LARS ARDELIUS

Brief an meinen Verleger

Mein lieber Freund,

Du willst für Deine Anthologien eine neue Novelle haben mit Sex und Porno, und das schnell wie der Blitz, also wie das nimmt mir alle Freude. Sonst bin ich nämlich glücklich: zwei Kinder, Auto (zweisitzig), großartige (pompöse) Villa in Äppelviken, und eine Frau, die mich liebt, die nachts in mein Zimmer schleicht und sich auf die Stuhlkante setzt, bloß um mich anzusehen, wie ich da im Bett liege und filze.

Das heißt, ich bin zufälligerweise allein. Die Familie hat sich in die Natur begeben, ist vorausgefahren. Und alle anderen auch. Es gibt auf dem ganzen Mardväg nicht ein einziges Auto, nur einen der entzückenden Wagen vom Zirkus Straßenbauverwaltung, in den ab und zu mystische Männer (Jongleure?) mit nacktem Oberkörper steigen. Mitten in der größten Hitze, fern allen Winden und Wellen, esse ich allein im Schatten der >Loggia<, setze den Rasensprenger weiter, stecke blinzelnd die Nase in die Jelängerjelieber (die sich in den Fliederbusch ranken, der sich seinerseits in den Apfelbaum reckt).

Du fragtest sicher, wieviel ich noch zu machen habe. Laß mich nachsehen...Ja, Du schriebst: Mein Lieber, wieviel hast Du noch zu machen? Ich gehe davon aus, daß Du die Novelle meinst, da lautet die Antwort: alles. Dabei rechne ich die Zeile nicht mit, die ich vorgestern schrieb: »Etwas leuchtet auf, blendend, etwas schimmert ganz deutlich unter einem Nachthemd. Ein Weib? Ihr Körper?« Aber Du hättest mich heute morgen sehen sollen, welche Arbeitsmoral! Ich erwachte um zehn. Das Fenster hatte ich über Nacht geschlossen wegen einiger Naturlaute von draußen (ein Vogel, glaub’ ich), und es war furchtbar warm. Ich blieb im Bett liegen.

Ich stehe nicht auf, dachte ich, bevor ich nicht eine Idee bekommen habe. Ich blicke durchs Fenster nach draußen. Still stand der Faulbaum in eine Art Netz gehüllt. Ich mußte denken, systematisch denken. Ich weiß, daß das falsch ist. So arbeiten richtige Schriftsteller nicht, aber ich hatte keine Wahl. Also systematisch: Wenn ich mit verschiedenen Löchern anfange, sie durchgehe, mich aufgeile? Was gibt es für Löcher? Löcher in Strümpfen, Gitarren (Mandolinen, Zithern), Löcher im Brot, in diesem braunen aus Siebmehl mit Pünktchen drauf...

Ich hatte eine Schüssel große, schwarze Hedelfinger (Knorpelkirschen) auf dem Nachttisch stehen. Und Lolita, von Wladimir Nabokow, lag da, die ich zur Hälfte durchgegangen bin (mit starr schielenden Augen, nein recht beherrscht). Ich genehmigte mir eine Kirsche und betrachtete Per Ählins Umschlag zum Buch, Lolita in roter Unterwäsche. Bemerkte, daß sie ein kleines Schwänzchen zu haben schien. Wahrscheinlich war es das Strumpfband am Hüfthalter im Profil, ein wohlonaniertes, rotes, kleines Schwänzchen. Obwohl, es konnte auch eine extrem entwickelte Klitoris sein, leicht nach unten zeigend. Falls eben eine stark geschwollene Klitoris nach unten zeigt, nicht nach oben oder geradeaus. Das sollte man vielleicht irgendwie untersuchen.

Ich kroch schließlich aus dem Bett und beschloß, in kurzen Hosen zu gehen. Es ist so äquivok, besonders wenn man sitzt, und die kleinen Haare auf dem linken Schenkel hängen sich in die des rechten. Und natürlich barfuß. Barfuß aus dem Badezimmer ging ich in das leere, heiße Kinderzimmer, spürte Vogelfutter (Mäusedreck?) unter den Sohlen und trat ans Fenster. Ich sah direkt auf das grüne Grundstück des Nachbarn. Dort hängte die Türkin Wäsche auf. Sie stand der Sonne (und mir) zugewandt, mit erhobenen Armen gleichsam die Götter anrufend.

Also: ein junges, türkisches (bulgarisches? jugoslawisches?) Paar hat die Villa den Sommer über gemietet. Beide sind sehr groß, wirken schüchtern und reserviert, man kann fast sagen, redlich. Sie habe ich ein paarmal nackt im Obergeschoß (ihrem) gesehen. Ihre Brüste stehen beinah unnatürlich vor und wirken fest wie ein Kohlkopf, der knirscht, wenn man ihn anfaßt. Und dann ist da der Mann, er sieht einem gewissen Schauspieler nicht unähnlich. Er kommt mittags nach Hause, und gestern (Mittwoch) waren sie zusammen nach dem Essen im Hängesofa.

Aus irgendeinem Grunde (ich weiß schon, warum) lag ich im Gras neben meinen drei Stachelbeersträuchern am Zaun unweit ihres grellblumigen Gartenmöbels, das nur zur Hälfte hinter wilden Blumen und Grün verborgen ist. Ich arbeitete eigentlich, suchte nach Worten, die mich in Gang kommen lassen könnten mit einer Art Sexnovelle. Worte: ausstoßen (stieß aus, ausgestoßen), Verschluß (Mundstück, Dreckstück), Schmarting... Glasaal, Vase... Mannloch (Glück, Leck), Matscher, Maus, Moment... Ich dachte auch an die Sofiamädchen, oder vielleicht waren es die Idlamädchen, wie sie sich nach ihren Bällen recken, sich dehnen, wie sich die Brüste bewegen, die Trikots zwischen den Beinen einschneiden und eine kleine Falte im Spalt bilden.

Und dann der Umkleideraum, wo sie sich aus- und anzie-hen (ein zusammengeknautschter Schlüpfer hier, ein ausgebreiteter dort), wie sie sich gegenseitig berühren, ein Hintern, der im Luftzug einer Schranktür erschauert, eine Brust, die von einem Witz eine Gänsehaut bekommt, eine Hand, die streichelt, ein Kopf, der sich in einer Woge von Haar über ein Knie beugt, eine kleine Wunde, ein Riß! Kleine Beinchen und Hinterchen, nein, rein in die Dusche, alle auf einmal!

Plötzlich prustet es, als würde eine Tür pneumatisch geschlossen. Die Türkin hat sich in das Hängesofa gesetzt. Sie sah sich um, kein Mensch im ganzen Viertel war sichtbar. Mich entdeckte sie nicht.

»Ye...tjack, tjuck, yee...«

»Kabaa...«

Ich sah die Schenkel, den Bauch und die Brust des Mannes, der (zögernd?) in weißen Leinenhosen, die knapp auf den Hüften saßen, vor dem Sofa stand. Er hielt die Hände aneinander gedrückt.

»Mä kee...segar, segaar? « murmelte die Frau halb liegend und ihren blonden Kopf in die weiche Hand stützend.

Langsam zog der Mann etwas aus der Tasche, einer geradegeschnittenen Tasche an der Hüfte. Es war etwas Blankes, eine kleine, runde Dose, eine Fahrradklingel?

Die Frau richtete sich plötzlich auf, und die Schaukel begann zu schwingen (und die Margeriten und eine blaue, ganz auf geblühte Blume auch).

»Mä kee? Mä kee?«

Der Mann streckte die Hand mit gespreizten Fingern gegen ihre Stirn, im gleichen Augenblick sank sie zurück und verschwand ganz und gar hinter der Rückenlehne mit dem Muster von kleinen, roten Blumen. Er hielt die kleine Dose in der einen Hand, mit der anderen knöpfte er den Hosenschlitz auf und zog seinen Ständer heraus. Er war groß und ragte mit merkwürdig heller Haut hervor.

Jetzt guckte das nackte, glatte Knie der Frau wie ein Stopfpilz über das Sofa. Wollte sie den Mann damit stoppen? Sie bog den Schenkel zur Seite. Der Mann hielt die Stange mit der Hand, und zuerst langsam, dann schneller, zog er die Vorhaut zurück.

Erneut sah ich den Schenkel der Frau, wieder bog sie ihn zur Seite.

»Segaar...serake...«

Ich muß Türkisch (Bulgarisch, Jugoslawisch) lernen, damit ich die Zunge rasseln lassen kann, knallen, kollern, eine Frau küssen kann, die von Worten überschwappt, ein Weib mit türkischen Brüsten und türkischen Schenkeln!

Was geschah? Der Mann fiel lang über die Frau, und die ganze Schaukel schien, bumsend und mit singenden Stangen, vom Wind hochgedrückt zu werden, höflich gesagt.

»Ma ma marake, Tjuck! Y mi so, mi so, mi hara...«

»Saraa. Segar!«

»No!«

Hämmernd gegen die See stampfend, nein...sagen wir lieber: Ein helles und körniges Bein (sehr weich, sehr feine Linien, sehr gut) ragte über die Sofakante, der abgestoßenen Kante, die in der Sonne brannte, ein Fuß mit gespreizten Zehen... ihr Haar, sein gekrümmter Rücken mit dem gestrafften Hemd...

»Ma ma...«

»No!«

Ich stand auf, nein, blieb liegen, steckte mir eine Beere in den Mund. Eine Stachelbeere war es auf jeden Fall nicht. Die Frau stöhnte, die Frau winselte, oder war es der Mann? Ihre Hand erschien über der Kante (die ich oben erwähnte), fuchtelte suchend nach irgend etwas oder flatterte, besser gesagt, wand sich wie ein Mobile und zog sich zurück.

»Sarake.«

»No.«

»Y mi so, mi hara, Hurra, hurraa!«

Dann wurde es still wie auf einer persischen (halbtürkischen) Miniatur. Und in der Stille spürte man die Gerüche von sonnenwarmem Gras, von Büschen und Erde. Genau vor meinen Augen kletterte eine kleine Spinne hoch und eine Drossel, eine braun gesprenkelte Drossel...ja, sie stand in einiger Entfernung still. Wie dem auch sei, die Türkin erhob sich, zog an ihrem verrutschten Rock und kroch in die Blumen hinter der Schaukel, direkt auf mich zu. Nein, sie sah mich nicht, drehte sich um, zog das Kleid hoch und drehte mir einen Hintern wie eine Margerite, eine Sonnenblume zu. Und ich lag da, wo ich lag.

Das war gestern (wie gestern? ). Aber heute morgen sah ich sie also vom Fenster des Kinderzimmers durch die schmierige Scheibe voll deutlicher Spuren kleiner Nasen und Münder. Sie hängte ein Kleidungsstück auf die Leine, das einem unförmigen Riesentier zu gehören schien. Ihrem Liebhaber? Jemandem, der sie stehenden Fußes nahm, sie auffädelte, sie wie ein Rad herumdrehte, ihr die Sachen herunterriß, in sie hineinbrüllte wie in ein Sprachrohr? (Ich meine, die Leute benehmen sich doch so, nicht wahr? Wie von Sinnen, jedenfalls.)

Eine Uhr schlug. Ich ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Die Kälte schlug meinem Bauch entgegen. Es gab da fünf Flaschen Bier, ein Sträußchen Petersilie, drei Eier und ein Stück Wurst (Ströveltorp). Ich nahm eine Flasche Bier (oder die Wurst? Auf jeden Fall öffnete ich das Ding an einem

Ende). Ich blickte auf das Thermometer vorm Fenster (23°), ging mit der Zeitung hinaus auf die schattige »Loggia* und sank in den zerrissenen Liegestuhl neben den Jelängerjelieber. Es zeigte sich, daß heute Donnerstag, der 24., war. Kossygin wirkte müde, lächelte aber Indira Gandhi zu, die zurücklächelte, müde, doch glücklich. Jemand hielt eine Plastikspirale hoch (de Gaulle?), sechs Fälle von Salmonella, und das Skansentheater wird geöffnet oder geschlossen.

Auf Seite neun eine Reportage über Sommerkleidung im Büro, mit Bild: Ein Mann in Hemdsärmeln lehnt sich über den blanken Tisch einer Frau zu. Ihre Stirnen berühren sich fast, ihre Brüste zeigen auf den Tisch, und das Haar hängt in einem Bogen herunter, sein Mund drohend. Mir fiel ein Mädchen ein, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, das auf einem Tisch, der auf einen Tisch gestülpt war, lag. Und eine andere Sache, eine üppige Frau in einem Holzschuppen, das Feuchte, der Druck, der Gegendruck und ihre Zunge. Und eine Einfahrt in der Bryggargata, eine gedrechselte Tür. Und an der Storkyrka. Nein, ich schlage lieber die Seite mit den Vergnügungsannoncen auf, Saloon Sexy, Gröna Lund, ein recht nettes Bild einer Negerin, die sich wie eine Diskuswerferin dreht und ihr Dreieck dem Leser direkt ins Gesicht schleudert.

Ich stehe auf. Mir ist warm, und in der Hose bin ich halb steif. Ein Bier hat trotz allem seine Wirkung. Und nebenan bei den Nachbarn belebt es sich auch hinter den Büschen, segaar! Was mache ich, soll ich hinauf gehen und mich mit Lolita aufs Bett legen, Lolita mit dem kleinen, roten Schwänzchen? »Meine einzige Kritik an der Natur war, daß ich meine Lolita nicht umdrehen und meine Lippen an ihr festsaugen konnte, zu ihrem unbekannten Herzen, ihrer perlmuttergleichen Leber, den Trauben ihrer Lungen, ihrer wohlgeformten Zwillingsnieren.«

Plötzlich klingelte das Telefon. Ich taumelte hin und meldete mich, das Glas (die Wurst? Nein, das Glas), das Bierglas mit seinem sinkenden Schaum auf die Garderobe vor den Spiegel stellend.

»Kann ich mit Birger sprechen?« fragte eine unbekannte Frauenstimme mit starkem Norrland-Akzent.

Der Spiegel beschlug hinter dem kalten Glas.

»Ja«, antwortete ich, »das bin ich.«

»Hallo...«

»Das bin ich.«

Es war still wie zwischen Porjus und Adak, wo alle Laute von der bleichen, tiefen Renflechte aufgesaugt werden.

»Sagen Sie etwas«, bat ich. »Sie haben so eine schöne Stimme.«

»Ich möchte mit Birger sprechen.«

»Er ist nicht hier.«

Sie legte den Hörer nicht auf (man beachte, sie legte nicht auf). Ich glaubte zu hören, wie sie atmete. Es war ein schwaches Sausen wie in der gebleichten Krone eines Rentiergeweihs im Moos. (Doch, das saust bestimmt.)

»Wollen Sie mir einen Gefallen tun?« fragte ich und zog vorsichtig an einer Haarsträhne auf dem Bauch. »Haben Sie ein Kobra? Ein Kobratelefon?«

Sie antwortete nicht, legte aber auch nicht auf. Ich fuhr fort:

»Ziehen Sie Ihre Schlüpfer aus«, bat ich freundlich, aber bestimmt. »Stellen Sie sich breitbeinig hin, und stecken Sie das Telefon rein. Nur einmal, das genügt! Ziehen Sie die Schlüpfer aus...«

Es wurde aufgelegt. Ich begreife, daß ich etwas gesagt haben muß...

Ich blieb vor dem Spiegel stehen: blaue, zerknautschte, kurze Hosen, hellbraune Haut. Schön? Nein, nicht besonders. Ich beschäftigte mich damit, in einer Schale voller Briefe zu wühlen, die auf der Garderobe stand, bekam eine Postkarte (Farbe: Rentierflechte) vom letzten Winter in die Finger. Las laut:

»Wenig geachteter Verfasser! Man fragt sich manchmal, wie die, die solche Geschichten schreiben, inwendig aussehen mögen. Ihre Hirn- und Fußgewölbe müssen mit Schamlippen bekleidet sein, wie ein Festsaal mit Kreppapier. Und wie benehmen sie sich im Bett? Wagen sie es, ihre Hosen und Unterhosen auszuziehen? Daß es Frauen gibt, die sich mit gespreizten Beinen hinlegen, wissen wir, ebenso, daß sie sich zu einem

Bogen anheben. Und auf dieser Brücke wollen Sie in den Himmel wandern?«

Ich drückte die Nase an den Spiegel, leckte ihn an, nahm dann das Telefon und wählte auf gut Glück eine sechsziffrige Nummer. Sofort meldete sich eine leise, rauhe Männerstimme:

»Ja?«

»Kann ich mit Eva sprechen?«

»Mit wem spreche ich?«

Seine Stimme klang wie die eines abgehetzten Maurerpoliers, den man nicht stören sollte. Ich glaubte, sein Ohr zu sehen: wie ein Kopenhagener! vom Hörer plattgedrückt, mit recht viel Gelb in der Mitte.

»Ich bin ein Bekannter«, sagte ich. »Sie weiß, wer.«

»Hier gibt es keine Eva.«

»Verzeihung, ich meinte Vera, V-e-r-a.«

Pause. Ich rechnete damit, daß er auflegen würde, aber statt dessen ließ er sich wieder hören: »Einen Augenblick, ich will sehen, ob sie noch da ist.«

Eine Fliege lief über meinen Schenkel, ich schlug nach ihr, aber sie flog weg und lief dann über meinen Arm. In wenigen Sekunden veranstaltete sie hierauf kurze Promenaden auf meinem Rücken, meinem Bauch, wieder auf demselben Schenkel, auf dem Fuß, auf der Hand, die den Hörer hielt.

»Hallo.«

»Ist da Vera?«

»Ja.«

Die Stimme ähnelte verdächtig der der anderen Frau. Der Dialekt klang ebenso nördlich.

»Bist du allein, kannst du ungestört sprechen?«

»Wart einen Moment. Ich werde die Tür zumachen.«

Ich hatte immer noch die Postkarte in der Hand. »Und wie benehmen Sie sich selbst im Bett? Wagen Sie es, ihre Hosen und Unterhosen auszuziehen?«

»Hallo! Mit wem spreche ich eigentlich?«

»Nisse.«

»Ich kenne keinen Nisse.«

»Dann müssen wir uns treffen.«

»Ach, warum das?«

Ich beschrieb den Garten, den Rasensprenger, den Kühlschrank.

»Hier ist es also schön.«

»Wirklich?«

Ich stellte mir vor, daß sie den Kopf ein wenig schief hielt, blondes, zartes Haar hatte, ein hellblaues Kleid mit ein paar frischen Knittern auf oder dicht unter dem Hintern.

»Dein Kleid, ist das blau?«

»Meins? Das ist rot.«

»Komm um fünf zu mir. Du bekommst vorher Krabben und geröstetes Brot. Um fünf Uhr.«

»Ich weiß nicht.«

»Doch, du hast die Adresse bekommen.«

»Wir werden sehen.«

»Um fünf.«

Ja, ja. Man kann, wie man sieht.

Ich ging wieder hinaus in die >Loggia<, blätterte in der Zeitung, las etwas über das Wasser des Mälarsees und sah mir ein Bild mit Kongreßleuten (so eins, wo draufsteht, wie sie heißen) vor einer dunkeln Wand mit einem dicken Abfallrohr an. Kam auf die Idee, über den Reichstag zu schreiben, mit Petting in den Bänken, den Verbindungsgängen, etwas mit Dicksons Schnüffler. Nein, zu einfach. Stand auf, lehnte mich gähnend über das Geländer neben der Rosenrabatte und entdeckte dicht an der feuchten Wand ein kopulierendes Schneckenpaar: Sarake! Ich ging rein, um mir noch eine Flasche Bier zu holen, blieb aber in der »Bibliothek« stehen und blätterte ein bißchen in geeigneten Büchern.

»Sie macht keinen Versuch aufzustehen, sondern ich merke zu meinem größten Erstaunen, wie sie den Weg in meinen Hosenschlitz sucht. Sie streichelt mich so wunderbar, daß ich sofort in ihrer Hand komme. Dann nimmt sie meine Hand und steckt sie zwischen ihre Schenkel. Sie liegt zurückgelehnt und völlig entspannt mit weitoffenen Beinen. Ich beuge mich vor und küsse jedes einzelne Haar, stecke die Zunge in ihren Nabel und lecke ihn.«

»Zu meinem Erstaunen liege ich vollkommen entspannt mit der Zunge in ihrem Haar. Es duftet sauber, und sie macht keinen Versuch aufzustehen. Ich küsse sie.«

»Ich spüre ihr Haar, das sich den Hosenschlitz sucht. Ich liege zurückgelehnt, strecke die Zunge aus und lecke. Der Saft läuft, und erstaunt drücke ich ihren Kopf zwischen die Beine, fasse ihre Hand, streichle sie. Wunderbar! Sie beugt sich vor, steckt die Zunge hinein und windet sich. Erstaunt merke ich, daß sie mich küßt, ich beuge mich vor, und sie dreht sich herum: völlig entspannt und mit weitoffenen Beinen.«

Ich gehe in die Küche, »völlig entspannt, mit weitoffenem Hosenschlitz«, suche mir ein Stück Brot und esse es mit einem Klacks Butter und einigen Scheiben Ströveltorp dazu plus Bier, das ich mir auf die Hosen schütte. Temperatur draußen: 25 Grad. Es ist halb zwölf und höchste Zeit für die Schweinenovelle, irgendwas. Eine Reihe berühmter Liebespaare? Antonius und Kleopatra (die Köpfe etwas im Profil, ihr Elizabeth-Taylor-Profil, die Oberkörper frontal und Kleopatras Brustwarzen, die sich bewegen, ganz orientalisch), Karl XII. und Aurora Königsmarck (barock wie der Teufel, protzig, auf getakelt mit Stoffen und Bändern, Hagelschauern von rosa Puderwolken) oder Charles und Ivonne de Gaulle? Oder ein weniger bekanntes Paar, der mopsige, dialektsprechende Fußballarzt A. und der Favoritaußen?

Schwerfällig stapfe ich die Treppe hoch und gehe ins Kinderzimmer. Die Türkin sitzt im Hängesofa, unbeweglich, mit dem Rücken zu mir. Ich öffne das Fenster, die dünne Gardine weht über mich und sinkt dann auf das vernarbte Schaukelpferd mit seinem geduldig gebeugten Haupt. Es hat hinten von dem ausgerissenen Roßhaarschwanz ein rundes Loch. Es ist wahr, daß man auf Java, daß die ein Roßhaar um den Steifen wickeln? Ich frage mich nur, die Hand auf das Fensterbrett gestützt, und die Türkin streicht sich über den Nacken...

»Oh sakar! Y mi so, mi hara. Segaar!« Soll ich mich hinauslehnen, pfeifen (mit der Zunge raus und rein fahren), das Pferd hochheben, winken, Zeichen machen?

Erhitzt und matt sinke ich auf den Fußboden, die Arme um den Hals des Schaukelpferdes, dessen verwitterter Blick auf meiner glotzenden Brustwarze ruht. Ich stecke die Zunge in das rote Nasenloch des Pferdes und lecke es sauber. Lege mich dann flach auf den Boden, nahe dem kalten Heizkörper, und schlafe ein.

Ich erwache, ja, um drei Uhr erwache ich wieder. Zerschlagen und verschwollen hänge ich mich ins Fenster. Hinten in der Schaukel (wie im Maul des Wals unter den Fransen des Sonnendachs) sitzt nackt die Türkin. Sie wendet mir den Rücken zu, schaukelt leicht, und auf den Knien vor ihr sitzt ihr Mann, der Hundetürke (sein Schwanz ist so hell wie der eines Hundes). Er hat die Hände erhoben, als wenn er ihre Brüste umfassen will, tut es aber nicht.

Ich zucke zusammen auf dem heißen Fensterblech, spüre einen Duft: Jelängerjelieber.

»Marake kanare no.«

»Karare manake no.«

»Ramake vanake no.«

»Si!«

Nein, ich muß schreiben, muß essen, auf den Lokus gehen, brauche Bier, muß schreiben.

Und jetzt sitze ich hier, auf die Tasten schlagend. Es ist halb fünf. Also, in einer halben Stunde ist es fünf. In einer halben Stunde...klingelt es an der Tür? Um fünf?

Jetzt weiß ich, ich werde über ein bekanntes Paar schreiben: Adam und Eva. Das ist ein Anfang.

In der Mitte des Paradieses zwischen gestürzten Bäumen, Quellen und roter Erde, dort, wo der Wind von einer Blume oder einer schimmernden Libelle aufgehalten wird. Der Himmel: blau. Und Eva hebt den Apfel gen Himmel. Zeugen: Adam und die Schlange. Die gewaltigen Bäume stehen unbeweglich, erstarrt in ihrer Rinde. Das einzige, was man hört, ist ein Wildschwein, das in einem Gebüsch grunzt, und ein schwaches, aber durchdringendes Surren: eine Hummel im Gras, die über ihrem Nest in einem Grasbüschel summt. Eva beißt in den Apfel. Es knistert wie von einem Feuer. Eva ißt. Adam ißt.

»Gut.«

»Fantastisch.«

»Weißt du mehr. Nein, sieh, du hast ja einen grünen Fleck auf dem Hintern. Gras.«

Adam streckt seine geäderte Hand aus, um ihr über den Popo zu streichen, über die Schenkel, den Bauch. Nein, sie will nicht, zuckt zusammen und weicht einen Schritt zurück, direkt in einen Fleck voller Maiglöckchen.

Es ist fünf Minuten nach halb fünf. Ich fahre fort:

Er betrachtet seine offene Hand, die zitternden Finger, den Zeigefinger, der auf Evas runden Bauch weist, das Haar darunter, das sich kräuselt. Verwirrt blickt er auf die Schlange, deren Augen leuchten.

»Was sollen wir tun?«

»Bedeckt eure Lenden«, sagte die Schlange, »bedeckt euch.«

Mit einem leisen, fast unwirklichen Geräusch gleitet die Schlange durch das Gras zu einem Feigenbaum, der mit seinen matt schimmernden Zweigen wie ein belaubter Heuwagen vor einem großen Steinblock steht. Adam nagt etwas nervös am Rest des Apfels, hält das Kernhaus hoch und sieht durch seine dünnen Hände wie durch eine Linse.

»Ich erinnere mich, wie wir uns das erstemal trafen«, sagte er.

»Du hobst mich hoch, kitzeltest mich.«

»Ich strich mit einem Halm über deine Brüste.«

Sie fallen in Schweigen. Die Schlange kommt mit ein paar Blättern im Maul zurück.

»Setzt sie euch auf.«

Wie denn? Doch: mit zu Band geflochtenem Gras. Ein Blatt für Adam, drei für Eva. Adam sieht an seinem Bauch herunter.

»Wie ist es?« fragt er, »sieht man was?«

Eva prüft sein Blatt, hält den Kopf schief, spitzt zweifelnd die Lippen. »Es sitzt ein bißchen schief«, sagt sie schließlich und streckt die Hand aus.

Aber im gleichen Augenblick hebt sich, schwups, sein Glied in ein paar heftigen Rucken, und das Blatt gleitet zur Seite, hängt wie eine Tasche auf den Leisten. Es bewegt sich etwas in dem großen Baum. Ein Löffelstorch ist gelandet, Schatten zucken über Adams und Evas braune Körper.

»Ich möchte dich haben«, murmelt Adam.

»Küßt euch«, zischt die Schlange. »Sagt >Ah<, A wie in Schlange.«

»Ich will dich haben, dich umarmen, wenn nicht diese Sachen hier zwischen den Beinen im Wege wären.«

»Ich möchte auch...wenn ich nicht so naß an den Schenkeln wäre. Es läuft.«

»Ich kann dich abtrocknen, warte, ein bißchen Gras...«

Jemand findet ein bißchen Gras, Adam oder die Schlange.

»Trockne sie ab«, zischt die Schlange. »Trockne, reibe, fang an.«

Es ist drei Viertel fünf. Etwas bumst...die Schaukel? Ich fahre fort:

Eva stellt sich breitbeinig hin, leicht zitternd, schließt die Augen und preßt die Lippen zusammen. Adam sinkt auf die Knie und beginnt an der Innenseite der Schenkel zu reiben.

»Danke, es ist gut so«, murmelt Eva und stützt sich einen Augenblick auf Adams Schulter. »Oh, deine Haare...sie kitzeln mich, zwischen den Beinen.«

»Beug dich zurück. Mehr.«

»Ich falle.«

»Leg dich hin.«

»Warum das? Was machst du? Paß auf, das Bein...der Fuß...Was machst du?«

»Ich klopfe, kratze, streichle...«

»Du saugst...nicht da.«

»Leg dich hin.«

»Ich liege doch...so...nein, nicht die Brust, in der Kniekehle. Hör auf, das kitzelt...«

»Ich klopfe, biege, hebe, schnüffle.«

»Lieg still. Was machst du mit dem Ohr? Nein, warte, zieh den Bauch ein, beuge die Arme, atme.«

»Dein Kopf...ich trage dich.«

»Was tust du? Warte, halte die Beine auseinander...ich blase.«

»Dein Knie...es riecht. Setz dich auf, nein, lieg.«

»Merkst du, was ich mache? Nein, öffne dich. Du bist so warm. Warte...«

»Was willst du? Hör auf, leck nicht so. Ruhig, ich bin ausgerutscht. Nein, sauge, nein, dreh dich um, nein, bleib...weiter hinten...Nein, das geht nicht. Doch, es muß.«

»Der Nabel...«

»Die Nase...Was ist das?«

»Du bist ganz naß.«

»Wo? Vorsicht, paß auf die Schlange auf, da. Die andere Seite, beug das Bein, nein, das Bein! Nein, laß los, was willst du?«

»Das kitzelt.«

»Bücke dich. Wie ist es? Nein, ich rutsche, lieg still! So, das ist gut, so... faß mich nicht an.«

»Au... Heb an.«

»Warte, leg den Hintern anders. Jetzt hatte ich... nein, das war Gras.«

»Nicht da, weiter oben...öffne dich.«

»Der Nabel...halt mich fest. Lieg still... nein, mich beißt was.«

»Mich auch.«

»Das ist schön, sauge. Das kitzelt. Ooh... vorsichtig. Was machst du? Vorsichtig.«

»Ich mache nichts, heb dich doch, laß mich runter. Das Ohr, dein Hals...«

»Tu es! Nein, warte, ich muß es probieren...oh...«

»Die Zunge.. .nein, lieg...«

»Mehr, nein, hier. Otthh... dein Schenkel, die Brust... was machst du?«

»Nichts. Nein, nicht so.«

»Otthh...«

»So. Uuuuuhhhh...«

»Oh...«

Und dann? Die Sonne scheint mir direkt in die Augen, die Uhr ist fünf vor fünf. Was mache ich? Soll ich in den Garten gehen, mit einem Bier, und mich neben die Stachelbeersträucher setzen? Die Türkin beobachten, die nackt mit den Klei-dem auf dem Arm zum Hause geht? Einen Grashalm zwischen die Finger nehmen und darauf blasen?

Ich höre die Klingel an der Tür. Es ist fünf Uhr!

Hej!

Lars (Ardelius)