LARS BJÖRGMAN

Fata morgana

Er ging, von der Villa Borghese kommend, durch die Porta Pinciana auf die Veneto. Es war der 28. April und kurz vor neun Uhr abends.

Er hatte einen leichten, hellblauen Anzug an, marineblaue Strümpfe, Zeugschuhe in der Farbe des Anzuges, ein Hemd, das eine Nuance heller blau war, und einen gestrickten Schlips in der Farbe der Strümpfe.

Er fand, ganz objektiv, daß er ziemlich gut aussah und daß er sich wohl fühlte, reineweg sehr gut, hol’s der Teufel, hypergut.

Nämlich, heute abend sollte es geschehen.

Nach zehn Metern auf der Veneto kam ihm ein junger, eleganter Mann entgegen, verbeugte sich leicht und fragte:

»You want to make love, Sir?«

»Yes, I do... I have a date with a girl.«

»Sorry, Sir.«

Er ging über die Straße und wurde an der Ecke von einer kleinen, unerhört dicken Dame angesprochen:

»You want to make love, Sir?«

»Yes, I do...I have a date with a boy.«

»Sorry, Sir. Good luck.«

»Thank you.«

Er hatte noch viel Zeit. Er überquerte die Veneto und nahm an einem Tisch im Café de Paris Platz, um ein bißchen auf die Amerikaner zu sehen. Er bestellte einen Baccardi mit Ananasjuice und fand immer noch, daß es ihm gut ging.

Am Tisch neben ihm saß ein alter amerikanischer Drachen mit Perlen und rosa Tüll am ganzen Körper. Sie schimpfte ununterbrochen mit ihrem kleinen Mann wegen etwas, das er

nicht gemacht hatte, aber ihrer Ansicht nach hätte machen müssen. Ein wenig weiter weg saß John Houston in seinem Noah-Bart und diskutierte über die Bibel mit Christopher Fry. Hinter einer Traube kichernder Starlets hing Stewart Granger über einem schönen italienischen Jungen.

So ist die Welt, dachte er und bekam seinen Drink. Und der Frühling ist in die Welt gekommen.

Er hatte noch eine Dreiviertelstunde Zeit, ehe er Ivania im George’s treffen sollte. Das konnte er sich eigentlich nicht leisten, aber...

An diesem Abend sollte es doch passieren.

Das erste Mal hatte er Ivania in einer Nacht in der Taverna degli Artisti in der Via Margutta getroffen.

Zunächst hatte er allein gesessen. Jemand setzte sich an seinen Tisch und irgendwie (ohne daß er den Überblick behielt) wurden es mehr und mehr. Zuletzt waren es etwa fünfzehn.

Er war der einzige, der Geld hatte, und alle waren nett zu ihm. Alle sprachen mit ihm, die Mädchen tanzten mit ihm, und er war sehr glücklich. Er dachte, daß Rom doch auf jeden Fall immer Rom wäre. Was ja eine nicht zu leugnende Wahrheit ist.

Stockholm ist eine Kleinstadt, dachte er, ein verkümmertes Nest voller Basen, bürokratischem Kleinkram und unbegabter Halbnutten. Und sogar sein Italienisch schien mit seiner fließenden, blumenreichen Rhetorik vollkommen zu sein.

Ivania kam spät.

Es war alles sehr verworren. Nach einer Unzahl Cuba libre schwamm sie gewissermaßen heran. Erst hatte er das Gefühl, daß sie nicht existierte. Erst als er plötzlich entdeckte, daß er mit ihr tanzte, wurde sie für ihn in einer sehr greifbaren Weise Wirklichkeit.

»Basta, Svedese!« sagte sie. »Nimm die Hände von meinem Hintern, die Leute glotzen uns an.«

Sie war anders als alle Italienerinnen, die er getroffen hatte. Einerseits hatte sie sehr kurz geschnittenes Haar, sehr kurz, wie ein Junge, und andererseits war sie groß. Es war das einzige passende Wort, auf das er kam. Groß überall. Und er schätzte jeden Millimeter, jedes Gramm von Ivania. Bilder von Pferden, Känguruhs und Seehunden (auch einem Wal, aber das verdrängte er schnell) wurden irgendwo in seinem Hinterkopf reproduziert, als er versuchte, über ihr Volumen Klarheit zu gewinnen. Sie war kompakt, nichts war lose oder schlottrig. Sogar ihre großen Brüste waren fest, und sie hatte keinen Gebrauch für einen BH.

Irgendwie (er erinnerte sich nicht wie) bekam er sie nach draußen auf den Parkplatz. Mit einem Enthusiasmus, wie er ihn seit langer, langer Zeit nicht mehr empfunden hatte, warf er sie auf den Kühler eines Autos. Er entdeckte, daß es ein Ford Mustang war und richtete sich auf:

»Komm! Amerikanische Autos sind so keusch.«

Er nahm sie an die Hand und schleppte sie zu einem stahlgrauen Ferrari (250 GT mit einem wunderbaren, zwölfzylindrigem V-Motor und drei doppelten Weber-Vergasern).

»Man muß auf seine Prinzipien achtgeben«, sagte er und wuchtete sie auf den niedrigen Kühler des Ferraris.

Schwach und nur irgendwo in der Peripherie seines Bewußtseins vernahm er ihre Proteste:

»Basta! Stupido Svedese! Stop it! Non voglio! No, no, no!« Hinterher kam er drauf, daß sie vermutlich schon früh den Parkplatzwächter entdeckt hatte, der allzu schnell kam und sie zum Abbrechen brachte. So schnell, daß er nie weiterkam, als ihre Bluse aufzuknöpfen und ein bißchen leicht in ihre rechte Brustwarze zu beißen.

Als sie an den Tisch zurückkamen, schrie Tonio: »Verflucht, wo seid ihr gewesen? Wir haben auf euch gewartet. Svedese, bezahle. Wir wollen zu dir nach Hause gehen. Lino hat von Sizilien Haschisch bekommen, kiloweise. Wir gehen zu dir nach Hause und rauchen.«

Er legte das, was er hatte, auf den Tisch und ließ für die 8000 Lire, die fehlten, den Paß als Pfand da.

Lino sagte, daß das ein gutes Geschäft wäre. Er könnte einen neuen Paß für 5000 besorgen. Reiner Gewinn.

Ivania war mit seiner Wohnung unzufrieden. Die Räume waren zu klein.

»Man soll in großen Räumen rauchen. Man muß Platz um sich haben, wenn man raucht.«

»Ich habe nicht daran gedacht, als ich die Wohnung mietete.«

»Man soll planen, svedese. Macht ihr das nicht bei euch zu Hause?«

»In Schweden plant man immer. Viele Male. Aber ich habe noch nie geraucht.«

»Das ist wohl kein Grund, nicht zu planen.«

Er kam auf keinen geeigneten Einwand.

Ivania kommandierte alle, bestimmte Dinge zu machen. Als wenn es ihre Wohnung wäre, dachte er glücklich.

Alle Matratzen, Kissen und Decken wurden in den Wohnraum getragen und in einem Kreis auf dem Boden ausgelegt. Der Mittelpunkt war ein kleiner, niedriger Tisch, der mit Teetassen und Porzellantöpfen gedeckt wurde. Ivania kochte starken Tee. Er schätzte, daß es mindestens zehn Liter waren.

Als alle sich niedergelegt hatten und Tee in den Tassen hatten, zog Lino eine Pfeife hervor, die ein ein paar Zentimeter langes Rohr hatte. Alle waren still und sahen erwartungsvoll zu, wie Lino die Pfeife mit seinem sizilianischen Haschisch stopfte. Sorgfältig zündete er sie an, machte einen Zug, dabei die Hand um den Pfeifenkopf haltend, die andere um das Rohr und den Mund. Dann gab er die Pfeife weiter an den, der rechts von ihm lag.

»Man raucht immer entgegen der Sonnenbahn«, erklärte ihm flüsternd Ivania.

»Wenn du an der Reihe bist, mußt du einen tiefen Zug nehmen und ihn schlucken,ohne Luft mitzubekommen.«

Als er schließlich an die Reihe kam, konnte er noch den Geschmack von geräuchertem Stroh wahrnehmen, ehe die Pfeife ausging. Er war sehr verlegen, als Ivania die Pfeife nahm und wieder anzündete.

Das zweitemal ging es besser, obgleich er sehr nervös war, weil ihn alle mißtrauisch anstarrten. Das drittemal sahen sie ihn nicht mehr so konzentriert an, und das viertemal war er schon ein alter, geübter Raucher.

Aber er spürte nichts. Er forschte sehr sorgfältig in sich nach und war gezwungen zu konstatieren, daß alles wie immer war.

»Ich merke nichts. Warum fliege ich nicht? Warum habe ich keine Gesichter? Wo sind alle Erscheinungen?«

Niemand antwortete ihm. Offenbar gab es nicht einmal jemanden, der auf ihn hörte.

Er fühlte sich vollständig ausgeschlossen und hatte beinahe Lust, zu weinen. Außerdem war er pleite, und der Paß war für 8000 verpfändet. Ihm fiel ein, daß es, statt Lire, hätten Kronen sein können oder Dollars. Er wurde wieder froh und bekam Lust, laut zu lachen. Plötzlich hörte er, daß jemand lachte und entdeckte, daß er es selbst war.

Aber er merkte nichts.

Empfanden die anderen etwas? Er sah sich um und sah, daß alle verschwunden waren, alle außer Ivania, die neben ihm lag.

»Ivania, wo sind alle die Menschen?«

Sie antwortete nicht und er glaubte, sie schlief.

»Verflucht noch mal, wach auf! Wir sind allein...es gibt keinen Grund zu schlafen.«

Er fragte sich, was er eigentlich damit meinte, und ihm fiel ein, daß Haschisch die Sexualität anregt.

Sie lag auf dem Bauch, die Füße ihm zugewandt. Sie hatte die Beine so gespreizt, daß der Rock bis über die Strümpfe hochgerutscht war. Er sah lange ihren Hintern an und fragte sich, ob er vom Haschisch geil war oder einfach so von sich aus. Nachdem er eine Weile darüber nachgedacht hatte, entschied er, daß das eigentlich keine Rolle spielte.

Er strich über ihren Hintern und spürte dasselbe feste Fleisch wie schon früher. Er folgte der Spalte zwischen den Schinken bis der Rock seiner Hand widerstand. Er schob die Finger ein paarmal nach unten innen und merkte, wie er langsam Stand bekam.

Er ließ die Hand zu ihrem linken Schenkel wandern, und dort vorsichtig und liebkosend nach oben gleiten. Dort, wo der Strumpf abschloß, ließ er die Hand wieder verweilen, und wieder spürte er das Massive, Feste.

Er stellte sich auf die Knie, schob beide Hände unter ihren Rock und begann an ihrem Schlüpfer zu ziehen.

Mit einem Ruck erwachte sie und drehte sich so schnell um, daß seine Hände den Griff verloren.

»Was zum Teufel machst du?«

»Ich wollte dir den Schlüpfer ausziehen.«

»Warum das?«

»Ich dachte, wir könnten ein bißchen vögeln.«

Er sagte das auf Schwedisch, aber sie schien es zu verstehen.

»Stupido Svedese! Es kann jemand kommen.«

»Hier gibt es nicht einen einzigen Menschen.«

»Die sind irgendwo in der Wohnung.«

Er verfluchte die Tatsache, daß man in Rom nur riesengroße Wohnungen mieten konnte, als er losging, um die Lage zu peilen. In jedem Bett, auf jedem Sofa und in jedem Raum entdeckte er Menschen, die paarweise auf den verschiedenen Stufen zwischen Petting und Schlaf waren.

Als er niedergeschlagen zurückkam, hatte Ivania Linos Pfeife entdeckt, und sie war dabei, sie anzuzünden. Mit großem Ernst zog sie den Rauch ein und reichte ihm dann die Pfeife, als er sich neben sie gelegt hatte.

Schweigend rauchten sie das, was von der Füllung noch übrig war. Als die Pfeife ausgegangen war, setzte sie sich auf und starrte abwesend vor sich hin. Er wußte nicht richtig, war er mit sich anfangen sollte. Es schien fast so zu sein, daß er störte. Dann wandte sie sich ihm langsam zu und sah ihm lange in die Augen.

Ivania: »Das schwerste ist die dritte Stufe.«

Er: »Ach.«

Ivania: »Ich sehe ein, daß alles auf Erden ein Leiden ist. Und ich bin zu der Erkenntnis gekommen, daß die Ursache dieses Leidens in der Sehnsucht nach irdischer Existenz liegt.«

Er: »Von einem zum anderen...sollten wir nicht da weitermachen können, wo wir vorhin aufhörten?«

Ivania: »Es ist schwer, diese Sehnsucht aufzugeben.«

Er: »Jetzt sehnen wir uns nicht danach, jetzt machen wir es einfach.«

Ivania: »Man kann es durch Wissen.«

Er: »Man kann es, indem wir uns ausziehen und ich ihn in dich stecke.«

Ivania: »Ich glaube manchmal, daß ich das nötige Wissen habe, aber trotzdem nur rein theoretisch, wenn es drauf ankommt.«

Er: »Ich kann dir das ganze praktische Wissen vermitteln, das du brauchst.«

Ivania: »Vermutlich muß ich mich zwingen, es auf einer tieferen Ebene aufzunehmen.«

Er: »Tief und tief, ich habe wohl nicht so viel, um damit zu protzen, aber...«

Ivania: »Nur das Übersinnliche ist wirklich.«

Er: »Das Sinnliche kann schon recht so wirklich sein. Komm und du wirst es erleben!«

Ivania: »Laß mich!«

Er: »Wir wollen jetzt vögeln.«

Ivania: »Wir wollen meditieren und zusammen versuchen, ein tieferes Wissen zu erlangen, die Wahrheit.«

Der offizielle Grund für Ivanias Aufenthalt in Rom war, daß sie Malerei studieren wollte. Sie war die Tochter eines korrumpierten und folglich reichen Senators aus Kalabrien. Da er ebenso knausrig wie reich war, gab er Ivania eine monatliche Unterstützung, von der sie kaum leben konnte. Er hatte damit gerechnet, daß sie bald wieder in Reggio di Calabria sein würde, aber er kannte Ivania nicht. Sie war überhaupt ein Mädchen, das man immer falsch einschätzte.

Er wartete.

Ivania hatte sich geweigert, ihm ihre Telefonnummer zu geben, aber sie hatte versprochen, ihn anzurufen. Gelegentlich.

Mehr als eine Woche hatte er darauf gewartet, daß sie anrufen sollte.

In der Zwischenzeit hatte er wieder Geld von Schweden bekommen. Er hatte auch seinen Paß eingelöst, aber an jenem Abend war sie nicht in der Taverna, und niemand wußte, wo sie war.

Er träumte von ihr. Tagsüber glaubte er sie überall zu sehen, und er jagte lange Strecken hinter Frauen her, die, wie sich dann herausstellte, nur eine entfernte Ähnlichkeit mit ihr hatten. In den Nächten war es beinahe immer der gleiche Traum:

Er kam in einen Raum. Ivania stand nackt am Fenster, vornüber gebeugt, sah nach draußen. Ihr riesiger Hintern erleuchtete den ganzen Raum.

Plötzlich stand er nackt hinter ihr mit einem monumentalen Stand. Er schob den Steifen auf den massiven Schinken hin und her. Wollüstig drehte sie sich mit kleinen Bewegungen so um, daß sie sich die ganze Zeit an ihm reiben konnte:

»Svedese... ich habe so gewartet.«

Als sie sich ganz umgedreht hatte, umfaßte sie mit beiden Händen den Steifen und setzte die Eichel in ihren Nabel. Dann schob sie sie nach unten über die Wölbung des Bauches zum Haarbusch, der ebenso groß war wie alles andere an ihr.

Er streckte die Hände nach ihren Brüsten aus, griff unter sie, spürte die Schwere und beugte sich vor, um die linke in den Mund zu nehmen.

Dann kam ein kurzer Schnitt in der Traumhandlung und sie lagen im Bett.

Sie lag auf dem Rücken, und er kniete zwischen ihren angezogenen, weit gespreizten Schenkeln.

Sie drückte hart ihre Brüste, als er mit der Hand seinen Steifen in ihrer Spalte hoch und runter bewegte, an der Klitoris einhielt und sie weich mit der Eichel massierte.

Ivania: »So wie jetzt ist es nie mit jemandem gewesen, Svedese.«

Er: »Auch nicht für mich.«

Ivania: »Ich weiß nicht ein noch aus.«

Er: »Bleib hier, wir werden immer hier sein.«

Ivania (lacht): »Alles, was ich über Schweden gehört habe, ist richtig.«

Er: »Alles, was ich über Italienerinnen gehört habe, ist falsch.«

Ivania (ernst): »Wir dürfen nie voreinander Angst haben, nie uns schämen, nie uns erschrecken.«

Er (ernster): »Wir wollen ehrlich zueinander sein.« (War das nicht Hemingway?)

Ivania (todernst): »Wir wollen alles miteinander tun. Die Lust soll unser einziges Gesetz sein, die Freude unser einziges Ziel. Svedese, steck ihn jetzt rein. Ich kann nicht länger warten. Es ist, als ob das Lava wäre, was aus meiner Spalte fließt. Komm!«

Dann erwachte er, immer in dem Augenblick, in dem das Ziel erreicht war.

Er erwachte, um wieder auf sie zu warten.

Es ist offenkundig leicht, diese eigentlich vollständig unschuldige Person lächerlich zu machen. Nicht nur, weil Verliebte oft einen albernen Eindruck hinterlassen. In diesem Fall wird die Situation außerdem dadurch verschlimmert, daß das Ganze sich in einem fernen Land abspielt, das vermutlich nicht nennenswert mit dem Bild übereinstimmt, das er sich davon gemacht hat.

Ich merke, daß ich ironisiere, wo ich (vorurteilsfrei?) seine Geschichte berichten soll, als wenn er in der Art und Weise, in der er seine Geliebte sieht und in den Worten und Gedanken, die er ihr zuschreibt, nicht hinreichend einfältig wirken würde.

Wir mögen an Shakespeares Wort denken, daß kein Sterblicher klug und verliebt zugleich sein kann.

Erst nach zwölf Tagen ließ sie von sich hören und da mit der recht brüsken Aufforderung, sie in das Stadio Olympico zu begleiten. Sie wollte sehen, wie Fiorentina aus Roma, der selbstgefälligsten Fußballmannschaft der ganzen Welt (Ivanias Ausdruck), Mus machte.

Er lieh sich ein Auto (Fiat 1500) von einem Norweger, den er, abgesehen von der Sache mit dem Auto, für einen Idioten hielt, und den er im Skandinavischen Verein kennengelernt hatte.

Er traf sie vor Rosati auf der Piazza del Popolo, wo sie einen kleineren Menschenauflauf verursacht hatte. Sie trug ein sehr kurzes Kleid, gestrickt in den Farben Fiorentinas, grobe Fußballstrümpfe und knallrote Golfschuhe.

Die zehn Minuten lange Fahrt brachte seine Gefühle für sie auf einen Punkt, daß er sie nur noch als Liebe klassifizieren konnte. Und er versuchte, seine Liebe in Worte zu fassen:

»Ivania... ich mag dich...«

Es ist unklar, ob sie ihn verstand. Auf jeden Fall reagierte sie nicht sichtbar. Sie befand sich die ganze Zeit in einer Euphorie, die keine belanglosen Bemerkungen zwischen allen ihren Ausrufezeichen erlaubte.

»Ich bin sicher, daß Fiorentina gewinnt! Ich weiß es! Wie wunderbar ist heute alles! Hamrin ist der beste Außen der Welt! Heute möchte ich Walderdbeeren essen, die großen, roten von Nemi! Hamrin ist ein Artist, ein richtiger Künstler! Roma — die sind nicht nur schlecht, die sind unbegabt! Sieh mal! Da sind schon Menschen auf den Badebooten! Heute abend gehen wir zu Piper! Ich will die ganze Nacht durch tanzen! Warum dürfen Mädchen nicht Fußball spielen? Ich will mit Hamrin spielen...denk bloß, Innenstürmer neben Hamrin sein dürfen! Das wäre das höchste Glück!«

»Ich mag dich, Ivania. Niemand ist wie du.«

»Du mußt gute Plätze bekommen. Auf der Längsseite im Schatten. Gott, wie wird das amüsant werden! Fahr schneller! Wir müssen rechtzeitig dasein, uns ordentlich vorbereiten. Spielst du Fußball? Warum bin ich kein Mann? Du fährst wie eine alte Nonne! Versprich, daß wir hinterher Walderdbeeren essen! Mit Zitrone und Zucker!«

»Barbarisch! Das muß Schlagsahne sein. Aber ich mag dich trotzdem.«

»Fiorentina muß die Liga in diesem Jahr gewinnen! Muß, muß! Kannst du mir nicht eine Fußballmannschaft kaufen? Endlich sind wir da! Gott, wieviel Menschen! Und wenn wir jetzt keine Billette bekommen! Lauf zum Schalter! Beeil dich! Ich sterbe, wenn ausverkauft ist!«

Eine hohe Betonmauer und darauf ein Zaun trennten die Fußballspieler und das Publikum. Sehr bald verstand er, warum.

Bereits in der dritten Minute des Spiels kam ein Roma-Spieler, vermutlich unbeabsichtigt, an Kurre Hamrin, der, abgesehen von einem leichten Schritt zur Seite, die Balance hielt. Aber das hinderte Ivania nicht, über fünf Bankreihen an die Mauer zu springen und zu schreien:

»Mörder! Mörder! Idiot! Cretino! Assassino! Assassino!«

In der einundzwanzigsten Minute der zweiten Halbzeit startete Kurre einen Angriff aus der eigenen Zone entlang der rechten Seite. Mit einer vernichtenden Sensibilität in den Zehenspitzen passierte er aufreizend einfach einen vollständig verwirrten Römer und schoß mit einem unwiderstehlichen Ball in die linke Torecke ab.

Aber von diesem Schauspiel sah er nichts (er durfte darüber am nächsten Tag in der Zeitung lesen). Er war allzusehr davon in Anspruch genommen, Ivania zu sehen. Jede Phase der Kunststücke Kurres spiegelte sich in ihrem Gesicht wider, jedes Ausweichmanöver brachte einen neuen, wortlosen Ausdruck zustande. Im selben Augenblick, in dem das Tor ein Faktum war, explodierte ihr Gesicht in der ekstatischsten Freude, die er je erlebt hatte. Ihr Glück war so vollkommen, daß er es nicht in Worte kleiden konnte.

Nach dem Spiel (das 1: 0 endete) wollte sie Mittag essen, Lamm, eine riesige Portion, und dann natürlich Walderdbeeren, eine riesenriesige Portion.

Sie blieben auf der linken Tiberseite und fuhren nach Santa Maria in Trastevere. Der Parkplatzwächter übernahm das Auto, und sie gingen über die Piazza zu Galeassi.

Während sie auf das Essen warteten, servierte der Kellner Campari. Sie lebte immer noch in ihrem Rausch über Kurres Tor. Als sie begriff, daß Hamrin Schwede war, wie er selbst, war es, als käme er ihr näher. Er spürte, daß jetzt irgendeine Relation zwischen ihnen etabliert worden war, die sicherlich ziemlich zerbrechlich war, aber doch eine Eröffnung zu etwas Neuem und anderem darstellte.

Dies, zusammen mit einem grammatikalischen Fehler, den er machte, und der die Konversation auf ein für ihn wichtiges Thema brachte, machte ihn sehr glücklich.

Es war eine scheinbar ganz unschuldige Bemerkung:

»Kann man jetzt keine frischen Feigen bekommen?«

Er wußte, daß die Frucht im Italienischen immer Femininum ist und der Baum immer Masculinum. Deshalb gebrauchte er den Ausdruck >fice fresche< ohne zu wissen, daß ausgerechnet die Feige eine Ausnahme ist. Der Grund dafür ist, daß >fica< im Volksmund eine ganz andere Bedeutung bekommen hat. Was er also sagte, hieß in Wirklichkeit:

Er: »Kann man jetzt keine frischen Scheiden bekommen?«

Ivania: (lacht hemmungslos)

Er: »Worüber lachst du?«

Ivania: »Über das, was du gesagt hast.«

Er: »Ist das so lustig mit frischen Scheiden?«

Ivania: »Du sagst nicht das, was du zu sagen glaubst, aber ich verstehe, was du meinst.«

Er: »Was sage ich denn da?«

Ivania: »Du mußt sagen >Fichi freschi<.«

Er: »Was bedeutet fice fresche?«

Ivania: »Fice ist pluralis von etwas anderem.«

Er: »Von was denn?«

Ivania: »Von fica natürlich.«

Er: »Ja, das ist klar, aber was heißt das?«

Ivania: »Das ist ein Slangausdruck.«

Er: »Slang für was?«

Ivania: »Für... für Scheide, Vagina.«

Er: »Oooooh... Fica, fica, fica.«

Ivania: »Still! Die können uns hören.« (Sie trinkt einen Schluck Campari.) »Was heißt das auf Schwedisch?«

Er: »Fitta.«

Ivania: »Fiiita.«

Er: »Nein, fitta, Tttt...fitta.«

Ivania: »Fiitta.«

Er: »Ja, so ungefähr. Ich weiß was, wir machen ein Wörterbuch!«

Er nahm Stift und Papier aus der Tasche und zeichnete eine Tabelle, die sie zusammen ausfüllten:

Schwedisch

Italienisch

Englisch

fitta

knulla

kuk

kåt

Fica

scopare

cazzo

cunt

fuck

screw

cock

Mit kåt (geil) hörten sie auf. Es schien keinen italienischen Ausdruck zu geben, der paßte. Sie wußten auch kein englisches Wort.

Sie bekam ihren Abbacchio und eine Karaffe Wein. Er legte die Tabelle beiseite und hatte Angst, daß die Stimmung jetzt verschwinden würde.

Er: »Es ist lustig. Als ich dich das erste Mal sah, wußte ich, daß wir zusammen schlafen würden.«

Ivania: »Wie konntest du das wissen?«

Er: »Ich weiß nicht. Ich wußte es einfach.«

Ivania: »Ich glaube nicht, daß man so etwas wissen kann.«

Er: »Doch, das kann man.«

Ivania: »Da bist du also ganz sicher, daß wir vögeln werden.«

Er: »Ja, das bin ich.«

Ivania: »Hoffentlich wirst du nicht enttäuscht.«

»Hoffentlich wirst du nicht enttäuscht.«

Was meinte sie damit? Daß er nicht enttäuscht werden sollte von der Vögelei, nach der er sich sehnte oder...?

Er dachte den Gedanken nie zu Ende, wollte nicht oder konnte nicht. Er wurde in Pipers elektronischen Wirbel hineingesogen und empfand plötzlich ein Dabeisein, eine Gemeinschaft, die ihn alles andere vergessen ließ.

Die Lichtorgel spielte im selben Rhythmus wie die Popband. Die riesenhaften Pop-Bilder der Schmalwand drängten sich ihm auf. Er erlebte es, wie wenn er von enormen Frauenlippen verschluckt werden sollte. Lippenstift, in der Hitze geschmolzen, rann über ihn...aber er entdeckte in einem luftleeren Augenblick, daß es nur Whisky war.

Gesichter, die manchmal bekannt wirkten, wurden in Pop-op-Wogen an ihn vorübergespült. Der Film erstarrte in einem Stillbild, und er hielt die Hände auf Ivania, spürte Brüste, Bauch und Hintern. Dann zersprang das Bild wieder, explodierte in Gesichtern, Glas, Farben. Und Ivania war verschwunden.

Er kümmerte sich nicht darum. Parenthesen der Geilheit, in denen alles mit Ivania übereinstimmte, schwächten alles andere ab. An diesem Abend würden sie vögeln, wie nie zuvor jemand gevögelt hatte.

Mitten auf der flammenden Tanzfläche Pipers, im Zentrum des Elektroorkans, wo die Farbstrahlen in einem Funkenregen zerplatzten, würde ihre Lust freien Lauf haben.

Ivania: »Hier?«

Er: »Ja, hier und nicht woanders.«

Ivania: »Du bist verrückt.«

Er: »Ich bin verliebt und geil und will vögeln.«

Ivania: »Ich bin auch verliebt und geil und will vögeln, aber...«

Er: »Wir können keine Rücksicht nehmen. Knöpf die Bluse

auf!«

Ivania: »Da flogen die Knöpfe!«

Er: »Herrgott, welche Brüste! Riesige, fantastische...Ich spüre sie sogar, wenn ich allein bin.«

Ivania: »Komm näher...ich will dich spüren. Hieß es Kuuuk? «

Er: »Kuk — Schwanz.«

Ivania: »Deinen Kuk...Ich werde ihn ganz vorsichtig herausnehmen. Sieht es jemand, wenn ich mich bücke und ihn in den Mund nehme?«

Er: »Was kümmert uns das. Ja, so...umfaß mit der anderen Hand den Sack...und die Zunge an der Kante des Kopfes lang...ja, ja...fest mit den Lippen...Lippen...komm, warte, komm...Ich will dich jetzt anfassen...warte, sonst...«

Ivania: »Warst du im Kommen?«

Er: »Beinahe. Hier sind so viele Gefühle angestaut.«

Ivania: »Heute abend wollen wir alles auflösen.«

Er: »Alles. Nur wir existieren.«

Ivania: »Zieh mich aus! Ich will nackt sein.«

Er fummelte den Gürtel auf, zog den Reißverschluß herunter, und der Rock legte sich um ihre Füße. Sie stieg aus dem Rock, schleuderte die Schuhe von den Füßen und stand in Spitzenschlüpfern und offener Bluse vor ihm.

Die Scheinwerfer drehten sich und schufen eigenartige

Flecke aus pulsierendem Rot, Grün, Violett und Blau unter ihren Brüsten und im Nabel.

In den Lautsprechern donnerte die ganze Zeit Musik.

Mit gespreizten Beinen wiegte sie sich hin und her, das Farbfeld änderte ununterbrochen seine Form, löste sich manchmal auf, nur um in neuen Kombinationen zurückzukommen. Herausfordernd wie eine Striptease-Tänzerin der Spitzenklasse zog sie langsam ihre Schlüpfer aus.

Er glaubte zu hören, nein, er spürte wie die Menschen heftig hinter ihm atmeten. Hände begannen seine Kleider zu öffnen, das Jackett, das Hemd, die Hosen wurden aufgeknöpft. Jemand strich liebkosend über seinen Schwanz.

Ivania sank auf den Boden. Ein grünes Spotlight suchte sich über ihren Körper und hielt keuchend zwischen ihren geöffneten Beinen ein.

»Komm, Svedese! Komm und liebe mich!«

Von allen Seiten drängte man sich heran, um zu sehen. Erregte Stimmen riefen: »Nimm sie doch!«

»Auf was wartest du, Svedese?«

»Verpaß ihr eine Nummer!«

»Ja, ja, jetzt!« flüsterte von irgendwo unten ein Mädchen.

Er sah sich um und entdeckte, daß sie auf dem Boden saß, beinahe zwischen seinen Beinen, und mit den Nägeln seine Schenkel zerkratzte. Als sie sah, daß er auf sie sah, liebkoste sie seinen Sack, um dann mit einem Nagel nach hinten und oben in die Arschspalte zu fahren. Verwirrt fragte er sich, ob sie es war, die ihn vor hundert Jahren ausgezogen hatte.

Neue Scheinwerfer hatten Ivania auf dem Boden entdeckt. Die Farben lösten ihre Konturen auf, flössen, flössen...

>Sie verschwindet, dachte er, >sie geht in Farben auf und verschwindet/

Und die ganze Zeit donnerte die Musik.

Er warf sich ihr entgegen und wurde in ihr Spektrum eingeschlossen.

Der Schweiß floß in farbigen Strömen seinen Körper herunter. Sie hob ihm ihren Schoß entgegen, und er beugte sich vornüber, begrub sein Gesicht in ihr.

Er spürte eine Hand an seinem Hintern.

Er kniete, umgriff ihre Schenkel und zog sie heran. Sie stand fast in der Brücke. Ein Neger warf sich vor und schob seine Beine so unter sie, daß sie Halt bekam. Ein Mädchen, dem der Speichel aus den Mundwinkeln rann, streichelte Ivanias Brüste. Eine andere stellte sich hinter den Neger, der die Beine unter Ivania hatte.

Ivania schrie immer noch in einem hohen, gellenden Ton, heulend, den elektronischen Rhythmus durchschneidend, der um sie war. Er merkte, wie es in ihm zu zucken begann, wie eine ultraschnelle Explosion durch das Rückgrat bis in das Äußerste der Haut fuhr, und er schrie auf, als alles zusammenfloß, Farben, Körper, die Musik, das Bewußtsein...

Eine Reinemachefrau fand ihn unter einem Sofa hinter Pipers Stellwerk. Sie weckte ihn und warf ihn auf die Straße.

Er kam nicht zu sich, bevor er irgendwo auf der Viale Regina Margherita war. Stückchenweise kam die Welt zu ihm zurück und zu ihr.

Ivania, Fußball, das Essen, Piper...

Herrgott! Endlich war es passiert! Er hatte Ivania mitten auf der Tanzfläche von Pipers Club geliebt. Er fing an zu kichern. So machte man Geschichte!

Er versuchte, alles zu rekonstruieren, das Generationen hindurch von sich reden machen würde...

Sie waren dorthin gekommen, hatten getanzt und eine Menge Menschen getroffen, sie hatten unglaubliche Mengen Alkohol getrunken. Er erinnerte sich des Glücks, das er empfunden hatte, als sie mitten im Lokal sich die Bluse herunterriß, bis alle Knöpfe absprangen. Sie muß geiler als das Licht gewesen sein. Aber, die Bluse...

Beim Match, beim Essen...er erinnerte sich an ihr gestricktes Kleid in Fiorentinas Farben.

Was ist wirklicher als Träume?

Es vergingen zehn furchtbare Tage, bevor sie anrief und sich zum Mittagessen einladen ließ.

Sie gingen in ein kleines, exklusives, polynesisches Restaurant, und nichts war wie früher. Sie war neutral bis an die Grenze zur Unfreundlichkeit.

Er dachte daran, daß er sie doch in Pipers gevögelt hatte, auch wenn er es nicht getan hatte, aber trotzdem...Er erlebte es, als wenn er dabei wäre, verrückt zu werden.

Nach einer Flasche Wein und ein paar Sambucca erweichte sie sich in kleinen, kurzen Lächeln.

»Jetzt will ich tanzen!« rief sie plötzlich über Rom hin.

»Wollen wir in die Taverna gehen...wo wir uns das erste Mal getroffen haben?« fragte er, denn er war ja ein sentimentaler Schwede.

»Nein, nicht in den traurigen Schuppen. Ich will in Hilton’s roof garden tanzen und die Sterne und dich sehen.«

Für ein Vermögen fuhren sie mit einem Taxi auf den Monte Mario und kamen so den Sternen viel näher.

Ein deutsches Gretchen sang zu einer Bossa nova-Gruppe aus Stuttgart, und es wirkte so, als wenn es für sie ununterbrochen ging. Die Amerikaner glaubten die ganze Sündigkeit Europas im Konzentrat zu erleben.

Als Ivanias Vitalität zufällig auf einen Höhepunkt kam, brachte er das Gespräch auf ihre Liebe und daß sie sich einander alles schenken sollten. Sie schien nicht nennenswert interessiert daran, und verzweifelt machte er einen Durchbruchsversuch:

»Du warst es doch, die gesagt hat...ich erinnere mich an jedes Wort... >Die Lust unser einziges Gesetz und die Freude unser einziges Ziel.< Was hast du denn damit gemeint?«

»Soll ich das gesagt haben?«

»Erinnerst du dich denn nicht daran? Du kannst es doch nicht vergessen haben?«

»Ich hätte nicht einmal darauf kommen können. Das scheint mehr deine als meine Formulierung zu sein.«

Da glaubte er, wieder wahnsinnig zu werden. Ihm fiel ein, daß sie es in einem Traum gesagt hatte. Wirklichkeit und Träume vermischten sich in einer peinlichen Art und Weise. Saß er jetzt hier? Mit Ivania? Schlief er oder war er wach?

»Du wirkst ein bißchen abwesend, Svedese. Bist du krank? «

Der Abend und Ivania entglitten ihm.

Sie wollte auf der Piazza del Popolo abgesetzt werden, und im Taxi machte er einen neuen, vergeblichen Versuch, ihr nahezukommen.

Als er allein weiter nach Hause fuhr, konnte er nur immer wieder dasselbe denken:

»Ich weiß nicht einmal, so wie wohnt.«

Diesmal vergingen fünf Wochen, ehe sie wieder von sich hören ließ. Er hatte fast den Gedanken akzeptiert, daß sie nur in seiner Fantasiewelt existierte und nie menschliche Gestalt gehabt hatte, aber ein »Hallo, Svedese«, und sie stand wieder im Zentrum der Realität.

Sie war anders am Telefon gewesen, ernster.

»Ich muß mit dir etwas besprechen.«

»Nichts Schlimmes, was?«

»Nein, ich finde es jedenfalls nicht.«

»Geht es um uns?«

»Jaa.«

Er verstand, daß sie sich jetzt entschlossen hatte und war sehr glücklich. Sie hatte sich fünf Wochen nicht sehen lassen, vielleicht, um sich über ihre Gefühle klar zu werden. Und jetzt war alles klar. Als wenn er es nicht von Anfang an gewußt hätte, schon das erste Mal, als sie sich sahen?

Er sah auf die Uhr. Es war Zeit zu George’s zu gehen.

Er bezahlte seinen Baccardi und ging die Veneto entlang in Richtung Via Marche.

Ivania war schöner als je. Er kam in einen tranceartigen Zustand und wußte kaum, was er aß. Vermutlich sprach er doch mit ihr, denn ab und zu sah er, wie sich ihr wunderbarer Mund bewegte, vermutlich formte er Worte, die außerdem allein für ihn unter allen Menschen gedacht waren.

Beim Kaffee war sie erst eine lange Zeit still, und er machte eine Kraftanstrengung, um wieder aufzutauchen.

Er: »Du hast mir sehr gefehlt, Ivania. Das hier kann nichts anderes als Liebe sein. Ich bin ganz sicher...«

Ivania: »Sag nicht mehr, Svedese, nicht jetzt. Ich muß dir erst etwas erzählen.«

Er: »Ich liebe es, wenn du mit mir sprichst.«

Ivania: »Du erinnerst dich, als wir uns das erste Mal trafen? «

Er: »Und ob ich das tue! Ich verliebte mich sofort in dich.«

Ivania: »Ich empfand auch etwas, ich auch. Und das war ein Schock für mich.«

Er: »Ein Schock?«

Ivania: »Es störte mich sehr. Erst wollte ich dich nicht mehr treffen, dann aber doch...Ja, ich rief dich an und...«

Er: »Gott sei Dank!«

Ivania: »Und so ging es jedesmal. Ich wollte und wollte dich nicht treffen.«

Er: »Warum wolltest du nicht?«

Ivania: »Ich wollte keine Veränderungen. Ich glaubte, daß ich mich ein für allemal entschieden hatte. Ich wußte, daß ich anders war als andere und hatte mich entschlossen, das zu akzeptieren.«

Er: »Ich verstehe nicht richtig.«

Ivania: »Das letztemal, als wir uns trafen, sah ich ein, daß das nicht so weitergehen konnte, entweder — oder. Ich war gezwungen, mich zu entscheiden. Und diesmal endgültig und für immer. Ich fuhr auf einen Monat nach Hause.«

Er: »Aber...«

Ivania: »Der Vollständigkeit halber muß ich vielleicht auch sagen, daß ich die ganze Zeit in Rom mit einem Mädchen zusammengelebt habe, Daniela.«

Er: »Du meinst...?«

Ivania: »Ja, so liegen die Dinge. Und ich habe mich entschieden — und das unwiderruflich — bei Daniela zu bleiben.«

Er: »Was ließ dich zu diesem Entschluß kommen?«

Ivania: »Lustig genug, etwas, das du sagtest...Die Lust unser Gesetz und die Freude unser Ziel, glaube ich, war es.«

Er: »Ich erinnere mich. Aber eigentlich warst du es, die es sagte...in einem Traum, den ich hatte...Die Lust unser Gesetz und die Freude unser Ziel...«