»Tagesbericht, Nachtrag: Neue Nachricht des Mittelsmanns erhalten, dass wir mit der zweiten Sprengung warten sollen. Frage mich, was er damit bezwecken will. Zuerst nennt er einen falschen Ort für die Sprengung, dann versichert er, dass die neuen Angaben richtig seien, wir aber nach dem Aufbau das Dynamit nicht zünden dürfen. Was soll das? Wenn seine Botschaften uns in den vergangenen Monaten nicht geholfen hätten, so viele von diesen dreckigen Vampiren zu töten und ihren Unterschlupf unter der Erde zu entdecken, würde ich die Sprengung sofort auslösen.«

Persönliche Aufzeichnungen von Damian Grigore,
Anführer der Vanator

André riss atemlos die Tür zu Vadims Zimmer auf und blieb gleich darauf so abrupt stehen, dass Lilith fast in ihn hineingelaufen wäre. Sie spähte über seine Schulter und sah Vadim mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen auf dem Bett liegen. Obwohl er schon vom Tod gezeichnet war, wirkten seine Gesichtszüge friedlich und entspannt. Dann erst entdeckte Lilith Rebekka auf dem Boden, ihre Glieder waren seltsam verdreht und ihr Gesicht war fast so blass wie das von Vadim. Nur ihr gleichmäßiger Atem ließ erkennen, dass sie noch am Leben war.

»Rebekka?« André stürzte zu ihr und griff nach ihrer schlaffen Hand. »Hörst du mich?«

So vorsichtig, als sei sie ein zerbrechlicher und wertvoller Schatz, hob er ihren Oberkörper an und zog sie mit sorgenvoller Miene an sich.

»Es ist bestimmt nichts Ernstes«, versuchte Lilith ihn zu beruhigen. »Wahrscheinlich hat sie in den letzten Tagen nur zu wenig gegessen und geschlafen.«

Und hat zu oft ihre Kräfte benutzt, fügte sie in Gedanken hinzu, doch André sollte deswegen kein schlechtes Gewissen bekommen.

»Rebekka?« Er strich ihr über die Haare und sie drehte ihm kaum merklich den Kopf zu.

Rebekka blinzelte benommen. »André, es tut mir leid, ich habe versagt …« Sie sprach so leise, dass Lilith automatisch die Luft anhielt, um sie verstehen zu können. »Dein Vater starb so sanft und friedlich, aber dann … seine Seele … keine Kraft mehr, sie zu lösen …« Sie wollte sich in die Höhe stemmen, doch André drückte sie wieder zurück in seinen Arm.

»Ich bringe dich auf dein Zimmer, damit du dich ausruhen kannst«, sagte er bestimmt, aber Rebekka war ohnehin zu schwach, um zu widersprechen. Ihre Augenlider begannen zu flattern und ihr Kopf sank schwer auf seine Schulter.

»Bleibst du bitte bei Vater?«, fragte André, während er Rebekka mühelos in die Höhe hob. »Nikolai müsste bald mit den Verwaltern der Bezirke kommen, damit sie den Tod unseres Vaters bestätigen. Das ist leider notwendig, damit meine Zeit als Thronanwärter beginnen kann.«

Liliths Blick fiel auf das Blutstein-Amulett, das er immer noch um den Hals trug. Nun würde er es nicht mehr wie geplant seinem Vater zurückgeben, sondern es so lange nicht mehr ablegen, bis sich der magische Verschluss aktivierte und damit seine Zeit als Thronanwärter begann. Während Nikolais Vortrag über die Amulette hatte Lilith erfahren, dass diese Phase nicht wie bei den Nocturi vom Mondzyklus abhängig war und sich deshalb schon in wenigen Tagen entscheiden würde, ob das Amulett André als seinen Träger akzeptierte. Wenn nicht, durchfuhr es Lilith mit einem Frösteln, würde dies Andrés Tod bedeuten. Was mochte dieser Gedanke wohl bei ihm auslösen? Er hatte in den letzten Wochen mehr erdulden und ertragen müssen, als es für jemanden in seinem Alter gut sein konnte, und wie er so dastand, schien es Lilith fast, als wäre er es, der sich an Rebekka festhielt.

»Ich werde bei ihm bleiben und Nikolai sagen, dass du bald wieder zurückkommst«, versicherte sie ihm.

»Danke!« Bevor er sich zum Gehen wandte, blieb er noch einmal stehen und betrachtete mit undurchdringlicher Miene den Leichnam seines Vaters. »Nun ist er für immer weg, er wird mir nie mehr auf die Schulter klopfen, mir Ratschläge erteilen und mich mit seiner Vergesslichkeit in den Wahnsinn treiben.« Er lachte traurig auf. »Ein Leben ohne ihn kommt mir so falsch und leer vor. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt.«

»Ich glaube, wenn man jemanden liebt, hat man immer das Gefühl, dass die gemeinsame Zeit zu kurz war.«

Er nickte stumm, und nachdem er Lilith verlassen hatte, kam ihr die Stille im Zimmer unnatürlich und schwer vor. Lilith zog sich einen Stuhl ans Bett, wagte jedoch nicht, Vadims totem Körper zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Obwohl sie eine Todesfee war, musste sie sich eingestehen, dass es sie mit Unbehagen erfüllte, neben einer Leiche zu sitzen. Um sich abzulenken, flüchtete sie sich in ihre Gedanken, was jedoch nur dazu führte, dass sie sofort über die Malecorax nachzugrübeln begann. Wenn doch nur Matt oder jemand anderes die Krähe ebenfalls gesehen hätte! Vielleicht hatte sie sich alles nur eingebildet, weil Belials Erscheinen eine wunderbare Erklärung für all die merkwürdigen Vorfälle abgeben würde und es so einfach wäre, ihn für Vadims mysteriöse Krankheit verantwortlich zu machen, genauso wie ihn als Spion der Vanator zu entlarven. Doch selbst wenn sich der Erzdämon tatsächlich in Chavaleen aufhielt, musste das noch lange nicht heißen, dass er an allem, was geschehen war, die Schuld trug. Lilith hatte selbst erlebt, wie zerstritten die Vampire untereinander waren und dass Nikolai und André nicht einmal den Verwaltern ihrer Bezirke uneingeschränkt vertrauen konnten. Sie fuhr sich erschöpft über das Gesicht, in ihrem Kopf drehte sich alles.

Wie sollte es nun weitergehen? Da die Zeremonie vorüber und Vadim gestorben war, konnten sie eigentlich nach Bonesdale zurückkehren; Matt würde sowieso bald zu seinem Vater weiterreisen. Allerdings musste Rebekka erst einmal wieder zu Kräften kommen und sich erholen. Es war unvernünftig von ihr gewesen, nicht früher um Liliths Hilfe zu bitten, damit sie sich diese schwere Aufgabe teilen konnten. Sie dachte an Rebekkas kaum verständliche Äußerungen, als sie wieder zu sich gekommen war. Hatte Rebekka nicht gesagt, dass sie keine Kraft mehr hatte, Vadims Seele zu lösen? Erst jetzt wurde Lilith bewusst, wie merkwürdig diese Aussage war, denn normalerweise bedurfte es dafür keiner Banshee. Eine Todesfee konnte einem Sterbenden den Übergang erleichtern, im Grunde war es jedoch ein Prozess, der von selbst vonstatten ging. Vielleicht war etwas schiefgegangen? Rebekka schien wegen dieser Sache völlig außer sich zu sein. Lilith kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Sollte sie nicht lieber überprüfen, was es mit Rebekkas rätselhaften Worten auf sich hatte?

Sie stand auf und trat zaghaft ans Bett. Mit jeder Minute, die vergangen war, hatte der Tod stärker seine Spuren in Vadims Gesicht hinterlassen. Lilith konnte in ihm kaum noch den Mann erkennen, den sie in Benin kennengelernt hatte, und sie musste sich dazu durchringen, ihre Hände auf seine totenkalte Haut zu legen. Noch nie hatte sie versucht, in den Geist eines Verstorbenen einzudringen, denn Vadims Bewusstsein musste seinen Körper bereits verlassen haben, und nur Nekromanten konnten jetzt noch mit seiner Seele in Kontakt treten. Deswegen überraschte es sie auch nicht, dass sie sich nach dem Aufrufen der Symphorien in einer weißen unendlichen Leere wiederfand. Hier gab es nichts mehr, keine Gefühle, keine Erinnerungen, kein Leben. Rebekka musste sich getäuscht haben! Sowohl fasziniert als auch traurig über die Tatsache, dass allein dieses farblose Nichts von einem langen, erfüllten Leben übrig geblieben war, wandelte Lilith umher und stieß dabei auf einen silbernen, straff gespannten Faden, so fein und unwirklich, dass er leicht zu übersehen war. Sie konnte nicht erkennen, wie oder woran er befestigt war, denn er kam unter ihr aus der Leere und verlor sich über ihr im Nichts. Lilith hatte keine Ahnung, was er zu bedeuten hatte, aber sie wusste eines: Dieser Faden gehörte hier nicht her! Vielleicht war es ein letzter winziger Teil von Vadims Seele, den irgendetwas davon abhielt, sich zu lösen? Genau davon musste Rebekka gesprochen haben, deswegen hatte sie sich so aufgeregt.

Sofort machte Lilith sich mit Feuereifer daran, Rebekkas Arbeit zu vollenden und die Verbindung zu trennen. Wenn Vadim in den letzten Wochen seines Lebens die Hölle durchlebt hatte, so sollte er wenigstens im Tod seinen Frieden finden! Lilith setzte ihre ganze Macht ein, bediente sich aller Hilfsmittel, die Imogen ihr beigebracht hatte, aber der Faden blieb unverändert bestehen. Entschlossen machte sie weiter, doch irgendwann waren auch ihre Kräfte bis auf den kleinsten Rest aufgebraucht und Lilith musste sich ihr Scheitern eingestehen. Dieser Faden war nicht zufällig entstanden, hier war eine fremde Magie am Werk, die über den Tod hinausging und gegen die sie nichts ausrichten konnte.

Als sie die Augen wieder aufschlug, atmete sie schwer und ein Übelkeit erregender Schwindel erfasste Lilith. Sie konnte von Glück sagen, dass sie sich in den letzten Tagen nicht verausgabt hatte und ihr Körper nicht ebenso geschwächt war wie Rebekkas. Kraftlos zog sie ihre Hände von Vadims Stirn und seinem Herzen. »Es tut mir so leid«, flüsterte sie, »ich habe wirklich alles versucht.«

Da seine Seele noch eine Verbindung zu dieser Welt besaß, konnte er sie vielleicht sogar hören. Lilith stutzte und zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Unter Vadims Hemd, dort, wo gerade noch ihre Hand gelegen hatte, zeichnete sich nun ein zartes Leuchten ab. Eilig schob sie den Stoff beiseite und entdeckte ein Zeichen auf Vadims Haut, das genauso silbern leuchtete wie der Faden in der Leere von Vadims Bewusstsein. Sie beugte sich vor, um es sich genauer anzusehen: In der Mitte befand sich ein Halbmond und darum gruppierten sich ein Messer, eine Art Puppe, die Zahl Fünf und ein Baum, der Lilith an Afrika erinnerte. Ohne weiter darüber nachzudenken, hob sie fasziniert die Hand und fuhr mit den Fingern darüber. Als sie die Zeichen jedoch berührte, ging von ihnen eine Art Blitzschlag aus und gleißende Hitze fuhr ihren Arm hinauf. Mit einem Schmerzensschrei schoss Lilith in die Höhe und entfernte sich so hastig vom Bett, dass sie über den Stuhl strauchelte.

»Verdammt, tut das weh!« Obwohl keine Verbrennung und auch keine anderweitige Verletzung zu sehen war, fühlte sich ihr rechter Arm an, als würde er in Flammen stehen. Sie klemmte sich die Hand zwischen ihre Knie, um den Schmerz zu unterdrücken, und hüpfte jammernd auf der Stelle.

»Lilith? Was ist denn mit dir los?«

Ohne dass sie ihn hatte kommen hören, stand Nikolai hinter ihr und starrte mit geöffnetem Mund zuerst auf Vadims Leichnam und dann auf sie.

»Entschuldige bitte«, presste sie mühsam hervor. »Ich will bestimmt nicht respektlos erscheinen, aber es tut so verflixt weh.« Erleichtert stellte sie fest, dass die Hitze nachließ und einem etwas schwächeren Pulsieren wich.

»Lass mal sehen!«

Nikolai untersuchte mit der akribischen Genauigkeit eines Wissenschaftlers ihre Hand. »Ich kann nichts erkennen, deine Haut ist völlig unverletzt.«

»Ich weiß!«, sagte sie und ließ sich frustriert auf den Stuhl sinken. Sie ballte ihre Hand zur Faust und streckte ihre Finger, was etwas zu helfen schien. »Ich habe dieses seltsame Zeichen berührt und dabei so etwas wie einen elektrischen Schlag abbekommen.«

Interessiert horchte er auf. »Ein seltsames Zeichen? Wo?«

Sie deutete von Weitem auf Vadims Oberkörper, da sie keinen gesteigerten Wert darauf legte, ihm noch einmal näher zu kommen. »Da, auf seiner Brust, es leuchtet silbern. Du kannst es nicht übersehen.«

Nikolai beugte sich über die besagte Stelle und untersuchte sie schweigend, während Lilith gespannt auf sein Urteil wartete. Bestimmt würde er ihr gleich genauestens erklären können, was es mit diesem ominösen Zeichen auf sich hatte. Ein warmer Hauch strich über ihre Wangen, was seltsam war, da Nikolai die Tür hinter sich geschlossen hatte und auch keines der Fenster geöffnet war.

»Da ist nichts«, stellte er schließlich nüchtern fest. »Keine Spur von etwas Ungewöhnlichem oder Unnormalem.«

»Nicht?« Lilith stolperte zum Bett und starrte fassungslos auf Vadims blassen Oberkörper. »Es ist weg! Einfach weg.«

Ihre Knie wurden weich und Nikolai ergriff ihren Arm, um ihr Halt zu geben. »Was hast du denn gesehen?«

Sie beschrieb ihm detailgenau die Einzelheiten, auch um ihm und sich zu beweisen, dass sie sich nicht alles nur eingebildet hatte.

»Das ist in der Tat merkwürdig«, meinte er nachdenklich.

Lilith ließ sich zurück auf den Stuhl sinken und vergrub den Kopf in ihren Händen. »Ich glaube, ich werde so langsam verrückt. Zuerst bilde ich mir ein, draußen auf der Balustrade eine Malecorax zu sehen und dann dieses Zeichen.«

Ihr kam ein schrecklicher Gedanke. Vielleicht hatte sie sich bei Vadim angesteckt? Hatte die Krankheit bei ihm nicht auch mit Halluzinationen begonnen? Was sie vor ein paar Tagen beim ersten Besuch in Vadims Bewusstsein gestreift hatte, war vielleicht eine Art mentaler Virus gewesen …

»Du hast eine Malecorax gesehen?«, hakte Nikolai nach.

»Ich habe wirklich geglaubt, dass es Belial ist und er hier in Chavaleen etwas ausheckt, aber mittlerweile …« Unsicher hob sie die Schultern. »Bevor ich jemandem die Malecorax zeigen konnte, war sie verschwunden, dabei habe ich nur eine Sekunde nicht hingeschaut.«

Nikolai nahm ihre Beobachtung gefasster auf, als sie erwartet hatte, aber wahrscheinlich hielt er sie mittlerweile sowieso nicht mehr für zurechnungsfähig.

»Nun, wenn es wirklich der Erzdämon gewesen ist, kannst du nicht erwarten, dass er dir zum Abschied eine Nachricht mit seinem neuen Aufenthaltsort hinterlässt, oder?« Er zwinkerte ihr aufmunternd zu, was für Lilith nur ein weiteres Indiz dafür war, dass er sie nicht ernst nahm. Aber konnte sie es ihm verübeln? Sie hatten heute in letzter Sekunde den Schutzschild um Chavaleen verstärkt, sein Vater war gestorben und neben diesem schmerzvollen Verlust stand er nun auch noch seinem Bruder bei den nötigen Formalitäten zur Seite. Sie hätte an Nikolais Stelle wahrscheinlich nicht einmal die Nerven besessen, sich ein derart unsinniges Gerede anzuhören und dabei so gelassen zu bleiben.

»Ich schätze, du solltest auf dein Zimmer gehen und dich ein bisschen ausruhen«, schlug er vor und schob sie mit fürsorglicher Miene in Richtung Tür. »Jeden Moment kommen die Verwalter der Bezirke und sie sollten besser nichts von einem mysteriösen Zeichen auf der Brust ihres gerade verstorbenen Anführers oder einem davonflatternden Erzdämon erfahren.«

»Natürlich, das verstehe ich.« Lilith spürte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Es aus Nikolais Mund zu hören, machte ihr erst bewusst, wie lächerlich das alles klang.

»Ach, fast hätte ich es vergessen: André bringt Rebekka gerade auf ihr Zimmer, kommt aber so bald wie möglich zurück.«

Nikolai nickte ihr mit einem dankbaren Lächeln zu. »Gut zu wissen, dann werde ich versuchen, die Verwalter ein wenig hinzuhalten.«

Lilith griff gerade nach der Türklinke, als sie neben sich ein unverständliches Flüstern hörte. Sie drehte sich noch einmal um. »Was hast du gesagt?«

»Ich?« Ehrlich überrascht zog Nikolai eine Augenbraue hoch. »Ich habe überhaupt nichts gesagt. Warum?«

Lilith schluckte schwer und umklammerte so fest die Türklinke, dass ihre Knöchel weiß hervortraten.

»Ach nichts, wahrscheinlich habe ich mich nur verhört«, beeilte sie sich ihm zu versichern und wandte sich hastig ab. Vielleicht war es besser, wenn sie Nikolais Rat beherzigte und sich ein wenig ausruhte.

Es war später Abend, als sich Liliths Zimmertür öffnete und Strychnin eilfertig angewuselt kam.

»Die Luft ist rein! André ist gerade aus ihrem Zimmer gekommen«, erstattete er in verschwörerischem Ton Bericht. »Er hat mich nicht entdeckt, denn ich habe mich wie befohlen hinter dem Schirmständer versteckt, den ich während der Wartezeit übrigens mit einem schönen Muster verziert habe.«

»Das war kein Schirmständer, das war eine Ming-Vase«, stöhnte Lilith.

»Das hast du super gemacht«, lobte ihn Matt an Liliths Stelle. »Als Spion bist du spitze.«

»Danke, junger Herr!« Strychnin warf einen verschnupften Blick auf seine Ladyschaft, doch Lilith hatte gerade andere Sorgen, als sich um seine gekränkte Eitelkeit zu kümmern.

»Muss ich wirklich zu ihr?«, jammerte sie. »Der Arzt meinte, Rebekka müsse dringend schlafen, und André hat gedroht, jeden, der sie stört, im Kerker übernachten zu lassen.«

»Aber wir haben keine andere Wahl, Lilith! Muss ich noch einmal zusammenfassen, was wir in den letzten Stunden besprochen haben?« Matt wartete gar nicht erst ihre Antwort ab und zählte an seinen Fingern die folgenden Punkte ab: »Du zweifelst, ob du tatsächlich Belial und das Zeichen auf Vadims Brust gesehen hast. Da dieses Zeichen wiederum große Ähnlichkeit mit dem silbernen Faden aufweist, den du in Vadims totem Bewusstsein entdeckt hast, musst du Rebekka fragen, ob sie ihn ebenfalls gesehen hat. Wenn ja, können wir davon ausgehen, dass du nicht unter Halluzinationen leidest, und damit wissen wir auch, dass Belial hier ist, und dann …«, er stieß die Luft aus und zog sorgenvoll die Augenbrauen zusammen, »wird in Chavaleen im wahrsten Sinne des Wortes bald der Teufel los sein. Denn der Erzdämon ist bestimmt nicht hier, um sich ein Summsteinkonzert anzuhören.«

»Gut, du hast ja recht, ich gehe zu ihr«, gab sich Lilith geschlagen. »Aber du und Strychnin haltet vor ihrer Tür Wache, falls André oder der Arzt zurückkommen!«

»Natürlich, du kannst dich voll und ganz auf uns verlassen«, versprach er.

Lilith linste vorsichtig auf den Gang hinaus, um zu überprüfen, ob die Luft rein war, schlich auf Zehenspitzen zu Rebekkas Zimmer und öffnete vorsichtig die Tür. Im hinteren Teil brannte ein kleines Licht, und genau wie Strychnin gesagt hatte, war bis auf die schlafende Rebekka niemand anwesend. Das Zimmer glich exakt dem ihren, bis auf die Tatsache, dass weitaus mehr Ordnung herrschte. Aber immerhin, so beruhigte sich Lilith selbst, hatte Rebekka auch mit keinem dämonischen Mitbewohner zu kämpfen.

Lilith schloss die Tür hinter sich, trat zum Bett und rüttelte sanft an Rebekkas Schulter.

»Rebekka?«

Die Antwort war lediglich ein unwilliges Stöhnen, gefolgt von einem recht undamenhaften Schnarcher.

»Hey, aufwachen!« Lilith schüttelte sie nun gröber, ohne eine nennenswerte Reaktion zu erreichen, und schließlich versetzte sie ihr ein paar halbherzige Ohrfeigen. »Wach auf!«

»Was is’n?«, murmelte sie. »Geh weg, du nervst! Ich muss schlafen.«

»Ich will nur ganz kurz mit dir sprechen, dann bin ich auch gleich wieder weg.« Lilith ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder, während Rebekka schon wieder einzunicken drohte.

Lilith schnupperte an der offenen Medizinflasche auf dem Nachttisch, und der Alkohol, der ihr dabei in die Nase stieg, raubte ihr fast den Atem. »Ach du meine Güte, der Arzt wollte dich anscheinend von innen desinfizieren … Hey, nicht wieder einpennen!« Sie gab ihr erneut ein paar leichte Ohrfeigen und musste zu ihrer Schande feststellen, dass sie so langsam Gefallen daran fand.

»Oooh!« Rebekka kam wieder zu sich und fasste sich stöhnend an den Kopf.

Die Medizinflasche, die Lilith auf den Tisch zurückgestellt hatte, fiel mit einem lauten Knall zu Boden. Irritiert blickte Lilith auf die Glasscherben und die sich ausbreitende Flüssigkeit, denn eigentlich hatte sie die Flasche nicht einmal in der Nähe des Tischrandes abgestellt. Zu Hause wäre sie jetzt wahrscheinlich zu Mildred gegangen und hätte sich von ihr ein frisches Säckchen Jasminblüten geben lassen, da solche Vorfälle in Bonesdale meist ein Anzeichen für einen unruhigen Geist waren, der im Haus umherwandelte. Aber soviel sie wusste, wurde Chavaleen von solchen geisterhaften Erscheinungen nur selten heimgesucht.

»Wo is’ André?«, nuschelte Rebekka mit schwerer Zunge.

»André ist gerade gegangen und …«

»Ist er nicht toll?«, unterbrach Rebekka sie seufzend. »So toll, soooo toll.«

»Ja, ganz sicher«, stimmte Lilith ihr nüchtern zu, während sie mit einem Taschentuch die Scherben zusammenschob. »Zurück zum Grund meines Besuchs …«

»Glaubst du an Liebe auf den ersten Blick?«, fiel sie ihr erneut ins Wort.

»Ähm, also ich …«, stammelte Lilith völlig perplex und setzte sich wieder aufs Bett. Mit diesem Gesprächsverlauf hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Rebekka musste tatsächlich eine Menge dieser Medizin intus haben, dass sie ausgerechnet mit Lilith über so etwas reden wollte. »In Liebesdingen bin ich wohl nicht gerade eine Fachfrau.«

»Da hast du recht! Aber es ist immer gut, wenn man sich bewusst ist, wovon man keine Ahnung hat.« Rebekka tätschelte mitleidig Liliths Arm. »Weißt du, warum ich an Liebe auf den ersten Blick glaube? Weil ich es erlebt hab, ich hab André gesehen und schwupps!« Sie ließ ihre Hand auf die Bettdecke knallen. »Schon steht dein Herz in Flammen, da kannst du gar nix gegen machen. Ich dachte, dass dieses Gefühl unmöglich noch stärker werden kann, aber je länger André und ich zusammen sind, umso intensiver wird es, und die Nähe zwischen uns ist magisch. Ich glaub, wir sind zwei alte Seelen, die sich wiedergefunden haben. Wir gehören zusammen!«

»Sehr schön«, kommentierte Lilith Rebekkas Liebesgesäusel wortkarg. Das war ja schlimmer als das, was sie sich von Emma regelmäßig anhören musste! Sie erzählte doch auch nicht jedem, wie es um ihre Gefühlswelt bestellt war. Allerdings mangelte es ihr auch an geeigneten Ansprechpartnern, denn Emma konnte sie sich unter den gegebenen Umständen schlecht anvertrauen, und so blieb nur noch Matt übrig.

»Soll ich dir ein Geheimnis verraten?« Rebekka griff nach Liliths Arm und beugte sich schwerfällig zu ihr. »Ich glaub, ich werde André küssen!«

»Aha. Gut, wenn du meinst.«

»Das ist mein voller Ernst, Lilith: Ich küss ihn!«, wiederholte sie eindringlich.

Lilith rollte entnervt mit den Augen. Für ihre achtzehn Jahre machte Rebekka um einen einfachen Kuss wirklich unnötig viel Aufhebens. »Dann mach es eben!«

Anscheinend hatte Rebekka von ihr eine etwas andere Reaktion erwartet. Sichtlich enttäuscht ließ sie sich zurück auf ihr Kissen sinken und starrte nachdenklich zur Decke. »Weißt du, ich hab mir immer gewünscht, dass es bei mir anders läuft als zwischen Mama und Vater.«

Noch nie hatte sie über die Beziehung ihrer Eltern gesprochen und dementsprechend überraschte es Lilith, jetzt solche ehrlichen Worte von ihr zu hören. »Weil sie ihre Liebe vor allen verheimlichen mussten?«, fragte sie unsicher.

»Er kann Mama wohl kaum geliebt haben«, schnaubte Rebekka.

Lilith fragte sich, wie sie sich dessen so sicher sein konnte. Immerhin war Rebekka der lebende Beweis dafür, dass Baron Nephelius seine eigenen moralischen Richtlinien, die er für die Nocturi aufgestellt hatte, für Imogen in den Wind geschlagen hatte. »Aber warum hätte er denn sonst mit deiner Mutter eine Affäre haben sollen?«

Rebekka zuckte halbherzig mit den Schultern. »Vaters Frau war tot, mit seiner Tochter hatte er sich zerstritten und somit lebte er allein mit ein paar Bediensteten in einer riesigen Burg. Meine Mutter hat erzählt, dass ihm der Bruch mit seiner geliebten Tochter sehr zugesetzt hat. Er war einsam und meine Mutter hat ihn wie einen Heiligen vergöttert. Außerdem galt sie damals als die Schönheit des Dorfes und … nun ja, er war auch nur ein Mann.«

Lilith errötete peinlich berührt, aber sie wusste es zu würdigen, dass Rebekka so offen mit ihr sprach. Eigentlich fand sie es sogar ganz angenehm, mal ein normales Gespräch mit Rebekka zu führen und nicht immer nur mit ihr zu streiten oder auf ihre bösartigen Sticheleien zu warten.

»Chavaleen scheint dir gutzutun, in Bonesdale bist du ganz anders. So selbstherrlich, eingebildet und total arrogant.«

»Aber … aber nur oberflächlich!«, verteidigte sich Rebekka.

»Gut zu wissen«, entgegnete Lilith grinsend. »Übrigens war es wirklich großartig von dir, wie du Vadim in den letzten Tagen geholfen hast. Auch bei unserem ersten Besuch, als ich mich nicht überwinden konnte, ihm die Wahrheit zu sagen, und du für mich eingesprungen bist.«

»Ich war nur ehrlich.« Rebekka gähnte herzhaft. Auch wenn sie ihre Zunge mittlerweile wieder unter Kontrolle hatte, wurden ihre Augen zusehends kleiner. »Es gibt Momente, da muss man anderen die Wahrheit sagen, auch wenn sie schmerzt.«

Lilith gab es ungern zu, aber Rebekka hatte damit wohl recht. Permanent wollte sie andere schonen – Vadim, Mildred, ihren Vater und Emma. Aber war das der richtige Weg?

Genau wie in Vadims Zimmer streifte sie plötzlich ein warmer Luftzug, gefolgt von einem Flüstern, das von allen Seiten an ihr Ohr zu dringen schien. Doch dieses Mal klang es lauter und sie konnte einzelne Wortfetzen verstehen.

»Lilly … Lilly, hörst du mich?«

Alarmiert richtete sie sich auf. Niemand nannte sie Lilly, der Einzige, der regelmäßig ihren Namen verwechselt hatte, war …

»Hast du das gehört?«, fragte Lilith mit belegter Stimme, obwohl sie die Antwort bereits ahnte.

Rebekkas Kopf auf dem Kissen sackte müde zur Seite. »Was denn?«

»Vadim«, hauchte sie.

So langsam dämmerte ihr, was der silberne Faden zu bedeuten hatte: Vadims Seele hatte sich zwar von seinem Körper gelöst, doch der Faden wirkte wie ein Anker, der sie in dieser Welt festhielt.

»Lilian, ich komme zu dir!«

War das etwa eine Drohung? Fröstelnd schlang Lilith die Arme um sich und sie musste sich in Erinnerung rufen, dass sie in Bonesdale regelmäßig mit Geistern zu tun hatte. Eigentlich gab es keinen Grund zur Sorge, denn im Normalfall waren sie harmlos und leicht außer Gefecht zu setzen. Aber da sie die Einzige war, die Vadims Stimme hören konnte, schien bei dieser Sache nichts normal zu sein.

»Weißt du, wenn man eine Anführerin sein will, muss man im richtigen Moment knallhart die Wahrheit sagen können«, knüpfte Rebekka an ihr letztes Thema an, während sie sich in ihre Bettdecke kuschelte, »und das kannst du einfach nicht! Weil du nämlich zu gefühlsduselig bist und immer in Mitgefühl ersäufst.«

Lilith drehte sich stirnrunzelnd zu ihr um und für einen Moment vergaß sie sogar das geisterhafte Flüstern. »Willst du damit sagen, dass du mich als Anführerin für unfähig hältst?«

»Dass du unfähig bist, weißt du doch selbst!«

Lilith schnappte entrüstet nach Luft. Wie konnte sie nur glauben, dass Rebekka sich geändert hatte? Dass sie zu einer netten Unterhaltung fähig war und eine überraschend gute Seite an sich offenbart hatte, hieß noch lange nicht, dass die bösartige Zicke in ihr gänzlich verschwunden war.

»Ich wäre dir dankbar, wenn du endlich akzeptierst, dass ich die Trägerin des Bernstein-Amuletts bin. Es hat mich auserwählt!«, sagte Lilith mit mühsam unterdrückter Wut.

»Aber nur, weil ich es nicht anlegen konnte«, murmelte Rebekka im Halbschlaf. »Ich bin die Ältere von uns beiden, das Amulett sollte mir gehören! Du weißt selbst, dass ich die bessere Führerin für die Nocturi wäre, und genau so sieht es auch unser Volk. Es wäre für alle die perfekte Lösung, wenn du mir Vaters Amulett geben würdest.«

Sofort griff Lilith nach dem Anhänger um ihren Hals und schloss schützend ihre Finger darum. »Aber nach dem Tod deines Vaters hatte es meine Mutter und deswegen habe ich genauso viel Anspruch darauf wie du!«

Schon spürte Lilith, wie eine unheilvolle Hitze in ihr aufstieg, und dunkle Punkte begannen vor ihren Augen zu tanzen. Zum ersten Mal seit ihrer Auseinandersetzung mit Belial erfasste sie ein unbändiger Zorn und weckte ihre dämonischen Kräfte. Sie hatte schon zu oft um dieses Amulett kämpfen müssen und sie würde es Rebekka garantiert nicht widerstandslos in die Hand drücken, egal was diese ihr auch für Gemeinheiten an den Kopf warf! Rebekka hatte offenbar keine Ahnung, wie sehr ihr dieses Amulett am Herzen lag. Nicht nur weil es Liliths einziges Andenken an ihre Mutter war, sondern weil sie nun seit fast einem Jahr alle Mühen und unzählige Unterrichtsstunden klaglos auf sich genommen hatte, um auf ihr zukünftiges Amt vorbereitet zu sein. Und nun verlangte Rebekka, dass sie einfach zurücktrat und ihr das Amulett überließ? Oder wünschten sich die Nocturi tatsächlich, dass Rebekka die Führung übernahm? Dieser Gedanke versetzte Lilith einen ungeahnt schmerzhaften Stich.

»Ich kann verstehen, dass du das Amulett haben möchtest, und es tut mir auch leid für dich, aber …« Sie stockte, als sie bemerkte, dass Rebekkas Augen geschlossen waren und sich ihre Brust gleichmäßig hob und senkte.

Rebekka konnte ihr doch nicht so etwas an den Kopf werfen und gleich darauf friedlich einschlafen! Lilith ballte die Fäuste, die Punkte vor ihren Augen verdichteten sich und die Lampe in ihrer Nähe begann zu flackern.

Erschrocken sah Lilith auf das zitternde Licht und kam endlich wieder zur Vernunft. Was machte sie hier eigentlich? Sie hatte wirklich andere Sorgen, als mit Rebekka zu streiten!

Lilith ließ sich auf einen Sessel sinken, stützte die Ellenbogen auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Ihr fiel ein, dass sie Rebekka nicht nach dem silbernen Faden gefragt hatte, doch war das überhaupt noch nötig? Mittlerweile wusste sie, dass sie ihn sich nicht nur eingebildet hatte, was gleichzeitig auch bedeutete, dass das Zeichen real und die Malecorax nicht nur eine Halluzination gewesen war. Sie stöhnte auf, als ihr die Bedeutung dessen klar wurde: Belial war in Chavaleen!

»Na, Linda, warum lässt du den Kopf so hängen?«

Etwas streifte ihre Schulter und Lilith fuhr erschrocken herum.

»Va… Vadim?«, stotterte sie.

Vor ihr stand blass und verschwommen der tote Anführer der Vampire, und dass sie gleichzeitig das Muster der Tapete direkt hinter ihm sehen konnte, wirkte nicht gerade beruhigend auf sie.

»Keine Panik, ich bin es nur!« Vadim hob beschwörend die Hände. »Verflixt, war das schwer, meine Gestalt anzunehmen. In den vergangenen Stunden ist es mir nur gelungen, entweder zu sprechen oder etwas runterzuwerfen.«

»A-aha«, brachte Lilith mit zittriger Stimme hervor. Sie musste feststellen, dass es etwas vollkommen anderes war, jemanden, den man zu Lebzeiten gekannt hatte, als Geistererscheinung vor sich zu sehen, als einem wildfremden Geist in Bonesdales Spukhaus für Touristen zu begegnen. Wobei sie zugeben musste, dass Vadim sehr viel gesünder und lange nicht so gebrechlich wirkte wie in den Tagen vor seinem Tod. Lilith blickte auf die schlafende Rebekka und öffnete den Mund.

Vadim schien ihre Gedanken erraten zu haben, denn ehe sie etwas sagen konnte, meinte er mit einem milden Lächeln: »Es bringt nichts, sie aufzuwecken, nur du kannst mich sehen. Ich bin kein gewöhnlicher Geist. Fayola war so nett, mich mit einem ihrer Vodunzauber zu belegen. Für den Fall, dass ich ermordet werde, wollte sie mir nach meinem Tod ermöglichen, für weitere fünf Tage in dieser Welt zu verweilen.«

»Natürlich!« Wie hatte sie nur so begriffsstutzig sein können? Der Halbmond auf dem silbernen Zeichen stand für das Mondstein-Amulett, das Messer für einen Mord, der Baum symbolisierte Afrika, die Puppe die magischen Bocios und die Fünf war die Anzahl der Tage, die Vadim als Geist existieren würde.

»Fayola hat mir auch angeboten, als Zombie zurückzukehren, aber das war mir zu viel des Guten«, fuhr Vadim gesprächig fort und schwebte dabei munter im Zimmer umher. »Wenn Schluss ist, ist Schluss, das ist meine Meinung! Wir werden doch sowieso schon unglaublich alt, wo kämen wir denn da hin, wenn wir uns auch noch alle in Zombies verwandeln lassen würden? Aber du musst Fayola bei nächster Gelegenheit unbedingt meinen Dank ausrichten, Lisa! Sie hat wirklich gute Arbeit geleistet, und bis auf eine Kleinigkeit hat der Zauber großartig funktioniert. Eigentlich hätte sich das Zeichen erst am Tag der Beisetzung, zwei Tage nach meinem Tod, aktivieren sollen, denn da berühren meine Söhne zum Abschied zuerst mein und dann ihr Herz.«

»Ich glaube, das ist meine Schuld«, gestand sie ihm. »Wahrscheinlich habe ich das Zeichen früher aktiviert, weil ich mithilfe meiner Bansheekräfte versucht habe, den Faden, mit dem Fayola die Seele verankert hatte, zu lösen.«

Sie fuhr sich über das Gesicht und stutzte plötzlich. »Moment mal, haben Sie vorhin etwa gesagt, dass Sie ermordet wurden? Dann waren das Todesmal und die Halluzinationen doch nicht nur Symptome einer Krankheit?«

»Sieht so aus!« Vadims Augen verengten sich. »Wenn ich diese miese Ratte erwische …« Er fing Liliths erstaunten Blick auf. »Hey, ich spreche immerhin von meinem Mörder! Soll ich den etwa mein Puschelbärchen‹ nennen? Außerdem bin ich tot, ich brauche mich nicht mehr an irgendwelche Anstandsregeln zu halten.«

»Ich schätze, in dem Fall würde selbst meine Tante Mildred Kraftausdrücke erlauben«, meinte Lilith. »Also wissen Sie nicht, von wem Sie getötet wurden?«

»Leider nicht.« Er stieß einen frustrierten Seufzer aus. »Obwohl ich in diesem wunderbar befreiten Geisteszustand so klar denken kann wie noch nie zuvor, ist meine Erinnerung an die letzten Tage und Wochen immer noch getrübt. Aber ich spüre, dass ich die Wahrheit in mir trage.«

»Das heißt, wir müssen jetzt nicht nur Belial finden, sondern auch Ihren Mörder.«

Vadim fuhr so alarmiert herum, dass seine Konturen für einen Moment ins Flackern gerieten.

»Der Erzdämon ist in meinem Reich? Der spinnt wohl, Belial kann doch nicht einfach in Chavaleen eindringen und hier seine bösen Spielchen treiben«, regte er sich auf. »Wir müssen ihn aufhalten! Am besten, wir alarmieren Razvan und seine Leute, sie sollen ganz Chavaleen auf den Kopf stellen und alle Wohnhöhlen durchsuchen!«

»Das dürfte schwierig werden«, bemerkte Lilith. »Ich befürchte, die anderen werden nicht so einfach glauben, dass mir der Geist ihres verstorbenen Anführers erschienen ist und mir erzählt hat, dass er ermordet wurde. Und für Belials Anwesenheit habe ich leider auch keine Beweise.«

Mit diesen bestechenden Argumenten versetzte sie Vadims Tatkraft und Entschlossenheit einen sichtlichen Schlag. Er ließ sich auf das Sofa plumpsen, wobei ein Teil seines Körpers im Möbelstück verschwand. »Und was machen wir nun?«

»Ich würde sagen, wir halten Kriegsrat! Meine Freunde warten vor der Tür, vielleicht haben sie eine Idee, was wir unternehmen können. Leider ist die Zahl unserer Verbündeten recht überschaubar und einer davon ist ein übergewichtiger, vorlauter Dämon.«

»In unserer Situation ist mir jeder, der auf unserer Seite ist, willkommen!« Schon hatte sich Vadim wieder erhoben. »Es würde mich nicht wundern, wenn Belial etwas mit meiner Ermordung zu tun hat. Wahrscheinlich musste er mich für die Erfüllung seines Plans aus dem Weg räumen. Das bedeutet aber auch, dass er mit jemandem zusammenarbeitet, der Zugang zum Palast hat, denn ein Dämon kann das Eingangsportal unmöglich durchschreiten.«

»Unmöglich ist leider nicht ganz zutreffend.« Peinlich berührt steckte Lilith die Hände in die Taschen. »Diese dämonischen Schutzrunen sind außer Kraft gesetzt worden, als wir angekommen sind.«

»Na großartig! Wer kam denn auf die blöde Idee?«, bemerkte er säuerlich. »Allerdings entkräftet das nicht die Theorie, dass Belial einen Komplizen hat, denn meine Krankheit begann schon, bevor ihr gekommen seid. Wahrscheinlich ist es jemand auf höchster Führungsebene.«

Sofort musste Lilith an Razvan denken. Hatten ihn die Zustände in Chavaleen vielleicht so sehr mit Unzufriedenheit und Groll erfüllt, dass er ein Bündnis mit dem Erzdämon eingegangen war?

Vadims Miene verdüsterte sich. »Lisa, ich spüre, dass sich hier etwas ganz Übles zusammenbraut, glaube einem alten Mann!« Er fasste nach der Türklinke, doch seine Hand verschwand im Griff.

»Verflixt, das klappt alles noch nicht so gut, wie es soll«, fluchte er und schwebte beiseite.

Lilith öffnete und trat auf den totenstillen Flur hinaus. Sie war gespannt, was Matt und Strychnin zu ihren Neuigkeiten sagen würden.

»Ihr werdet es nicht glauben, ich …« Die Worte erstarben in ihrer Kehle.

Matt und Strychnin lagen bewusstlos auf dem Boden und regten sich nicht! Lilith stürzte zu ihnen, und gerade als sie nach Matts Handgelenk fassen und seinen Puls fühlen wollte, wurde sie brutal nach hinten gerissen. Eine Schrecksekunde lang war Lilith wie gelähmt vor Entsetzen und reagierte überhaupt nicht auf den Angriff, erst dann fiel ihr wieder das Selbstverteidigungstraining von Louis ein. Da drückte sich jedoch ein Unterarm schon so stark gegen ihren Kehlkopf, dass ihr anstatt eines Schreis nur ein kaum hörbares Krächzen entwich. Sie zappelte und versuchte, um sich zu schlagen, doch der Angreifer zeigte sich von ihrer Gegenwehr völlig unbeeindruckt. Er presste ihr ein Tuch auf Nase und Mund, das mit einer süßlich riechenden Flüssigkeit getränkt war.

Er will mich betäuben!, schoss es ihr panisch durch den Kopf.

Verzweifelt grub sie ihre Fingernägel in den Arm des Mannes und versuchte, die Luft anzuhalten, doch unweigerlich füllten sich ihre Atemwege mit dem unangenehm süßlichen Geruch und ihr wurde schwarz vor Augen. Das Letzte, was sie sah, war Vadims Geist, der mit aufgerissenem Mund wie versteinert auf den Mann hinter ihr starrte.