Dienstag, 19. Mai 2009
Aus: Neustädter Landeszeitung, ›Keine Schweinegrippe im Landkreis Neustadt/Aisch‹
Die Erkrankungswelle, die seit knapp drei Wochen in Neustadt/Aisch und der Umgebung zahlreiche Menschen betroffen hat, hat nichts mit der Schweinegrippe zu tun, verlautbarte das Gesundheitsamt des Landkreises. Bei keinem der Patienten konnte das für die Schweinegrippe verantwortliche Virus vom Typ H1N1 nachgewiesen werden.
Frauenaurach
Während sie auf dem Rand der Badewanne hockte, biss Nina sich in die Fingerkuppen. Sie verschränkte ihre Arme und tappte mit dem Fuß auf. Fünf Minuten konnten unendlich lang sein. Sie hatte ihre Zähne geputzt, das Gesicht eingecremt und gepudert, die Haare gebürstet und immer noch stand die Anzeige der Digitaluhr nicht auf 06:35 Uhr. Wahrscheinlich machten die paar Sekunden nichts mehr aus. Kurz entschlossen stand sie auf, um nach dem Schwangerschaftstest zu greifen, den sie umgekehrt neben die wuchernde Grünlilie auf die Fensterbank gelegt hatte. Es hätte sie nervös gemacht, die ganze Zeit darauf zu starren.
Sie schloss kurz die Augen, bevor sie auf das Ergebnis sah. Ihr Herz machte einen Sprung. Neben dem blauen Streifen, der anzeigte, dass der Test funktioniert hatte, war ein zweiter! Sie war schwanger. Endlich! Ihre Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln, das breiter und breiter wurde.
»Brauchst du noch lange?« Jens, der erst vor einigen Minuten von der Nachtschicht zurückgekommen war, klopfte leicht gegen die Tür.
»Moment!« Schnell verstaute Nina den Test in einer Packung Damenbinden im Schrank unter dem Waschbecken. Beim Klang von Jens’ Stimme kam ihre Nervosität zurück. Sie biss sich auf die Lippen, damit sie ihre Gesichtszüge halbwegs unter Kontrolle brachte, bevor sie die Tür aufmachte. »Fertig!« Sie stellte sich auf die Zehen, um ihm einen Kuss auf die Nase zu geben.
Müde grinsend schlang er die Arme um sie. »Du hast aber gute Laune!«
»Wie war dein Dienst? Viel los heute Nacht?«
Er gähnte herzhaft. »Nein. Eher zu wenig. Das macht träge.«
Leise lachend schmiegte sie sich an ihn. Er legte seinen Kopf auf ihren und kraulte ihr den Nacken. Einen Moment standen sie einfach da, schließlich schnüffelte er an ihrem Haar und hinter ihrem Ohr, bis sie kicherte. »Du riechst gut.«
Sie rümpfte übertrieben die Nase. »Du nicht!«
Er drückte ihr noch einen Kuss auf die Stirn. »Dann dusche ich wohl lieber. Krieg ich noch einen Tee, bevor ich schlafen gehe, oder hast du keine Zeit?« Da sie nicht sofort antwortete, sah er sie an. »Was ist los?«, fragte er stirnrunzelnd. »Hab ich irgendwas nicht mitgekriegt?«
Sie versuchte krampfhaft, ihr Lächeln zu unterdrücken, aber es gelang ihr kaum. »Nein, ich hab einfach gute Laune. Was für einen Tee möchtest du?«
»Egal. Früchte.«
Kurz darauf saßen sie gemeinsam in ihrer kleinen Küche. Nina hatte nicht nur eine große Kanne Früchtetee gekocht, sondern auch den Tisch gedeckt. Die erste Euphorie über ihre Schwangerschaft war verschwunden, daher überlegte sie jetzt unsicher, wie sie es Jens beibringen sollte. Er hatte Kinder sehr gern, doch bisher hatte er sie immer vertröstet, wenn sie das Thema Familienplanung zur Sprache gebracht hatte. Erst ging es ihm zu schnell, weil er eine unschöne Trennung hinter sich hatte und lieber warten wollte. Einige Jahre später war sein Schwager gestorben. Daher hatten sich Nina und er oft um die beiden Kinder gekümmert, um Jens’ Schwester zu entlasten. Schließlich fand Jens ihre Wohnung zu klein, was gerade während der Zeit, in der seine beiden Nichten öfter da waren, deutlich geworden war. Neuerdings hatte er sich darauf verlegt, dass das Geld wegen des Hausbaus knapp werden könnte, wenn sie nicht beide arbeiten gingen. Ninas Berechnungen kamen jedoch zu einem anderen Ergebnis.
Vor ein paar Monaten hatte sie schließlich die Pille abgesetzt – allerdings ohne mit Jens darüber zu sprechen. Gerade nachdem sie gesehen hatte, wie er in die Ersatz-Vaterrolle für seine Nichten geschlüpft war, war sie sicher, dass er sich am Ende freuen würde, wenn – rein zufällig natürlich – ihre Verhütung versagte. So etwas kam schließlich vor. Und das mit dem Geld würde sich regeln.
Mit dem dampfenden Tee in der Hand wirkte Jens nach der Dusche mit sich und der Welt zufrieden. Er belegte sich sein Brot dick mit Schinken. Nina begnügte sich mit einer halben Schnitte mit wenig Butter und einem kleinen Klecks Marmelade. In den letzten Tagen war ihr morgens meist schlecht gewesen. Übergeben musste sie sich bisher nicht, Appetit hatte sie in der Früh allerdings auch keinen – andererseits wurde das Unwohlsein eher schlimmer als besser, wenn sie gar nichts aß.
Jens schnitt ein Stück Käse ab und reichte es ihr. »Appenzeller«, meinte er. »Magst du doch so gern.«
Das stimmte zwar, aber allein der Geruch, der zu ihr herüberwehte, drehte ihr jetzt den Magen um. Sie schüttelte ablehnend den Kopf, nahm ihren Tee und atmete den süßlichen Duft ein. »Bei mir in der Klasse geht gerade die Magen-Darm-Grippe um.«
»Ach so. Deswegen trinkst du auch keinen Kaffee«, erwiderte Jens und biss in den Käse. Besorgt musterte er sie. »Ist dir denn schlecht?«
»Ach, geht schon«, wiegelte sie ab und ärgerte sich gleichzeitig, dass sie nicht die Gelegenheit ergriffen hatten, um eine Andeutung zu machen.
Jens rekelte sich. »Ich fahre nachher mal nach Weisendorf und seh’ nach dem Rechten. Wir müssen uns bald mit dem Ofenbauer treffen und die Kacheln aussuchen. Schreib mir doch mal auf, wann du nicht kannst – nach der Schule meine ich.«
Nina nickte. Dann fasste sie sich ein Herz. »Sag mal, das Zimmer neben unserem Schlafzimmer im neuen Haus, also das, was ich nehmen wollte … ich könnte mein Büro eigentlich oben unters Dach machen, findest du nicht?«
Überrascht hob Jens die Brauen. »Und was sollen wir mit dem Zimmer machen? Außerdem wollen wir das Dach erst später ausbauen. Oder stört es dich neuerdings, wenn ich nebenan Musik höre?« Sie hatten für jeden ein Zimmer im Obergeschoss geplant.
Andächtig schüttete Nina sich noch einen Tee ein, während sie sich überlegte, wie sie es formulieren sollte. »Na ja«, begann sie schließlich zögernd, »vielleicht brauchen wir das Zimmer ja demnächst für etwas anderes …« In einer bedeutungsvollen Pause lächelte sie Jens vielsagend zu.
Sie hatte mit einem verständnislosen Blick gerechnet. Vielleicht sogar damit, dass bei ihm der Groschen fiel – besonders, weil sie in der letzten Zeit sehr häufig die Sprache auf Kinder gebracht hatte. Seine Reaktion war jedoch nicht so, wie sie geglaubt hatte. Absolut nicht. Von einer Sekunde zur anderen war ihre Freude verflogen. Jens Gesichtszüge wirkten plötzlich wie eine Maske. Sie konnte sehen, wie sein Adamsapfel hüpfte, während er schwer schluckte. Langsam legte er das Stück Appenzeller auf das Frühstücksbrettchen. Ein paar Mal schob er es mit der Fingerspitze hin und her, bevor er Nina ansah.
»Nina … ich … ich muss dir was sagen.«
Nina saß steif auf ihrem Stuhl und wagte nicht, ihn anzusehen.
Er atmete tief durch, als müsse er sich wappnen. Seine Stimme war leise: »Ich … ich glaube, ich bin unfruchtbar.«
Nina wusste, sie sollte reagieren. Irgendetwas sagen. Aber sie konnte es nicht. Sie konnte Jens nur anstarren. Er schien ihre Fassungslosigkeit nicht zu bemerken. Vielleicht hatte er mit seinen eigenen Gefühlen zu kämpfen. Er fixierte seine fast leere Teetasse, in der er mit enervierendem Geräusch den Löffel über den Boden schaben ließ.
»Du weißt doch, dass ich damals, bevor ich zur Polizeischule ging, mit Thorsten diese Rucksackreise gemacht habe. Wir haben da ja ewig drauf gespart. Indien, Thailand und so. Ach Scheiße …« Er rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Wir haben viel Blödsinn gemacht und … wir waren … in … einem Bordell. Ich bin da nicht stolz drauf«, beeilte er sich zu sagen.
»Nein!« Abrupt stand Nina auf.
Jens zuckte zusammen und hob beschwichtigend die Hände. »Nina, das ist fünfzehn Jahre her. Wir beide kannten uns ja noch gar nicht.«
»Erzähl weiter.« Ihre Stimmer klang dünn, obwohl es sie tatsächlich nur mäßig entsetzte, dass er in einem Bordell gewesen war. Natürlich wusste sie, dass junge Männer über die Stränge schlugen. Jens antwortete nicht sofort, also ließ sie sich auf der Stuhlkante nieder.
Er schaute ihr nicht in die Augen. »Ich habe mir damals einen Tripper eingefangen«, sagte er fast tonlos. »Ich hab es nicht gemerkt, weil wir noch ein paar Wochen unterwegs waren, und dachte, es sei ein Pilz oder ein Harnwegsinfekt wegen der unsauberen Klos. Als ich zurück war, bin ich zum Urologen. Ich hatte damals eine ziemlich heftige Nebenhodenentzündung. Es hat ewig gedauert, bis alles abgeheilt war. Der Arzt damals meinte, ich solle zur Sicherheit ein Spermiogramm machen lassen.«
Es entstand eine lange Pause, bis Nina sich zu fragen traute: »Und?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich habe es nicht gemacht.«
»Ja … dann ist es gar nicht sicher«, meinte Nina vorsichtig. Sie sollte erleichtert sein, denn offenbar stand der Beweis schwarz auf weiß noch aus, aber sie war es nicht.
Jetzt suchte er ihren Blick – traurig. »Ramona und ich haben fast zwei Jahre miteinander geschlafen, ohne zu verhüten. Wir haben uns zwar gewundert, aber … wir haben uns irgendwie keine Gedanken gemacht. Als wir uns getrennt haben, war ich froh, dass wir keine Kinder hatten. Letztes Jahr habe ich zufällig gehört, dass Ramona mit diesem Typen von damals verheiratet ist und sie ein Kind haben. Also …« Er machte eine unbestimmte Handbewegung.
»Warum hast du mir das nie erzählt?«
Er zuckte mit den Schultern und wirkte selbst vollkommen erschüttert von seinem Geständnis.
»Mein Gott, Jens!« Still sitzen war nicht möglich. Sie lief in der kleinen Küche auf und ab. »Du hättest es mir sagen sollen! Vielleicht bist du ja gar nicht unfruchtbar.« Sie deutete mit dem Finger auf ihn. »Bitte, Jens. Mach einen Test. So schnell wie möglich!«
Er nickte kläglich. Dann stand er auf und nahm Nina bei der Hand. »Schatz, ich … es tut mir leid.«
Nina schluckte. »Und wenn … falls du doch … würdest du ein Kind wollen?«
Ein trauriges Lächeln erschien auf Jens’ Gesicht und er strich ihr zart über die Wange. »Darüber reden wir, wenn wir es wissen. Aber mach dir lieber keine Hoffnung, in Ordnung?« Vorsichtig nahm er sie in die Arme und streichelte über ihren Rücken.
Nina ließ es geschehen. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter, ohne Chance, die Tränen zu unterdrücken, die ihr plötzlich in die Augen schossen. Jens wiegte sie hin und her und sie spürte, dass auch er weinte. Sie dachte an den positiven Schwangerschaftstest, den sie in der Hand gehalten hatte und die winzigen Veränderungen an ihrem Körper, die sie beobachtet hatte. Beides ließ sich nicht leugnen. Die ganze Zeit hatte sie nicht daran gedacht, dass es möglicherweise gar nicht Jens’ Kind war. Jetzt traf es sie wie ein Keulenschlag. Sie musste Jens unter allen Umständen die Wahrheit sagen – selbst wenn seine Befürchtung sich nicht bestätigte. Ihm ein Kind unterschieben – das brächte sie nicht fertig. Sie dachte an ihr Gespräch mit Maria, die sie seitdem nicht mehr gesehen hatte. Was sollte sie tun, wenn es sicher das Kind dieses Fremden war? Das Kind eines Terroristen? Eines Mörders? Sie dachte an die Menschen in Berlin, die bei dem Anschlag gestorben waren.
Das Kind war doch auch ein Teil von ihr!
Schluchzend klammerte sie sich an Jens und versuchte krampfhaft, nicht völlig die Beherrschung zu verlieren.