BRITT ARENANDER
Fest in Kapernaum
Das Essen ist noch nicht ganz fertig. Ich schlage vor, wir setzen uns drinnen aufs Sofa und trinken inzwischen noch ein Glas Wein, nicht wahr? Das Filet schiebe ich jetzt in die Röhre, und dann ziehen wir uns zurück. Komm, Liebes! Oh, hast du keine Schuhe an?«
»Nein. Aber ich habe ein Paar Skisocken in den Stiefeln draußen!«
Mich fror tatsächlich auf ihrem Küchenboden, der kalt war wie in einer Kirche, und ich sah gewiß recht unglücklich aus, als ich so mit einwärtsgedrehten Zehen und eng an die Brust gepreßten Armen dastand. Ingela war einen halben Kopf größer als ich, aber nur, weil sie hochhackige Schuhe trug. Sie hatte ein entzückendes Kleid an. Ihr dunkles, frischgewaschenes Haar hing weich über die Schultern herab. Dazu hatte sie das Glück, kurzsichtig zu sein, so daß sie immer die Leute anblinzelte, mit denen sie sprach, und sich ihnen leicht entgegenneigte, was ihr den Anschein von Interesse und Anteilnahme gab.
»Bengt wird hoffentlich gleich kommen«, sagte sie, als wir uns, jeder mit einem Glas eiskalten Weißweins in der Hand, auf ihr großes, weißes Sofa gesetzt hatten und Zigaretten rauchten.
»Was hast du da?« fragte Ingela. »Irgend etwas klebt an deiner Wange. Ach, es ist eine Wimper. Darf ich sie fortnehmen? Ich blase sie von meinem Zeigefinger weg...ffff, kann mir was wünschen, und es geht in Erfüllung!«
»So?« sagte ich. »Wirklich?«
»Natürlich. Wußtest du das nicht?«
»Ich dachte, das gilt nur dann, wenn die Wimper auf die
Seite eines aufgeschlagenen Buches fällt«, sagte ich nicht gerade freundlich.
»Unsinn!« sagte sie. »Das spielt keine Rolle. Man darf nur nicht verraten, was man sich gewünscht hat...das ist wichtig. So, und jetzt lege ich eine Platte auf. Ich hoffe, du hast nichts gegen The Supremes.«
»Ich glaube nicht, daß ich sie schon mal gehört habe, aber vermutlich sind sie entsetzlich.«
»Weshalb?« fragte sie, kniete sich neben dem Plattenspieler nieder, und diese Haltung zeigte ihren reizenden Weiberhintern. Und ihr hinten sehr tief ausgeschnittenes Kleid ließ einen schönen Rücken mit seidiger, sonnenbrauner Haut frei. Sie wirkte fast das ganze Jahr hindurch sonnengebräunt. Jetzt war es November.
»Die singen für die Yankees in Vietnam«, sagte ich.
»Ach, Liebste, nun mach doch mal ‘nen Punkt hinter dieses Thema. Heute abend wollen wir gemütlich plaudern. Ich habe einfach nicht die Kraft, um über die Weltpolitik oder ähnlich brenzlige Dinge zu diskutieren...Da kommt Bengt.«
Sie lief in den Korridor. Ich blieb sitzen und überlegte, weshalb ich eigentlich gekommen war. Ich hatte Bengt nur ein paarmal bei schrecklichen Familienessen gesehen. Ingela ist meine Kusine. Er hatte keinen besonderen Eindruck auf mich gemacht. Ich wußte, daß er Nationalökonom und Erbe der Villa seines Vaters auf Djurholmen war, und schon das genügte, um in mir keinen besonderen Wunsch aufkommen zu lassen, mehr von ihm zu erfahren. Ingela ist über dreißig. Sie hatte genug vom süßen Leben und nahm ihre Chance wahr. Und jetzt ist sie Hausfrau, und das langweilt sie entsetzlich. Das weiß ich. Sie verbringt ihre Tage damit, einen Pudel an der Leine spazierenzuführen und der Reinmachefrau zu erklären, wie man Parkettböden pflegt. Manchmal fährt sie in die Stadt und kauft sinnlos eine Menge Plunder ein. Hinterher kommt sie dann, beladen mit Paketen, Päckchen und Tüten, zu mir herauf, da ich ja meistens in meinen Büchern vergraben zu Hause sitze. Immer bringt sie mir etwas mit, eine Flasche Weißwein, eine Schachtel Katzenaugen oder sonst etwas, was ich mag, irgendeine ausgesuchte Überflüssigkeit.
»Da kommt ja meine gute Fee«, sage ich dann, gebe ihr eine Tasse Tee zu trinken und werfe einen Kloben ins Feuer.
»Na, wie geht’s?« fragt sie. »Was Neues aufgetaucht?«
»Ach, nichts Besonderes.«
»Bring ihn mal einen Abend mit, dann geben wir ein kleines Fest.«
»Gewiß. Ich fühle mich ja wie zu Hause in deiner Djurholmensvilla, ganz zu schweigen davon, wie meine Bekannten sich dort erst Vorkommen würden!«
»Weißt du, langsam wird’s Zeit, daß du deine Grillen loswirst. Ich fühle mich ganz wohl dort, zwischen meinen leeren Flaschen...und...und...nun ja, dem ganzen anderen Kram dort.«
Wie sah es denn aus bei ihnen? Das läßt sich nicht so leicht beschreiben. Ich kann mich nie an Einzelheiten solcher Bourgeoisie-Heime erinnern...mir schwebt nur etwas von großgeblümten Sofas und symmetrisch arrangierten Teppichen vor und von Regalen, die vom Fußboden bis zur Decke reichen, angefüllt mit drei verschieden eingebundenen Lexika und einer Menge Strindberg und Lagerlöf in Leder, gewürzt mit einem Band Gyllensten und vielleicht sogar einem kleinen roten Pornobuch.
»Tag, Anna«, sagte Bengt. Sein Gesicht war von der Novemberkälte blau angelaufen und seine Ohren knallrot. Das rührte mich fast. »Nett, daß du gekommen bist.«
»Natürlich ist sie gekommen, denkst du vielleicht, nur weil so ein Provo in ihr steckt, käme sie nicht?...« sagte Ingela und tätschelte uns beiden den Kopf.
»Weshalb hast du dir die Haare abschneiden lassen?« fragte Bengt. Er setzte sich neben mich aufs Sofa, nahm sich ein Glas Wein und steckte sich eine Zigarette an. Es fiel mir plötzlich auf, wie wenig Möglichkeiten es eigentlich gibt, wenn man so aufgereiht auf einem Sofa sitzt — man raucht, süffelt und konversiert, wie sich’s gehört.
»Weil es praktischer ist«, sagte ich.
»Bengt findet dich damit unweiblich«, rief Ingela lustig.
»Nnnein...«, sagte Bengt.
»Doch!«
»Neinnein...«
»Du hast aber doch gesagt, daß du Frauen mit kurzen Haaren abscheulich findest.«
»Ingela!«
»Aber das hast du doch gesagt!«
Bengt drehte sich lächelnd zu mir.
»Ja, das stimmt. Aber ich wollte gerade eben sagen, daß du mit den kurzen Haaren ungewöhnlich gut aussiehst. Nur wurde ich dabei unterbrochen.«
»Entschuldige«, sagte Ingela leicht eingeschnappt und schaukelte in der einen Hand so lange demonstrativ eine neue Zigarette hin und her, bis Bengt es merkte und ihr Feuer gab.
Unterdessen gelang es auch mir, meine Zigarette mit Hilfe eines Streichholzes anzuzünden, das ich durch einen fantastisch glücklichen Zufall gleich zu fassen bekam, als ich mit der Hand in den Beutel langte, der meine Handtasche ist.
»Ich glaube, ich muß eben mal pinkeln«, sagte ich. Ich hatte ja den größten Teil der ersten Flasche allein getrunken. Die beiden andern hatten sich nicht ein einziges Mal ihre Gläser nachgefüllt.
Die Villa war alt, und in der oberen Etage gab es eine Unmenge von Türen, als habe der Architekt im Jahre 1912 so viele Besenräume, Fremdenzimmer, Abstellkammern, Badezimmer, Toiletten, Arbeitszimmer und Mansarden wie überhaupt nur möglich zusammenpressen wollen, und ich öffnete fünf Türen, ehe ich das Klo fand. Die erste Tür führte in ihr Schlafzimmer. Eine Leselampe brannte auf dem einen Nachttisch, und das Bett war ungewöhnlich zerwühlt. Es sah fast so aus, als erhole es sich von einer größeren Orgie. Möglicherweise stand ich zu lange in der Tür und sah hinein. So hielten es also Bengt und Ingela. Vielleicht heute früh?
Verheiratet zu sein und vögeln zu können, wann immer man Lust dazu hatte und solange man Lust hatte...und dann das Bett einfach zu verlassen, so unordentlich...ich bin nie mit einem verheirateten Mann im Bett gewesen. Diese Laken waren voll »verheiratetem Mann<. Die sind sicher bessere Liebhaber als die ungebundenen. Ja, ja, Vorurteile und dumme Ideen...aber versucht hatte ich’s ja noch nie.
Als ich wieder hinunterkam, war Ingela dabei, das Essen aufzutragen. »Bengt soll nicht mithelfen, wenn er zu Hause ist«, sagte sie stolz und schüttete dabei Sauce auf das handgestickte Tischtuch.
»Warum denn nicht?« fragte ich und nahm mir eine mächtige Scheibe Ochsenfilet und eine Masse Soufflé. Ich hatte die ganze Woche nichts anderes als Knäckebrot und Sardinen bekommen.
»Weil das zu meinen Aufgaben gehört, wie es so schön heißt«, sagte Ingela ironisch. »Dafür braucht man sich angeblich nicht zu schämen, habe ich gelesen.«
»Ich verlange doch nicht, daß du zu Hause bleibst«, sagte Bengt und rückte an seiner Brille, während er mir einen Verschwörerblick zuwarf.
»Nein, das weiß ich wohl. Ich bin nur absolut unbegabt und so dumm wie ein Stück Holz, daran liegt es eben«, sagte Ingela leichthin. »Wie geht es übrigens mit deinen Studien, Anna? «
»Sehr gut...«
»Was studierst du denn?« fragte Bengt, und sein Bein kam dicht an das meine. Zuerst wollte ich meins zurückziehen, doch das würde sicher recht dämlich wirken. Sein Bein war warm.
»Sie studiert Jura, das weißt du doch«, sagte Ingela kurz.
»Sehr interessant«, murmelte ich.
»Wie?« meinte Bengt.
»Nun, das wolltest du doch eben sagen, nicht wahr? Aber ich nehme es gern wieder zurück...ich eigne mich nicht sehr für Konversation.«
Es wurde ganz still. Ganz still in dem grüngemalten Eßzimmer mit den großen, brennenden Kerzen. Weshalb sind alle Menschen zur Zeit auf diese bestimmte grüne Farbe versessen? Und weshalb müssen sie unbedingt Messingknöpfe statt Türklinken haben? Das macht mich wahnsinnig; man weiß nie, nach welcher Seite man sie drehen soll.
In der Stille preßte Bengt unter dem kleinen runden Tisch sein Bein fest an das meine. Nun konnte es kein Zufall mehr sein. Es fühlte sich warm und wohltuend an, dennoch beschloß ich, mein Bein an mich zu ziehen. Bengt hatte die Jacke ausgezogen, die Weste aber anbehalten. Wirklich rührend, diese Villenmenschen. Können sie nicht hundertprozentig korrekt sein, dann doch wenigstens fünfundneunzigprozentig. Wir drehten uns einander zu und sahen einander vermutlich etwas merkwürdig an.
»Ein Götterfraß«, sagte ich.
»Was ißt du denn eigentlich sonst so jeden Tag, mein Liebes?« fragte Ingela.
»Wenig und schlecht«, sagte ich wütend.
»Wenn ich zu ihr komme, kann ich nämlich in der Speisekammer nie irgend etwas finden...höchstens ein bißchen Knäckebrot und ein paar Konserven, weißt du«, sagte Ingela zu Bengt, als ob ich nicht dabei wäre.
»Ingela!« sagte Bengt.
»Wieso, Liebling...du weißt doch sehr gut, daß ich kein Theater zu spielen brauche, wenn Anna hier ist. Sie hat Untergewicht und ist mager wie eine Vogelscheuche. Es macht Spaß zuzusehen, wie sie ordentlich in sich reinschaufelt. Unbezahlbar. Und wirklich, vor ihr brauche ich kein Theater zu spielen. Wenn ich dagegen an die Menschen denke, die du zum Essen einlädst...«
Sie drehte sich schnell zu mir und legte ihre Hand auf meinen Arm:
»Du ahnst nicht, was für eine Show ich für diesen Nationalökonomen und seine Gäste aufführen muß. Ich leide...Abend für Abend, Nacht für Nacht. Und dann ihre geradezu ungeheuerlichen Frauen! Ich möchte dich sehen, wenn du diesen abscheulichen Leuten gegenüber immer eine freundliche Maske auf setzen müßtest!«
»Ja«, sagte ich, »nur habe nicht ich einen Nationalökonomen geheiratet, sondern du.«
»Du sagst es«, sagte Ingela und stand auf.
Wir stellten die Teller zusammen, und Ingela verschwand mit ihnen in der Küche.
»Prost«, sagte Bengt. Er sah mir gerade in die Augen. Seine waren ganz hübsch, graublau und freundlich.
»Ich hasse dieses Geproste«, murrte ich. »Kann ich eine Zigarette haben?«
Als er mir Feuer gab, beugte er sich so weit vor, daß ich seinen Atem spürte. Das wirkte ungeheuer intim; frisch und intensiv drang er durch den Weingeruch. Ich lehnte mich verblüfft in meinem Stuhl zurück und betrachtete die Epinglé-Gardinen. Irgend etwas in meinen unteren Regionen hatte zu zittern begonnen.
»Weshalb gibt du einem eigentlich nie Feuer, selbst wenn man die Zigarette noch so provozierend in der Hand hält?« fragte Ingela scharf, als sie mit dem Dessert wieder hereingekommen war.
»Reg dich etwas ab«, sagte Bengt müde. »Ich dachte, du wolltest erst dein Fruchtgelee essen.«
»Mich abregen?«
»Ja.«
»Warum? «
»Weil ich dich darum ersuche.«
Wir hatten während des Essens zweieinhalb Flaschen Wein getrunken, was für Ingela vielleicht zuviel gewesen war.
»Mich ersuchen?« rief sie. »Weshalb in aller Welt sollte ich mich darum kümmern, worum mich so ein komischer Nationalökonom ersucht?«
Sie warf ein Weinglas auf den Boden, und es zersprang in tausend Scherben.
»Ach, das war mein russisches Temperament«, rief sie munter. »Schließlich hatte ich eine russische Großmutter!«
»Ja«, sagte Bengt.
»Die Mutter meines Vaters«, sagte ich.
»Furzvornehmer Dreck!« knurrte Ingela. Sie zeigte sogar die Zähne. »Furzvornehmer Dreckskerl in einem furzvornehmen Dreckshaus, das mir keinen Furz wert ist!«
»Apropos«, sagte ich, »ich glaube, ich muß wieder mal pinkeln«, raste die Treppe hoch, bekam noch einmal die falsche Tür zu fassen, stand wieder da und glotzte auf ihr zerwühltes Bett und meinte plötzlich, so etwas wie Schluchzen im Hals zu verspüren. Unbegreiflich. Das mir, die fast nie weint!
Ich ging hinunter und aß fast das ganze Fruchtgelee auf. Ingela hatte ein neues Weinglas geholt und schenkte sich ein. Merkwürdigerweise versuchte Bengt nicht, sie daran zu hindern. Vielleicht wußte er aus Erfahrung, daß das nutzlos war. Ich wußte es nicht. Ich kannte sie nicht. Da Ingela recht wackelig auf den Beinen zu stehen schien und es ja irgendwie weitergehen mußte — die Unterhaltung war fast ganz eingeschlafen —, deckte ich den Tisch ab.
Bengt kam mit den leeren Flaschen und der Geleeschale hinter mir her.
»Du langweilst dich heute abend bei uns, wie?« fragte er teilnahmsvoll.
»Och, ich weiß nicht...«
Ich spülte die Teller im Abwaschbecken. Mein Nacken war etwas steif.
Ich spürte Bengt hinter mir. Plötzlich fuhr er mir mit seinen Fingern ins Haar — spielte mit den kurzen Strähnen. Dann spürte ich seinen Atem an meinem Nacken, dem die Wärme wohltat.
»Du bist wohl nicht recht gescheit«, sagte ich abrupt, erwischte ein Handtuch, trocknete mir die Hände und ging ins Wohnzimmer. Ingela hatte sich auf dem Sofa placiert und eine neue Zigarette angezündet.
»Leg eine Platte auf, Bengt«, sagte sie, als er hereinkam. »Etwas, was ich mag.«
Bengt legte die Supremes auf.
»Zum Teufel, die haben wir doch eben gehört.«
Er stand auf, kam zu mir und setzte sich neben mich, ganz dicht neben mich, seine Wärme strömte auf mich über. >Seine Körpertemperatur muß weit über 40 Grad liegen<, dachte ich.
»Bengt, setz dich neben mich«, sagte Ingela und schlug mit der flachen Hand aufs Sofa.
Bengt stand — zum drittenmal in dieser Minute — auf, und als er davonging, fühlte ich, wie über meinen ganzen Körper Kälteschauer liefen. Wieder saß mir das Schluchzen in der Kehle, und ich flitzte noch einmal zum Klo. Oben entdeckte ich, daß mir gar nicht zum Pinkeln war. Ich weinte nur. Ausgerechnet ein blonder Nationalökonom in weißen Hemdsärmeln und Weste! Ich hörte Ingelas schrecklich gekränkte Stimme und sah ihre nichtangezündete Zigarette aufreizend unter seiner Nase pendeln. Mein Gott, was fantasierte ich da nur zusammen! Ich kann es nur nicht ausstehen, einen Menschen zu sehen, der einen anderen Menschen unterdrückt. Insbesondere dann nicht, wenn es sich um einen blonden Nationalökonom...wenn es sich um einen Menschen handelt, der...Punktum. Die Tränen flössen, und mit ihnen floß die Maskerade. Mit nervösen Fingern zündete ich mir eine Zigarette an und entfernte das Schwarze unter den Augen mit Klopapier, so gut es ging.
Vor dem Klo, in dem dunklen Gang oberhalb der Treppe, stand jemand. Ich fing an, mir Hoffnungen zu machen.
»Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin es bloß«, sagte Bengt. »Was hast du denn?«
»Nichts.«
»Aber liebste Anna!« Er stand vor mir. Ich trat an ihn heran. Reichte ihm gerade bis an die Nase.
»Weshalb weinst du?«
»Hm.«
»Es wird wieder gut, verlaß dich drauf.«
Dann nahm er meine Wangen in die Hände, und wir standen ganz still beieinander. Ich wollte ihn umarmen, seine Beine umarmen, ihm sein weißes, ganz sauberes Hemd aufknöpfen... ich ahnte nicht, was mit mir vorging, in meinem Unterleib begann es zu pulsieren, und ich konnte meine Tränen absolut nicht zurückhalten. Sie riechen so rührend schön, diese Bourgeois. Durch und durch sauber. Sauber mit warmen Beinen und warmen Händen.
»Anna.«
»Mmm.«
»Fühl mal.«
»Was?«
»Meinen.«
»Ja.« Ich fühlte — widerwillig, aber respektvoll. Er war groß und hart.
»Anna.«
»Ja«, sagte ich etwas piepsend und versuchte, drum herum zu kommen.
»Du bist so feucht.«
»Laß das. Mir kommt’s, wenn du es so treibst. Küß mich.«
Seine Zunge erfüllte meinen ganzen Mund mit ihrer etwas säuerlichen Süße. Wir lehnten uns an die Wand.
»Kaffee«, rief Ingela.
»Wir sind nicht recht gescheit«, sagte ich leise, flüsterte es ihm in sein Ohr — sein süßes Ohr, das ich nicht lassen, dessen spannende Labyrinthe ich nicht verlassen konnte. »Wir müssen hinuntergehen und Kaffee trinken«, sagte ich mit schwacher Stimme.
»Geh du lieber voraus«, sagte er, aber ich merkte, daß ich nochmals aufs Klo mußte. Ich hatte das merkwürdige Gefühl, als sei mir meine halbe Gebärmutter in den Schlüpfer gerutscht; als ich aber hinter der verschlossenen Tür nachfühlte, entdeckte ich, daß ich nur angeschwollen war wie nie zuvor. Es strömte aus mir. Ich beugte mich über das Waschbecken und murmelte, daß ich sterben müsse, wenn er mich nicht bald in dem großen, breiten Bett nebenan nähme; mich träfe sonst vor Geilheit der Schlag, und dann könnten sie den Rettungswagen rufen. Wenn Ingela zum Kaffee bloß eine Menge Kognak trinken wollte und dann zu Boden ginge! »Lieber Gott, laß es geschehen!«
Nein, dachte ich dann, das ist ja Wahnsinn — ein Nationalökonom, der Mann meiner Kusine, mein Schwager heißt es wohl — nein, so heißt es natürlich nicht, aber immerhin. Ein Kerl mit Weste und Hornbrille und gescheiteltem Haar! Mich kann doch höchstens die Komik so erhitzt haben.
Dann wieder dachte ich, wie er es wohl anstellen mochte, mit einem solchen Ständer, der schon fast die Hosen sprengte, ins Zimmer hinunterzukommen. Was für eine Selbstbeherrschung! Typisch bourgeois! Fantastisch! Garantiert bringt er es zustande, daß er sich wieder legt, während er die Treppe hinuntergeht.
Ingela hatte, als ich heruntergeschwankt kam, ihre Brille aufgesetzt und zielte mit der Kaffeekanne auf die Tassen. Ich kann mir nichts Blödsinnigeres vorstellen als kleine Kaffeetassen. Große Kübel müssen es sein. Ich tat ein winziges Stück Zucker in meine Tasse und rührte um. Ziemlich lange. Trank dabei einen kräftigen Schluck Kognak.
»Es ist doch wunderschön«, sagte ich und schaute dabei Ingela in ihre Brille. »Ich meine, ihr seid so viel älter als ich...ich meine, ich bin so viel jünger als ihr...das ist schön, nicht? Fast wie in einem schlechten Roman...«
»Möchtest du noch Kaffee?« fragte mich Bengt.
»Weshalb fragst du nie mich?« sagte Ingela.
»Weil er mich zuerst fragte«, sagte ich.
»Bengt, ich bin sauwütend auf dich, du bist ungezogen, unmöglich, pißlangweilig. Gib mir etwas Kaffee!«
»Nimm dir doch selbst deinen verdammten Kaffee«, schrie ich.
Ich war verblüfft. Nie war ich sonst aggressiv, und blau war ich auch nicht.
»Bengt«, sagte Ingela.
»Eine halbe oder eine ganze Tasse?« sagte er und hielt ihr die Kanne hin. Sein Haar fiel ihm in die Stirn.
»Eine halbe. Du müßtest nach einem Jahr Ehe wissen, daß ich beim zweitenmal nur eine halbe Tasse nehme.«
»Ist denn das zum Teufel so interessant, daß er es den ganzen Tag im Kopf haben sollte?« fauchte ich.
Sie würdigte mich keines Blickes.
»Zucker«, sagte sie zu Bengt.
Er reichte ihr die Zuckerdose.
»Tu mir welchen rein«, sagte sie.
Er nahm ein Stück Zucker und tat es in ihre Tasse.
»Nur ein halbes Stück, das weißt du doch...«
»Jetzt halt endlich den Mund«, sagte ich. »Wenn du noch ein Wort sagst, schütte ich meinen ganzen Kaffee über dem Teppich aus!«
»Mehr Kognak, Bengt«, sagte Ingela; sie hörte mich einfach nicht. Er schenkte ein, großzügig — braver Junge. Danach hob er schnell sein Glas, und ich das meine, und Ingela folgte eifrig mit dem ihren. Da sie uns unterkriegen wollte, mußte sie ihr Glas in einem Zug austrinken. Zufrieden stellten wir unsere Gläser hin — wir hatten an ihnen nur genippt.
»Müde Gesellschaft«, sagte Ingela entrüstet und starrte auf unsere Gläser. »Ich tanze euch jetzt einen Sorbas vor. Damit ihr meine hübschen Beine richtig bewundern könnt...«
Sie sprang auf — wir blieben, jeder in seiner Ecke, sitzen. Ingela wirbelte auf den Fersen umher. Ich hatte den Sorbas schon vor mindestens einem Jahr satt bekommen.
»Ingela ist wirklich schön«, flüsterte ich Bengt über den Tisch zu. »Ich meine es im Ernst.«
»Ich habe die schönen Frauen über«, flüsterte Bengt zurück.
»Sprecht laut, damit ich hören kann, was ihr sagt«, rief Ingela.
»Ich sagte nur, daß du heute abend fantastisch gut aussiehst«, rief ich.
»Das weiß ich.« Ingela tanzte vorüber und hielt Bengt ihr leeres Kognakglas hin. »Schenk ein, Bengt!«
Ich erwischte die Flasche und füllte nach. Bis an den Rand. Was war bloß in mich gefahren? Besser wäre es, jetzt ein Taxi zu bestellen, dann könnte Bengt Ingela ins Bett legen, und das Ganze wäre überstanden. Statt dessen blieb ich sitzen — und schenkte ihr sogar nach. Ingela tanzte und trank, und wir beide schenkten ihr abwechselnd ein. Schließlich fiel sie über einen Ryateppich und blieb liegen.
»Laßt mich liegen«, wimmerte sie und grinste dümmlich. »Hier auf dem Fußboden ist’s so schön. Menschenskinder, wie ich mich wohl fühle. Und voll bin ich, verdammt noch mal! Himmlisch voll. Kannst du für Anna nicht einen Wagen besorgen, Bengt? Dann bist du lieb...ein großes, schickes Taxi, das sie schnell nach Hause bringt...in...ihre kleine Mansarde...«
Sie wühlte mit den Händen in der Wolle des Teppichs, und plötzlich war sie eingeschlafen.
Wir blieben auf unseren Plätzen sitzen.
»Kannst du mir bitte ein Taxi rufen? Das wäre nett von dir«, sagte ich schließlich.
»Nein«, antwortete er. »Du bist zu einem Fest eingeladen worden, und das Fest soll, denk’ ich mir, weitergehen.«
»Nein«, meinte ich. »Ich muß nach Hause. Ich habe morgen eine Prüfung.«
»Unsinn«, sagte er, lächelte und nahm die Brille ab.
»Das ist kein Unsinn.«
»Doch.«
»Nein.«
»Zumindest mußt du erst deine Tasche herunterholen.«
»Ja, und das werde ich jetzt tun.«
Er kam im Dunkeln hinter mir her.
»Sei wieder lieb zu mir«, murmelte ich, als ich auf den Knien lag und auf dem Teppich oben meine Tasche suchte.
»Aber nur ein kleines bißchen.«
Er stellte sich über mich, drückte sich an mich, bewegte dabei rhythmisch seinen Körper und ließ seine Finger in mich gleiten. Und ich drehte mich auf dem Teppich auf den Rücken und flüsterte, daß ich nach Hause müsse. Doch es nützte nichts. Ich begann, sein Hemd aufzuknöpfen, befühlte ihn mit beiden Händen, sein Körper war voller Haare und warm. Ich dachte an das große Doppelbett der beiden und knöpfte sein Hemd bis hinunter zum Magen auf. Seine Zähne stießen an die meinen, sein Speichel mischte sich mit meinem.
»Ich habe die Tasche gefunden«, stöhnte ich.
»Wo?«
»Hier ist sie.«
»Danke«, sagte er und warf sie über seine Schulter fort.
»Ich will sie haben.«
Wir knieten beide. Dicht beieinander. Er knöpfte meine Nylonbluse auf. Ich trug keinen BH darunter.
»Oh«, sagte er und beugte sich über mich. Er saugte an der einen Brustwarze, die natürlich, schon lange ehe er in ihre Nähe kam, hart und steif geworden war. Seine Hände glitten unter die Bluse, an die Taille.
»Du bist merkwürdig«, sagte er. »Weshalb weigerst du dich?«
»Halt den Mund«, sagte ich, war aber schon eifrig dabei, seinen Hals zu küssen. Seine Haut war unwiderstehlich, roch nach warmer, trockner Erde.
»Anna, Anna, mach so weiter. Ich habe mir das erträumt«, murmelte er.
»Ich will nicht«, sagte ich. Aber dennoch konnte ich es nicht lassen, damit fortzufahren.
»Ich erinnere mich an das erstemal, als ich dich sah. Bei irgendeinem Familienessen. Du kamst in einem unmöglichen Kleid, trankst viel zuviel und sahst mächtig unglücklich aus. Und ich wurde wild nach dir. Ich dachte daran, dich in ein Taxi zu stecken, den anderen zu sagen, ich würde schon dafür sorgen, daß du gut heimkämest, und bei dir zu Hause hätte ich dich dann auskleiden und vergewaltigen wollen — wenn du dich verweigert hättest.«
Er ergriff meine Hand und führte sie nach unten, bis sie über seiner großen, warmen Beule hin und her glitt.
»Laß mich jetzt gehen«, bat ich.
»Ja«, sagte er mir ins Haar, während seine Finger meine Brustwarzen streichelten und kniffen. Ich mußte mich fest zusammennehmen, um mich nicht hintenüber auf den Teppich zu werfen und zu schreien, daß er ihn mir sofort und umgehend hineinzustecken habe, wenn ich nicht auf Djurholmen sterben sollte.
»Dann geh doch, wenn du wirklich willst...«
Ich versuchte es. Er hielt mich nicht zurück. Es war unheimlich.
»Nein, ich will nicht. Laß mich bei dir bleiben.«
»Nur, wenn du es selbst willst.«
Ich konnte die Kälte rings um mich...ich meine die gewöhnliche Temperatur...nicht aushalten, ich wollte, daß er ganz dicht auf mir, an mir, in mir und überall sein sollte, wo es ein Stück von mir gab. Ich stand vom Teppich auf. Er auch.
»Komm«, sagte er. »Gehen wir lieber ins Bett.«
»Oh? In das Bett? Das Ehebett?«
»Wir haben kein anderes.«
»Oh, Bengt.«
Ein wilder Wunsch befiel mich, seinen Schwanz, nackt, warm und groß, in der Hand zu spüren. Merkwürdig. Zum erstenmal hatte ich Lust dazu, den Schwanz eines Mannes in der Hand zu halten; früher...früher...nein, ich mußte jetzt an etwas anderes denken, sonst würde ich nicht einmal seine Hosen aufkriegen.
»Anna, ruhig! Wir haben die ganze Nacht für uns«, murmelte er. »Ich will dich langsam ausziehen — und du sollst ebenso ruhig und zurückhaltend sein, wie du es den ganzen Abend über warst, ebenso lieb, Anna! Ich kann aggressive Frauen nicht ausstehen, jedenfalls nicht im Bett. Ich mache es am liebsten ganz ruhig und möchte sicher sein, daß...«
»Daß was?«
»Daß wir einander genießen wollen, ohne uns gegenseitig mit den Nägeln blutig zu kratzen oder zu schreien und zu heulen. Nicht wahr?«
Sein Atem traf meine Schenkel, die Beine, als er mir die Strumpfhosen auszog, die im Dunkeln knisterten. Ich streckte die Hände über dem Kopf aus und bekam einige Kissen und Bettücher zu fassen. »Möchten doch diese Stunden zu den längsten der Weltgeschichte werden*, dachte ich. Dieses Fest mußte lange dauern. Auf zum Fest in den Armen eines Nationalökonomen! Wir zogen einander langsam aus, wobei wir eine Menge kleiner Sondernummern einlegten. Ich hatte das noch nie versucht. Nie auf diese Art. Sein Körper war so aufreizend, daß ich nicht die geringste Lust zu etwas anderem hatte, als zu küssen, zu lecken, zu saugen — er war so warm und weich und männlich, alles zugleich. Wenn seine Hände etwas vorschlugen, fügte ich mich ihnen sofort. Wollte er, daß ich meinen Kopf zu seinem Schritt hinunterstrecken sollte, dann tat ich’s, und ich hatte tatsächlich noch nie einen Männerschwanz im Mund gehabt. Er war so reingewaschen, so hygienisch, so geil. Es war übrwältigend. Ich war nicht besonders verwöhnt — und jetzt bekam ich plötzlich alles auf einmal. Seine Hände wühlten und bissen in meinem Haar herum, und er stöhnte, wenn ich mit etwas besonders Raffiniertem anfing. Dann murmelte er:
»Hör auf, Anna, sonst kommt es mir. Oooooh... Annaaaaaa... hör auf!«
Er warf die Hände über den Kopf und packte die Bettpfosten, die fürchterlich knarrten, und ich schluckte alles, was kam — es hatte einen etwas scharfen Geschmack, einen sehr eigentümlichen Geschmack, aber es kam ja von Bengt. Ja, weiß Gott. Es war Bengt, der demonstriert hatte, was er konnte...der nicht mehr Ingelas Sklave war, sondern bei mir lag und dessen Säfte ich eben bekommen hatte. Ich konnte mir nicht verkneifen, etwas zu kichern — soweit dies möglich war —, als es ihm kam, denn ich hatte noch nie einen Mann so laut stöhnen gehört. Wenn bloß Ingela unten auf ihrem Ryateppich nicht erwachte — wenn sie bloß seinen Schrei nicht gehört hatte!
»Lach du nur«, sagte er schwach, und ich kuschelte mich an ihn.
»Ich konnte mir’s nicht verkneifen.«
»Du wirst sicher nicht mehr lachen, wenn du entdeckst, daß ich nicht mehr kann...«
»Was sagst du da?«
»Kleine, liebe, unmoralische Anna. Fühl mal selbst...da...und da. Du wünschst sicher, er wäre ebenso steif wie vorher, nicht wahr?«
Seine Finger waren tief in mir, und was immer er sich ausdachte, es tat mir wohl. Seine ruhigen, selbstverständlichen Finger lösten einen kleinen Orgasmus nach dem anderen aus — nein, er war wahnsinnig. Ich biß ihn in die Schulter, die so rund und doch so fest war, und ich preßte meine Finger tief in seinen ausrasierten Nacken, und es kam mir abermals, denn er war an mir hinuntergerutscht und hatte seine Zunge gegen meine Schamlippen gepreßt. Er atmete sie heiß an, küßte sie mit seiner Zunge, während seine Finger auf ihre wunderbare Art weiter oben in mir spielten. Ich glaube, daß ich mich, auf meine Arme gestützt, aufbäumte, als ich fühlte, wie es mir kam, und daß ich nachher mit meinem Gesicht einen Sturzflug unternahm und es ins Kissen preßte, damit nicht die Bilder von den Wänden fielen, während ich schrie.
Und wie ich schrie. Anna Cecilia Magdalena, die sich normalerweise höchstens zu einem schwachen Laut der Lust hinreißen läßt! Es kam aus mir hervorgequollen, ich heulte eine ganze Menge zusammen — alle die obszönen Wörter, bei denen man sonst nur etwas peinlich berührt oder entschuldigend lächelt, wurden sinnvoll, ja geradezu zum Bersten voll von Sinn. Ich biß ins Kissen und sabberte einen großen nassen Fleck darauf.
»Und dabei haben wir noch nicht einmal richtig gevögelt«, sagte ich pustend.
»Aber natürlich haben wir das«, sagte Bengt und biß mich ins Ohr.
»Ja, es war auch nicht so gemeint. Oh, Bengt. Ich werde ganz wild, wenn du mich bloß anrührst.«
Ich streichelte ihn. Er war ganz verschwitzt, und meine Hand geriet auf seinem Bauch in etwas Klebriges. Ich fühlte mich fast aufgelöst vor Verliebtheit in ihn.
»Wart bloß einen Augenblick. Einen kleinen Augenblick. Ich kann gewöhnlich recht schnell wieder.«
»Das erinnert mich an einen jungen Kerl, den ich vor ziemlich langer Zeit kannte. Wenn wir nicht mehr imstande waren, weiterzumachen, legten wir uns zum Schlafen, stellten vorher aber den Wecker; er sollte nach ein paar Stunden läuten. So gegen drei, vier Uhr früh. Doch jedesmal endete es damit, daß wir ihn vom Nachttisch fegten oder in eine Ecke warfen. Man soll zwischendurch nicht schlafen.«
»Du hast einen so engen Schoß«, sagte Bengt und ließ seine Finger wieder in mich gleiten.
»Wirklich?«
»Mhm. Möchte wissen, was sie mit dir täten, wenn du in Arabien wohntest.«
»Dann füllten sie mich wohl mit Süßigkeiten so an, daß ich zwanzig Kilo zunehmen würde.«
»Vielleicht. Aber vielleicht würden sie eher versuchen, an einer anderen Stelle in dich zu kommen — da.«
»Da? Das ist doch nicht möglich.«
»Doch. Das müßte sich machen lassen. Ich habe es jedenfalls gehört. Wenn man sich während eines starken Orgasmus öffnet und die Gebärmutter nicht zu hoch oben sitzt.«
»Das klingt nicht gut.«
»Möglich. Aber es könnte vielleicht doch ganz unterhaltsam sein«, flüsterte er.
»Na schön, dann aber nur ein ganz, ganz klein wenig«, antwortete ich flüsternd.
»Ich glaube, ich bin wieder bei Kräften«, flüsterte er noch leiser.
»Mmmmmmmmm«, hauchte ich ihm ins Ohr.
Er drehte mich um und hielt mich von hinten umfaßt, und ich zog die Knie bis zum Kinn hinauf und ließ den Körper leicht vor- und rückwärts schaukeln, als er in mich eindrang. Ich stemmte die Beine gegen die Wand, damit er noch weiter hineinkommen konnte. Dann lehnte ich den Kopf an seine Schulter zurück und sagte:
»Mach so weiter, Bengt, so lange du nur kannst...«
Und das tat er — mit den Armen um meine Hüften. Bis auf den Grund. Und ich trat, sozusagen, über meine Ufer.
»Wart ein wenig. Ich hole ein Handtuch, damit wir uns etwas abtrocknen können«, sagte er, ziemlich außer Atem.
Sein Schatten an der Wand war fantastisch. Ich mußte lachen. Ich mußte an eine Karikatur im Puss, einem der APO-Blätter, denken, die Sven Wedén, den Leiter der Rechtsopposition, in langen Unterbuxen und mit einem formidablen, aufgerichteten Ständer zeigte.
»Komm, Wedén.«
Ich streckte ihm die Arme entgegen, als er mit einem kleinen Frottierhandtuch wiederkam.
»Was sagst du da?« murmelte er. Und dann:
»Dreh dich mal zu mir. Ich will dich abtrocknen. — Wedén?«
»Ja. Im Puss.« Unterdrücktes Kichern. Auch weil ich zwischen den Beinen ziemlich kitzlig bin. Obwohl er beim Trocknen sehr vorsichtig zu Werk ging.
»Puss?«
»Ja. Die Zeitschrift.«
»Kenn’ ich nicht.«
Er fühlte mit der Hand nach. So. Ich war trocken und alles wieder in Ordnung. Wir schoben ein paar Kissen unter mein Kreuz und machten die Tour diesmal von vorn. Es war ihm möglich, an einer meiner Brustwarzen zu saugen, während er mich ganz fantastisch verschob und seine Zeigefinger mit der Klitoris spielen ließ, wie man dieses Ding, von dem ich nie recht wußte, wo es sich eigentlich genau befindet, in Büchern nennt. Dort war sie also. Wunderbar. — Und alles auf einmal. Ich preßte die Augen zusammen und streichelte, wie in
Trance, seinen langen, schönen Rücken, und diesmal kam es mir nicht wie eine alles verheerende Explosion, sondern wie ein langgezogener Seufzer. Und als sein Sperma floß, konnte ich gar nicht mehr aufhören, zu seufzen.
Alles war schon fast vorüber, als ich etwas verwirrt an Schutzmaßnahmen dachte und daran, daß ich ziemlich schlampig mit mir umging. Aber der Herrgott würde gewiß in Gnaden auf mich herabsehen und mir sicher hindurchhelfen, obwohl ich ausnahmsweise nicht so vorsichtig war, wie ich es hätte sein müssen.
Viel hatten wir auf dem Bett nicht zurückgelassen. Die Federbetten lagen schon lange auf dem Fußboden, gefolgt vom Laken, zu einer Kugel zusammengeknüllt.
Und die Kissen unter mir waren klebrig und feucht.
»Wir werden wohl das Fenster öffnen müssen«, sagte ich und hielt Bengt so fest umschlungen, daß er sich unmöglich von mir freimachen konnte.
»Mein Gott, wie ich dich mag — gerade jetzt«, fügte ich hinzu.
»Das ist ganz klar«, sagte er ruhig. »Du magst mich ebenso wie ich dich, gerade jetzt.«
»Und später?« fragte ich, ein wenig elend.
»Wir kommen ja nicht so oft zu einem Fest zusammen.«
»Und an Ingela haben wir überhaupt nicht gedacht.«
»Ihr geht’s unten auf ihrem Teppich sicher auch nicht schlecht. Und wo hätten wir überhaupt die Zeit hernehmen sollen, um an sie zu denken? Alles zu seiner Zeit.«
Ich legte mich ganz auf ihn und umschloß seinen Mund mit meinem, eine Geste, die er sofort erwiderte. Dann zog ich mich von ihm zurück, ging langsam nackt die Treppe hinunter und in das Wohnzimmer, wo Ingela immer noch auf dem Teppich lag. Sie lag auf dem Rücken und schnarchte mit offenem Mund. Ich holte mir aus der silbernen Kassette auf dem Tisch eine Zigarette, steckte sie an, ging dann in den Korridor und telefonierte nach einem Taxi. Die Uhr drinnen schlug fünfmal. Großmutters Uhr. Die Uhr der Mutter von Ingelas Mutter. Ja, das Taxi würde in zwanzig Minuten hier sein.
Bengt lag immer noch auf dem Bett. Er übernahm meine Zigarette, während ich mich anzog.
»Ich fühle mich wunderbar wohl«, sagte er.
»Ganz davon zu schweigen, wie ich mich fühle«, sagte ich und zog die Strumpfhosen an. Er gab mir einen Klaps auf den Hintern, ließ seine Hand über meinen Rücken aufwärts gleiten — unter das Kleid, das ich mir eben über den Kopf zog. Als ich damit fertig war, holte er mich zu sich auf das Bett hinunter und zog mir die Strumpfhosen und den Schlüpfer wieder aus. Er brauchte sich überhaupt nicht anzustrengen, keine Spur von Gewalt anzuwenden. Ich legte mich ruhig auf den Rücken und spürte wiederum seine Zunge — es war ganz unglaublich, was er mit ihr alles fertigbrachte. Ich hob meinen Hintern etwas in die Höhe, legte die Beine über seine Schultern und war sehr müde, daß es mir noch einmal so richtig käme — dazu war mein Körper nicht mehr imstande. Ich lag nur da und ließ meine Beine über seinen Rücken baumeln. Meine Hände strichen ihm zärtlich über die Wangen, wo die Bartstoppeln sich wieder zu zeigen begannen — langsam wurde es Morgen.
»Draußen scheint der Mond«, sagte ich ein wenig später.
Er begleitete mich, an seiner schnarchenden Gemahlin vorbei, an die Tür.
»Ich schicke nächster Tage eine Dankeskarte«, sagte ich und hörte, wie der Taxichauffeur unten am Gartentor etwas nervös die Fußhebel bearbeitete, während wir voneinander Abschied nahmen.
Die Tragik würde wohl wieder in der Wasa-Stadt ihren Einzug halten dürfen mit Nächten voller Zigarettenrauch und ohne Schlaf und mit einer unbestandenen Prüfung und einer Menge stillen Schnees.
Nun ja. Ich glaube aber nicht, daß der Chauffeur aus so weiter Entfernung entdecken konnte, daß Bengt keine Faser am Leib hatte, während er in der Tür stand.