Samstag, 18. April 2009
Aus: Fränkischer Morgen, ›Unbekannte Tote in der Regnitz‹
Kanufahrer haben gestern in der Regnitz nahe Baiersdorf die Leiche einer unbekannten Frau gefunden. Der Körper hatte sich im Ufergestrüpp verfangen. Die Tote ist 165 cm groß, schlank, hat kurze, braune Haare und ist etwa 30 bis 40 Jahre alt. Die Kriminalpolizei bittet um Hinweise.
Hochstahl, Fränkische Schweiz
Nina Langenbach lehnte an dem dunkelroten Campingbus und betrachtete die Menschen auf dem Wohnmobilstellplatz hinter der Brauerei. Da waren die Rentner, die sich vermutlich jedes Wochenende hier oder anderswo trafen, um von alten Zeiten zu reden und neue Wehwehchen zu diskutieren oder die Familien mit großen und kleinen Kindern, die lärmend auf dem Spielplatz tobten. Zahlreiche Hunde lungerten entweder träge im Schatten herum oder sprangen wild kläffend umher. Der Wind trug Kaffeeduft herüber. Neben der Brauerei wurden Bierfässer in einen LKW verladen.
»Jens, wo bleibst du?«, rief Nina und schob mit ihrer Sonnenbrille den blonden Bob zurück. »Wenn wir jetzt nicht gehen, wird es zu spät.«
»Mach doch nicht so einen Stress«, brummelte Jens und kletterte aus dem Bus. Während er abschloss, warf er einen kritischen Blick zum Himmel. »Meinst du nicht, wir sollten lieber hierbleiben? Es soll heute noch regnen.«
Nina schielte zu der einsamen Schäfchenwolke am strahlend blauen Himmel und sog theatralisch die Luft ein. »Oh Gott! Du hast recht! Da – das Unwetter naht!«
Jens knuffte sie. »Hast du deine Regenjacke?«
»Bin ich aus Zucker?«, gab sie zurück. »Nun komm schon.«
Während sie über den Stellplatz marschierten, deutete Nina auf ein Wohnmobil mit den Ausmaßen eines Reisebusses. Ein älteres Ehepaar saß davor und spielte Kniffel. »Rollendes Eigenheim«, meinte sie süffisant. »Da gehört eine Großfamilie rein und nicht zwei Persönchen.«
Schief lächelnd zuckte Jens mit den Schultern. »Weißt du, was so ein Ding kostet? Die meisten Familien sind schon froh, wenn sie sich überhaupt einen Urlaub leisten können.«
Nina schluckte eine Bemerkung herunter. Sie wollte sich die Wanderung nicht gleich zu Beginn verderben, denn die leidigen Diskussionen über die Vor- und Nachteile eines Familienlebens führten sie für ihren Geschmack viel zu häufig. Im Gehen holte Nina die Wanderkarte aus der Seitentasche ihres Rucksacks, um diese eingehend zu studieren.
»Da müssen wir links.« Sie deutete auf den befestigten Weg, der sich über die Felder zum Wald hin schlängelte.
Ninas vormals gute Laune hatte sich verflüchtigt. Eigentlich hätten sie gar keine Zeit für einen Kurztrip gehabt, denn ihr neues Haus beanspruchte all ihre Freizeit. Der Rohbau stand beinahe und es gab unzählige Dinge zu planen. Jens, Polizist beim Einsatzzug in Erlangen, war in den zwei Osterferienwochen für Kollegen mit schulpflichtigen Kindern eingesprungen. Nina, die als Lehrerin Osterferien hatte, schlug sich daher meist allein mit den üblichen Problemen am Bau herum. An diesem Wochenende wäre nun endlich Zeit gewesen, um gemeinsam ein paar liegen gebliebene Dinge zu erledigen, doch als sie am Morgen das schöne Frühlingswetter sahen, hatten sie sich spontan entschlossen, lieber in die Fränkische Schweiz zu fahren. Jens hatte nach den anstrengenden Diensten der letzten zwei Wochen allerdings eher ein ruhiger Nachmittag vorgeschwebt, daher hatte es Nina einige Überredungskunst gekostet, den Brauereiweg rund um Aufseß zu gehen.
»Nina, nun renn doch nicht so!«
»Wenn wir zu langsam gehen, schaffen wir das bis heute Abend nicht.«
»Ich habe ja gleich gesagt, dass es eine bescheuerte Idee ist, die komplette Tour zu machen«, knurrte Jens mit zusammengebissenen Zähnen. »Das sind 15 Kilometer. Das dauert Stunden! Es reicht doch, wenn wir einfach ein Stück spazieren gehen.«
Nina warf ihm über die Schulter denselben strengen Blick zu, mit dem sie seit fast dreizehn Jahren ihre Realschüler bedachte, wenn die den Unterricht störten. Jens seufzte verdrossen. Schweigend erreichten sie zehn Minuten später den Wald. Der Boden war bedeckt mit Tannennadeln und dämpfte ihre Schritte. An einer Weggabelung blieb sie stehen. Ein Trampelpfad führte links am Waldrand entlang. Geradeaus erkannte man eine mit hohem Gras überwucherte Traktorspur, die zwischen einer Wiese und einem Getreidefeld hindurchführte. Es war still und friedlich, nicht einmal Autos in der Ferne waren zu hören.
»Wo lang?«, fragte Nina, nachdem sie vergeblich nach Hinweisschildern Ausschau gehalten hatte.
Jens runzelte die Stirn. »Keine Ahnung. Vielleicht haben wir irgendeinen Abzweig verpasst. Gehen wir einfach nach links – bestimmt kommen wir dann zum Stellplatz zurück.«
»Woher weißt du das?«, fragte Nina schnippischer als beabsichtigt.
»Das ist doch wohl völlig klar!«, meinte Jens. »Wir sind von dort gekommen, dann einmal links abgebogen, und der Weg hat da hinten einen leichten Linksknick gemacht. Wenn wir jetzt …«
»Ist ja gut«, unterbrach Nina ihn und zückte die Wanderkarte. »Dein Orientierungssinn in allen Ehren, aber wir wollen nach Sachsendorf und das ist irgendwo anders als links.« Sie sah sich um, wobei sie versuchte auf der Karte irgendeinen Anhaltspunkt zu finden.
»Du willst nach Sachsendorf«, korrigierte Jens. »Ist doch egal, wenn wir woand…«
»Dir vielleicht!«, brauste Nina auf. »Mir nicht. Da!« Nina deutete auf einen Wegweiser an einem Baum, der versteckt hinter einem Ast befestigt war. »Da müssen wir lang. Also, was ist? Kommst du jetzt mit oder willst du lieber zurück?«
Jens sah sie verdrossen an. »Du bist heute echt nicht gut drauf, oder?«
Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, schulterte Nina ihren Rucksack und marschierte weiter.
»Nina!«, rief Jens ihr hinterher.
Nina stellte sich vor, wie Jens mit den Händen in den Hüften da stand und wartete, dass sie umkehrte. Sie hörte ihn noch ein paar Mal rufen, aber sie drehte sich nicht um. Erst nach einigen Minuten blieb sie stehen. Jens war nicht hinter ihr hergekommen. Sie schnaubte. Typisch! Sollte er mitsamt seiner verdammten Sturheit bleiben, wo der Pfeffer wächst. Von wegen, sie war nicht gut drauf!
Sie folgte dem Weg weiter durch den Wald und über die Felder. Zwei Mal verpasste sie einen Wegweiser, darum brauchte sie viel länger als erwartet, bis sie endlich in Sachsendorf an der Brauerei ankam. Allmählich war ihr Ärger über Jens verraucht. Wahrscheinlich würde auch er sich beruhigt haben, wenn sie zurück in Hochstahl war. Es wäre nicht das erste Mal in ihrer zehnjährigen Beziehung, dass sich jeder nach einem Streit in einen Schmollwinkel verzog. Zu Anfang ihrer Beziehung hatten sie sich mit ein paar gegenseitigen Sticheleien schnell versöhnt. Heute dauerte es meist länger. Resolut schob Nina das unschöne Gefühl beiseite, dass Jens eines Tages in sein altes Eifersuchts- und Kontroll-Muster zurückfallen konnte, das ihnen vor ein paar Jahren große Probleme bereitet hatte.
In dem kleinen Biergarten der Brauerei Stadter in Sachsendorf war viel los, daher setzte sie sich an einen der langen Biertische zu einer Familie. Während sie auf ihr Essen wartete und dabei in einer herumliegenden Tageszeitung blätterte, kam sie irgendwann mit den Eltern ins Gespräch. Die beiden Kinder spielten Uno. Nina ließ sich gern zu ein paar Runden mit der ganzen Familie überreden. Sie vergaß die Zeit, daher war es schon nach vier, bis sie schließlich weiterging. Am Himmel waren inzwischen mehr als nur ein paar Schäfchenwolken aufgezogen –vielleicht sollte sie Jens darum bitten, sie abzuholen? Sie konsultierte die Wanderkarte. Auf ihrem Weg befände sie sich stets in der Nähe einer Straße und konnte später jederzeit anrufen.
Während sie durch Sachsendorf und Neuhaus wanderte, dachte sie darüber nach, sich trotzdem bei ihm zu melden, entschied sich dann allerdings dagegen, um keine Diskussion am Telefon zu provozieren. Wenigstens bis Aufseß wollte sie noch wandern. Möglicherweise fuhr von dort ein Bus nach Hochstahl, dann war sie gar nicht auf Jens angewiesen. Es war im Grunde albern, aber eine kleine Genugtuung würde es sein, wenn sie den Weg zurück allein schaffte. Ein paar spitze Bemerkungen über seine zunehmende Bequemlichkeit würde Jens über sich ergehen lassen müssen. Sie kicherte vor sich hin. Spätestens nach ein paar Spötteleien würde der Rest des gemeinsamen Tages schön werden. Wie immer.
Eine Stunde später, irgendwo mitten im Wald, war ihre gute Laune verflogen. Sie setzte sich auf einen Holzstapel am Rande einer Lichtung und nahm die Wanderkarte zur Hand. Nachdem sie in den Wald eingebogen war, hatte sie eine ganze Weile keine Wegmarkierungen mehr zu Gesicht bekommen, außerdem war von einer Straße weit und breit keine Spur. Der kühle Wind ließ sie frösteln. Es hatte angefangen zu nieseln.
»Na toll«, murmelte sie, als sie trotz der Karte immer noch keinen blassen Schimmer hatte, wo sie gelandet war. Es wäre wohl besser Jens anzurufen. »Und was sage ich ihm, wo ich bin?«, fragte Nina einen Ohrenkneifer, der gerade Anstalten machte, auf ihren Oberschenkel zu klettern. Sie schnippte ihn herunter. Ein GPS-Gerät wäre gut. Oder ein Handy, mit dem man seine Koordinaten bestimmen konnte. Sie prüfte, ob ihr Smartphone irgendeine brauchbare App besaß, doch außer einer Tonfolge und der Meldung, dass der Akku leer sei, gab es nichts von sich.
Sie ärgerte sich über sich selbst – und besonders darüber, dass sie keine Regenjacke mitgenommen hatte. Im Geiste streckte sie Jens die Zunge raus. Sie hasste es, wenn er recht behielt.
Als sie eine halbe Stunde später zum zweiten Mal an demselben Holzstoß vorbeikam, musste sie sich wohl oder übel eingestehen, dass sie sich gründlich verlaufen hatte. Inzwischen regnete es stark, ab und zu grollte der Himmel. Ein besonders heller Blitz ließ sie unwillkürlich zusammenzucken. Sie zählte die Sekunden bis zum Donner.
Fünf. Wenigstens nicht direkt über ihr.
Noch nicht.
Das Haar klebte an ihrem Kopf und ihre Kleidung war triefend nass. Sie marschierte weiter. Minuten später erhellte ein greller Blitz den Himmel, beinahe gleichzeitig ertönte ein gewaltiger Donner, der ihr wie ein Paukenschlag durch den Körper fuhr. Mit einem Aufschrei flüchtete sie weg vom Weg, einen Hügel hinauf und suchte unter einem niedrigen Felsvorsprung mitten im Wald Schutz. Zitternd kauerte sie sich auf den Boden, legte ihren Kopf auf die Knie und hielt sich die Ohren zu, um sich zu beruhigen. Eigentlich neigte sie nicht zur Hysterie, aber das hier war ihr einfach zu viel. Ringsum tobte sich das Gewitter aus. Nach einer Weile hatte sie sich wieder im Griff, allerdings fror sie erbärmlich. Ihre Finger waren steif.
»Scheiße!« Nina schloss die Augen, weil ihr das Wasser aus den Haaren über die Stirn rann. »Wie blöd muss man eigentlich sein?«
Sie war halbwegs geschützt hier, aber das war das einzig Positive. Das Unwetter machte keine Anstalten nachzulassen. Sinnlos, jetzt weiterzugehen. Trübsinnig starrte sie vor sich hin. Jens würde sich bestimmt Sorgen um sie machen.
Sie konnte nicht sagen, wie lange sie schlotternd unter dem Felsvorsprung gehockt hatte, als sie ein Geräusch hörte, das vorher nicht da gewesen war. Eine schemenhafte Gestalt ging den Weg entlang. Zwischen den Bäumen erkannte sie nicht mehr als eine dunkle Jacke sowie einen großen Wanderrucksack. Ohne lange zu überlegen, sprintete Nina los.
»He! Warten Sie!«
Als Nina unmittelbar hinter dem Mann auf den Weg lief, wirbelte er herum und packte sie am Arm. Nina kreischte erschrocken und riss sich los.
»Verzeihung!« Die leise Stimme des Mannes klang kratzig, beinahe heiser. »Sie haben mich ziemlich erschreckt.« Da er eine Kapuze trug, konnte Nina von seinem Gesicht nicht viel erkennen – außer, dass er eine rechteckige Brille mit dunklem Rand trug, auf deren Glas Wassertropfen glänzten.
»Ist schon okay. Ich bin ja auch wie eine Furie auf Sie losgegangen.«
Sie lachten beide gezwungen.
»Ich habe mich verlaufen«, gab Nina unumwunden zu, denn nachdem der Schreck vorbei war, begann sie vor Kälte mit den Zähnen zu klappern. Das Wasser lief ihr über das Gesicht in die Augen. »Sie haben nicht zufällig eine Ahnung, wie ich nach Aufseß komme?«
Er zögerte kurz. »Wohnen Sie dort?«
»Nein, ich … wir sind mit einem Campingbus in Hochstahl bei der Brauerei. Ich bin den Brauereienweg gegangen und in Neuhaus wohl irgendwo falsch abgebogen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keine Ahnung, wo ich hier bin.«
»Da haben Sie sich gründlich verirrt. Kommen Sie mit.«
»Danke, Sie sind ein Engel«, sagte Nina mit unverhohlener Begeisterung. »Ich heiße übrigens Nina Langenbach.«
Der Mann zögerte kaum wahrnehmbar. »Georg.«
Gemeinsam marschierten sie los. Der Regen verwandelte sich zwischenzeitlich in Hagel, daher mussten sie sich von Zeit zu Zeit unterstellen.
Während sie unter einer Tanne abwarteten, bis ein Hagelschauer nachließ, erkundigte sich Nina: »Hat Sie das Wetter auch überrascht?«
Georgs Mundwinkel zuckten kurz. »Ja«, antwortete er schlicht.
»Wohnen Sie hier in der Fränkischen?«
»Nein.«
»In Erlangen? Oder Nürnberg?«, fragte Nina weiter, um ein Gespräch in Gang zu bringen.
»Nein.« Er wandte den Kopf ab. »Gehen wir weiter.«
Nina kam die Zeit, die sie durch den Wald und über Wiesen und Felder trabten, endlos lang vor. Während allmählich die Dämmerung hereinbrach, fühlte sie sich, als tauche sie durch eiskaltes Wasser.
»Ist es noch weit?«, fragte Nina, der vor Erschöpfung die Füße schwer wurden. Immer öfter stolperte sie.
»Noch ein kurzes Stück.«
Redselig war dieser Georg wirklich nicht, allerdings war Nina gerade nicht wählerisch. Einige Minuten später bog Georg ohne ersichtlichen Grund ab, mitten in den Wald hinein. Nina hielt sich dicht hinter ihm, denn hier zwischen den Tannen war es noch dunkler und sie wollte zu allem Überfluss nicht auch noch auf der Nase landen. Unvermittelt standen sie am Zaun eines kleinen, nicht sonderlich gepflegten Grundstücks, mit einem kleinen Haus mit Flachdach darauf, von dem Nina in der Dunkelheit nur Umrisse erkennen konnte. Es wirkte verlassen. Hinter den winzigen Fenstern konnte man weiße Spitzengardinen erahnen. Georg führte sie am Zaun entlang bis zu einem Gartentor, vor dem ein befestigter Weg endete. Er verlor sich irgendwo in der Dunkelheit des Waldes. Das Tor war nicht abgeschlossen.
»Warten Sie hier!«, wies Georg sie vor der Haustür an.
Frierend und mit geschlossenen Augen tat Nina es. Was blieb ihr anderes übrig? Mit einem Mal flammte innen Licht auf. Nach einem Rumoren hörte sie, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, dann schwang die Haustür mit leisem Knarren auf, mit ihr ein Schwall abgestandener Luft.
»Darf ich bitten?«
»Wie sind Sie reingekommen?«
»Auf der Rückseite des Hauses war ein Fenster nicht richtig verschlossen.«
Nina rührte sich nicht. »Sie sind jetzt aber nicht hier eingebrochen, oder?«
Georg, der gerade seine nasse Jacke auszog und an einen Haken hängte, zwinkerte Nina zu. Sein leichter Silberblick gab dem kantigen Gesicht einen eigenwilligen Charme. Das sehr kurz geschorene Haar wirkte dunkel, mit ein wenig grau durchsetzt. Erst jetzt fiel Nina auf, dass er genau so groß war wie sie. Er war drahtig, wirkte eher kräftig als dick und die forschen Bewegungen, mit denen er einen alten Lappen aus einem Schrank holte und unter seine tropfende Jacke legte, unterstrichen den militärischen Eindruck seines Erscheinungsbildes.
»Kennen Sie die Leute, denen das hier gehört?«
»Die Eigentümer haben bestimmt nichts dagegen, dass wir hier sind.«
Nina gab ein zweifelndes Geräusch von sich.
»Nun kommen Sie schon rein, es ist ungemütlich draußen.« Da sie immer noch keine Anstalten machte sich zu bewegen, zog Georg sie kurzerhand hinein. Dabei steckte er den Kopf hinaus und wandte ihn von links nach rechts. Dann schloss er die Tür ab. Nina fühlte sich unbehaglich. »Woher haben Sie den Schlüssel?«
Demonstrativ hängte er ihn neben ein halbes Dutzend anderer in ein Kästchen neben der Tür.
»Oh …«
»Sie müssen dringend aus den nassen Sachen raus, sonst werden Sie noch krank«, erklärte er kategorisch und schob Nina vor sich her.
Einige Sekunden später stand Nina in einem winzigen, altmodischen Bad mit blassgelben Fliesen und einem schmalen Fenster. Die Toilette besaß sogar noch einen Spülkasten mit Strick. Neben dem Waschbecken hing eine Handbrause an der Wand. Zögernd drehte Nina den Warmwasserhahn auf, aber wie befürchtet war das Wasser eiskalt. Sie schälte sich bis auf die Unterwäsche aus ihren nassen Klamotten, während sie nebenbei in einem schmalen Einbauschrank neben dem Waschbecken nach etwas kramte, mit dem sie sich abtrocknen konnte. Die dünnen, ordentlich geplätteten Handtücher hatten ein Muster, das vor Jahrzehnten modern gewesen sein mochte, und deren Geruch Nina an ihre Großmutter erinnerte. Ein Handtuch um ihren Kopf geschlungen, rubbelte sie kräftig über ihre Haut, um die Durchblutung anzuregen.
»Ich habe etwas für Sie zum Anziehen gefunden«, hörte sie Georgs raue Stimme von draußen.
Nina hielt sich das Handtuch vor den Körper und spähte durch einen Türspalt. Georg reichte ihr einen schwarz-weiß gestreiften Herren-Morgenmantel im Stil der 60er.
»Danke!«
Bevor sie das Bad verließ, hängte sie ihre nassen Sachen auf. Allerdings bezweifelte sie, dass sie trocknen würden und der bloße Gedanke, sie sich später überstreifen zu müssen, verursachte ihr eine Gänsehaut. Sie fand Georg in einem Raum auf der Rückseite des Hauses, den eine schummrige Lampe in ein diffuses Licht tauchte. Hier wirkte es ebenfalls, als wäre die Zeit vor einigen Jahrzehnten stehen geblieben.
»Ob das hier ein Wochenendhaus ist?« Neugierig sah sie sich um.
Georg, der gerade mit seinem Rucksack beschäftigt war, warf einen Blick über seine Schulter. »Dort auf dem Sofa liegt eine Wolldecke.«
Nina nahm Platz. Obwohl von der Decke ein muffiger, abgestandener Geruch ausging und sie sich ein wenig klamm anfühlte, wickelte sie sich hinein. Wenigstens war ihr nicht mehr kalt. Georg nahm einen Apfel aus seinem Rucksack, schnitt ihn entzwei und bot Nina ein Stück an.
»Nein, danke.«
Herzhaft biss er ein Stück ab, während er kauend zu einem Schrank ging.
Nina überlegte, ob sie Jens Bescheid geben sollte. Seine Nummer hatte sie höchstwahrscheinlich auf einem Zettel in ihrer Geldbörse, auswendig wusste sie die nicht. »Ich würde gern meinen Mann anrufen. Er wird sich Sorgen machen, wo ich bleibe, aber der Akku an meinem Handy ist leer. Darf ich vielleicht Ihres benutzen?«
Georg lächelte unverbindlich. »Hier gibt es keinen Empfang.«
»Ach so«, sagte Nina, unsicher, ob sie ihm das glauben sollte. »Ich sollte nicht allzu lange bleiben. Wo sind wir jetzt eigentlich? In Aufseß?«
Georg holte zwei Schnapsgläser aus einem Schrank. Erst jetzt bemerkte Nina die Flasche auf dem Tisch.
»Hier, trinken Sie den, damit Ihnen warm wird.« Er reichte ihr ein fast randvolles Schnapsglas. »Zum Wohl.«
Nina betrachtete das Glas. »Hatten Sie den etwa dabei?«
»Nein, er stand in der Küche«, antwortete er und nippte. »Kirschwasser. Probieren Sie.«
»Ich trinke normalerweise keinen Schnaps«, erwiderte Nina, der nicht wohl bei dem Gedanken war, sich an den Vorräten der unbekannten Eigentümer zu vergreifen. Trotzdem nahm sie einen großzügigen Schluck, weil sie immer noch fröstelte. Sie schüttelte sich bei dem hochprozentigen Alkohol.
Georg lachte kehlig. Er stellte die Flasche auf den niedrigen Wohnzimmertisch, bevor er sich auf einen der beiden Ohrensessel setzte. Während er mit seinen Fingerspitzen auf der Armlehne herumtappte, sah er auf die Uhr. Der Regen trommelte leise auf das Flachdach.
Nina räusperte sich. »Also, Sie kommen nicht aus der Gegend und wandern durch die Fränkische. Ihr Rucksack sieht aus, als hätten Sie eine längere Tour vor.«
Bedächtig trank Georg einen Schluck. »So etwas in der Art.« Er machte dazu eine vage Handbewegung.
Während der neuerlichen Gesprächspause zupfte Georg an seinem Ohrläppchen herum. Vor lauter Verlegenheit setzte Nina noch einmal das Glas an. Der Schnaps hinterließ eine brennende Spur bis in ihren Magen. Während sie Georg musterte, kam er ihr mit einem Mal bekannt vor.
»Waren Sie vorhin zufällig in Sachsendorf im Biergarten?«
Georgs leichter Silberblick wirkte ein wenig melancholisch, als er den Kopf schüttelte. »Nein.«
»Sind wir uns vielleicht woanders mal begegnet?«
»Nicht, dass ich wüsste.«
»Sie erinnern mich an jemanden … hm.« Nachdenklich kratzte sie sich am Kopf.
Er zog seine Brauen zusammen. Nina hatte den Eindruck, dass ihm ihre Fragerei lästig war, daher bohrte sie nicht weiter, sondern setzte das Schnapsglas an die Lippen – nur um festzustellen, dass es leer war.
Georg schenkte ihr nach. Sein Blick hing dabei wie festgeklebt an ihr. Nervös strich Nina sich durchs Haar.
»Ich glaube, Sie kannten das Haus hier, oder?«, stellte sie bemüht fröhlich fest. »Gehört es vielleicht Ihren Eltern oder irgendeiner Verwandtschaft?«
Langsam schüttelte Georg den Kopf. Sekunden später stand er auf, schob eine Gardine zur Seite, um hinauszuspähen. Schließlich lehnte er sich mit dem Hintern gegen die Fensterbank. »Woher kommen Sie eigentlich?«
»Aus Erlangen. Wir wohnen in Frauenaurach, falls Ihnen das etwas sagt.«
»Natürlich. Aus den Verkehrsnachrichten von der A 3.«
Nina lachte – lauter als beabsichtigt – und war froh, dass nun die Initiative von Georg ausging.
»Oh, sind Sie … hin und wieder mit dem Auto in Erlangen unterwegs?«
»Hin und wieder«, bestätigte er.
Anfangs noch zäh, plätscherte ihr Gespräch dahin. Er erkundigte sich, was sie beruflich machte und sie erzählte von der Realschule am Europakanal, an der sie Deutsch, Mathe und Geschichte unterrichtete. Dann unterhielten sie sich über Ninas Hobby, das Laufen, und schließlich über den Bau ihres Hauses in Weisendorf. Irgendwann erwähnte sie sogar ihren Streit mit Jens und wie sie in die prekäre Situation geraten war. Nachdem das Eis einmal gebrochen war, war es nicht mehr schwer, mit Georg zu reden – obwohl ihr auffiel, dass er dabei fast nichts über sich erzählte.
Allmählich war Nina nicht mehr kalt. Doch mit der Wärme kam die Müdigkeit, und als ihr Gespräch irgendwann ins Stocken geriet, dachte sie ohne große Begeisterung daran, dass dies vielleicht ein guter Zeitpunkt sei zu gehen. Georg beobachtete sie mit seinen seltsamen dunklen Augen und Nina unterdrückte den Impuls, den Bademantel enger zu schnallen. Die Luft schien zu knistern. Vielleicht lag es an den gelegentlichen Blitzen, die immer noch über dem Himmel zuckten – oder an den intensiven Blicken, die Georg ihr zuwarf?
Schließlich gab sie sich einen Ruck. »Danke für Ihre Hilfe. Ich gehe jetzt. Sie müssen natürlich nicht mitkommen – wenn Sie mir vielleicht sagen, wo ich lang muss und wie der nächste Ort heißt?« Sie stand auf.
»Sie würden sich wieder verlaufen«, antwortete Georg leichthin, während er sich ebenfalls erhob. »Es ist dunkel. Der Weg führt mitten durch den Wald und verzweigt sich mehrmals. Hier ist weit und breit nichts – und niemand.« Langsam näherte er sich. »Willst du wirklich gehen?«, fragte er, als er vor ihr stand. Seine Finger berührten federleicht ihr Gesicht. »Der Abend hat gerade erst angefangen.«
Nina trat einen Schritt zurück. »Ich bin verheiratet!« Sie bemühte sich, empört zu klingen.
Georg lachte sein raues Lachen und folgte ihr. Seine Hand kroch ihren Arm hinauf, ihre Schulter entlang, verharrte an ihrem Hinterkopf. Anstatt sich von ihm loszumachen oder noch besser, ihm gleich einen Tritt zwischen die Beine zu verpassen, starrte Nina ihn an. Ihr wurde schwindelig. Sie hätte nicht so viel trinken sollen.
»Wen interessiert das schon?«, wisperte er in ihr Ohr.
Sie fühlte die Bewegung seiner Lippen auf ihrer Haut, den Hauch seines Atems. Ein Prickeln lief ihre Wirbelsäule entlang. »Nein … ich … gehe jetzt …«
»Dein Mann ist nicht hier, Nina«, wiederholte er leise. Seine heisere Stimme klang wie die des Wolfes, der die sieben Geißlein zu betören versucht. »Niemand ist hier … niemand weiß, wo du bist.«
Er küsste sie mit unvermuteter Leidenschaft. Zu verblüfft über diese Dreistigkeit hielt sie zunächst still, bevor sie sich gegen seine Brust stemmte, um sich ihm zu entziehen. Trotz ihrer Gegenwehr hielt er sie eine Weile fest, bevor er sie freigab. Ihre Beine fühlten sich an wie Pudding. Was sollte sie tun?
Niemand war hier. Niemand wusste, wo sie war – niemand würde sie hören, wenn sie schrie.
Was würde er mit ihr tun, wenn sie sich wehrte? Wenn sie versuchte zu fliehen?
Und was, wenn sie es nicht tat?
Die Haustür war abgeschlossen. Konnte sie den richtigen Schlüssel schnell genug aus dem Kästchen holen?
Das Herz schlug ihr bis zum Hals.