26. KAPITEL
Alle Monster wollen spielen
Als kleines Mädchen hatte ich das Zuhause, das mein Vater für uns gebaut hatte, oft als Gefängnis empfunden. Nur zweimal hatte ich mich gegen dieses Eingesperrtsein aufgelehnt, hatte meine Eltern angeschrien und gebrüllt, wie unfair das alles sei. Nicht nur meinetwegen, sondern für Emma. Sie hatte kein richtiges Leben, keine Freunde.
Das war vielleicht der Grund, weshalb wir beide uns so nahestanden. Wir hatten immer nur uns gehabt. Wir verstanden uns, weil wir im selben Boot gefangen waren, umgeben vom selben Sturm.
Dann hatte mein Vater begonnen, mir Unterricht in Selbstverteidigung zu geben, und ich hatte entdeckt, dass ich Talent dafür hatte. So hatte ich etwas zu tun, etwas, worüber ich nachdenken konnte, etwas, auf das ich mich freute. Was allerdings die Zombies betraf, so hatte er nicht gerade viele Tricks gekannt.
Die hatte ich von Cole gelernt. Während er mich trainierte, entwickelte ich Selbstsicherheit, fühlte mich manchmal vielleicht auch unschlagbar, doch nichts aus meinen Ausbildungen half mir jetzt.
Obwohl ich mich mit aller Macht aus dem Griff der Wachen zu befreien versuchte, schafften sie es, mich in den Käfig zurückzuschleppen.
HUNGRIG!
ICH BRAUCH ES!
BALD!
MEINS!
Die Gedanken der Zombies waren in meinem Kopf kein Geflüster mehr, sondern laute Schreie – ein Echo meiner eigenen Gedanken. Ich roch den süßesten, reinsten Duft in der Luft – von den Wachen, von Kat und Reeve, von Jaclyn –, der zu mir herüberwehte.
Hmm … soo gut …
Z. A. war zurück in meinem Körper, und ich spürte ihren Hunger. Ich wusste nicht, warum sie Kelly nicht angegriffen hatte, als sie sich außerhalb von mir befand. Es sei denn, sie konnte es nicht. Sie hatte auch Cole oder Gavin nicht angegriffen. Vielleicht war sie meinem Willen unterworfen, solange sie mit mir verbunden war.
„Stellt euch ganz hinten an die Wand!“, rief einer der Wachmänner. Kat und Reeve waren nach vorn an die Gitterstäbe gelaufen gekommen, als sie mich gesehen hatten. „Sofort!“
Sie gehorchten, wahrscheinlich wollten sie alles tun, um wieder mit mir zusammen sein zu können. Dann wurde die Käfigtür geöffnet, sie warfen mich hinein und verschlossen die Tür. Die Kräfte hatten mich vollkommen verlassen und ich landete mit Händen und Knien auf dem Betonboden.
Die beiden Mädchen kamen zu mir herübergelaufen, ihr süßer Duft war so stark, dass mir das Wasser im Mund zusammenlief.
„Geht weg von mir!“, krächzte ich. „Ihr müsst weggehen!“
„Tut, was sie sagt“, hörte ich Jaclyn. „Es ist zu eurem Besten.“
Was könnte einmal kosten schon schaden?
„Was haben sie mit dir gemacht?“, wollte Kat wissen.
„Ach, Ali.“ Reeve stöhnte.
„Jetzt!“ Ich kroch von ihnen weg, hockte mich in die hinterste Ecke des Käfigs und schlang mir die Arme um die Taille. Mir tat alles weh und ich zitterte am ganzen Körper. Vor Kälte und Schwäche und Angst und Hunger … oh, der Hunger …
Ich schlug meinen Kopf auf den Boden. Darf nicht an die beiden Mädchen denken. Darf nicht daran denken, wie einfach es wäre, sie zu überwältigen und meine Zähne in ihr Fleisch zu graben, bis zu …
Nein! Darf nicht daran denken.
Ich schlug härter mit dem Kopf auf den Boden, schneller hintereinander. Schwarze Flecken tanzten hinter meinen Augenlidern und ich musste fast vor Erleichterung grinsen. Das Ende meiner Folter war in Sicht … war bald erreicht … ich seufzte zufrieden, bevor ich in eine gnädige Ohnmacht fiel.
Als ich aufwachte, erschien mir die Welt viel freundlicher, was schon sehr merkwürdig war. Ich hatte meinen Freundinnen nicht wehgetan. Der denkbar schlimmste Zustand war eingetreten, ich war vom Hunger gepeinigt gewesen, von Verzweiflung, doch ich hatte mich beherrschen können.
Ein Teil von mir – vielleicht meine Liebe zu Kat und Reeve – war stärker gewesen als Z. A.
Ich konnte es schaffen, konnte das hier gewinnen. Konnte kämpfen und siegen.
Diesmal glaubte ich wirklich daran.
In Gedanken stellte ich eine neue Liste von zu erledigenden Dingen zusammen. Tu, was auch immer notwendig ist, um mit Kat, Reeve und Jaclyn zu fliehen. Komm mit Cole und den anderen Zombiejägern zurück. Zerstöre Anima – beginne bei Kelly.
Um zu fliehen, benötigte ich Kraft.
Um Kraft zu schöpfen, musste ich was essen.
Sie hatten jeder von uns ein trockenes Sandwich gegeben und gemeint, wir sollten es uns einteilen – es sei unser Frühstück, Mittagessen und Abendbrot.
Kleine Änderung. Zuerst jemanden dazu bringen, uns was zu essen zu geben.
Etwas später wurde ich in Kellys Horrorkabinett geführt und an den Sessel geschnallt, danach befestigte er Elektroden überall an meinem Körper.
Kelly setzte sich neben mich. „Siehst du, ich habe dir doch gesagt, das Gift wird dich nicht umbringen.“ Stolz grinsend tätschelte er mir die Hand, so wie Pops das immer getan hatte. „Dann lass uns erst mal ein bisschen reden, bevor wir mit den Tests weitermachen.“
„Nein. Ich bin zu hungrig.“
Er tat so, als wäre nichts. „Wir wissen, wo alle deine Freunde wohnen. Was wir allerdings noch nicht in Erfahrung gebracht haben, ist, ob sie auch so wie du irgendwelche außergewöhnlichen Fähigkeiten haben. Genauer gesagt, ich möchte gern von dir hören, ob irgendjemand im Team übernatürlich starke Selbstheilungskräfte besitzt.“
„Ich würde Ihnen Auskunft geben, wenn ich dafür was zu essen bekomme.“ Falsche Auskunft natürlich.
Sein Gesichtsausdruck wurde unnachgiebig. „Ich bewundere deine Einstellung, Ali Bell, aber das wird dich in arge Schwierigkeiten bringen. Wie bereits gesagt, werde ich alles Notwendige tun, um meiner Tochter zu helfen. Und das meine ich ernst.“
„Cheeseburger. Pommes. Schokoladenshake.“
Er befestigte weitere Elektroden an meinem Körper, die zu einer merkwürdigen Maschine führten, und betätigte einen Schalter. Elektroschocks durchzuckten mich, fraßen sich brennend heiß durch mein Fleisch. Ich schrie.
Der Schmerz verschwand so schnell, wie er aufgetaucht war.
Ich starrte meinen Folterknecht finster an, während ich verzweifelt versuchte, wieder zu Atem zu kommen, meine Lunge fühlte sich an wie ausgequetscht.
„Es tut mir wirklich leid, dass ich das tun musste, aber das hast du dir selbst zuzuschreiben. Zu deinem Glück bin ich willens, es noch einmal zu versuchen. Hat jemand von deinen Freunden übernatürlich starke Selbstheilungskräfte?“
„Pizza“, krächzte ich.
Stirnrunzelnd betätigte Kelly den Schalter.
Diesmal hielt der Schmerz länger an. Mein Herz blieb sogar einen Moment stehen, bevor es dann wieder zu schlagen anfing.
So ging es immer weiter. Er stellte mir Fragen zu den Zombiejägern und ihren Fähigkeiten und ich nannte irgendein Gericht – so weit ich noch ein Wort herausbrachte. Ich war mir ziemlich sicher, dass mein Hirn sich inzwischen in einen Kirschshake verwandelt hatte.
„Hör mir zu, Ali Bell.“
Ich ließ den Kopf zur Seite fallen. Er dachte, er hätte mich weichgekriegt. Was meinen Körper betraf, so würde er Erfolg haben, doch das stärkte nur meinen Widerstand.
„Wenn du jetzt nicht mit mir über die Zombiejäger sprechen willst, werden wir das verschieben, aber wir sind mit der heutigen Sitzung noch nicht fertig. Ich hatte vor einiger Zeit einen meiner Männer geschickt, der dich zu mir bringen sollte. Der hat Halim Bendari erschossen und mein zweiter Mitarbeiter dessen Fahrer. Seitdem habe ich nichts von ihm gesehen oder gehört. Weißt du vielleicht, wo er ist?“
„Sehen Sie doch mal … in Ihrem Arsch nach.“
Ihm klappte der Unterkiefer herunter – er knipste den Schalter an.
Der Sessel vibrierte, so heftig zitterte ich. Der Schmerz war so durchdringend, als würden meine Eingeweide verbrennen. Kelly brachte mich um. Was sonst tat er hier? Nach einer Weile begann sogar meine Haut zu vibrieren. Es hörte erst wieder auf, als er die Maschine ausstellte. Es fühlte sich an, als wären alle meine Knochen zerbröselt und würden jeden Moment in sich zusammenfallen. Meine Lunge schien mit Glas, statt mit Luft gefüllt zu sein. Jeder Atemzug war eine Qual.
Ich kam zu mir, als Kelly mir einen Klaps auf die Wange gab. Ich war wohl weggedämmert.
„Das reicht für heute“, sagte er seufzend. „Wir werden morgen damit weitermachen. Ich hoffe, dass du dann in einer etwas kooperativeren Laune bist.“
Ich glaube, er hatte mich härter angepackt als vorgesehen.
„Lasagne. Spaghetti. Knoblauchbrot.“
Er sah mich finster an. „Ich will es wirklich nicht tun, aber ich werde deine Freundin Kat auf den OP-Tisch legen und lasse dich zusehen, wie ich sie infiziere, wenn es sein muss. Wirst du reden, bevor ich ihr die erste Spritze gebe?“
Monster! Ich bleckte die Zähne und wünschte, ich könnte noch viel mehr tun.
Er strich mir das schweißnasse Haar von der Stirn und wusste, er hatte mich so weit gebracht, wie er es mit der Maschine niemals schaffen würde.
„Wir unterhalten uns morgen noch mal, und wenn du dann so versagst wie heute, benutze ich die kranke Katherine Parker.“
Er wusste Bescheid. Er wusste, dass sie krank war, und er würde nicht davor zurückschrecken, sie zu foltern.
Ich war nicht in der Lage, auch nur ein Gramm meines eigenen Gewichts zu tragen, und musste zum Käfig gekarrt werden. Ich wollte Kat und Reeve versichern, dass alles in Ordnung sei, aber sobald die Wachen mich auf den Betonboden geworfen hatten, verschluckte mich Dunkelheit.
„… mir so leid“, hörte ich eine männliche Stimme. Ich erkannte sie. Es machte mich wütend. Wütend genug, um mich aus dem Tiefschlaf zu zwingen, der als Einziges verhinderte, dass ich den Schmerz spürte, der noch immer meinen Körper beherrschte.
Ich blinzelte, meine Augen brannten von all den Strapazen, die ich durchgemacht hatte. Ethan stand vor dem Käfig und flehte Reeve an, ihm seine Rolle, die er bei unserem Kidnapping gespielt hatte, zu verzeihen.
Meine Wut nahm zu und verlieh mir Kraft. Knurrend wie das Tier, zu dem ich vielleicht werden würde, sprang ich an die Gitterstäbe. Ich wollte mir Ethan schnappen und ihm alle Lebensgeister aus dem Leib schütteln.
Er begab sich sofort außer Reichweite.
Zwei der Leute im Laborkittel kamen angelaufen, um ihn zu beschützen oder so, doch er hob beschwichtigend eine Hand, und sie kehrten an ihren Arbeitsplatz zurück. Er zupfte am Ausschnitt seines Sweaters und hielt nun ausreichenden Sicherheitsabstand, damit sich so etwas wie eben nicht wiederholen konnte.
„Du bist daran schuld“, rief ich und war über den Klang meiner Stimme erstaunt. Ich hatte geschrien, aber aus meinem Mund kam nur ein Flüstern. „Ich bringe dich um. Ich werde dich so fertigmachen, dass nichts mehr von dir übrig bleibt.“
„Lasst mich doch erklären“, sagte er gequält. „Bitte.“
„Spar dir deine Worte. Dafür gibt es keine Entschuldigung.“
Er warf Reeve einen Blick zu, als hoffte er auf so etwas wie Nachsicht. „Der Mann, der die Firma leitet, ist mein Vater. Er hat zwanzig Jahre für Anima gearbeitet und ist schließlich zum Leiter der Abteilung befördert worden.“
Ein Familienvermächtnis. Wie goldig. „Ich mache dich fertig und werde dafür sorgen, dass du so was nie wieder tun kannst! Du warst damals nachts derjenige im Wald, der Trina und Lucas nachspioniert hat.“
Ethan ließ den Kopf sinken. Vor Scham? Er nickte. „Mein Vater und ich konnten uns keinen Fehler leisten, wenn meine Schwester überleben sollte. Deshalb wollten wir alle notwendigen Informationen einholen. Aus dem Grund hat er mir den Auftrag gegeben, zu Reeve zu gehen, und hat Justin zu den Zombiejägern geschickt.“
„Du hast mich benutzt“, sagte Reeve leise. „Und nun erwartest du von mir, dass ich das verzeihe und vergesse?“
Ich drehte mich zu ihr um, als sie sprach. Wartete darauf, dass ihr Geruch zu mir herüberdrang, der mich verrückt und hungrig machte, doch ich roch nur einen leichten Duft ihres teuren Parfüms, das noch immer an ihrer Haut haftete. Die dunkle Begierde war gezähmt.
Ich drückte ihr die Hand zum Zeichen meiner Unterstützung, und sie lächelte mich dankbar an.
„Ich habe dich nicht benutzt“, widersprach Ethan und schüttelte den Kopf. „Ich meine, am Anfang schon, ja, zugegeben, aber auch da hast du mir gefallen. Je mehr Zeit ich mit dir verbrachte, desto mehr verliebte ich mich in dich. Dir sollte bei der ganzen Sache niemals was passieren.“
„Für deinen Vater ist jeder entbehrlich“, sagte Reeve aufgebracht. „Das hättest du doch wissen müssen.“
Ethan neigte den Kopf. „Ich liebe dich, Reeve“, sagte er, ohne sich daran zu stören, dass ich danebenstand. „In der Beziehung habe ich nie gelogen.“
Sie hob das Kinn, und ich wusste, dass jetzt ihre trotzige Seite erwachte.
„Ich habe diese drei kleinen Worte nie zu dir gesagt, weil ich deine Gefühle nie erwidert habe.“
Er schloss die Augen und atmete tief aus. „Das ist egal. Ich glaube, meine Liebe reicht für uns beide. Ich werde nicht zulassen, dass sie dir was antun.“
„Als wärst du in der Lage, sie zurückzuhalten“, mischte ich mich ein. „Sie haben uns ja schon halb verhungern lassen. Und sobald ich nicht mehr gebraucht werde …“ Oder sie mich umgebracht hatten. „… wird dein Vater sie töten, das weißt du doch genau.“ Ich machte ihr jetzt zwar Angst, fand jedoch, dass es die Sache wert war. Falls Ethan Sorge um ihr Leben hatte, würde er uns vielleicht helfen, sodass wir fliehen konnten, dann wäre nicht wichtig, dass wir etwas zu essen bekamen. „Sie weiß zu viel, hat zu viel gesehen.“
„Nein.“ Er schüttelte erneut den Kopf.
„Aber sicher.“
„Ich werde mit meinem Vater sprechen.“
„Und du glaubst ihm, was er sagt? Du glaubst dem Mann, der dich schon einmal reingelegt hat? Der das Mädchen, das du liebst, in einen Käfig sperrt?“
Ethan öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, schloss ihn wieder, da ihm offenbar keine Antwort einfiel. Blitzschnell machte er auf dem Absatz kehrt und marschierte aus dem Labor.
„Den wären wir los“, murmelte Kat.
Ich drehte mich um und sah sie auf demselben Platz kauern wie schon vor Stunden. Sie war blass – viel zu blass – und sie zitterte. Ihre Augen sahen glasig aus, sie schien starke Schmerzen zu haben.
„Kat“, sagte Reeve besorgt.
„Ich sehe furchtbar aus, ich weiß. Ich habe kranke Nieren. Tut mir leid, dass ich dir das nie gesagt habe.“
„Was?“ Reeve eilte zu ihr hinüber.
„Kann ich was für dich tun?“, erkundigte ich mich.
„Es geht schon“, versicherte sie mir. „Wirklich. Ich habe nur solchen Hunger, dass ich mir Paula Deen auf den Bauch tätowieren lassen könnte, wenn das hier vorbei ist. Sie macht diese Muschel-Sandwiches, für die ich im Moment meinen Dad erdolchen würde.“
Sie brauchte eine Dialyse, und zwar dringend, das wusste ich. Es würde ihr jetzt immer schlechter gehen. Und Nierenschäden waren irreparabel. Das hatte ich recherchiert.
„Das ist alles meine Schuld“, sagte Reeve, ihr Kinn zitterte. „Ich hätte Ethan nie trauen sollen.“
„Wir machen alle Fehler“, sagte Kat und lächelte zuversichtlich. „Frosty wird bestimmt kommen. Er rettet uns. Er wird nicht zulassen, dass mir was passiert. Oder vielmehr uns. Natürlich hauptsächlich mir.“
Reeve stimmte mit ein. „Vielleicht bringt er Bronx mit und ich kann ihn um Vergebung bitten.“
„Tu das am besten, wenn du nackt bist“, schlug Kat vor. „Dann wird er allem zustimmen.“
Ich tätschelte Kats Hand. Sie war schlaff und fühlte sich kalt an. Ich konnte nicht so lange warten, bis Ethan ein Gewissen entwickelte – oder etwas Mumm. Ich konnte nicht darauf warten, dass die Jungen uns fanden, auch nicht darauf, dass ich etwas zu essen bekam, um zu Kräften zu kommen. Ich musste was unternehmen, und zwar jetzt.
Aber was?
Ich bewegte mich auf Jaclyns Seite hinüber und studierte unauffällig das Labor, suchte nach etwas, das ich übersehen haben könnte. Jeder, der kam oder ging, musste eine ID-Karte auf das Lesegerät an der Tür legen. Am anderen Ende des Raums an der Wand befand sich ein Glaskasten mit mehreren Betäubungsgewehren darin. Ich hatte gesehen, wie die Laborangestellten sie bei den Zombies benutzten.
Die Wachen hatten Schlüssel zu den Zellen. Die Labormitarbeiter womöglich ebenfalls. Vielleicht aber auch nicht, das hatte ich bisher nicht beobachten können. Sicherer waren die Wachen.
Ich musste das nächste Mal, wenn sie mich holten, einen Schlüssel stehlen.
„Woran denkst du?“, fragte Jaclyn.
„Wahrscheinlich an dasselbe wie du.“
„Ja, Blaubeerpfannkuchen wären der Bringer.“
Ich musste fast grinsen. „Nein. Ich denke, es ist Zeit zu gehen.“
Wir warfen beide einen Blick auf Kat. Die gähnte gerade und lehnte den Kopf an Reeves Schulter.
„Es ist nicht normal, dass es ihr schon so schlecht geht“, flüsterte Jaclyn besorgt.
„Das ist der Stress“, erwiderte ich, „der macht alles noch schlimmer.“
„Ich kann euch hören“, sagte Kat. „Was unternehmen wir denn jetzt?“
„Darüber mach dir keine Gedanken.“ Ich sah Jaclyn weiterhin in die Augen, bis sie nickte.
„Ich wünschte, ich könnte was tun“, sagte sie. „Sie öffnen nicht mal mehr meinen Käfig. Ich kann es versuchen, aber sie kennen mich und erwarten irgendwelche Tricks, deshalb ignorieren sie mich, egal, was ich sage.“
Ich machte Reeve ein Zeichen, zu mir zu kommen.
Sie bettete Kats Kopf vorsichtig auf den Boden und kam zu mir herüber. Ich flüsterte ihr ins Ohr: „Wenn die Wachen mich holen, und das tun sie garantiert, musst du einen von ihnen angreifen. Vielleicht schlägt er dich, das könnte wehtun, aber er muss für ein paar Sekunden abgelenkt werden. Traust du dir das zu? Erinnerst du dich noch an das, was Veronica euch beigebracht hat?“
Sie nickte entschlossen.
„Das reicht jetzt, ihr beiden!“, rief jemand streng und schlug mit einem Knüppel gegen die Gitterstäbe.
Ich drehte mich um. Einer der Wachmänner stand an der Tür zu unserem Käfig.
„Wir haben Hunger und Durst!“, schrie ich ihn an. „Warum reduzieren Sie nicht die Anzahl Ihrer Verbrechen, die Sie an uns begangen haben, und sorgen dafür, dass wir was zu essen bekommen?“
Er musterte uns, sein Blick lag auffällig lange auf Reeve, bevor er sich auf dem Absatz umdrehte. „Bringen Sie denen was zu essen und zu trinken“, befahl er einem der Laborkittel. „Sofort.“
Wir bekamen jede eine Tüte mit Erdnussbuttercrackern und eine Flasche Wasser, sogar Jaclyn.
In meinem ausgehungerten Zustand kam mir das wie eine Viersternemahlzeit vor. Wie erbärmlich war das?
„Protein ist im Moment nicht so gut für mich“, murmelte Kat. „Damit haben meine Nieren zu viel Arbeit.“
„Wir kratzen die Erdnussbutter ab, und du kannst die Cracker essen“, erwiderte ich. „Aber du musst was essen.“ Das hatte Cole mal zu mir gesagt. Jetzt verstand ich es.
Kat und Reeve schliefen ein, nachdem sie gegessen hatten. Ich wanderte in der Zelle auf und ab, beobachtete die Uhr. Im Laufe des Tages wurden es immer weniger Laborkittel, genauso wie am Tag zuvor. Nach zwei Uhr nachts waren nur noch zwei übrig. Auch wie vorher. Um sechs kamen die anderen zurück. Hallo, ein Muster.
Uns blieben vier Stunden.
Ich fragte mich, wie viele Wachen um diese Zeit an den Monitoren saßen. Einen oder zwei könnte ich übernehmen. Falls es mehr sein sollten, würde mich das in Zeitprobleme bringen.
Das musste ich riskieren. Heute Nacht.
Morgen würde Kelly mich sonst mit Kat erpressen.
Die Wachen kamen um zehn Uhr vormittags, um mich zu holen.
„Ihr beiden“, sagte einer von ihnen und presste seinen Daumen auf einen Sensor. Verdammt! Kein Schlüssel, den ich stehlen konnte. „Geht hinten an die Wand.“ Er drehte sich zu mir um. „Du stellst dich in die Mitte.“
„Vergiss meinen Plan“, flüsterte ich Reeve zu, und sie blinzelte überrascht.
Sie sah mit großen Augen und zitternd zu, wie man mir die Hände mit Handschellen fesselte und mich aus der Zelle führte. Ich wusste, dass sie mir irgendwie helfen wollte, aber ich konnte dem Typen schlecht den Daumen abschneiden, also gab es nichts zu tun.
Ich wurde in die Folterkammer geführt. Kelly saß bereits auf seinem Stuhl und wartete auf mich.
„Wie geht es dir?“, erkundigte er sich.
„Ich muss zugeben, dass ich schon bessere Tage hatte.“ Ich musterte ihn, und ein Plan nahm Form an. Es war gefährlich. Es war dumm. Aber es gab keinen anderen Weg.
„Dessen bin ich sicher“, sagte er und nickte den Wachen zu.
Ich muss jetzt zuschlagen. Kaum hatten die Wachmänner meine Handschellen gelöst, stürzte ich mich auf Kelly und stieß dabei absichtlich gegen den Rolltisch mit den Spritzen und Skalpellen.
Wir landeten auf dem Boden, und ich griff nach dem Erstbesten und stach es ihm in den Hals. Während die Wachmänner versuchten, mich wieder hochzureißen, schnappte ich mir das Nächste, was ich zwischen die Finger bekam, und stopfte es blitzschnell in meine Tasche.
Alles passierte in zwei, vielleicht drei Sekunden.
Eine Faust traf mich an der Schläfe und ich flog zur Seite. Sterne. Schmerz. Ein Schwergewicht warf sich auf mich und drückte mich mit dem Bauch voran auf den Boden. Meine Arme wurden unsanft nach oben gerissen und hinter meinem Rücken wieder mit Handschellen gefesselt.
„Bringt sie … hier raus“, stöhnte Kelly.
Als die Wachen mich hochrissen, sah ich, wie Kelly sich aufrichtete und eine Spritze aus seinem Hals zog. Nur eine Spritze. Zu dumm.
Die beiden Wachmänner schoben mich aus dem Raum und den Weg zurück zu meinem Käfig. Kaum war ich in meinem Gefängnis, tat ich dasselbe wie schon am Tag zuvor, ich verdrückte mich in die hinterste Ecke, verbarg mein Gesicht – und das, was ich vorhatte. So unauffällig wie möglich griff ich in meine Tasche … und erfühlte ein Skalpell.
Wunderbar.
Was auch immer notwendig ist.
Reeve kam zu mir herüber und legte mir sanft eine Hand auf die Schulter. „Ist alles in Ordnung? Du blutest.“
Ich blickte nach unten und registrierte erst jetzt, dass ich mir mit dem Skalpell in die Handfläche geschnitten hatte. Mein Adrenalinspiegel musste noch so hoch sein, dass ich es überhaupt nicht spürte. „Darum kümmere ich mich schon.“ Mein Hemd war bereits zerfetzt und ich konnte leicht mit den Zähnen einen Streifen abreißen. Ich band mir den Stoff um die Wunde, sodass sie zusammengepresst wurde.
„Ruh dich aus“, sagte ich zu ihr. Für das, was auf uns zukam, brauchte sie Kraft.
Während ich im Käfig herumwanderte, immer wieder auf die Uhr sah, wartete und wartete, hatte ich das Gefühl, als würde ich jeden Moment durchdrehen, emotional oder körperlich zusammenbrechen. Alles schien an einem völlig ausgefransten seidenen Faden zu hängen. In wenigen Sekunden könnte ich fallen, könnte all die Dunkelheit aus mir herausströmen.
Dann folgten Tod und Zerstörung.
Niemand wäre mehr sicher.
Ich musste einfach … musste durchhalten, für Kat, Reeve und Jaclyn.
Die Müdigkeit quälte mich, doch ich zwang mich, weiter die brennenden Augen offen zu halten, das Zittern meiner Beine zu ignorieren, die Schmerzen und Stiche überall. Ich konnte schlafen, wenn die Mädchen in Sicherheit waren.
Schließlich wurde es zwei Uhr. Der Moment der Wahrheit war gekommen.
Bis auf einen hatten alle Laborkittel den Raum verlassen. Der noch verbliebene Mitarbeiter war ein dicker Typ um die vierzig. Ich könnte ihn überwältigen, kein Problem. Der einzige Unsicherheitsfaktor war die Anzahl der Wachmänner draußen, die die Aufnahmen der Überwachungskameras verfolgten.
Obwohl, nein, das stimmte nicht. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Leute sich überhaupt im Gebäude aufhielten oder an wie vielen Sicherheitskontrollen wir vorbeimussten, bevor wir zum Ausgang kamen.
Das würde mich aber nicht aufhalten. Was immer notwendig ist.
Ich warf einen Blick zu den Mädchen hinüber. Kat schlief, wenn auch sehr unruhig. Ihre Augäpfel bewegten sich ständig hinter den Lidern und sie wurde von heftigen Schauern geschüttelt.
Reeve lag neben Kat, die Arme um sie geschlungen, um sie zu wärmen, und beobachtete mich.
Jaclyn saß auf der Kante ihres Betts.
„Jetzt“, formte ich mit den Lippen, dann drehte ich mich zum Laborkittel um.
„Lass uns raus!“, kreischte ich. Das erschreckte den Typen genug, um sich nach mir umzudrehen. Ich rüttelte mit aller Kraft an den Gitterstäben. „Meine Freundin braucht Hilfe. Haben Sie kein Herz? Wie können Sie uns hier einfach so abkratzen lassen? Verhungern, verdursten? Gefoltert?“
Meine schrille Stimme weckte die Zombies aus ihrer Lethargie. Von überall erklang Stöhnen und Ächzen.
Hungrig.
Essen. Muss essen.
Der Laborkittel sprang auf und verließ eilig den Raum. Wenn er ohne einen Wachmann zurückkäme …
Die Tür öffnete sich erneut und der Laborkittel kam mit einem müde aussehenden Wachmann an seiner Seite herein.
Ich gab mir Mühe, um nicht erleichtert auszusehen.
Stirnrunzelnd zeigte der Wachmann mit dem Finger auf mich. „Sei endlich ruhig!“, bellte er.
Riecht so gut.
Will ihn, will ihn.
Muss essen … hungrig … leer …
Gedanken der Zombies … oder von Z. A.?
„Jetzt ist Schluss mit Ruhe!“, schrie ich. Bumm, bumm, bumm. Ich schlug gegen die Gitterstäbe, ohne mich um das Brennen in meinen bereits wunden Händen zu kümmern. „Ich werde nie wieder ruhig sein! Dafür müsst ihr schon sorgen!“
Reeve kam zu mir herübergeeilt und stimmte in das Geschrei mit ein. „Wir wollen raus! Lasst uns frei!“
Ich lachte laut, aber es klang gar nicht nett. „Wie mutig er doch da draußen ist, was?“, verhöhnte ich den Wachmann. „Ich bezweifle, dass du hier drinnen immer noch so selbstsicher wärst. Ich könnte dich in Sekunden umhauen.“
„Das ist meine letzte Warnung, sei still!“, zischte er mich an und umklammerte den Schlagstock, der an seinem Gürtel baumelte. Sein Blick fiel auf Reeve und er kniff die Augen zusammen, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Aber du kannst mir gern den Gefallen tun und weiterschreien. Dann komme ich nämlich zu euch rein und zeige dir mal, wie mutig ich bin.“
„Lasst uns raus! Lasst uns raus!“ Das war Reeve.
„Feigling!“ Das war ich.
Das Grinsen des Wachmanns wurde hässlich. Er kam herüber und presste seinen Daumen an das Schloss. Als er die Tür aufzog, schob ich Reeve hinter mich und zu Kat hinüber, die inzwischen aufgewacht war und an der Wand lehnte. Währenddessen hielt ich das Skalpell griffbereit unter meinem Ärmel verborgen.
Der Typ stampfte auf uns zu. In seinem Eifer, sich Reeve zu schnappen, wurde er unvorsichtig. Er packte mich, wahrscheinlich mit dem Vorsatz, mich aus dem Weg zu schieben, aber ich stach ohne zu zögern zu, jagte ihm das Skalpell in den Hals.
Er stieß einen Schmerzensschrei aus, riss die Augen auf und stolperte zur Seite. Seine Knie gaben unter ihm nach. Bevor er den Käfig verlassen konnte, ging er zu Boden. Blut schoss aus seiner Wunde und tropfte zwischen seinen Fingern hervor, die er an den Hals gepresst hielt.
Was auch immer notwendig ist, oder wie?
„Skalpell“, rief Jaclyn und riss mich aus meiner Starre.
Ich warf es ihr zu, obwohl ich mich fragte, wozu sie es benötigte, dann rannte ich aus dem Käfig zum Laborkittel hinüber. Der stand noch an derselben Stelle wie festgefroren.
„Tu mir nichts“, flehte er.
„So, wie ihr uns nichts getan habt?“ Ich versetzte ihm mit meiner blutverschmierten Faust einen Hieb auf die Kehle und er sackte ebenfalls zu Boden. Ich schnappte mir die Dienstmarke, die er um seinen Hals hängen hatte, und rannte zu den Glasvitrinen, wo die Betäubungsgewehre lagerten.
Im Flur ging der Alarm los, schrillte durch die Luftschächte. Verdammt. Draußen war mindestens noch ein Wachmann.
„Hilf Kat auf und nichts wie raus hier“, wies ich Reeve an und hieb mit der Faust auf das Glas. „Ich kümmere mich um Jaclyn.“
Glasscherben regneten auf den Boden, meine Fingerknöchel brannten und bluteten. Ich schnappte mir gerade ein Gewehr, als die Tür aufgerissen wurde und ein einzelner Wachmann hereingestürmt kam. Kurz bevor er mich erreichte, wirbelte ich herum und drückte den Abzug. Er fiel auf mich.
Ich rang nach Luft und kämpfte mich unter seinem Gewicht frei. Als ich mich umdrehte, um dem Laborkittel den Rest zu geben, hatte der sich bereits erholt, eine zweite Dienstmarke an sich gerissen, die Tür geöffnet und war aus dem Raum gestürmt.
„Ali.“ Im Käfig bemühte Reeve sich mit aller Kraft, Kat aufrecht zu halten. Ich steckte mir so viele Pfeile wie möglich in die Taschen und rannte hinüber, um ihr zu helfen. Jaclyn stand draußen.
Sie hatte sich selbst befreit.
Ich sah mich um und kapierte, wie. Der Arm des Wachmanns lag nahe genug an ihrem Käfig, um ihn durch die Gitterstäbe zu erreichen. Sie hatte ihm mit dem Skalpell den Daumen abgetrennt. Wir sind aus demselben Holz geschnitzt. Dann hatte sie damit die Käfigtür geöffnet.
Der Wachmann zuckte nicht mehr und lag leblos in einer Blutlache. Seine Augen starrten blicklos in die Ferne.
Ich hatte ihn umgebracht.
WAS AUCH IMMER NOTWENDIG IST.
Ein Schluchzer entfuhr mir. Das zeigte mir, wie dünn der Faden war, der meine brodelnde Gefühlswelt noch zusammenhielt. Lange würde er nicht mehr halten. Ein bisschen zittrig nahm ich dem Toten die Dienstmarke ab und reichte sie an Reeve weiter, nur für den Fall, dass wir getrennt wurden.
„Ich habe auch ein Betäubungsgewehr.“ Jaclyn erschien an meiner Seite und zog Kat vorsichtig aus meinen Armen. Sie umfasste ihre Taille und stützte sie, um Reeve so einen Teil der Last abzunehmen.
„Du bist die Stärkste. Geh du voraus.“
„Ich halte euch nur auf, Leute“, flüsterte Kat. „Lasst mich doch hier und holt mich später.“
„Sei nicht albern“, sagte ich. „Lieber bleibe ich, als ohne dich zu gehen.“
„Ehrlich mal. Ally-Kat“, sagte Jaclyn. „Lass es gut sein.“
„Jetzt kommt.“
Ich benutzte die Dienstmarke des Laborkittels, um die Tür zum Flur zu öffnen. Wir traten in einen langen schmalen Korridor hinaus, und ich stellte erleichtert fest, dass er leer war. Vielleicht hatte ich die einzigen Wachen unschädlich gemacht. Bitte, bitte.
„Wohin sollen wir gehen?“, fragte Reeve angespannt.
Ich riss einen Plan mit den Notausgängen von der Wand, warf einen Blick auf die eingezeichneten Gänge und zeigte in eine Richtung. „Hier lang.“
Den Flur entlang. Um eine Ecke. Wieder ein Flur, eine weitere Ecke. An der Treppe hallten unsere Schritte und unsere heftigen Atemzüge von den Wänden, ansonsten blieb es ruhig. Niemand folgte uns, doch es würden bald Leute auftauchen. Ich war sicher, dass der Alarm bereits bei Kelly angekommen war, wo auch immer der sich gerade aufhielt.
Kat ließ den Kopf hin und her baumeln, als die Mädchen sie die Stufen hinunterschleppten. So müde, wie ich war, so ausgehungert, mit all den Verletzungen, schienen meine Beine mit jedem Meter, den wir weiterkamen, schlimmer zu zittern.
Endlich erreichten wir das Treppenhaus, und ich benutzte die Dienstmarke, um die Tür zu öffnen.
„… zeigen die Überwachungskameras, dass sie schon am Treppenaufgang sind“, ertönte Kellys Stimme über einer Sinfonie hämmernder Schritte.
Verdammt! Wie hatte er es so schnell hierher geschafft?
Jaclyn und ich wechselten panisch einen Blick.
„Ich will, dass ihr sechs jeden Zentimeter dort durchkämmt. Ein Mann soll sich auf jeder Etage postieren. Wir haben es mit vier halb verhungerten Teenagern zu tun. Es sollte wohl kein Problem sein, die Mädchen zu finden und zu bändigen.“
Da man uns noch nicht entdeckt hatte, schleppten wir Kat zu einem verlassenen Tresen des Sicherheitsdiensts.
Perfektes Timing. Eine Gruppe von Männern fegte an uns vorbei. Sechs davon liefen zur Tür, durch die wir gerade gekommen waren.
„Für so was kriegen wir aber nicht genug Geld“, schimpfte einer von ihnen.
Ein paar betraten den Fahrstuhl. Ihre Uniformen sahen völlig zerknautscht aus, als hätte man sie aus dem Schlaf gerissen und zur Eile getrieben. Es schien eine Unterkunft in der Nähe zu geben, so etwas wie eine Armeebaracke vielleicht. Wir mussten darauf achten, dass wir nicht dort vorbeikamen.
Ich sah sehnsüchtig zu den Glastüren hinüber, die nach draußen führten.
„Ihr beide wartet hier“, befahl Kelly, während er den Fahrstuhl betrat. Er trug einen weißen Verband um den Hals, sah blass aus und wirkte fast so zittrig wie ich. „Rufen Sie mich, wenn Sie die Mädchen sehen.“
Die Tür schloss sich hinter ihm.
Die Männer bezogen Stellung, sodass wir gezwungen waren, uns weiter unter das Pult zurückzuziehen, um nicht entdeckt zu werden. Ich ließ mich einen Augenblick auf den Boden sinken, um meine Strategie zu überdenken.
Es gab nur eine Möglichkeit.
„Wartet hier“, formte ich mit den Lippen und kroch zum Ende des Tresens. Ich linste um die Ecke, prägte mir die genauen Standorte der Wachen ein, legte einen Pfeil neben mich, setzte das Gewehr an und zielte.
Tief einatmen … Luft anhalten … aus … Ich drückte den Abzug.
Ein Schnaufen, das Rascheln von Stoff – dann ein schwerer Aufprall. Der erste Wachmann war zu Boden gegangen.
Jawoll!
Der andere lief zu ihm hinüber, entdeckte den Pfeil in dessen Schenkel und blickte auf.
Bevor ich den zweiten Pfeil abschießen konnte, hatte er sein Walkie-Talkie in der Hand.
„Mr K, ich habe gerade …“
Ich feuerte.
Seine Knie gaben nach, und er verstummte.
„Was haben Sie gerade?“, krächzte Kellys Stimme aus dem Walkie-Talkie.
Das war knapp! Ich machte den Mädchen ein Zeichen, mir zu folgen, und Jaclyn und Reeve zogen Kat auf die Füße.
Zusammen kamen wir hinter dem Tresen hervor und liefen zum Ausgang. Wir traten über die Wachmänner hinweg, zu schwach, um zu springen, und schoben die Glastüren auf. Eiskalte Luft empfing uns. Wir trugen keine Mäntel, Handschuhe oder Mützen, nur unsere T-Shirts und Jeans.
Seit wir hierher geschleppt worden waren, hatte es kontinuierlich geschneit, und der Schnee lag bereits einige Zentimeter hoch auf dem Fußweg und dem Parkplatz. Kat würde das nicht lange durchhalten. „Wartet mal“, sagte ich und rannte schnell zurück ins Haus, um die Jacken der Wachmänner zu holen, doch es war unmöglich, die Kleidungsstücke von den schweren, unbeweglichen Körpern zu ziehen. Verdammt!
Plopp.
Ein Handy war aus der Tasche des einen Jacketts gerutscht. Ein Silberstreif am Horizont. Ich vergaß die Jacken, hob es auf und lief nach draußen. Mit Kat zwischen uns arbeiteten Reeve und ich uns vorwärts in Richtung Wald, weg von den Laternen des Parkplatzes.
Ein tückischer Hügel erhob sich vor uns. Er war mit einer Eisschicht bedeckt, aber hinter den Bäumen konnten wir uns verstecken. Vielleicht würden wir uns zu Tode frieren, vielleicht auch nicht. Mir war inzwischen alles egal, solange wir nur aus Kellys Fängen kamen.
Während wir weitermarschierten, wählte ich Coles Nummer. Jedenfalls versuchte ich das. Im Laufen und weil ich so zitterte, tippte ich immer wieder daneben. Komm schon, komm schon. Das geht doch. Erneut probierte ich es, endlich hatte ich es geschafft.
Er meldete sich beim dritten Klingeln. „Wer ist da?“, sagte er schroff.
„Cole.“ Ich schnaufte.
„Ali!“
„Das ist Ali?“, hörte ich Frosty im Hintergrund sagen. „Frag sie, wo Kat ist!“
„Frag sie, was mit Reeve ist“, rief Bronx.
„Wir brauchen Hilfe“, sagte ich schnell, „helft uns!“
„Das machen wir, Baby“, erwiderte Cole angespannt. „Wir haben euren Standort endlich gefunden und sind schon fast da. Haltet noch ein bisschen durch.“
„Wir sind geflüchtet … auf dem Weg den Hügel hinauf … Kat braucht Medizin. Kelly … verfolgt uns. Jaclyn … lebt.“
„Schneller!“, befahl er demjenigen, wer auch immer am Steuer saß. „Wir sind höchstens zwei Minuten entfernt, Baby, halte durch“, wiederholte er.
„Ali Bell!“, war plötzlich Kellys Stimme zu hören, und vor lauter Schreck ließ ich das Handy fallen. „Ich weiß, dass du da draußen bist!“
Reeve schnappte nach Luft.
Jaclyn stöhnte.
Vergiss das Handy. Ich legte einen Schritt zu, wir hatten schon die ersten Bäume erreicht. Der Wind fegte eiskalt zwischen den Stämmen hindurch und schnitt mir in die Haut. Zwei Minuten. Ich würde unsere Verfolger zwei Minuten aufhalten können. Bestimmt waren es inzwischen nur noch eine Minute und fünfundvierzig Sekunden.
Wir setzten Kat hinter einem Baum auf den Boden.
„Pass auf sie auf“, flüsterte ich Jaclyn zu. Und zu Reeve sagte ich: „Halte Kat warm.“
„Wohin willst du?“ Reeve legte die Arme um Kat, um sie so gut wie möglich zu wärmen. „Was hast du vor?“ Ihre Augen waren vor Entsetzen riesengroß.
„Lass sie das tun, was zu tun ist, und frage später“, sagte Jaclyn, die sich bereits in Wachposition gestellt hatte. Sie würde auf jeden schießen, der sich näherte.
Ich drückte schnell Reeves Hand und schlich mich ohne ein weiteres Wort davon. In der Nähe des Parkplatzes verbarg ich mich hinter einem Baumstamm und sah zum Anima-Gebäude hinüber. Aus allen Fenstern drang Licht und erleuchtete die Auffahrt. Kelly stand vor dem Eingang, die Hände in die Hüften gestemmt. Jedes Mal, wenn er ausatmete, erschien eine Nebelwolke vor seinem Gesicht.
Wie weit würde das Betäubungsgewehr reichen?
Wie gut konnte ich zielen?
Während der Zeit im Blockhaus hatte ich regelmäßig trainiert. Inzwischen traf ich viel öfter, wie ich bei den Wachmännern in der Lobby bewiesen hatte, aber ich zitterte jetzt so stark, dass ich das Gewehr kaum gerade halten konnte.
Muss es versuchen. Vorsichtshalber legte ich das Skalpell vor mich auf einen Felsen und streckte mich auf dem Bauch aus, einen Ellbogen neben der Klinge. Egal, was ich versuchte, meine Hände hörten nicht auf zu zittern.
Zu meiner Linken knirschte der Schnee. Instinktiv schnappte ich das Skalpell und schleuderte es in die Richtung. Ein Mann fiel zu Boden und rang nach Luft. Die Klinge steckte in seiner Kehle.
Wie viele Wachen waren bereits hier draußen?
In der Ferne hörte ich metallisches Scheppern. Eine Sekunde später jagte ein Jeep mit quietschenden Reifen auf den Parkplatz. Kaum dass er stand, sprangen Cole, Justin, Frosty und Bronx aus dem Wagen.
Ein weiteres Fahrzeug kam angerast, Trina, Gavin, Veronica und Lucas stiegen aus.
Danach ein drittes Auto, aus dem Mr Ankh, Mr Holland und der Rest der Zombiejägertruppe herausquollen.
Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen … Reiß dich zusammen. Nur noch einen Moment länger. Sie waren hier. Sie waren hier, die Mädchen würden gerettet werden und all die Schmerzen und das Leiden wären nicht umsonst gewesen. Oh Himmel, ich war am Heulen, Tränen trübten meine Sicht und liefen kalt über meine Wangen.
„Wo sind sie?“, wollte Mr Holland wissen.
Jeder Zombiejäger hatte ein Gewehr im Anschlag, das auf Kelly gerichtet war. Die Wachmänner neben ihm hatten ihre Gewehre entsichert und richteten sie auf die Zombiejäger.
Kelly ballte die Hände zu Fäusten. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Was ich allerdings genau weiß, ist, dass Sie sich auf Privatgelände befinden und niemand Sie eingeladen hat. Machen Sie also, dass Sie wegkommen, bevor ich Maßnahmen ergreifen muss, die Ihnen garantiert nicht gefallen.“
„Wir wissen, dass sie hier sind“, brüllte Cole. „Ali!“
„Sie sind umstellt“, zischte Kelly. „Sind Sie sicher, dass Sie diesen Weg einschlagen wollen?“
„Sind Sie sich sicher?“, entgegnete Mr Ankh so gelassen wie immer. „Ich kann mir vorstellen, dass ein Dutzend Leichen auf Ihrem Parkplatz selbst für Sie nicht so einfach zu erklären oder zu verstecken sind.“
„Geben Sie die Mädchen raus“, sagte Cole. „Sofort!“
„Hier!“, rief ich. „Wir sind hier!“
Kelly versteifte sich.
Frosty und Bronx folgten meiner Stimme. Sekunden später hatten sie mich gefunden.
„Wo ist Kat?“, wollte Frosty wissen.
„Hier hinten!“, meldete sich Reeve. Ich konnte hören, dass sie sich Mühe gab, mutig und gefasst zu klingen.
„Jaclyn, nimm die Waffe runter“, sagte ich.
„Jaclyn?“ Justin rannte los. Frosty und Bronx ebenfalls. Es dauerte nicht lange, da trug Frosty Kat, Bronx hatte Reeve in den Armen und Justin trug seine Schwester. Ich glaube, alle waren am Heulen. Ich rappelte mich auf und taumelte auf die Zombiejägertruppe zu.
Cole hielt sein Gewehr weiterhin auf Kelly gerichtet, sein Finger zuckte am Abzug. Er hätte ihn am liebsten getötet, das zeigte seine Körperhaltung. Ich spürte die Wut, die er ausstrahlte.
„Ich weiß, dass du den Mann hasst und ihn für das, was er Ali angetan hat, umbringen willst, aber du musst dich um dein Mädchen kümmern“, sagte Gavin und umfasste den Lauf des Gewehrs. „Sonst mache ich es.“
Cole fluchte leise, ließ jedoch die Waffe sinken. Er kam mir entgegen, musterte mich von oben bis unten und sein Gesichtsausdruck wurde finster. Dann hob er mich auf die Arme und ich konnte nur noch meinen Kopf an seine Schulter legen.
„Ich habe dich, Süße“, flüsterte er. „Ich werde dich nie wieder loslassen.“
Mein Kinn bebte, und eine neue Ladung Tränen drohte hervorzubrechen.
„Geht nur, nehmt sie mit“, sagte Kelly vor Wut zitternd. „Niemand wird irgendwelche Anhaltspunkte dafür finden, dass sie hier waren. Eigentlich sollte ich die Polizei rufen und melden, dass sich vier Mädchen auf unserem Gelände herumgetrieben haben.“
„Erschießt ihn“, sagte ich, meine Stimme war schwach und heiser.
Natürlich taten sie es nicht. Alle zogen sich zurück und stiegen in ihren Wagen. Nun, tut mir leid, aber ich konnte Kelly nicht einfach so davonkommen lassen, egal, wie nobel er seine Ziele fand. Ich musste irgendwas machen. Jetzt, da ich noch die Gelegenheit dazu hatte.
Durch Coles Körper gewärmt, zitterte ich inzwischen nicht mehr so stark. Mit einem letzten Energieschub hob ich das Betäubungsgewehr und drückte den Abzug.
Der Pfeil traf Kelly an der Wange.
Seine Knie gaben nach und er sank zu Boden.
Ein paar Wachmänner stürzten zu ihm. Die anderen hoben ihre Waffen, bereit zur Vergeltung. Ich wurde schnell in den Wagen geschoben, als die Schüsse losgingen. Cole hatte sich schützend über mich gebeugt.
„Tut mir leid“, murmelte ich. „Konnte nicht widerstehen.“
„Das braucht dir nicht leidzutun, Ali. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn … ich hätte es nicht ertragen …“ Er legte die Arme um mich und drückte mich an sich. „Du musst mir sagen, was da drinnen passiert ist.“
„Nicht jetzt.“ Allein der Gedanke daran ließ mich erstarren. „Bitte.“
„Na gut, ist okay. Aber bald.“
„Ja, bald“, versprach ich.
Die ersten beiden Tage zurück bei Mr Ankh schlief ich und versuchte mich so gut es ging von den Strapazen zu erholen, wobei so gut es ging nicht genug war. Meine Kraft ließ weiterhin nach. Vage bekam ich mit, dass Nana mich besuchte und meine Hand hielt, dass Emma neben meinem Bett auf und ab marschierte und dass Mr Ankh meine Vitalfunktionen überprüfte.
Wo war Cole?
Erst am dritten Tag bemerkte ich, dass er die ganze Zeit über in einem Sessel in der Ecke meines Zimmers schlief. Ich wachte auf, musste heulen und konnte nicht mehr aufhören. Ich weinte, bis meine Tränendrüsen wegen übermäßigen Gebrauchs ausgetrocknet waren. Cole war sofort bei mir, nahm mich in die Arme und flüsterte mir die süßesten Worte ins Ohr.
Ich habe dich so vermisst.
Ich habe alle verrückt gemacht, damit sie nach dir suchten. Ich hätte keine Ruhe gegeben, bevor ich dich nicht wieder zurückgehabt hätte.
Du bist was Besonderes für mich. Ich brauche dich.
Ich klammerte mich an ihn, als wäre er mein Rettungsring.
In diesem Moment war er das auch.
Er erzählte mir, dass es Kat und Reeve inzwischen viel besser ging. Er wusste, dass Reeve unbewusst zur Spionin geworden war und Ethan zugearbeitet hatte. Er hatte dem Zombiejägerteam alles berichtet, was vorgefallen war.
„Wie geht es Jaclyn?“, fragte ich.
„Sie ist zu Hause bei Justin. Er meint, sie würde sich körperlich erholen, aber nicht psychisch. Sie weigert sich, aus dem Haus zu gehen.“
„Sie haben Jaclyn fürchterlich behandelt.“ Ich erschauerte.
„Sie haben dich auch fürchterlich behandelt. Euch alle. Willst du mir jetzt erzählen, was war?“
„Morgen“, flüsterte ich, weil ich nicht wollte, dass meine düsteren Erinnerungen diesen Moment zerstörten.
Dann kam der Morgen. Mein vierter Tag in Freiheit. Mr Ankh und Mr Holland betraten mein Zimmer und fragten mich nach Einzelheiten. Ich erzählte ihnen alles, was ich wusste und was ich erlitten hatte. Cole hielt mich dabei in den Armen und ich war froh darüber. Obwohl er leise fluchte und ich merkte, wie er sich anspannte, blieb er sanft und strich mir zärtlich durchs Haar. Als ich glaubte, jeden Moment wieder zusammenzubrechen, flüsterte er mir zu, wie mutig ich gewesen war und wie leid ihm das alles tat.
Als ich fertig war, sahen die beiden Erwachsenen ziemlich blass aus.
Mr Ankh räusperte sich. „Also …“ Glitzerten da Tränen in seinen Augen? „Es tut mir leid, was du alles durchmachen musstest, Ali Bell.“
Ich nickte nur, ohne zu antworten.
„Ich fürchte, du hast es noch nicht überstanden“, fügte er hinzu. „Der prozentuale Anteil von Antizombiegift in deinem Körper ist höher als je zuvor. Wir haben dir mehr von dem Gegenmittel gegeben. Es hat geholfen … für eine Weile. Du hast es so schnell absorbiert, dass ich vermute, du entwickelst bereits eine Immunität. Es wird noch ein paar Wochen wirken, schätze ich, aber nicht viel länger.“
So wenig Zeit.
Ich schluckte.
Als die beiden Männer das Zimmer verlassen hatten, strich mir Cole das Haar aus dem Gesicht und sah mir in die Augen. „Kelly wird damit nicht davonkommen. Das verspreche ich dir.“
Er war so wunderbar. So wild und entschlossen. „Cole.“
„Nein, sag jetzt nichts. Du musst dich erst richtig erholen, und ich will, dass du dich nur darauf konzentrierst, wieder gesund zu werden. Ich möchte dir aber etwas zeigen.“ Er rollte sich auf den Rücken und zog den Saum seines T-Shirts hoch, um seine muskulöse Brust zu entblößen.
Seine Tattoos waren … du lieber Himmel.
In großen fetten Blockbuchstaben prangte mein Name neben den anderen Tattoos.
ALI BELL reichte fast über seine gesamte Brust, auf der Seite mit dem Piercing nahm der Schriftzug mehr Platz ein als auf der anderen.
„Cole“, wiederholte ich zittrig.
„Ich wollte dir nicht nur Worte geben. Ich wollte dir zeigen, was du mir bedeutest, dass es außer dir niemanden gibt und dass auch nie jemand anders kommen wird, was immer passiert. Es ist mir egal, was die Visionen uns sagen. Ich will einfach nur dich.“
Kein Junge hatte sich jemals so endgültig zu mir bekannt. Kein Junge hatte mich je so angesehen wie Cole, als wäre ich für ihn das Wichtigste auf der Welt. Als könnte er mir nicht widerstehen. „Ich liebe dich“, flüsterte ich. Dann wurden meine Lider so schwer, dass sie mir zufielen, und ich schwebte in einem dunklen schwarzen See.
Ich glaube, ich lächelte dabei.
An meinem fünften Tag zurück sorgte Cole dafür, dass ich in Reeves Suite umzog. Mit Mr Ankhs wie auch Mr Parkers Erlaubnis war Kat ebenfalls eingezogen, und die beiden Mädchen wollten mich bei sich haben – brauchten mich. Ein unzerreißbares Band war während unserer Gefangenschaft entstanden, eins, das ein Leben lang halten würde.
Die Männer waren darauf bedacht, uns nicht zu verärgern. Ungeachtet der Gefahr, die ich immer noch darstellte, nahmen deshalb nun drei Doppelbetten den größten Teil des Schlafraums ein.
Aber …
Am sechsten Tag spürte ich, wie Z. A. sich regte. Sie war wütend. Hungrig. Entschlossen. Ich bekämpfte sie mit allem, was ich hatte, tat mein Bestes, um sie an der kurzen Leine zu halten, das kostete mich einiges. Die wenige Kraft, die ich inzwischen gewonnen hatte, brauchte ich dabei auf und war erneut bettlägerig.
Reeve erholte sich als Erste von dem Trauma. Das war der Augenblick, als ihr Vater zuschlug.
Er kam ins Zimmer, setzte sich an ihr Bett und nahm ihre Hand. Die Zeugen im Raum störten ihn nicht, als er loslegte: „Ich werde jetzt etwas sagen, und du wirst mir zuhören, ohne mich zu unterbrechen.“ Er wartete darauf, dass sie zustimmend nickte, bevor er weitersprach. „Ich möchte dich außer Landes schicken. Es war immer mein Wunsch, dich aus dem herauszuhalten, was hier passiert. Ich will nicht, dass du ein Leben in Angst und Gefahr verbringst …“
„Ich gehe nirgendwohin“, unterbrach sie ihn. „Willst du außerdem behaupten, dass es das Zombieproblem nur in dieser Gegend gibt?“
„Nein, so ist es nicht“, presste er hervor. „Aber ich möchte nicht, dass du mit den Leuten zusammen bist, die an diesem Krieg beteiligt sind. Sie sind besondere Ziele, wie Magneten. Wenn du hierbleibst, wirst du dich abkapseln und immer mit ihnen herumhängen. Sobald du ständig mit ihren Verletzungen konfrontiert wirst, bekommst du Angst und lebst dein Leben nicht weiter.“
„Ich habe schon mitbekommen, wie schwer sie verletzt werden, und ich habe keine Angst. Ich bin in der Lage und bereit zu helfen. Diese Menschen tragen eine große Bürde, und ich möchte etwas tun und meinen Beitrag leisten.“
Kat und ich lagen in unseren Betten und warfen uns einen Blick zu, schwiegen aber und lauschten weiter der Unterhaltung, während im Hintergrund die medizinischen Geräte piepten und summten.
„Was solltest du denn tun?“, wollte Mr Ankh wissen. „Du kannst die Untoten ja gar nicht sehen.“
„Du ja auch nicht, trotzdem machst du deine Sache gut.“
„Ich bin Arzt.“
„Und ich bin ein gesundes Mädchen mit zwei Armen und zwei Beinen und in der Lage, einem Arzt zu assistieren, wenn er die Wunden der Zombiejäger versorgt.“
Er schüttelte den Kopf. „Die Zombies könnten dich beißen.“
„Und du könntest mir ein Antiserum geben“, erwiderte sie resolut. „Hör zu, Dad. Ich werde bei dieser Sache helfen, ob es nun hier ist oder woanders. Daran kannst du mich nicht hindern. Ich bin außerdem an der Situation schuld, in der wir uns jetzt befinden. Ich. Und ich will es wiedergutmachen. Das muss ich einfach tun.“
„Nein, du …“
„Dad“, sagte sie nachdrücklich. „Wir wissen doch beide, was los ist. Ich habe alle bespitzelt, habe versucht herauszubekommen, was hier abgeht und warum die Leute, die vorgeben, mich zu lieben, mich ständig belügen. Bei meiner Suche nach Antworten konnte Ethan mich problemlos anstacheln und mir sogar noch Tipps geben, wie ich besser spioniere. Ich habe ihm alles erzählt, was ich wusste. Es ist meine Schuld.“
Mr Ankh ließ die Schultern hängen und rieb sich das Gesicht.
Ich gähnte, meine Augenlider wurden schwer.
„Wenn du bleiben willst, dann bleib“, sagte er leise. „Wenn du helfen willst, dann hilf. Aber du wirst dich von diesem Jungen fernhalten.“ Zum Schluss wurde seine Stimme schroff und unnachgiebig. „Hast du mich verstanden?“
Reeve blickte ihn finster an. „Er hat einen Namen.“
„Bronx“, presste er hervor. „Du wirst ihm nicht zu nahe kommen.“
„Warum? Warum hasst du ihn denn so sehr?“
„Ich hasse ihn nicht, mir gefällt nur der Gedanke nicht, dass du mit ihm zusammen bist. Er ist zu … wild für dich, mein Schatz. Du kennst seine Akte nicht und weißt nicht, in welche Schwierigkeiten er in der Vergangenheit geraten ist, was er alles getan hat und vielleicht noch tun wird.“
Sie lächelte traurig. „Und es interessiert mich auch nicht. Ich kenne ihn, wie er heute ist, das allein ist wichtig.“
„Reeve …“
„Nein! Ich bin nicht wie Mom. Ich habe ihre Zusammenbrüche damals nicht verstanden oder was es für dich bedeutet hat, aber jetzt tue ich es. Ich verstehe es. Du wirst diesen Teil meines Lebens nicht kontrollieren. Und wenn du versuchst, ihn und die anderen Zombiejäger zu bestrafen, weil ich mit ihm zusammen sein möchte, dann wirst du mich verlieren. Ich werde ausziehen. Und wer, glaubst du wohl, wäre in dem Fall da, um mich aufzunehmen?“
Ich musste schon wieder gähnen, diesmal hätte es mir fast den Kiefer ausgerenkt. Meine Augen fielen zu und den Rest des Gesprächs bekam ich nicht mehr mit.
Noch nicht vorbei … versuche es weiter … du kannst nicht gewinnen … Z. A.s Stimme spukte in meinem Kopf herum, schlich sich über die Barriere, die ich mit großer Mühe aufgebaut hatte.
Ich wollte etwas darauf antworten, doch in meinen Gedanken herrschte merkwürdiger Nebel, meine Worte waren unverständlich.
„… schläft immer noch“, bemerkte Kat.
„Ja“, sagte Cole. „Sie schläft die ganze Zeit.“
Ich versuchte die Augen zu öffnen, schaffte es aber nicht.
„Ich mache mir Sorgen um sie“, sagte Kat. „So habe ich sie noch nie gesehen, so … zerbrechlich.“
Redeten sie über mich?
„Sie wird sich erholen“, war jetzt Nana zu hören. „Ich werde sie nicht verlieren.“
Nana war auch hier?
Falls Cole etwas darauf gesagt haben sollte, so hörte ich es nicht.
Ich war mir nicht sicher, wie viel Zeit vergangen war, bis ich warme Finger spürte, die mir durchs Haar strichen. Wenigstens lichtete sich der Nebel langsam. Bei einem der aufblitzenden Energieschübe zwang ich mich, vollständig aufzuwachen. Nana war nicht mehr da, wie ich feststellte. Kat und Reeve schliefen. Cole war neben mir, seine Augen geschlossen. Abwesend streichelte er mir den Kopf.
Ich lächelte. Davon wollte ich mehr, mehr von ihm.
Ich dachte an das Tagebuch. Die Antwort. Das Licht. Feuer. Ganz eindeutig war er für mich ein Licht. Genauso klar war, ich war vollkommen entflammt für ihn. Aber da war noch was, irgendwas, das mir jetzt nicht einfiel.
Erledigen: Finde es heraus, und zwar schnell. Die Zeit lief mir davon.
„… habe ich schon lange gewusst“, hörte ich Frosty zu Kat sagen.
Meine Augenlider flatterten und öffneten sich. Zwei Dinge fielen mir auf: Ich war eingeschlafen, während Cole mich gestreichelt hatte, und es war Morgen.
Frosty saß an Kats Bett und hielt ihre Hand. An ihrer anderen waren Schläuche befestigt, die zu einer Dialysemaschine führten.
Sie riss schockiert die Augen auf. „Wirklich?“
„Ja, allerdings. Kitty-Kat, ich bin … nun, so was wie ein meisterhafter Black-Ops-Geheimagent, und nicht nur bei Call of Duty. Wenn ich mit dir herumhänge und du mit meinen Freunden zusammen bist, muss ich alles über dich wissen. Ich habe nie was wegen deiner Krankheit verlauten lassen, weil ich wollte, dass du mir genug vertraust, um es mir von dir aus zu erzählen.“
Oh, wow. Er hatte es all die Zeit gewusst.
„Na gut, aber das hat dich trotzdem nicht davon abgehalten, mir jedes Mal tausend Fragen zu stellen, was ich so den ganzen Tag tue“, murmelte sie.
„Ich wollte dir die Gelegenheit geben, reinen Tisch zu machen“, erklärte er und grinste, ohne die geringste Reue zu zeigen.
„Eine Falle war das, du Mistkerl, eindeutig. Ich müsste sauer auf dich sein.“
Er hob die Augenbrauen. „Du müsstest?“
Sie seufzte. „Aus unerfindlichen Gründen finde ich dich gerade so sexy wie noch nie. Und du weißt ja, dass ich es einfach nicht schaffe, auf irgendwas sauer zu sein, das so sexy ist.“
Frosty lachte laut, wurde aber gleich wieder ernst. Er sah sie lange an, intensiv und fordernd. „Ich möchte so gern, dass du gesund wirst, Kat. Ich möchte dich immer um mich haben, damit du mich triezen kannst. Für immer.“
„Das will ich auch“, flüsterte sie, „mehr als alles andere. Es tut mir leid, dass ich mich so oft von dir getrennt habe. Ich wollte einfach nicht, dass du mich so krank siehst, dass du mich bemitleidest oder bedauerst – oder noch schlimmer, dass du bei mir bleibst, weil du dich dazu verpflichtet fühlst.“
„Das braucht dir überhaupt nicht leidzutun. Du hast dafür gesorgt, dass ich dir ständig hinterherjagen musste, darauf stehe ich doch. Ich bin bei dir geblieben, weil ich dich liebe, aus keinem anderen Grund.“
Mir zog sich das Herz zusammen. Eigentlich sollte ich da nicht zuhören. Das war privat. So ein intimer Moment, in dem jemand seine Verletzlichkeit zeigte, seine Sehnsucht ausdrückte, war nicht für Außenstehende bestimmt. Ich drehte mich auf die andere Seite, versuchte den beiden etwas mehr Privatsphäre zu geben … und sah mich von Angesicht zu Angesicht mit Cole.
Er beobachtete mich.
„Du siehst schon besser aus“, sagte er.
„Du bist immer noch hier.“ Ich war mir nicht sicher, wieso mich das so überraschte.
„Natürlich bin ich das. Ich möchte nirgendwo lieber sein.“
Mein Herz machte einen großen Hüpfer. „Cole.“ Ich seufzte. „Danke, dass du mich gefunden und da rausgeholt hast. Danke für alles.“
Er nickte, in seinen Augen funkelte plötzlich die Wut. „Ich habe an dem Abend deine Großmutter zu Hause abgesetzt, mich mit meinem Vater getroffen und bin anschließend zur Blockhütte zurückgefahren. Du warst nicht mehr da, aber draußen waren Spuren von dir im Schnee. Dann habe ich deine Nachricht abgehört. Ich glaube, ich war anderthalb Stunden weg, und als ich wiederkam, war es bereits zu spät. Und das tut mir leid. Moment“, sagte er schnell, als ich den Mund öffnete, um eine Bemerkung zu machen. „Ich lasse nicht zu, dass du mir erklärst, ich hätte keinen Grund, mich schuldig zu fühlen. Ich liebe dich, und ich fühle mich schuldig, wenn mir danach ist.“
Er hatte mir einmal gesagt, er würde sich um mich bemühen, mit allem, was er hatte. Das war alles, was ich brauchte.
Obwohl ich es versuchte, hatte ich nicht genug Kraft, um ihn zu umarmen. Ich schaffte es nur, mich zu ihm hinüberzulehnen und meine Stirn an seine Brust zu legen. Sein Herz schlug schnell, aber regelmäßig.
„Wie hast du uns aufgespürt?“, fragte ich.
„Justin hatte die Adressen von mehreren Anima-Labors in dieser Gegend. Ich habe fast unser Haus zusammengeschrien, um zu deiner Schwester durchzudringen. Sie kam irgendwann und ich habe ihr die Standorte genannt. Sie ist besser als jede Kamera.“
„Sie konnte doch gar nicht ins Gebäude kommen. Es war blockiert.“
„Ja, aber sie beobachtete alle, die rein- und rausgingen. Jemand hat von dir gesprochen.“
Oh. Vielen Dank, meine allerliebste Schwester.
Cole gab mir einen Kuss auf die Schläfe. „Wirst du mir jetzt erzählen, was ich wissen möchte, ohne dabei einzuschlafen?“
„Natürlich. Was willst du denn hören?“
Mit zwei Fingern hob er mein Kinn an, bis sich unsere Blicke trafen. Er sah mich eine ganze Weile schweigend an, schließlich grinste er leicht gequält. „Na egal. Ich warte.“
„Worauf?“
„Auf dich.“ Er zog meinen Kopf an seine Brust – gegen das letzte L in meinem Namen – und spielte mit meinen Locken. „Ich weiß, dass du gern tausend Fragen stellst. Möchtest du irgendwas wissen, was hier passiert?“
Ich war vollkommen von seiner verführerischen Ausstrahlung gefangen und etwas verwirrt über diese Bemerkung. Was wollte er von mir hören? Alles an ihm versetzte mich in einen Zustand tiefster Zufriedenheit. „Weißt du, wo Nana ist?“
„Sie hat vorhin reingeschaut, hat gehört, wie du im Schlaf geredet hast, und blieb den Rest der Nacht da, für den Fall, dass du ihre Hilfe gebraucht hättest. Ich bin vor ein paar Stunden gekommen, nachdem ich mal duschen gegangen war. Ich habe sie in ihr altes Zimmer geschickt, damit sie sich ausruht. Sie wollte sich erst weigern, dann musste ich ihr versprechen, sie zu rufen, wenn du aufwachst.“
Die liebe Nana. Sie hatte so viel Zerstörung und Tod in letzter Zeit gesehen. „Ich will Zombie-Ali unbedingt töten.“
„Hunger?“
Ich wusste, was er meinte. „Ich spüre den Drang anzugreifen und zu beißen, er lauert ständig in meinem Unterbewusstsein. Ich brauche mehr Licht.“
„Ja. Das steht auch im Tagebuch.“
„Du konntest es lesen?“, fragte ich überrascht.
„Ja. Ich habe stundenlang mit dem Ding herumgesessen und bin nicht weitergekommen, habe über die Nummern und Symbole nachgedacht, was sie bedeuten könnten, ließ mir alles durch den Kopf gehen. Irgendwann kristallisierten sich plötzlich Buchstaben heraus. Ich war so erschrocken, dass ich mich erst mal umsehen musste, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träumte. Dabei fiel mein Blick auf den Spiegel. Meine Augen waren silberfarben.“
„Silberfarben?“
„Ja. Wie Spiegelglas.“
Spiegel. Interessant. „Wenn Augen die Fenster zur Seele sind, dann sind es Spiegel bestimmt auch.“ Ich überlegte. „Was, glaubst du, war der Katalysator?“
„Vielleicht, weil ich so völlig vertieft darin war. Du bist, was du isst, oder? Ich hatte das Tagebuch ja praktisch verschlungen.“
„Was konntest du denn lesen?“
„Einen Absatz über die besonderen Fähigkeiten einiger Zombiejäger und dass andere sie nicht besitzen. Wie zum Beispiel die Visionen und deine Fähigkeit, die Blutlinien zu sehen.“
Ja, diese Zeilen hatte ich auch gelesen.
„Dann gab es eine Stelle, wo es darum ging, sterben zu müssen, um wirklich und wahrhaftig zu leben. Und dass man Feuer braucht, um das Gift in sich zu verbrennen.“ Er umarmte mich fester. „Ich weiß, du hast es mal an dir selbst versucht, aber ich fürchte, dein Feuer war bereits verunreinigt. Entweder das, oder Zombie-Ali ist immun dagegen und gegen dein Zombiegift, so wie du gegen das Antiserum eine Immunität entwickelst.“
Das wird es sein, dachte ich. Das war die Antwort. „Ich frage mich, was passiert, wenn wir es mit deinem Feuer probieren.“
„Daran hatte ich auch schon gedacht, doch ich werde es nicht riskieren. Was ist, wenn es dich tötet? Dich einäschert? Das könnte ich mir nie verzeihen.“
Was wäre, wenn Z. A. dabei starb und ich überlebte? „Aber … bitte … halte die Möglichkeit offen, ja?“
Er seufzte. „Okay, das wäre allerdings wirklich der letzte Ausweg. Es ist riskant, ich möchte dein Leben nicht aufs Spiel setzen.“
„Wer nichts riskiert, kann nichts gewinnen.“
„Ja, ja, Muhammad Ali“, hörten wir eine weibliche Stimme, bevor er antworten konnte.
Ich löste mich aus Coles Umarmung und hob den Kopf. Trina, Mackenzie und Lucas hatten das Zimmer betreten und kamen zu mir ans Bett.
„Du hast dich und die drei Schwächlinge aus dem Anima-Labor geschleust. Ich könnte gar nicht stolzer auf dich sein.“
„He, he“, sagte Kat schnaufend.
„Ja, genau. Wen meinst du denn mit Schwächlingen?“, wollte Reeve wissen.
„Ich glaube, sie hat von dir gesprochen“, meldete sich Bronx.
Er war hier? Ich warf einen Blick hinüber und entdeckte ihn an Reeves Bett, und die beiden … oh du lieber Himmel. Sie hielten sich an den Händen. Ganz offiziell. Nicht heimlich.
Glücklich.
Mr Ankh musste wohl nachgegeben haben.
„Ali Bell spielt nicht Verstecken“, sagte Lucas. „Sie spielt Versteck-dich-und-bete-dass-ich-dich-nicht-finde.“
Mackenzie grinste. „Wenn Ali Bell dir den Finger zeigt, dann lässt sie dich wissen, wie viele Sekunden du noch am Leben bist.“
Cole lachte. „Angst vor Spinnen ist Arachnophobie, Angst vor geschlossenen Räumen ist Klaustrophobie, Angst vor Ali Bell ist einfach nur vernünftig.“
„Oh, oh!“ Kat klatschte aufgeregt in die Hände. „Es gab mal eine Straße, die hieß Ali Bell, doch die wurde umbenannt, weil niemand an Ali Bell lebend vorbeikam. Echt wahr.“
Ich schnaufte.
„Ich hab mal gehört, Ali Bell wurde von einer Schlange gebissen“, sagte Lucas und machte ein völlig ernstes Gesicht. „Und nach drei Tagen voller Schmerzen und Leiden ist die Schlange schließlich gestorben.“
„Also ich habe gehört“, begann Reeve, „wenn Ali Bell mal lachen möchte, dann liest sie das Guinness-Buch der Rekorde.“
Ich musste kichern, daraus wurde schnell ein Hustenanfall. Ich war mir nicht sicher, wie viele Minuten das ging. Das Einzige, was ich bemerkte, war, dass meine Hände anschließend voller Blut waren. Peinlich.
„Ankh hat mir erzählt, dass das passieren kann“, sagte Cole. „Das Zombiegift und das Antizombiegift, das du produzierst, bekämpfen sich gegenseitig.“
Trina warf mir ein Taschentuch zu.
„Danke.“ Cole wischte mir das Blut ab und schickte Mackenzie und Lucas hinaus. „Ihr auch“, sagte er zu Frosty und Bronx.
„Tut mir leid, Kumpel“, entgegnete Frosty, aber es klang nicht wie eine Entschuldigung. „Ich lasse Kat nicht allein.“
Bronx zeigte ihm den Stinkefinger. „Und ja, ich sage dir hiermit, wie lange du noch zu leben hast, wenn du mich rauszuschmeißen versuchst.“
Ich wusste, Cole wollte verhindern, dass so viele Leute meine Schwäche mitbekamen. Und schon verfiel ich seinem Zauber mehr.
„Sie können von mir aus bleiben“, sagte ich. Wie konnte ich wollen, dass meine Freundinnen von ihren Freunden getrennt wurden? Ich würde jedenfalls jeden verfluchen, der das mit mir versuchen würde.
Cole legte sein Kinn auf meinen Kopf und strich mir übers Haar. „Okay. Für dich.“
Bronx lehnte sich in seinem Stuhl nach vorn und stützte die Ellbogen auf die Knie. „Ich glaube, ich werde nie wieder von deiner Seite weichen, Reeve. Du wärst fast gestorben, und ich hätte nichts dagegen tun können.“
Reeve ließ sanft die Fingerspitze an einer seiner Ohrmuscheln entlanggleiten. „Ich hab’s aber überlebt. Wir alle haben’s überlebt.“
Als er aufblickte und sie ansah, begann die Luft im Zimmer buchstäblich vor Spannung zu knistern.
Es war derselbe Blick, den Cole mir oft zuwarf. Gequält. Verwirrt. Entschlossen. Ein bisschen wild.
„Wir müssen Anima zerstören“, sagte Cole resolut. „Wir können nicht zulassen, dass so eine Bedrohung weiter existiert.“
„Was sollen wir denn tun?“, fragte ich.
Schweigen herrschte einen Moment, während die drei Jungen sich ansahen, in ihren Blicken zeigte sich unerbittliche Entschlossenheit.
„Wir ziehen in den Krieg“, sagte Cole.