7. KAPITEL
Von verwesenden Monstern und leckeren Menschen
Normalerweise hätte ich mich auf die Suche nach Cole gemacht und ihm berichtet, was passiert war. Heute beschloss ich, es Mr Ankh zu erzählen.
Unterwegs zu seinem Büro lief ich Nana über den Weg. „Ali, mein Schatz. Ich habe eine Überraschung für …“
„Nana, tut mir leid“, sagte ich schnell. „Ich muss unbedingt mit Mr Ankh reden. Können wir das später machen?“
Sie sah mich enttäuscht an. „Natürlich. Kein Problem.“
Sofortige Schuldgefühle. Ich würde mich beeilen und dann den Rest des Tages mit ihr verbringen. Ohne auf eine Einladung zu warten, betrat ich das Büro – das hatte ich noch nie gemacht –, schloss die Tür hinter mir und verriegelte sie. Mr Ankh blickte von einem Stapel Papiere auf seinem Schreibtisch auf.
Seine Augen und sein Haar waren dunkel wie Reeves, aber er verhielt sich immer sehr formal und steif. Bisher hatte ich mich nach einer Unterredung mit ihm selten besser gefühlt, doch im Moment war er meine einzige Wahl.
„Gut“, sagte er. „Ich wollte sowieso mit dir reden. Setz dich.“
Ich tat ihm den Gefallen. „Es gab einen Vorfall.“
„Okay.“ Er verschränkte die Finger ineinander. „Wie schlimm? Muss es irgendwie bereinigt werden?“
„Nein, es ist nichts in der Richtung. Aber …“
„Es gibt also keine Leichen?“
„Nein.“
„Keine Zombies?“
„Nein. Aber …“
„Dann hör zu“, unterbrach er mich ein zweites Mal. „Ich habe gehört, dass du im Haus sauber machst und dich lediglich von Bagels mit Frischkäse ernährst. Das kann ich nicht zulassen, Ali Bell. Ich bezahle jemanden fürs Putzen, und es gibt hier genug Lebensmittel, um eine Armee zu ernähren.“
„Das ist wunderbar, aber ich will niemanden ausnutzen. Also. Wir sind heute ins Einkaufszentrum gegangen und …“
„Weiß deine Großmutter, was du tust? Dass du dich zu Tode hungerst?“
„Ich hungere mich nicht zu Tode“, widersprach ich. Dann berichtete ich ihm, was vorgefallen war, beschrieb ihm den SUV, den Mann, der mit mir reden wollte, und was ich mit den Reifen seines Wagens getan hatte. Das einzige Detail, das ich für mich behielt, war die Visitenkarte, die sich anfühlte, als würde sie ein Loch in meine Hosentasche brennen.
Ich umfasste sie mit dem festen Entschluss, sie an Mr Ankh auszuhändigen. Als ich dann jedoch in sein strenges Gesicht blickte … konnte ich es einfach nicht.
Falls Sie neugierig sind, was Ihren Zustand betrifft …
Wusste der Mann etwas, das ich nicht wusste? Wusste er, was mit mir nicht stimmte?
Woher sollte er das wissen?
Und was würde Mr Ankh sagen, wenn ich ihm von den dunklen Flecken, dem zweiten Herzschlag und dem Hunger erzählte? Wie viele Tests würde er dann mit mir machen wollen? Würde er mich womöglich wegsperren?
Er schob das Kinn vor. „Das ist Animas Modus Operandi. Ich werde dafür sorgen, dass ein Wachmann …“
„Oh nein“, sagte ich schnell, während ich an meinen langen Hemdärmeln zupfte, um die Verbände zu verdecken. „Ich möchte nicht, dass mir ständig jemand folgt.“ Wer wusste, was derjenige beobachten würde!
Er sah mich stirnrunzelnd an. „Wenn es um die Sicherheit geht, ist die Privatsphäre zweitrangig, Ali Bell. Ich bin sicher, dass deine Großmutter der gleichen Meinung wäre.“
Schuss unter die Gürtellinie. „Bitte keine Wachen“, wiederholte ich. „Reeve könnte sie bemerken und dann noch mehr Fragen stellen.“
Er ließ sich erweichen. So, wie ich es vorausgesehen hatte.
Er liebte seine Tochter wirklich.
Zum ersten Mal machte ich mir Gedanken um das Leben dieses Mannes … seine Vergangenheit. „Die Frau, die Sie erwähnt haben … die mit der Angstneurose … war das Reeves Mutter?“
„Ja“, erwiderte er knapp und in schneidendem Ton, was so viel bedeutete wie er hatte nun alles zu dem Thema gesagt, was er sagen wollte.
Wir bekommen nicht immer das, was wir uns wünschen. „Wusste sie von den Zombies? Hatte sie davor Angst?“
Er stieß die Ellbogen so heftig auf den Schreibtisch, dass das ganze Möbelstück wackelte. „Ja, Ali Bell. Ja. Sie wusste von ihnen, aber sie konnte sie nicht sehen. Also begann sie sich die Monster um sich herum jeden Tag und jede Sekunde vorzustellen, und das hat sie nicht verkraftet. Schließlich hat sie sich umgebracht.“
Wie schrecklich. Die arme Mrs Ankh, die glaubte, der Tod wäre der einzige Ausweg. Der arme Mr Ankh, der zurückblieb und die Scherben aufräumen musste. Arme Reeve, ein kleines Mädchen, das von Kummer und Verwirrung überwältigt wurde. Kein Wunder, dass er darauf bestand, sie im Ungewissen zu lassen. Er wollte nicht, dass sie das gleiche Schicksal erlitt. „Das tut mir leid.“
Er wischte meine Bemerkung mit einer Handbewegung beiseite. „Was vorbei ist, ist vorbei.“
So einfach gesagt – aber richtete er sich auch danach? „Nur damit Sie Bescheid wissen, ich habe die Kaninchenwolke am Himmel gesehen. Heute Nacht könnten die Zombies kommen.“
„Und du willst in die Gruppe aufgenommen werden“, sagte er und zog die Augenbrauen hoch.
Ich hatte mir gesagt, ich sei noch nicht bereit, Cole wiederzusehen. Meine Kampffähigkeit hatte ich ebenso angezweifelt. Trotzdem hörte ich mich auf einmal „Ja“ sagen. Ich konnte mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, den Feind zu schlagen.
Mr Ankh löcherte mich wegen meiner Gesundheit. Fühlte ich mich wohl? Hatte ich zwischenzeitlich Schwächeanfälle? Hatte ich eine weitere Panikattacke gehabt?
Ich beantwortete die ersten beiden Fragen offen, umging jedoch die dritte. „Sehen Sie, ich bin dazu geboren, gegen Zombies zu kämpfen. Und genau das werde ich heute Nacht tun. Ob Sie das nun akzeptieren oder nicht. Und ja, das soll eine Drohung sein.“
Er grinste mich an, aber es war kein nettes Grinsen. „Du kannst gar nichts tun, wenn du bewusstlos bist.“
Wollte er mir Medikamente einflößen? „Versuchen Sie’s“, war alles, was ich sagte.
Er betrachtete mich eine ganze Weile, bevor er seufzte und zurückhaltend nickte. „Na gut. Du bist sehr entschlossen. Ich hab’s verstanden. Diesmal werde ich dir deinen Willen durchgehen lassen, aber du musst dich beeilen. Die Zombiejäger sind in Coles Übungshalle, der Turnus für die folgende Woche wird heute besprochen.“
Verdammt. Mein Tag mit Nana würde warten müssen. „Es gibt nur ein winziges Problem“, sagte ich. „Ich habe keinen Führerschein.“
Wieder seufzte er. „Sei in fünf Minuten bereit. Mein Fahrer wartet dann vorn am Eingang.“
„Danke, Mr Ankh.“ Ich stand auf und ging zur Tür.
„Übrigens war das kein Scherz, was das Putzen und deine Ernährung betrifft.“
„Das habe ich auch nicht angenommen.“ Er würde feststellen, dass ich ebenfalls nicht gescherzt hatte. Ich blieb stehen und drehte mich zu ihm um. „Ich finde es bewunderungswürdig, wie Sie Reeve beschützen, wirklich, aber diese Geheimnistuerei verletzt sie. Sie hat bereits Verdacht geschöpft, und das macht sie unglücklich. Es muss einen anderen Weg geben.“
„Ali Bell.“
Er knallte seinen Kuli auf den Schreibtisch, und ich wusste, dass eine sehr strenge Lektion folgen würde, deshalb flüchtete ich schnell auf den Flur.
In meinem Zimmer wechselte ich hastig die Kleidung und zog meine Kampfgarnitur an. Ich sammelte alles zusammen, was ich benötigte. Noch mehr Dolche, eine Spritze mit dem Antiserum, eine Tasche voller Wurfsterne und mein Handy.
Ich schob die Visitenkarte, die der Mann mir gegeben hatte, in die unterste Schreibtischschublade und bemerkte dabei eine Nachricht, die neben meinem Computer lag.
Ich habe die Sachen durchgesehen, die das Feuer überstanden haben, und fand das Tagebuch meines Urgroßvaters. Ich hatte es vor Jahren deiner Mutter gegeben. Ein paar Seiten sind angesengt, ansonsten ist es in Ordnung. Ich weiß, dass es seltsam ist, aber ich dachte, du würdest vielleicht gern ein Andenken an die Familie haben wollen. In Liebe, Nana
Ich hatte gedacht, es wäre von meinem Vater und dass er es meiner Mutter gegeben hätte. Wie hatte mein Urururgroßvater es schreiben können? Ich meine, die Fähigkeit, Zombies zu sehen, wurde durch die Gene genauso leicht vererbt wie die Farbe der Augen, aber meine Mutter hatte sie nicht gesehen und Nana auch nicht.
Was konnte das bedeuten?
Keine Zeit zum Rätselraten. Richtig.
Das musste die Überraschung sein, von der Nana gesprochen hatte. Und was für eine unglaubliche Überraschung das war!
Ich schuldete ihr ein paar Tausend Umarmungen.
Ich hatte es nicht vor, aber während ich die Tür öffnete, fiel mein Blick auf den Kommodenspiegel. Eine Gewohnheit, die ich nach dem ersten Treffen mit Cole angenommen hatte. Ich wollte immer optimal für ihn aussehen. Diesmal wurde ich von meinem Anblick vollkommen überrumpelt.
Tick. Das Mädchen im Spiegel – ich! – hatte die Hand erhoben und sie an das Glas gepresst, als würde es nach mir greifen.
Tack. Wie konnte … was war … unmöglich.
Tick. Wie in Trance ging ich auf den Spiegel zu.
Tack. Das Mädchen rührte sich nicht von der Stelle. Ich meine, meine Reflexion bewegte sich nicht!
Tick. Ich legte meine zitternde Hand auf das kühle Glas.
Tack. Das Mädchen ließ die Hand sinken.
Tausend Gedanken rasten mir durch den Kopf.
Ich war sicher, dass ich mir das nicht einbildete, sie war wirklich zu sehen. Also … wer war das? Ein Teil von mir?
Ein anderes Ich?
Die Flecken unter ihren Augen vergrößerten sich und schienen auf ihre Wangen zu tropfen. War das mein sterbendes Ich?
Zitternd holte ich einen Lippenstift aus dem Badezimmer und schrieb damit auf die Glasoberfläche: Wer bist du?
Ich warf den Lippenstift auf die Kommode und ging zur Tür. Auf dem Weg in den Flur blickte ich mich noch einmal um. Erschrocken schnappte ich nach Luft. Auf dem Spiegel stand: Dein Verderben.
Dass ich zurücklief und die Worte hektisch wegwischte, brachte mir keine Erleichterung, ich war schockiert. Was immer das für eine Kreatur war, sie mochte mich nicht.
Kann mir darüber jetzt keine Gedanken machen.
Ich rannte aus dem Raum, diesmal drehte ich mich nicht um. Ich würde nicht über das nachdenken, was ich gesehen hatte, über die Veränderung … die Veränderung … nein! Ich würde es nicht zulassen, dass mich eine Panikattacke überfiel. Mr Ankh würde es bemerken und mich daran hindern, an dem Treffen bei Cole teilzunehmen.
Ich überprüfte die Flure. Leer. Gut so. Reeve war vermutlich in ihrem Zimmer. Ich wusste nicht, wo Nana sich aufhielt. Selbst die Haushälterin war nirgends zu sehen. Wie versprochen, wartete der Fahrer vor der Haustür auf mich. Ich rauschte ohne ein Wort an ihm vorbei, ließ mich auf den Rücksitz der dunklen Limousine fallen, schnallte mich an und hielt die Luft an, als er sich hinter das Lenkrad setzte. Er startete den Motor. Fuhr los.
Ich atmete aus.
Unterwegs überprüfte ich den Himmel. Die Kaninchenwolke war immer noch da.
Als mein Handy klingelte, zuckte ich zusammen. Beim Anblick der Nummer verspürte ich gleichzeitig Erleichterung, Dankbarkeit und Unsicherheit. „Justin“, meldete ich mich. „Ich hätte dich längst anrufen sollen. Danke, dass du mir neulich im Kampf geholfen hast. Du hast das eingesteckt, was für mich bestimmt war.“
„Hey, du hattest noch was bei mir gut.“ Dann: „Wie geht es dir, Ali?“ Er sprach leise, als wäre er sich nicht so ganz sicher, ob er wirklich willkommen war.
„Mir ging’s schon mal besser.“
Er seufzte. „Es tut mir leid, tut mir echt leid, dass ich dich gebissen habe. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist. Du warst so nahe und hast so gut gerochen, sauber und clean, und mir lief das Wasser im Mund zusammen. Dieser Drang überfiel mich einfach, das war so übermächtig, so intensiv, ich kam nicht dagegen an.“ Die Worte sprudelten nur so aus ihm heraus, er holte kaum Luft zwischendurch. „Ich wollte nicht dagegen ankämpfen.“
Einiges von dem, was er sagte, ließ mich aufhorchen. Sauberer, reiner Geruch. Nicht dagegen ankämpfen wollen. Unstillbarer Hunger … „Ist seit dieser Nacht noch irgendwas anderes passiert?“
Sein Schweigen in der knisternden Leitung zerrte an meinen dünnen Nerven.
Tja, als würde ich ihm das wirklich verraten. „Das solltest du mir ja sagen“, entgegnete ich und benutzte eine Taktik, die Cole oft bei mir angewandt hatte.
Cole. Ich strich mir mit der Zungenspitze über die Zähne.
Ich musste aufhören, ständig an ihn zu denken.
„Um ehrlich zu sein, es war alles normal bei mir“, sagte Justin. „Nichts ist passiert. Jedenfalls bei mir nicht“, fügte er hinzu. „Aber ich nehme an, bei dir ist was vorgefallen.“
Die Reifen quietschten, als der Wagen abbremste. Ich warf einen Blick aus dem Fenster und stellte fest, dass wir unser Ziel erreicht hatten. So schnell?
„Ich muss Schluss machen“, sagte ich.
„Willst du nicht darüber reden?“
„Ich habe jetzt keine Zeit.“ Und nein, will ich nicht.
Wieder kurzes Schweigen. „Wir sprechen doch noch mal miteinander, oder?“, erkundigte er sich zögernd.
„Ja, ich denke schon.“
Ich beendete das Telefonat und stieg aus dem Wagen in die kühle Abendluft. Die Sonne würde bald verschwunden sein und der Mond dann voll und goldgelb am Himmel hängen. Auch wenn es noch nicht richtig dunkel war, brannten auf dem Weg zur Scheune bereits kleine Halogenleuchten. So sollten sich irgendwelche Zombies nicht ermutigt fühlen, näher zu kommen.
Ich tippte den Code in das ID-Pad an der Tür. Vor unserer Trennung hatte Cole sich erweichen lassen, mir den „Schlüssel“ zu geben für den Fall, dass ich ohne ihn herkam. Ich schob das Tor auf und stellte fest, dass das Meeting bereits in vollem Gange war. In die Mitte des Boxrings hatten sie einen Sessel gestellt, auf dem Cole nun thronte.
Veronica saß auf seinem Schoß.
Er hatte einen Arm um ihre Taille gelegt.
Das Mädchen lehnte sich entspannt an ihn, wirkte völlig ungezwungen und schien sich nicht zu fragen, ob es willkommen war oder nicht.
Cole sah ziemlich zerzaust aus, aber ebenfalls sehr relaxt, als hätten sie es miteinander getrieben, bevor sie hergekommen waren, und als wäre er vollkommen happy.
Diese Details trafen mich wie Gewehrpatronen, eins nach dem anderen, schnell und zielsicher. Er hatte mich immer gern berührt. Mein Haar durch seine Finger gleiten lassen. Mit den Fingerknöcheln leicht über mein Kinn gestrichen. Mich fest an seinen gestählten Körper gezogen und mich geküsst. Zu sehen, wie er das mit einer anderen tat …
Schmerz? Ja, es tat weh. Das Gefühl, betrogen zu werden? Eifersucht? Ja, alles das spürte ich. Es haute mich dermaßen um, dass ich befürchtete, mich nicht länger auf den Beinen halten zu können – oder fern vom Ring. Im tiefsten Innern hatte ich wohl gehofft, dass er irgendwann zu mir zurückgekrochen käme, egal, was ich zu ihm gesagt hatte. Egal, was ich meinen Freundinnen erzählt hatte. Aber das würde er nicht tun, was? Es war aus, genauso, wie er gesagt hatte, was ich ja bereits akzeptiert hatte. Nur, dass es schon eine Neue gab.
Atmen. Einfach atmen.
Ich würde jetzt nicht ausflippen.
Ich war gekommen, um einen Job zu erledigen, also würde ich das auch tun.
Ich konzentrierte mich auf die anderen. Der Rest der Crew lehnte in den Seilen. Frosty, Bronx, Mackenzie, Derek, Trina, Lucas, Collins, Cruz und Gavin. Alle mit gestählten Körpern, in Schwarz und bereit, in Aktion zu treten. Niemanden schien es zu stören, dass Cole – der Typ, der noch vor Kurzem mit mir zusammen war – mich schon vergessen hatte.
Okay, ich hatte mich nicht wirklich auf die anderen konzentriert.
Zur gefährlichen Mischung aus Emotionen gesellte sich flammende Wut, die mich entzündete. Das war nicht richtig. Das war nicht fair. Wie konnte er mir das antun? Versuchte er mich für die Visionen zu bestrafen, die ich nicht zu kontrollieren in der Lage war? Visionen, deren Verwirklichung ich auf jeden Fall verhindern würde?
Nein, das hatte nichts mit mir zu tun, es war keine Strafe. Er hatte nicht gewusst, dass ich hier auftauchen würde. Das war sein Ding. Er wollte eben dieses Mädchen auf seinem Schoß haben.
Ich ballte die Hände zu Fäusten. In Bezug auf seine Ehrlichkeit hatte ich mich getäuscht. Er hatte mich belogen.
Ich erinnerte mich noch genau, was er zu mir gesagt hatte.
„Willst du denn was von Veronica?“
„Nein. Nicht mal ein bisschen.“
Lügner, hätte ich am liebsten geschrien.
Wie leicht es wäre, einfach in den Ring zu steigen, meine Zähne in seinen Geist zu schlagen und …
In seinen Geist?
Ach du lieber Himmel. Dachte ich jetzt schon wie ein Zombie?
Ich hob das Kinn und drückte die Schultern durch. Lieber würde ich sterben.
Nun versuchte ich wirklich, mich zu konzentrieren.
„… und jedes Detail dokumentieren“, sagte Cole gerade. „Ich will nicht nur hören, dass ihr die Nacht überlebt oder Zombies oder keine gesehen habt. Ohne Scherz, ich will alles wissen. Schriftlich. Von allen. Nicht einen Bericht von der Patrouille, sondern von jedem der beiden einen, und zwar von ihm selbst geschrieben. Nach dem, was mit Justin und Ali passiert ist, bin ich in Informationssammellaune.“ Licht und Schatten flackerten über sein Gesicht und ließen ihn fast unheimlich aussehen. „Verstanden?“
Er sah sich in der Gruppe um, alle redeten durcheinander. Als sein Blick auf mich fiel, wandte er sich schnell ab. Schuldgefühle blitzten kurz in seinen Augen auf, dann zeigte er wieder die kühle, gefühllose Maske. Er stand auf, sodass Veronica gezwungen war, ebenfalls aufzustehen, und ließ die Arme zu beiden Seiten herunterhängen. Sie blieb dicht bei ihm stehen und runzelte die Stirn, als sie mich entdeckte.
Ich hielt den Blick weiter auf Cole gerichtet, ohne eine Vision zu erwarten, auch wenn ich mir eine wünschte – nein, ich wünschte mir keine, sollte mir keine wünschen, aber …
Es passierte nichts.
Die Enttäuschung schoss wie harter, geschliffener Stahl durch meinen Körper und schien mich von innen zu zerschneiden.
Cole räusperte sich. Er fühlte sich sichtlich unwohl.
Zeig ihm keine Reaktion.
Er wandte den Blick ab. „Von jetzt an“, sagte er nun schärfer und unnachgiebiger, „müsst ihr eurem Partner das Antiserum so bald wie möglich spritzen, wenn der gebissen wird. Wartet nicht, bis der Kampf vorüber ist. Und falls euer Partner euch beißt, versucht es nicht vor uns zu verheimlichen. Wir werden ihn nicht zur Rechenschaft ziehen.“
„Oder sie!“, rief Mackenzie und bleckte die Zähne.
„He, da gibst du ja den Mädchen praktisch die Erlaubnis, überall und jederzeit mal ein bisschen an uns zu knabbern“, entgegnete Frosty. „Ich hab so schon genug damit zu tun, sie mir vom Leib zu halten.“
Alle lachten.
Ich brachte nicht mal ein Lächeln zustande.
„Ihr wisst, mit welchem Partner ihr losgeht“, sagte Cole, „und wofür ihr eingeteilt seid. Macht euch an die Arbeit und bereitet alles vor.“
Die Gruppe zerstreute sich. Einige der Kids würden auf der Straße patrouillieren und Zombies jagen. Andere würden nach Hause gehen und sich ausruhen oder Schulaufgaben nachholen. Manche würden hierbleiben, um die Körper der Zombiejäger zu bewachen und sich für den Notfall bereitzuhalten.
Veronica stellte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte Cole etwas ins Ohr.
Wieder machte sich diese Wut in mir breit, aber ich brachte es fertig, ruhig in den Ring hochzusteigen und zu sagen: „Was ist mit mir?“
Alle Augen richteten sich plötzlich auf mich.
„Ali Bo Bali“, sagte Frosty, kam zu mir hoch und legte mir die Arme um die Schultern. „Wir haben nicht mit dir gerechnet.“
Ich wusste die demonstrative Unterstützung zu schätzen.
„Was soll mit dir sein?“, erwiderte Cole nach kurzem Zögern.
Standfest bleiben. „Ich will auch eingeteilt werden.“
Unter seinem Auge zuckte ein Muskel, als er auf mich zukam. „Nach dem, was heute passiert ist? Nein.“
„Was ist denn heute passiert?“, wollte Veronica wissen. Sie kam ebenfalls näher und legte ihren Kopf an seine Schulter. Ging es ihr darum, Ansprüche anzumelden? Das Messer noch tiefer stoßen?
Wenn irgendjemand ihr von mir erzählt hatte …
Cole machte sich von ihr los und massierte sich den Nacken, eine alte Gewohnheit von ihm. Im Moment fühlte er sich unwohl. Er war ziemlich durcheinander.
Gut so.
„Du bist verletzt“, sagte er.
„Ich bin geheilt. Außerdem haben andere auch gekämpft, obwohl sie Verletzungen hatten, und du hast dich nicht beschwert.“
„Die hatten mehr Training. Und warum sind deine Handgelenke bandagiert?“
Er hatte es trotz der langen Ärmel bemerkt?
Während ich versuchte, das plötzliche Zittern zu unterdrücken, wickelte ich die Bandagen ab. Die Haut darunter war stärker gerötet als vorher und angeschwollen, doch die Farben sahen schön aus.
Veronica lehnte sich vor und zuckte mit den Schultern. „Versteh mich nicht falsch, aber die sind zu groß für deine Knochenstruktur.“
Gab es eine Möglichkeit, das anders zu verstehen? Ich wusste, dass die Tattoos cool waren und auch genau die richtige Größe für mich hatten.
Ich würde ihr nicht die Genugtuung geben, mich dazu zu äußern.
Nein, das stimmte nicht. Ich wollte was sagen. „Versteh mich nicht falsch, aber ich bin kurz davor, deine Knochenstruktur ein bisschen zu verändern.“
Sie blinzelte mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. „Ich bin nur nett zu dir, und du willst mich anmachen?“
Das war nett?
„Ich finde, die Tattoos sind perfekt.“ Cole stellte sich zwischen uns. Mit leicht zusammengekniffenen Augen musterte er mich eingehend, verweilte an einigen Stellen.
Ich musste mich zusammenreißen, um nicht zu erschauern.
„Tattoos. Neue Frisur. Anderes Make-up. Ist mir vorhin gar nicht aufgefallen. Da warst du zu nass. Jetzt sehe ich’s.“
„Nass?“, presste Veronica hervor? „Wie, nass?“
Cole sah sie finster an und schob sie Richtung Seil. „Geh jetzt.“
Ich wünschte irgendwie, der Boden würde sich auftun und mich verschlucken.
Sie warf mir verwirrt einen Blick über die Schulter zu, tat aber, wie ihr befohlen worden war, und ließ uns allein.
Zurück zum Thema. Hatte er ein Problem mit meinem Umstyling? „Willst du damit sagen, ich bin Augenbrokkoli?“
Frosty lachte bellend. „Woher haben die Mädels denn so was, Mann?“
„Ich bin mir nicht sicher, was du mit Augenbrokkoli meinst“, sagte Cole, „dass du scheiße aussiehst und ich keinen Appetit auf dich haben sollte? Oder dass du eine Vitaminbombe bist und von mir gefressen werden willst?“
Töte mich.
Bitte.
„Dass ich scheiße aussehe“, sagte ich und biss die Zähne zusammen.
„Stimmt aber nicht. War auch nie der Fall.“ Cole nahm meine Handgelenke und strich vorsichtig mit den Daumen über die Tattoos. Als ihm klar wurde, was er da tat, runzelte er die Stirn und ließ die Arme wieder sinken. „Also. Erzähl. Warum diese Veränderungen?“
Veränderungen.
Das V-Wort überschattete all die Freude, die ich wegen des Kompliments empfunden haben mochte … wegen seiner Berührung. Was würde sich heute Nacht verändern? Morgen?
Beide Herzen fingen an, schneller zu pochen, meine Nasenhöhlen schienen mit Watte vollgestopft zu sein.
„Ganz ruhig jetzt“, sagte Frosty.
Cole umfasste meine Wangen. „Atmen, Ali. Einfach atmen. Ein und aus. Gutes Mädchen.“
Kaum hatte ich mich wieder beruhigt, wand ich mich aus Coles Berührung und schüttelte Frostys Hände ab. Fürchterliches Schamgefühl überkam mich. Ich durfte es nicht zulassen, dass ich mich immer auf diese Typen verließ.
„Was war das eben?“, fragte Cole scharf.
„Um deine andere Frage zu beantworten“, sagte ich gepresst, „ich habe mich halt ein bisschen gestylt. Ich wollte heiß in der Nacht aussehen, in der meine Vision mit Gavin wahr wird.“
Volltreffer. Cole zuckte zusammen, wurde sogar blass.
„Ich fand dich schon vorher heiß“, sagte er und blickte mir tief in die Augen. „Was immer du von mir denkst, was auch immer zwischen uns vorgefallen ist, das stand nie außer Zweifel.“
Schöne Worte, mehr nicht. Trotzdem knisterte die Luft vor Spannung, so wie früher, lud sich elektrisch auf. Alle Nervenbahnen in meinem Körper waren in Alarmbereitschaft, schienen bereit für … keine Ahnung. Eine weitere visuelle Liebkosung. Eine Hand auf meiner Schulter. Eine Berührung seines Knies. Irgendwas.
Er trat ein paar Schritte zurück und die Ladung verpuffte. Ich roch aber immer noch seinen Duft, Seife und irgendetwas Waldiges, einen Hauch des Tieres, das er manchmal sein konnte. Rau, wild, ungezähmt. Darunter verbarg sich der Duft von Rosen … Veronicas Parfüm.
Vielleicht sollte ich beide Geister zusammen verspeisen.
„Hast du das wirklich alles für Gavin gemacht?“
Seine Stimme klang gelangweilt. Als würde es ihn gar nicht interessieren.
Als hätte es ihn niemals interessiert.
„Ich habe es für mich gemacht“, sagte ich und beließ es dabei. Ich würde ihm nicht zeigen, wie sehr er mir wehgetan hatte.
Er nickte, seine Anspannung wich langsam.
Anspannung? Das hatte ich gar nicht bemerkt. Ich fragte mich, was ihn beruhigt hatte, denn meine Antwort konnte es wohl kaum gewesen sein. Ich war ihm egal, schon vergessen? „Wo bin ich eingeteilt?“
„Du bist heute für die Patrouille vorgesehen. Sonntag ruhst du dich aus. Montag bleibst du hier in der Halle, für den Fall, dass du gebraucht wirst. Dienstag wieder Patrouille. Mach dich für zehn bereit.“ Damit drehte er sich um und ging in den Umkleideraum.
Ich blieb stehen, wo ich war, und versuchte meinen inneren Aufruhr in den Griff zu bekommen.
Veronica hielt sich im Hintergrund auf und beobachtete mich.
Ich warf ihr einen finsteren Blick zu, eine Warnung, mir ja nicht zu nahe zu kommen. Es stand völlig außer Frage, dass sie in mein Territorium eingedrungen war und Cole zurückgewinnen wollte, so oder so. Okay, sie hatte es geschafft, und anscheinend war es nicht mal richtig harte Arbeit gewesen.
„Genieße ihn, solange es hält“, rief ich ihr zu. „Offensichtlich hat er ein Beziehungs-ADS.“
Sie wandte sich ab, ich sah dennoch ihre geröteten Wangen.
Sie wurde rot. Warum?
Frosty räusperte sich, um meine volle Aufmerksamkeit zu fordern. „Ich unterbreche dich ungern, wenn du die Muskeln spielen lässt, aber du musst mit Reeve reden. Sag ihr, sie soll wen auch immer sie gerade trifft wieder abservieren. Falls das weitergeht, könnte es passieren, dass Bronx überschnappt und dem Typen was antut.“
„Woher weißt du denn von Reeves neuem Freund Ethan?“ Ich hielt nach Bronx Ausschau.
Der hämmerte mit solcher Wucht auf einen Sandsack ein, dass ich fürchtete, seine Fingerknöchel würden brechen. Sein dunkles Haar mit den blauen Strähnen war verschwitzt und klebte ihm am Kopf. Schweiß tropfte von seinen Schläfen auf die nackten Schultern und lief an ihm hinunter. Wäre ich noch mit Cole zusammen gewesen, hätte ich diese Tropfen nicht so fasziniert verfolgt.
Glückliche Reeve.
Armer Ethan.
Frosty tätschelte mir den Kopf. „Was bist du nicht süß. Als wenn du die Antwort auf deine Frage nicht schon wüsstest.“
Richtig. Kat. „Vergiss Reeve. Ihr Leben, ihre Entscheidung. Du hast ein Problem damit, dass Kat Selbstverteidigung trainieren will und ich versprochen habe, sie zu unterrichten. Ich weiß, dass sie dich gern dabeihätte.“ Eingedenk meines neuen merkwürdigen … Drangs wäre es besser, er bliebe immer in der Nähe.
Die Richtung, die das Gespräch nahm, gefiel ihm nicht. Unbehaglich verlagerte er das Gewicht von einem Bein aufs andere.
„Nicht möglich. Und du wirst ihr sagen, du hättest deine Meinung geändert.“
„Machst du Witze? Das werde ich nicht tun.“
„Es ist nicht so, dass sie nicht trainieren sollte. Ich will nur, dass sie sich besser vorbereitet, sonst könntest du ihr wehtun. Ich würde ihr ganz bestimmt wehtun.“
„Cole hat mir nicht wehgetan, und ich werde beim Training viel vorsichtiger sein als er. Und du auch. Ich hab dich mit ihr zusammen gesehen.“
Das brachte mir ein weiteres Kopftätscheln ein. „Cole hat dich verschont, du Glückskeks. Und ich bin der schlechteste Lehrer, den die Zombiejäger jemals erlebt haben. Frag ihn. Ich bin zu ungeduldig, wenn was nicht klappt. Das würde Kat nur verletzen.“
Seine erste Bemerkung war bei mir hängen geblieben. „Cole hat mich nicht verschont.“
Er schnalzte mit der Zunge. „Hübsch, aber verblendet. Eine explosive Mischung. Kein Wunder, dass die Jungs alle scharf auf dich sind.“
Wohl kaum. „Ich bin nahe daran, dir deine Nase zu ruinieren, Frosty.“
Er lachte. „Im Gegensatz zu Cole teile ich auch aus, was ich einstecke. Vergiss nicht, was ich dir wegen Reeve gesagt habe.“ Damit machte er sich auf den Weg.
Schön wär’s! „Wer patrouilliert denn heute?“
Frosty grinste über die Schulter zurück. „Zwei Patrouillen gehen raus. Gavin und Mackenzie und Cole und Lucas. Willst du raten, bei welcher du landest?“