Donnerstag, 28. Mai 2009

 

Bergkirchweih, nach dem Anstich am Entlas-Keller

 

Ich streich durch die Stadt, es ist halb drei,

heut geb ich mir mal Hitzefrei.

Die Sonne treibt ihr heißes Spiel

und Leute schlecken Eis am Stiel.

Die Frauen sind der pure Traum,

mit kurzem Kleid und so schön braun.

Ein Tag, den einfach jeder mag,

bei über 30 Grad!

Summerfeeling, ich hab Summerfeeling, jieäah,

Summerfeeling, o oh Summerfeeling, jieäah

 

Der typische Duft, der allen Volksfesten gleichermaßen inne war, waberte zwischen den Buden und Karussells am Fuße des Burgbergs umher. Nürnberger Bratwürste brutzelten auf den Grills, ebenso wie Fisch, Fleisch und Gemüse. Das Aroma der riesigen, frisch gebackenen Bergbrezn vermischte sich mit dem Geruch nach gebrannten Mandeln und Nüssen. Vor dem Lángos-Stand nahm die Schlange kein Ende. Unter den Schatten spendenden Bäumen tummelten sich Besucher jeden Alters. Ein kleiner Junge bettelte um Zuckerwatte. Ein Mädchen zupfte aufgeregt am Ärmel ihrer Mutter und deutete auf das Karussell. Zwei Teenager liefen um die Wette zum Autoscooter.

Der Lärm ringsum war ein buntes Durcheinander von Popmusik und Kinderliedern, von den Rufen der Losverkäufer und des Blumen-Auktionators und natürlich von den lautmalerisch unübertroffenen Äußerungen der Mikrofonhüter an den Fahrgeschäften.

 

…»Du, ich kann das auch in Moll!«

Summertime, and the livin’ is easy.

Fish are jumpin’, and the cotton is high …

 

Maria nahm nichts von der Musik wahr. Ihre Augen huschten über die Menge. Sie sah Jens mit zwei seiner Kollegen vom Einsatzzug Streife gehen. Er hatte es geschafft, kurzfristig mit jemandem den Dienst zu tauschen. Er war blass und Maria war sicher, dass er die letzten Nächte auch nicht gut geschlafen hatte. Plötzlich entdeckte sie zwischen all den Menschen ein Paar mit Kinderwagen.

»Susanne! Was macht ihr denn hier?«

»Maria!«

Susanne, die Kollegin, mit der Maria fast während ihrer gesamten Zeit in Erlangen zusammengearbeitet hatte, strahlte mit der Sonne um die Wette. Ihr Mann schob stolz den modernen, dreirädrigen Kinderwagen vor sich her.

Anstatt sich über die unerwartete Begegnung zu freuen und Susannes Tochter ordentlich zu bewundern, sah Maria ihre ehemalige Kollegin ernst an. »Ihr müsst hier verschwinden! Sofort.«

Auf der Stelle wurde Susanne blass. Sie sagte nichts, sondern sah Maria an, die sich stirnrunzelnd und unauffällig umsah. Susanne bemühte sich sichtlich um dieselbe Gelassenheit, die sie im Dienst jahrelang an den Tag gelegt hatte. Doch der ängstliche Blick zu ihrer Tochter sprach Bände.

»Was ist denn?«, fragte ihr Mann ahnungslos. Sein Lächeln hatte sich nicht verändert.

Maria deutete weg vom Festgelände. »Geht in die Richtung. Ich ruf dich an, sobald ich kann.«

Susanne nickte. »Wegen gestern?« Offenbar dachte sie sofort an den ›vermeintlich‹ entflohenen Terroristen.

»Verdeckter Einsatz.«

Ohne ein weiteres Wort übernahm Susanne mit festem Griff den Kinderwagen und lotste ihren Mann fort, der sich noch einmal verwundert umdrehte. Maria war unruhig. Eigentlich hatten sie damit gerechnet, dass Eichmüller beim Anstich am Entlas-Keller in der Menschenmenge sein würde, doch nirgends war er aufgetaucht. Sie hoffte nicht, dass sie ihn übersehen hatten. Jetzt blieb ihnen nichts anderes übrig, als das Gelände im Auge zu behalten. Doch sie waren nur zu fünft, und Maria hoffte inständig, dass sich das nicht als Fehler erwies. Sie verstand plötzlich, wie Perez sich wegen der Anschläge in Berlin fühlte und fragte sich nun ebenfalls, ob sie gerade überhaupt das Richtige taten.

Der Brand im Institut war natürlich nicht zufällig entstanden. Die bisher untersuchte Spurenlage ließ eigentlich nur den Schluss zu, dass es sich um Brandstiftung handelte. Sie musste kein Experte sein, um anzunehmen, dass Eichmüller damit Spuren vernichten wollte. Er selbst war seitdem verschwunden, in seinem Haus gab es ebenfalls keine verwertbaren Hinweise. Die Löscharbeiten im Institut hatten bis in die Morgenstunden gedauert und die Aufräumarbeiten waren noch im Gange.

Mit Sicherheit steckte sachliches Kalkül hinter alldem. Er konnte heute oder morgen einfach auftauchen und behaupten, er sei kurzzeitig verreist gewesen das war schließlich nicht strafbar. Und wenn sie ihn nicht auf frischer Tat ertappten, würde es fast unmöglich sein, ihm eine Beteiligung an der Entwicklung des Erregers nachzuweisen. Er konnte immer noch behaupten, das kb hätte ihn unter Druck gesetzt. Schlimmstenfalls könnte Perez als befangen gelten. Es war einfach wie verhext.

Gerade wollte Maria sich zurück auf ihren Beobachtungsposten begeben, als Holzapfel auf sie zu kam. Er hatte seine Mundwinkel nach oben gezogen und legte seine Hand auf ihre Hüfte, als habe er sie endlich im Gewühl entdeckt und begrüße sie. Doch aus der Nähe sah sie die Schweißtropfen auf seiner Stirn, die seine Anspannung verrieten. Sie neigte sich ihm zu.

»Michelle hat gerade angerufen«, sagte er. »Sie glaubt, er sei gerade durch den Burgberggarten gekommen, ist sich aber nicht ganz sicher. Gehen wir hin?«

Sie nickte und hakte sich bei ihm unter. Ohne sichtliche Eile schlenderten sie los und nahmen dabei denselben Weg, den auch Jens und seine Kollegen gegangen waren. Die Karussells waren alle in Betrieb und es hatten sich bereits viele Fahrgäste eingefunden. Musik schallte aus allen Richtungen.

Für Marias Empfinden dauerte es viel zu lange, bis sie im Getümmel endlich die Stelle erreicht hatten, an der Eichmüller vorbeigekommen sein musste. Sie blieben stehen.

»Hier ist er nicht«, meinte Holzapfel.

Sie zückte ihr Handy. »Michelle, bist du sicher, dass er es war?«

»Nein«, gab die junge Frau kleinlaut zu. »Tut mir leid. Hier sind so viele Leute und irgendwie habe ich den Überblick verloren.«

Holzapfel, der zwar nicht gehört hatte, was Michelle gesagt hatte, aber der Marias Miene genau beobachtet hatte, schüttelte den Kopf. »Sag ihr, sie soll zu uns kommen. Das hat so keinen Sinn. Wir müssen uns etwas anderes überlegen.«

Maria gab Holzapfels Worte an Michelle weiter und bald darauf stieß sie zu ihnen. In diesem Moment klingelte Marias Handy.

 

 

In der Nähe des Riesenrads

 

Ziellos streifte Nina über das Gelände der Bergkirchweih. Sie hatte angeboten zu helfen, allerdings hatten sowohl Maria als auch Paul das bei einer mitternächtlichen gemeinsamen Besprechung rigoros abgelehnt. Beide hatten ihr klar gemacht, dass es besser sei, wenn sie sich nicht in Gefahr brachte schon allein, weil sie schwanger war. Perez hatte sie überrascht angesehen. Bis zu diesem Moment hatte er ihr nicht wirklich geglaubt, sich dann aber ebenfalls gegen eine Teilnahme ausgesprochen. Jens hatte dazu geschwiegen.

Als Jens heute Mittag das Haus verließ, um zum Dienst zu gehen, hatte er sie lange angesehen, doch als sie glaubte, er wolle etwas sagen, hatte er sich umgedreht. Zu Hause hatte sie es nicht lange ausgehalten und beschlossen, dass sie ebenfalls Ausschau halten konnte. Aus dem Internet hatte sie ein Foto von Eichmüller auf ihr Handy geladen, so konnte sie es unauffällig ansehen, falls ihr ein Mann begegnete, der Eichmüller ähnlich sah. Außerdem besaß sie ja Marias und Pauls Handynummer. Wenn sie etwas sah, würde sie einfach anrufen.

Gegenüber vom Eingang zum Riesenrad blieb sie stehen, um zu überlegen, wohin sie jetzt gehen sollte.

»Was machst du denn hier?«

Sie drehte sich um und stand dicht vor Perez, der Baseballcap und Sonnenbrille trug. »Weiß du, wo Jens ist?«, fragte sie, ohne auf den unterschwelligen Vorwurf einzugehen.

»Keine Ahnung.« Perez’ Blick schweifte unablässig umher. »Ich suche ihn auch. Da drüben sind nämlich ein paar Leute, die mir schon eine ganze Weile folgen. Ich hab so ein dummes Gefühl dabei.«

»Glaubst du, die haben dich erkannt?«

Perez machte ein ärgerliches Geräusch. »Wäre kein Wunder. Das Fahndungsbild wurde ja Dank der Zeichenkünste deiner sympathischen Kollegin erneuert. Komm mit, vielleicht lenkt sie das ab, bis wir Jens gefunden haben.«

Widerwillig marschierte sie an seiner Seite den Hauptweg entlang. An eine Unterhaltung war nicht zu denken, denn beide musterten die Leute, denen sie begegneten. Dann berührte Perez Nina am Arm.

»Da drüben ist dein Mann. Kannst du ihn herholen? Aber nur ihn, hörst du. Nicht seine Kollegen.«

Sie nickte. Ihr Herz klopfte heftig, als sie mit aufgesetztem Lächeln zu Jens ging, ihm einen Kuss gab, als sei nichts geschehen. Seine Bestürzung deuteten seine Kollegen allerdings als Überraschung. Sie bat Jens, mit ihr zu kommen. Es gelang ihm, seinen Kollegen gegenüber ein halbwegs gut gelauntes Gesicht aufzusetzen und folgte Nina.

Er musterte Perez mit unverhohlener Abneigung, als er ihn sah. »Was willst du?«

»Erstens hatte ich gerade das Gefühl, dass mich ein paar Leute erkannt haben und gäbe es eine bessere Tarnung, als mit einem Freund und Helfer zu reden?« Er zeigte seine Zähne beim Lächeln.

Jens bemühte sich um ein freundliches Gesicht. Doch seine Augen wirkten, als wolle er Perez mit Blicken erdolchen.

»Und zweitens solltest du deiner Frau hier sagen, sie soll verschwinden. Am besten sofort.«

»Sag du es ihr«, erwiderte Jens gereizt. »Du hast sie hierher gebracht.«

»Ich bin allein hergekommen und habe Perez zufällig getroffen«, stellte Nina klar.

Die Augen von Perez waren hinter den getönten Gläsern der Sonnenbrille nicht zu sehen, dem Ausdruck seines übrigen Gesichts war jedoch eine gewisse Ungeduld anzumerken. »Sie ist deine Frau und nicht meine, Jens. Hör zu, hier ist eigentlich nicht der richtige Ort aber es tut mir leid, was passiert ist, von mir aus hau mir später eine rein, nur gib nicht ihr die Schuld daran!«

»Sie hätte ganz einfach ›Nein‹ sagen können!«

»Sie hatte keine Wahl!«

»Versuchst du mir gerade weißzumachen, du hast sie vergewaltigt? Dann zeig ich dich an!«

»Jens!«

»Ach, verpisst euch!« Jens wollte sich umdrehen und gehen, als Perez ihn am Arm festhielt. Jens funkelte ihn böse an. »Nimm deine dreckigen Pfoten da weg!«

»Deine Frau ist schwanger. Du kannst sie jetzt nicht einfach sitzen lassen!«

»Lass mich los!« Jens betonte jedes einzelne Wort und wirkte wie eine Bombe, die jeden Moment hochgeht.

»Er weiß es nicht, Jens«, sagte Nina da.

Jens lachte freudlos. »Wie bitte?«

»Ich weiß was nicht?«, fragte Perez irritiert.

Sekundenlang sagte niemand etwas. Schließlich verkündete Jens in ätzendem Tonfall: »Herzlichen Glückwunsch. Du wirst Vater. Ich bin nämlich nicht zeugungsfähig.«

Mit halb offenem Mund starrte Perez ihn an.

In diesem Moment fiel Nina ein Mann auf, der langsam hinter den Männern herging. Er trug knallbunte Kleidung, einen Zylinder und eine große witzige Brille. Auf dem Rücken hatte er einen Rucksack in Form eines überdimensionalen Bierglases, aus dem ein Schlauch herausschaute. Die Schlauchspitze hatte die Form eines Benzinzapfhahns. Viele Menschen deuteten auf ihn, Kinder lachten, doch anstatt die ausgelassenen Rufe zu erwidern, hatte er seine Lippen zusammengekniffen.

»Nicht umdrehen! Hinter euch ist Eichmüller«, sagte sie mit gesenkter Stimme.

Perez fand als Erster zu seiner Fassung zurück. »Was tut er?«

»Er hat so einen Bierrucksack auf dem Rücken. Jetzt sprechen ihn Leute an und wollen, dass er ihnen die Becher voll macht. Er tut es aber nicht.«

Perez zückte sein Handy. Während er die Kurzwahltaste betätigte, warf er einen Blick über die Schulter. »Maria? Am Riesenrad! Beeilt euch!«

Unauffällig legte er seine Rechte auf die Stelle, an der er seine Waffe trug. Dann sah er Jens an. Der war kalkweiß im Gesicht, erwiderte aber entschlossen den Blick.

Zwei Paar Augen wandten sich Nina zu. Eindringlich. Und sie gaben ihr den stummen Befehl: »Lauf!«

Sie drückte Jens eiskalte Hand. »Sei vorsichtig!« Dann drehte sie sich um und ging.

 

»Ist das da nicht deine Freundin?«, fragte Holzapfel, während er mit Maria und Michelle im Eiltempo Richtung Riesenrad unterwegs war.

Maria drängte sich zwischen einigen Leuten durch und ignorierte die bösen Blicke, die sie dabei erntete. Erschrocken fuhr Nina zusammen, als Maria sie plötzlich am Arm festhielt.

Dann erkannte sie ihre Freundin. »Eichmüller ist da hinten beim Riesenrad. Jens und Perez sind auch da.«

»Was haben die beiden vor?« Maria reckte sich, um in Richtung Riesenrad zu sehen, konnte jedoch nichts erkennen. Das war erst einmal gut, denn zumindest schien Eichmüller die Bakterien noch nicht zu verbreiten, denn sonst hätte Perez, wie sie glaubte, ohne Zögern und ohne Rücksicht auf einen Aufruhr eingegriffen. Ein unkontrollierter Alleingang war das Letzte, was sie brauchen konnten.

»Sie haben mir nichts gesagt.« Ängstlich sah Nina sich um, wobei sie trotzdem Anstalten machte, sich Maria anzuschließen.

Maria hielt sie zurück. Sie traf eine Entscheidung. »Michelle, du und Nina, ihr geht zur Wache. Wir brauchen sofort Verstärkung. Sagt ihnen alles, was nötig ist.«

Michelle nickte und lief mit Nina los, während Maria und Holzapfel in Richtung Riesenrad spurteten, Holzapfel trotz seines Körperbaus erstaunlich behände. Kurz vorher wurden sie langsamer, um nicht noch mehr unnötige Aufmerksamkeit zu erregen. Die Schlange am Kassenhäuschen war lang und bot ihnen Deckung. Vorsichtig umrundeten sie die ahnungslosen Menschen.

»Siehst du was?«, fragte Holzapfel leicht atemlos.

Maria schüttelte den Kopf. Sie nahm ihr Handy. »Perez? Wo seid ihr? Und wo ist Eichmüller?«

»Er ist der mit dem Bierrucksack. Wir sind ganz in seiner Nähe.« Maria spähte durch die Menschenmenge. Eichmüller hatte ihnen den Rücken zugewandt, daher hatte sie ihn noch nicht erkannt. Er stand auf der anderen Seite des Kassenhäuschens direkt am Zaun, der das Podest zum Riesenrad umfasste. An seinem Gürtel baumelten Plastikbecher, in seiner Hand hielt er den Zapfhahn. Trotz der Sommerwärme wurde Maria mit einem Mal eiskalt. Freibier auf dem Berg oder auf unzähligen andern Volksfesten im ganzen Land, die im Laufe des Sommers stattfinden würden eine so raffinierte Art der Verbreitung würde niemandem auffallen. Auf diese Weise könnte Eichmüller ohne Weiteres Tausende infizieren.

Sie schluckte. »Ja, ich sehe ihn. Hat er schon etwas von dem Zeug ausgeschenkt?«

»Nicht, seitdem wir ihn beobachten.«

Maria verbot sich erleichtert zu sein. Falls er bereits etwas von dem kontaminierten Getränk verbreitet hatte, konnten sie nur auf die Wirksamkeit von Leibls Phagen hoffen.

»Wir kreisen ihn ein«, sagte sie entschieden.

Inzwischen hatte sie Perez und Jens entdeckt. Perez hatte seine Sonnenbrille abgesetzt. Ein paar Leute drehten sich nach ihm um.

»Ich kann euch sehen. Wir haben Eichmüller fast zwischen uns. Jens nach links, du nach rechts. Sobald ihr Paul und mich seht, dann Zugriff auf mein Zeichen. Weißt du, ob er bewaffnet ist?«

Perez lachte heiser. »Zählen zwanzig Liter verpestetes Bier dazu?«

Trotz der Anspannung lächelte Maria. »Also weißt du es nicht?«

»Wenn er mit Schusswaffen umgehen könnte, wüsste ich davon. Nein, er ist nicht bewaffnet.«

Maria blieb nichts anderes übrig, als Perez zu glauben. »Gut. Los jetzt.«

Ebenso wie Maria zog Holzapfel, der mitgehört hatte, unauffällig seine Waffe. Sie trennten sich. Maria ging auf Perez zu, der mit vorgetäuschtem Desinteresse und gesenktem Blick wie ziellos in Richtung seines Schwagers schlenderte. Paul und Jens näherten sich Eichmüller von entgegengesetzten Richtungen am Zaun entlang. Maria wartete auf einen günstigen Moment, doch immer wieder kamen ihnen Festbesucher in die Quere.

Plötzlich richtete sich Eichmüller auf. Den Zapfhahn hielt er wie eine Pistole vor sich. Er zielte direkt auf Perez, der höchstens drei Meter von ihm entfernt stehen geblieben war. Einen Herzschlag lang sahen sich beide in die Augen.

Eichmüllers Gesicht verzerrte sich. In Zeitlupentempo richtete Perez seine Waffe auf ihn. Eine Frau in seiner unmittelbaren Nähe kreischte erschrocken.

»Verdammt!« Maria machte einen Schritt auf Perez zu und stolperte dabei fast über ein Kleinkind an der Hand seiner Mutter.

Die Menschen stoben auseinander. Holzapfel wurde abgedrängt, während er versuchte, Leute daran zu hindern, mitten durch die Szenerie zu stürmen, um zu Familienmitgliedern oder Freunden zu gelangen. Jens in seiner Uniform gelang das etwas leichter. Lauthals rief er Befehle in die Menge. Die meisten gehorchten, doch einige stolperten in heller Panik umher.

»Dr. Eichmüller! Geben Sie auf!« Maria stellte sich neben Perez, ihre Waffe ebenfalls auf den Wissenschaftler gerichtet.

Eichmüller beachtete sie nicht. Er sah nur Perez an. »Du warst das die ganze Zeit! Ich hätte es wissen müssen. Jugendkriminalität! Dass ich nicht lache, das hab ich dir sowieso nie abgenommen.«

»Hör endlich auf, Leonhard«, sagte Perez mit geradezu gespenstischer Ruhe. »Du hast Sara und deinem Sohn schon genug angetan. Du hast deine Freundin auf dem Gewissen. Und diese Obdachlosen! Willst du noch mehr Menschen umbringen?«

Eichmüller gab einen Laut von sich, der irgendwo zwischen wahnsinnigem Lachen und verzweifeltem Schluchzen lag. »Ich wollte niemanden umbringen. Ich musste die Wirksamkeit testen. Ich habe ihnen Geld gegeben damit sie sich ihr erbärmliches Leben ein bisschen schöner machen konnten. Mit Alkohol. Aber einige kamen nicht regelmäßig, um die Phagen zu nehmen. Sie haben einfach nicht verstanden, wie wichtig das war. Es war nicht meine Schuld. Die Opfer waren nötig, um andere zu retten!« Er klang wütend. »Und Bianca war ungeschickt! Als ich zu ihr kam ich hatte keine Zeit mehr, andere Phagen zu suchen. Ich wollte ihr helfen! Ich wollte es! Bei Gott! Ich wollte es!« Seine Stimme überschlug sich. »Sie lag im Sterben sie sollte nicht leiden. Und ich konnte nicht riskieren, dass jemand von meinem Erreger erfuhr. Ich will niemandem schaden! Ich bin Wissenschaftler! Ich helfe den Menschen! Du weißt es, Perez! Du weißt doch, dass ich niemandem schaden will.«

Mit unbewegter Miene hatte Perez zugehört. Jetzt ging er zwei Schritte vor und nahm die zweite Hand an seine Pistole. »Nein, das weiß ich nicht. Setz den Rucksack ab! Sofort!«

Eichmüller streckte den Hahn in seine Richtung aus. Perez zuckte nicht einmal mit der Wimper. Flüchtig fragte Maria sich, ob Perez in kritischen Situationen immer so war, oder ob er sich einfach nur sicher war, dass die Phagen ihn im Zweifel heilen würden. Sie selbst musste sich mit aller Macht davon abhalten, nicht zurückzuweichen. Sie hatte panische Angst vor dem Feind, den sie nicht sehen konnte. Wo Paul war, wusste sie nicht, doch Jens stand ebenfalls mit gezogener Waffe nicht weit von Eichmüller entfernt. Seine Hand zitterte.

Wie durch Geisterhand waren die Festbesucher aus ihrer unmittelbaren Nähe verschwunden. Nur die Musik dudelte unaufhörlich weiter. Maria sah aus dem Augenwinkel Beamte der Bergwache. Jens gab ihnen Zeichen zurückzubleiben. Paul tauchte plötzlich bei ihnen auf. Maria gönnte sich einen kurzen Moment der Erleichterung, denn Eichmüller hatte keine Chance mehr zu entkommen. Doch das Überraschungsmoment war vorbei und niemand war darauf erpicht, etwas von dem Bier abzubekommen. Also wie sollten sie Eichmüller außer Gefecht setzen? Selbst wenn er angeschossen wurde, war er immer noch in der Lage, das Bier zu versprühen außerdem bestand die Gefahr, den Rucksack zu treffen. Maria hatte keine Ahnung, wie es um die Ansteckungsfähigkeit des Erregers bestellt war.

»Warum hast du Sara beschuldigt, dass sie dich umbringen wollte?«, rief Perez gerade. »Sie hat dir nichts getan!«

Eichmüller gab einen abfälligen Laut von sich. »Sara war zu neugierig und ich musste sie für eine Weile beschäftigen, damit sie aufhört, ihre Nase in Dinge zu stecken, die sie nichts angehen. Aber sie war leider klüger, als ich dachte.«

»Beleidige nicht meine Schwester!«, fuhr Perez auf.

Jetzt kam Eichmüller einen Schritt näher auf Perez zu. »Sie hat nicht verstanden, dass ich etwas Großartiges vorhabe. Etwas, das die Welt verändern wird! Bianca hat mich verstanden. Sie hat mich unterstützt doch das wäre eigentlich Saras Aufgabe gewesen. Du hast ihr eingeredet, ich sei ein schlechter Mensch! Du hast meine Familie zerstört!«

»Lech Tisdajen!« Perez atmete heftig und ließ ein paar Sekunden verstreichen, bevor er weiterredete: »Das hast du selbst, Leonhard. Du hast alles verloren.«

»Nein!«

Eichmüller machte einen Satz auf Perez zu. Bier spritzte aus dem Hahn. Perez duckte sich seitlich weg und schoss, doch die Kugel verfehlte Eichmüller. Maria machte einen Schritt rückwärts, um sich in Sicherheit zu bringen. Im selben Moment drehte Eichmüller sich um sich selbst, um im großen Bogen das Bier zu verteilen. Jens stand stocksteif, sein Gesicht angstverzerrt. Doch es war nicht Jens, der die volle Ladung abbekam. Katzengleich war Perez der Bewegung Eichmüllers gefolgt und stürzte sich auf ihn, um ihm den Hahn zu entwinden. Die Flüssigkeit ergoss sich über die beiden, während Jens nur wenig abbekam. Eichmüller, dem seine Verzweiflung anscheinend Kraft verlieh, versetzte Perez zwei harte Schläge in die Magengrube. Der sackte zusammen. Eichmüller nutzte die Sekunden und kletterte mitsamt des unförmigen Rucksacks über den Zaun zum Riesenrad.

Ein Schuss traf Eichmüller in den Arm. Er schrie schmerzerfüllt, blieb jedoch nicht stehen.

»Nicht schießen!«, rief Maria.

Jens setzte einen Fuß auf die unterste Sprosse des Zauns. Mit ein paar schnellen Schritten war auch Maria dabei ihm zu folgen.

»Maria! Nein!« Perez trat ihr in den Weg. »Ich mach das!«

In elegantem Schwung setzte er über den Zaun, den Jens bereits überwunden hatte. »Warte!«

Jens hielt inne und sah Perez an.

»Bleib hier! Nina braucht dich!«

Der Blickwechsel dauerte nur eine Sekunde dann nickte Jens. Perez folgte Eichmüller, der zwischen den Streben des Riesenrads stehen geblieben war und sich den verletzten Oberarm hielt. Als er Perez bemerkte, sah er sich panisch um, fand aber keine Fluchtmöglichkeit. Polizeibeamte waren inzwischen rings um das Riesenrad postiert. Mit einem irren Lachen begann Eichmüller das Riesenrad zu erklimmen.

»Du kannst es nicht mehr aufhalten, Perez!« Eichmüllers Stimme klang hoch und schrill.

Er spritzte wieder Bier in Perez’ Richtung, der gemächlich ein Stück hinterher kletterte, aber keinen Versuch machte, dem Strahl auszuweichen.

Eichmüller gefiel das nicht. Er hielt inne. »Du brauchst mich! Ich habe die Phagen gestern zerstört! Nur ich kann dir Neue besorgen! Du stirbst wie die anderen! Und es werden noch mehr sterben!«

Erstaunlich behände kletterte Eichmüller höher und höher. »Leonhard!«, rief Perez hoch. Er wartete, bis der sich ihm zuwandte. »Abba hat bereits welche. Und sie wirken. Wir haben sie ausprobiert!«

Das stimmte zwar nicht, aber Eichmüllers Antwort klang trotzdem aufgebracht. »Du lügst! Matti ist im Krankenhaus.«

»Er ist gerade in einem Labor an der Uni. Wir haben gestern morgen Wasserproben genommen und er hat Phagen gefunden viele Phagen. Ich brauche dich nicht! Wir brauchen dich nicht, Leonhard. Es ist vorbei! Du wirst nicht derjenige sein, der den Ruhm bekommt, sondern Abba!«

»Neiiiiiiin!« Es klang wie der Schmerzensschrei eines Tieres. Eichmüller zerrte sich den Rucksack vom Rücken und schleuderte ihn von sich. Maria hielt die Luft an, als er durch die Luft flog, doch anstatt auf dem Boden zu zerplatzen, landete er unversehrt auf dem Dach des Kassenhäuschens.

Eichmüller kletterte noch höher. Als er ganz oben anlangte, stieß er einen wilden Schrei aus. Dann stürzte er sich in die Tiefe.

Maria schloss die Augen. Mit einem hässlichen Geräusch schlug Eichmüller auf dem Asphalt auf.

Als Erstes sorgte Maria dafür, dass Paul eine großzügige Sperrzone errichten ließ, und kontaktierte Leibl, damit möglichst wenig Gefahr für die Allgemeinheit entstehen würde. Perez war inzwischen hinuntergeklettert. Bevor jemand anderes es tun konnte, war sie bei ihm.

»Bleib lieber weg. Ich hab einiges von dem Zeug abbekommen.« Seine Kleidung tropfte.

»Setz dich dahin. Ich sorge dafür, dass dir niemand zu nahe kommt. Dann kann dich auch niemand fragen, wer du eigentlich bist.«

Sie hatte schon die Hand erhoben, um ihm auf die Schulter zu klopfen, doch mitten in der Luft hielt sie inne.

Er grinste schief. »Danke.«

 

»Jens!« Nina, die es nicht fertiggebracht hatte zu gehen, ohne zu wissen, ob es Jens gut ging, stürzte auf ihren Mann zu.

Als er sie kommen sah, hatte er eine Hand in Richtung Nina ausgestreckt, senkte sie aber wieder, bevor sie sie berühren konnte.

»Ich muss ins Krankenhaus«, antwortete er schroff. »Vielleicht bin ich infiziert.«

Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch dann schwieg sie. Sie folgte seinem Blick, der Perez suchte. Er saß abseits auf dem Podest des Riesenrads.

»Er hat sich dazwischen gestellt«, sagte Jens rau. »Und er hat mich zu dir geschickt.«

Nina wusste nicht, was sie sagen sollte. Jens wandte sich zum Gehen. Nach ein paar Schritten hielt er inne, dann sah er über seine Schulter zu ihr zurück. Als er sah, dass sie ihn immer noch beobachtete, wurde sein Blick zärtlich und traurig zugleich.

Zaghaft lächelte sie. Mit den Fingerspitzen berührte sie ihre Lippen.

Schließlich ging er auf einen der Krankenwagen zu.

 

Maria reichte Perez eine Wasserflasche. In angemessener Entfernung hatte sich eine junge Polizeibeamtin postiert, um niemanden in seine Nähe zu lassen. Maria winkte die Frau fort.

Mit der Flasche in der Hand deutete Perez zu der Stelle, wo die inzwischen abgedeckte Leiche Eichmüllers lag. »Ich befürchte ja, dass Sara trotzdem deprimiert sein wird.«

Maria dachte an Andreas. Sie hatte längst aufgehört ihn zu lieben, doch sein Tod vor allem unter solchen Umständen würde ihr dennoch nahegehen. »Sie hat ihn schließlich irgendwann einmal geliebt. Sonst hätte sie ihn nicht geheiratet.«

Perez streckte seinen Rücken durch. »Er war ein na ja, ein Arschloch. Das hab ich ihr von Anfang an gesagt, aber sie wollte ja nicht auf mich hören. Sie hätte sich vor Jahren von ihm trennen sollen.« Er schwieg einige Sekunden. »Ist Nina eigentlich in Ordnung?«

Maria nickte. »Ich habe sie gerade eben gesehen. Sie ist auf dem Heimweg.«

»Hm. Und Jens?«

»Ins Krankenhaus. Und du solltest da jetzt auch hin.« Sie deutete auf einen Krankenwagen in der Nähe. »Du bleibst erst einmal dort, bis ich alles geklärt habe. Hoffentlich werden die Phagen dir helfen.«

Perez schien ihre Besorgnis nicht zu teilen. »Ja, natürlich tun sie das. Abba bekommt das schon hin.« Er schnippte ein kleines Steinchen von dem Podest. »Nina hat mir vorhin gesagt, dass es mein Kind ist « Es klang eher wie eine Frage.

»Ja, das stimmt«, antwortete Maria.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. »Weißt du, ob sie es überhaupt behalten will?«

»Sie schon«, antwortete Maria. »Sie will schon lange Kinder. Jens eigentlich auch, aber er hat ihr erst letzte Woche gebeichtet, dass er nicht kann.«

Plötzlich fing Perez an zu lachen. Erst leise, dann lauter. Schließlich hatte er Lachtränen in den Augen.

»Was ist los?«, fragte Maria verwundert.

Er wischte sich die Tränen ab und stand auf. »Das nennt man wohl Ironie des Schicksals.«

»Tut mir leid, aber ich verstehe gerade nur Bahnhof.«

»Weißt du, was das Wort ›Abba‹ auf Deutsch bedeutet?«

Maria schüttelte den Kopf.

»Ich erzähle dir die ganze Geschichte, wenn du mit mir Essen gehst.«

»Ach?«

Perez zwinkerte ihr zu. Immer noch verwirrt sah Maria ihm nach, wie er sich zu dem bereitstehenden Krankenwagen durchschlängelte, wobei er auf möglichst großen Abstand zu allen bedacht war.

Holzapfel war zu ihr getreten, und sein Blick folgte ihrem. »Oh.«

»Kein Kommentar, Paul!«

Paul lachte leise.

Mit einem Stöhnen ließ Maria ihren Kopf in den Nacken sinken. »Ja, leck mi a weng am Orsch!«, sagte sie im breitesten Fränkisch. »Ich bin urlaubsreif, das sag ich dir.«

»Aber erst müssen wir hier aufräumen.« Er deutete auf das Getümmel aus Polizisten, Schaulustigen und Sanitätern und reichte ihr die Hand.

Maria ließ sich hochziehen. »Ich hab’s befürchtet.«

Plötzlich tauchte Michelle auf. »Maria! Weißt du schon das Neueste? Hab ich nämlich ganz vergessen, dir zu sagen.«

»Nein, weiß ich nicht! Aber ich nehme an, du wirst es mir jetzt erzählen.«

Die junge Frau strahlte. »Ich bleib noch bis zum Ende des Praxissemesters!«

Maria grinste. »In der langweiligen Provinz! Und weißt du was, ich hab auch gleich einen Job für dich!«

Michelle salutierte zackig.

»Kaffee. Schwarz. Jetzt.«

»Und eine von diesen Riesen-Brezen!«, sagte Michelle entschieden und verschwand in Richtung der Buden, die inzwischen wieder geöffnet hatten.

 

 

Bibel, Apostelgeschichte 1, 18

 

Dann aber stürzte er (Judas) vornüber zu Boden, sein Leib barst auseinander, und alle Eingeweide fielen heraus.