Mittwoch, 22. April 2009

 

Aus: Fränkischer Morgen ›Linksautonome in Deutschland Die neue Gefahr?‹

 

Die neuen Anschlagsdrohungen der radikalen Splittergruppe des dem Linksterrorismus zugerechneten »kämpferischen bündnis« (kb) halten alle Sicherheitskräfte in Alarmbereitschaft.

Seitdem das kb im Jahr 2001 erstmals in Erscheinung trat, verübte es bis zum Jahresanfang rund 30Anschläge, unter anderem in Berlin und Hamburg, die alle nach demselben Muster abliefen: Nachts wurden Brandsätze auf Fahrzeuge der Bundespolizei, Gebäude der Justiz oder andere öffentliche Einrichtungen geworfen. Es wurden wenig oder keine Spuren hinterlassen, Menschen sollten offenbar nicht in Gefahr gebracht werden. Das BKA vermutet, dass es sich bei den Mitgliedern des kb um so genannte »Feierabendterroristen« handelt, die ansonsten eine bürgerliche Existenz leben. In zahlreichen Bekennerschreiben erklärten sie immer wieder, ihr Ziel sei es, die vorherrschenden kapitalistischen Strukturen in ihren Grundfesten zu erschüttern. Die Aktivitäten der Gruppe ließen sich keinen Einzeltätern zuordnen.

Eine kleine Gruppe aus den Reihen des kb droht nunmehr Anschläge mit weitreichenden Folgen an. Sie war aus der Anonymität herausgetreten, um so ihre Ziele der Öffentlichkeit eindringlicher zu präsentieren und einen Wiedererkennungsfaktor für ihre Sympathisanten zu schaffen, erklärte ein Sprecher des BKA. Genaueres ist dazu jedoch nicht bekannt.

 

 

Kriminalpolizeiinspektion Erlangen

Maria starrte auf den Bildschirm, ohne den Bericht, an dem sie gerade arbeitete, wirklich wahrzunehmen. Sie war allein im Raum, denn Michelle hatte für Friedrich Zirngiebl etwas zu tun.

Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihrer Lethargie. »Ammon?«

»Paul hier. Was gibt’s Neues?«

»Danke, gut. Und wie geht es dir?«

Holzapfel lachte. »Also habt ihr sie noch nicht?«

»Nein«, antwortete Maria seufzend. »Wir haben wie immer nicht genug Leute, um überall gleichzeitig zu sein. Du hast nicht zufällig noch ein paar übrig?«

»Leider nicht. Apropos: Wie macht die junge Dame sich denn?«

»Oh, gut. Sie kann Susanne zwar nicht ersetzen, aber sie legt sich echt ins Zeug. Ich hatte sie auch bei den Vernehmungen dabei.« Dann erstattete sie Holzapfel von den bisherigen Ermittlungen Bericht. »Gestern waren wir in Windsbach und haben mit Professor Leibl und Eichmüllers Sohn gesprochen. Der Junge trägt es mit Fassung. Leibl kümmert sich wirklich rührend um ihn. Die Kollegen aus Ansbach haben ein Auge auf die beiden, falls Sara Eichmüller dort auftaucht, aber sie können auch nicht 24Stunden vor Ort sein.«

»Was würdest du anstelle von Frau Eichmüller tun?«

Maria stieß die Luft aus. »Gute Frage. Ich weiß nicht ich glaube, ich wäre gar nicht weggelaufen.«

»Sicher?«

»Höchstens zu dir und Elfriede. Und ihr hättet mich dann davon überzeugt, mich zu stellen.«

Holzapfel brummte. »Wen hat Frau Eichmüller in diesem Fall?«

»Eine Freundin in Würzburg«, begann Maria ihre Aufzählung. »Mit der habe ich gesprochen, dort hat sie sich nicht gemeldet. Saras Eltern sind beide tot. Ihr Vater starb vor zehn Jahren bei einem Autounfall, ihre Mutter vor ein paar Monaten ganz plötzlich an einem ruptierten Aneurysma der Bauchschlagader.«

»Kein schöner Tod«, fand Holzapfel. »Wie hat Frau Eichmüller das verkraftet?«

»Sehr schwer. Vielleicht hat sie deswegen am Sonntag die Kontrolle verloren. Ihre Eltern nicht mehr da und jetzt geht auch noch ihre Familie den Bach runter «

Einige Sekunden war es still. »Wäre es dir so gegangen, Maria?« Holzapfels Tonfall war väterlich.

»Ja, ich glaube schon Bleibt also noch ihr Onkel. Professor Leibl ist in Windsbach, ansonsten wohnt er schon seit Jahrzehnten in Saras Elternhaus. Wir schicken dort immer wieder eine Streife vorbei, falls sie sich dort blicken lässt. Und dann gibt es noch ihren Zwillingsbruder Perez Leibl. Der hat mich gestern übrigens angerufen. Er ist Gastdozent an der biologischen Fakultät in Tel Aviv, deswegen wird sie ihn kaum besuchen. Er hat mir versprochen, seiner Schwester zuzureden, sich zu stellen, falls sie sich bei ihm melden sollte. Er glaubt, auf ihn würde sie hören.« Maria gab einen genervten Laut von sich. »Ganz ehrlich, Paul: So richtig vorwärts kommen wir nicht. Nachher fahre ich mit Michelle in das Institut. Ich hoffe, wir treffen dort Bianca Esser. Gestern hat sie den Termin abgesagt, weil sie krank war. Sie klang zwar erkältet, aber ich glaube eher, ihr ist die ganze Sache ziemlich peinlich, deswegen war sie froh über eine Ausrede.«

»Sei nicht zu streng mit ihr.«

»Sie wusste, dass er verheiratet ist!«

Holzapfel lachte sein dröhnendes Lachen, bis Maria widerwillig einstimmte. »Schon gut, du hast recht.«

»Hm.«

»Anschließend fahren wir noch nach Neustadt in die Gemeinschafts-Praxis, in der sie arbeitet. Gestern haben wir das nicht mehr geschafft.«

»Dann viel Erfolg. Ich muss jetzt Schluss machen. Elfriede sagt übrigens, Tanz in den Mai würden ihre Knie nicht mitmachen und ich soll dich fragen, was du vom Entlas-Keller hältst.«

»Eine ganze Menge.«

Nach dem Gespräch ließ sie den Fall noch einmal Revue passieren. Ein Eifersuchtsdrama, so sah es aus. Aber irgendetwas passte nicht warum war Sara so spurlos verschwunden? Jemand, der kopflos handelte, kam immer recht bald zur Besinnung. Vielleicht brauchte sie einfach noch ein paar Tage. Energisch schob Maria ihre Überlegungen beiseite, um sich wieder dem Text am Computer zu widmen, als ein Klopfen am Türrahmen sie zusammenfahren ließ. Ein uniformierter Beamter lehnte daran.

»Jens! Hast du mich erschreckt!«

»Du hast ausgesehen, als wolltest du in den Bildschirm kriechen.« Jens ließ sich auf dem Stuhl am Schreibtisch gegenüber fallen.

»Das wirkt nur so«, erwiderte Maria sarkastisch. »Eigentlich war ich gerade mit meinen Gedanken ganz woanders.«

»Eichmüller?«

Maria nickte. »Ihr habt auch noch nichts Neues, oder?«

Jens hob bedauernd die Hände. »Nein. Später bin ich auf Streife in der Nachbarschaft der Eichmüllers unterwegs. Hältst du es tatsächlich für möglich, dass die Frau da auftaucht?«

»Ich kenne sie nicht, aber irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass sie das tun würde. Nein nein, sie kommt nicht dahin.«

Jens hob die Brauen. »Was hast du genommen? Bewusstseinserweiternde Drogen?«

»Schmarrn ich hab heute früh das Pendel befragt.« Bedeutungsvoll wies sie erst auf ihre roten Haare, anschließend auf eine Kette aus knallbunten Glasperlen, die an einer Ecke ihres Bildschirms hing. Franzi hatte ihr die vor Jahren als Glücksbringer gebastelt.

»Ach so«, erwiderte Jens trocken. »Und den Drudenfuß hast du mit Tipp-Ex auf ein weißes Blatt gemalt damit ihn niemand bemerkt.«

Maria zog die Nase kraus, lehnte sich zurück und streckte ihre Beine aus. »Sara Eichmüller hat gleich, nachdem sie das Haus verlassen hat, Geld von mehreren Konten abgehoben. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt. Wir haben auch keine Spur von ihrem Auto. Ich schätze, das finden wir erst in ein paar Monaten per Zufall, weil Anwohnern auffällt, dass da eins ewig lange geparkt steht, wo es eigentlich nicht hingehört. Oder sie ist überhaupt nicht mehr in der Gegend. Vielleicht in Tschechien was weiß ich. Jedenfalls muss sie sehr zielstrebig gehandelt haben, nicht planlos und unüberlegt. Es würde nicht passen, wenn sie plötzlich irgendwo auftaucht, wo wir sie erwarten. Vielleicht später, wenn sie sich sicherer fühlt.«

»Klingt alles nicht nach impulsiver Handlungsweise.« Jens schnappte sich einen Kugelschreiber, der auf dem Schreibtisch lag.

»Eher nach Sinn und Verstand«, stimmte Maria zu. »Ich weiß noch nicht, wie das mit der Tat als solches zusammengeht denn laut Eichmüllers Aussage und der seiner Freundin passierte das Ganze eher aus der Situation heraus.«

»Oder sie wollte das nur so aussehen lassen. Vielleicht hat jemand sie informiert, dass ihr Mann Besuch von seiner Freundin hat?«

Maria nickte. »Möglich. Jedenfalls ist es seltsam, dass sie sich mitten in der Nacht auf den Rückweg aus der Schweiz gemacht hat. Laut Hotel hatte sie das Zimmer bis zum nächsten Tag. Sie hat unerwartet mitten in der Nacht ausgecheckt. Der Hotelangestellte sagte, sie wirkte mitgenommen, als sei irgendetwas geschehen. Den vorliegenden Daten vom Hotel nach hat sie mit niemandem telefoniert wobei es ja ein Dutzend andere Möglichkeiten gibt, eine Nachricht zu bekommen. Wir haben fast alle Personen aus ihrem näheren Umfeld überprüft bis jetzt noch keine heiße Spur.«

»Was ist mit ihrem Handy?« Die ganze Zeit kritzelte Jens auf der Schreibtischunterlage herum.

Maria hob die Brauen. Warum war Jens nervös? »Ausgeschaltet. Auf die Daten vom Mobilfunkanbieter warten wir noch. Also, wenn du mich fragst, hat Sara Eichmüller von der Affäre ihres Mannes gewusst. Sie war ja nicht dumm und das Ganze ging über Monate. Vielleicht ist sie absichtlich früher nach Hause gekommen. Ob ihr jemand zusätzlich einen Tipp gegeben hat, ist gar nicht mehr wichtig. Meiner Ansicht nach wollte sie ihn und seine Freundin erwischen. Ich würde nicht ausschließen, dass sie mit fester Tötungsabsicht nach Hause kam.«

»Hätte sie dann nicht vorher Geld abgehoben?«, mutmaßte Jens, während er begann, den Kugelschreiber zu zerlegen.

Maria hob den Zeigefinger. »Guter Einwand, Euer Ehren. Spricht also eher für Spontaneität. Wie auch immer, jedenfalls kam ihr sein Herzanfall wohl gelegen, meinst du nicht?«

»Hm«, machte Jens, wobei er ganz darin vertieft schien, den Kugelschreiber wieder zusammenzusetzen.

Draußen klirrte es, als sei Porzellan zersprungen. Eine Frau fluchte leise. Eine Männerstimme bot an, eine Kehrschaufel zu holen.

Maria stützte ihre Ellbogen auf den Tisch und legte ihr Kinn auf die verschränkten Hände. »Was ist los?«

Jens reagierte nicht. Sie stand auf, schloss die Tür und setzte sich wieder in die gleiche Position ihm gegenüber. Dabei fixierte sie ihn mit zusammengekniffenen Augen.

Ein betrübtes Lächeln huschte über Jens’ Lippen.

»Stell dir einfach vor, ich sei ein Mann«, riet Maria. »Hm. Halt ich weiß es. Stell dir lieber vor, du seist eine Frau und ich deine beste Freundin.«

Jens warf den Kugelschreiber auf den Schreibtisch. Er rieb sein Gesicht mit beiden Händen, bevor er eine rastlose Wanderung durch den Raum antrat. »Eigentlich ist gar nichts, aber keine Ahnung, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll «

»Am Anfang? Geht es um Nina?«

»Ja. Nein. Sie ist so komisch. Sie ich kannst du nicht mal mit ihr reden?«

»Und worüber genau?« Maria verbiss sich ein kleines Lächeln wegen seiner ungeschickten Versuche, seine Probleme in Worte zu fassen.

Jens ließ sich auf den Drehstuhl fallen, der mit einem Ächzen ein Stück tiefer sackte. Mit einem genervten Laut hob Jens seinen Hintern ein Stück, wobei er nachdrücklich den Hebel betätigte, um die Sitzfläche höher zu stellen.

»Keine Ahnung. Du kennst sie schon so lange. Vielleicht erzählt sie dir was.« Er zuckte mit den Schultern. »Also, was sie hat. Was weiß ich.«

Maria musterte ihn kritisch, weil er erneut mit dem Kugelschreiber herumzuhantieren begann. Mit Nina war sie seit der Schulzeit befreundet. Irgendwann hatte einige Jahre zwischen ihnen ohne besonderen Grund Funkstille geherrscht jede hatte ihr Leben gelebt und sie hatten sich einfach aus den Augen verloren. Nachdem Maria nach Erlangen versetzt worden war und bei einem zurückliegenden Fall einige Male zufällig mit Jens zu tun gehabt hatte, hatten sie ihre alte Freundschaft aufgefrischt. Jens wusste, wie gut sie sich verstanden und dass sie sich vertrauten.

»Was glaubst du denn, was sie hat?«

Jens schwieg eine Weile, bevor er sagte: »Sie hat was.«

»Weswegen redest du nicht selbst mit ihr?«

»Hab ich ja schon ein paar Mal versucht. Aber in den letzten Monaten streiten wir uns oft über irgendwelchen Schwachsinn. Letztens zum Beispiel da war sie sauer, weil ich Ostern den Dienst getauscht und die Ferien mehr oder weniger durchgearbeitet habe. Ich hab halt Harald den Vortritt gelassen, weil seine Kinder zur Schule gehen und da dachte ich «

»Deine Frau geht auch zur Schule«, bemerkte Maria.

»… ja, schon, aber ich dachte, ich brauche den Urlaub oder muss den Dienst tauschen, wenn wir Umziehen oder kurz vorher, wenn nicht alles rechtzeitig fertig ist oder wenn wir hinterher die alte Wohnung renovieren müssen. Wenn dann gerade keine Schulferien sind, hat Nina auch kaum Zeit. Ach, was weiß ich. Beim Bau geht immer was schief. Jetzt gerade sind zum Beispiel falsche Steine geliefert worden. Während der Rohbauphase ist ja für uns noch gar nicht so viel zu tun höchstens was zu organisieren oder was für den Innenausbau ansehen, und das hat sie prima allein hinbekommen.«

»Willst du hören, dass sie dich lieber trotzdem dabei gehabt hätte?«

Er verdrehte die Augen. »Normalerweise ist sie nicht so.«

»Wie? So?«

»So. Anders. Klar streiten wir uns oder sind unterschiedlicher Meinung. Aber wir reden drüber und fertig. Dann letztes Wochenende: Da hatte ich frei und wir sind nach Hochstahl gefahren. Nina war die ganze Zeit irgendwie total launisch.«

Maria schmunzelte. »Frauen sind das manchmal.«

»Ha, ha«, machte Jens. »Jedenfalls haben wir uns unterwegs in die Haare gekriegt, weil sie den ganzen Brauereienweg gehen wollte zwölf Kilometer! , und ich hatte keine Lust dazu. Tja, sie ist allein weiter. Aber das Beste kommt erst noch: Sie ist abends nicht zurückgekommen.«

Maria pfiff durch die Zähe. »Wo war sie denn?«

»Es gab ein Unwetter und sie sagt, sie hat sich auf dem Weg von Sachsendorf nach Aufseß verlaufen. Ihr Handyakku war leer, und als sie einen Gasthof gefunden hat, hat sie da übernachtet.«

»In welchem Gasthof?«

»Sie weiß angeblich nicht mehr, wie der hieß. Irgendwo in der Nähe von Aufseß, sagt sie.«

Maria zog die Brauen hoch. »Und sie hat dich nicht angerufen?«

»Sie weiß meine Handynummer nicht auswendig. Und auf die Idee, beim Wirt in Hochstahl anzurufen oder ein Taxi oder einen Fahrdienst zu nehmen, ist sie angeblich nicht gekommen.«

»Ach?«

»Genau. Ach. Am Sonntagmorgen stand sie einfach da. Ihre Klamotten waren dreckig und noch nass, und sie hatte eine Prellung am Kopf. Sie ist im Wald gestürzt, sagt sie. Außerdem «, er räusperte sich, »… außerdem hat sie noch ein paar Kratzer.«

»Kratzer?«

»Ja«, antwortete Jens gedehnt.

»Was für Kratzer?«

Er zögerte. »Kratzer, eben. Da und da.« Unbestimmt wedelte er mit seiner Hand in Richtung Schultern und Oberschenkel.

»Du nimmst ihr das alles nicht ab?«, wandte Maria ein.

Jens zuckte ratlos mit den Schultern. »Klingt reichlich seltsam, oder?«

»Was ist denn deiner Meinung nach passiert?«, erkundigte Maria sich vorsichtig.

Jens sah sie einen Moment wortlos an. Dann schaute er zur Seite. »Wir waren lange nicht mehr in Hochstahl und es war mein Vorschlag gewesen, dort hinzufahren. Ganz spontan. Soviel ich weiß, kennt sie da niemanden.« In komischer Verzweiflung raufte er sich die Haare. »Au Mann, Maria, ich weiß auch nicht, was ich da rede.«

Maria legte ihre Handflächen aneinander und tippte mit ihren Fingern rechts und links gegen die Nasenspitze. »Okay. Gibt es sonst noch irgendwas, das ich wissen sollte?«

Er schüttelte den Kopf. »Redest du mal mit ihr?«

Leise wurde die Tür geöffnet und Michelle steckte den Kopf herein. »Stör ich?«

Jens sprang unvermittelt auf.

»Ich rede mit ihr«, erklärte Maria.

»Danke, du bist ein Engel.« Mit einem Gruß in Richtung der blonden jungen Frau verließ er eilig das Büro.

Unschlüssig stand Michelle in der Tür. »Ich wollte jetzt wirklich nicht stören.«

»Hast du nicht. Er war sowieso gerade dabei zu gehen«, erwiderte Maria mit leicht ironischem Unterton, den Michelle natürlich nicht verstand. Jens war die Sache unangenehm genug, daher war er bestimmt froh, dass Maria ihn nicht weiter ausquetschen konnte.

Maria kannte Jens’ Neigung zu übermäßiger Eifersucht, deswegen war er zu ihr gekommen. Er glaubte wohl, Nina habe ihn angelogen, wollte sich nicht hineinsteigern und traute sich nicht, Nina zu fragen. Trotzdem ließ es ihm keine Ruhe und selbst Maria musste zugeben, dass Ninas Verhalten merkwürdig war auch die »Kratzer«, die Jens nicht näher beschrieben hatte. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.

Kurz entschlossen nahm sie ihr Handy und tippte eine Nachricht an Nina, ob sie nicht Lust hätte, am Abend mit ihr joggen zu gehen. Im Winterhalbjahr hatten sie selten Zeit dazu gefunden, doch allmählich konnten sie ihre Gewohnheit von letztem Sommer wieder aufnehmen, einmal in der Woche zusammen Sport zu treiben.

»Wie war es bei Friedrich?«, erkundigte sie sich währenddessen bei Michelle. »Musstest du dir viele von seinen Geschichten anhören?«

Michelle kicherte. »Es geht. War jedenfalls spannend zu hören, wie früher ermittelt wurde. So ohne Computer und Handy.«

»Tja, Friedrich gehört zu den Dinos hier. Er geht bald in Rente.«

»Das hat er mir erzählt. Und, dass er mit seiner Frau eine Tour durch Europa machen will. Mit dem Wohnmobil. Finde ich echt cool. Wenn ich mal in Rente gehe, mache ich das auch.« Michelle setzte sich Maria gegenüber.

»Sag mal Hast du eigentlich schon mal einen Bericht geschrieben?«

»Nö, wieso? Was soll ich machen?« Sie tat so, als kritzle sie in der Luft herum.

»Die Obdachlose?«

»Echt jetzt?« Die Begeisterung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Maria nickte feierlich, während sie die Akten zu Michelle hinüber schob. »Hast du da schon mal reingesehen?«

»Ja, hab ich. Die Frau heißt Gudrun Schreiber und ist ungefähr zwei Wochen vor ihrem Auffinden ertrunken. Sie war stark alkoholisiert, deswegen ist sie vermutlich beim Campingplatz in die Regnitz gestürzt. Da wurden nämlich ihre Habseligkeiten gefunden. Sie litt unter einem Infekt vielleicht hat sie deswegen so viel getrunken? Sie hatte ja keine andere Medizin «

»Gut möglich«, pflichtete Maria ihr bei.

»Keine Fremdeinwirkung«, fuhr Michelle fort. »Hab ich was vergessen?«

»Ich glaube nicht. Frau Schreiber sollte so bald wie möglich beerdigt werden. Also fang an.«

»Aber du kontrollierst doch, was ich mache, oder?« So ganz geheuer schien es Michelle nicht zu sein.

»Na klar, schließlich muss ich am Ende unterschreiben.« Maria stand auf. »Wir fahren nachher übrigens ins Felix d’Herelle Institut und nach Neustadt in die Praxis von Sara Eichmüller. Kaffee mit Milch und Zucker?«

»Sicher das! Blond und süß wie ich.«

 

 

Neustadt an der Aisch

 

Der schwarze BMW mit Erlanger Kennzeichen bog kurz hinter dem Chausseehaus von der B8 in Richtung Neustadt ab. Sie durchquerten ein kleines Waldstück, um der Nürnberger Straße auf dem Höhenrücken zu folgen. Sie waren früher dran als geplant, denn Bianca war nicht im Institut gewesen. Laut Sekretärin hatte sie sich am Morgen für den Rest der Woche krankgemeldet, nachdem sie gestern das Institut bereits früher als gewöhnlich verlassen habe.

Maria hatte die Gelegenheit genutzt, um ein paar Mitarbeiter zu befragen. Hinter vorgehaltener Hand schien bekannt zu sein, dass Eichmüller in den vergangenen Jahren häufiger Affären gehabt hatte. Es hieß sogar, Sara akzeptiere die Seitensprünge stillschweigend, denn niemandem waren außergewöhnliche Spannungen in der Ehe Eichmüller aufgefallen.

»Wie cool«, entfuhr es Michelle, während sie über holpriges Kopfsteinpflaster durch das Nürnberger Tor nach Neustadt hineinfuhren. »Das ist ja richtig alt hier. So mit Stadttor und Stadtmauer und den alten Häusern. Und hier gibt es einen ›FC Geißbock‹! Sehr sympathisches Städtchen.«

»Wieso?«

»Dem Kölner FC sein Maskottchen ist der Geißbock. Bist du etwa kein Fußballfan?«

Maria wartete geduldig, bis das Auto vor ihnen ganz gemächlich auf einen Parkplatz rangierte. »Nein, gar nicht. Aber es heißt FG Geißbock Faschings Gesellschaft.«

»Fasching? Hey, Karneval gibt’s hier auch? Da fühlt man sich so als Exil-Kölner gleich heimisch.«

Lachend folgte Maria der Straße, die sich leicht bergab schlängelte.

»Du kennst dich aber gut aus«, meinte Michelle mit unverhohlener Bewunderung. »Ohne Navi wäre ich hier völlig aufgeschmissen.«

»Da stellt sich glatt die Frage, wie die Menschheit ohne diese Technik den Weg von Afrika bis nach Franken gefunden hat«, erwiderte Maria trocken, während sie nach einem Parkplatz Ausschau hielt.

»Also ich bin froh, dass es so ein Teil gibt. Versuch mal in Köln ohne zurechtzukommen.« Sie verdrehte die Augen. »Lauter Einbahnstraßen, permanentes Linksabbiege-Verbot und Baustellen noch und nöcher. Das Kölsch in der Kneipe kannst du quasi schon sehen, aber du hast keine Chance hinzukommen.«

»Und lass mich raten: Parken kann man da auch nicht«, warf Maria ein, steuerte den BMW auf einen freien Parkplatz am unteren Ende der Ludwigstraße, direkt vor einem Fischspezialitätenladen.

Nachdem sie ausgestiegen waren, deutete Maria auf ein altes Fachwerkhaus, das einige Meter hinter ihnen stand. »Da vorn ist es. Aber wir sind noch zu früh. Hast du was dagegen, wenn wir kurz in eine Buchhandlung gehen? Franzi hat am Freitag Geburtstag und sie wünscht sich den vierten Teil von dieser Vampir-Geschichte. Bis zum keine Ahnung, bis wohin diesmal. Im Buchladen werden sie es wohl wissen.«

»Bis zum Ende der Nacht«, half Michelle, während sie losliefen. »›Biss‹ mit zwei s und das letzte in Klammern. Das hab ich letztes Jahr auf Englisch gelesen, weil ich wissen wollte, wie es ausgeht. Kennst du das etwa nicht?«

»Den ersten Teil musste ich mit Franzi im Kino sehen.«

Während Michelle sie in aller Ausführlichkeit darüber in Kenntnis setzte, wie die Vampir-Saga weiter ging, bogen sie erst rechts in die Wilhelmstraße ein, um dann den Marktplatz zu überqueren. Zwischendurch blieb Michelle stehen, um die alten Häuser im fränkischen Stil und das barocke Rathaus mit seinem Säulengang zu bewundern. In der Bamberger Straße betraten sie schließlich eine kleine Buchhandlung. Die Dame, die gerade Taschenbücher in ein Regal gleich hinter dem Eingang sortierte, schickte sie weiter ins Obergeschoss. Das uralte Haus war wenige Meter breit, daher passte sich die genauso schmale wie steile Holztreppe in ihrer Dimension den Räumlichkeiten an.

»Die haben echt Charme, diese alten Häuser«, fand Michelle, während sie die knarzende Stiege erklomm.

Mit den dunklen Fachwerkbalken mitten im Raum und den Wänden voller Bücher verströmte das verwinkelte Obergeschoss eine heimelige Atmosphäre. Während Michelle im Stapel der Neuerscheinungen am Treppengeländer stöberte, stand Maria ratlos vor den Regalen der Kinder- und Jugendbuchecke. Noch während sie stirnrunzelnd nach dem Buch suchte, kam ihr eine Frau mit Brille zur Hilfe, indem sie das gesuchte zielsicher aus dem Regal zog.

»Soll ich es Ihnen gleich als Geschenk verpacken?«, erkundigte sie sich.

»Das wäre wunderbar«, seufzte Maria. »Bei so etwas habe ich zwei linke Hände.«

»Na, dafür sind wir ja da«, kam die fröhliche Antwort. Während Maria wartete und sich dabei gern in einen Plausch mit der Buchhändlerin verwickeln ließ, hatte sich auch Michelle in ein Gespräch mit einer blonden jungen Frau vertieft, von der sie sich gleich mehrere Bücher empfehlen ließ.

Als sie zurück zum Auto gingen, begann Michelle zu sinnieren. »Sind die Menschen hier eigentlich immer so? So unaufgeregt. Gemütlich, als hätten sie alle Zeit der Welt. Selbst die Kunden, die auf uns warten mussten, sahen nicht aus, als hätte sie das gestört. In Köln gibt es das nicht. Da wirken immer alle, als seien sie auf der Flucht und wehe, man muss irgendwo länger als zehn Sekunden rumstehen das geht gar nicht.«

»Das ist Franken«, antwortete Maria schlicht.

Kurz darauf standen sie vor der Gemeinschaftspraxis, die sich in einem liebevoll restaurierten Fachwerkhaus befand. Als sie die Räume betraten, verließ gerade der letzte Patient das Wartezimmer in Richtung Behandlungsraum, daher dauerte es nicht lange, bis Maria beginnen konnte, die Sprechstundenhilfen zu vernehmen. Eine nach der anderen holte sie ins Wartezimmer, das sie kurzerhand als Verhörraum benutzte. Zunächst erfuhr sie lediglich übereinstimmend, dass Sara Eichmüller eine wundervolle Arbeitgeberin und Ärztin sei. Wegen ihrer einfühlsamen Art sei sie bei den Patienten und besonders bei Kindern beliebt. Wie der Praxismitinhaber Dr. Frank Hüttner setzte sie auf Naturheilkunde und alternative Therapien.

»Wissen’s, Frau Kommissarin«, sagte Karla, die den Empfang der Gemeinschaftspraxis seit zehn Jahren betreute, »da wo die Frau Doktor Zöller vor zwei Jahren in Rente ging und der Doktor Cohen dazu kam, da dacht ich Allmächd, hab ich gedacht das wird doch nie was. Er ist ja sehr wissen’s sehr anders als der Doktor Hüttner und vor allem als die Frau Doktor.«

»Wie meinen Sie das?« Maria unterdrückte ein Gähnen. Die Lobhudelei war schrecklich ermüdend. Wie es schien, hatte Sara Eichmüller Privates vollkommen aus der Praxis herausgehalten, denn bis jetzt schienen alle überrascht gewesen, dass Sara und Leonhard überhaupt Eheprobleme gehabt hatten. Das geradezu ungläubige Erstaunen der Angestellten über Saras Tat war für Marias Empfinden nicht gespielt.

»A weng verschlossen ist er, der Doktor Cohen ja wissen’s, so ernst. Manchmal ist er direkt unheimlich, wenn er einen so ansieht mit seinen schwarzen Augen und dann, wenn er spricht manchmal verstehn’s ihn nicht das sagen auch die Patienten. Und wissen’s was«, sie beugte sich vor und senkte verschwörerisch die Stimme, »einmal hatte er Streit mit der Frau Doktor. Da hab ich schon gedacht, gleich passiert es! Gleich schmeißt sie ihn raus. Sie haben sich angeschrien, dass ich dachte, das hört man sogar auf dem Marktplatz.«

»Wann war das?«

»Wann? Jessas, naa, da fragen’s mich was, also das war Mittag. Gott sei Dank waren die letzten Patienten gerade weg und der Doktor Hüttner war an dem Tag gar nicht da. Und die anderen waren auch schon heim, weil es war ein Mittwoch und da haben wir ja nachmittags zu wie heute. Allmächd! Wenn das jemand gehört hätte, wissen’s, ich rede über so etwas ja eigentlich nicht «

»Ich meine eher: Wie lange ist das her?«, korrigierte Maria ihre Frage, wobei sie krampfhaft Michelle ignorierte, die sich die Nase zuhielt, um wegen des ungebremsten Redeschwalls nicht loszuprusten. »War das erst kürzlich oder ist das länger her?«

»Ja, des wenn ich wüsst Kürzlich? Nein, das war Moment, das war im Sommer. Genau. Vor den Ferien.«

»Letztes Jahr also.«

»Ja. Ich weiß leider nicht, worum es ging, weil sie haben kein Deutsch gesprochen. Aber wenn man sich streitet ich mein, das hört man ja, wenn man sich streitet und «

»Ja, da haben Sie recht«, unterbrach Maria sie. »Hatten Sie das Gefühl, es sei wichtig? Etwas, das die beiden schon länger beschäftigte?«

Karla dachte ernsthaft nach. Dann schüttelte sie den Kopf. »Also an dem Tag hab ich die beiden ja nicht mehr gesehen. Ich bin lieber gegangen, wissen’s, das geht mich ja nichts an. Und am nächsten Tag hatte der Doktor Cohen frei und danach war alles wieder in Butter.« Sie zuckte mit den Achseln.

»Gut, danke sehr. Wenn ich noch etwas von Ihnen brauche, melde ich mich. Würden Sie bitte Dr. Hüttner hereinschicken?«

»Ja, freilich. Aber bitte sagen Sie nicht, dass Sie das von mir haben. Das mit dem Streit, meine ich.«

Maria versicherte es ihr. Kaum hatte Karla die Tür hinter sich geschlossen, kicherte Michelle los. »Du leeve Jott!! Was kann die reden.«

Dr. Hüttner kam herein. Er sah aus wie ein typischer Landarzt, mit grauen Haaren, freundlichen Augen und einer Ausstrahlung, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen.

»Ja, ich wusste von Saras Problemen mit ihrem Mann«, erklärte er betrübt, nachdem sie die Formalitäten geklärt hatten. »Allerdings hätte ich nie für möglich gehalten, dass sie so etwas tut. Sie ist manchmal impulsiv, vor allem, wenn sie unbedingt etwas durchsetzen will oder ihr gründlich gegen den Strich geht Sie müssten sie mal erleben, wenn sie mit Krankenkassen streitet, weil die eine Behandlung nicht zahlen wollen aber das passiert sehr selten. Ich hätte nie gedacht, dass sie jemandem Hilfe verweigert, und dann auch noch ihrem eigenen Mann « Er schüttelte den Kopf. »Sein Verhalten muss sie wirklich sehr, sehr getroffen haben, anders kann ich mir das einfach nicht erklären.«

Maria stellte noch ein paar allgemeine Fragen, doch Dr.Hüttner konnte keine neuen Erkenntnisse beisteuern. Als Letzter betrat Dr.Cohen den Raum.

Verschlossen und ernst waren durchaus Adjektive, die sie ihm zuordnete, unheimlich fand sie ihn nicht. Der Mittdreißiger hatte schwarzes, halb langes Haar und einen Vollbart, was seine Gesichtszüge verbarg. Seine schwarzen Augen wirkten ein wenig, als würde er jemanden durchleuchten, die kleinen Falten drum herum zeugten von Humor.

»Also lassen Sie mich zusammenfassen«, sagte Maria, nachdem sie seine Daten notiert hatte. »Geboren und aufgewachsen in Tel Aviv. Während Ihres Medizinstudiums kamen Sie nach Berlin und beendeten dort Ihre Ausbildung. Anschließend kehrten Sie nach Israel zurück und sind jetzt seit rund zwei Jahren wieder in Deutschland.«

Cohen nickte beifällig. »So ist es, Frau Kommissarin.«

»Und Sie kannten Frau Dr. Eichmüller bereits?«

Die Falten rund um Cohens Augen vertieften sich. »Wir sind Verwandte dritten Grades. Unsere Großmütter waren Schwestern. In den dreißiger Jahren flohen sie mit ihren Familien zunächst in die USA, meine Großmutter ging später mit Mann und Kindern nach Israel, Saras Großmutter aber blieb. Ihre Tochter lernte in den USA Saras Vater kennen, der mit seiner Familie aus Erlangen kam. Irgendwann in den 50ern wagten sie hier einen Neuanfang. Wussten Sie das nicht?«

»So genau habe ich mich mit der Familiengeschichte noch nicht beschäftigt«, wiegelte Maria ab.

»Sara und ich haben allerdings nie viel Kontakt gehabt. Es war meine Mutter, die von Professor Leibl erfuhr, dass eine Ärztin aus Altersgründen aus Saras Praxis ausschied. Es hatte mir in Deutschland gut gefallen und so bin ich hierher gekommen.«

»Wie ist Ihr Verhältnis zu Frau Dr. Eichmüller?«

Indigniert zog er seine Brauen zusammen. »Entschuldigung?«

»Ihre persönliche Beziehung, Ihr Kontakt zueinander. Sicher nicht nur rein beruflich, wenn Sie Verwandte sind.« Maria fand es interessant, dass er offensichtlich dem Wort »Verhältnis« noch eine andere Bedeutung beimaß.

»Oh.« Seine Gesichtszüge entspannten sich. »Wir verstehen uns gut.«

Keine erschöpfende Antwort. »Keine Streitigkeiten?«

Er lächelte leicht. »Hin und wieder. Sie regt sich schnell auf. Aber sie ist nie nachtragend.«

»Trauen Sie Ihrer Cousine die Tat zu?«, fragte Maria rundheraus.

»Ja.«

Überrascht sah Maria auf. »Wirklich?«

Unter dem dichten Bart war erkennbar, dass Cohen lächelte. »Ihr Temperament ist mit ihr durchgegangen.« Es war dasselbe, was Maria bisher von nahezu allen gehört hatte, die sie dazu befragt hatte.

»Also Sie glauben tatsächlich, dass Frau Dr. Eichmüller Ihren Mann umbringen würde?«

»Nein.« Entschieden schüttelte er denn Kopf.

»Ja, was denn nun?« Das war Michelle, der die Verwirrung deutlich anzuhören war.

Cohen lächelte der jungen Frau zu, bevor er sich an Maria wandte. »Sie haben mich gefragt, ob ich ihr die Tat zutraue und diese Antwort lautet ›ja‹. Einen Mord traue ich ihr hingegen nicht zu. Wenn sie wütend ist und das war sie sicher, als sie Leonhard und Bianca erwischt hat «

»Sie kennen Bianca Esser?«

»Ja. Sie arbeitet im Institut. Also, Sara war wütend. Sehr wütend, denn sie wusste von der Affäre ihres Mannes und «

»Sie wussten also auch davon?«

Über die neue Unterbrechung wirkte Cohen ungehalten. »Ja, das wusste ich. Und ich wusste ebenfalls, dass Sara ein Auge zudrückte, solange Leonhard diskret war. Um ihres Sohnes willen bevor Sie mich danach fragen.«

Maria tippte mit dem Kugelschreiber aufs Papier. »Also glauben Sie, Sara hat zunächst impulsiv gehandelt, aber Sie halten es für untypisch, dass sie nicht zurückgekommen ist, um ihm zu helfen.«

»Richtig.« Er wirkte zufrieden, dass sie ihn jetzt endlich verstanden hatte.

»Hat Sara Ihnen von Leonhards Affäre mit Bianca erzählt?«

»Das hat sie. Leonhard hatte oft Affären. Wie bereits gesagt, Sara und ich haben uns gut verstanden. Es ist also nicht verwunderlich, dass sie mir ihre Probleme anvertraut hat. Tun Sie das nicht auch manchmal? Mit jemandem über Ihre Probleme reden?«

Maria ging nicht auf diese persönliche Frage ein. »Woher kennen Sie Bianca Esser?«

Cohen machte eine unbestimmte Geste. »Ich habe sie auf der Geburtstagsfeier von Leonhard im vergangenen Jahr kennengelernt. Ende Mai oder Anfang Juni.«

Es war mehr ein plötzliches Gefühl, dass Cohen möglicherweise in der Sache mit drin hing, daher ließ Maria ein paar Sekunden verstreichen, um diese Erkenntnis sacken zu lassen, bevor sie weiterfragte. »Sind Sie näher mit ihr bekannt? Also haben Sie noch Kontakt zu ihr?«

»Ich weiß nicht, was Sie unter näher verstehen, aber wir telefonieren miteinander und treffen uns manchmal.« Er sah Maria direkt an.

»Haben oder hatten Sie eine Liebesbeziehung zu ihr?«, fragte Maria ohne Umschweife.

»Nein.« Er wandte den Blick nicht ab.

Ihr Gefühl festigte sich. Eichmüller glaubte, während seines Streits mit Sara Geräusche aus dem Erdgeschoss gehört zu haben. War Cohen dort gewesen? »Wo waren Sie am Sonntagmorgen?«

Cohen lachte. »Oh, ich verstehe. Sie glauben, ich habe mit Sara versucht wie sagt man doch: Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen? Sara ist ihren Ehemann los und Bianca ist frei für mich? Ich muss Sie leider enttäuschen, Frau Kommissarin. Mir gefällt Bianca, aber ich weiß, wann ich verloren habe.«

»Das ist schön«, bemerkte Maria mit einem leisen Anflug von Ironie. So einfach war es offenbar nicht. Sie konnte Cohens Rolle nicht näher einordnen. Noch nicht. »Also können Sie ja meine Frage beantworten, wo Sie am Sonntagmorgen waren.«

»Zu Hause, denn unsere Praxis hatte ab acht Uhr Notdienst. Ab zehn Uhr war ich für ein paar Stunden hier, anschließend auf Krankenbesuch.«

Maria nickte. »Gut, Dr.Cohen. Das wäre vorerst alles. Sofern ich noch Fragen habe, werde ich Sie anrufen.«

»Jederzeit«, erwiderte er und neigte den Kopf dabei ein Stück.

Kurz darauf saßen Maria und Michelle wieder im Auto. »Glaubst du, er hat was mit Frau Sara Eichmüller?«, wollte Michelle nachdenklich wissen.

Überrascht sah Maria ihre junge Kollegin von der Seite an. »Wie kommst du darauf? Ich dachte eher an Bianca Esser.«

»Ja, mit der würde er gern«, winkte Michelle ab. »Vielleicht hatte er erst was mit Sara und deswegen haben sie sich letztes Jahr gestritten. Und vielleicht hat er sich dann an Bianca rangemacht. Aber die hatte schon was mit Saras Mann. Blöde Sache das, oder?«

»Könnte es sein, dass du eine blühende Fantasie hast?«, meinte Maria amüsiert.

»Ja, deswegen will ich zur Kripo«, erwiderte Michelle im Brustton der Überzeugung, wobei sie mit den Wimpern klimperte. »Mal Scherz beiseite, hast du nicht auch das Gefühl, dass er er ist keine Ahnung

»Ja, unbedingt! Auf jeden Fall ist er keine Ahnung!«, ulkte Maria. »Und weißt du, was das heißt? Wir sollten ihn im Auge behalten!«

»Sag ich ja!« Michelle grinste.

 

 

Dechsendorf

 

Schon die zweite Runde trabte Maria allein um den großen Weiher. Inzwischen war es fünf vor sechs. Sie hatte mit Nina verabredet, sich um 18Uhr am Strandbad zu treffen wenn sie es pünktlich dorthin schaffen wollte, musste sie ihr Tempo erhöhen. Sie lief am Camping vorbei und erreichte bald darauf den sandigen Parkplatz unter den großen Kiefern. Nina stand mit einem großen blonden Mann neben ihrem dunkelblauen Golf, der nahe der Bushaltestelle parkte. Maria wurde langsamer, als sie erkannte, mit wem sich ihre Freundin gerade unterhielt.

»Servus!«, rief sie, als sie die beiden erreichte. Sie umarmte Nina freundschaftlich und nickte grüßend in Richtung des Mannes. »Dr. Ducros!«

Der stadtbekannte Bauunternehmer Johannes Ducros war vor knapp drei Jahren in einen von Marias Fällen verwickelt gewesen. Er wirkte für eine Sekunde unangenehm überrascht, dann reichte er Maria die Hand, wobei sich sein Lächeln auf seine Mundwinkel beschränkte. »Schön, Sie zu sehen, Frau Ammon. Ich hoffe, Ihnen geht es gut?«

Maria erwiderte den Händedruck. »Ja, danke der Nachfrage.«

Nina hatte kurz verwundert die Stirn gerunzelt. »Ach, ihr kennt euch ja.«

Ducros hob kurz die Brauen. »So ist es.«

Niemand sagte etwas. Nina zupfte an ihrem Pony herum.

»Was hast du denn da gemacht?«, fragte Maria, der sofort der Bluterguss an Ninas Schläfe aufgefallen war.

»Ich bin am Wochenende gestürzt, ist nicht schlimm. Ich zieh mir schnell meine Laufschuhe an, dann können wir gleich los.« Nina verschwand in Richtung Kofferraum.

Während sie auf Nina warteten, musterte Maria Ducros, dem sein Unbehagen über die Begegnung kaum anzusehen war. Maria kannte ihn inzwischen besser. Wenn sie sich in ihrem gemeinsamen Wohnort Dechsendorf zufällig über den Weg liefen, grüßte er jedes Mal nur knapp. Es schien ihr fast, als vermeide er ein Treffen. Vor ungefähr einem Jahr hatte sie ihn zu einem Gespräch in die Polizeiinspektion gebeten. Es war eine neue Spur aufgetaucht, doch Ducros hatte sich nicht als sonderlich kooperativ erwiesen und alles war im Sande verlaufen.

»Sie haben sich gar nicht mehr gemeldet«, sagte Maria unverbindlich.

»Wie ich bereits mehrfach erwähnte: Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß«, stellte er freundlich, aber bestimmt fest. Er zögerte einen winzigen Moment, bevor er fragte: »Gibt es denn von Ihrer Seite aus etwas Neues?«

Er war nervös! Maria setzte ihr bestes Pokerface auf. »Darüber darf ich Ihnen leider keine Auskunft geben. Sobald ich Ihre Hilfe benötige, lasse ich es Sie wissen.«

Ducros’ Gesichtsausdruck veränderte sich beinahe unmerklich. »Meine Nummer haben Sie ja.« Dabei sah er Maria geradewegs in die Augen. Kühl. Abschätzig.

Dann wandte er sich an Nina, die sich gerade wieder zu ihnen gesellte. »Es tut mir wirklich leid wegen der Steine, Frau Langenbach. Ich bin sicher, Herr Bruns wird dafür sorgen, dass wir nicht in Verzug geraten.«

»Das will ich hoffen. Wir müssen bis Ende Juli unsere Mietwohnung kündigen, damit wir im Oktober umziehen und anschließend noch die alte Wohnung renovieren können.«

»Sie haben mein Wort.« Höflich verabschiedete er sich.

»So ein damischer Hundsfregger «, murmelte Maria, als Ducros in einer Seitenstraße verschwunden war.

Nina grinste über Marias derbe Wortwahl. Gemeinsam liefen sie los.

»Ich weiß schon, du darfst nichts sagen, aber es ärgert dich immer noch, dass er sich damals aus der Affäre ziehen konnte, oder?«

Maria winkte ab. »Der ist mit allen Wassern gewaschen.«

»Wusstest du, dass er im Sommer heiratet?«

»Ach?«

»Unser Bauleiter hat uns das erzählt. Herr Bruns ist ein alter Bekannter von meinem Schwiegervater und seit Jahrzehnten bei Ducros. Natürlich steht er voll hinter der Firma und sagt, es war alles ein Schmarrn, was in der Zeitung stand.«

»Genau wie damals keiner der Angestellten, besonders diejenigen, die noch für den Senior gearbeitet hatten, haben sich negativ über Dr. Ducros geäußert. Seid ihr über deinen Schwiegervater da gelandet?«

»Jens konnte irgendwie nicht ›nein‹ sagen. Du weißt ja, wie das manchmal ist. Die Firma hat trotz der Sache damals immer noch einen guten Ruf und das Angebot war in Ordnung, von daher war mir das egal. So eine Bekanntschaft hat Vorteile, aber es kann auch nach hinten losgehen.«

»Habt ihr Probleme?«

»Nein, bis jetzt nicht, jedenfalls nicht deswegen. Irgendein Depp hat bei der Bestellung für die Steine Mist gebaut, aber jetzt passt es. Interessant, dass Dr. Ducros mich gerade erkannt und darauf angesprochen hat. Dabei war er nur einmal ganz zu Anfang da, als auf dem Grundstück eingemessen wurde.«

»Ja, meistens hat er ein ziemlich gutes Gedächtnis«, bemerkte Maria trocken.

Während sie in gemächlichem Tempo um den Weiher trabten, plauderten sie über Ninas Pläne, wie das Haus und der Garten gestaltet werden sollten und schließlich über Marias Urlaub.

»Ist Olaf eigentlich immer noch sauer?«

»Der hat sich beruhigt. Gestern Abend waren wir beim Steinbachbräu. Großartig darüber geredet haben wir nicht, weil Franzi dabei war, aber er war wie immer liebenswürdig und bemüht. Es war wirklich nicht ganz die feine englische Art, ihm zu sagen, dass ich keine Lust auf einen Urlaub mit ihm habe.«

»Hast du das wegen Franzi gemacht? Oder auch sonst?«

Maria zuckte mit den Schultern. »Beides, glaube ich.«

Sie liefen hundert Meter schweigend nebeneinander her. Dann fragte Nina: »Wann redest du endlich mal mit ihm?«

»Worüber?«

Nina blieb stehen und hielt Maria am Arm zurück. »Dass du keine Lust mehr auf eine Beziehung mit ihm hast?« Sie sah Maria mit hochgezogenen Augenbrauen an. Dabei war deutlich zu erkennen, dass die Brauen wegen der Beule nicht auf derselben Höhe waren.

»Ach habe ich nicht?«, fragte Maria sarkastisch.

»Hör mal, ich bin nicht blöd. Seit wann kennt ihr euch? Fast ein Jahr! Ihr habt noch nie zusammen Urlaub gemacht, nicht mal ein Wochenendtrip. Du triffst ihn selten und es scheint, als fehlt er dir nicht mal ansatzweise, wenn du ihn länger nicht siehst. Und hast du gestern etwa bei ihm übernachtet? Oder er bei dir?«

»Franzi war mit.«

»Was für ein Zufall.«

Die Frauen sahen sich einen Moment an, dann liefen sie wie auf Kommando weiter.

»Hm«, brummte Maria.

»Machs kurz und schmerzlos.«

Mit deutlich zynischem Unterton stellte Maria fest: »Versuch du mal, einem Teddybären den Kopf abzureißen, wenn er dich mit seinen Knopfaugen ansieht.«

Nina lachte, wurde aber sehr schnell ernst. »Komm schon, das hat er echt nicht verdient.«

Maria seufzte. »Ich mag Olaf ehrlich. Und Franzi mag ihn eigentlich auch. Sie ist eifersüchtig, weil sie mich nicht mehr für sich hat, das ist alles. Irgendwann gibt sich das. Und außerdem fahre ich mit ihm am Samstag den ganzen Tag in die Therme nach Bad Windsheim.«

»Du musst es wissen.«

Sie erreichten eine Weggabelung. »Wie wäre es mit einer Schleife durch den Wald? Ich hab noch Zeit.«

Ohne allzu große Begeisterung bog Nina mit Maria ab. »Willst du eigentlich wirklich im Herbst einen kompletten Marathon laufen?«

Maria nickte. »Auf jeden Fall. Die Kripostaffel letztes Jahr beim Fränkische-Schweiz-Marathon hat viel Spaß gemacht. Im Oktober starte ich in München. Hast du nicht auch Lust?«

»Bloß nicht!«, wehrte Nina ab. »Ich steh lieber an der Strecke und jubel dir zu. Das heißt, sofern wir da nicht gerade umziehen und außerdem hätte ich wegen der Baustelle vorher gar keine Zeit fürs Training.«

»Dann bist du entschuldigt«, erwiderte Maria augenzwinkernd. »Aber nächstes Jahr hast du keine Ausrede mehr.«

»Allmächd! Was würde Jens dazu sagen, wenn ich noch mehr Kondition hätte?«, fragte Nina Augen rollend und ahmte eine leidende Sprechweise nach: »Oh nein, doch nicht wandern! Lass uns nur ein bisschen spazieren gehen, das reicht völlig.«

Maria kicherte. »Dabei täte ihm mehr Bewegung wirklich gut, als das bisschen Schwimmen beim Betriebssport. Er wirkt ziemlich unentspannt. «

Nina wirkte plötzlich wachsam. »Warum?«

»Jens war heute bei mir«, gab Maria zu. Sie mochte kein ›Um den heißen Brei‹-Gerede, sondern erzählte von Jens’ Besuch. »Ich hatte den Eindruck, er wollte aus einer Mücke keinen Elefanten machen, aber es beschäftigt ihn. Was war denn nun los am Wochenende?«

»Was soll schon los gewesen sein?« Nina klang plötzlich schnippisch. »Wie Jens es dir erzählt hat: Ich hab mich halt verlaufen.«

Maria warf ihrer Freundin einen Seitenblick zu. Ihr eigener Tonfall lag jetzt irgendwo zwischen skeptischer Belustigung und echter Besorgnis. »Nur verlaufen?«

Nina nickte ohne besonderen Nachdruck. Abrupt blieb Maria stehen. Nina lief noch ein paar Schritte und hielt ebenfalls an.

»Warum habe ich gerade ein komisches Gefühl?«

»Weiß ich doch nicht!« Nina wich dem Blick ihrer Freundin aus. Dann lief sie weiter.

Maria schloss auf. »Was hast du an deiner Schläfe gemacht?«

»Ich bin gestürzt. Im Wald. Als ich mich verlaufen habe.«

Für Marias Geschmack kam die Antwort zu schnell. »Und was war sonst noch? Außer verlaufen, meine ich?«

Abrupt änderte Nina die Richtung hin zu einem umgestürzten Baum abseits vom Weg. Mit einer Hand bedeckte sie Mund und Nase, kniff die Augen zusammen und ließ sich darauf sinken. Überrascht von dieser unerwartet heftigen Reaktion war Maria schon bei ihr und nahm sie in den Arm. Als Nina zusammenzuckte, erinnerte sich Maria, dass Jens von ›Kratzern‹ an ihrer Schulter gesprochen hatte.

»Hey, was ist passiert?«

Nina schluchzte ein paar Mal auf, bis sie tief durchatmete, um sich zu beruhigen. »Ich hab mich wirklich verlaufen. Ich hatte mein Handy nicht dabei, dann fing das Unwetter an. Ein Mann kam und Scheiße, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Er hat gesagt, ich soll mitkommen und ich hatte ja keine Ahnung, wo ich war.« Sie schniefte. Maria hörte mit gerunzelter Stirn zu. »Er brachte mich zu einem Haus. Vielleicht ein Wochenendhaus oder so. Da war sonst nichts weit und breit, kein Ort, einfach nichts. Und ich Wir unterhielten uns und irgendwann wollte ich gehen und dann dann « Nina vergrub ihr Gesicht an Marias Schulter. Maria lief es kalt den Rücken hinunter. Sie zwang ihre Stimme zur Ruhe. »Was hat er getan?« Sanft löste sie sich von ihr und deutete auf Ninas Prellung. »Hat er dich geschlagen?«

Heftig schüttelte Nina den Kopf. Maria schluckte hart. Ihr Instinkt sagte, dass die Antwort wahrscheinlich falsch war. Und dass der Mann vielleicht etwas anderes Schlimmeres getan hatte. »Hat er hat er dich zu irgendetwas gezwungen?«

Nina hatte die Augen geschlossen und gab ein ersticktes Geräusch von sich.

»Nina!«, rief Maria energisch. »Sieh mich an! Was ist passiert?«

Nina reagierte nicht.

»Nina!« Maria schüttelte ihre Freundin vorsichtig. »Komm schon. Erzähl es mir.«

Nina sah an Maria vorbei. Ihre Stimme klang belegt. »Er hat mir Schnaps gegeben. Ich ich trinke ja sonst nichts Er hatte die Tür abgeschlossen. Und «

»Hat er dich bedroht?«

»Ich ich dachte, er würde und er hat «

»Hat er dich vergewaltigt?«, hakte Maria diesmal sehr direkt nach.

»Ich will nicht, dass Jens davon erfährt.« Ninas Stimme war kaum hörbar.

»Warum?« Maria bemühte sich, ihre Betroffenheit nicht zu zeigen, aber es fiel ihr deutlich schwerer als im Dienst, die nötige innere Distanz zu wahren.

Nina stand auf und ging umher. Maria wartete. Sie wusste aus Erfahrung, dass es Opfern einer Vergewaltigung oft nicht leicht fiel, sich jemandem anzuvertrauen, dass viele ihre schrecklichen Erlebnisse wochen- oder monatelang mit sich herumtrugen, bis sie es jemandem erzählten, daher war sie froh, dass Nina jetzt mit ihr redete. Sie musste behutsam vorgehen.

»Es war meine Schuld. Ich hätte den Weg nicht allein gehen dürfen«, flüsterte Nina. »Du kennst doch Jens mit seiner Eifersucht. Er wird das alles nicht verstehen und mir vorwerfen, ich hätte mit Absicht « Sie fing an zu weinen.

Maria hatte das Gefühl, losschreien zu müssen. Nina reagierte, wie Maria schon unzählige Frauen hatte reagieren sehen. Wortlos nahm sie Nina in die Arme, wiegte sie tröstend hin und her, bis sie sich beruhigt hatte.

»Hey, sieh mich an«, sagte sie nach einer Weile sanft. Maria strich ihr ganz vorsichtig die Haare aus der Stirn. »Es war ganz sicher nicht deine Schuld. Hat er dir sehr weh getan?«

Schniefend schüttelte Nina den Kopf. »Ich möchte es einfach so schnell wie möglich vergessen.«

»Versteh ich.« Maria zögerte, aber die nächste Frage musste sie stellen. »Glaubst du, dieser Mann könnte das bereits öfter getan haben?«

»Nein!«, sagte Nina sofort. »Nein ich weiß nicht ich glaube nicht. Ich also nein.«

»Was hältst du davon, wenn wir zusammen zu den Kollegen nach Bayreuth fahren?«, meinte Maria vorsichtig. »Du könntest dir Fotos ansehen oder ihn beschreiben und Jens würde gar nichts davon erfahren.«

Nina machte sich von Maria los. »Der Typ kam nicht aus der Gegend.«

»Woher weißt du das?«

»Er hat es gesagt.«

»Er kann viel behaupten.«

»Er war zu Fuß unterwegs. Er hat eine Wanderung gemacht und einen Rucksack dabei.«

»Das bedeutet nichts«, erwiderte Maria. »Wie hieß er?«

»Das ist egal. Es war sowieso nicht sein richtiger Name.«

»Das mag sein, aber lass uns wenigstens «

»Nein!« Nina hatte ihre Hände zu Fäusten geballt. »Ich will das nicht, Maria. Ich hätte dir das nicht erzählen sollen. Also tu mir einen Gefallen und vergiss es einfach.« Sie wandte sich zum Weg, um weiter zu laufen.

Leise fluchend folgte Maria ihr. Natürlich konnte sie Nina und ihre Befürchtungen in Bezug auf Jens verstehen einerseits. Andererseits war Jens Polizist, daher konnte Maria sich nicht vorstellen, dass er wirklich behaupten würde, Nina habe ihn vorsätzlich betrogen. Schließlich hatte er das Hämatom an der Schläfe und die Blessuren an ihrer Schulter und Oberschenkeln bemerkt.

»Willst du nicht lieber zum Arzt?«

Nina sah stur geradeaus. »Ich bin nicht verletzt. Außerdem habe ich gleich am Sonntag geduscht, meine Sachen sind alle gewaschen und es gibt keine Spuren, falls du das meinst.« Beinahe trotzig schob sie das Kinn vor.

Maria biss sich auf die Unterlippe, um das nicht zu kommentieren. »Wie sah der Mann aus?«

»Warum willst du das wissen?«

»Falls dieser Typ das nicht zum ersten Mal gemacht hat, haben wir vielleicht eine Beschreibung und ich könnte «

Mit schriller Stimme betonte Nina jedes einzelne Wort. »Ich will keine Anzeige erstatten!«

Schweigend machten sie sich auf den Weg. Maria überlegte, ob sie noch einmal mit Jens sprechen sollte. Nina würde allerdings glauben, sie falle ihr in den Rücken. Vielleicht würde sie sogar alles abstreiten und ihre Freundschaft litte darunter. Alles, was sie damit bewirken würde, wäre eine Verschlimmerung der Situa­tion. Es widerstrebte Maria zutiefst, doch für den Moment hatte sie wohl keine andere Wahl, als abzuwarten und ihrer Freundin gut zuzureden, sooft sie die Möglichkeit dazu bekam. Nina hatte alle möglichen Hinweise auf den Täter systematisch vernichtet. In ihren Augen waren es wohl Beweise gewesen, die Jens gegen sie benutzen konnte. Insgeheim beschloss Maria jedoch, sich die Liste der im Umkreis von Bayreuth gemeldeten Sexualstraftäter zu beschaffen, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wie der Typ aussah oder wie alt er war.

»Tut mir leid«, seufzte Maria, kurz bevor sie zurück nach Dechsendorf kamen. »Ich wollte dich nicht bedrängen.«

»Sag Jens nichts davon. Bitte, Maria. Ich will das nicht.«

»Wofür hältst du mich?« Maria bemühte sich um einen lockeren Tonfall.

»Für eine Polizistin«, antwortete Nina zynisch.

»Wenn ich diesen Scheißkerl zufällig in die Finger kriege, darf ich ihn aber verhaften, ja? Und keine Sorge, ich werde Jens nichts sagen.«

Nina, die unter der verschwitzten Röte ziemlich blass wirkte, verfiel ins Gehen. »Danke. Wenn Also, falls ich es mir anders überlege wegen der Anzeige, rufe ich dich an.«

In Marias Ohren klang das viel zu lahm, um ernst gemeint zu sein. Zumindest für den Moment. »Oder falls du einfach darüber reden willst«, fügte sie eindringlich hinzu. »Manchmal hilft das und ich möchte nicht, dass du da irgendeinen Knacks zurückbehältst! Das ist es nicht wert.«

Vorsichtig wischte sich Nina den Schweiß von der Stirn. »Ich will einfach nicht mehr dran denken. Das reicht schon, ehrlich.«

Sie schlenderten die letzten Meter zu Ninas Auto. Maria fragte Nina entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit nicht, ob sie noch Lust hatte, mit zu ihr zu kommen. Sie hätte wahrscheinlich wieder davon angefangen und das wollte sie nicht, um ihre Freundin nicht noch mehr in die Defensive zu drängen. Nina schien es zu ahnen und so verabschiedeten sie sich wortkarg. Während Maria das kurze Stück nach Hause lief, ging ihr Ninas Gesichtsausdruck nicht aus dem Kopf. Er ähnelte dem, den Maria schon oft bei Tatverdächtigen gesehen hatte eine Mischung aus Angst und schlechtem Gewissen. So schwer es Maria fiel, sie schob die Gedanken beiseite, denn sie durfte sich nicht ungefragt in Ninas Leben und vor allem nicht ihre Beziehung einmischen. Nina würde sich bei ihr melden, wenn es wichtig wäre und Jens würde sie notfalls anlügen müssen, was ihr jedoch gar nicht behagte.