25. KAPITEL

Wer hat die vergifteten Törtchen gestohlen?

Sie schleppten meinen Geist zu meinem Körper. Das Metallband wurde mir von einem Overall abgenommen, während andere dafür sorgten, dass meine Körperhülle sich mit meinem Geist vereinte. Wieder im Normalzustand, trat ich sofort in Aktion, entschlossen, diese Leute mit aller Kraft zu bekämpfen. Einige der Overalls waren nicht in Geistform und einer von ihnen schaffte es, mir eine Faust an die Schläfe zu rammen.

Schwindlig …

Langsamer …

Ich kämpfte weiter.

Dann spürte ich einen Luftzug, kurz darauf einen scharfen Einstich in meinem Arm. Blind tastete ich nach der Stelle und zog einen kleinen Pfeil heraus.

Das Schwindelgefühl nahm zu. Eine Droge? Ich schwankte, hatte das Gefühl, meine Knochen würden sich verflüssigen, meine Knie knickten ein. Als ich zu Boden sackte, wurde ich unsanft wieder hochgerissen. Man fesselte mir die Hände auf dem Rücken und ich konnte nichts dagegen tun. Sie stülpten mir eine schwarze Kapuze über den Kopf und schleiften mich in ein Auto. Wir fuhren etliche Kilometer. Mein Zeitgefühl war durcheinandergeraten. Es gab nur das Hier und Jetzt, Dunkelheit und aufsteigende Panik. Wo war Kat? Reeve?

Ich horchte auf irgendwelche Bewegungen oder ein Weinen, hörte jedoch nur die nassen Reifen auf dem Asphalt, vorbeizischende Autos und leise Stimmen aus dem Radio.

Bleib ruhig.

Das war leicht gedacht, aber schwierig durchzuführen. Ich wurde von Schauern geschüttelt und auf meiner Haut bildeten sich Schweißperlen. Das Blut in meinen Venen fühlte sich an wie eine gefährliche Mischung aus zu heiß und zu kalt.

Nachdem der Wagen angehalten hatte, wurde ich mit der netten Unterstützung von zwei Bewachern herausgezogen. Wir stiegen Stufen aufwärts und betraten einen warmen Raum. Ein beheiztes Haus? Ich hörte Schritte. Ein leises Pling. Wir standen, um mich herum drängten sich Leute. Waren wir in einem … Fahrstuhl?

Wieder ein Pling. Ich wurde erneut vorwärtsgezogen. Wir blieben mehrere Male stehen und ich konnte mir vorstellen, dass meine Umgebung um einiges schlimmer als grausam sein würde. Ein Verlies, so wie Mr Ankhs Keller. Eine Folterkammer mit Wänden voller Waffen, die es damals im Mittelalter gegeben hatte.

Wir betraten einen Raum und ein Schwall Geräusche schlug mir entgegen. Stöhnen, Ächzen, schepperndes Metall.

Andere Gefangene?

Du musst hier raus. Tu was! Ich nahm alle mir verbliebenen Kräfte zusammen, um mich loszureißen, schaffte es, einem meiner Schlepper mit dem Kopf einen harten Schlag zu verpassen, dem zweiten die Füße wegzuschlagen. Wir stolperten zu Boden. Bevor ich losrennen konnte, packte mich jemand von hinten am Hemd und zog mich hoch. Die Fesseln wurden von meinen Handgelenken gelöst und ich bekam einen Stoß und fiel auf Hände und Knie. Dabei glaubte ich zu hören, wie Kat und Reeve aufkeuchten. Scharniere quietschten, eine Tür wurde zugeschlagen. Zitternd riss ich mir die Kapuze vom Kopf und blinzelte, denn das grelle Licht im Raum stach mir in die Augen.

Wir befanden uns in einem Labor. Auf Tischen standen Computer und andere Geräte, die ich nicht identifizieren konnte. Eine Handvoll Leute in Laborkitteln. Es gab noch mehr Käfige, darin eingeschlossen wilde Zombies mit Metallhalsbändern.

Eingeschlossen – so wie ich.

Im Käfig nebenan sah ich ein Mädchen, von dem ich gedacht hatte, es sei tot. Jaclyn Silverstone.

Sie sah abgemagert aus und schmutzig, mit verfilztem Haar, und lag auf einem Feldbett. Aber sie lebte, und in diesem Moment war sie nicht mehr meine Feindin, sondern wurde zu meiner besten Verbündeten.

„Sie dürfen nicht mit uns reden oder uns auch nur ansehen“, sagte sie leise. „Mr K befürchtet, dass sie sonst Mitleid mit uns bekommen und uns freilassen.“

Kaum hatte ich das Entsetzliche dieser Situation begriffen, stieg rasende Wut in mir auf, und ich rappelte mich hoch. Ich musste mich vergewissern, dass es stimmte, was sie sagte, warf mich gegen die Gitterstäbe, rüttelte am Käfig. „Lasst uns raus!“

Wie Jaclyn gesagt hatte, reagierte niemand darauf.

„Hey!“, rief Kat und trat neben mich. Ihre Stimme zitterte leicht. „Sie redet mit euch! Ihr solltet besser hinhören, sonst könntet ihr’s noch bereuen!“

Wieder wurden wir ignoriert.

Hinter mir war ein Schluchzen zu hören. Ich drehte mich um. Reeve stand in der Mitte des Käfigs, Tränen rollten ihr über die Wangen und hinterließen schmale pinkfarbene Spuren.

„Er hat mich betrogen“, sagte sie schniefend. „Das ist meine Schuld. Ich habe mit ihm gesprochen, ihm alles erzählt, was ich entdeckt habe. Ich habe einfach … Ich hätte nie gedacht, dass er wusste, was los ist. Er hat mich immer gedrängt, damit ich ihm neue Informationen beschaffe. Er hat mich benutzt. Mich benutzt!“

Kat ging schnell zu ihr.

Ich warf den Laborkitteln einen letzten Blick zu – niemand sah mich an –, bevor ich zu meinen Freundinnen hinüberging. Reeve war am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Die Anzeichen kannte ich.

„Du konntest doch nichts von seinen Plänen ahnen“, versuchte ich sie zu beruhigen. Als ich jedoch darüber nachdachte, wurde mir klar, dass es nicht stimmte. Sie hätte sehr wohl Verdacht schöpfen können – hätte ich sie über das, was los war, aufgeklärt, als sie mich das erste Mal gefragt hatte. „Dein Vater hat überall Überwachungskameras installiert. Er wird sehen, was im Wald passiert ist. Er findet uns.“

Das sollte er jedenfalls besser tun.

Kat biss sich auf die Unterlippe. „Es tut mir so leid, Ali. Aber Ethan hat uns geholfen, die Kameras außer Funktion zu setzen. Er meinte, er will nicht, dass uns jemand sieht, wenn wir dich retten.“

Die größte Hoffnung, die ich gehabt hatte, starb einen schnellen Tod. Ich rieb mir den Nasenrücken. Das war übel. Richtig, richtig übel.

Doch drei kleine Hoffnungsschimmer blieben noch. Der erste war Emma. Sie konnte Cole gewarnt haben. Der zweite war die Nachricht, die ich ihm hinterlassen hatte. Der dritte – Justin. Er würde wahrscheinlich wissen, was mit uns passiert war, aber stand er tatsächlich auf unserer Seite?

Ich versuchte meine Gefühle so gut es ging zu unterdrücken und scheuchte die beiden Mädchen zum hinteren Ende des Käfigs mit dem kalten Betonboden.

„Was sollen wir machen?“, fragte Reeve leise.

„Ja, Ali, was machen wir?“

Von Kats üblicher Tapferkeit war nichts zu spüren.

„Im Moment werden wir uns erst mal ausruhen“, sagte ich und versuchte zu lächeln. Ich warf einen Blick zu Jaclyn hinüber. „Ich überlege mir was. Versprochen.“

Stunde um Stunde verging quälend langsam. Ich rief nach Emma, aber sie erschien nicht. Ich betrachtete meine Umgebung genau, prägte mir jedes Detail ein. Dieselben Lichtspuren, die ich im Wald entdeckt hatte, als ich dem Spion begegnet war, befanden sich überall auf dem Boden und an den Wänden. Zombiegift vielleicht?

Eine Kamera war in der rechten oberen Ecke unseres Käfigs installiert und nahm jede Bewegung auf, vermutlich auch alles, was wir sagten.

Es gab keine Betten, keine Decken für uns, keine Toilette. Langsam, aber sicher verminderte sich im Lauf des Tages die Anzahl der Laborkittel im Raum, bis nur noch zwei Leute übrig waren. Die anderen würden natürlich zurückkommen. Das war mir klar.

Ich stellte mich an die Gitterstäbe, die mich von Jaclyns Käfig trennten. Von Nahem konnte ich sehen, wie eingefallen ihre Wangen waren.

„Wie lange bist du schon hier?“, fragte ich sie.

„Gut einen Monat, glaube ich. Ich habe kein Zeitempfinden mehr.“

„Wir dachten, du wärst tot.“

„Nur in meinen schönsten Träumen.“ Sie zuckte mit den Schultern, eine schwache Bewegung. „Mr K wollte Justin unter Kontrolle bekommen, ihn zwingen, zu Coles Gruppe zurückzugehen … zu dir. Wenn er ihm gesagt hätte, dass ich eingesperrt bin, hätte er riskiert, dass Justin nach mir sucht. Deshalb hat er meinem Bruder erzählt, ich sei tot.“

Mr K. Der Mann, der hier die Show veranstaltete. Ms Wrights Nachfolger. Der Mann, dessen Tochter krank war – das Mädchen, dem ich irgendwie helfen sollte.

„Ich habe versucht zu fliehen“, fuhr Jaclyn fort. „Ich glaube, aus dem Grund geben sie mir nicht genug zu essen. Damit ich schwach bin und keine Energie mehr habe.“

Gute Strategie. Ich war so müde, dass mir meine Glieder bleischwer vorkamen, und meine Augenlider schienen aus Sandpapier zu bestehen. Es tat jedes Mal weh beim Blinzeln. Ich darf nicht einschlafen. Es könnte sich eine Möglichkeit ergeben, etwas, irgendwas zu unternehmen.

„Es werden Leute hergebracht, doch sie verlassen den Raum nicht mehr“, berichtete Jaclyn. „Mr K experimentiert mit Krebspatienten. Ich glaube, er versucht sie zu heilen, er ist jedenfalls immer wütend, wenn sie sterben, aber er steckt es einfach weg. Die Zombies, die du hier siehst, sind ehemalige Patienten.“

Er hatte Krebskranke zu einer Armee von Zombies gemacht? Dieser Mann war ernsthaft aus dem Gleis geraten.

„Was für Sicherheitsmaßnahmen hat er?“, wollte ich wissen.

„Draußen vor der Tür sind immer Wachen, die uns auf einem Monitor beobachten. Ich weiß nicht, wie viele. Und sie haben alles mit einer Art Blutlinie präpariert, sogar die Gitterstäbe, sodass kein Geist hinauskommt, um womöglich Zombiejäger zu alarmieren.“

Kein Wunder, dass Emma sich nicht meldete.

Ein weiterer Hoffnungsschimmer verblasste.

Um sieben Uhr achtundfünfzig wurde die Tür am anderen Ende des Raums geöffnet und der Typ aus dem Wald kam grinsend herein. Zwei kräftige, bewaffnete Männer flankierten ihn, die Gruppe kam auf unseren Käfig zu. Kat und Reeve lagen zusammengekuschelt in einer Ecke, ihre Augen geschlossen, sie atmeten gleichmäßig. Das Adrenalin in ihrem Blut war jetzt sicher abgebaut und Erschöpfung hatte sie übermannt.

„Du kommst mit uns, Ali Bell.“

Jaclyn streckte einen Arm durch die Gitterstäbe und drückte meine Hand. „Es wird wehtun“, warnte sie mich. „Tut mir leid.“

Metall schepperte gegen Metall, als die Käfigtür geöffnet wurde. Die bewaffneten Männer kamen hereingestampft. Mein Herz hämmerte im Rhythmus ihrer aggressiven Schritte. Ich wollte meine Freundinnen nicht verlassen und schlug zu. Meine Faust traf die Nase des Typen links von mir. Blut spritzte und er heulte auf. Bevor ich das Gleiche mit dem anderen tun konnte, hatte der sich meinen Arm geschnappt und ihn nach hinten gerissen. Schmerz schoss durch meine Schulter.

Handschellen wurden mir angelegt, und sie schoben mich aus dem Käfig. So. Einfach.

„He! Was machen Sie da! Lassen Sie Ali los!“, schrie Kat, die bei dem Aufruhr aufgewacht war.

Auch die Zombies kamen jetzt in Bewegung, grunzten und stöhnten und scharrten mit den Füßen.

Hungrig …

Nahrung …

Bald …

Jetzt …

Als das Geflüster mich erreichte, begann ich zu zittern. Sie führten mich in einen anderen Raum. Dort befand sich ein Sessel, der vielleicht in einer Zahnarztpraxis stehen könnte, daneben ein gepolsterter Stuhl, ein Tisch mit verschiedenen Skalpellen und Spritzen darauf und eine Maschine, die mich an einen Automotor erinnerte.

Ich versuchte mich zu wehren, als ich auf dem Sessel festgeschnallt wurde.

„Beruhige dich, Ali Bell“, sagte der Mann aus dem Wald. „Wir werden uns jetzt mal unterhalten, du und ich.“

„Fick dich!“

Er tat so, als hätte er das nicht gehört. „Ich heiße Kelly Hamilton. Normalerweise verrate ich meinen Namen nicht – ich bevorzuge es, als Mr K anonym zu bleiben –, aber du und ich, wir werden eine engere Beziehung eingehen, als ich sie mit den meisten pflege. Du, meine Liebe, darfst mich Kelly nennen.“

Hamilton. So wie Ethan Hamilton. Kelly musste sein Vater sein.

Ein noch größerer Betrug, als mir klar gewesen war.

Und, du lieber Himmel, es war nicht vorgesehen, dass ich dieses Labor jemals wieder verließ, oder? Deshalb hatte er kein Problem damit, mir seinen Namen zu verraten, seine Verbindung zu Ethan preiszugeben. Das hatte nichts mit einer engeren Beziehung zu tun.

Er setzte sich in den gepolsterten Stuhl und zog sich ein Paar Latexhandschuhe über. „Ich muss zugeben, es war gar nicht so einfach, dich zu finden. Gerade, als ich beschlossen hatte, dass du uns helfen sollst, bist du verschwunden.“

„Aus gutem Grund.“

„Der da wäre?“

„Ich bin gefährlich.“ Das solltest du besser glauben, du Mistkerl.

„Ja, ja. Ich habe gehört, dass du ein paar Zombieeigenschaften entwickelt hast. Die Tatsache, dass du immer noch am Leben und völlig gesund und bei Kräften bist, hat mich sehr fasziniert.“

Ich bleckte die Zähne. „Wenn Sie nicht vorsichtig sind, können Sie diese Eigenschaften aus erster Hand kennenlernen.“

Er tätschelte mir die Schulter. „Ich weiß, dass du Angst hast, und das tut mir leid. Aber du kannst ganz beruhigt sein, das, was hier drinnen passiert, ist für eine sehr gute Sache. Meine Tochter liegt im Sterben, Ali Bell. Und ich muss ein Medikament für sie finden.“

Ethans Schwester. Leukämie. „Wie genau glauben Sie denn, ihr helfen zu können?“

„Wenn ihr Zombiejäger sie nicht mit dem weißen Feuer zerstört, können diese Wesen ewig leben. Meine Hoffnung ist, diese Fähigkeit der Zombies auf den Menschen zu übertragen.“

„Das ist doch lächerlich! Die Untoten leben auf ihre Art, aber sie verwesen dabei.“

„Und selbst das an sich ist ein Wunder, Ali Bell. Denk nur an die vielen Möglichkeiten. Wenn wir herausfinden, wie und warum, wie der Vorgang der Zersetzung funktioniert, dann wissen wir auch, wie wir diese Nebenwirkung eliminieren können, und retten die Menschheit vor dem Tod.“

„Zombies sind tot, im wahrsten Sinne des Wortes. Und sie bringen Menschen um.“

„Ein niedriger Preis für das ewige Leben.“ Er nahm eine leere Spritze vom Tisch und wedelte damit vor meinen Augen, um meine volle Aufmerksamkeit zu erhalten. „Denk nur einmal. Dein Beitrag in diesem Labor wird unzählige Leben retten.“

Vielleicht. Eines Tages. Aber was war mit den unzähligen Leben, die dabei draufgingen?

Er wollte seine Tochter retten. Das hatte ich kapiert. Wirklich. Ich würde Nana, Cole, Kat und alle meine Freundinnen ebenso retten wollen, wenn die Situation umgekehrt wäre. Ich hätte verzweifelt versucht, ihnen zu helfen – tatsächlich war das schon jetzt der Fall. Es war entsetzlich, zuzusehen, wie Kat immer schwächer wurde, doch dies war nicht der richtige Weg.

„Sie lieben Ihre Tochter“, sagte ich. „Und ich bin überzeugt, dass sie Sie auch liebt, aber sind Sie sicher, dass sie das hier will? Will sie, dass Sie so etwas tun? Menschen opfern, um ihr zu helfen?“

Er presste die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen. „Das wird jetzt piksen, ich bin so vorsichtig wie möglich.“ Er legte mir eine Aderpresse um meinen Oberarm und stach mit der Nadel in die weiche Haut meiner Armbeuge.

Ich zuckte zusammen, beobachtete, wie die rote Flüssigkeit die Spritzenampulle füllte.

„Wir werden herausfinden, warum dein Körper das Zombiegift aufgenommen hat und trotzdem ohne Verwesungserscheinungen weiter funktioniert.“ Er nahm die Aderpresse ab und klebte mir ein Pflaster auf die Einstichwunde.

Er ist zu entschlossen. Du kannst nicht vernünftig mit ihm reden. Du musst versuchen, Schadensbegrenzung zu betreiben. „Dafür brauchen Sie doch die anderen Mädchen nicht. Lassen Sie die beiden frei. Sie haben nichts mit diesem Krieg zu tun.“

„Deine Sorge um sie ist bewunderungswürdig, allerdings vergeblich. Wir wollen dich gefügig halten und sie sind unsere Rückversicherung.“

Ich wusste, dass Kat und Reeve nicht nur das waren. Sie waren Zeuginnen.

Ich musste sie hier rausbekommen.

„Ich verspreche, gefügig zu sein, wenn Sie die beiden freilassen.“

„Das wirst du sowieso sein. Bist du vielleicht ein bisschen übermütig geworden?“, fragte er. „Falls ja, ich habe da ein Rezept für harte Nüsse wie dich.“

Ich hätte direkte Bösartigkeit vorgezogen, anstelle seiner schmierig freundlichen Art.

„Na gut. Machen wir weiter. Was jetzt kommt, wird wesentlich schmerzhafter für dich sein, das tut mir sehr leid. Ich muss jedoch wissen, wie viel du ertragen kannst … und wo die Grenzen sind. Deine Stärken und Schwächen sozusagen. Ich muss erfahren, was mit dem Zombiegift passiert, wenn dein Körper unter enormer Belastung steht.“ Er hielt eine weitere Spritze in der Hand. Diesmal schwappte grüne Flüssigkeit in der Ampulle.

Meine Fesseln strafften sich, als ich mich zu befreien versuchte. „Was ist das?“, wollte ich wissen, ich konnte nicht verhindern, dass ich zitterte.

„Ein Adrenalinisotop und noch einige gute Zutaten, mit denen sich in deinem Körper diese enorme Stresssituation einstellt, von der ich sprach. Ich hoffe, dass du dich schnell wieder davon erholst und die Chemikalie sich verflüchtigt, ohne dass ein Schaden entsteht.“

Ich war nicht in der Lage, zu fliehen oder mich zu wehren, als er die Nadel in meinen Arm stieß und mir das Feuer injizierte. Geschmolzene Lava breitete sich in mir aus, verbrannte mich von innen, schien meine Organe zu schmelzen. Der Schweiß brach mir aus den Poren. Vielleicht war es auch Blut. Ich konnte nichts mehr sehen – vor meinen Augen verschwamm alles. Muskeln, von denen ich nicht geahnt hatte, dass es sie gab, zuckten schmerzhaft, und meine beiden Herzen hämmerten in einem gefährlich schnellen Rhythmus. Bumm, bumm, bumm, bumm, ohne Pause, ohne langsamer zu werden, schlugen sie unentwegt gegen meine Rippen. Ich presste die Lippen zusammen, um nicht zu schreien.

„Aufhören!“, rief ich schließlich, meine Lunge fühlte sich an wie zusammengepresst. „Sofort aufhören!“

„Keine Sorge, das dauert nicht lange. Nur ein paar Minuten.“ Er strich mir über die Stirn. „Ich bin keine so schreckliche Person, es gefällt mir gar nicht, dich so aufgewühlt zu sehen, doch ich lasse mich nicht von meinem Ziel abbringen. Ich muss meine Tochter retten, Ali Bell. Und wenn das bedeutet, die Welt und alle mit ihr darin zu zerstören, dann tue ich das.“

„Verbrecher!“, presste ich hervor. „Sie … gehören … eingesperrt!“

„Das ist der Schmerz, der dich so reden lässt, deshalb bin ich nicht beleidigt.“ Er stand auf und befestigte an meinen Schläfen, am Hals, den Handgelenken, am Bauch und den Fußknöcheln Elektroden. „Wir werden auch im Auge behalten, was mit deinem Geist passiert.“

Er griff nach einer weiteren Spritze mit dieser grünen Flüssigkeit. Bevor ich protestieren konnte, hatte er mir die zweite Ladung injiziert. Ein neuer Lavastrom ergoss sich in meine Blutbahnen.

Ich bäumte mich auf, ohne es verhindern zu können. Diesmal hämmerte mein Herz mit solcher Heftigkeit, dass ich glaubte, es würde mir durch die Rippen krachen. Ich konnte nicht anders, ich musste schreien. Ein Schmerzenslaut nach dem anderen drang aus meiner Kehle, bis ich das Gefühl hatte, von kräftigen Händen erwürgt zu werden.

„Interessant“, bemerkte Kelly und presste die Finger auf meine Halsschlagader. „Körper und Geist werden zusehends schwächer, trotzdem ist etwas in deinem Inneren, das stärker wird.“

Vor meinen Augen war alles verschwommen, aber ich glaubte Zombie-Ali in einer Ecke stehen zu sehen und mich beobachten.

„Warum stirbst du nicht?“, zischte sie.

Ja. Sie war hier. War sie der Teil, der stärker wurde?

Sie kam auf mich zu, ein Schritt, noch einer. Schwebte regelrecht. Helles Haar stand wirr zu allen Seiten ihres Gesichts ab, das inzwischen voller Flecken war. Sie grinste und entblößte ihr blutbeflecktes Gebiss. „Jetzt ist es nur eine Frage der Zeit.“

Ich schloss die Augen, um sie nicht mehr ansehen zu müssen.

„Nun, nun“, sagte Kelly. „Das reicht. Wir werden eine Pause einlegen.“

Ich spürte einen scharfen Einstich in meinem Nacken, diesmal gefolgt von einem eiskalten Strom. Mein Herzschlag verlangsamte sich. Ich sackte im Stuhl zusammen, fühlte mich wie eine durchnässte, schmutzige Katastrophe.

„Ich muss gestehen“, kommentierte Kelly, während er etwas in sein Notizbuch schrieb, „dass ich gehofft hatte, das rote Feuer zu sehen. Mir wurde gesagt, dass es Zombiejäger und Zombies verletzt, aber nicht dich. Da stellt sich mir die Frage, was passiert da mit dir?“

Z. A. stand hinter ihm und ich bemühte mich, sie nicht anzusehen.

„Was hätten Sie denn gemacht, wenn Sie es gesehen hätten?“, fragte ich schnaufend. „Ich hätte den Stuhl verbrannt und Sie dazu.“ So hoffte ich jedenfalls.

„In die Decke ist ein Feuerlöscher installiert, direkt über dir.“ Er zeigte mit dem Kuli darauf. „Auf einfachen Knopfdruck hätte ich dich gelöscht.“

„Vielleicht.“

„Ganz bestimmt.“ Er tippte sich mit dem Kugelschreiber ans Kinn. „Ich hab’s. Wir werden sehen, ob das rote Feuer erscheint, wenn ich dir Zombiegift injiziere.“ Er legte das Notizbuch beiseite und nahm eine andere Spritze vom Tisch, diese war mit schwarzem Schleim gefüllt.

Was? „Nein!“ Ich rüttelte an den Lederriemen. Sie schnitten mir in die Handgelenke und Knöchel – hielten aber stand. Blut tropfte auf den Stuhl, auf den Boden.

Z. A. klatschte in die Hände. „Du kannst mich nicht aufhalten!“

„Damit werden Sie mich umbringen!“, sagte ich, ohne auf sie zu achten. „Dann wissen Sie auch nicht mehr als vorher. So helfen Sie Ihrer Tochter nicht.“

Kelly schüttelte den Kopf. „Ich habe das schon bei anderen gemacht, Ali Bell. Ich weiß genau, was geht und was nicht und was einen Menschen umbringt.“

Er kapierte es nicht. „Ich bin anders!“ Die Worte strömten aus mir heraus, voller Verzweiflung. „Tun Sie das nicht. Bitte, tun Sie das nicht!“

„Beruhige dich. Das ist eine modifizierte Version des Gifts, die keine bleibende Infektion verursacht, sondern nur eine halbe Stunde anhält. Du brauchst nachher nicht mal das Antiserum, um dich davon zu erholen.“

„Nein, Sie verstehen nicht, ich …“

Er stach mir die Nadel in den Arm.