»An die Anwärterin Emma Middleton.
Wir wurden vom Bonesdaler
Hexenzirkel davon in Kenntnis gesetzt, dass du dich in Kürze der
siebten Hexenprüfung stellen wirst. Wie du sicher weißt, bietet
sich dir mit Bestehen der Prüfung die seltene Möglichkeit, unter
allen sechs magisch begabten Dämonenarten (Elemente 1–4,
Emotionsbeeinflussung, Heilkräfte) auszuwählen. Als Hexe des
siebten Kreises würdest du die Fähigkeit besitzen, einen Dämon der
Klasse IV aufzunehmen, und könntest somit große Macht erlangen.
Dies wäre nicht nur für dich, sondern auch für den Großhexenzirkel
von immenser Bedeutung. Doch bedenke: Je mächtiger der Dämon ist,
mit dem du dich verbindest, umso stärker wird sich der Hexenfluch
(Roschnotz!)1
auf dich auswirken.
Es wäre uns eine große Ehre, dich nach deiner
hoffentlich bestandenen Prüfung in unserem Hauptsitz in London als
Gast begrüßen zu dürfen. Wir wünschen dir viel Erfolg!
Hochachtungsvolle
Hexengrüße,
Lutmilla Honigfleck
Oberste Zirkelanführerin
Großbritannien«
Damit Lilith noch rechtzeitig zu Emmas Prüfung kam, fuhr Mildred sie mit der Kutsche bis in die Devilstreet und von dort aus hetzte Lilith durch die verwinkelten Gässchen der Altstadt zum Haus der Middletons. Während es zu dieser späten Stunde in Bonesdale meist ruhig und beschaulich zuging, erwartete sie heute eine ungewohnte Geräuschkulisse. Überall hatten die Bewohner in der Hoffnung auf einen kühlenden Luftzug die Fenster geöffnet. Man hörte das Klappern von Töpfen, Lachen, Radiomusik, Gesprächsfetzen und irgendwo übte jemand auf einer schaurigen Angstharfe. An dem Haus, an dem Lilith gerade vorbeikam, liefen die Nachrichten auf SBN, dem einzigen Fernsehsender in der Welt der Untoten.
»Aus Chavaleen erreicht uns die besorgniserregende Meldung, dass schon wieder ein Mitglied des Vampirvolkes von den Vanator angegriffen wurde! Zum Glück konnte der junge Mann jedoch schwer verletzt fliehen. Erst kürzlich wurde eine Frau, die 31-jährige Valerie S., auf dem Heimweg nach Chavaleen von den Vanator brutal ermordet. Wie uns Vadim Alexandrescus Sprecher versicherte, stellten beide Opfer für niemanden eine Gefahr …«
Liliths Miene verdüsterte sich. Zwar war sie den Vanator noch nie persönlich begegnet, doch was sie bisher über die Jäger gehört hatte, reichte aus, um sowohl ihre Wut als auch ihre Angst zu wecken. Diese Menschen, die sich dazu berufen fühlten, die Welt von den Vampiren und allen nicht menschlichen Wesen zu befreien, schienen absolut skrupellos zu sein. Obwohl die Vampire über hoch entwickelte Sicherheitsvorrichtungen verfügten und Unterstützung von den Magiern bekommen hatten, schienen sie die Lage nicht unter Kontrolle bringen zu können. Wie es den Nocturi wohl ergehen würde, wenn diese Vanator im relativ ungeschützten Bonesdale auftauchen würden? Völlig in diesen bedrückenden Gedanken versunken, bog Lilith um die Ecke und prallte frontal mit jemandem zusammen.
»Matt?«
»Hoppla!«, rief er überrascht aus. »Lilith, bist du das etwa?«
Er musterte sie mit vor Verblüffung geöffnetem Mund, sodass Lilith die Röte in die Wangen schoss und sie fahrig an ihrem Kleid herumzupfte. Warum war sie eigentlich plötzlich so nervös?
»Wer sollte ich denn sonst sein?«, knurrte sie. »Wenn du jetzt sagst, dass du mich im ersten Moment mit Rebekka verwechselt hast, hau ich dir eine rein.«
Er hob abwehrend die Hände und lachte. »Obwohl eine gewisse Familienähnlichkeit nicht zu leugnen ist, würde mir so eine üble Beleidigung niemals über die Lippen kommen. Ist das dein Bansheefesttagskleid?« Er trat einen Schritt zurück und unter seinem prüfenden Blick wurde Lilith seltsam flau in der Magengegend. »Ich weiß gar nicht, warum du dich schon seit Wochen darüber beschwerst. Du siehst … sehr hübsch darin aus.«
»Vielen Dank.« Sie räusperte sich verlegen. »Kommst du gerade von Emma?«
Er nickte. »Ich wollte ihr noch einmal viel Glück wünschen, und da du noch nicht da warst, bin ich ein bisschen geblieben und habe mehr oder weniger erfolgreich versucht, sie von ihrer Prüfung abzulenken. Sie ist ziemlich aufgeregt.«
»Ich wollte eigentlich früher bei ihr sein, doch es gab einen kleinen Zwischenfall, an dem eine euphorische Tante und ein alter Fotoapparat mit explodierendem Blitz beteiligt waren. Aber vielen Dank, dass du mich vertreten hast!« Sie blickte zu dem kleinen, etwas windschiefen Fachwerkhaus der Middletons, das nur noch wenige Schritte entfernt lag. »Dann sollte ich mich mal besser beeilen und zu ihr gehen.« Ihren Worten zum Trotz rührte sie sich nicht vom Fleck. »Freust du dich denn schon auf deine Reise?«
Matt hatte seinen Vater, der in Rumänien in einer Niederlassung seiner englischen Firma arbeitete, seit der Trennung seiner Eltern nicht mehr gesehen und würde in einigen Tagen zu ihm fahren.
»Es ist toll, Dad endlich mal zu besuchen und mit ihm Zeit verbringen zu können.« Matt steckte die Hände in die Hosentaschen und zuckte mit den Schultern. »Wenn es nur nicht gerade Rumänien wäre … Hätte er nicht einen Auslandsjob in einer interessanten Stadt wie New York, Rio oder Dubai annehmen können? Nein, jetzt verbringe ich zwei Wochen in Bukarest.«
»Dort ist es bestimmt nicht so langweilig, wie du jetzt vielleicht denkst. Am Ende willst du gar nicht mehr heimkommen.«
An diese Möglichkeit wollte sie gar nicht erst denken. Aus irgendeinem Grund fand sie es schon schlimm genug, dass Matt zwei Wochen lang weg sein würde.
Sie selbst dagegen musste die kompletten Ferien in Bonesdale verbringen, da Mildred und sie schon Anfang des Jahres nach Südamerika geflogen waren, um Liliths Vater zu besuchen. Sie war damals so glücklich darüber gewesen, dass sie und ihr Vater es geschafft hatten, normal miteinander umzugehen und das heikle Thema ihrer Wandlung auszuklammern. Auch wenn sie nun oft miteinander telefonierten, so blieb dies nur ein trauriger Ersatz, denn manchmal erinnerte sie erst der Klang seiner Stimme daran, wie sehr ihr Vater ihr fehlte. Wenigstens blieb Emma während der Ferienzeit an ihrer Seite, da ihre Eltern dieses Jahr auf ihren obligatorischen Sommerurlaub in Schottland verzichteten. Laut Emma war dies jedoch kein Grund zum Trübsalblasen, denn ein Aufenthalt dort versprach ungefähr so viel Abwechslung wie für einen Eskimo ein Urlaub in der Antarktis.
»Quatsch, ich würde auf keinen Fall zu meinem Vater ziehen«, beteuerte Matt. »Zum einen würde meine Mutter ohne mich in kürzester Zeit in ihren schriftstellerischen Traumwelten versinken, und so interessant wie in Bonesdale ist es bestimmt nirgendwo.« Er zwinkerte ihr zu und Liliths Herz machte einen kleinen Hüpfer. Aber wahrscheinlich, so gemahnte sie sich selbst, meinte er damit lediglich die Magier, Zombies, Vampire und Werwölfe, die sich in Bonesdale tummelten.
»Obwohl es hier in letzter Zeit erheblich langweiliger geworden ist«, fügte Matt vorwurfsvoll hinzu. »Ohne Belial gibt es einfach nicht mehr so viel Action und Nervenkitzel. Ich frage mich, was du vor dem Tor von Nightfallcastle mit ihm angestellt hast, um ihn derart zu vergraulen.«
Lilith wusste, dass er das nicht wirklich ernst gemeint hatte, trotzdem verdüsterte sich ihre Miene, wie immer, wenn die Sprache auf diesen besagten Abend kam.
»Womöglich habe ich ihm genauso viel Angst gemacht wie ich mir selbst«, rutschte es ihr leise heraus.
Erschrocken klappte sie den Mund zu, doch Matt war schon hellhörig geworden.
»Wie meinst du das? Warum hast du dir selbst Angst gemacht?«, bohrte er weiter. »Es ist etwas passiert, das du niemandem erzählt hast, stimmt’s? Ich hatte schon immer das Gefühl, dass du uns etwas verschweigst. Los, raus mit der Sprache!«
»Du denkst, ich verschweige euch etwas?« Sie zwang sich zu einem Lachen. »Das ist doch Blödsinn! Was sollte das denn sein?«
»Keine Ahnung.« Er zuckte mit den Schultern. »Deswegen sollst du es mir ja sagen!«
»Da ist nichts passiert, was du nicht schon längst weißt«, zwang sie sich mit belegter Stimme zu einer Lüge. Leider zählte das Schwindeln nicht gerade zu ihrer Paradedisziplin, und so war es nicht verwunderlich, dass Matt sie mit einem äußerst skeptischen Blick maß.
Im Bestreben, der unangenehmen Situation zu entkommen, fügte sie hastig hinzu: »Aber ich sollte Emma jetzt wirklich nicht mehr länger warten lassen und endlich reingehen.«
Mit einem argwöhnischen Funkeln in den Augen verabschiedete sich Matt von ihr und wenige Minuten später fand sich Lilith im Haus der Middletons in einem vielstimmigen Chaos wieder. In allen Zimmern standen Familienangehörige und Mitglieder des Hexenzirkels herum, die meisten hatten Gläser und schon halb geleerte Teller in den Händen, andere bedienten sich noch am reichhaltigen Buffet, das auf schmalen Tischen im Flur aufgestellt worden war. Lilith kam meist nie mehr als zwei Schritte vorwärts, ehe sie wieder von jemandem begrüßt und in ein Gespräch verwickelt wurde. Jeder wollte wissen, ob sie wegen ihrer Ansprache bei der späteren Zeremonie schon aufgeregt war, und Melindas Bansheefesttagskleid wurde ebenso bewundert wie Liliths »bezauberndes Aussehen«. Endlich konnte sie sich davonstehlen, schnappte sich im Vorbeigehen ein paar Leckerbissen vom Buffet und machte sich auf die Suche nach Emma. Sie fand sie schließlich oben in ihrem Zimmer, wo sie allein auf ihrem Bett saß und nervös ihre Hände knetete. Wegen ihrer Verspätung rechnete Lilith mit einem Vorwurf, doch Emma brachte nur ein heiseres »Hallo« hervor. Ihre braunen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und im ersten Moment überraschte es Lilith, dass sie Jeans und T-Shirt trug und kein Hexengewand. Aber für die anstehende Prüfung war praktische Kleidung wahrscheinlich sinnvoller und Lilith glaubte sich zu erinnern, dass Hexen das traditionelle Gewand erst anziehen durften, wenn die Phase der Anwärterschaft abgeschlossen war. Verstohlen steckte sie sich die letzten Stücke Madenpopcorn in den Mund, setzte sich neben Emma und nahm ihre Hand. »Hey, du schaffst das heute Nacht, da bin ich mir ganz sicher. Freu dich lieber, dass diese doofe Prüfungszeit bald vorbei ist!«
»Tu ich ja auch«, hauchte Emma halbherzig. Die Sonne hatte auf ihre Nase winzige Sommersprossen gemalt, doch selbst die schienen heute fast so bleich wie der Rest ihres Gesichts zu sein. »Wenn es nur endlich losgehen würde. Du musst mich unbedingt ablenken, sonst drehe ich noch durch!«
Lilith sah sie ratlos an. »Wie denn?«
»Erzähl mir irgendetwas!«
Sie musste nicht lange überlegen, immerhin war an diesem Abend tatsächlich etwas Ungewöhnliches vorgefallen. Lilith erzählte von dem seltsamen Anruf und gab sich Mühe, ihren Bericht extra mysteriös und unheimlich klingen zu lassen. »Die letzten Worte der Geisterstimme waren ›Lilith, komm, hilf uns!‹, dabei ist mir ein eiskalter Schauer über den Rücken gelaufen.«
Emma winkte jedoch gelangweilt ab. »Das war sicher nur ein Jux-Anruf, jemand wollte sich einen Spaß mit dir erlauben.«
»Aber es hat überhaupt nicht gespielt gewirkt«, widersprach Lilith. »Dieser Hilferuf hatte etwas Flehentliches.«
»Hey, du lebst in Bonesdale – wenn du Spinner mit einem abgedrehten Sinn für Humor suchst, bist du hier genau richtig. Um mich von der Prüfung abzulenken, solltest du schon eine bessere Story parat haben«, beschwerte sie sich. Mit einem Mal nahm ihre Miene einen verträumten Ausdruck an und in ihre Augen stahl sich ein Funkeln. »Weißt du, wer vorher vorbeigekommen ist, um mir viel Glück zu wünschen?«
»Matt.«
Enttäuscht, dass Lilith ihre bombastische Neuigkeit sofort erraten hatte, stülpte sie ihre Unterlippe vor. Emma war in Matt verliebt, seit sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, und anscheinend wurde es seither mit jeder Begegnung schlimmer.
»Das war sooo süß von ihm, findest du nicht?«
»Ja«, gab Lilith wortkarg zurück. Emmas Gefühle für Matt gehörten nicht gerade zu ihren Lieblingsgesprächsthemen. Als ihre Freundin sie immer noch erwartungsvoll anblickte, fügte sie pflichtschuldig hinzu: »Sehr süß, wirklich.«
»Heute wäre es fast so weit gewesen«, hauchte Emma.
Lilith warf ihr einen irritierten Seitenblick zu, völlig ahnungslos, was sie gemeint haben könnte. »Was denn?«
»Heute hätte er sich beinahe ein Herz gefasst und mich geküsst!«
»Echt?« Lilith hatte plötzlich einen bitteren Kloß im Hals. »Wie kommst du darauf? Hat er denn versucht, dich zu küssen?«
»Nein, das nicht gerade«, räumte Emma unwillig ein.
Lilith zog skeptisch eine Augenbraue hoch und versuchte, das Gefühl der Erleichterung, das sich in ihrem Inneren ausbreitete, zu ignorieren. »Hat er irgendwelche Andeutungen in diese Richtung gemacht?«
»Könntest du bitte aufhören, so verdammt rational zu sein«, rief Emma genervt. »Ich habe es einfach gespürt! Er war so bemüht um mich und saß ganz dicht neben mir, dann hat er meine Hand genommen und mich mit diesem besonderen Blick angesehen, verstehst du?«
»Nein, was für ein Blick sollte das denn sein?«
»Dieser ganz spezielle Blick eben!« Emma stöhnte gequält auf. »Ach, es hat ja doch keinen Sinn, dir das zu erklären. Aber warte es nur ab: Irgendwann triffst du auch einen Jungen, für den du so empfindest wie ich für Matt. Schon allein wenn er dann deine Hand hält, hast du das Gefühl, dass …« Sie hielt inne und suchte nach den richtigen Worten.
»… dass die Welt einen Moment lang stillsteht und nichts anderes mehr existiert«, beendete Lilith leise ihren Satz. Seit dem letzten Winter versuchte sie die Erinnerung an die Nacht zu verdrängen, als Matt und sie auf dem Friedhof glaubten, von dem Werwolfsrudel zerfleischt zu werden, und sie sich an den Händen gehalten hatten. Am Anfang hatte sie überlegt, ob sie Emma von diesem magischen Moment erzählen sollte, doch sie hatte immer den richtigen Augenblick verpasst und irgendwann schien es zu spät dafür zu sein. Lilith wollte auf keinen Fall das Risiko eingehen, ihre beste Freundin zu verlieren. Schließlich bestand die Möglichkeit, dass sie sich diese besondere Verbindung zu Matt nur eingebildet hatte.
»Ja genau, so fühlt es sich an!«, jubelte Emma. »Woher weißt du das?«
Lilith räusperte sich. »Ich habe nur versucht, mich in dich hineinzuversetzen.«
Emmas Miene verdunkelte sich so plötzlich, dass Lilith unruhig auf dem Bett herumrutschte. War sie ihrem kleinen Geheimnis etwa auf die Schliche gekommen?
»Das Dumme ist, dass die Sache zwischen mir und Matt alles viel schwieriger macht«, sagte sie betrübt. »Niemand hatte erwartet, dass ich mich tatsächlich zur Hexe wandle und nun stehe ich vor meiner siebten Prüfung. Manchmal wünschte ich, ich würde aufwachen und alles war nur ein Traum.«
Schon oft hatten sie darüber diskutiert, ob Emmas Wandlung dank der Seelengrubler möglich gewesen war, die sie nachts auf dem Friedhof eingefangen hatten und die angeblich die Wandlung einer Hexe positiv beeinflussen konnten.
Allerdings würden sie auf diese Frage wohl niemals eine Antwort finden.
»Aber das ist es doch, was du dir von ganzem Herzen gewünscht hast!«, erinnerte Lilith sie. »Deine größte Angst war, eine Socor zu werden.«
»Ich wollte nur eine ganz normale Hexe sein! Natürlich nicht gerade eine niedere Unken-Hexe, deren magische Fähigkeiten sich darauf beschränken, permanent nahendes Unheil zu verkünden und an jeder noch so guten Situation eine schlechte Seite zu entdecken. Aber mir hätte es voll und ganz ausgereicht, eine Hexe des vierten Kreises zu werden wie meine Mutter. Ich weiß nicht einmal, ob ich die Prüfung heute bestehen will. Wenn ich durchfalle, müsste ich mich wenigstens nicht entscheiden …« Sie stieß einen herzerweichenden Seufzer aus.
Lilith verstand überhaupt nichts mehr. »Entscheiden? Zwischen was denn?«
Emma zögerte und biss sich auf die Lippen.
Obwohl Lilith sie nicht drängen wollte, setzte sie hinzu: »Bitte, Emma, dich bedrückt doch etwas! Du weißt, dass du mir vertrauen kannst, ich werde bestimmt niemandem davon erzählen.«
»Da dich der Hexenzirkel sowieso zur Prüfung eingeladen hat, kann ich es dir wahrscheinlich verraten«, meinte Emma, nachdem sie einige Zeit grübelnd ins Leere gestarrt hatte. Sie holte tief Luft, wie um sich Mut zu machen. »Heute wird sich herausstellen, welchen Dämonengrad ich besitze. Eine Hexe des siebten Kreises hat sozusagen die freie Auswahl und kann sich der Magie des mächtigsten Dämons bedienen. Natürlich erwarten alle von mir, dass ich genau das tun werde. Ich habe sogar einen Brief von der obersten Zirkelanführerin Lutmilla Honigfleck erhalten, in dem sie mir für heute Abend viel Erfolg wünscht.«
Die meisten Nocturi besaßen ihre übernatürlichen Kräfte allein durch ihre Wandlung, doch Lilith wusste, dass die Sache bei Magiern und Hexen etwas komplizierter war. Ihre Fähigkeit bestand darin, sich mittels schwieriger magischer Anrufungen der Kraft eines Dämons bedienen zu können. Dies war jedoch nicht nur zeitaufwendig, sondern auch sehr gefährlich, denn die aus dem Schattenreich gewaltsam herbeizitierten Dämonen waren nicht gerade erfreut, ihnen zu Diensten sein zu müssen, und sie nutzten jede Schwachstelle des Beschwörungsrituals, um sich an der Hexe oder dem Magier zu rächen oder sie gar zu töten. Irgendwann beschloss man, den Dämonen einen Handel anzubieten: Die Hexen und Magier wollten eine feste Verbindung mit einem Dämon ihrer Wahl eingehen, um sich somit jederzeit seiner magischen Kraft bedienen zu können – natürlich nur, insofern sie auch genügend Willenskraft besaßen, ihn zu beherrschen. Im Gegenzug dafür durften die Dämonen aus freien Stücken in die Menschenwelt wechseln, denn dies war ihnen bis dahin nur eingeschränkt möglich. Die Dämonen, Magier und Hexen besiegelten den Pakt mit einem heiligen Eid, und so wurde das Schattenportal erschaffen.
»Okay, ich kann verstehen, dass dich das alles unter Druck setzt, aber warum hast du so viel Angst davor, dich mit einem der höheren Dämonen zu verbinden?«
»Zum einen haben sich in der Vergangenheit viele Hexen überschätzt. Die siebte Prüfung zu bestehen ist keine Garantie dafür, dass der eigene Wille tatsächlich stark genug ist, die Verbindung mit einem mächtigen Dämon über Jahre hinweg durchzuhalten. Die Großtante meiner Mutter ist deswegen verrückt geworden, andere wiederum wurden von der Bösartigkeit des Dämons infiziert und haben grauenvolle Dinge getan. Zum anderen …« Emma stockte, sah zur Sicherheit noch einmal zur Tür und senkte die Stimme. »Weil das den Fluch verstärkt.«
»Was für einen Fluch?«, fragte Lilith ebenfalls im Flüsterton.
Emma stand auf und lief unruhig im Zimmer umher. »Vor vielen Jahrhunderten wurde über die Hexen ein Fluch ausgesprochen, der sich umso stärker auswirkt, je mächtiger der angerufene Dämon ist. Die Hexe altert schneller und verliert … ähm, ihre körperliche Attraktivität.«
»Ihr werdet hässlich?«, entfuhr es Lilith reflexartig, wofür sie von Emma einen wütenden Seitenblick erntete. »Das ist ein Witz, oder? Du willst mich veräppeln?«
»Du bist doch unten auf der Party all den anderen Hexen begegnet. Was denkst du, warum die meisten von ihnen so aussehen, als wären sie böse Märchenhexen? Meinst du, dass wir alle miteinander verwandt sind und das erblich bedingt ist?« Sie zerrte ihre Nachttischschublade auf und zog ein Foto hervor. »Hier, das ist meine Mutter, als sie in meinem Alter war.«
Lilith betrachtete das verblichene Bild, auf dem ein junges Mädchen zu sehen war, das Emma fast bis aufs Haar glich, sogar die etwas zu lange Nase war identisch. Nie im Leben hätte Lilith sie als Emmas Mutter identifiziert, die sich für ihre Rolle als böse Hexe beim täglichen Halloweenspektakel nicht einmal schminken musste. »Oh« war alles, was sie hervorbrachte.
Ein unheilvolles Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus. Nun konnte Lilith nachvollziehen, warum Emma sich so aufregte. Wer entschied sich schon gerne freiwillig für dieses Schicksal, noch dazu, wo Emma sich im Moment so viele Hoffnungen auf Matt machte?
»Ich habe mir gewünscht, eine einfache Hexe zu sein, und wäre schon glücklich gewesen, wenn ich es bis zum zweiten Kreis geschafft hätte. Und jetzt …« Emma setzte sich mit hängenden Schultern aufs Bett und kämpfte mit den Tränen. »Aber meine Eltern sind so stolz auf mich und Lutmilla Honigfleck hat mich sogar nach London eingeladen. Ich kann doch nicht alles hinschmeißen und mich vor der Prüfung drücken, oder?«
»Nein, leider nicht«, gab Lilith nachdenklich zurück, obwohl sie gerne etwas anderes gesagt hätte. Sie umarmte Emma, die daraufhin hemmungslos aufschluchzte. »Was soll ich denn nur machen, Lilith? Ich will einfach keine hässliche Oberhexe werden.«
Wie immer in solchen Situationen schaltete sich der ruhige und analytische Verstand ihres Vaters ein und Lilith stellte fest, dass Emma nur eine Möglichkeit blieb. »Heute Nacht musst du erst einmal gar nichts entscheiden! Wenn du dir nach reiflicher Überlegung sicher bist, dass du keine warzenübersäte Hexe werden willst, kann dich auch keiner dazu zwingen«, meinte sie bestimmt. »Doch zuerst einmal bringst du diese Prüfung hinter dich, und zwar so gut wie möglich. Wenn du durchfällst, musst du allen in die Augen schauen und ihnen sagen können, dass du dein Bestes gegeben hast. Und danach sehen wir weiter, okay?«
Sie spürte, wie sich Emma dank ihrer selbstsicheren Worte wieder etwas entspannte. »Meinst du, du schaffst das?«
»Du hast recht.« Emma nickte, schniefte ein letztes Mal und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. »Ich muss diese Entscheidung schließlich nicht gleich heute fällen. Erst einmal muss ich versuchen, die Aufgabe, die ich nachher gestellt bekomme, zu lösen.«
»Hast du eine Ahnung, was dich erwarten wird?«
»Leider nein, nur die Prüfungshexen sind informiert worden. Bisher wurde jedenfalls …« Sie stockte, als ihr einfiel, dass sie darüber nicht sprechen durfte, doch dann machte sie eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, was soll’s, jetzt kann ich dir das auch noch verraten: Bisher wurde theoretisches und angewandtes Wissen abgefragt, Pflanzen- und Heilkräuterkunde, Grundkenntnisse der Hexenwissenschaften, Einfühlungsvermögen und logisches Denken. Noch nicht einmal meine Mutter hat eine Idee, was für ein Aspekt des Hexendaseins noch fehlen könnte.«
In diesem Moment klopfte es und Emmas Mutter streckte den Kopf herein, ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet. »Schatz, bald ist Mitternacht. Es wird Zeit loszugehen!«
Emma und Lilith wechselten einen bedeutungsvollen Blick. »Auf in den Kampf!«, sagte Emma mit unsicherer Stimme.
Die Nacht war sternenklar und ein lauer Wind wehte über die Anhöhe, auf der sich die kleine Gruppe versammelt hatte. Sie befanden sich auf einem hohen Felsen in der Nähe des kleinen Dorfes Creepers Valley, das auf der gegenüberliegenden Seite der St.-Nephelius-Insel lag und im Grunde nur aus ein paar Häusern und einem angespülten Fischkutter bestand.
Genau wie unter Liliths Schlafzimmerfenster hörte man auch hier oben das wütende Aufbranden der Wellen, die gegen die steilen Klippen schlugen. Nur Lilith und der Bonesdaler Hexenzirkel, der aus neunzehn Frauen bestand, waren anwesend – der Rest der Partygäste hatte im Haus der Middletons zurückbleiben müssen. Neben all den spitzen Hüten, bodenlangen Röcken und buckligen Rücken fühlte sich Lilith wie auf einer Kostümparty, bei der die allseits nervöse Stimmung darauf schließen ließ, dass jeden Moment die Siegerin verkündet werden würde. Dass der Anlass jedoch bitterernst war, erkannte man an der angespannten Haltung von Alberta Frost, der weißhaarigen Anführerin des Zirkels von Bonesdale. Mit ihrer faltigen Hand hielt sie Emma neben sich fest, als ob sie befürchtete, das junge Mädchen könnte sich jeden Moment aus dem Staub machen. Im tanzenden Schein der Fackeln, die reihum in die Erde gesteckt waren, konnte Lilith Emmas Gesicht zwar nur schemenhaft erkennen, doch ihre Freundin schien sich mittlerweile in ihr Schicksal gefügt zu haben und keinen Gedanken an eine Flucht zu verschwenden.
Alberta schlug mit der Spitze ihres Gehstocks auf einen Stein, um sich der allgemeinen Aufmerksamkeit sicher zu sein. »Meine lieben Zirkelmitglieder«, begann sie mit feierlicher Stimme, »der Grund unseres heutigen Zusammentreffens ist einmalig in den Annalen des Bonesdaler Hexenzirkels. Auch wenn wir schon Hexen des siebten Kreises bei uns aufnehmen durften, so hatten wir noch nie die Ehre, eine Prüfung des siebten Kreises bei einer der Unsrigen durchzuführen. Deswegen ist diese Nacht nicht nur für unsere Anwärterin Emma Middleton von großer Bedeutung, sondern könnte auch für uns historische …«
»Diese Prüfung wird einen schlimmen Ausgang nehmen«, raunte in diesem Moment die Hexe direkt neben Lilith. »Ganz, ganz schlimm.«
Erstaunt drehte sich Lilith zu ihr um. »Wie bitte?«
»Siehst du nicht das unheilvolle Sternbild?« Sie deutete mit zittrigen Fingern irgendwo nach rechts in den Himmel. »Die dreibeinige Schildkröte steht im fünften Kreis der tanzenden Schlange, die sich um den Hals der stinkenden Mondkröte geschlungen hat. Laut der Tierastrologie der alten Hinû bedeutet das Unglück. Großes Unglück.«
»Mhm, mhm«, folgte Lilith ihren Ausführungen.
»Und laut der fatalistischen Körperpsychologie von Alfons Kloppenheimer lässt Emmas Haltung darauf schließen, dass sich ihr Körper schon auf einen schmerzhaften Unfall vorbereitet – sie weiß nur noch nichts davon!« Die Hexe fuchtelte nun sichtlich erregt in Emmas Richtung. »Siehst du die herabhängenden Arme, das nach rechts eingerückte Bein und die leicht schief stehende Hüfte? All das sind ganz schlechte Omen.«
Lilith blickte sie völlig unbeeindruckt an. »Unken-Hexe, stimmt’s?«
Erstaunt ließ die Frau ihre Hand sinken. »Ja, woher weißt du das?«
Lilith grinste und zuckte mit den Schultern. »Wahrscheinlich eine Kloppenheimer’sche Eingebung!«
Gerade noch rechtzeitig wandte sie ihre Aufmerksamkeit wieder Albertas Rede zu. »… und deswegen haben wir als offizielle Richterin Lilith Parker, die Trägerin des Bernstein-Amuletts und zukünftige Führerin der Nocturi, zu uns gebeten. Sie wird darüber wachen, dass die letzte Prüfung der Anwärterin ohne Hilfe und Unterstützung vonseiten der Prüfungshexen durchgeführt wird. Wir danken dir für dein Kommen, Lilith!«
Alle Hexen blickten nun auf Lilith, während ihr Alberta einen kleinen Wink gab.
Lilith trat vor und klammerte sich an den Zettel in ihrer schweißnassen Hand, obwohl sie ihre Ansprache schon auswendig konnte.
»Ich fühle mich sehr geehrt«, begann sie und bemühte sich dabei, in selbstsicherem Tonfall zu sprechen, »der heutigen Zeremonie als Richterin beiwohnen zu dürfen, und danke den Hexen für ihr Vertrauen, das mir mit dieser Einladung zuteilwurde. Als Trägerin des Bernstein-Amuletts gelobe ich hiermit, mich an die Richtlinien des Hexenkodex zu halten und nur mit den Hexen über die Geschehnisse der kommenden Prüfung zu sprechen. Im Namen aller Nocturi wünsche ich der Anwärterin Emma Middleton viel Glück!«
Nach einem kurzen Applaus verkündete Alberta mit dröhnender Stimme: »Beginnen wir mit der Prüfung!«
Alberta und die drei Prüfungshexen führten Emma zum Rand der Anhöhe, wo ein großer Stein bereitlag, an dem eine Eisenkette befestigt worden war.
»Wir werden diese Kette nun um deinen Knöchel wickeln und mit einem magischen Schloss versehen. Deine Aufgabe besteht darin, mit dem Stein über die Klippe ins Meer zu springen. Wenn du das überlebst, hast du die Prüfung bestanden.«
Ein ungläubiges Raunen ging durch die Menge.
»Das kann doch nicht ihr Ernst sein«, wisperte Lilith fassungslos.
Gehörte das nicht zu diesen absurden mittelalterlichen Tests, mit denen die Menschen prüfen wollten, ob eine Frau eine Hexe war? Emma konnte diesen Sprung überhaupt nicht überleben! Selbst wenn sie Glück hatte und unten nicht gegen einen der spitzen Felsen prallte, würde sie dank des Steins sofort in die Tiefe gezogen werden und im Meer ertrinken. Sie besaß überhaupt noch nicht die Fähigkeiten, um so ein magisches Schloss öffnen zu können.
»Ach du Schreck!«, murmelte die Unken-Hexe. »Das ist ja noch schlimmer, als ich prophezeit habe. Das ist mir auch noch nie passiert.«
»Sind die von allen guten Geistern verlassen?«, fragte eine andere.
Lilith sah Hilfe suchend zu Emmas Mutter hinüber, doch Cynthia starrte mit schreckgeweiteten Augen auf ihre Tochter und presste sich eine Hand vor den Mund, als dämpfe sie damit einen Aufschrei.
Alberta hob beschwichtigend die Hände und bat um Ruhe. »Ich weiß, liebe Zirkelmitglieder, das klingt nach einer nicht zu bewältigenden Aufgabe.« Sie wandte sich Emma zu. »Doch du wirst diese Prüfung bestehen, wenn du an dich und deine Kräfte glaubst. Ich gebe dir mein Wort als Zirkelführerin. Vertraue auf dich, vertraue dem Zirkel, Emma!«
Die drei Hexen um Alberta hatten in Windeseile die Kette um Emmas Knöchel geschlungen und ließen das magische Schloss einrasten. Ächzend hob eine von ihnen den Stein in die Höhe, während die anderen Emma, die völlig erstarrt zu sein schien, in Richtung Abgrund schoben.
»Lilith, würdest du bitte den Sitz der Kette überprüfen?«, rief Alberta ihr zu. »Du musst bezeugen, dass von unserer Seite nichts manipuliert wurde.«
Wie betäubt setzte sich Lilith in Bewegung. Sie konnte doch nicht einfach dabei zusehen, wie ihre beste Freundin in den Tod geschickt wurde?
»Emma«, flüsterte sie, während sie an dem magischen Schloss herumfummelte. Abseits des Fackelkreises war es so finster, dass sie kaum etwas erkennen konnte. »Du musst das nicht machen, hörst du?«
»Wie … was?«, stammelte Emma verwirrt. »Hast du etwas gesagt?«
»Spring nicht, Emma! Du musst diese Prüfung abbrechen!«
»Aber sie wollen doch, dass ich … Ich muss doch …« Sie schien nicht einmal mehr einen sinnvollen Satz zustande zu bringen und nicht in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen.
Alberta trat zu ihnen. »Stimmt etwas nicht?«, fragte sie ungeduldig. »Haben wir die Kette nicht richtig angebracht?«
»Doch, sie sitzt bombenfest«, zischte Lilith. Vorsichtig richtete sie sich wieder auf, denn nur einen Schritt von ihr entfernt klaffte die Leere des Abgrunds. Obwohl die Nacht ihren schwarzen Schleier über die steil abfallende Klippe gelegt hatte, erfasste sie allein von dem Wissen, wie tief es dort hinunterging, ein unangenehmer Schwindel. Das Rauschen der Wellen, die wütend gegen die Felsen klatschten, war für Liliths Geschmack viel zu weit entfernt, und schon hatte sie das Bild vor Augen, wie Emma lautlos dort hinuntersegelte und ihr Körper durch die Wucht des Aufpralls förmlich in Stücke gerissen wurde. Das war keine Prüfung, das war eine Exekution!
»Also gut, Emma, die Zeit ist gekommen«, fuhr Alberta fort. »Nun wirst du …«
»Wisst ihr überhaupt, was ihr hier macht?«, brach es aus Lilith voller Zorn heraus. »Ihr wollt für eure doofe Prüfung ein dreizehnjähriges Mädchen in den sicheren Tod schicken. Niemand kann einen Sprung aus dieser Höhe überleben.«
»Ich verstehe, dass du dich um deine Freundin sorgst«, sagte Alberta in dem bemüht geduldigen Tonfall, den Erwachsene üblicherweise für Kleinkinder reserviert hatten. »Deswegen sage ich es dir im Guten: Misch dich nicht in Dinge ein, die dich nichts angehen!«
»Bitte, Lilith«, sagte Emma kaum hörbar.
»Aber sie wird sterben, wenn sie springt«, rief Lilith empört. »Ich werde das nicht zulassen!«
Alberta musterte sie mit höhnischer Miene. »Und was willst du dagegen unternehmen?«
Liliths Wangen brannten vor Scham und unterdrückter Wut. Alberta hatte recht: Sie hätte allein gegen den gesamten Hexenzirkel keine Chance.
Aber wenn sie ihre Dämonenkräfte einsetzte?, schoss es Lilith durch den Kopf. Immerhin hatte sie mit deren Hilfe schon einen Erzdämon besiegt und die Hexen rechneten sicherlich nicht damit, dass sie über eine derartige Macht verfügte. Der Überraschungsmoment wäre somit auf ihrer Seite. Lilith biss sich zweifelnd auf ihre Unterlippe. Nein, sie hatte sich geschworen, den Chor der Dämonen nie mehr anzurufen, egal wie ausweglos die Situation sein würde. Es musste noch eine andere Möglichkeit geben!
Kurz entschlossen setzte sich Lilith auf den Stein und griff nach der Kette. »Ich rühre mich hier nicht mehr vom Fleck und ihr werdet bestimmt nicht so weit gehen, den Stein mitsamt der Trägerin des Bernstein-Amuletts in die Tiefe zu werfen, oder?«
Alberta zog scharf die Luft ein und vom Kreis der Hexen war aufgeregtes Gemurmel zu hören.
»Komm mit, sofort!« Alberta packte Lilith am Arm und zog sie unsanft beiseite. Völlig überrumpelt stolperte Lilith hinterher, sie hatte nicht erwartet, dass die alte Hexe über derart viel Kraft verfügte.
»Um was für ein Versprechen habe ich dich vor ein paar Tagen gebeten?«, fragte Alberta, als sie außer Hörweite waren. Sogar der schwarze Flaum auf ihrer Oberlippe zitterte vor Empörung.
»Dass ich mich unter keinen Umständen in die Prüfung einmischen soll.« Lilith verschränkte die Arme vor der Brust. »Aber da wusste ich schließlich nicht, dass ihr Emma umbringen wollt.«
»Du beanspruchst meine Geduld über alle Maßen, Kind!«, stieß Alberta in scharfem Ton aus. »Aber da ich dich anders wohl nicht zum Aufgeben bewegen kann, muss ich mich nun über die Regeln hinwegsetzen und dir einen Tipp zur Lösung der Hexenprüfung geben. Hörst du gut zu?«
Lilith nickte mit zusammengekniffenen Lippen. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag war sie als Kind bezeichnet worden und sie stellte fest, dass ihr das gewaltig gegen den Strich ging.
»Halte einen Moment inne und erinnere dich deiner Fähigkeiten, Todesfee!« Alberta fixierte sie mit eindringlichem Blick. »Dann wirst du die Wahrheit erkennen!«
Sie stapfte zurück und Lilith blickte ihr verständnislos hinterher. Sie sollte ihre Bansheekräfte einsetzen? Wozu das denn? Während sich ihre Gedanken überschlugen und sie fieberhaft das Rätsel zu lösen versuchte, fuhr Alberta, ohne weiter Zeit zu verlieren, mit der Prüfung fort.
»Bist du bereit, die dir gestellte Aufgabe zu absolvieren, Emma Middleton?«
»Ja, das bin ich«, hörte Lilith sie zu ihrer Überraschung mit fester Stimme antworten. Während der kurzen Unterbrechung schien sie sich wieder gefasst zu haben und auch ihre Haltung wirkte selbstsicherer. »Ihr habt mir euer Wort gegeben, dass ich diese Herausforderung bestehen kann. Ich werde an meine Kräfte glauben und dem Zirkel vertrauen. Dafür stelle ich mich sogar dem Tod.«
Dem Tod … Natürlich! Fast hätte sich Lilith mit der flachen Hand auf die Stirn geschlagen. Wie hatte sie nur so blind sein können? Als sie zusammen in Emmas Zimmer saßen, hatte sich Emma während ihres Gesprächs endgültig dazu entschlossen, die Prüfung anzutreten und sie bestmöglich zu Ende zu bringen. Wäre dies die Entscheidung gewesen, die zu ihrem Tod führte, hätte sich von diesem Zeitpunkt an das Todesmal über ihrem Kopf gebildet. Auch wenn Liliths größte Sorge damit beseitigt war, so könnte sich Emma bei dem Sturz trotzdem schwer verletzen, und bei einem gebrochenen Rückrat würden selbst Cynthias Heilkünste versagen.
»Mache dich nun bereit für deinen Sprung!«
Lilith hielt die Luft an. Auf der gesamten Anhöhe herrschte absolute Stille.
Emma klammerte sich an die Kette, den schweren Stein direkt neben sich, und blickte in den Abgrund hinunter, wobei ihrer Kehle ein erstickter Laut entwich.
Lilith schlang ihre Arme um die Brust und ihre Finger gruben sich tief in ihre Haut. Am liebsten hätte sie sich die Augen zugehalten.
»Ich glaube an mich, ich vertraue dem Zirkel!«, wiederholte Emma wie ein Mantra. »Ich schaffe das!«
Sie atmete noch einmal tief ein, dann trat sie ins Leere und verschwand in der Tiefe.
»Emma!« Liliths Augen füllten sich mit Tränen.
Obwohl alle auf diesen schrecklichen Anblick vorbereitet gewesen waren, brach Tumult unter den Hexen aus und Cynthia rannte schluchzend zur Absprungstelle.
Doch schon hörte man einen dumpfen Aufprall und Emmas Schrei brach urplötzlich ab.
»Aua!«, hörte man ihre Stimme, die nicht besonders weit von ihnen entfernt zu sein schien.
Lilith runzelte die Stirn. Klammerte sich Emma vielleicht an einen Felsvorsprung? Aber durch das Gewicht des Steins würde sie das sicherlich nicht lange durchhalten.
Alle spähten neugierig nach unten und Alberta schwenkte mit zufriedenem Lächeln eine Fackel.
Etwa drei Meter von ihnen entfernt blinzelte Emma irritiert zu ihnen hoch.
»Warum ist denn hier ein Holzpodest?«, fragte sie völlig perplex.
»Weil wir es dort angebracht haben, ehrwürdige Hexe des siebten Kreises«, erklärte Alberta.
Sie riss die Fackel in die Höhe und verkündete: »Die Prüfung des Glaubens und der Willensstärke wurde bestanden!«
Unter den Hexen brach triumphaler Jubel aus.