald nachließen.

Schockiert starrte Matt auf ihr zerfetztes T-Shirt und auf die Wunden, die der Kraghul mit seinen Krallen hinterlassen hatte. »Bist du schwer verletzt?«

»Es geht schon, die Wunden sind zum Glück nicht besonders tief«, brachte sie mit krächzender Stimme hervor. »Woher … woher wusstet ihr, dass ich Hilfe brauche?«

»Wegen der Fledermaus, die du Rebekka geschickt hast, wollten wir uns noch einmal auf die Suche nach dir machen«, erklärte Matt. »Strychnin hat bei seiner missglückten Immaterialisierung mitbekommen, dass du irgendwo im Höhlensystem außerhalb Chavaleens bist. Seither durchkämmen wir Tag und Nacht jeden Tunnel rund um die Stadt, obwohl wir Sorge wegen der Vanator hatten. Doch überraschenderweise sind wir keinem begegnet – die waren wohl mit etwas anderem beschäftigt. Gestern Abend meinte Nikolai, dass du mittlerweile verdurstet oder erfroren sein musst, deswegen haben viele die Hoffnung aufgegeben, dich noch lebend zu finden.«

»Ich aber nicht, Eure Ladyschaft!«, versicherte Strychnin eifrig. »Als wir zum Anlegesteg kamen, habe ich durch meine Verbindung zu Euch als Euer Diener gespürt, dass Ihr ganz in der Nähe seid. Als ich einen dunklen Umriss in der Tiefe entdeckte, habe ich keine Sekunde gezögert und bin zu Eurer Rettung geeilt.«

»Ich weiß gar nicht, wie ich euch dafür danken soll.« Sie setzte sich vorsichtig auf, ergriff gleichzeitig Matts und Strychnins Hände und warf beiden einen gerührten Blick zu. »Ohne euch wäre ich verloren gewesen.«

»Bin ich jetzt Euer großer Held?«, fragte Strychnin in seiner üblichen Unbescheidenheit.

Lilith lachte leise. »Ja, das bist du!«

Plötzlich fiel ihr etwas ein, das sie die Stirn runzeln ließ. »Matt, warum bist du eigentlich noch hier? Hättest du nicht längst bei deinem Vater sein sollen?«

»Ich habe ihn angerufen und ihm gesagt, dass sich meine Anreise um ein paar Tage verzögert. Meinst du etwa, ich fahre fröhlich nach Bukarest, während du in Lebensgefahr schwebst?«

Er strich ihr eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. »Ich hatte solche Angst, dass wir uns nie wiedersehen«, sagte er mit belegter Stimme und zog sie etwas fester an sich.

»Ich auch«, entgegnete sie leise. Nach allem, was sie durchgestanden hatte, tat es so unglaublich gut, seine Nähe zu spüren und seinen vertrauten Duft einzuatmen. Sie sah zu ihm auf. Als sich ihre Augen trafen und einander festhielten, begann ihr Herz aufgeregt zu pochen. War das der besondere Blick, von dem Emma gesprochen hatte? Matt beugte sich ein Stück zu ihr herunter, bis ihre Gesichter nur noch wenige Zentimeter voneinander entfernt waren, und während sich ihre Lippen unmerklich einander annäherten, begannen die Schmetterlinge in Liliths Bauch glücklich umherzuflattern …

Vadim räusperte sich pikiert. »Darf ich dich daran erinnern, dass einer meiner Söhne in Lebensgefahr schwebt?«

»André!«, rief Lilith erschrocken aus. An ihn hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht, sie musste dringend zu ihm und ihn warnen!

Matt zuckte zurück und musterte sie sichtlich irritiert. »Was ist mit André?«

»Wie lange war ich weg?«, entgegnete sie, ohne auf seine Frage einzugehen.

»Fast fünf Tage.«

»Wir sind zu spät!«, rief Vadim voller Verzweiflung. »Mit dem gestrigen Tag hat sich der magische Verschluss aktiviert, die Kette lässt sich nicht mehr öffnen.«

»Wo ist André?«

Matt deutete auf einen der abgehenden Tunnel. »Er und Rebekka sind zurückgefallen, weil André sich nicht besonders wohlfühlte. Würdest du mir bitte sagen, was plötzlich in dich gefahren ist?«

Lilith warf ihm einen entschuldigenden Blick zu. »Gleich, versprochen. Es ist ein Notfall, wir müssen sofort zu den anderen!«

Taumelnd erhob sie sich und folgte Matt und Strychnin mit wackligen Beinen. Zum Glück stießen sie schon an der ersten Tunnelbiegung auf André, der sich schwer atmend voranschleppte und auf Rebekka stützte. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn und seine Haut hatte eine gräuliche Färbung angenommen. Rebekka registrierte Liliths Erscheinen mit einem kurzen, erleichterten Lächeln, dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder André zu.

»Ich weiß nicht, was mit ihm los ist«, sagte sie mit mühsam unterdrückter Panik in der Stimme. »Ich glaube, er hat hohes Fieber und auch kaum genug Kraft, um sich aufrecht zu halten. Wir müssen dringend einen Arzt holen, jemand muss ihm helfen!«

»Es geht schon«, wollte André sie beruhigen. »Bestimmt wird es gleich wieder besser.«

»Ich weiß, warum es dir nicht gut geht«, setzte Lilith zaghaft an und begann, ohne weitere Umschweife, von ihren Erlebnissen und Entdeckungen der letzten Tage zu berichten: von ihrer Entführung durch Nikolai und Belial, dem Angriff der Kraghuls und wie sie in letzter Sekunde von den Vanator gerettet wurde, weil Nikolai ihnen den Tipp gegeben hatte, sie zu suchen. Dass er Lilith und ihr Amulett dazu benutzen wollte, den Vanator einen leichten Zugang nach Chavaleen zu verschaffen, damit die Vampire den Pakt der Vier nicht länger befolgten, und schließlich gestand sie André schweren Herzens, dass das Blutstein-Amulett einen Defekt hatte und ihm nur eine verschwindend geringe Chance blieb, die Anwärterschaft zu überleben. Leider verhaspelte sie sich bei dieser Vielzahl an Informationen immer wieder oder brachte die zeitliche Abfolge durcheinander, was dazu führte, dass ihre Zuhörer am Ende ihrer Erzählung nicht wirklich überzeugt schienen.

Besonders André maß sie voller Misstrauen und Lilith konnte es ihm nicht verübeln. Immerhin beschuldigte sie seinen Bruder mehrerer schwerer Verbrechen und sie hatte nicht den geringsten Beweis dafür.

»Dich begleitet seit fast fünf Tagen der Geist meines Vaters? Weil er angeblich von Nikolai ermordet wurde?«, fragte er ungläubig, während er sich schwerfällig an die Wand lehnte. »Und was sagt er gerade?«

Lilith warf einen Seitenblick auf Vadim, der abwechselnd besorgt auf André sah, um dann wieder fluchend hin- und herzuschweben.

»Also, er sagt, dass …« Sie räusperte sich peinlich berührt. »Er sagt, dass Nikolai ein kleiner, fieser Draculakäfer unter der Haut eines dreckigen Kraghuls ist, und er wünschte, er hätte Nikolai als Kind mal ordentlich den Hintern versohlt«, gab sie Vadims Wortlaut ziemlich genau wieder, doch eigentlich hatte er für »Hintern« eine andere Bezeichnung verwendet.

André schwieg für einen langen Moment, doch in seiner Miene spiegelte sich deutlich seine Enttäuschung wider. »Du lügst, Lilith, so würde sich mein Vater niemals ausdrücken! Ich kann es kaum glauben, dass ausgerechnet du mich derart hintergehen willst, das hätte ich niemals von dir erwartet.«

Überraschenderweise war es Rebekka, die, ohne zu zögern, Liliths Partei ergriff. »Natürlich kennst du deinen Vater am besten von uns allen, aber Lilith spinnt niemals bösartige Intrigen und kann nicht einmal besonders gut lügen. Im Gegenteil, ihr Gerechtigkeitsgeschwätz und ihr überbordendes Mitgefühl für alles und jeden gehen mir eigentlich immer tierisch auf die Nerven.«

André schüttelte störrisch den Kopf. »Sie erhebt schwere Anschuldigungen gegen meinen Bruder, dem ich mehr vertraue als jedem anderen in Chavaleen! Wenn sie nicht einmal die Wahrheit in Bezug auf diese obskure Geistererscheinung erzählt, kann ich ihr den Rest auch nicht glauben.«

»Oh, ich weiß eine Lösung!«, rief Vadim aufgeregt. »Sag ihm, seine letzten Worte an mich waren, dass er sich beeilen wollte, zu mir zurückzukommen, damit ich seiner Rebekka nicht den Kopf verdrehen kann.«

»Da war ich dabei!«, zischte Lilith ihm entnervt zu.

»Oh, stimmt, schlechtes Beispiel.« Er rieb sich konzentriert die Schläfen. »Okay, ich hab es: Als ich André zum siebten Geburtstag seinen Kater geschenkt habe, habe ich ihn nachts dabei erwischt, wie er bei Aurel im Körbchen lag. André hatte darin natürlich kaum Platz und war völlig durchgefroren, aber er meinte, dass Aurel in seiner ersten Nacht im Palast sicher ängstlich sei und spüren sollte, dass er jetzt eine neue Familie habe, die für ihn da sei. Ich habe die beiden dann in Andrés Bett gebracht, wo sie aneinandergekuschelt eingeschlafen sind.«

»Niemand weiß davon außer Vater und mir«, flüsterte André, nachdem Lilith die Geschichte an ihn weitergegeben hatte. »Er meinte am nächsten Morgen, dass es unser kleines Geheimnis bleibt, da zukünftige Thronerben offiziell nicht mit dem Hintern in der Luft in einem Katzenkörbchen schlafen sollten.« Er sah sich mit bewegter Miene im Tunnel um, als gelänge es ihm dadurch, den Geist seines Vaters irgendwo zu entdecken. »Vater, kannst du mich hören? Bist du tatsächlich hier bei uns?«

»Mein Junge, es tut mir so leid, dass ich nicht erkennen wollte, welche Gefahr dein Bruder ist! Ich habe dich hier zurückgelassen, allein und ohne dir ein Wort davon zu sagen, wie es um Nikolais wahren Charakter bestellt war. Ich habe versagt …«

Doch André konnte auf die Entschuldigung seines Vaters nicht reagieren, da er mit dem Oberkörper unvermittelt vornüberkippte und sich keuchend an den Hals fasste. Mit einer für Lilith überraschenden Vertrautheit öffnete Rebekka den obersten Knopf seines Hemdes und zog mit zittrigen Fingern die Kette mit dem Blutstein-Amulett hervor.

»Oh scheiße«, entfuhr es Matt leise.

Der Blutstein hatte rot zu leuchten begonnen, doch anders als früher bei Vadim. Es war das züngelnde Rot eines alles verschlingenden Feuers, auch die Runenzeichen und selbst die Speichen glühten wie heißes Eisen.

»Ist das normal?«

André schüttelte stumm den Kopf.

Rebekka starrte minutenlang, und ohne einen Laut von sich zu geben, auf das Amulett, ehe sie sich zu Lilith umwandte. »Es tötet die Anwärter vollkommen willkürlich?«

Obwohl es Lilith schwerfiel, gab sie sich einen Ruck und sagte in aller Offenheit: »Ja, es ist völlig unerheblich, ob der Anwärter als Thronfolger geeignet ist oder nicht.«

Rebekka drehte sich wieder zu André um. »Dann zieh es sofort aus!« Sie fummelte hastig am Verschluss herum und ihre Stimme nahm einen hysterischen Klang an. »Zieh sofort dieses Ding aus! Sofort, hast du gehört?«

André fing ihre Hände ein und hielt sie mit sanfter Gewalt in seinen. »Du weißt, dass ich das nicht kann, niemand kann diesen Verschluss jetzt noch öffnen. Ich wusste, was mich erwartet, als ich das Amulett angelegt habe, auch wenn ich natürlich gehofft habe, dass es mich erwählen würde.«

Lilith fragte sich, wie André so bemerkenswert ruhig bleiben konnte. Begriff er etwa nicht, was ihm bevorstand? Oder hatte er insgeheim mit diesem Ausgang gerechnet? Sie erinnerte sich an die Nacht, als das Bernstein-Amulett die Entscheidung über ihre Anwärterschaft gefällt hatte – sie war wie gelähmt gewesen vor Angst und Panik. Allerdings war sie auch nicht ihr ganzes Leben auf diesen Moment vorbereitet worden und hatte das Amulett ihrer Mutter aus reiner Sentimentalität angelegt.

Ein lauter, schriller Ton durchzog Chavaleen und schwoll zweimal an, ehe er wieder verstummte. »Nikolai hat Alarmstufe Gelb ausrufen lassen«, erklärte André. »Natürlich haben wir ihm sofort erzählt, dass du Rebekka eine Warnung geschickt hast und uns vermutlich eine schlimme Gefahr droht. Während wir dich suchen wollten, hat er sich angeboten, zu Razvan zu gehen und ihn über einen möglichen Angriff zu informieren.«

Lilith fröstelte, und das nicht allein wegen ihrer durchnässten Kleider. »Wahrscheinlich glaubt Nikolai, dass sein Plan kurz vor der Verwirklichung steht und sie sich gleich gegen die Vanator verteidigen müssen«, meinte sie düster. »Was tatsächlich passieren kann, denn Grigore ist über meine Flucht bestimmt nicht erfreut und spielt womöglich mit dem Gedanken, die Sprengladung auszulösen. Ich glaube nicht, dass die Schutzschilde solch einer gewaltigen Menge Dynamit standhalten.«

»Wie kann Nikolai sein Volk willentlich in so einen Kampf schicken?«, regte sich Vadim auf. »Auch wenn wegen des Alarms alle zu den Waffen greifen, gäbe es bei einem Einfall der Vanator auch auf unserer Seite viele Verluste. Wie kann ihm das nur gleichgültig sein?«

André stemmte sich in die Höhe und fasste Rebekka am Arm. »Ihr müsst so schnell wie möglich zurück nach Bonesdale! Wenn Nikolai wirklich alles so akribisch geplant hat, rechnet er bestimmt nicht damit, Lilith lebend wiederzusehen, und er wird nicht zulassen, dass sie ihn als Entführer und Verräter entlarvt. Kein Wunder, dass er gleich Alarmstufe Gelb ausrufen lassen wollte! So verhindert er nämlich gleichzeitig, dass jemand Chavaleen betreten oder verlassen kann.«

Matt hob fragend die Augenbrauen. »Was soll das heißen?«

»In wenigen Minuten wird das große Tor verriegelt, wir müssen uns beeilen, wenn wir es noch rechtzeitig erreichen wollen. Wenn nicht, dann seid ihr hier unten eingeschlossen.« Er zog Rebekka mit sich, auch wenn ihm das Laufen sichtlich schwerfiel. »Und ich kann euch bald keine große Hilfe mehr sein«, fügte er kaum hörbar hinzu.

Rebekka blieb wie angewurzelt stehen und machte sich von ihm los. »Ich werde dich auf keinen Fall allein lassen! Entweder du begleitest uns oder ich rühre mich nicht mehr vom Fleck. Dann kannst du dabei zusehen, wie ich von Nikolai oder den Vanator brutal hingerichtet werde. Vielleicht … vielleicht kann dir in Bonesdale sogar jemand helfen, den Verschluss des Amuletts zu öffnen? Unsere Magier wissen sicher, wie man den Zauber überlisten kann! Außerdem ist deine Zukunft noch nicht entschieden, denn ich kann kein Todesmal über deinem Kopf erkennen.«

Lilith wusste, dass Rebekka und sie schon zu lange fern der Oberfläche waren, um dies als sicheren Anhaltspunkt für Andrés Überleben zu werten, doch sie verzichtete auf eine entsprechende Bemerkung. Immerhin bestand die Möglichkeit, dass Rebekka recht hatte, und die Idee, André nach Bonesdale zu bringen, konnte vielleicht seine Rettung bedeuten.

André und Rebekka fochten einen stummen Kampf mit den Augen aus, doch schließlich gab er sich geschlagen.

»Okay, ich werde mit euch nach draußen kommen, dort müssen wir dann den schnellsten Weg nach Bonesdale nehmen. Der ist eigentlich gefährlich, aber unter den gegebenen Umständen gibt es wohl keinen ungefährlichen Weg.«

Er zog sein Funkgerät aus der Tasche und kontaktierte eine gewisse Eva. Lilith glaubte sich daran zu erinnern, dass so die Frau hieß, der sie bei ihrer Ankunft im Wald begegnet waren. Er gab ihr die Anweisung, oben beim Lift auf sie zu warten und jemanden damit zu beauftragen, das alte Portal zu öffnen.

»Das alte Portal?«, hakte die Frauenstimme aus dem knackenden Lautsprecher nach.

»Ja!«, bestätigte André. »Es ist dringend.«

Er steckte das Gerät wieder ein. »Keine Sorge, das war eine sichere Verbindung, die nur der Amulettträger im Notfall benutzen darf. Nikolai sollte davon nichts mitbekommen haben. Los, beeilen wir uns!«

Matt und Rebekka stützten André zu beiden Seiten, damit sie schneller vorankamen, und Lilith klemmte sich Strychnin unter den Arm.

»Das ist demütigend, Eure Ladyschaft«, beschwerte er sich zappelnd. »Ich will nicht von meiner Herrin durch die Gegend geschleppt werden!«

»Dann musst du dir längere Beine besorgen oder einen kleineren Bauch«, ächzte Lilith, während sie die Gänge und Stollen entlanghetzten. Ihr Körper war nach wie vor geschwächt und noch nicht bereit für solche Anstrengungen.

Sie kamen an den Wohnhöhlen vorbei, vor denen sich nach dem Alarmsignal die besorgten Einwohner mit ihren Familien versammelt hatten, tuschelnd beieinanderstanden und ihnen erstaunte Blicke zuwarfen. Wahrscheinlich wirkte es nicht gerade beruhigend auf sie, ihren derzeitigen Anführer, offensichtlich krank und von den Gästen aus Bonesdale gestützt, in Richtung Ausgang laufen zu sehen. Da half es auch nicht, dass André ihnen immer wieder zurief: »Alles in Ordnung, macht euch keine Sorgen, es ist nur eine Übung!«

An seiner ungesunden Gesichtsfarbe und den Haaren, die ihm auf der feuchten Stirn klebten, erkannte man leider sofort, dass dies nicht nur Teil einer harmlosen Katastrophenübung war. Als sie endlich das Tor erreichten, waren die Flügel schon geschlossen und die Wächter gerade dabei, es von innen zu verrammeln.

»Stopp!«, rief André. »Wartet einen Augenblick. Wir müssen dringend nach draußen, lasst uns durch!«

Die Wächter warfen sich unschlüssige Blicke zu, doch nur einer von ihnen wagte es, dem zukünftigen Amulettträger zu widersprechen: »Aber laut Vorschrift müssen wir …«

»Ich kenne die Vorschriften sehr gut, denn ich bin hier der Anführer!«, bluffte André ihn an. Trotz seiner Schmerzen stand er völlig aufrecht da und funkelte den Wächter mit herrischer Miene an. »Deswegen weiß ich auch, dass meine Anweisungen trotz des Alarms oberste Priorität haben. Und ich befehle euch hiermit, das Tor für uns zu öffnen!«

Der Wächter kratzte sich zweifelnd am Kopf. »Ich bin mir relativ sicher, Herr, dass wir bei Alarmstufe Gelb niemanden mehr passieren lassen dürfen, nicht einmal …«

»Wird’s bald!«, brüllte André ihn an, dann wandte er sich an Rebekka. »Hast du etwas zu schreiben dabei? Ich möchte mir den Namen und die Dienstnummer dieses inkompetenten Tortrolls in Uniform notieren.«

»Ich schätze, wir können eine Ausnahme machen«, beeilte sich der Wächter ihm zu versichern. »Auf, Männer!«

Alle liefen gleichzeitig los und lösten die notwendigen Mechanismen aus, sodass sich einer der Torflügel innerhalb weniger Sekunden einen Spaltbreit öffnete. Sie schlüpften hindurch und das Tor fiel hinter ihnen donnernd ins Schloss.

»Ein guter Mann!«, lobte André den widerspenstigen Wächter. Die Anstrengung seines gerade absolvierten Auftritts stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben und er stützte sich wieder schwer auf Matts und Rebekkas Schultern. »Er kannte als Einziger die Vorschriften.«

»Er hatte recht mit seinem Einwand?«, entfuhr es Lilith überrascht. André hatte so überzeugend gewirkt, dass sogar sie ihm geglaubt hatte.

»Irgendwie musste ich euch doch aus Chavaleen herausbekommen, oder?«

»Das ist mein Junge!«, kommentierte Vadim stolz.

Sie fuhren mit dem Lift nach oben, wo Eva, die das Außenteam der Wächter leitete, sie schon erwartete. Tatsächlich handelte es sich um die toughe junge Frau, die am Tag ihrer Ankunft die Aufgabe übernommen hatte, das Auto zu verstecken. Lilith war froh, dass André sie ausgewählt hatte, denn Eva wirkte nicht nur entschlossen und kompetent, sondern auch loyal und aufrichtig.

»Der Verschleierungszauber des alten Portals ist entfernt worden«, informierte sie André in pflichtbewusstem Tonfall. »Bis es vollständig aktiviert ist, dauert es noch einige Minuten. Ich habe meine Leute bereits an den Schwachpunkten rundherum postiert, damit sie uns vor ungebetenen Gästen warnen können.«

»Großartig, Eva!«, entgegnete André dankbar. »Das Wichtigste war, dass wir so schnell wie möglich aus Chavaleen rauskommen, nun können wir auch ein bisschen warten.«

Eva lief neben ihnen durch die Tropfsteinhöhle und beobachte sie unverhohlen. »Was ist da unten los, André?«, fragte sie, mit einem Mal sehr viel vertraulicher. »Wir haben gehört, dass Alarmstufe Gelb ausgerufen wurde. Kommen die Vanator?«

»Gut möglich«, gab er offen zu. »Leider wissen wir mittlerweile, wer der Verräter ist, und er setzt offenbar alles daran, die Vanator in die Stadt zu führen.«

»Razvan!«, tippte Eva wie aus der Pistole geschossen.

»Nein, mein Bruder Nikolai.«

»Dein … dein Bruder?« Eva kam vor Überraschung so aus dem Tritt, dass sie fast gestolpert wäre. »Siehst du wegen ihm etwa so krank aus?«

»Sozusagen.«

Sie machten vor der Höhlenwand halt, die sie ins Freie führen sollte. Eva übernahm es, die Runen aufzuzeichnen, während Lilith hinter ihr immer nervöser wurde. Gleich würden sie wieder die Sonne sehen und frische Luft einatmen! Niemals hätte sie für möglich gehalten, dass sie sich danach so verzehren würde. Sie wollte nur noch weg aus Chavaleen, weg von den Höhlen, der Finsternis und der Eingeschlossenheit. Sie sehnte sich nach ihrem Zuhause, sie wollte endlich wieder etwas essen und sich unter der Dusche all das Grauen abwaschen, das sie in der Unterwelt hatte durchmachen müssen. Aber vor allen Dingen wollte sie zu Mildred und sich in ihre sicheren Arme flüchten.

»Bitte sehr!« Eva trat beiseite und deutete auf den Ausgang. »Nach euch.«

Mit klopfendem Herzen schritt Lilith ins Freie, doch die plötzliche Helligkeit zerkratzte ihr fast die Augen. Sie riss schützend die Arme in die Höhe.

»Autsch!«, jammerte Strychnin lautstark.

»So ergeht es allen, die ein paar Tage unter der Erde waren«, informierte Eva sie. »Nur im Winter ist es nicht so schlimm, da fällt der Unterschied zur künstlichen Beleuchtung kaum auf.«

Heute erwartete sie jedoch ein wunderschöner Sommertag, die Vögel im nahe gelegenen Wald zwitscherten und das Rauschen des Flusses drang bis zu ihnen herüber. Lilith spürte, wie mit jedem Sonnenstrahl wieder das Leben und ihre Kräfte in ihren Körper zurückkehrten. Sogar André sog begierig die Luft ein, die den Duft von Kiefern, Tannen, Holz und Gräsern mit sich trug.

Die Klamm zu überwinden bereitete ihnen noch mehr Schwierigkeiten als bei ihrer Ankunft, denn durch die Enge konnten sie André fast nicht stützen, seine eigenen Beine trugen ihn jedoch kaum noch. Es war Rebekka anzusehen, dass sie bei seinem Anblick am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre und sich nur mit Mühe zusammenreißen konnte.

»Regius weiß bestimmt, wie man das Amulett von seinem Hals bekommt«, sprach Lilith ihr Mut zu. »Wahrscheinlich hat er einen magischen Bolzenschneider oder so etwas, mit dem man die Kette trotz des Zaubers öffnen kann.«

Rebekka wischte verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln, lächelte sie an und nickte nachdrücklich. »Ja, Regius wird ihn retten, ganz bestimmt!«

Das alte Portal lag genau gegenüber der Klamm, auf der anderen Flussseite, und war so gewaltig, dass sie beeindruckt stehen blieb. Das aus dem Stein gehauene Portal nahm die gesamte Höhe des Felsens ein und ähnelte mit seinen prunkvollen Säulen dem unterirdischen Palast der Vampire. Schade, dachte Lilith, dass so ein Bauwerk von einem Verschleierungszauber verhüllt werden musste. Viele Meter über ihnen lief ein Mann in grüner Waldtarnkleidung über eine kaum sichtbare Balustrade und malte riesige Runenzeichen auf den Stein.

»Ein bisschen protzig«, bemerkte Strychnin.

»Ein Wunder, dass sie es nicht gold angestrichen haben«, gab Matt leise zurück.

»Was meint dein Freund denn damit, Lilith?«, fragte Vadim pikiert. Im hellen Licht waren die Umrisse des Geistes kaum zu erkennen. »Was ist denn an Gold so falsch?«

Sie bereiteten André mit ihren Jacken und Pullovern im Schatten des Felsens ein vorübergehendes Lager, damit er bis zur Abreise etwas Kraft sammeln konnte. Besorgt bemerkte Lilith, wie seine Haut immer heißer wurde, er schien von innen heraus zu verglühen und nun glaubte sie auch, die schwachen Konturen eines schwarzen Strudels über seinem Kopf zu erkennen. Ob sie es noch rechtzeitig zu Regius schaffen würden?

Eva drückte ihr ein Smartphone in die Hand. »Du solltest jetzt in Bonesdale anrufen!« Als sie Liliths verständnislosen Blick auffing, erklärte sie: »Jemand muss das Portal auf eurer Seite öffnen, ansonsten kommt ihr garantiert nicht nach Hause.«

»Tut mir leid, daran habe ich gar nicht gedacht. Ich rufe sofort in Nightfallcastle an.«

»Sie sollen sich beeilen, wir stehen hier unten wie auf dem Präsentierteller herum. Ein guter Schütze könnte uns mühelos erledigen.«

Lilith verzichtete darauf, Eva zu erzählen, dass der beste Schütze der Vanator wohl gerade unten vor einem Höhlenbecken stand und immer noch darauf wartete, dass Lilith wieder auftauchte. Konzentriert tippte sie die lange Nummer ein und freute sich, dass gleich beim ersten Versuch eine Verbindung hergestellt wurde. Nach dem sechsten Klingeln nahm jemand ab, doch über das Rauschen der Leitung hinweg konnte Lilith keinen Namen verstehen.

»Hallo?«, brüllte sie in den Hörer. »Hier ist Lilith, ich rufe aus Rumänien an.«

Für ihr Geschrei erntete sie sofort einen bösen Blick von Eva.

»Lilith … versucht, dich zu erreichen … Schlimmes passiert!«, hörte sie Emmas abgehackte Stimme.

»Emma, bist du das? Was machst du in Nightfallcastle?«, rief Lilith überrascht. »Ich dachte, du bist in London beim Hexenzirkel.«

»Das Schattenportal … schnell, Lilith … zurück!«

Lilith trat aus dem Schatten des Felsens heraus und lief in Richtung Fluss. Tatsächlich schien die Verbindung hier besser zu sein, denn das Rauschen und Knacken ebbte ab.

»Was ist mit dem Schattenportal?«

»Die Dämonen!« Emmas Stimme überschlug sich fast vor Aufregung. »Sie müssen einen Weg gefunden haben, einen Teil des Eids aufzuheben. Sowohl gestaltlose Dämonen als auch Malecorax sind durch das Schattenportal gekommen. Sie sind bei uns in Bonesdale, Lilith!«

»Was?« Ungläubig taumelte Lilith ein paar Schritte zurück. »Was ist mit Mildred? Und Arthur? Ist jemand verletzt worden?«

»Bisher noch nicht! Gerade sind alle in Nightfallcastle versammelt, um Schutz zu suchen und zu überlegen, wie es weitergehen soll.«

Fassungslos fuhr Lilith sich über das Gesicht. Sie mussten so schnell wie möglich zurück, dringender denn je!

»Wir stehen gerade vor dem Portal in Rumänien, es wird jeden Moment aktiviert sein. Könnt ihr das Portal auf eurer Seite öffnen?«

»Das müsste gehen! Die Portalgräber liegen außerhalb des gefährlichen Bereichs.«

»Und Regius soll sich auf einen Notfall einstellen, wir müssen unbedingt den magischen Verschluss eines Amuletts öffnen!«

»Okay, ich richte es ihm aus. Wir machen, so schnell wir können, versprochen!«

Lilith ließ langsam das Handy sinken und starrte geschockt ins Leere.

Schlagartig wurde ihr klar, aus welchem Grund Nikolai die Zeremonie mit den Amuletten initiiert hatte. Wahrscheinlich war sein Theater um die zeitraubende Einstellung der Altarrunen nur Show gewesen, damit er eine plausible Erklärung dafür hatte, vor der Zeremonie noch dringend Liliths Amulett zu benötigen. In Wahrheit hatte er nur auf eine Gelegenheit gewartet, dass Lilith ihm für kurze Zeit das Bernstein-Amulett übergab, damit er es in der vor fremden Augen sicheren Eingangshalle für seine Zwecke missbrauchen konnte. Denn Lilith hatte nicht bedacht, dass Nikolai sehr wohl ein weiteres Amulett zur Verfügung stand: Belials Onyx-Amulett. Deswegen war der Erzdämon in Chavaleen gewesen! Vereint in dem gemeinsamen Ziel, den Pakt der Vier zu boykottieren, hatten sie mit den beiden Amuletten und dem Altar die magischen Schutzvorkehrungen, die seit dem großen Kampf das Schattenportal sicherten, aufgehoben und einen weiteren Teil von Zebuls Eid abgeschwächt. Es war allein Liliths Schuld, dass die Dämonen nun ungehindert das Portal passieren konnten! Zum Glück nicht in ihrer wahren Gestalt, doch die Malecorax und die gestaltlosen Dämonen waren schlimm genug. Wie hatte sie nur so dumm sein können, Nikolai das Amulett zu geben?

Matts Hand auf ihrem Rücken riss sie aus ihrer Erstarrung. »Was ist los, Lilith? Du machst ein Gesicht, als ob jemand gestorben wäre.«

»Die Dämonen sind durch das Schattenportal gekommen«, flüsterte sie mit erstickter Stimme. »Sie haben einen Weg gefunden, nach Bonesdale zu gelangen. Wenigstens konnten sich alle Bewohner rechtzeitig in Nightfallcastle in Sicherheit bringen.«

Schlagartig wurde Matt bleich. »Was? Aber … das ist doch nicht möglich«, stammelte er ungläubig. Dann packte er sie ungewohnt heftig an den Schultern. »Was ist mit meiner Mutter? Hast du nach ihr gefragt? Haben sie daran gedacht, meine Mutter zu holen?«

Lilith schluckte schwer und wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. An Matts Mutter hatte sie bisher keinen Gedanken verschwendet, dabei war Eleanor als Außenstehende, die von der Welt der Untoten keine Ahnung hatte, in noch größerer Gefahr als alle anderen.

»Emma hat sich bestimmt um sie gekümmert«, versuchte sie ihn zu beschwichtigen. »Außerdem meinte sie, dass alle unverletzt seien.«

Doch Matt war nicht mehr zu bremsen. »Ja, alle von euch! Aber meine Mutter haben sie wahrscheinlich einfach in ihrem Haus zurückgelassen, oder? Weil es euch wichtiger ist, euch an euer verdammtes Verschwiegenheitsabkommen zu halten!«

Noch nie hatte sie Matt derart aufgebracht erlebt. »Ich verstehe, dass du um deine Mutter besorgt bist, aber ich muss dich daran erinnern, dass ich das Abkommen selbst übertreten habe, als ich dich eingeweiht habe«, widersprach sie empört. »Mir würde es nie in den Sinn kommen, deine Mutter nur wegen dieser Vorschriften einer Gefahr auszusetzen. Ich gebe zu, ich habe vergessen, Emma am Telefon nach ihr zu fragen, aber unser Gespräch war kurz und ich stand nach dieser Nachricht etwas unter Schock.«

Matt stieß die Luft aus, sah zu Boden und nickte dann. »Du hast recht«, lenkte er ein. »Es tut mir leid, dich trifft keine Schuld! Aber mich schon, denn es ist meine Aufgabe, auf sie aufzupassen. Meine Mutter hat keine Ahnung, in was für einem gefährlichen Dorf wir leben, und ausgerechnet jetzt, wo es ernst wird, bin ich nicht für sie da.« Er warf einen flehentlichen Blick auf das Portal. »Warum öffnet es sich denn nicht endlich?«

»Unsere Seite ist betriebsbereit«, informierte ihn Eva, die gerade geschäftig an ihnen vorüberlief. »Sobald Bonesdale sein Portal aktiviert, wird der Strudel erscheinen. Hoffen wir, dass es bis dahin weiterhin so ruhig bleibt. Bisher konnten meine Leute keinen einzigen Vanator sichten.«

Lilith betete, dass Emma, Regius und Mildred schon in der Nähe des Portals waren und es ungehindert öffnen konnten.

»Lilith? André will dich sehen.« Rebekkas Stimme klang so panisch, dass Matt und Lilith alarmiert aufhorchten und sofort zu ihr eilten.

Vadim schwebte neben seinem Sohn und selbst im Halbschatten konnte Lilith seinen schmerzverzerrten Gesichtsausdruck ausmachen.

»Mein Junge, mein armer Junge …«

Mittlerweile konnte Lilith bei André das Todesmal deutlich erkennen.

Rebekka kniete neben ihm auf dem Boden und klammerte sich so fest an seine Hand, als würde sie ihn nie wieder loslassen wollen. »Du musst noch ein bisschen durchhalten, bitte!«

Er atmete so angestrengt, als läge ihm ein schweres Gewicht auf der Brust. »Ich hätte nicht gedacht, dass mir überhaupt so viel Zeit bleibt«, stieß er keuchend hervor. »Beim letzten Thronanwärter hat es von der Erwärmung des Amuletts bis zur Pulverisierung nur wenige Augenblicke gedauert, allerdings hat das Amulett ihm auch drei Tage mehr gewährt als mir.« Er sah auf den Anhänger, der mittlerweile wie ein Feuerball glühte. »In einem Punkt hat Nikolai recht: Dieses Ding ist Schrott!«

»Nein, ich lasse nicht zu, dass du stirbst!« Rebekka schüttelte störrisch den Kopf.

André hob mühsam die Hand und streichelte über ihre tränennasse Wange. »Es tut mir so leid, Bekky! Deswegen wollte ich abwarten, bis das Amulett die Entscheidung getroffen hat. Ich hätte niemals zulassen dürfen, dass du mir deinen ersten Kuss schenkst.«

Obwohl Lilith sich ihm zuliebe zusammenreißen wollte, traten auch ihr die Tränen in die Augen. Seit sie Nikolais und Belials Gespräch belauscht und sich das Amulett um Andrés Hals erwärmt hatte, wusste sie zwar, dass er in Lebensgefahr schwebte, doch erst in diesem Moment wurde ihr klar, dass André tatsächlich sterben würde. Es gab keine Rettung mehr, das war kein Spiel, in dem die Guten immer siegten. Matt zog sie an sich und streichelte tröstend über ihren Arm.

Rebekka beugte sich vor und hauchte einen zarten Kuss auf Andrés Lippen. »Noch nie war ich so glücklich wie mit dir in den vergangenen Tagen, und das, obwohl so viele schreckliche Dinge passiert sind. Ich würde es bereuen, wenn ich dich nicht geküsst hätte. Es war richtig und ich würde es immer wieder tun. Mein Herz gehört dir, jetzt und für alle Ewigkeit.«

Fieberhaft versuchte Lilith, sich einen Reim darauf zu machen. Rebekkas und Andrés Kuss schien von weitaus größerer Wichtigkeit zu sein, als es normalerweise der Fall war …

Moment mal, hatte Imogen nicht einmal erwähnt, dass der Kuss einer Banshee nicht nur den Tod bringen konnte, sondern noch sehr viel mehr bedeutete? Genau, es war am Nachmittag ihrer ersten Unterrichtsstunde gewesen, leider hatte Imogen vergessen, es Lilith noch einmal genauer zu erläutern. Und hatte nicht auch Mildred schon so komische Anspielungen zu diesem Thema gemacht?

»Aber du bist eine Banshee und wirst deswegen nie wieder lieben können!« Schuldgefühle und Bitterkeit lagen in Andrés Miene. »Durch deinen Kuss hast du mir für immer dein Herz geschenkt und jetzt muss ich dich verlassen …«

Lilith schluckte schwer, als ihr die Tragweite seiner Worte klar wurde. Deshalb war sich Rebekka so sicher gewesen, dass der Baron ihre Mutter nicht geliebt hatte: Weil er, als einer der seltenen männlichen Bansidhes, sein Herz bereits für immer seiner Ehefrau geschenkt hatte. Wenn man bedachte, welches hohe Alter die Nocturi erreichen konnten, musste man seine Wahl zwar weise treffen, aber im Grunde fand Lilith den Gedanken romantisch, dass mit einem einzigen Kuss die Liebe für alle Ewigkeit Bestand haben würde. War das womöglich der Grund, weshalb Liliths Vater sich anfangs gegen eine Beziehung mit ihrer Mutter gesträubt hatte? Immerhin war er ein normalsterblicher Socor und Liliths Mutter hatte ihm mit ihrem Bansheekuss für den Rest ihres langen Lebens ihre Liebe geschenkt. Doch niemand war vor dem Tod gefeit, eine Tatsache, die für Rebekka und André nun besonders dramatisch war …

Lilith fühlte vom Fluss einen kühlen Hauch über ihren Rücken streichen und erst dadurch bemerkte sie, dass Matt sie nicht mehr im Arm hielt.

Er war einen Schritt von ihr zurückgetreten und starrte sie schockiert an. »Wir beide hätten uns vorhin fast …« Er brachte es anscheinend nicht über sich, das Wort auszusprechen. »Wusstest du davon?«

Ehe sie ihm antworten konnte, zog Evas aufgeregtes Rufen Liliths Aufmerksamkeit auf sich. »Das Portal hat sich geöffnet!«, brüllte die junge Frau über das Tosen des riesigen Strudels hinweg. »Ihr könnt zurück nach Hause!«

»Bitte geh, Rebekka!« Andrés Stimme klang immer gepresster, sein Atem ging nur noch flach und der Feuerball rund um das Amulett glühte so stark, als stünde er kurz vor einer Explosion. »Ich möchte nicht, dass du siehst, wie das Amulett mich tötet. Behalte mich so in Erinnerung, wie du mich kennengelernt hast!«

»Ich lass dich nicht allein!« Ihre Hände waren so fest mit Andrés verschränkt, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. »Ich kann dir mit meinen Kräften helfen, dass es leichter wird.«

»Ich wusste, dass du das sagen würdest, deswegen möchte ich Lilith bitten, dass sie das übernimmt.«

Er warf Lilith einen fragenden Blick zu und sie nickte zustimmend, während sie sich hastig über die feuchten Wangen wischte und sich zu sammeln versuchte. Wenn sie gleich ihre Bansheekräfte aufrufen sollte, musste sie ihre Fassung zurückgewinnen, was ihr jedoch nicht gerade leichtfiel.

»Gut, dann geh jetzt bitte, Bekky! Ich muss wissen, dass du in Sicherheit bist und ich mir keine Sorgen um dich machen muss.«

»Okay«, schluchzte sie. »Ich werde gehen, dir zuliebe.«

Sie nahmen mit einem langen Kuss Abschied voneinander, bei dem Rebekkas Tränen sein Gesicht benetzten, und es war André, der sie schließlich von sich drücken musste. »Schnell, es wird Zeit! Ich liebe dich, Bekky.«

»Ich liebe dich auch, jetzt und für jeden Tag meines Lebens.«

Als sich Rebekka mit bebenden Schultern erheben wollte, gaben ihre Beine nach, doch Matt sprang geistesgegenwärtig vor und fing sie auf, bevor sie zu Boden stürzen konnte.

»Ich kümmere mich um sie und bring sie nach Bonesdale!«, versprach er an André gewandt.

»Ich danke dir!«

Die beiden erreichten das andere Ufer über Felsbrocken, die scheinbar zufällig im Flussbett verteilt lagen, in Wahrheit aber einen geschickt ausgelegten Fußweg bildeten. Dort wartete Strychnin schon sichtlich nervös auf seine Herrin, doch er würde sich gedulden müssen, bis er mit Lilith zurückkehren konnte.

Wie Rebekka André versprochen hatte, warf sie keinen einzigen Blick zurück, ehe sie das Portal durchschritt, und mit einem Stich im Herzen bemerkte Lilith, dass auch Matt sich zum Abschied nicht ein Mal nach ihr umsah. Verhielt er sich wegen der Sache mit dem Bansheekuss plötzlich so anders? Wahrscheinlich lag es nur an der Sorge um seine Mutter, versuchte Lilith sich selbst zu beruhigen.

»Rebekka und Matt haben das Portal passiert«, informierte sie André. Sie kniete bereits neben ihm und legte nun ihre Hände auf sein Herz und seine Stirn.

»Das ist gut, das ist gut«, murmelte André benommen. »Ist mein Vater noch da?«

Lilith sah zu Vadim auf, der sich mit ergriffener Miene über seinen Sohn beugte und mit seiner Geisterhand über dessen Kopf strich. »Sag ihm, dass ich bis zum Ende bei ihm bleibe und ihn auf der anderen Seite erwarte. Ich werde gemeinsam mit meinem Jungen diese Welt verlassen.«

Lilith richtete André seine Worte aus und für einen Moment schmerzte sie die Traurigkeit des Augenblicks so tief in ihrem Innern, dass sie erneut mit den Tränen kämpfen musste. Sie presste hastig die Augen zusammen, um nicht länger Andrés junges und vom Todesmal eingehülltes Gesicht vor sich zu sehen. Gerade als sie die vier Symphorien aufrufen wollte, um ihn endlich von seinen Schmerzen zu befreien, hielt er sie noch einmal zurück.

»Ich … ich muss dich noch um einen weiteren Gefallen bitten«, flüsterte er. »Es tut mir leid, dass ich vorhin an dir gezweifelt habe, ich weiß, dass du ein gutes Herz hast, genau wie Rebekka gesagt hat. Deswegen musst du nach meinem Tod das Blutstein-Amulett an dich nehmen! Nikolai darf es nicht bekommen! Er kennt sich mit der Macht der Amulette besser aus als jeder andere von uns, und wir …«, er stockte und rang nach Atem, »… wissen nicht, was er damit anstellen würde. Verwahre unser Amulett so lange, bis du es einem ehrlichen und rechtschaffenen Vampir übergeben kannst, versprichst du mir das?«

»Ich werde gut darauf aufpassen«, schwor sie ihm.

Andrés Augen schlossen sich und sein Körper wurde von heftigen Krämpfen geschüttelt. Lilith verlor keine Zeit mehr und begann, die vier Symphorien aufzurufen. Schnell stellte sie fest, dass die kurze Zeit an der Oberfläche genügt hatte, um einen Teil ihrer Kräfte zurückkehren zu lassen, und es gelang ihr, in Andrés Bewusstsein einzutreten. Sofort war sie von einem düsteren, mächtigen Sturm aus Schmerz und Todesqualen umgeben, der sie um ein Haar mitgerissen und umgehend wieder aus seinem Geist befördert hätte. Lilith ahnte, dass es ihre eigene Trauer war, die ihr die Standfestigkeit raubte. Sie musste ihren Schmerz über seinen Tod beiseiteschieben, ansonsten konnte sie ihm nicht helfen! Sie zwang sich dazu, sich allein auf Andrés Kampf zu konzentrieren und seinen Geist mit ihrer Bansheekraft zu füllen. Immer wieder murmelte sie die machtvollen Worte, die den Kreislauf des Lebens symbolisierten und die André den Übergang zum Tod erleichtern würden: »Atme. Liebe. Beschütze. Stirb.«

Obwohl seine Haut unter ihren Handflächen immer heißer wurde, normalisierte sich seine Atmung und die Anspannung in seinem Körper wich einer friedlichen Ruhe.

»Es ist so weit!«, hörte sie zu ihrer Überraschung Vadims Stimme ganz in ihrer Nähe. Offenbar hatte er einen Weg gefunden, Lilith in Andrés Bewusstsein zu begleiten, und sie konnte ihn neben sich als ein silbrig funkelndes Licht wahrnehmen.

Ein jäher Schmerz fuhr in Liliths Handflächen, eine Hitze umschloss sie, die so stark war, als hätte sie in loderndes Feuer gefasst. Beinahe hätte Lilith ihre Hände reflexartig zurückgezogen, doch sie biss die Zähne zusammen und versuchte, den Schmerz auszublenden. André starb und sie würde ihn gerade jetzt nicht alleinlassen!

Je länger die flammende Hitze anhielt, umso mehr verebbte der schwarze Sturm in Andrés Bewusstsein und machte einem weißen, friedvollen Nichts Platz.

»Du kannst jetzt gehen, Lilith«, sagte Vadim ergriffen. »Ab hier erledige ich den Rest.«

Das silberne Licht schwebte direkt vor ihrem Gesicht. »Ich danke dir für alles, was du für uns getan hast!«, verabschiedete er sich mit tief bewegter Stimme. »Ich wünsche dir für deinen weiteren Kampf alles Glück der Welt. Pass gut auf dich auf, meine kleine Lilly!« Er umhüllte sie mit seinem Licht wie in einer letzten Umarmung.

»Danke für deine Hilfe!«, erwiderte sie schniefend. »Ohne dich wäre ich da unten im Höhlensystem wahrscheinlich verrückt geworden.«

Lilith sah, dass sich ihnen ein weiteres silbrig funkelndes Licht näherte, und Vadim schwebte eilig darauf zu. Lilith wartete noch einen Moment und beobachtete, wie die beiden Lichtpunkte gemeinsam in die Höhe stiegen.

»Macht es gut, wo immer ihr auch hingeht! Ihr werdet mir fehlen«, flüsterte sie traurig.

Sie trennte die Verbindung, brachte es jedoch nicht über sich, die Augen zu öffnen. Zu groß war ihre Angst vor dem, was das Amulett mit Andrés Körper gemacht hatte.

»Eure Ladyschaft?«, riss Strychnin sie aus ihrer Erstarrung. »Wo ist Euer Freund hin? Für einen Moment sah es so aus, als wäre er von einem Feuerball eingehüllt, und jetzt ist er plötzlich verschwunden.«

Lilith blinzelte vorsichtig und sog erstaunt die Luft ein. Tatsächlich war von André nicht mehr als ein Häufchen Asche übrig geblieben. Die Vampire hatten nicht übertrieben, als sie von der Pulverisierung der vorangegangenen Thronanwärter durch das Blutstein-Amulett erzählt hatten. Liliths Herz wurde schwer vor Kummer und Trauer.

»Wir sollten gehen, Eure Ladyschaft! Es könnte sein, dass unsere Leute in Bonesdale das Portal nicht ewig offen halten können.«

Lilith nickte und betrachtete ihre feuerroten Hände. Zum Glück sahen die Verbrennungen nicht ganz so schlimm aus, wie sie sich anfühlten. Anscheinend hatte sich der Feuerball des Amuletts hauptsächlich auf sein eigentliches Opfer gerichtet. »Ich hoffe, Emmas Mutter steht mit ihrem Notfallkoffer bereit! Strychnin, tust du mir einen Gefallen und holst das Blutstein-Amulett? Es war Andrés letzter Wunsch, dass ich es an mich nehme, aber wenn ich danach greife, werde ich wahrscheinlich vor Schmerzen aufschreien.«

Mit sichtlicher Überwindung beugte sich Strychnin vor und zog mit spitzen Fingern die Kette aus der Asche. »Soll ich es vor der jungen Vampirfrau am Portal verstecken, Herrin? Es könnte sein, dass sie nicht besonders erfreut darauf reagieren würde, wenn wir das Amulett nach Bonesdale entführen.«

Daran hatte Lilith überhaupt nicht gedacht – Eva glaubte ihr wahrscheinlich nicht ohne Weiteres, dass André es in Liliths Obhut übergeben hatte. »Aber wo, bitte schön, willst du es verstecken? Du hast nicht einmal Kleider an.«

Strychnin riss den Mund auf, steckte sich das Amulett hinein, und ehe Lilith etwas dazu sagen konnte, schluckte er es hinunter.

»Ich habe, wie in der Familie der dämonischen Giftspritzler üblich, drei Mägen und einen davon brauche ich nicht, da er für kulinarische Spezialitäten wie Katzenfleisch reserviert ist. Das ist besser als ein Safe!«

»Ähm, gut, okay«, stammelte Lilith.

»Gehen wir jetzt bitte, Eure Ladyschaft?«

Lilith verabschiedete sich mit einem letzten, traurigen Blick auf Andrés Asche und folgte Strychnin über die Felsplatten im Flussbett.

Gerade als sie das andere Ufer erreicht hatten, erbebte der Boden unter einer schweren Erschütterung, sodass Lilith in die Knie gehen musste und Strychnin unsanft auf seinen Hintern plumpste. Dicke Felsbrocken fielen neben ihnen zu Boden und ein Teil der oberen Portalsäule landete mit einem gewaltigen Schlag direkt vor Evas Füßen. Während der wenigen Sekunden, die das Beben andauerte, ließ Lilith den Strudel nicht aus den Augen. Verzweifelt betete sie darum, dass die Öffnung nach Bonesdale nicht zusammenbrach.

Als es endlich vorüber war, erhoben sie sich mit wackligen Beinen, und Eva nahm über ihr Funkgerät sofort Kontakt zu ihren Leuten auf, die sich rund um das Portal postiert hatten.

»Niemand ist verletzt«, sagte sie erleichtert.

»Die Vanator haben tatsächlich die Sprengladung ausgelöst!«, schimpfte Lilith. »Hoffentlich liegen diese Idioten jetzt unter Gesteinsbrocken und Schutt begraben.«

»Das wäre zu schön, um wahr zu sein.« Eva starrte angestrengt zu Boden, als ob sie dadurch bis in die Tiefen nach Chavaleen sehen könnte.

Lilith fielen ihre rot geränderten Augen auf, anscheinend hatte Eva gerade noch geweint. Andrés Tod musste sie ebenfalls sehr getroffen haben.

»Dort unten ist wahrscheinlich der Teufel los und wir können nicht hinein, um ihnen zu helfen.« Sie wandte sich wieder Lilith zu. »Ihr solltet sofort heimkehren! Ich muss für eure Sicherheit garantieren und ehrlich gesagt weiß ich nicht, was hier sonst noch alles passieren wird.«

Auch wenn sie sich etwas feige dabei vorkam, sich einfach aus dem Staub zu machen, nickte Lilith. Im Kampf gegen die Vanator würde sie den Vampiren ohnehin keine große Hilfe sein. »Strychnin, geh du als Erster!«

Das ließ sich der Dämon nicht zweimal sagen. Mit einem Satz stürzte er sich in die Portalöffnung und war verschwunden.

Bevor Lilith es ihm gleichtat, warf sie Eva einen aufmunternden Blick zu. »Ich hoffe, ihr zeigt es diesen Mistkerlen da unten!«

»Wir werden uns Mühe geben«, gab Eva mit einem angedeuteten Schmunzeln zurück.

»Einen Moment noch!«, rief eine männliche Stimme hinter ihnen.

Ein Schuss wurde abgefeuert, der wie ein Donnerschlag von den Felswänden zurückgeworfen wurde. Erschrocken fuhr Lilith herum, während wenige Zentimeter neben ihrem Fuß die Kugel auf einen Stein traf und ihn in die Höhe schleuderte. Der Schuss hatte ihr gegolten!

Nikolai stand am anderen Flussufer mit einer Pistole in der Hand.

»Die habe ich mir von den Vanator besorgen lassen, und wenn ihr eine falsche Bewegung macht, werde ich sie leider an euch austesten müssen. Lilith, du wolltest gehen, ohne dich von mir zu verabschieden? Dabei haben wir uns doch so gut verstanden.«

Lilith tat ihm nicht den Gefallen, auf sein falsches Spielchen einzugehen. »Du bist aus Chavaleen herausgekommen?«, fragte sie stirnrunzelnd.

»Wahrscheinlich auf die gleiche Art wie ihr«, meinte er mit einem wissenden Lächeln. »Diese Wächter sind lächerlich einfach einzuschüchtern. Wisst ihr, wo mein geliebter Bruder abgeblieben ist? Ich sehe ihn hier nirgends.«

»André ist tot, dank dir«, knurrte Eva. Seit dem Schuss piepste ihr Funkgerät ununterbrochen, doch sie wagte nicht, auf die Rufe zu antworten. Wahrscheinlich hatten ihre Leute mithilfe ihrer Zielfernrohre längst erkannt, dass der Bruder des Thronfolgers eine Waffe auf sie gerichtet hatte, und wussten nicht, wie sie darauf reagieren sollten.

»Ihr habt meine kleine List schon herausgefunden? Damit bin ich offengestanden ein Risiko eingegangen, schließlich hätte das Amulett André auch am Leben lassen können, aber anscheinend hatte ich Glück.« Er seufzte zufrieden auf, wofür Lilith ihm am liebsten ihre Faust ins Gesicht geschlagen hätte. Es schien ihm völlig gleichgültig zu sein, dass sein kleiner Bruder gerade gestorben war.

»Immer hat mich Vater belächelt, weil ich so viel gelesen und mich für die Wissenschaft interessiert habe, dabei hat er nie erkannt, dass man seine Feinde als Erstes in seinem Kopf besiegt. Intelligenz, Wissen und Planung sind die Schlüssel, um jedes noch so ferne Ziel erreichen zu können.«

»Hast du deswegen Vadim getötet? Weil er dich und deine Fähigkeiten nicht gewürdigt hat?«, fragte Lilith, während sie in Gedanken fieberhaft nach einem Weg suchte, Nikolai außer Gefecht zu setzen. Evas Leute würden nicht auf ihn schießen, solange Eva nicht den Befehl dazu gab, und leider konnten Lilith nicht einmal ihre Dämonenkräfte helfen, da alle Vampire durch ihre Tätowierung geschützt waren.

»Das war nur eine kleine Zugabe.« Nikolai zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Um das Schattenportal für die Malecorax öffnen zu können, musste ich dich mit deinem Amulett nach Rumänien locken, und was hätte mir da besser helfen können als merkwürdige Banshee-Halluzinationen? Wenn wir ehrlich sind, hätte mein Vater sowieso nicht mehr lange zu leben gehabt, ich habe die Sache nur etwas beschleunigt.«

Lilith schnappte entsetzt nach Luft, so viel Kaltblütigkeit konnte sie kaum ertragen. »Aber er war dein Vater, Nikolai, er hat dich geliebt!«

»Ach ja? Und warum hat er dann André an meiner Stelle als Thronerben eingesetzt?«, entgegnete er bitter. »Es ist mein Thron, ich bin der erstgeborene Sohn und nicht André! Deswegen möchte ich jetzt wissen, wo sich das Blutstein-Amulett befindet! Nach dem tragischen Dahinscheiden meines Bruders gehört es offiziell mir.«

»Willst du es etwa anlegen?«, fragte Eva hoffnungsvoll.

»Natürlich nicht!«, schnaubte er. »Ich will mich schließlich nicht selbst umbringen. Für meine Thronbesteigung habe ich mir ein täuschend echtes Duplikat erstellen lassen, von dem ich euch garantieren kann, dass es mich erwählen wird.« Mit seiner freien Hand zog er eine Kette unter seinem Hemd hervor. Hätte Lilith es nicht besser gewusst, hätte sie es für das echte Amulett gehalten, es leuchtete sogar in dem gleichen warmen Rotton wie früher bei Vadim. »Die Zauberkraft des Blutstein-Amuletts wird mir dennoch eine große Hilfe sein bei meinem Vorhaben, den Pakt der Vier zu demontieren. Denn ich, ein Großteil des Vampirvolkes und ebenso mein mächtiger Verbündeter haben keine Lust mehr, uns an diesen völlig überholten Eid zu halten und uns vor diesem minderwertigen Menschengesocks zu verstecken.«

»Du sprichst von Belial«, zischte Lilith.

»Oh, warum denn gleich so feindselig? Belial dagegen hat einen richtigen Narren an dir gefressen, denn wenn es nach mir gegangen wäre, wärst du längst tot. Dann hätte ich jetzt auch nicht diesen Ärger am Hals, alle Mitwisser aus dem Weg zu räumen. Zum Glück hat Belial in Bonesdale anderweitige Verpflichtungen und ist nicht mehr hier, um dich zu beschützen.«

Verwirrt schüttelte Lilith den Kopf. Warum sollte Belial sie plötzlich beschützen wollen? Und wieso hatte er ihr bei der Entführung die Taschenlampe zugesteckt?

Sehnsüchtig blickte sie zur rettenden Portalöffnung, die nur zwei oder drei Schritte von ihr entfernt lag, doch ehe Lilith sie erreichen konnte, hätte Nikolai sicherlich schon auf sie geschossen.

Er fuchtelte ungeduldig mit der Waffe herum. »Wo ist das Blutstein-Amulett? Los, ihr beiden, ich habe nicht ewig Zeit. Ich muss nachsehen, wie meine ehemaligen Verbündeten auf mein kleines Präsent reagiert haben.«

Eva zog irritiert die Augenbrauen zusammen. »Ein Präsent an die Vanator?«

»Ich bin nicht ganz so herzlos, wie ihr vielleicht denkt, und werde mein Volk nicht einfach der Brutalität der Vanator ausliefern.«

Das glaubte ihm Lilith sogar aufs Wort, schließlich brauchte er jemanden, den er regieren konnte.

»Vor einigen Minuten müssten sich die Jäger mit einem Virus infiziert haben, den sie gleichzeitig mit der Sprengung freigesetzt haben.« In seine Augen trat ein selbstzufriedenes Glitzern. »Während meiner Studien zur Effizienz unserer Blutaufnahme habe ich herausgefunden, dass der Vampirismus in großen Teilen nicht mehr als eine Krankheit ist und man mit ein paar Modifikationen Menschen leicht infizieren kann. Ist es nicht unglaublich amüsant, dass die Vanator sich gerade in das verwandeln, was sie unbedingt töten wollten?«

Widerstrebend gab sie Nikolai insgeheim recht: Es war in der Tat die perfekte Strafe für die von Hass zerfressenen Vanator.

Lilith bemerkte, wie Eva sich in kleinen Schritten vor sie schob. Aber was wollte die junge Frau damit bezwecken?

»Zum letzten Mal: Wo ist das Amulett?« Nikolai griff mit beiden Händen nach der Waffe und richtete sie entschlossen auf die Frauen. Lilith musste sich zusammenreißen, um nicht panisch zurückzuweichen. Sie wusste, ein Mann wie er würde sie, ohne zu zögern, töten, er hatte nicht einmal vor seiner eigenen Familie haltgemacht. Diese kalte schwarze Pistole in Nikolais Händen machte ihr mehr Angst als alle Monster und Energiestöße, die Lilith bisher in Lebensgefahr gebracht hatten.

»Wir haben es nicht mehr«, gab sie mit vor Angst zitternder Stimme zu. »Es ist an einem sicheren Ort, wo nicht einmal ich es zurückholen kann.«

»Du lügst!«, zischte Nikolai.

»Nein, es ist die Wahrheit«, beteuerte Lilith und zog die Kette unter ihrem T-Shirt hervor. »Ich schwöre es beim Bernstein-Amulett, es ist nicht mehr hier!«

Nikolai schien zu wissen, dass niemand der Amulettträger es wagen würde, darauf einen falschen Eid abzulegen. Er begann zu fluchen, ließ die Waffe sinken und kickte verärgert einen Stein in den Fluss.

Eva nutzte den Moment und flüsterte Lilith zu: »Ich werde ihn ablenken, damit du das Portal benutzen kannst. Du musst es sofort schließen, wenn du in Bonesdale angekommen bist.«

Lilith warf ihr einen fassungslosen Blick zu. »Ich kann dich doch nicht mit ihm allein lassen!«

»Hast du nicht gehört? Er will alle Mitwisser umbringen, also auch mich. Wenn ich dich nicht beschützen muss, habe ich größere Chancen, ihn zu stoppen. Ich könnte wetten, dass er ein lausiger Schütze ist.«

»Hey, ihr beiden, was tuschelt ihr da?«, brüllte Nikolai und feuerte einen weiteren Schuss ab, der jedoch irgendwo am Felsen abprallte.

»Jetzt!«, rief Eva, und während sie ihre eigene Waffe zog, versetzte sie Lilith mit der anderen Hand einen kräftigen Stoß, der sie zum Portal beförderte.

Lilith spürte, wie eine weitere Kugel an ihrem Kopf vorbeiflog, aber sie hatte so viel Schwung, dass sie direkt in die Portalöffnung hineinstolperte und sich nicht mehr abfangen konnte, selbst wenn sie es gewollt hätte.

Sie wandte ihren Kopf, um nach Eva zu sehen – sie musste unbedingt wissen, ob die junge Frau noch lebte oder sie bei dem Versuch, Lilith zu retten, getötet worden war! Doch sie war dem Portal schon zu nahe gekommen und die zerklüfteten Felsen Rumäniens verschwommen vor ihren Augen. Lilith blieb nichts weiter übrig, als sich fallen zu lassen – in eine ungewisse Zukunft, in der nichts mehr so sein sollte wie früher.